, rot vor Scham . Aber ich werde ja bald entlassen , sagt sie leise . Das wollen wir nicht wissen , erzählen sie von Ihrem Emil , wie der Sie überall verfolgt hat . Und der Bursch lacht und blinzelt , und er fühlt sich so überlegen und so witzig - o ! Das Mädchen - ' n armes Ding , ' n Zimmermädle , springt halb auf , sie hat schon nasse Augen : I bin nit hier , um usg ' lacht z ' werde ! Nein , wir lachen Sie nicht aus , lacht der Doktor , nun , was hat Ihnen der Emil alles angetan ? Der Emil , der Uhrmacher , in den Sie verliebt waren ! Das Mädle schweigt und hängt den Kopf . Er hebt ihr das Kinn in die Höhe , grinst sie an : Er hat dann auch recht verliebtes Zeug durch den Ofen an Sie hingeschwatzt , gelt ! I bin jetzt g ' sund ! Was geht das die Schtudente an ! murmelt das arme Ding . Er wendet sich an das lachende Auditorium . Sie hat ihn nämlich nur vom Sehen gekannt , und er hat sich überhaupt nie um sie gekümmert ! Wie die Kranke zusammenzuckte , wie sie den Kopf ganz auf die Brust sinken ließ - es war bemühend ! es war brutal ! Aber er läßt nicht los . Und vor lauter Verliebtheit hat sie sich dann eingebildet , er spricht mit ihr durch den Kamin , oder war es durchs Dach ? Durch den Ofen , murrt die Patientin ; die Dummen im Auditorium lachen laut . Sagte er natürlich , er wollte Sie heiraten ! amüsiert sich unser edler Dozent . Das Mädchen schüttelte den Kopf . Na , was wollt er dann von Ihnen ? Daß er Ihr Schatz wollt sein ? Helene , ich sag dir ' s , mir saust es im Kopf , ich wollte auffahren und schreien : Das geht über Ihre Befugnis , Doktor ! Ach , man ist ja so feige ! « Das Fräulein drückte Josefines Hand . » Gut , daß du dich beherrscht hast . Wir armen Frauen , was sollen wir machen ! Hast du gelesen , wie ' s den Hörerinnen an deutschen Universitäten ergeht ? Man muß noch Gott danken jeden Tag . Aber das war wirklich ruppig . « » Los , auch , was er weiter sagt ! Er sagt : Aber wie konnten Sie denn so etwas einem ordentlichen Menschen zutrauen ? So ein Heuchler , wie dieser Doktor ist ! Als ob man ' s nicht wüßte , wie sie ' s alle treiben , und halten sich doch samt und sonders für ordentliche Menschen ! « Josy ballte die Hände . » Und was das arm ' Ding drauf erwiderte , klang so himmeltraurig , so - o ! « » Was sagte sie ? « » Sagte kläglich und ganz von Herzen : Weil ich halt nur ' n armes Mädle bin . « Helene fand das eher beruhigend . » Siehst du , Josefine , das ist ihnen natürlich , diese Denkweise ; sie fühlen ja nicht wie wir , diese ungebildeten Leute ! Wie kannst du dich ewig mit jedem Erstbesten identifizieren ? « » Was red ' st auch ! « Josefine entriß der Freundin ihre Hand , auf ihrer Stirn standen Zornfalten . » Denkst du so ? Bist ' n Frauenzimmer und denkst auch nur mit dem Kopf wie die , wo unsere ganze Ordnung geschaffen haben ? Weil ' s uns bequem ist , glauben wir so ! Aber ich glaub ' s nit ; die heut , das arm ' Zimmermädele mit ihrer heißen Liebe zu dem Uhrmacher , der sie nit emal kennt - « » Ja , aber das ist doch schon bißchen verrückt ! « fiel die Mathematikerin besänftigend ein . Josy flammte : » Verrückt ? Warum ? Sie hat ihn geliebt , den feinen , stillen , fleißigen Menschen , und hat ' s keinem gesagt , keinen damit belästigt . Und dann ist sie in Melancholie verfallen , weil er so hoch über ihr war und sie keine Möglichkeit sah , sich ihm zu nähern - « » Aber nein ! « unterbrach sie Helene erstaunt , » solche romantische Ideen hat eine Ärztin ? « » Nicht eine Ärztin , alle Ärzte wissen , daß Störungen im Triebleben von außen hervorgerufen werden können . Was ist überhaupt innen und außen ? - Ein Monismus sind wir , wenigstens in dieser Beziehung , eine Einheit , und ich bin ganz rasend über dich , daß du mit diesem Doktor glaubst , arme Leute hätten kein Gefühl ! « Sie brach plötzlich in Tränen aus . » Weißt , Helene , du - es freut mich nur , daß du nicht Medizin studierst . Solche wie du hat ' s unter den Männern genug ! « » Danke ! merci vielmal ! « Mit verbissenem Gesicht drehte Helene sich um . » Du bist eigentlich so ganz Weib , so recht Weib , Josy , und weißt ' s selber nicht ! « » Weiß es nicht ? Weiß es , bei Gott ! « schrie Josy , die Arme weit ausbreitend , » dank auch Gott dafür ! « Helene lächelte wider Willen . » Gut also , du weißt es . Ob aber so ein rechtes Weib sich zum Studieren eignet , das ist wohl die Frage ! « Josefines Gesicht verdunkelte sich . » Vielleicht ! Was mich angeht ! Mein Leben ist zu schwer . « Die Freundin kam zurück . » Nimm Ferien , « sagte sie entschieden . » Wenn du nachher auf der Nase liegst , was war dann die ganze Mühe nütz ? Überhaupt , wie du dir alles zu Herzen nimmst ! Ich kann das gar nicht verstehen . Es hat ja keinen Zweck . Plötzlich wunderst du dich über die Menschen , wenn sie sich zeigen , wie sie nun mal sind ? Ich wundere mich über nichts mehr , ich freue mich den ganzen Tag , seit ich in der Schweiz bin ! Mit Genuß nehm ich die Gelegenheit wahr , die mir hier geboten ist ! Bei uns zu Haus ist ja noch tiefste Nacht und Finsternis ! In unserem teuren Deutschland ist für uns der Tag überhaupt noch nicht angebrochen ! Ich sage dir , das ist ' n Hottentottenland , und unsere Studenten sind Hottentottenkerle , und unsere Mediziner sind Menschenfresser gegen uns Frauenzimmer , und kurz und gut - du solltest mal ' n paar Jahre bei uns sein ! Morgen säßest du draußen , wärst hinausgeschmissen , ganz einfach . Und übermorgen wärst du im Loch ! Nein du - bei uns - kritisieren - is nich ! Noch gar Frauenzimmer , die ja schon ohnehin vogelfrei sind ! « Josefine lachte ungläubig auf . Viel hatte sie nicht gehört . » Schlimmer als in Rußland , « sagte sie mechanisch . Helene nickte heftig . » Ist es auch ! Viel schlimmer ! In Rußland drückt man ohne Unterschied des Geschlechts . Was zur Partei der Intelligenz gehört , ist verdächtig . Bei uns gibt es keine Partei der Intelligenz , es gibt nur politische Parteien , die Studenten haben keine Meinung oder sind gegen uns , und das höhere Streben der Frau ist nicht verdächtig , sondern verächtlich ! Verstehst du ? Großer Unterschied ! « » Ja , es dürfte endlich anders werden ! « meinte Josefine . » Dürfte wohl , aber wird nie ! nie ! sag ich dir . Bei uns ist es so : wer nicht selbst drückt , der verehrt doch wenigstens die Unterdrücker . Verehrungsmichel erster Sorte wir Deutschen , oder eben Despoten . Und oft beides in einer Person ! Reizende Mischung . Und alles so von Herzen , so bona fide , ohne die heimliche Selbstverspottung anderer Nationen . Na , ich sage nichts mehr . « Josefine sah mit einem langen Blick hinaus in die berstenden Knospen der Baumkronen . Ihr Gesicht rötete sich . » Zuweilen denke ich ganz im Ernst , daß wir berufen sind - « » Wer wir ? « » Wir Frauen - « » Aha ! « » Daß wir Frauen zu einer Art Revision des Männerstaats berufen sind , « fuhr Josy nachdenklich und halb beschämt fort . » Daß die ganze Frauenbewegung diesen Sinn und Zweck hat . Revisorinnen im Dienste der Menschlichkeit , die halt doch , und wär ' s auch im Schneckengang , vorwärts geht ! An all die Versteinerungen unseren schlicht menschlichen Maßstab anlegen , mit unserem vielgescholtenen Gefühl ihre kalten Verstandeswerke durchprüfen und sehen , was standhält , was nicht - was wirklich nützt , was ganz entschieden schadet - gegen ihre Pedanterie , Profitsucht , Brutalität und blinde Folgsamkeit den Schrei der Natur erheben - der mißhandelten , getretenen Menschlichkeit Rechte zu wahren - dort - dort dort - - « Helene starrte sie an , Spott und Rührung kämpften auf ihren Zügen . » Sorg für dich selbst , Josy , Kind , großes , törichtes , liebes Herz ! « Sie seufzte mit feuchten Augen : » Denk an das Nächste , das Allernächste . Du arbeitest nicht wie sonst . Etwas beschäftigt dich , stört dich ; ich fürchte , du wirst das Staatsexamen dieses Jahr nicht machen können . « Josefine antwortete nicht ; sie blickte noch immer wie im Traum auf die verklärte Apfelbaumkrone , deren Knospen wie Bronze funkelten . Helene ging zu der Stummen und legte ihr die Hand auf die Schulter : » Mach jetzt Ferien . « Kühl und abweisend blickte Josy auf . » Nun , was willst du ? du sagst mir Unangenehmes , ohne Grund . Ich arbeite . Ich bin nicht müßig , außer diesen Augenblick . « Sie sprang vom Stuhl auf , ihre Augen röteten sich , eine tiefe Qual sprach daraus . » Umsetzen . Transponieren , « flüsterte sie , wie zu sich selbst ; » es geht alles , es muß überwunden werden . « Und dann , als sie Helenes forschendes Anschauen bemerkte , wurde sie heftig : » Nimm deine Augen fort ! Wir sind hier doch nicht in der psychiatrischen Klinik ! Noch hab ich meine fünf Sinne beie ' nander . « Traurig ließ die Mathematikerin sie an sich vorbei und hinausgehen . Ja , sie identifizierte sich mit dem armen verschüchterten Zimmermädle , sie hielt sich nicht für » feinere Rasse « , wie Helene Begas es unbewußt immer tat . Fast täglich sah sie Hovannessian jetzt , und wenn sie ihn nicht sah , so stand er doch vor ihren Augen . Oft in sonderbaren Verkleidungen . Bald war er vor ihr als schlanke , schwarze Zypresse mit leise geneigtem Wipfel , mit erzgegossenem Stamm , an den sie sich wohlig lehnte , den sie mit beiden Armen umfaßte , an den sie ihr sehnsüchtiges Herz drückte . Bald hing er über ihrem Himmel mit breitoffenen Schwingen , ein König der Adler , hoch über den Gräbern und Schlünden der Erde . Er funkelte als Stern , rätselhaft und süß und fremd ; er war ein weißes Marmorbild auf einer hohen Säule , ein Bild der Menschlichkeit und der reichen Güte . Viel erzählte er ihr , und nachher erblickte sie ihn als Jäger im unbetretenen Wald , wie er für sich und die Genossen Feuer anzündet , das Wild abhäutet erlegt und am Spieße über den Kohlen dreht wie ein homerischer Held , oder als Fischer am Meer , Gast in der Fischerhütte des Einsamen , auf Seemärchen horchend , und Märchen ersinnend beim Licht des Kienspans , indessen draußen die Mondkugel über die brechenden Wellen rollt . Ein andermal liegt er mit lachenden schwarzen Gesellen auf buntem Teppich im Garten unter dem Maulbeerbaum ; Lieder singen sie auf die Lilie , die Nachtigall , die Rose , sie springen auf , um zu tanzen , den graziösen , plastisch schönen Einzeltanz , der eigentlich nur eine wechselnde Folge anmutig herrlicher Stellungen ist ; einer spielt auf dem Tarr11 , zuckend fährt das Knochenstäbchen , mit spitzigen Fingern gehalten , über die Drahtsaiten - in sanften Tönen summt die Suflöte , und unermüdlich klopft mit behenden Fingern der Tipelipitòspieler auf den mit Haut überspannten zusammengebundenen Steintöpfen den Takt ... Und plötzlich verwandelt sich der furchtlose Jäger , und er ist ein scheuer , großäugiger , barfüßiger Knabe , der mit beiden Händen eine weiße Taube an sich drückt , seine Taube , die er leidenschaftlich liebt , und die man ihm wegnehmen wird , um sie dem Vater gebraten vorzusetzen ! Der hungrige Student in Moskau , der von Tee und Kartoffeln lebt und immer noch ein paar Kopeken besitzt für andere und für einen Theaterplatz , wenn ein erster Schauspieler kommt , und der am eifrigsten ist , ihm die Pferde auszuspannen in schäumendem Enthusiasmus ; der fröhliche Geiger , der plötzlich die Geige opfert , weil es ihm in den Sinn kommt , daß es » Besseres « zu tun gibt , als zu » spielen « ; - der brüderliche Mensch in einer Welt brutalsten Faustkampfes ; - der Starke mit dem Kinderlächeln , für den es keine Beschwerden gibt , oder der sie nicht anerkennt , der Furchtlose , der sich nicht scheut , zu helfen , gleichviel , ob es dabei beschmutzte Hände geben kann - alles , alles ist er , und die Liebende lebt wie in einem Wunderlande . Ein Kind ist sie , wenn der Rausch über sie kommt , ein Kind , wundersüchtig , wundergläubig . Wie weit ist sie von ihrem früheren Selbst ! Hat sie nicht in ihrer unseligen Ehe , von dem unglücklichen Manne gelernt , daß alle Menschen , und sie selber auch , niedrig sind ? viel zu verbergen haben ? » Des Menschen Trachten ist böse von Kind auf ! « So war es , bis sie ihn kannte , ihn , der nun alle Erfahrung , alle Weisheit zu Schanden macht . Denn nun bringt jeder neue Tag eine neue Entzückung , eine neue beseligende Offenbarung ! Auf der Stirn des Mannes , den sie liebt , leuchtet alles Gute , leuchtet der Kuß der großen , tiefen , starken Güte ! Und so frei und schlicht und selbstverständlich geht dieser Mensch , von dessen Stirn das Gute leuchtet ! so wie eine Feier der Schönheit ist sein Leben ! Sie fühlt - für ihn ist die Welt da , nur für ihn und seinesgleichen ... Und langsam aus dem entzückten Staunen wuchs für Josefine ein heißer Schmerz . Sie lernte , daß sich selber fühlen heiße , sich krank fühlen ; ganz entwurzelt war sie , ohne irgend einen Zusammenhang nach rechts oder links . Und sie quälte sich : Gehört die Welt den Guten ? ist das wahr ? Wohin dann sollen wir uns flüchten , wir , die wir schlimm sind und nur Schlimmes von allen erwarten ? Sie begann sich vor Hovannessian zu fürchten . » Was hab ich mit dir zu schaffen , du allzu helles Licht ? Laß ab , wirf keinen Strahl in meine Dunkelheit ! « Schwarze , stürmische Wellen rollen dahin , treiben eine zerbröckelnde Eisscholle , treiben sie hinaus in Nacht und Untergang . Und auf der zerschellenden Scholle die unbestimmten Umrisse einer menschlichen Gestalt . Sie kennt diese Gestalt - diese Gestalt ist das Schicksal , das auf sie wartet in der Zukunft , diese und keine andere ! Geh ! geh ! geh ! du Herrlicher , du Guter - nicht für mich , nicht für mich strahlt deine Stirn . Bleibe so für mich , schönste Säule der Menschlichkeit , aufgerichtet unter den Bäumen , die bis zum Grase niederblühen , aus dem die weißen Blüten wieder emporblühen zu den Bäumen ! So wie ich dich jetzt sehe , mit dem schlanken Fuß auf dem Spaten , mit den hellen Tropfen frohen Schweißes auf der Stirn , aus der du den Hut zurückgeschoben hast hinter die tanzenden , schwarzen Locken ! Josefine blickte hinaus zu der heiteren Gruppe im Garten , trank ihre sehnsüchtigen Augen satt an der geliebten Gestalt . » Abschied ! ich nehme Abschied von dir . « Lautes Lachen klang unter den Fenstern ; sie warfen sich mit abgefallenen Kirschblüten , Zwicky , Hovannessian , die Kinder , Laure Anaise ... Rösi mit purpurroten Bäckchen ist ganz außer sich , wie fiebernd in dem warmen , düftebeladenen Wind , der die eben begrünten Sträucher biegt und die zitternden Schatten spielen läßt auf der vom dörrenden Ost und der starken Maisonne blaßgrau gefärbten , wartenden Erde . Weiße Blüten und seliges Blau und goldiges Grün und Kinderlachen . » Kommen Sie nicht ? « ruft Hovannessian und stößt kräftig den Spaten in den sonnenharten Boden . » Kommen Sie auch ! Schöne Arbeit ! « Er strahlt . » Einen Weg machen wir ! « Nun kommt Rösi zu ihm gelaufen , er beugt sich zärtlich zu der Kleinen , seine schwarzen Bartlocken streifen ihr Haar . Liebkosend spricht er mit dem Kinde - wenn er mit Kindern spricht , immer bekommt seine tiefe Stimme diesen liebkosenden Klang . Die Kleine blickt freudig empor , und ihre Gebärde , dieses Aufhorchen voll Hingebung macht sie so schön . Oh , denkt die Frau am Fenster , wär ich so klein wie die ! wär ich mein eigen Kind und stände bei ihm so und blickte in die Höhe zu ihm so - wie Rösi , wie mein glückliches Kind zu ihrem lieben Herrgott aufblickt , den sie im Kirchenfenster sieht ! Noch einmal jung sein , noch einmal glauben - keine Vergangenheit , keine Zukunft , keine Schuld , keine Furcht , keine Pflicht , keine Klarheit ! Und wie gebannt durch ihre wilde Sehnsucht hebt Hovannessian nun die Augen zu der Frau oben , und sein frohes Gesicht wird ernst ... Plötzlich schoß ihm das Blut heiß in die Wangen . Sie war fort . In dieser Nacht träumte es Josefinen , daß ihr plötzlich ein Fremder gegenüberträte , dessen unerwartetes Erscheinen sie von einer Seite des Zimmers zur anderen scheuchte . Der Fremde war in eleganter Kleidung , wie bereit , in eine Gesellschaft zu gehen . Sie bemerkte deutlich die breite , weiße Hemdbrust unter dem lose überhängenden Kaisermantel , den spiegelnden Zylinder , die neuen roten Handschuhe . Er sprach nichts , sondern stand da mit einem geheimnisvollen und blasierten Lächeln auf dem schlaffen Munde , das sie zu verhöhnen schien . Seine goldene Brille glitzerte , die Gläser glitzerten , so daß sie seine Augen nicht sehen konnte . Und dann begann er eine Gebärde des Händewaschens zu machen , die ihr so sehr , so unheimlich bekannt war : die rechte Handfläche wäscht den linken Handrücken - die Schultern runden sich - er scheint sich auf ein Wort vorzubereiten , auf ein Wort , vor dem sich die Träumende ängstigt , das sie nicht hören will . Immer sonderbarer lächelt er ; seine glitzernden Gläser sind auf sie gerichtet - er hebt den Arm und beschreibt einen Bogen voll gekünstelter Grazie , einen einladenden Bogen , mustert sie , ihre Gestalt von den Füßen aufwärts und lächelt spöttisch überlegen ; etwas Cynisches ist auf seinen breiten , blassen Lippen zu lesen . Ich kenne Sie wirklich nicht , sagt die Träumende , bitte , verlassen Sie dieses Zimmer . Ihr Herz scheint nicht mehr zu schlagen , kalt und gleichgültig ist ihr , und tief , tief unten glimmt eine Angst - eine Angst ! Sie wacht auf : das war Er ! Georges ! Ich habe gesagt : ich kenne Sie nicht . Aber ich kannte ihn wohl . Oh ! Oh ! Oh ! Von Schauder durchzuckt blieb sie starr liegen . Das war Er . Habe ich diesen geliebt ? Diesen einmal geliebt ? geliebt ? Nein ! nein ! nein ! Fort , du Entsetzlicher ! Fort ! Mensch , ich kenne dich nicht ! Ich war nie dein ! Nie ! Nie ! Hörst du ? Niemals ! Ich habe dich nie geküßt ! Nie ! Hörst du ? Niemals ! Fremd ! Wildfremd ! Fort ! Ein Nachttier ! ein Phantom ! Wer hat dich ausgedacht ? Du ! Du ! Und sie richtete sich heftig auf , rang hart die Hände und stöhnte fast bewußtlos : » Oh , Herr des Himmels , töte ihn ! töte ihn ! töte ihn ! « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Da kam eine kleine weinerliche Stimme wie ein zerdrückter Vogellaut aus dem Dunkel : » Mama ! Mama ! « Die Frau hielt den Atem an . Rösi wachte . » Mama , warum sagst du töten ? « Einen kurzen Augenblick schien es Josefine , als schwebe ein Stern durch die Nacht ; als klinge etwas ... Aber nur einen Augenblick . Dann zog sie stumm das Leintuch über den Kopf und wiederholte mit zusammengebissenen Zähnen und geballten Fäusten ihr furchtbares Gebet : » Allmächtiger Gott ! Herr des Himmels ! Töte ihn ! töte ihn ! töte ihn ! « » Ich habe etwas gebracht . Ich habe das Bild gebracht , « sagte Hovannessian im Eintreten zu Josefine . Sie blickte flüchtig auf , einen schnellen Blitz Auge in Auge gab es . Beide hatten heute einen gespannten , fast unglücklichen Zug zwischen den Brauen . » Welches Bild ? « » Repin , die Burlaki , Sie wissen . « Er legte das Bild - eine farbige Lithographie - vor Josefine auf den Schreibtisch und trat einige Schritte hinter ihren Stuhl zurück , wie um sie in der Betrachtung nicht zu stören . Die Frau hatte nur einen Blick auf die fürchterliche Gruppe geworfen , dies Häuflein Elender , die - ach , wie mühselig , wie schwer an der allzu großen Last schleppen , die ihnen aufgeladen worden . Mit einem Blick , mit dem ersten Blick erschloß sich ihrer aufgewühlten Empfindung die fast übermenschliche Gewalt dieses Gesanges der Qual . Die Riesen der Arbeit voran , mit blaurot geschwollenen Gesichtern , den Kopf gesenkt , wie der Ochs im Joch die Stirn senkt , um mit ganzer Schulterkraft zu ziehen , zu ziehen , vorwärts zu schleppen , das hoch mit Gütern beladene Schiff stromaufwärts zu schleppen . Hinter den starken menschlichen Zugtieren die zähen , mageren , sehnigen ; fleischlose Hälse mit vorgedrängtem , fast berstendem Kehlkopf , mit straff , zum Zerreißen gespannten Muskeln , die wie Knorren und Stricke auf den eckigen Knochen liegen . Inmitten der Ergebenen ein junger Empörer , aufgebäumt , Schmerz und Wut im hocherhobenen Kopfe , der sich zurückwirft und die Hand unter den entsetzlichen Riemen schiebt , der ihm über die nackte , saftstrotzende Brust geht und tief in das Fleisch schneidet - der entsetzliche Riemen , der alle drückt - der über ihre Brust zu dem Lastschiffe geht , an dem sie schleppen . Wieviel Flüche auf diesen Lippen ! wieviel Stöhnen in ihrem unendlichen Gesang ! Aber der letzte in der Reihe , der flucht nicht mehr , der singt nicht mehr ! Stumpf und aller Menschenwürde beraubt , mit hängenden Armen und auf die Brust gesunkenem Kopfe trottet er mit , ohne Bewußtsein , ohne Willen ; sein Gesicht ist gegen den Boden gekehrt , das menschliche Zugtier ist auch zur Haltung des Tieres zurückgeführt worden - alles ist zu Ende . Hovannessian hörte ein lautes , ununterdrückbares Schluchzen . Dicht an den Tisch gepreßt , beide Hände vor dem Gesicht , saß die Frau über dem Bilde , und ihre Schultern zuckten im Weinen . Eine unbegrenzte Traurigkeit hatte sie befallen angesichts dieser Qualbeladenen , und sie hatte alles vergessen , sich selbst , Hovannessian , Georges , die Kinder , das Zimmer , in dem sie sich befand - alles . Die Luft um sie war voller Stöhnen , und ihr Herz schien zu bluten , als sei hineingestochen worden . Sie fuhr mit der Hand nach der Brust - da ! da ! da preßte der entsetzliche Riemen und schnitt in das weiche , zuckende Fleisch . Wo war das Kreuzchen ? Da sollte doch ein Kreuzchen hängen an einer Schnur ? Sie tastete danach , als müsse sie auf ihrer Brust das Kreuzchen finden , das jenem Jüngling in der Mitte des Bildes , dem jungen Empörer im roten zerrissenen Kaftan , unter dem Riemen hervor auf der Brust hing . Ach nein , sie hatte nichts vergessen ! Sie wußte alles deutlicher als je . Sie wußte : das ist das Leben , meines auch ! meines auch ! Gerade die zwingende Symbolik des Bildes , diesem Bilde eigen wie allen Werken großer Kunst , gerade diese zwingende Symbolik hatte sie überwältigt , ins Herz getroffen . Alle so ! Alle so ! Sie selbst , Georges , die Kinder , die Kranken . Nur - - Nein , er nicht - der Mann mit dem strahlenden Lächeln war nicht unter dieser Gruppe ! Hovannessian nicht ! Sie blickte ein wenig seitwärts , sie wollte diese großen Züge sehen , auf denen das Leiden keinen Raum hatte ... Aber ein ganz Neues durchbebte sie , als ihre Augen ihn gefunden - halb abgekehrt stand er , sinnend , und große klare Tropfen rannen ihm aus den weit offenen Augen in den Bart ... Sie fühlte eine geheimnisvolle Anwesenheit . Etwas Unsichtbares war hier im Zimmer zwischen ihnen , zwischen jenem weinenden Manne und ihr selbst , die ihre Tränen wie einen heißen Quell strömen fühlte . Sie hielt den Atem an , und eine leichte Bewußtlosigkeit überkam sie : Funken und Sterne umtanzten sie , eine schwere dröhnende Musik betäubte ihre Ohren . Sie flog weg , über dunkle , unabsehbare Tiefen , rasend schnell - - Dann empfand sie eine leichte Berührung , ihre Haare sträubten sich , ein Schauder überlief ihre Kopfhaut , ihre Arme : sie war wach . Neben ihrem Stuhl , in den sie zurückgesunken war , stand Hovannessian , streichelte ihr Haar und murmelte , sich zu ihr niederbeugend : » Das ist jetzt nicht mehr ! Das machen jetzt die kleinen Schleppdampfer ! « Sie lächelten sich an wie zwei Auferstandene , mit Tränen an den Wimpern , ungläubig und erstaunt , umgeben von einer Fülle überirdischer Glückseligkeiten ... » Zum erstenmal sehe ich , daß Sie viel gelitten haben , « flüsterte Josefine und forschte auf seinem ihr jetzt nahen Gesicht . » Es ist das , was Sie so ... « Sie wollte sagen , was Sie so schön macht , aber sie konnte es nicht sagen , sie errötete . Hovannessian hielt ihre Hand , seine Wimpern zitterten wie die Flügel eines dunklen Schmetterlings . » Ich habe in letzter Zeit sehr viel über die Frauen nachgedacht , « sagte er mit fremd klingender Stimme . » Was haben Sie gedacht ? « Er wurde sehr blaß , eine schüchterne Anmut breitete sich über seine männlichen Züge . Er schloß die Augen , preßte stumm ihre Finger . Plötzlich trat ihm das Blut ins Gesicht - er beugte sich tief auf ihre Hand , schamhaft in übermächtigem Gefühl : » Verzeihen Sie ! Verzeihen Sie ! Ich habe nicht so von den Frauen gedacht ! Nicht so hoch ! Verzeihen Sie , Sie haben mich gelehrt ! verwandelt ! ganz verwandelt ! Ich habe nicht gehofft , daß ich finde - - Ich habe nicht geglaubt - oh , verzeihen Sie ! verzeihen Sie ! « Er stürzte auf die Knie , den Kopf an ihr Kleid gedrückt . Dann erhob er sich , hastig und verwirrt , und verließ wortlos das Zimmer . Zwischen den Seelen , die sich anziehen , wächst eine zarte , seidenfeine , lichtscheue Vegetation , wie weiße Algenfäden , wie tastende Wurzelglieder , hinüber , herüber . Zitternd und leicht zerbrechlich , und doch straff die Röhrchen gefüllt mit dem besten Safte des Lebens . Leise , verborgen dem Tage , suchen einander die schwirrenden blinden Fädchen , die seiner Seele , die ihrer Seele entsprossen , und wenn die Stunde erfüllt ist , wenn sich die zarten Munde berühren , die tastenden Glieder aneinander gleiten - dann blüht eine Blume auf , groß und duftend und leuchtend in allen Farben des Himmels und der Erde , genährt von den süßesten und erhabensten Träumen , vom feinsten Herzblute , und ihrem Kelch entsteigen Wolken von Duft , die Leben spenden und Tod , untrennbar , so ineinander gemischt , daß beides eins ist . Und beides ist gleich süß , erhaben und erwünscht , Leben und Tod . Die Stunde war erfüllt , die Blume war erblüht . - - Sterben ! dachte die Alleingebliebene in ihrer Verzückung , sterben in dieser Minute ! Du ! du ! du ! Ich habe ja nicht gewußt , was für Menschen leben ; ich habe ja nicht geahnt , daß es einen Menschen gibt , tausendmal größer , höher , teurer als die ganze Welt . Und du redest von mir , du ! du ! Was bin ich ? Wie kannst du zu mir sprechen , wie du gesprochen hast ? Ich lebe ja nur , seit ich dich kenne ! Ich bin ja nichts ohne dich ! Ich habe ja erst durch dich Sinne , Gefühl , eine Seele bekommen ! Ich sehe erst jetzt die unbeschreibliche Schönheit der