Juni 1893 . Lieber Freund ! Zufällig habe ich Ihren jetzigen Aufenthalt und Ihre Adresse erfahren . Sie sind schon auf dem Rückweg und kommen wohl bald hier an . Nach andert halbjähriger Abwesenheit ! Sie wissen nicht , was inzwischen geschehen . In meinem Hause hat sich Trauriges - furchtbar Trauriges zugetragen . Und Sie sollen es zuerst durch mich erfahren - daher schreibe ich Ihnen . Sie sind mein Freund und Rudolfs Freund - Ihrer Teilnahme bin ich sicher . Der Tod ist bei uns eingebrochen . Zweimal . Zuerst mein Enkelkind - Friedrich . Zwei Tage nur war der arme Kleine krank . Ein harter Schlag für uns alle . Was mit solchen Kindern stirbt , ist nicht nur das gegenwärtige liebe herzige Wesen selber - es sind die ganzen Träume , die man für die Zukunft geträumt ... Der Erbe des Dotzkyschen Majorats , der Nachfolger meines Sohnes , wäre er nicht auch geistig sein Nachfolger geworden und hätte das Werk weitergeführt , das Rudolfs Lebensaufgabe ist ? Und alles das durch ein paar Konvulsionen des kleinen Körperchens aus der Zukunft weggewischt ! Rudolf war sehr unglücklich . Beatrix , die eben einer zweiten Niederkunft entgegensah , war ganz verzweifelt . Und jetzt kam der zweite Schlag . Eine Fehlgeburt und - auch Beatrix ist tot . Sie können sich meines Sohnes Schmerz wohl vorstellen . Er hatte sein Weibchen unendlich lieb - sie war auch ein gutes , liebes , hübsches Geschöpf ... er beweint sie innig . Diese beiden , so kurz auf einander folgenden Verluste haben ihn ganz schwermütig gemacht . Er wird sich wieder aufraffen . Sein Alles war ihm Beatrix nicht . Er ist jung , ich sehe die Zeit kommen , da er sich eine neue Häuslichkeit gründen wird . Aber als ich ihm neulich so etwas sagte , wehrte er heftig ab . So , nun wissen Sie , mein alter Freund , daß Sie in uns ein paar recht gedrückte , traurige Leute wiederfinden . Mein holdes Enkelkind , daß den so teueren Namen Friedrich trug - war mir gar fest ans Herz gewachsen ... Der Tod , der Tod ... wie wandelt der doch so grausam unter uns herum und knickt die Blüten unseres Glücks ... Was mir unter seiner Sense gefallen - ich denke immer noch an 1871 - das hat mich eigentlich gegen seine Hiebe abgehärtet . Damals war es nicht einmal sein Hieb , nicht er hat ausgeholt - menschliche Barbarei hat ihm die Sense geführt . Ist ja ein viel zu schwaches , leistungsunfähiges Instrument , diese Sense ... einfach nur für Handarbeit zu brauchen ; - das menschliche Ingenium hilft da auch , mit bei Krupp und Konsorten fabrizierten Mähmaschinen . O über die bodenlos wilde Unvernunft , Krieg genannt - die muß niedergekämpft werden ... Wieder zu meiner fixen Idee abgeschweift ? Das sind Sie ja an mir gewohnt , teurer Freund . In den feierlichen Stunden der großen Freude und besonders der großen Leiden flüchtet jede Seele zu dem , was ihr als Höchstes gilt . Sie werden bei Ihrer Rückkunft Rudolf nicht antreffen . Er ist auf einer vom Arzt verordneten Reise - zur Zerstreuung , zur Ablenkung , sagte Doktor Bresser - ach , ich fürchte , er hat seinen Kummer als Reisegefährten mitgenommen . Sylvia finden Sie noch in Wien . Auch Sylvia macht mir Sorge - das erzähle ich Ihnen mündlich . Ich bin allein in Brunnhof . Vielleicht besuchen Sie mich . « Auf der in einen Garten umgewandelten Terrasse eines Berner Hotels saß Rudolf Dotzky und blickte nachdenklich auf das von der Abendsonne überstrahlte Alpenpanorama . Um ihn herum war reges Leben . Zahlreiche Hotelgäste saßen um kleine Tische , andere gingen plaudernd auf und nieder oder lehnten an der Balustrade - eine bunte Gesellschaft aus aller Herren Länder . Rudolf , der seit einer Woche hier weilte , hatte mit niemand Bekanntschaft angeknüpft . Er war auf Reisen gegangen , um eine Zeitlang einsam zu sein , und einsam war er auch geblieben . Er hatte nun , eine nach der andern , fast alle Städte der Schweiz besucht und Bern sollte die letzte Etappe vor seiner Heimfahrt sein . Angeblich war der Zweck seiner Reise Zerstreuung gewesen , aber was er gefunden hatte , war vielmehr das Gegenteil - war Sammlung . Ein Gedanke , der ihm den Kopf durchkreuzt an dem Tage , da er die Gruft verließ , in die man die Särge seiner Frau und seines Sohnes versenkt hatte - dieser Gedanke hatte ihn während seiner Reise nicht mehr losgelassen und war allmählich zum Entschluß gereift : dem Majorat entsagen . Frei sein , ganz frei sein , nicht mehr zweien Herren dienen müssen , oder gar dreien : Familie , Ranggenossen und Menschheit . Nein , fortan nur mehr den einen Dienst : den Menschheitsdienst . Frei für die Zukunft , und frei von den Fesseln der Veraanaenheit . Frei ? ... Als ob bei der bestehenden Ordnung irgend ein Mann sich frei nennen dürfte ! Mit dem Worte wird lächerlich großgetan . Rudolf wußte ganz gut , welche Fesseln ihn noch banden und die abzustreifen es überhaupt keine Möglichkeit gab . Er war ja - wie jeder gesunde Bürger im Militärstaat - Soldat . Zwar nur achtundzwanzig Tage im Jahre , aber immerhin - Soldat . Und im Kriegsfall jederzeit verpflichtet , einzurücken . » Verpflichtet « ist da auch nicht der ganz passende Ausdruck - unter Pflichterfüllung denkt man sich eine als recht erkannte , freiwillig ausgeübte Tat . » Gezwungen « wäre das richtige Wort . Man hat ja keine Wahl - man muß . Und mag man den Militärdienst aus was immer für Gründen hassen - man muß ihn verrichten . Auf Verweigerung steht Gefängnis und Tod . Und da wagt man , von mehr oder minder ausgedehnten Freiheiten zu reden ? Leibeigenschaft und Sklaverei : das war einstens das Los eines Teils der Bevölkerungen ; heute , in den Ländern der allgemeinen Wehrpflicht , ist es das Los aller . Aber was von Fesseln abzustreifen möglich war , das wollte er tun . Dem Majorat entsagen . Mit einem Ruck wäre da die ganze Last der Verwaltungs- und Repräsentations- und sonstiger Pflichten abgewälzt , die ihm seine bisherige Stellung auferlegt und ihn gehindert hatten , sich ganz seiner großen Lebensaufgabe hinzugeben - der Aufgabe nämlich , ein Lehrer , ein Kämpfer , ein Apostel zu sein . Mit Schrift und Wort wollte er seinen Mitmenschen das neue Gesellschaftsideal vor die Seele führen . Das , was er schon verstand , wollte er den anderen verständlich machen und zu dem , was ihm und den anderen noch zu erforschen blieb , wenigstens den Weg weisen . Man kann nicht gleich gefunden haben - erst muß man überhaupt suchen lernen . Dem Majorat entsagen ... es war kein kleiner Entschluß . Aber er empfand ihn nicht als etwas Schweres - eher als etwas Erleichterndes . Als abgeworfenen Ballast zum Höherfliegen . » Unser ganzes Kunststück besteht darin , « sagte Goethe , » daß wir unsere ( bornierte ) Existenz aufgeben , um ( in erhöhter Weise ) zu existieren . « Es blieb ihm übrigens genug Vermögen , um sorgenlos leben und bequem reisen zu können . Die großen Einkünfte , die das Dotzkysche Majorat abwarfen , die gingen ohnehin für die mit dem Besitz verbundenen Verwaltungs- und Repräsentationskosten auf : Der Dienertroß , die gefüllten Pferdeställe , die zur Institution gewordenen gastlichen Veranstaltungen u.s.w. Der Reichtum , dem er entsagte , hätte doch niemals zur Förderung seiner Zwecke dienen können , im Gegenteil : ihn nur physisch und moralisch an deren Erreichung gehindert . Physisch , indem er seine Zeit und Kraft in Anspruch nahm ; moralisch , indem es unmöglich ist , sich für soziale Umwälzungen , für Abschaffung mittelalterlicher Zustände einzusetzen , wenn man seine eigene Existenz auf eine so feudale Einrichtung aufbaut , wie der Fideikommißbesitz . Hätte Rudolf das gleich große Vermögen als frei verfügbares Privateigentum besessen , dann würde er nicht darauf verzichtet haben , denn dann hätte er es in einer zu seinen Plänen und Anschauungen passenden Art verwenden können : z.B. Gründung von Volksbibliotheken , von einem großen Blatte und ähnlichen Dingen . Aber ein Vermögen , das unverkürzt und unversehrt für den nächsten Anwärter erhalten bleiben mußte - das konnte ihn in seinem Wirken nicht fördern - nur hemmen . Daß der geplante Schritt in seinen Kreisen Ärgernis geben und bei allen Standesgenossen - mit Ausnahme des begünstigten Vetters - Tadel erfahren würde , darauf war er wohl gefaßt . Die Bemerkungen konnte er schon hören , die darüber fallen würden : » Immer ein überspannter Kopf gewesen , dieser Dotzky ... Mir war er immer unheimlich ... Im Grunde ist es nicht nur zu dumm - es ist ein Verrat an seinen Standespflichten . - Statt den Platz auszufüllen , auf den ihn sein Geschick gestellt hat , in die Welt hinauslaufen und revolutionäre Doktrinen predigen , wie der erste beste Demagogenführer - eine wahre Schande ! « und was die Variationen des alten » Kreuziget ihn ! « mehr sind . Übrigens : Revolution zu predigen , war gar nicht seine Absicht . Man würde es nur so deuten - auf falsche Deutungen allenthalben war er überhaupt gefaßt . Die einzige Person , bei welcher er überzeugt war , volles Verständnis und Beifall zu finden , war seine Mutter . Nächster Tage wollte er ihr schreiben . Seinen Aufenthalt in der Schweiz beabsichtigte er noch zwei oder drei Monate auszudehnen . Hier konnte er in aller Ruhe und Abgeschiedenheit die Arbeit vollenden , die er - wie es Egidy - mit seinen » Ernsten Gedanken « getan - in die Welt schicken wollte , ehe er mit dem gesprochenen Wort , mit eigener Person hinausginge , das Geschriebene zu vertreten und zu verbreiten . Ehrgeiz war es nicht , was ihn trieb - Frömmigkeit war es . Das Bewußtsein , eine höchste Pflicht erfüllen zu müssen , durch deren Erfüllung man sich selber heiligt und anderen zum Heile verhilft , das ist es , was alle tieffrommen Seelen erfüllt , was zum Beispiel einen Franz von Assisi bewegte , aus einem reichen Lebemann zum Asketen zu werden . Solche Vokationen sind nicht immer natürliche Anlage ; sie erwachen oft - wie dies ja auch beim Stifter des Franziskanerordens zutraf - nach einem in ganz anderer Richtung geführten Lebenswandel . Rudolf hatte zwar seit seiner Kindheit die Idee in sich getragen , daß er die von seinem Stiefvater hinterlassene Aufgabe einst werde übernehmen müssen , aber ganz durchdrungen davon war er lange nicht gewesen . Er sah die Ausführung immer nur wie eine Zukunftssache vor sich , während die Gegenwart ihm mit hundert anderen Interessen ausgefüllt war . Erst nach und nach , infolge gewisser Studien und durch die Berührung mit gewissen von Aposteltum durchglühten Zeitgenossen , erfaßte auch ihn ein immer heftiger werdender Drang , sich dem ganz hinzugeben , was ihm zur Religion geworden ; hinauszugehen und zu predigen , was sein Glaube war , und zu bekämpfen , was ihm als verdammenswerte Ketzerei erschien . Andachtsvoll , hingebend , voll begeisterter Liebe , voll Ehrfurcht für das Göttliche , das ihm vorschwebte , voll Abscheu gegen das Böse , Gemeine und Jammervolle , das die Umwelt ihm noch an allen Ecken und Enden zeigte , das war nunmehr die Verfassung seiner Seele ; - dieselbe Verfassung also , die man - wenn auch mit Bezug auf eine andre Glaubenswelt - mit dem Ausdruck Frömmigkeit zu bezeichnen pflegt . Dieselbe Frömmigkeit , die auch Marthas Seele durchglühte . In tiefes Rachdenken versunken saß er da . Doch war es kein Denken in klaren Worten oder deutlichen Bildern , sondern mehr in Empfindungen . Nicht verkettete Ideen , sondern verkettete Gefühle , aneinander gereihte , ineinander verschlungene Bewußtseinsphasen . Eben war die Table d ' hote , an der er niemals teilnahm , zu Ende , und ein Trupp von Hotelgästen kam aus dem auf die Terrasse mündenden Speisesaal herausgeflutet . Die meisten ließen sich in einer - dem Platze , wo Rudolf saß , gegenüberliegenden glasbedeckten Veranda nieder und ließen sich da den schwarzen Kaffee und Liköre bringen . Eine große amerikanische Gesellschaft war darunter , meist junge Leute beiderlei Geschlechts , und unter diesen ging es ziemlich lustig und lärmend zu . Aus der offenen Tür des Salons drang glänzendes Klavierspiel herüber - offenbar war es ein Künstler , der sich ans Instrument gesetzt . Alles das unterbrach Rudolfs Meditationen , riß ihn aus seiner Vorstellungswelt heraus . Hier war ein Stückchen wirkliche Welt , ein Stückchen lebendige Gegenwart , im Gegensatz zu seinen Zukunftsträumen , das heißt zu seinen Kampfplänen um eine bessere Zukunft . Die Leute da schienen die gegenwärtige Stunde gut zu finden und kein besseres morgen zu ersehnen . - - Waren sie nicht vielleicht die Klügeren ? Ihrer war die Wirklichkeit , in dieser fanden sie sich zurecht , in ihr hatten sie sich ' s wohlig und bequem gemacht ... Alle Pläne und Kämpfe der Unzufriedenen gehen doch nur dahin , eine Zukunft zu schaffen , in der Leute leben werden - andere Leute als die , welche heute die Erde bevölkern - und für die jene ferne Zeit wieder eine Gegenwart - sein wird , in der sie es sich bequem machen sollen . - - Rudolf stand auf . Der Platz war ihm zu lärmend und zu belebt geworden ; er wollte seine Gedanken in der Einsamkeit weiter denken . Wenn sein Sinn nach dem großen Ziele : » für die Menschheit wirken « gerichtet war , so störte ihn nichts so sehr darin , als der Anblick vieler Menschen . Nur in wenigen Exemplaren oder in der Abstraktion vermochte er die Menschheit zu lieben ; wo er eine Menge versammelt sah , fühlte er sich durch vieles angewidert und abgestoßen : die Mehrzahl der häßlichen Gesichter , der unebenmäßigen Gestalten , die kreischenden Stimmen , die kleinliche Geschäftigkeit , die blöde Unbekümmertheit , die schale Geschwätzigkeit : - verdiente es diese Menge , daß man ihretwegen sich sorgte und sich opferte ? ... Aber es genügte ihm , von den Leuten wegzuschauen , um wieder in der Vorstellung den Gesamtbegriff Menschheit und die Bilder einzelner herrlicher Menschenkinder wachzurufen , und damit zugleich den Wunsch , die Massen von Unglück und Elend befreit zu sehen und den einzelnen - auch sich selber - ein immer höher und schöner entfaltetes Leben zu erobern . » Graf Dotzky ! « rief plötzlich eine bekannte Frauenstimme . Rudolf blickte auf . Gräfin Ranegg und ihre Tochter Cajetane standen vor ihm . » Oh - meine Damen , welche Überraschung ! « rief er . Alle abstrakten Gedanken und Bilder waren verflogen ; die wirkliche Welt , seine Welt , war mit einem Male wieder vor ihm aufgetaucht . » Ich bin nicht überrascht , Sie hier zu treffen , « sagte die Gräfin . » Durch Ihre Mutter wußte ich , daß Sie in Bern sind . « » Und Sie ? « ... » Wir machen eine kleine Tournee durch die Schweiz ... heute früh sind wir hier angekommen und wollen heute wieder weiter fahren . Sie bleiben wohl noch längere Zeit fort von zu Hause ? ... Sie haben ja recht ... , ach , es war so schrecklich - « Gräfin Ranegg hatte Dotzky seit seinem Verluste nicht gesehen und sie legte jetzt in ihren Ton das ganze scheue Beileidsgefühl , das einen überkommt , wenn man Menschen begegnet , die man zuletzt glücklich gesehen und die seither von einem schweren Schlag betroffen worden . Cajetane , die stumm blieb , drückte das gleiche Gefühl in Blick und Miene aus . Ihre schönen schwarzen Augen waren voll und traurig auf Dotzky gerichtet , - so traurig , daß es beinahe wie zärtlich war . Der junge Mann empfand diesen Blick , als wäre er ein mildes Streicheln . Er hatte Cajetane immer nur heiter gesehen , voll des harmlosesten jugendlichen Frohsinns - und dieser völlig neue Hauch des Schmerzes auf ihren Zügen ließ sie ihm noch schöner erscheinen als sonst . Ihre letzten Worte hatte Gräfin Ranegg mit einem Händedruck begleitet und darauf reichte auch Cajetane die Hand hin , um mit dieser Gebärde und innigem Druck zu bekräftigen , was ihre Augen sprachen . Rudolf war sich bewußt , daß die beiden Frauen sein Unglück für größer hielten , als er es empfand ; sie glaubten wohl , daß er verloren hatte , was sein Höchstes und Einzigstes war , daß jetzt kein anderer Gedanke ihn erfüllte , als der an seine Beraubung . Die drei ließen sich nun an dem Tischchen nieder , an dem Rudolf vorhin gesessen hatte . Gräfin Ranegg sprach in teilnahmsvollem Tone weiter über das Ereignis , über den Schrecken , den ihr die Nachricht verursacht und fragte um Einzelheiten . Da sie aber bemerkte , daß Rudolf nur einsilbig und widerstrebend Antwort gab , so wendete sie das Gespräch auf andere Dinge und erzählte von sich und den Ihren : Schloß Ranegg war augenblicklich verwaist . Christine , die inzwischen geheiratet hatte , war mit ihrem Mann , einem Gesandtschaftsattaché , gegenwärtig in Konstantinopel ; die Zwillinge , Ella und Bella , waren auf Besuch bei einer Tante in Böhmen ; Ranegg begleitete den Kaiser auf einem Jagdausflug nach Tirol ; die beiden Söhne waren in Wien . Der jüngere besuchte da die Kriegsschule - auch ihm stand eine rasche , glänzende Karriere bevor . Der ältere hatte sich verlobt mit der Tochter eines ungarischen Magnaten ... » ein wunderschönes Mädel - und eine Herrschaft von fünftausend Joch als Mitgift ... das verdirbt nichts - aber er wird weiter dienen - der Erzherzog ... Sie wissen ja , er ist der Adjutant des Erzherzogs Wilhelm und sein großer Liebling - der würde es ihm sehr übel nehmen , wenn er quittierte ; das wollte er auch gar nicht , er ist ja mit Leib und Seele Soldat . « » Eine glückliche Familie , « sagte Dotzky . » Eigentlich ja , das sind wir , « gab Gräfin Ranegg zu . » Und umsomehr tut es mir leid , lieber Dotzky , daß Sie das Schicksal so grausam heimgesucht hat ... Aber es hat doch jeder seine Sorgen , « fügte sie in weinerlichem Tone hinzu . » So macht mir das Leiden meiner armen Mutter viel Kummer - und mein Schwager Hallstein muß jetzt operiert werden - und so verschiedenes andere ... « Es war , als wollte sie seinen Neid dämpfen . Rudolf war aber nicht neidig . Er konnte sich gar nicht mehr in die Lage jener hineindenken , deren Freuden und Leiden ganz auf die eigenen und nächstliegenden Schicksale und Verhältnisse beschränkt waren , die nichts wußten von der großen Unruhe , der großen Sehnsucht , den großen Kämpfen , die eine mit den Lebensrätseln und sozialen Rätseln ringende Seele bewegen ... Noch am selben Abend reisten die beiden Damen weiter und Dotzky brachte sie zur Bahn . Cajetane war die ganze Zeit sehr schweigsam gewesen . Aber wenn sie ein paar Worte gesagt , so hatte in ihrer Stimme stets verhaltenes Mitgefühl gebebt . Als Mutter und Tochter vom Waggon aus dem Grafen Dotzky , der grüßend vor dessen Fenstern stand , Abschied gewinkt und der Zug sich in Bewegung setzte , da sank Cajetane in die Kissen zurück und brach in Tränen aus . Die Gräfin sah sie überrascht an : » Was hast Du , Caji ? Ich glaube gar , der junge Witwer hat es Dir angetan ... « XVII Drei Monate später kehrte Rudolf von seiner Reise heim . Diese drei Monate hatte er in einem einsamen Häuschen zugebracht , das , von grünen Weidetriften umgeben , mitten in den Bergen verborgen lag . Dorthin war er dem Anblick von Menschen und dem Umgang mit ihnen entflohen . Und dort hatte er jene Schrift beendet , die sein Glaubensbekenntnis und sein Tatenprogramm enthielt . Das wollte er in die Welt vorausschicken und dann mit dem gesprochenen Worte weiter ausführen und verbreiten . Er fühlte sich im Besitze einer Heilslehre und daher als verpflichtet , sie zu verkünden . Die ganze Lehre faßte er in ein Motto : » Miteinander , statt gegeneinander . « Die Geschichte der Zivilisation , wie er sie auffaßte , war ja nur die Geschichte der wachsenden Gemeinsamkeit - zugleich die Geschichte der überwundenen Brutalität . Wieviel unüberwundene Brutalität heute noch vorherrscht , das gab den Stoff zum längsten Kapitel des Schriftchens ab . Und in welcher Weise sie überwunden werden kann , das suchte ein anderes Kapitel zu verkünden : durch den Tatenmut der Guten , den Wahrheitsmut der Wissenden . Ganz gut ist zwar noch keiner - - alles weiß noch keiner ; aber das , was die Vorgeschrittenen an Edelsinn und Vernunft besitzen , das müssen sie hervorkehren - im Kampf gegen alles Unedle , das ihnen begegnet , und sei es in den mächtigsten Sphären vertreten ; - gegen alles Dumme , und sei es hinter den gelehrtesten und heiligsten Masken verborgen . Daß der Gang der Zivilisation nur von elementaren , nur von wirtschaftlichen und technischen Faktoren bestimmt werde ; unabhängig von dem Wollen und Wirken einzelner Menschen - das bestritt er . Ideen und Taten sind eben mit Elemente der Kultur , sind - nicht die einzigen , sind aber auch die treibenden Kräfte . Gewiß , Entdeckungen und Erfindungen verwandeln das Getriebe der Welt ; aber das Auftreten mächtiger Charaktere - im Guten und im Bösen - bestimmt es nicht minder Und vor allem : die Summe der Einsicht , die aus der Summe der Kenntnisse resultiert , regelt die Einrichtungen und Sitten der menschlichen Gesellschaft ; wer also irgend eine klare Einsicht gewonnen - über manche kommt es ja wie eine Erleuchtung - der soll es hinaustragen , damit jene Summe sich mehre . Rudolfs klare Einsicht war die : Das Elend - in seinen verschiedenen Formen - kann aus der Welt geschafft werden und muß daher aus der Welt geschafft werden . Die Erlangung der Seligkeit für jeden ( das haben auch die Religionen so hingestellt ) ist eines jeden Pflicht . Aber wie ? Kraft welcher Gebote und auf Grund welcher Glaubenssätze ? Das hat - wenn es um das irdische Heil sich handelt - die Gesellschaftswissenschaft zu erforschen und zu lehren . Einige der Gebote sind längst - auch von den alten Religionsstiftern - schon gefunden . Die goldene Regel zum Beispiel : Was Du nicht willst , daß Dir geschehe , das tue auch einem anderen nicht ; Du sollst nicht töten , nicht stehlen , nicht falsches Zeugnis geben . Was aber die neue Einsicht und die neue Pflicht ist , das ist , daß diese Regeln ebenso für das politische und internationale Leben zu gelten haben , wie für die Lebensführung des einzelnen . Und welche Dogmen ? Das wichtigste Dogma des sozialen Glaubens ist die Evolution . Wenn man glaubt , - nein , wenn man weiß ( die kontrollierbaren Offenbarungen der Wissenschaft erzeugen » wissen « , nicht » glauben « ) , daß die Welt und alles , was in ihr sich entwickelt - trotz Entartung und Vernichtung der Einzelorganismen - zu immer höheren , feineren und vielfältigeren Formen sich entfaltet , so wird man diese ewigen Hemmungen und Bekämpfungen aufgeben , mit denen man jetzt jedes sich entfalten wollende Neue , statt zur Quelle der Freude und des Gewinns , zur Quelle des Leidens , der Unterdrückung und der Verfolgung macht . Die Entwicklungsgesetze erkennen und darnach die Gesellschaftsordnung und das sittliche Verhalten regeln : - das ist der Weg zum Heil Rudolf hatte während seiner Abwesenheit fast täglich an seine Mutter geschrieben und ihr von allen seinen Arbeiten und Plänen Mitteilung gemacht . Die Nachricht , daß er auf das Majorat verzichten wolle , versetzte ihr einen gelinden Schlag . Welche Mutter wird leichten Herzens erfahren , daß ihr einziger Sohn sich des Glanzes und des Reichtums begeben will , der sein Besitz ist ? Martha hatte der stillen Hoffnung Raum gegeben , daß Rudolf nach Verlauf einiger Zeit den Verlust verwinden werde , den er durch den Tod der Seinen erlitten hatte , und sich wieder verheiraten würde - und vielleicht mit einer Frau , die ihm geistig ebenbürtiger wäre , als es die arme Beatrix gewesen ... Sein Entschluß aber deutete darauf hin , daß er nicht daran dachte , sich jemals wieder einen Herd zu gründen , sondern daß er sich von allen Fesseln - also auch von Familienfesseln - freimachen wollte , um sich ganz seinem Apostolate hinzugeben . Die Größe dieser Opfertat erfüllte sie nun auch mit stolzer Bewunderung : Ihr Rudolf war es , der so hingebungs- und entsagungsvoll handeln wollte , im Dienste dessen , was ihr Friedrich erstrebt und was sein Beispiel und sein Andenken in des Knaben Seele gepflanzt hatte ... Noch vor Rudolfs Rückkunft verließ sie Brunnhof , um ihren ständigen Wohnsitz auf ihrer ererbten Besitzung , Grumitz in Mähren , zu nehmen . Dorthin überführte sie alle die teuern Andenken an ihren Toten - Bilder , Bücher , Möbel - mit denen sie sich stets umgab . In einer Richtung war es ihr sogar lieb , von Brunnhof wegzugehen . Der Ort erinnerte zu sehr an den zuletzt durchlebten Kummer , an das Sterben der armen jungen Frau und ihres lieben kleinen Enkelsohnes . Sie hatte den Knaben so zärtlich in ihr Herz geschlossen , so schöne Zukunftshoffnungen auf sein Haupt gesetzt . Er , der im zwanzigsten Jahrhundert jung sein und in voller Kraft in neueren besseren Zeiten leben würde - der Erbe von Friedrichs und Rudolfs Ideen - er würde deren Sieg wohl sehen , er würde vollenden , was sein Vater begonnen . Diese Träume waren verweht , zerstoben ... Jeder Platz im Garten , wo der Kleine gespielt hatte , jedes Zimmer im Hause , wo sein helles Stimmchen schallte , das ganze Brunnhof , dessen einstiger Herr er geworden wäre , war ihr der schmerzlichen Erinnerungen voll und sie verließ es nicht ungern . Graf Max Dotzky , Rudolfs Vetter und nächster Anwarter auf das Fideikommiß , diente beim Handelsministerium . Ganz vermögenslos , war er darauf angewiesen , von seinem Gehalt zu leben , und nur durch peinlichste Sparsamkeit gelang es ihm , sich von Schulden frei zu halten . Seinen Amtspflichten kam er mit größtem Eifer nach , denn es war sein Ehrgeiz , in der Laufbahn rasch vorzurücken , um nach einigen Jahren einen Rang zu erreichen , dessen Bezüge es ihm ermöglichen würden , das Mädchen heimzuführen , das er schon seit Jahren liebte . Ihrerseits war Elsbeth von Rels , Tochter des verwitweten Feldzeugmeisters Baron Rels , fest entschlossen , und wenn es auch zehn Jahre dauern sollte , darauf zu warten , daß Max zum Sektionschef oder doch zum Hofrat avanciere , um dann seine Frau zu werden . Unter den jetzigen Umständen war auf die väterliche Einwilligung nicht zu hoffen , und die jungen Leute sahen selber ein , daß es unmöglich war , sich einen Herd zu gründen . Diesem Vetter galt Rudolfs erster Besuch nach seiner Rückkehr in die Heimat . Er suchte ihn in seinem Bureau im Handelsministerium auf . Die beiden jungen Männer kannten sich nur wenig , sie waren höchstens ein halb Dutzendmal flüchtig zusammengekommen , daher war Max sehr erstaunt , als ihm der Amtsdiener den Besuch des Majoratsherrn meldete . Max war allein im Bureau . Er hatte sich eben müde gearbeitet an der Durchsicht eines besonders langweiligen Aktenstoßes . Aus besonderem Pflichteifer hatte er dies Jahr auf seinen Sommerurlaub verzichtet und die Hitze der Stadtluft drückte ihn nieder . Die Arbeit ging nur mühselig vom Fleck . Er war in trüber , physisch und moralisch unbehaglicher Stimmung . Beim Eintritt seines Vetters ging er diesem einige Schritte entgegen . » Was verschafft mir die Ehre Deines Besuchs ? « fragte er , Rudolf die Hand reichend . Im selben Alter wie Rudolf , sah er jedoch viel älter aus ; einige weiße Haare zeigten sich schon im blonden Spitzbart und an den Schläfen . Die Gesichtszüge , trotz der augenblicklichen Mißlaune , spiegelten große Gutmütigkeit - im ganzen eine sympathische Erscheinung . » Eine wichtige Angelegenheit , mein Lieber , « antwortete Rudolf . » Bitte , bitte - steh ' zu Diensten ... willst Du Dich setzen ? « Er selber ließ sich wieder vor seinem Schreibtisch nieder und schob den Aktenstoß beiseite . » Ich bin ganz Ohr . « Dadurch , daß Rudolf seinen Sohn verloren hatte , war nun wieder Max der nächste Anwärter auf das Majorat ... doch diese Tatsache hatte keinen besonderen Wert ; denn einmal war ja Rudolf nicht älter , zweitens war es nur allzuwahrscheinlich , daß er wieder heiraten und noch Söhne bekommen würde . Immerhin eine mißliche Einrichtung , diese Majorate , denn nicht immer kann ein Anwärter beim Anblick des Besitzers den Gedanken abwehren : Wenn Du plötzlich stürbest , so wäre ich ein reicher Mann ... Nein , an das hatte Max nicht gedacht ! aber doch - nicht ohne leises Neidgefühl - an Brunnhof und die sonstigen Reichtümer , die der andere sein eigen nannte , während er - - Rudolf hatte sich in einen seitlich vom Schreibtisch stehenden Lehnstuhl bequem zurückgelehnt und ein eigentümliches Lächeln zitterte um seinen Mund . » Ich will vom Majorat mit Dir reden , « begann er , als hätte er des Vetters Gedanken erraten . » So ? Und was denn ? « Max dachte , es handle sich um irgend eine Geschäftstransaktion , bei der die Einwilligung des Anwärters erforderlich wäre