die der Rede wert sind . « Nach dieser Rede erhob sich der König Ramses und sagte zu den andern Nilpferden : » Edelste Pferde vom edelsten Nil ! Hebt mich auf den Tisch , denn ich will eine Rede reden , die der Rede wert ist . « Die sechs andern alten Herren taten , wie der Ramses bat - und er sprach nun mit beweglichen Gesten , während er eine Pincette auf jeder Vorderpfote auf und zu schnappen ließ , auf dem Tisch wie folgt : » Edelster Onkel aus Europa ! Wenn wir so denken wollten wie Du in Deiner scheinbar harmlosen Bescheidenheit zu denken beliebst , so würden wir 99 % der Welt für überflüssig erklären - und mit dem letzten großen Perzent würden wir auch nicht viel anzufangen wissen . Edelster Onkel , es ist eben durchaus verkehrt , wenn wir bloß das scheinbar Edelste für wertvoll halten mögen - Alles hat seinen Wert - mindestens seinen Übergangswert . Das Edelste ist ein solches nicht , wenn es sich nicht aus einer weniger edlen Masse herausheben kann . Und außerdem sind doch die Faktoren der ganzen Wertschätzungsgeschichte nur Scheinfaktoren , nicht wahr ? Was wir Dir beibringen wollen , ist doch hauptsächlich : Schätzung der ganzen Welt . Du sollst Dich daran gewöhnen , in Allem etwas Edles zu sehen . Oh , wir wissen ja , daß du das stets gewollt hast - aber vom Wollen bis zum Können ist noch ein weiter Schritt - wohl mehrere weite . Wir wissen andrerseits sehr genau , daß Du zuweilen Diesem und Jenem aus moralischen Gründen ins Gesicht schlagen möchtest . Das tut aber doch kein gebildeter Mensch - für den gibt ' s eben keine Schurken . Der Gebildete haßt die Dummköpfe in keinem Falle - er weiß , daß auch Schurken bloß Schurken sind infolge Mangels an Verstand . Ein wirklich intelligenter Lump wird ein ganz anständiger Kerl sein , da nur ein Schafsgesicht einen nicht ganz sauberen Gedankengang in sich entstehen lassen kann . Und darum - entschuldige , daß ich ' s mit der Logik nicht sehr genau nehme - sind wir überzeugt , daß an Allen was auszusetzen ist , da es mit der Verstandeskraft der uns bekannten Lebewesen nicht vollendet aussehen kann . Denn wäre der Verstand Aller vollendet - so müßte ein Ei dem andern gleichen - was bekanntlich nicht der Fall ist . Und darum verlangen wir auch in den Kunstwerken nicht bloß die edelsten Terrassen und Dächer - sondern auch alle Stufen , die hinaufführen . Und darum - - - sind uns Deine Manuskripte durchaus nicht so überflüssig . Und Dir soll das Geschreibsel der größten Rhinozerosse auch nicht so überflüssig erscheinen . Und darum wollen wir itzo in erster Linie wieder was von Dir lesen . Hast Du nun wieder Mut ? Ja ? Na - da siehst Du es . « Ich mußte lächeln , biß mir auf die Unterlippe , gab drei Sachen und ließ mich auf einen Balkon führen , um die weißen Schneekuppen der Berge zu sehen - blauen Himmel , Schatten und Sonnenschein - Während ich allein auf dem Balkon saß , lasen die Ägypter , was ich ihnen gegeben hatte . Der lachende Wolf » Guten Morgen ! « sagte das gutmütige Trampeltier . Der Wolf aber lachte unbändig . » Warum , « frug nun ganz ernst das Trampeltier , » mußt Du so schrecklich lachen ? « Der Wolf lachte noch stärker . Das Trampeltier schüttelte den Kopf und konnte sich die Sache nicht erklären . » Klär mich auf ! « rief das Tier schließlich wütend . Der Wolf lachte am stärksten und sprach dann : » Am besten lacht es sich doch , wenn man gar keinen Grund zum Lachen hat . Das ist ja das wahre Lachen . « Und der Wolf lachte wie hundert glückliche Goldgräber ; das ganze Wald- und Wiesenland lachte mit . Das Trampeltier ging verblüfft um die nächste Ecke - da schrie ' s laut : » Dieser Wolf ! « Die Roseninsel Ein Klexmärchen Unter einem dunkelblauen Himmel schwamm eine Insel , die von oben bis unten mit Rosen bedeckt war - mit weißen , gelben und roten . Das war die köstliche Roseninsel ! Wege gab ' s auf der Insel nicht , denn es wohnte da Niemand ; die Rosen blühten und dufteten überall , daß die ganze Insel wie ein schwimmender Rosenstrauß aussah . Aber dieser Strauß war nicht glücklich - denn das Meer , in dem er schwamm , war pechrabenschwarze Tinte . Und wenn ' s windig wurde , spritzte die pechrabenschwarze Tinte hoch auf , so daß die meisten Rosen schwarz gesprenkelt wurden . Das machte die Rosen recht häßlich , und die Häßlichkeit machte die eitlen Blumen unglücklich . Es war den Rosen ganz unerträglich , daß Niemand nahte , um sie zu bewundern . Indessen - eines Tages segelte ein buckliger Zwerg auf einem Silberschiff übers große Meer - und kam dabei auch in die Tinte - wie schon Manche vor ihm . Während aber die Andern immer möglichst schnell aus der Tinte wieder rauszukommen strebten und sich für die beklexte Roseninsel durchaus nicht begeistern konnten - fiel es dem buckligen Zwerge gar nicht ein , die Tinte für ein Übel anzusehen - ganz im Gegenteil ! Der Bucklige wollte nämlich ein Land entdecken , das anders ist als alle andern Länder und von allen Menschen seiner Absonderlichkeit wegen gemieden wird . Nun - solch ein Land war eben die Roseninsel - das war die richtige Welt , die er suchte - die war ganz anders als die gewöhnliche Menschenwelt . Und die Rosen gefielen dem Buckligen über alle Maßen . » Schwarzgefleckte Rosen ! Wonnige Klexblumen ! « rief der kleine Mann schwärmerisch aus , » kommt an mein edles Herz ! Die Welt , die mit Tinte befleckt ist - die Welt ist allein mein wahres Heimatland - da sieht endlich mal Alles anders aus . « Und die Rosen kicherten . Aber der Bucklige landete , bahnte sich ein paar Wege bis in die Mitte der Insel und baute sich dort mit den Planken seines Silberschiffes einen kleinen Palast , allwo er lebte bis an sein seliges Ende . Die Rosen waren glücklich . Man kann sich eben auch in der Tinte wohl fühlen . Der buckliche Zwerg fühlte sich jedenfalls in der Tinte außerordentlich wohl - nur da war er wirklich auf Rosen gebettet . O du merkwürdige Rosenwelt ! O du sonderbare Tinte ! O du beneidenswerter Zwerg ! Silentium ! Sehr merkwürdige Affenpinscher stürmen in die Arena , das Publikum staunt , die Pauken donnern , und die Fidelbogen flitzen über die süßen Saiten der drolligen Knackmandel . Hinten rauscht ein altes Seidenkleid , in den Glühlampen zucken junge Geisterquallen . Die Affenpinscher aber halten sich den Mund zu und sagen nichts . Was ist passiert ? Die Erde hat sich eine Schlafmütze über die Ohren gezogen - eine dicke Schlafmütze ! Still ! Still ! Jetzt bloß ruhig sein ! Still ! Still ! Während die alten Ägypter drinnen lasen , saß ich draußen auf dem Balkon in einem sehr bequemen Sessel und rauchte meine nahrhafte Zigarre und schaute zuweilen über die Balkonbrüstung hinunter in die grausigen Abgründe , in deren Tiefe Wälder und Dörfer schimmerten . Und dann sah ich wieder hinüber zu den weißen Schneekuppen der Berge , die unter dem blauen Himmel mächtig leuchteten - mächtiger leuchteten als weißes Papier - da der Schnee doch komplizierter ist . Und ich sah Schatten und Sonnenschein - und Alles atmete tiefen Frieden - die Berge lagen so ruhig da - wie schlafende Kinder . Ich dachte an die Unsichtbaren und freute mich auf all das Leben , das ich später noch führen würde - mit andern Geistern zusammen - in mehreren Sphären zu gleicher Zeit . Und ich nahm mir vor , schon in meinem irdischen Leben so viel wie möglich vom zukünftigen durch Kombination vorwegzunehmen und zu Poesie zu machen . » Ausschöpfen läßt sich ja , « sagte ich zu mir selbst , » die große Welt doch nicht . Je mehr man von ihr kennen lernt , um so größer wird für uns das , was sie immer noch außerdem hat . « Dann sollte ich noch mehr Geschichten geben . Und ich gab - noch vier . Ich lass ' Dich nicht los ! Ein Zerrbild » Ich will , was ich will ! « schrei ich ihm schrill wie eine Lokomotiven-Pfeife dicht überm Ohrläppchen ins immer noch nicht ganz taube Ohr . Und da hab ' ich ihm den Rock zerrissen . Und da hab ' ich ihm mit dem Zeigefingerknöchel der linken Hand in das Fleisch gestoßen , das ihm überm Herzen sitzt . Und dann hab ' ich ihm an den Schlund gepackt , daß er die Augen verdrehte - wobei ihm der Schlips abfiel . Ich habe seinen dummen Schlips zertrampelt , und dann habe ich - wild ausgesehen wie ein Teufel . Und da hat er Angst bekommen und sich nicht länger gewehrt . » Ich laß ' Dich nicht los ! « Diese Worte sagt ich ihm so klar und deutlich , daß er vollkommen das Selbstbewußtsein verlor . Nun geht er ruhig neben mir - mein Schatten - mein Zerrbild ! Er sagt auch zu mir : » Ich laß ' Dich nicht los ! « Es klingt mir öfters sehr unheimlich - ich möchte eigentlich wieder allein sein . Diese verdammte Gier ! Diese verfluchte Sehnsucht ! Dieses alberne Herrschenwollen ! Alles dieses läßt uns auch nicht los - Nichts läßt los ! Diese Welt ist doch sehr fest ... Tief ! Glatt und grau liegt vor mir - unter mir - das große Wasser , das endlos ist wie der Unsinn . Schönes großes Wasser , hast Du mich lieb ? Eine merkwürdige Gestalt kommt hinten aus Dir heraus und geht auf Dir - wie ein dicker Rentier auf ' m Tanzboden geht - nach einer Bierreise ! » Gestalt , die Du da so unheimlich nahst , bist Du betrunken ? Du gleitest ja immer aus ! Geh vorsichtiger ! Langsamer ! Nicht mit beiden Füßen zugleich ! Immer erst den linken und dann den rechten Fuß - oder umgekehrt ! « Die merkwürdige Gestalt , die ganz in einen weißen Mantel gehüllt ist , kommt wirklich näher , obgleich sie fortwährend ausglitscht . Es muß ein seltsames Vergnügen sein , auf dem großen Wasser , das immer grau ist wie ein alter Sumpf , so mit Anstrengung herumzuglitschen . » Mensch , « rief ich , » wenn Du ein Mensch bist und Deutsch verstehst , so sage mir , warum Du da so beängstigend auf dem großen Wasser herumschwankst . Betrunken bist Du nicht - sonst lägst Du längst auf der Nase . « » Es ist eben , « versetzt der fortwährend ausgleitende junge Mann , » so furchtbar schwierig , hier zu gehen . « » Na , das merkt ein Pferd ! « schrei ich ihm zu , » warum machst Du Dir denn die Mühe ? Warum bist Du nicht zu Hause geblieben ? « » Ich will , « hüstelt nun der köstliche junge Mann , » unter allen Umständen für tief gehalten werden . « Mir wird ganz eigen zu Mute . Ich verstehe dieses Individuum durchaus nicht . Die Quälerei soll für tief gehalten werden ? Hat man nicht schon genug zu leiden ? Soll man sich noch Extra-Wunden schlagen ? Dem Kameel da unten geht ' s wohl wieder mal zu gut . » Das Schwierigste ist das Tiefste ! « flüstert der alberne Geck , » mir kann nichts schwierig genug sein . Mir gefällt übrigens der schlüpfrige Pfad ganz ausgezeichnet . « » Ach so ! « brüll ' ich nun , » Dir kommt ' s nur auf die Schlüpfrigkeit an ! Mensch , Du bist wirklich tief ! « » Tief ! Sehr tief ! « stößt heiser - wie stets - das Gespenst hervor und glitscht weiter , als ginge es auf einem eingeseiften Walroß . Es ist nicht mehr zum Ansehen . Es ist zum Schießen ! Gleich muß der dumme Kerl auf der Nase liegen ! Das soll alles » tief « sein ! Es ist zum Schreien ! Schlacht ein Schwein ! Schlacht Dein zerbrochenes Nasenbein ! Das ist noch tiefer , da ' s schmerzhafter ist . Ich steige höher - in die hellen Wolken hinein . Das ist wahrscheinlich nicht tief ! Aber ich glaube leider nicht daran , daß man weiterkommt , wenn man runterkommt . Ich bin wohl zu vernünftig ... Ich kann ' s aber nicht ändern ! Ewig ausgleitendes Gespenst ! - Du bist mir schrecklich - wie ein Alb auf der Brust ! Fall doch ! Nackte Kultur Schwarzer Spaß Schwipp ! Da flogen die schwarzen Cylinder , die weißen Bäffchen , die Trikots und Chemisettes , die Frackschöße und die Ärmelröcke , die Strümpfe , Krinolinen und alle die andern Höllenhüllen auf die großen Scheiterhaufen rauf . Die Flammen loderten majestätisch zum afrikanischen Himmel empor , und die schwarzen Herren und Damen aus Afrika umtanzten die lodernden Flammen wie die Besessenen . Nackt waren die schwarzen Menschen - splitternackt . Zehn Volksredner aus Europa hatten es fertig gebracht , ganz Afrika zu revolutionieren . » Schwarze Menschen ! « hatten die Volksredner gesagt , » Ihr müßt eine neue Kultur begründen . Laßt Euch von den Europäern nichts weiß machen . Die Europäer sind mit ihrer unnatürlichen Kultur sehr unzufrieden , da die vielen Kleidungsstücke den ganzen Menschen beengen . Werdet wieder nackt , wie ihr einstmals waret - und Ihr werdet plötzlich an der Spitze einer neuen Kultur stehen - an der Spitze der nackten Kultur - der natürlichen Kultur - die dem Menschen gestattet , frei zu leben - frei von allem Plunder . Es lebe hoch der nackte Mensch mit der splitternackten Kultur ! Hört Ihr schon was näher kommen ? Hört Ihr ' s noch nicht ? Es sind die Maler und Bildhauer , die da kommen ! Sie eilen aus allen Erdteilen herbei und wollen sich bei Euch niederlassen - da sie im nackten Menschen das ächte wahre Kulturideal erblicken . Das Fleisch ist der große Trumpf der Natur - die Kulturauster - also - hoch das schwarze Menschenfleisch ! Hoch ! Hoch ! « Und die Schwarzen entkleideten sich allesamt - und standen nun da in ihrer stolzen Nacktheit wie Adam und Eva im Paradiese . Die schwarzen Leute umtanzten mit ihren schwarzen Weibern die Scheiterhaufen , auf denen all die lächerlichen Bekleidungsgegenstände endgiltig verbrannten . Und dann arrangierten die sämtlichen nackten Völker des heißen schwarzen Erdteils einen grandiosen Küstenreigen mit Pechfackeln . Die Kinder trugen die Pechfackeln . Die Schwarzen faßten sich alle gegenseitig an die Hände und bildeten so eine mächtige Riesenkette - und die Riesenkette hatte die Form einer Landkarte von Afrika - denn diese Menschen-Kette drückte auf die sämtlichen Meeresküsten des afrikanischen Kontinents . Um die unzähligen Mohrenfüße plätscherte das Seewasser . Die Kinder mit den Fackeln jauchzten . Also zeigte sich die neue Kulturhorde den zurückgebliebenen Erdteilen in ihrer stolzen Nacktheit . Die zehn Volksredner aus Europa standen ganz nackt in dem Äquatorsonnenschein und gratulierten sich händeschüttelnd - dem hagersten von den zehn Volksrednern war allerdings die neue Kultur noch lange nicht nackt genug ; und sie beschlossen , in Europa hundert Millionen Rasiermesser anfertigen zu lassen - alle Haare sollten rasiert werden - sogar die Augenbrauen und die Wimpern . Die Schwarzen aber tanzten auf den Meeresküsten wie die Besessenen ; sie drückten sich dabei immer fester die schwarzen Hände ; die schwarzen Seelen dampften . Das war ein Kettentanz ! Das war ein Befreiungstanz ! Das war das erste nackte Kulturfest mit flackernden Pechfackeln und bewegten Beinen . Alle Mannsleute und auch die Weibsleute waren ganz aus dem Häuschen . Alle Künstler der Erde klatschten Beifall mit ungeheurem Eifer . Durch den kolossalen Schall entstanden viele Gewitter mit Blitz und Donner . Die Rasiermesser kamen langsam näher - auf reichbeflaggten Regierungsdampfern . In Timbuktu sollte den schwarzen Leuten das kunstgerechte gegenseitige Einseifen beigebracht werden ; das Rasieren verstanden sie bereits - nur mit dem Einseifen wollte es immer noch nicht so recht gehen . Die Seifensieder freuten sich so - wie Künstler und Barbier . Heiße Luft » Wie wird mir ? « rief der Stern Klixu . Ihm wurde so merkwürdig - Alles dehnte sich in ihm , und es ging so ' n großes Behagen durch seinen Leib . Und die ganze Welt schien ihm immer schöner zu werden - so lustig . » Wie wird mir ? « rief der Stern Klixu . Er war in eine andre Weltgegend gekommen - wo die Luft heiß ist . Was doch die Luft macht ! Dann war ich wieder mit den Nilpferdchen in einem kolossalen Grottensaal zusammen . In diesem Grottensaal gab ' s an den Wänden und Säulen und auf den Terrassen zwischen den feinsten Tropfsteingebilden unzählige blinkende Wasserfälle , die aber lautlos waren - was recht unheimlich , doch nicht unangenehm wirkte . Während wir nun langsam an stillen Teichen mit lautlosen Fontänen vorüberwandelten und ich mich im Stillen über alle diese Wunderwelten mal ordentlich auswunderte , fiel mir plötzlich schwer aufs Herz , daß auch diese herrliche Zeit ein Ende nehmen müßte - und daß ich auch den alten Ägyptern bald fern sein würde . Und mir traten , ohne daß ich ' s wollte , ein paar dicke Tränen in die Augen - ich lachte zwar gleich - aber die Ägypter merkten doch , was los war . Und wir sprachen vom Abschiednehmen . Der General Abdmalik meinte : » Als ich noch in Syrien gegen die Chetiter kämpfte und so manchen guten Kameraden durch den Tod verlor , wurde mir sehr bald klar , daß uns der Gestorbene oft viel näher ist als der Lebende . Die Leute , die sich bloß mögen , solange sie sich gegenseitig ins Auge sehen können , sind sich nicht sehr gut . Es gibt Freundschaften , für die es keine Entfernungen gibt - und auch keine zeitlichen Unterschiede . Und darum glaube ich , daß auch Du , lieber Onkel , bei uns bleiben wirst , wenn Du fort bist . Und darum sei nicht traurig . Werde nicht böse ! Das Wort Freundschaft genügt natürlich für derartige Zusammenhänge verschiedener Lebewesen ganz und gar nicht . Für die besten Dinge hat eben die menschliche Sprache Worte noch nicht gefunden . « » Und darum , « fiel nun der Pyramideninspektor ein , » müssen wir jetzt ganz besonders lustig sein und uns fest einprägen , daß es lichtlose Situationen nicht gibt . Wenn wir auch mal scheiden müssen - es ist auch das gut so . Manche Wesen wurden uns erst dadurch zu ganz außerordentlichen Wesen , daß wir von ihnen Abschied nehmen mußten . Das wird Dir auch zuweilen so gegangen sein . Das spielt bereits ins Geisterhafte hinein . Doch bevor wir Dir mehr von dem außerräumlichen Zusammenhange der Kreaturen erzählen - mußt Du uns etwas Längeres vorlesen - eine Geschichte , die uns eine Erinnerung bleibt , die uns verbindet mit Dir , so daß wir Dir auch helfen können , wenn Du nicht mehr bei uns bist . « Ich strich leise über Riboddis Kopf - Funken sprangen in meine Hand - und ich suchte danach in meinen großen Taschen lange Zeit . Und ich fand , was ich suchte - stieg auf eine Terrasse - und las dort : Lika Eine Künstler-Odyssee I Wie lachende Kinder schaukelten die Wellen auf der großen See . Der Himmel war dunkelblau . Das Wasser war dunkelblau . Lika saß in einer feinen weißen Porzellanschale , deren Rand so kraus war wie ein Kragen der Maria Stuart . Die ziemlich flache runde Schale zeigte im Innern krause Linien - mattbraune , die sich zierlich verschnörkelten , wie altindische Schrift . Und ein orangefarbiger Sonnenschirm schützte die Lika vor den Strahlen der Sonne . Der Schirmstock stak in der Mitte der Porzellanschale . Das orangefarbige Schirmdach war aus Seide - nicht gebogen , sondern grad und steif wie ein Schirm aus dem Lande der Chinesen . Lika wußte nicht recht , was sie denken sollte . Jedoch da tauchte plötzlich neben ihr im blauen Meerwasser ein dicker Triton empor und fragte , nachdem er sich das Wasser aus den Augen gewischt hatte : » Nun , Lika , wohin willst Du ? « Lika besann sich auf Worte , doch sie merkte , daß sie fast alle Worte vergessen hatte . Nur ein Wort fiel ihr wieder ein - das Wort » Heimat « . Und die Lika rief laut : » Du , ich möcht ' in die Heimat ! « Der Triton fragte wieder : » Was willst Du denn da ? « » Das Glück ! « Der Lika war dieses zweite große Wort ganz unwillkürlich in den Mund gesprungen . Jetzt merkte sie erst , was sie gesagt hatte , und sie lächelte darüber . Der Triton aber meinte : » Gut , so wollen wir die Heimat mit Deinem Glück suchen - nicht wahr , Lika ? « » Ja ! « sprach sie . Darauf schwamm der Triton - die Porzellanschale mit der Lika vor sich herschiebend - gradaus . Die Lika ließ sich das gern gefallen . II Als sie nun so eine gute Strecke gefahren waren , sahen sie einen kleinen Turm am Horizonte . Die Lika frug : » Was ist denn das da ? « Und der Triton sagte Wasser prustend : » Das ist ein Leuchtturm ! « Als sie ziemlich nahe daran waren , beugte sich ein riesiges Sprachrohr vom Turme hinunter , und die beiden Kinder des Meeres hörten eine laute Stimme - die frug dumpf : » Wer bist Du ? « Der Triton versetzte mit schallendem Gelächter : » Ich bin doch der Triton , der fidele Triton ! « » Wen aber hast Du , « kam ' s nun wieder aus dem Sprachrohr , » in der Porzellanschale ? « » Das ist doch , « gab da der Triton zurück , » die kleine Lika - die will wissen , wo ihre Heimat ist und ihr Glück . « » Ist das Kind sehr klug ? « Also hörten anitzo die Beiden fragen , und die Lika gab zur Antwort : » Ich hab ' s gar nicht nötig , sehr klug zu sein , wenn bloß mein Triton sehr klug ist . « Langes Schweigen . Dann aber brummte es im Sprachrohr : » Die Lika ist tatsächlich das klügste Kind der Welt . Ihr könnt in den Hafen fahren . « Da klatschte die Lika vernügt in die Hände und tat ganz stolz . Der Triton jedoch brüllte laut : » Blase die Zwerge zusammen ! Blase ! Blase ! « Und es geschah . Im nächsten Augenblick fingen tausend Blasen auf den Molen und am Ufer zu blasen an . Das Blasen erschütterte die ganze Luft , sodaß sich die Lika ihre beiden kleinen Ohren mit den Zeigefingern zuhalten mußte . III Die Zwerge kamen eiligst herbei . Die Lika fuhr mit ihrem Triton in den Hafen und ward dort von den Zwergen herzlichst begrüßt ; sie schwenkten mit ihren riesigen gelben Strohhüten fröhlich in der Luft herum . Und dann setzte sich der Triton mit seinen Fischbeinen bei der Feuerschänke auf den Hafenrand . Der fidele Triton trank ein paar Eimer Jammerschnaps und erklärte den Zweck seines Besuchs - er ließ sich dabei gemütlich von den Zwergen das Kreuz reiben . Die Zwerge rauchten fast sämtlich gute Cigarren und sahen in ihren buntdurchwebten Schlafröcken außerordentlich gutmütig aus , obgleich sie sich eigentlich nicht wenig einbildeten , denn sie waren Maler - ächte Künstler - und wußten das sehr genau . Wie daher der Triton beim zehnten Eimer fragte : » Wo ist das Glück ? « - riefen alle Zwerge sofort : » Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann . « Und als der Triton beim zwölften Eimer fragte : » Wo ist die Heimat ? « - riefen die Zwerge abermals : » Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann . « Die Lika unter ihrem orangefarbigen Sonnenschirm kraulte sich hinter den Ohren , kniff dem Triton in die Schuppen des linken Fischbeins und sagte : » Na , dann wollen wir nur das Land suchen . « Die Zwerge taten sehr erstaunt , und ein Dickkopf meinte : » Lika , eigentlich hätte ich Dich für klüger gehalten . « Der Triton lachte , Lika verstand das aber nicht . Und so verabschiedeten sich die beiden Kinder des Meeres , denn die Lika hatte es furchtbar eilig . Die Zwerge bedauerten , daß der Besuch so kurz bemessen gewesen sei , ließen wieder alle Blasen blasen , daß die Molen bebten - und dabei fuhr die Lika mit ihrem Triton am Leuchtturm vorbei wieder ins Meer hinaus , allwo es etwas dunkler wurde . IV Es ward Nacht . Die Sterne gingen auf und der große Mond . Der große Mond beleuchtete das große Meer , und die Lika freute sich an dem blitzenden Wellenglanz . Der Triton lenkte die Porzellanschale allmählich einem andern Lande zu ; einem grünen Lichte , das nur schwach am Horizonte vorschimmerte , kam er langsam näher . Die Lika machte den Sonnenschirm zu , bog den Stock nach vorn , so daß die Spitze sich auf den krausen Rand der Schale legte , und schlief ein bißchen ein . Als sie wieder erwachte , sah sie vor sich ein großes schwarzes Gebirge . Unten , wo der Fels ins Meer stieß , war ein großes zackiges Loch - das schimmerte grün - da fuhr der Triton mit der Lika durch . Und nun schwammen sie in einem weiten hohen grünen Grottensaal . In herrlichen Nischen standen weiße Gestalten aus Stein . Die Lika sah sich ganz verwundert um . Unten war Alles Wasser , doch an den Seiten hinter den Nischen führten weiße Treppen bis hoch in die grüne Lichtkuppel hinauf . Die weißen Gestalten aus Stein waren von Menschenhand geschaffen ; die beiden Kinder des Meeres waren bei den Menschen - die kamen jetzt langsam die weißen Treppen hinunter . Die ernsten Bildhauer in ihren weißen Gewändern glichen mit ihren langsamen Bewegungen bösen Gespenstern . Die Lika hielt den Atem an ; ihr lief ' s kalt über den Rücken . Die Bildhauer - lauter Menschen - kamen langsam immer näher , und das arme Kind in der Porzellanschale fürchtete sich . Der Triton schlug mit der Faust aufs Wasser , daß es hoch aufspritzte . V Der fidele Triton taucht unter , stößt beim Wiederauftauchen mit dem Kopf unter die Porzellanschale und hebt sie hoch in die Luft , hält aber noch die Hände an den krausen Rand . Die Bildhauer flüstern was und wenden sich ab - ihren Steingestalten zu . Der Triton bringt wieder dieselben Fragen wie bei den Zwergen vor , jedoch die Antwort bleibt aus - die Bildhauer hämmern an ihren Steingestalten . Vorsichtig setzt der Triton die Porzellanschale wieder ins Wasser und sagt ruhig : » Liebe Lika , wundre Dich nicht über die Schweigsamkeit dieser Herren . Sie wollen Dir mit ihrem Gehammer bloß dieselbe Antwort geben , die Du bei den Zwergen vernahmst . « Die Lika versetzte kleinlaut : » Ich weiß noch : Glück und Heimat ist dort , wo man Tag und Nacht Künstler sein kann . Da müssen wir wohl wieder weiter . Mir wird hier auch so schwül . « Der Triton lacht , daß es im grünen Grottensaal unheimlich schallt , und fragt wild : » Kein Modell gefällig ? « » Wir formen , « brummt darauf ein alter Bildhauer , » jetzt nur noch Menschenkörper ; die verkrüppelten Wesen - namentlich die knielosen - sind nicht mehr nach unserm Geschmack . « Das nimmt der Triton ganz ruhig hin , schwimmt wortlos mit der Lika durch die nächste Pforte ab - in einen roten Grottensaal , wo lauter Gruppen mit Schlangenarmen in den Nischen stehen . Es geht noch durch goldene , silberne , blaue und anders gefärbte Grottensäle . Überall - wilde Steingesellen mit lustigen Köpfen und seltsamen Gliedmaßen - abenteuerlich tolle Märchengeister . Öfters brummt der Fischbeinige : » Krüppel ! Feine Krüppel ! « Die Lika versteht nicht , was er damit sagen will . VI Und dann sind die Beiden wieder in der freien Welt - draußen unterm blauen Himmel . Die Morgensonne lacht , und die Lika lacht mit . Auf einem stillen Waldsee sind die Beiden , sie freuen sich über die grünen Bäume , über die Wasserrosen und über die weißen Schwäne , die würdevoll ihr Haupt umdrehen , um die Lika in ihrer Porzellanschale zu sehen ; Lika spannt wieder ihren orangefarbigen Sonnenschirm auf . Am Ufer blühen dicke bunte Blumen , wilde Enten fliegen hin und her , Hirsche kommen und trinken Wasser , sehen die Lika und laufen fort - in die dunklen Wälder , durch die Niemand durchblicken kann . Es ist still , es bleibt aber nicht still . Von einem Birkenhügel klingt ein sanftes Saitenspiel hernieder . Und wie sie weiter fahren , ertönen in den Wäldern harte Hörner und dröhnende Pauken - ganz in der Nähe hinterm hohen Schiff wird eine Flöte geflötet . Der Triton sagt : » Du , das ist ein Dudelsack ! « Aber danach hören sie einen glockenhellen Gesang - viele Mädchenstimmen ! An den Ufern wird ' s auf allen Seiten immer lauter - Geigengesumm und