, dies heut nicht zu thun , wußte aber , daß dies vergeblich sein würde . Er stand auf und ging an dem Wasser entlang , bis er hinter einigen Büschen verschwand , um dort seine Morgenandacht zu verrichten . Sein Gang war fest , seine Haltung sicher gewesen . Das beruhigte mich in der Weise , daß ich die Augen schloß , um schnell noch ein Viertelstündchen Schlaf hinwegzunehmen . Wie gedacht , so geschehen : Ich schlief wirklich sofort ein und wachte nicht eher auf , als bis ich von dem Lärm des Aufbruches erweckt wurde . Niemand wußte , daß ich die Nacht hindurch gewacht hatte . Darum nahm ich es dem Scheik nicht übel , als er mich scherzweise einen Langschläfer nannte . Der abgeschickte Bote war schon mit den beiden Tachtirwans angekommen . Man hatte das frugale Frühstück eingenommen . Auch ich trank einige Schluck Wasser aus dem Bache und aß ein paar Datteln , wobei ich meinen Halef beobachtete , welcher still auf seiner Decke saß , starr vor sich hinblickte und für niemand , auch nicht einmal für mich ein Auge zu haben schien . War es so schnell anders mit ihm geworden ? » Halef ! « rief ich ihn . Er antwortete nicht . » Halef ! Hörst du mich ? « Er nickte nur , sagte aber nichts und drehte sich auch nicht nach mir um . » Ist dir nicht wohl ? « fragte ich . » Laß mich ! « bat er jetzt mit gedrückter Stimme . » Sprich nicht auf mich ! « » Warum nicht ? « » Ich kann nicht antworten . Ich bin so müde , so matt , so unendlich matt ! « Da ging ich hin und beugte mich zu ihm nieder . Er legte den Arm um meinen Hals und sagte : » Sihdi , mein lieber , lieber Sihdi , wie denkst du über das Sterben ? « » Ich denke , daß wir beide noch recht , recht lange darauf warten werden , « antwortete ich . » Meinst du ? Mir aber ist , als ob es sofort beginnen solle . So wie mir jetzt ist , muß es einem sein , der sterben soll ! « » Denke nicht daran ! Es ist nichts als Müdigkeit . « » Aber eine so große , wie ich sie noch nie empfunden habe ! Wenn ich mich nicht legen soll , so muß ich dich bitten , mich festzuhalten , damit ich nicht umfalle . « Soeben wurden die gefesselten Gefangenen auf ihre Pferde gebracht . Die beiden Verwundeten wollte man in die Tachtirwans bringen . Da gab ich dem Scheik die Weisung : » Die zwei Gefangenen kommen miteinander in eine Sänfte ! « » Für wen ist die andere ? « fragte er . » Für Hadschi Halef . « » Für den Scheik der Haddedihn ? « gab er verwundert zurück . » Wie kann jemand , der ein solches Pferd besitzt wie er , auf den Gedanken kommen , wie ein Weib in eine Sänfte zu steigen ! « » Er ist krank . Er kann nicht reiten . « Da nahm Halef seinen Arm von meinem Halse , sprang mit einem schnellen , kräftigen Rucke auf , sah mir mit funkelndem Auge in das Gesicht und rief zornig aus : » Sihdi , bist du toll ? Hast du plötzlich die Gabe deines Verstandes verloren ? « Ein einziger Augenblick hatte genügt , ihn in ein Bild der höchsten Energie zu verwandeln . » Nein , « antwortete ich . » Ich bin sogar sehr bei allen meinen Sinnen . « » Das kannst du unmöglich sein , wenn du mir zumutest , nicht zu reiten , sondern mich tragen zu lassen ! « » Es muß sein , lieber Halef . Füge dich ! « » Das fällt mir nicht ein . Soll ich zum Gelächter aller Menschen werden , die es gegeben hat , die es jetzt giebt und auch die es einst noch geben wird ? « » Nein . Die Krankheit ist doch nicht etwas , worüber man zu lachen hat ! « » Aber der Tachtirwan . Uebrigens bin ich ja gar nicht krank ! « » Und soeben fühltest du dich zum Umfallen schwach ! « » Jetzt nicht mehr . Das ist vorüber ! « » Es wird wiederkommen ! « » Nein ! Dein altes Weib , welches keine Zähne mehr hat , werde ich mir vom Leibe zu halten wissen ! « Es war die Erregung des Stolzes , die ihm die Kraft gegeben hatte , aufzuspringen . Er griff mit beiden Händen nach dem Kopfe . Es schwindelte ihm . » Sei gut , Halef ! « bat ich . » Ich bin ja gut ! Gegen dich kann ich doch gar nicht anders sein ! « » Jetzt bist du es nicht . Du weißt , daß ich dich nie um etwas bitte , was nicht nötig ist . « » So machst du gegenwärtig eine Ausnahme . Das , was ich thun soll , ist vollständig überflüssig ! « » Streiten wir uns nicht hierüber ! Kannst du dich noch besinnen , daß du mir eines Tages etwas schenken wolltest und doch nichts hattest ? « » Ja . Das war zu deinem Geburtstage . « » Du warst traurig darüber , daß du mir nichts geben konntest . Besinne dich ! Was sagtest du da zu mir ? « » Ich bat dich , mir es zu sagen , wenn du einmal einen recht , recht großen Wunsch haben würdest . Ich versprach , ihn dir zu erfüllen . « » Ja , und zwar unbedingt zu erfüllen ! Nun , diesen Wunsch habe ich jetzt ausgesprochen , und ich wiederhole ihn ! Steig in den Tachtirwan ! « » So forderst du das von mir als nachträgliches Geburtstagsgeschenk ? « » Ich fordere es nicht , sondern ich erbitte es mir . Sei brav ; sei willig , lieber Halef ! « » O , mein guter , guter Sihdi , wenn du in diesem Tone mit mir redest , kann ich dir nicht widerstehen ! Aber , hast du gehört , was der Scheik sagte ? « » Denke nicht daran ! « » Er sagte : Wie ein Weib in die Sänfte steigen ! Wenn ich es thue , gebe ich meine ganze Würde hin ! « » Nein ! « » Doch ! Die Würde des Mannes , die Würde des Kriegers und die Würde des Scheikes ! « » Diese drei Würden werden dir bleiben ; aber die Würde meines Freundes würde verloren gehen , wenn du es nicht thätest . « » So thue ich es . Aber mein Gewehr und alles , was zum Manne gehört , muß ich mitnehmen dürfen ! « » Selbstverständlich ! Ich danke dir ! « » Und du hebst mich hinein . Es soll mich kein anderer anfassen als nur der allein , dem zuliebe ich es thue ! « » Gern . So komm ! « Ich war ihm behilflich , einzusteigen , und gab ihm dann seine Waffen hinauf . Als dies geschehen war , kam der Scheik zu mir . Er hatte gespannten Auges zugesehen und fragte nun : » Sihdi , wer wird jetzt das Pferd Halefs reiten ? « » Niemand , « antwortete ich , von seiner Frage nicht etwa angenehm berührt . » Würdest du es mir nicht für diese kurze Zeit erlauben ? « » Nein . « » Sihdi , bedenke , daß wir Brüder sind ! Du bist mein Gast ! « » Das weiß ich . Und eben weil ich es weiß , darf ich dir deinen Wunsch nicht erfüllen . « » Du darfst nicht ? Oder willst du nicht ? « » Ich darf nicht . « » Warum ? « » Das Pferd würde dich abwerfen . « » Du brauchst ihm ja nur das Zeichen zu geben , so wird es dies nicht thun ! « » Aber dieses Zeichen ist ein Geheimnis , und die Geheimnisse eines Vollblutpferdes werden selbst dem bestem Freunde , dem Bruder , dem Gaste nicht verraten . Das mußt du wissen . Grad weil ich dein Gast bin , ist es deine heilige Pflicht , nichts von mir zu fordern , was ich dir nicht gewähren kann . Die Auslegung des Kuran sagt : Wer das Antlitz seines Gastes durch eine unerfüllbare Bitte schamrot macht , ist nicht wert , Gäste zu haben . Das scheinst du nicht zu wissen ! « Nachdem ich ihm diese Lehre , und zwar im ernstesten Tone , erteilt hatte , wendete ich mich von ihm ab . Es war mir mehr als unangenehm , ja , es machte mich bedenklich , immer wieder zu bemerken , daß er danach trachtete , die Geheimnisse unserer Pferde zu erfahren . Ich bestieg meinen Assil und nahm Barkh am Zügel , um ihn neben mir hergehen zu lassen . Der Scheik mußte es hinnehmen , daß ich ihn von jetzt an nicht mehr beachtete . Ich wagte dabei nichts , denn im Besitze unserer Hengste und unserer Gewehre hatten wir , so lange wir Vorsicht übten , die ganze Schar dieser Beduinen nicht zu fürchten . Und daß der Scheik dies wußte , das war aus seinem Verhalten mit Sicherheit zu schließen . Es war ein schöner , frischer Ritt in den jungen , kühlen Morgen hinein . Dann später , als die Sonne über den östlichen Bergen erschien , wurde es schnell warm . Wir hatten nicht unsere gestrige Richtung rückwärts eingeschlagen , sondern wir ritten den Weg , auf welchem der Bote die von ihm geholte Hilfe gebracht hatte . Ich achtete aber weniger auf die Gegend als auf Halef , den ich während der ersten Zeit nicht sah , weil er in dem Grunde der Sänfte lag . Doch später setzte er sich auf und ließ sein Gesicht erscheinen , um nach mir auszuschauen . Als er mich an seiner Seite sah , nickte er mir lächelnd zu und sagte : » Sihdi , das alte Weib ist wieder fort . Ich bin so munter , daß ich gern aussteigen und lieber reiten möchte . « » Ich bitte dich aber , sitzen zu bleiben , « antwortete ich ihm . » Meinst du , daß sie wiederkommt ? « » Ja « . » Ich glaube es nicht . Die Schwäche ist heraus ! « » Nein , sie steckt noch drin . Sie wird vielleicht sogar noch größer werden . « » Du irrst , Sihdi . Ich sehe ja , daß sie heraus ist . « » Du siehst es ? Wieso ? « » Ich habe sie jetzt außen auf der Brust . « Diese Worte erschreckten mich , obgleich ich so etwas erwartet hatte . Ich verstand ihn gleich ; ich wußte , was er meinte . Wenn es sich um Petechien handelte , so hatte ich das Richtige befürchtet : Halef war typhuskrank . » Hast du Flecken auf der Brust ? « fragte ich . » Ja , Sihdi . « » Wie sehen sie aus ? « » Ich war bei Kindern , welche an der Chassba47 litten . Das ist eine Krankheit , welche die Haut zu färben pflegt . Genau von dieser Farbe sind die Flecken , die ich jetzt bei mir bemerke . « Mit diesen Worten hatte er das Kennzeichen des Petechialtyphus angegeben . Daß gewisse Beobachtungen , welche ich seit gestern an ihm gemacht hatte , nicht genau mit den Symptomen dieser Krankheit übereinstimmten , konnte mich nicht beirren . Jedes Leiden pflegt nebenbei seine individuellen Erscheinungen zu haben . Ich wußte nun , daß es sich möglicherweise um das Leben Halefs handeln konnte , daß die größte Schonung , die sorgfältigste Pflege geboten war und daß ich selbst im günstigen Falle an eine Genesung vor Ablauf eines Monates nicht denken durfte . Was das heißt , wenn man sich dabei in fremder Gegend und unter halbwilden Menschen befindet , kann man sich unschwer denken ! » Du bist so still ! Worüber denkst du nach ? « fragte er nach einiger Zeit , in welcher ich nicht gesprochen hatte . » Ich fragte mich nach dem Lager dieser Dinarun . So gute , geräumige und bequeme Zelte wie unsere Haddedihn werden sie wohl nicht besitzen . « » Nein , solche nicht , Sihdi ! Die giebt es nur bei uns ! Aber das erwarte ich gar nicht . Wozu auch Zelte ? Wir bleiben doch höchstens nur einige Stunden dort , weil schon heut gegen die Dschamikun aufgebrochen wird . « » Das halte ich nicht für so bestimmt wie du . « » Es ist bestimmt . Du weißt ja , daß ich es dem Scheik versprochen habe , und was ich verspreche , das halte ich ! « » Aber ich ? Habe ich es auch versprochen ? « » Nein . Doch mein Wort gilt natürlich auch als das deinige , und ich hoffe , daß du mich nicht Lügen strafen lässest ! « Hierauf sah ich ihn nicht mehr . Er hatte sich wieder niedergelegt . Die Schwäche war also doch zurückgekehrt ! Von nun an geschah nichts Erwähnenswertes , als daß einer der Dinarun voranritt , um unsere Ankunft zu melden . Der Scheik befand sich , wie gestern , an der Spitze des Zuges , und da er es vermied , zu mir zu kommen , hatte ich noch viel weniger Veranlassung , ihn da vorn aufzusuchen . Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren , daß es vielleicht besser gewesen wäre , wenn wir ihn und seine Leute gar nicht getroffen hätten . Es wäre uns wahrscheinlich auch ohne ihre Hilfe gelungen , wenn auch nicht so schnell und mühelos , unsere Absicht durchzusetzen . Nach einigen Stunden gab es wieder Büsche . Wir befanden uns also nicht mehr in wasserloser Gegend , wie vom heutigen Aufbruche an , und ich vermutete , daß wir nun nicht mehr fern dem Ziele seien . Diese Mutmaßung bewährte sich als richtig . Ich sah einen Reitertrupp erscheinen , welcher uns entgegenkam , und nun hielt es der Scheik endlich für geboten , sein Pferd so lange anzuhalten , bis wir ihn erreicht hatten . Dann deutete er mit der Hand vorwärts und sagte : » Sihdi , da nahen Krieger meines Stammes , um euch willkommen zu heißen . Wirst du erlauben , daß sie euch mit dem gebräuchlichen Lab el Barud48 empfangen ? Eine Fantasia , die wir euch als so lieben Gästen schuldig sind , wird abgehalten werden , sobald wir uns im Angesichte des Lagers befinden . « Das Lab el Barud besteht gewöhnlich in einer tollen Schießerei , bei welcher sehr viel Pulver verschwendet wird . Bei der Fantasia werden allerlei Reiterkünste gezeigt . Beides hat den Zweck , den Gast zu ehren und ihm zu zeigen , daß die , welche ihn empfangen , als gute Reiter und Schützen seiner Achtung würdig sind . Ich hätte dem kranken Hadschi diesen Lärm wohl gern erspart , damit aber wahrscheinlich die Dinarun beleidigt , und da durch die Ausführung dieser Gebräuche das gegenseitige Gast- und Freundschaftsverhältnis bestätigt wird , so hielt ich es in Hinsicht auf unsere Sicherheit für geraten , meine Zustimmung zu erteilen . Als ich dies gethan hatte , gab er den Nahenden mit dem erhobenen Arme ein Zeichen , worauf sie im Galopp herangesprengt kamen , uns einige Male im Kreise umritten und unter wildem Schreien aus ihren langen Flinten wiederholte Salven und einzelne Schüsse abgaben . Dann sammelten sie sich hinter uns , um sich uns anzuschließen . » Bist du mit diesem Empfange zufrieden ? « fragte mich der Scheik im Weiterreiten . » Ja , « antwortete ich . » Wir danken euch ! « » Ich glaubte , du habest deine Erwartungen nicht erfüllt gesehen . « » Warum ? « » Weil du mit keinem einzigen Schusse diesen Empfang erwidert hast . « Das war ein Vorwurf , der mir nicht gefiel , und dem eine versteckte Absicht zu Grunde liegen mußte . Und diese Absicht konnte sich nur auf die gastliche Treue beziehen . Das wurde mir von jenem Mißtrauen gesagt , welches sich nun einmal nicht in mir niederdrücken lassen wollte und jetzt wieder seine warnende Stimme erhob . Darum antwortete ich : » Du weißt , o Scheik , daß wir weder Knaben , noch Neulinge , sondern erfahrene Männer sind . Wir wissen ganz genau , was so ein Lab el Barud zu bedeuten hat . Aus euren Gewehren hat die Stimme der Gastfreundschaft gesprochen . Diese Schüsse waren eure Versicherung , ja euer Schwur , daß ihr euch Mühe geben werdet , alle eure Pflichten gegen uns zu erfüllen . « » Weiter nichts ? « fragte er . » Nein . « » Du irrst ! Durch diese Schüsse richteten wir auch die Frage an euch , wie es mit den Pflichten stehe , die ihr gegen uns auf euch genommen habt . « Da hielt ich mein Pferd an , faßte den Zügel des seinigen , daß es auch stehenbleiben mußte , richtete mich im Sattel auf , sah ihm grad und forschend in das Gesicht und sagte : » Das würde eine Beleidigung für uns sein ! « » Nein ! « behauptete er . » Doch ! « » So bitte ich dich , es mir zu erklären ! « » Es sollte dieser Erklärung gar nicht erst bedürfen ! Die Gastfreundschaft ist zwischen euch und uns bereits geschlossen . Ihr habt uns euer Wort gegeben und dafür das unserige erhalten . Ist das so ? « » Ja , « gestand er ein . » Haltet ihr uns für Lügner ? « Als ich meinem Blick hierbei einen drohenden Ausdruck gab , senkte er den seinen und antwortete : » Nein . Ich gebe dir die Versicherung , dies ganz und gar nicht gemeint zu haben ! « » Das ist es , was ich wissen wollte ! Wenn wir unser Wort geben , so halten wir es unter allen Umständen . Es bedarf bei uns keiner weiteren Versicherung durch irgend eine That oder gar durch ein bloßes Spiel , bei welchem wir gezwungen wären , unsere Munition zu vergeuden , die viel kostbarer als die eure ist . « Ich machte eine Pause , um den nächsten Worten eine erhöhte Bedeutung zu geben , und fuhr dann fort : » Oder sollte es dir vielleicht so außerordentlich wichtig sein , zu sehen , wie unsere Gewehre beim Schießen gehandhabt werden müssen ? Wir schießen niemals im Spiele , sondern stets nur dann , wenn der Ernst uns dazu zwingt , wenn wir uns verteidigen müssen . Aber dann sitzt jeder Schuß ; das kannst du mir gut glauben ! Wenn ihr es für notwendig gehalten habt , euren Worten durch eure Schüsse größere Glaubhaftigkeit zu verleihen , so sage ich dir , daß wir so etwas nicht nötig haben , weil unsere Worte Thaten sind , die nicht erst noch besonders bestätigt zu werden brauchen ! Und nun frage ich dich : Sind wir im vollsten Sinne des Wortes eure Gäste oder nicht ? « » Ihr seid es , « versicherte er , indem er mir die Hand herüber hielt . Es war ihm anzusehen , daß er sich beschämt fühlte . Vielleicht gab es in seinem Innern auch noch etwas anderes als diese Scham allein . Ich schlug ein , gab sein Pferd frei und sprach , indem wir nun weiter ritten : » Du weißt nun ganz genau , wie wir über die Heiligkeit und Verletzlichkeit des gegebenen Wortes denken . Fordere also nicht von uns , etwas hinzuzufügen , denn so ein Wunsch würde eine schwere Beleidigung für uns sein ! « » Und doch hast du etwas ähnliches von uns gewünscht , ohne daß es mir eingefallen ist , es dir übelzunehmen ! « » Was ? « » Das Lab el Barud und die Fantasia . « » Soll ich gezwungen sein , dich , unseren Gastfreund , Lügen zu strafen ? Du hast uns beides angeboten ; ich habe es nicht verlangt . Das ist der Unterschied . Und durch dieses dein Angebot hast du eigentlich gesagt , daß dein Wort erst noch weiterer Bekräftigung bedarf , bevor man ihm Vertrauen schenken kann . « » Das habe ich nicht gewollt ! Bei Allah ! Wenn du mich in dieser Weise verstanden hast , so zwingst du mich jetzt , eine Bitte auszusprechen . « » Welche ? « » Auf die Fantasia zu verzichten ! « » Das thue ich sehr gern ! « » Sie wird also in Wegfall kommen , damit du nicht ferner annimmst , daß sie als Bestätigung des euch gegebenen Wortes nötig sei . Wir wissen ebensogut wie ihr , was so ein Wort bedeutet ! « Ja , das wußte er wohl ganz gewiß . Aber etwas anderes wußte und fühlte er wohl nicht , nämlich daß das gegebene Wort seine ganze Heiligkeit verliert , wenn es Veranlassung giebt , in einer so peinlichen Weise über seine Bedeutung verhandeln zu müssen . Wir ritten jetzt eine langsam ansteigende , sonnige Höhe empor , welche dicht mit niedrigen Genistenpflanzen bewachsen war . Tausende von weißen Schmetterlingsblumen sandten uns da ihre köstlichen Düfte zu . Dieser Strauch , welchen die Hebräer Retom nannten , ist identisch mit dem » Wachholder « des alten Testamentes , welches von dem Propheten Elias erzählt : Er kam in die Wüste von Bersaba und setzte sich unter einen Wachholder und wünschte sich den Tod und sprach : Es genügt mir , Herr . Nimm meine Seele , denn ich bin nicht besser als meine Väter . Und er legte sich nieder und entschlief im Schatten des Wachholderbaumes . Und siehe ein Engel des Herrn rührte ihn an und sprach : Steh auf , und iß ! Man sah hier und da eine Ziege , welche sich die weichen Spitzen der Zweige schmecken ließ , und Kinder , von denen diese Tiere beaufsichtigt wurden . Das war ein Zeichen , daß wir uns dem Lager näherten . Zu den Ziegen gesellten sich fett geschwänzte Schafe mit sonderbar langen , lappigen Hängeohren . Einige magere Rinder kauten seitwärts im harten , scharfen , schilfähnlichen Grase . Dann kamen wir an zerstreut weidenden Eseln und Maultieren vorüber , und endlich sahen wir den Lagerort , nicht oben auf der Höhe , sondern unterhalb derselben sich seitwärts an der Berglehne hinziehend . Die uns dort erwartenden Dinarun waren benachrichtigt worden , daß die Fantasia zu unterbleiben habe . Dennoch saßen sie alle zu Pferde , weil es für sie eine Schande gewesen wäre , uns zu Fuße zu empfangen . Sie waren so freundlich , wie wir es erwarteten , drückten dies aber mehr durch Gesten und Pantomimen als durch Worte aus . Redselig , wie der Beduine fast immer gegen Gäste ist , zeigten sie sich nicht . Das genierte mich aber nicht . Es gab vielmehr einige andere Beobachtungen , durch welche ich mich enttäuscht fühlte . Doch , davon später . Es mochten gegen zweihundert Männer hier versammelt sein . Ich überflog den ganzen Plan mit schnellem Blicke . Zelte gab es nur wenige , und diese waren ärmlich . Das beste von ihnen wurde uns von dem Scheik als das bezeichnet , in welchem wir wohnen sollten . Die vorhandenen Pferde waren teils mittel- , teils auch minderwertiges Material , und es gab höchstens zehn oder fünfzehn , für welche man etwas mehr als den gewöhnlichen Durchschnittspreis hätte bieten können . Außer den Zelten gab es nur niedrige Hütten , welche aus Ginsterzweigen errichtet worden waren . Weiber , Kinder , Maultiere und Esel - man verzeihe , daß ich dies zusammen nenne - waren nur so viele da , wie zum Transporte der geringen Habseligkeiten und der mageren Schlachttiere gebraucht wurden . Noch ehe wir dieses sogenannte » Lager « erreichten , hatte Halef sich in seinem Tachtirwan wieder aufgerichtet und mir zugerufen : » Sihdi , mein Herz ist voller Wehmut und meine Seele voller Traurigkeit , daß ich nicht im Sattel sitzen kann . Was werden die stolzen Krieger der Dinarun von mir denken , daß ich meinen Einzug bei ihnen in einer alten Sänfte halte ! Sie werden mich nicht für Hadschi Halef , den Scheik der Haddedihn , sondern für die Erzgroßtante aller Urgroßmütter halten . Ich bin wirklich zu schwach , aus diesem Kasten zu steigen . Aber später werde ich ihnen zeigen , daß dies nur ein vorübergehender und von mir unverschuldeter Zustand meiner einzelnen Bestandteile ist , die ich schon wieder zum Gehorsam bringen werde ! « Er wußte wie ich , daß die Dinarun aus mehreren tausend Familien bestanden , jede wenigstens fünf Personen zählend , und im Besitze ganz bedeutender Herden waren . Darum hatte er sich das Lager derselben ganz anders vorgestellt , als wir es jetzt sahen , und sich unseren Empfang auch ebenso ganz anders gedacht . Diese Enttäuschung schien aber keineswegs deprimierend , sondern ganz im Gegenteile sogar kräftigend auf ihn zu wirken , denn als er einen Blick über die ganze rund umher bemerkbare Aermlichkeit geworfen hatte , begann er mit dem ganzen , lieben Gesichte zu lächeln und sagte : » Wie schön , wie wirklich schön ich es hier finde ! Gefällt es dir nicht auch , Sihdi ? « » Nein ! « antwortete ich . Ich konnte das sagen , weil wir in diesem Augenblicke unbeobachtet waren . » Nicht ? Was bist du doch für ein sonderbarer Mensch ! Mir gefällt es außerordentlich . Weißt du , warum ? « » Nun ? « » Weil ich sehe , daß diese Leute arm sind , so arm , daß es mich erbarmt ! Wir werden gebraucht , Sihdi ; wir werden gebraucht ! Das macht mich froh ! Du weißt , daß ich tausendmal lieber gebe , als daß ich nehme . Nehmen kann auch der Faule und der Kranke . Aber wer geben und dem andern nützlich sein will , der muß thätig sein und sich zusammenraffen . Als ich die Dinarun vorhin für reich hielt , war ich schwach . Jetzt sehe ich , daß wir ihnen helfen müssen ; nun schau , was ich thue ! « Er wollte aus der Sänfte heraus , ohne sich unterstützen zu lassen . Ich war noch nicht abgestiegen , drängte mein Pferd zu ihm hin und warnte : » Nicht unvorsichtig , Halef ! Du bist - - - « » Was bin ich ? « fiel er mir in die Rede . » Nicht mehr schwach , sondern stark bin ich . Da , paß auf ! Willst du es etwa hindern ? « Er wendete sich blitzschnell auf die andere Seite hinüber , stieg über den Rand der Sänfte , hielt sich am Sattelhorne fest , glitt von dem Kamele herab und kam zu mir herüber . » Nun ? Was sagst du jetzt ? « fragte er . » Bin ich noch immer krank ? « » Sogar sehr ! « antwortete ich , indem ich mich vom Pferde schwang . » Das , was du thust , kann man ja nur im Fieber thun ! « » Fieber ? Fällt mir gar nicht ein ! Hier hast du meine Adern . Greif hin , soviel du willst ! « Ich that , was er wollte . Sein Puls schlug matt , aber regelmäßig - ein wahres Wunder ! Seine Augen glänzten und sein Gesicht strahlte , aber nicht in Fieberhitze , sondern vor Freude . » Nun ? « fragte er . » Halef , sei vorsichtig ! « warnte ich . » Du bist jetzt einen Augenblick frei , aber es wird - - - « » Was wird ? « unterbrach er mich . » Du meinst , jenes alte , zahnlose Weib werde wiederkommen ? Mag sie ! Sie wird auch wieder gehen müssen ! Jetzt aber laß uns essen und mit dem Scheik der Dinarun verhandeln . Du siehst , daß er sich darauf vorbereitet hat ! « Ja , man hatte sich auf unser Kommen eingerichtet . Die Luft trug den Duft bratenden Hammelfleisches von den Feuern zu uns herüber . Einige Frauen breiteten Decken aus , auf denen die Speisenden sitzen sollten , und stellten daneben Gefäße mit Wasser , welches aus einer bergseits hervorfließenden Quelle geschöpft worden war . Nafar Ben Schuri kam , um uns zum Essen einzuladen . Halef erklärte sich sofort bereit und folgte ihm . Mir wurde himmelangst um den kleinen Freund . Typhus - - - und gebratener Hammel , vielleicht sogar der fürchterlich fette Schwanz desselben , welcher den Gästen stets geboten wird , weil er als das beste Stück des Bratens gilt ! Das konnte sein Tod sein ! Ich nahm mir gar nicht Zeit , erst unsere Pferde abzusatteln , sondern führte sie hin zur Stelle , wo gegessen werden sollte , pflockte sie dort an und setzte mich zu dem Scheik und Halef nieder , welcher gar nicht säumte , die Hände zu falten und mit einem lauten » Be ism lillahi49 ! « das Essen einzuleiten . Der Scheik legte ihm wirklich das dickste , vom Fette triefende Schwanzstück vor , und Halef nahm es an . Ich wollte ihn daran hindern ; da aber sah er mir einige Sekunden lang still in das Gesicht . Er sagte kein Wort dazu ; aber dieser Blick bedeutete mehr als