: » Es wird ein schönes , begabtes Kind werden , dies Kind der freien Liebe . « Lotte sah sprachlos zu ihm hin . Ein stolzes Lächeln lag auf seinem Gesicht . » - Ja , Gerhart - aber nun - ist es doch selbstverständlich , dass wir sobald als möglich - « Er hörte gar nicht auf sie . » Wenn es ein Knabe ist , und ich hoffe zuversichtlich , es wird einer sein , wollen wir ihn Erik nennen , wie den Helden meines Frühlingsdramas . Ist es ein Mädchen , mag sie Helga heissen . « » Nicht Luise , wie mein Mütterchen ? « wandte Lotte schüchtern ein . » Luise ist so altmodisch , Kleines . Uebrigens passt der Name auch nicht in den Rahmen Eurer Zukunft . « » Eurer Zukunft ? « » Nun ja , Deiner und des Kindes . Ich sehe sie ganz deutlich vor mir erstehen . An einem stillen Ort , nicht allzuweit von hier , ein kleines weinumsponnenes Häuschen , davor ein Gärtchen mit bunten Blumen . In dem Gärtchen Du und das Kind , beide in weissen leichten Gewändern . An den Festtagen meines Lebens , wenn mir ein grosser Wurf gelungen , oder aber wenn ich müde geworden bin nach langer Arbeit , komme ich zu Euch hinaus und suche Trost und Frieden und neue heisse Liebe in Eurem Schoss . « Lotte hatte die Hände über dem Knie gefaltet und blickte still zu Boden , damit er die Thränen nicht sehen sollte , die ihr im Auge standen . Er meinte es ja gewiss gut mit dem was er sprach , aber sie hörte aus alledem nur das eine heraus , dass er nicht immer bei ihr sein werde . Der Mann nicht bei seiner Frau ! Der Vater : nicht bei seinem Kind ! Er aber sagte ganz arglos : » Nun Kleines , wie gefällt Dir mein Plan ? « Und als sie nicht antwortete , hob er ihr Gesicht zu sich auf und sah die Thränen über ihre Wangen fliessen . » Weshalb weinst Du denn ? « fragte er ein wenig ungeduldig . » Aengstigst Du Dich so sehr ? Aber Kleines , Mutter werden ist doch etwas natürliches ; Milliarden Frauen und Mädchen machen es durch . « Sie schüttelte sanft den Kopf , dass das wirre Lockenhaar in der seitlich durch die Stämme fallenden Sonne aufblitzte . » O nein , ich ängstige mich gar nicht . Es ist nur , dass Du so selten bei mir sein willst - ein Mann gehört doch nun einmal zu seiner Frau . « Sie hatte das Letzte nur ganz leise und verschüchtert hervorgebracht . Eine Ahnung sagte ihr plötzlich , dass er , der Priester und Verkünder der freien Liebe , am Ende etwas ganz Anderes gemeint habe als eine Ehe . Ein kurzer , halb gepfiffener , halb gehauchter Laut kam von seinen Lippen . So also stand es . Das erwartete sie ! Einen Augenblick schwankte er , ob er ihr nicht gleich die volle Wahrheit sagen , sie gar nicht erst im Zweifel darüber lassen solle , dass er niemals daran denken würde , sie zu heiraten . Aber als er sie so vor sich sitzen sah in ihrer rührenden Schönheit , ein Bild hingebender , vertrauender Liebe , brachte er ' s nicht übers Herz . Er wollte sie langsam an den Gedanken gewöhnen . In dieser Stunde , da sie ihm eben erst ihre Hoffnung gestanden hatte , wäre es brutal gewesen , mit einem einzigen Schlage ihr die Zukunft zu zertrümmern . So stand er auf und fuhr ihr liebkosend über das Haar . » Sei Du nur ruhig , mein Kleines , und rege Dich nicht auf . Ich werde schon Mittel und Wege finden , alles nach Deinen Wünschen einzurichten . Und jetzt komm ! Wir wollen auf die Höhe steigen . « Er zog sie empor . Mit stiller Glückseligkeit hing sie sich an seinen Arm . Seine nichtssagenden Worte hatten sie völlig beruhigt . - In den nächsten Tagen kam Lotte naturgemäss bei jeder Gelegenheit auf den Heiratsplan zurück , um so dringender , je schlechter sie sich jetzt zu befinden begann . Gerhart war mehrmals daran , seine zusammengekünstelte Fassung zu verlieren und ihr die Wahrheit ins Gesicht zu sagen . Im Grunde war ihm selbst bei der ganzen Angelegenheit übel genug zu Sinn . Trotzdem er die freie Liebe sich zum Lebensprinzip gemacht hatte , ging es ihm doch nahe , dass gerade Lotte ihr zum Opfer fallen sollte . Gerade weil er wusste , dass sie niemals ernstlich auf einer Erfüllung seiner Pflichten gegen sie bestehen würde , dass sie nicht zu jener Kategorie von Mädchen gehörte , die mit dem Revolver in der Hand sich ihr Recht zu wahren wissen , gerade darum that es ihm doppelt weh . Und doch kam er nicht auf den Gedanken , sie zu heiraten , des Lebens volle Bürde auf sich zu nehmen , Pflichten zu üben , wo er sich bisher nur Rechte angemasst hatte . Zum ersten Mal aber dämmerte ihm in stillen Stunden die Erkenntnis auf , dass es am Ende doch , ins Praktische übertragen , ein eigen Ding um die freie Liebe sei , und dass der Traum von ihr bedenklich in Gefahr schwebe , an der Wirklichkeit zu zerschellen . Immer wieder stand diese aufkeimende Erkenntnis vor Gerhart auf , und immer wies er sie zurück . Mit Ungeduld erst , mit Wut und Zorn am Ende . Sollte er und die ganze Schule der Modernen im Unrecht sein gegen einen alten Zopf ? Sollten am Ende aller Enden wirklich die Philister recht behalten mit ihrer Behauptung , dass die vielverspottete Ehe eine unentbehrliche Institution sei , sie , die Feinde der Ehe aber keine modernen Wirklichkeitsmenschen , wie sie selbst so stolz sich nannten , sondern verträumte Romantiker , deren erbitterter Krieg gegen die Familie mit einem kläglichen Fiasko enden musste ? Nein , tausend und abertausend Mal nein . Er wollte nichts hören , nichts wissen von solcher Philisterweisheit . Nochmals und abermals ein Pereat der Ehe , der Familie , ein donnerndes Vivat aber der Jugend , dem Glück , der freien Liebe ! - - - » Mein Wort darauf , Lotte , ich habe jetzt keine Zeit . Ich werde in Dahlow erwartet , komm doch ein ander Mal wieder , wenn Du mich durchaus sprechen musst . Morgen , übermorgen , wann Du willst . Bloss jetzt halte mich nicht auf . Na , aber wie stehst Du denn da ? Wie ' n Klumpen Unglück . So komm doch mit , aber schnell . Fräulein , Sie können zu Hause bleiben . Meine Schwester fährt mit nach Dahlow . Rufen Sie nur einen Taxameter herüber , aber ' n bischen plötzlich . « » Na , Gott sei Dank - « Und Lena warf sich ganz erschöpft in das Polster des Wagens , Lotte neben sich niederziehend . » Anhalter Bahn , Kutscher , was die Pferde laufen können . Es giebt ein Trinkgeld . « Lotte war ganz betäubt von diesen sich überhastenden Vorgängen . Sie war zu Lena herausgekommen , um ihr zu sagen , dass sie in der allernächsten Zeit die Wohnung in der Zimmerstrasse verlassen müsse . Sie wollte sie um Rat fragen , wie sie das anfangen solle . Da Lena in letzter Zeit ausschliesslich mit dem Wirt verhandelt hatte , würde sie ihr vielleicht den Gefallen thun , zu versuchen , statt ihrer mit ihm handelseinig zu werden . Lotte brannte der Boden in der Zimmerstrasse unter den Füssen . Sie zitterte davor , dass irgend jemand ihr ansehen könne , was mit ihr vorgegangen war . Sobald sie die Wohnung los war , wollte sie möglichst weit davon , irgendwo draussen ein Zimmerchen mieten , wo niemand sie kannte . Am liebsten wäre sie ganz fortgegangen von Berlin bis zu ihrer Heirat . Aber davon wollte Gerhart nichts wissen . Tausend Gründe sprachen dagegen . Sie musste doch auch dabei sein , wenn sein Stück aufgeführt wurde , sie seine Muse , sein Modell , sein Weib . War es erst so weit , dann würde auch alles andere gut werden . Damit vertröstete er sie , sobald sie anfing von der Zukunft zu sprechen . - Jetzt hielt der Wagen an dem Anhalter Bahnhof . Unterwegs hatte Lena ihrer Schwester keine Zeit gelassen zu sprechen . » Im Coupé , Lotte . Wir werden wahrscheinlich allein fahren . Strehsen wird wohl schon gleich nach dem Dienst nach Dahlow ' rausgegondelt sein . « Lena brauchte in der letzten Zeit mit Vorliebe dergleichen burschikose Ausdrücke , die sie von Kurt und andern männlichen Stammgästen ihres Geschäfts aufgeschnappt hatte . Bornstein war wenig erbaut von dieser saloppen Art. Ueberhaupt fand er jetzt recht häufig an Lena zu tadeln . Seit das Geschäft ihr Gelegenheit gab , fortwährend mit Herren zu verkehren , war Lena entschieden kokett geworden . Sie leugnete es auch gar nicht und lachte ihn aus , wenn er darüber brummte . » Klappern gehört zum Handwerk « , behauptete sie . Er sprach nicht oft darüber , aber er ärgerte sich im Stillen , dass sie nicht mehr den Eindruck der Dame machte wie früher . Heut würde ihm der Gedanke , sie zu heiraten , jedenfalls weit problematischer vorgekommen sein , wie damals in Potsdam , wo er nahe daran gewesen war , sie um ihre Hand zu bitten . Ein wahres Glück , dass er ' s damals aufgeschoben hatte ! Auch Lotte bemerkte , dass Lena verändert war . Aber da sie sich gegen sie gut und herzlich zeigte , weit herzlicher als in der Uebergangszeit , in der sie einander so fremd geworden waren , fand sie keinen Grund , ihr nicht alles das zu sagen , was sie ihr hatte sagen wollen . Lena war auch gleich bereit , mit dem Wirt zu sprechen . Sie zweifelte nicht daran , dass er Lotte aus dem Kontrakt lassen würde . Die Wohnung war ja auch wirklich viel zu gross für Lotte . Graue Haare sollte sie sich aber um die Sache ja nicht wachsen lassen . Wollte er nicht , nun dann liess er ' s eben bleiben . Das mit der Miete würde sie schon weiter in Ordnung bringen . Ob denn das Geschäft so glänzend gehe ? Lena lachte . » Glänzend nicht , aber es macht sich . Ich thue was ich kann , und habe eine Masse Kundschaft . Pass ' mal auf , was der alte Mehlmann , das ist nämlich Bornsteins Obergärtner , für ' n Respekt vor mir hat . Er schämt sich ordentlich ein bischen vor mir . Der hat nämlich geglaubt , ich würde in acht Tagen pleite sein . Nee , so dumm sind wir nicht . « » Aber , Lena , was Du für Ausdrücke brauchst ! « » Fängst Du auch an zu predigen ! Ich rede wie mir der Schnabel gewachsen ist , und das gefällt den Leuten gerade . Nur nicht zimperlich , Lotte , damit kommt man in Berlin nicht weit . « Lotte stutzte und antwortete nicht . Vielleicht , ja wahrscheinlich hatte Lena recht . Trotzdem Bornsteins und Lenas Beziehungen entschieden etwas gelockert waren , war es für Bornstein doch ein grosser Tag , als Lena nun endlich nach Dahlow kam . Er hatte sich ihren ersten Besuch , den er so lange und anfangs so heiss ersehnt hatte , allerdings früher weit anders ausgemalt . Aber wer weiss was noch kam , wenn Dahlow heute ihr Herz , oder besser ihren Sinn für Luxus , Schönheit und Behagen gewann . Mit Lenas Herz hatte Bornstein zu rechnen aufgehört . Der heutige Besuch war eigentlich ein rein geschäftlicher . Mehlmann , der wirklich einen gewissen Respekt vor dem jungen Mädchen hatte , wollte ihr neue Kulturen zeigen . Ausserdem wollte Lena Zwiebeln und Setzlinge aussuchen und sich über verschiedene Erdmischungen belehren lassen . Trotz dieses geschäftlichen Hintergrundes hatte Bornstein ein förmliches kleines Fest für Lena vorbereitet . Wenn sie nur nicht darauf bestanden hätte , ihr albernes Ladenfräulein als Anstandsdame mitzubringen ! Kurt , der schon seit ein Uhr bei ihm herumlag , würde sich schwerlich als Partner für den ganzen übrigen Tag an der Verkäuferin genügen lassen . Dann waren sie wieder zu Dreien , wie so oft , und er hatte so gut wie nichts von Lena . Schon eine Viertelstunde vor Ankunft des Zuges schritt er ungeduldig mit Kurt auf dem Bahnsteig auf und ab . Endlich fuhren die Wagen ein . Kurt hatte die Schwestern zuerst erspäht . » Donnerwetter , « rief er , » das ist schneidig . « Und den jungen Mädchen entgegeneilend , rief er Lena schon von weitem zu : » Das haben Sie famos gemacht , Fräulein Lena , allen Respekt . Mein Kompliment , Fräulein Lottchen . « Lena lachte und begrüsste beide Herren mit gleicher Herzlichkeit . » Es freut mich , dass Sie es mir nicht übel nehmen , dass ich die Lotte mitgebracht habe . Der Wurm wollte mich durchaus sprechen . Da habe ich sie der Einfachheit halber gleich mit aufgepackt . « » Sehr gescheidt , Lena , « sagte Bornstein , ihr freundschaftlich die Schulter klopfend . » Du hättest gar nichts besseres thun können . « In der That atmete Bornstein auf . Kurt hatte ihm neulich so viel von Lottes Mondscheinschönheit vorgeschwärmt , dass der leichtsinnige Kourmacher zweifellos für den Rest des Tages besorgt und aufgehoben war . In der besten Laune fuhren sie durch eine Allee alter Kastanien dem Schlosse zu . Selbst Lotte wurde durch den Uebermut der andern ein klein wenig aus ihren trübsinnigen Gedanken gerissen . Wer doch auch ein so leichtes Herz haben könnte wie diese drei ! Der Tag verlief völlig programmmässig . » Erst das Geschäft , dann das Vergnügen , « wie Lena von vornherein angeordnet hatte . Das Herrenhaus , der weitläufige Park , vor allem aber die wundervollen , im wahrhaft grossen Stil angelegten Gärtnereien - alles viel schöner und vornehmer als ihre Kinderschwärmerei Klockow - entzückten Lena bis zur Begeisterung . Aber sie war viel zu klug , sich ihre staunende Bewunderung anmerken zu lassen . Ihr Freund durfte niemals auf den Gedanken kommen , dass sein prächtiges Besitztum ihr zum Fallstrick werden könnte . Gerade , dass er etwas kühler gegen sie geworden war , ohne sie im geringsten zu vernachlässigen , war Lena ausserordentlich bequem . So konnte sie , da er ihr mehr freie Zeit liess als früher , unbehelligt ihren Geschäftsinteressen nachgehen und im übrigen als unumschränkte Gebieterin in ihrem Hause sich den Luxus gönnen , zu empfangen wen sie wollte , ohne einer fortdauernden Kontrolle zu unterstehen . Wahrhaftig , es war alles so gekommen , wie sie es nur in ihren kühnsten Träumen zu hoffen gewagt . Sie verlangte vorerst nach gar nichts anderem , als dies Leben eine Weile ruhig fortsetzen zu können , am liebsten so lange , bis sie gänzlich unabhängige Besitzerin des Geschäfts war . Dann konnte man ja auch am Ende ans Heiraten denken . Für etwas anderes als für diesen soliden Abschluss ihrer goldenen Freiheit war Lena nach wie vor absolut nicht eingenommen . Nachdem mit Mehlmann alles besprochen war und Lena erreicht hatte , was ihr notwendig dünkte , führte Bornstein seine Gäste auf die luftige Gartenterrasse . An einer reizend arrangierten Tafel wurde ein spätes Diner mit einer exquisiten Speisenfolge und beinah noch exquisiteren Weinen eingenommen . Dann fuhr ein eleganter Jagdwagen vor , den man in sehr erhöhter Stimmung bestieg . Nur Lotte war über Tisch wieder stiller und sehr blass geworden . Bornstein fuhr selbst . Er wollte Lena gern seine gesamten Ländereien zeigen . Es war doch unmöglich , dass ihr der reiche Besitzstand nicht imponieren sollte . Und wirklich erreichte Bornstein es , dass sie sich jetzt nicht mehr ganz so im Zaume hatte wie vor dem Diner , und öfters in begeisterte Rufe ausbrach . Als sie durch das weitläufige Waldrevier fuhren , that sie ihren Gefühlen sogar nicht den geringsten Zwang mehr an und schien in ihrer lebhaften Bewunderung Bornstein wieder einmal reizender und begehrenswerter denn je zu sein . Als er aber auch nur die leiseste Miene machte , die Situation auszunutzen , wurde sie sofort wieder nüchtern , so dass er verstimmt früher ans Umkehren dachte , als es ursprünglich in seinem Plan gelegen hatte . Auch Kurt , mit Lotte hinter den beiden sitzend , war , wie er Bornstein später anvertraute , » nicht auf seine Kosten gekommen « . Verwünscht vornehm war die blasse Putzmacherin gewesen . Der Deibel mochte wissen , was in diesen kleinen Mädchen steckte . Bei anbrechender Dunkelheit fuhren sie wieder in den Gutshof ein . Bornstein beurlaubte sich auf ein paar Augenblicke und lud dann seine Gäste noch einmal auf die Gartenterrasse hinaus . Ein vielstimmiger Ausruf des Entzückens lohnte seine hübsch ausgedachte Ueberraschung . Der weite Rasenplatz unterhalb der Terrasse mit seinen vielfarbigen Blumenrabatten , der Halbkreis alter , schöner Bäume , der ihn im Hintergrund umstand , war während ihrer Abwesenheit feenhaft erleuchtet worden . Es war wirklich ein wundervoller Anblick , der sich den dreien bot . Nun stieg auch von der Mitte des Rasens noch ein buntes Kugelspiel leuchtender Raketen zu dem sternenhellen Junihimmel auf und zerplatzte knatternd und prasselnd zu unzähligen , weit hinstiebenden Feuerfunken . Dieser letzte grossartige Effekt hatte bei Kurt das Mass der Begeisterung zum Ueberlaufen gebracht . Mit lauter , überschnappender Stimme brachte er ein Hoch auf den Gutsherrn von Dahlow aus , in das Lena und Lotte aus herzlichster Ueberzeugung einfielen . - Als Lotte sehr spät und stark übermüdet von dem Bahnhof nach Hause kam , fand sie auf dem Esstisch einen Brief für sie liegen . Die Aufwärterin , die zwei Mal in der Woche die gröbste Arbeit verrichtete , musste ihn wohl mit heraufgebracht haben . Sie glaubte , der Brief sei von Gerhart , den sie heute den ganzen Tag nicht gesehen hatte . Atemlos vor Freude stürzte sie darauf zu . Dann , nachdem sie die Aufschrift überflogen , liess sie das Schreiben enttäuscht wieder auf die Platte gleiten . Nicht Gerhart , sondern Franz Krieger hatte geschrieben . Da Lotte trotz der Müdigkeit zu erregt war , um gleich schlafen zu gehen , nahm sie nach wenigen Augenblicken den Brief wieder auf , erbrach ihn und fing an zu lesen . Es war ein langes Schreiben und enthielt manches , was sie bewegte und beunruhigte . Franz Krieger zeigte ihr den Tod seiner Mutter an . Sie war nach kurzer Krankheit heimgegangen und hatte ihm ein unerwartet grosses Vermögen hinterlassen , so dass er halb und halb die Absicht hegte , sein nun schuldenfreies Geschäft daheim zu verkaufen und sich wo anders , etwa in Berlin , anzusiedeln . Lotte möge ihm doch Nachricht geben , wie sie darüber denke . Da sie und Lena nicht zurückgekommen wären , sich also vermutlich in der neuen Heimat wohl befänden , sähe er nicht ein , weshalb er nicht auch versuchen sollte , sein Glück in Berlin zu machen . Ein eisiger Schrecken war ihr bei dieser Botschaft durch die Glieder gefahren . Franz Krieger in Berlin ! Nur das nicht , nein ! Nicht eher , als bis sie Gerharts Frau geworden war . Wenn er ahnen , wissen würde , wie es um sie stand , die Schande glaubte sie nicht überleben zu können . Und er würde es wissen , wenn er sie wieder sah , hatte er ihr doch stets jedes kleinste unausgesprochene Leid von der Stirn und aus den Augen gelesen . Er durfte nicht kommen , nein , und wenn es unerlässlich war , wenn er sich nicht abreden liess , dann musste sie gehen ehe er kam , oder aber sie musste Gerhart zu einem raschen Entschluss zu drängen suchen . Fröstelnd und schauernd sass sie trotz der warmen Juninacht da und grübelte über diese neue beklemmende Frage , der sie wiederum so gar nicht gewachsen war . Erst als der Morgen zu grauen begann , tastete sie sich unsicheren Schrittes zu ihrer schmalen Bettstatt . Lena hielt Wort . Sie kam schon nach einigen Tagen , um mit dem Wirt zu sprechen . Da sie ihn stets um den kleinen Finger gewickelt hatte , ging die Sache zu Lottes grosser Befriedigung glatt ab . Der Hausbesitzer wollte Lotte schon am ersten Juli , also in zehn Tagen aus dem Kontrakt entlassen . Sie war natürlich sofort bereit , von dieser Vergünstigung Gebrauch zu machen . Gerhart freilich würde dieser schnelle Entschluss verstimmen . Aber das half nun einmal nichts . In diesem Punkte fühlte Lotte , würde sie fest bleiben . Vielleicht wenn er sie dann , schon wegen der grossen Entfernung , die sie zwischen sie zu legen gedachte , mehr entbehren musste , würde er schneller über seine immer neuentstehenden Bedenken gegen eine Ehe fortkommen . Es musste , musste ja doch sein ! Immer weniger begriff sie sein Zögern und Zagen . Auch Lena war befriedigt , dass ihre Mission sich so rasch und glücklich erledigt hatte . Sie hätte zwar Lotte ihr Wort gehalten und sie bei der Zahlung der Miete noch für eine Weile unterstützt , oder dieselbe ganz übernommen , aber es war doch besser so , für Lotte nicht nur , sondern auch für ihre eigene Kasse . Lena setzte jetzt ihren ganzen Ehrgeiz dafür ein , sich sobald als möglich von Bornstein unabhängig zu machen . Gute Freunde konnten sie ja deswegen doch bleiben , dann erst recht . Nur danken mochte sie auf die Dauer niemandem etwas , am wenigsten einem , der immer wieder den Versuch machte , Ansprüche für sich aus solcher Dankespflicht abzuleiten . Wie in alten Zeiten sassen die beiden Schwestern oben in Lottes » Atelier « beisammen , nachdem Lena vom Wirt wieder herübergekommen war . Lena plauderte von ihrem Geschäft und Lotte hörte ihr zu , während sie einen billigen Sonntagshut für das Ladenfräulein nebenan aufsteckte . Es kam ihr jetzt so selten Arbeit ins Haus , dass sie schon zufrieden war , wenn sie überhaupt zu thun hatte . Während Lena sprach , konnte Lotte den Gedanken nicht los werden , dass sie der Schwester noch ganz etwas Besonderes habe sagen wollen . Ihr armer Kopf war ihr von allem Grübeln jetzt oft so schwer , dass sie zuweilen nicht auf das nächstliegende verfiel . Doch richtig , ja , jetzt wusste sie es wieder , sie hatte ihr von Franz Kriegers Brief erzählen wollen . Das einfachste war schon , sie gab ihn Lena zum Lesen . Viel Sprechen war Lottes Sache jetzt weniger denn je . Nachdem Lena das lange Schriftstück entziffert hatte , sprang sie wie eine kleine Wilde im Zimmer umher . Das war ja famos ! Himmlisch ! Natürlich sollte er nach Berlin , der Franz , lieber heute wie morgen ! Sie wollte ihm schon zeigen , dass man nicht bloss zum Vergnügen nach der Kaiserstadt gekommen sei , sie wollte ihm schon beweisen , dass man denn doch eine Rolle hier spiele , und die schlechteste nicht . Wenn sie ihn erst durch ihr Geschäft oder ihre Wohnung geführt haben würde , sollte er beschämt eingestehen , dass er sich denn doch gewaltig in Lena geirrt habe und für all seine kleingläubigen Zweifel hübsch demütig Abbitte thun . Lotte sah ihre Schwester ganz entgeistert an . Daran hatte sie wahrlich zuletzt gedacht , dass Lena etwas für Franz ' Pläne übrig haben würde , nachdem sie sich so empört über ihn geäussert hatte . Aber bei Lena freilich kam eben immer alles anders als man es voraussah . Das hatte sie nun von ihrer Mitteilsamkeit . Nun würde Lena ihm am Ende noch zureden , nach Berlin zu kommen . Hätte sie ihr doch lieber gar nichts von dem Brief gesagt ! Franz hatte ja nur an ihr eigenes Urteil appelliert ! » Aber Lena , ich begreife Dich nicht , Du warst doch so wütend auf ihn ! « Lena lachte : » Aber nun bin ich ' s nicht mehr . Franz ist doch jetzt was , und wenn man erst was ist , dann wird man auch gleich ein anderer Kerl mit anderer Einsicht und anderen Anschauungen . Sieh mich doch ' mal an ! Bin ich nicht wie ausgewechselt , seitdem ich Ladenbesitzerin bin ? Und denk ' ' mal , wie fein Lotte , wenn Franz hier ein grosses Geschäft aufmacht - in der Leipzigerstrasse oder vielleicht gar Unter den Linden ! So was wie Borchardt in der Französischen Strasse ! Famos , was ? Dann brauchst Du auch nicht mehr Hungerpfoten zu saugen , Lotte ! Dann bestellen wir uns Diners bei ihm , und Sekt , und alle möglichen guten Sachen ! « » Aber Lena - ! « Lena liess sich nicht stören . » Und weisst Du , das kann einem wahrhaftig kein Mensch übelnehmen , dass es einen kitzelt , jemandem , der eine so schlechte Meinung von einem hat , eine andere beizubringen . Ich könnte vor Vergnügen bis an die Decke springen , wenn ich nur denke , was Franz für Augen machen wird , wenn er mein türkisches Boudoir und mein Speisezimmer zu sehen kriegt . « Sie umarmte Lotte stürmisch . » Das Leben ist doch zu hübsch , Lotte ! Na , nun muss ich aber nach Hause ! Wenn wir uns bis zu Deinem Umzug nicht sehen sollten , schreibst Du mir wohl gleich Deine neue Adresse . Zieh ' nur nach dem Westen ' raus . Wenn es auch noch so weit von der Stadt entfernt ist , das ist jetzt chic . « Und damit war Lena herausgewirbelt wie ein bunter Schmetterling , den man noch eben zu halten glaubt und der , ehe man sich ' s versieht , schon wieder durch die blaue Luft taumelt . - Gerhart hatte Lottes Ankündigung , dass sie ihre Wohnung in der Zimmerstrasse aufgegeben habe , ruhiger aufgenommen , als sie es nach früheren Auseinandersetzungen über diesen Punkt hatte erwarten dürfen . Auch Gerhart riet , nach dem Westen herauszuziehen , wo sie mehr freie Luft und Gelegenheit zu gesunder Bewegung habe . Was wollte sie zwischen den Häuserkolossen der inneren Stadt ! Sie war wahrhaftig schon blass und elend genug , als dass sie noch notwendig gehabt hätte , verdorbene Luft und betäubenden Strassenlärm eigens aufzusuchen . Damit war die Angelegenheit vorerst für ihn erledigt gewesen , wenigstens hatte er nicht mehr mit Lotte darüber gesprochen . Dagegen schilderte er ihr immer aufs neue den grossen Eindruck , den auch die zweite Hälfte seines Frühlingsdramas dem Direktor der Freien Bühne gemacht habe . Schon jetzt wollten sie gemeinsam daran gehen , die geeigneten Darsteller zu suchen . Besonders für den Erik und die Helga mussten ungewöhnliche Individualitäten herbeigeschafft werden . Es sei nicht ausgeschlossen , dass er im Laufe des Sommers ab und zu - auf Kosten des Direktors natürlich - in die Provinz gehen müsse , um nach darstellerischen Kräften auszuschauen . » Schade , dass Du mich nicht begleiten kannst , mein Kleines , « hatte er dann mit zärtlichem Bedauern hinzugefügt . Und sie hatte schmerzlich betroffen still für sich gedacht : » Ich könnte es ja doch am Ende , wenn Du nur wolltest ! « - Nach mancherlei mühseligem Suchen hatte Lotte endlich ein Stübchen und eine Küche weit draussen in Schöneberg gefunden . Die kleine Wohnung lag zwar im vierten Stock , aber sie war sehr billig und hatte den Vorzug , dass man aus den niedern Dachfenstern weit über freie Felder sah und eine gute gesunde Luft atmen konnte . Von ihren Möbeln konnte Lotte nur den kleinsten Teil in den beiden engen Räumen unterbringen . Ob Gerhart nicht einiges davon für ihre künftige gemeinsame Wohnung aufheben wollte ? Es kam bei dem Verkauf von Möbeln immer so schrecklich wenig heraus , das hatte sie zu Haus nach Mutters Tode bei Auflösung des Hausstandes gesehen . Aber Gerhart wollte nicht . Was sollten sie mit dem alten Kram ? Wenn sie sich ein Nest bauten , sollte es weicher und farbenfroher ausgefüttert sein . So liess Lotte schweren Herzens all die netten Sachen , die sie mit Lena vor kaum einem Jahr angeschafft hatte , zum Trödler bringen . Am schwersten wurde es ihr , sich von der Einrichtung ihres Arbeitszimmers zu trennen . Wie viel schöne Hoffnungen hatten sich an den grossen Glasschrank geknüpft , der für ihre Hut-Auslagen bestimmt gewesen war ! Wie oft hatte sie ihn im Geiste schon in einem hübschen Geschäftslokal in der Friedrichsstrasse stehen sehen ! Und wie freudig hatte sie zuerst an dem grossen Arbeitstisch geschafft ! Sie sah ihn noch vor sich , den ersten Hut für Marie Weber , den sie an der schönen geräumigen Platte aufgesteckt hatte . Und doch , mit dieser ersten Arbeit , die den Anforderungen und dem Geschmack der Grossstadt so gar nicht entsprach , hatte sich ihr Schicksal eigentlich schon besiegelt . Stück für Stück musste sie so dahin geben . Nur das notwendigste behielt sie zurück , und das war bald herausgeschafft in ihr neues ärmliches Heim . Als Lotte selbst zum letzten Mal über den Hof in der Zimmerstrasse schritt , der ihr mit seinem schattenden Nussbaum , den vielen Fenstern , die hell und freundlich auf ihn hinaussahen , dem grossen Stück Himmelsblau , das sich darüber spannte , im vorigen Herbst so anmutend erschienen war , krampfte sich ihr das Herz zusammen . Hier hatte sie