dem Chandschar mitzuteilen ! « Da konnte sich selbst Hanneh nicht länger halten . Sie bog sich über den Rand des Tachtirwahn herab und rief ihm zornig zu : » Hadschi Halef , du bist der Unvorsichtige gewesen , du selbst , du , du ! « » Ich - - - ? « fragte er , zweifelnd zu ihr aufschauend . » Ja , du ! « » Inwiefern ? « » Mirza Dschafar hat es gut gemeint , auch konnte er nicht wissen , daß uns dieser Basch Nazyr einmal zu einer Zeit begegnen werde , in welcher der Effendi Veranlassung hat , einen andern Namen zu tragen . Giebst du das wohl zu ? « » Ja , ja ! Du weißt ja , wenn du sprichst , welche die klügste unter den weisesten aller Frauen ist , so hast du stets nur das gesagt , was auch ich in diesem Falle sagen würde ! « » Gut ! Du aber wußtest , daß der eigentliche Name des Effendi verschwiegen bleiben soll ; du hörtest auch , daß der Basch Nazyr den Mirza kennt , und sprachst dennoch von dem Chandschar ! Du konntest dir doch denken , daß beide von dieser Waffe , von diesem Geschenke mit einander gesprochen hatten ! « » So ? Konnte ich mir das denken ? « fragte er kleinlaut . » Du konntest nicht nur , sondern du mußtest es ! Warum sprichst du immer , wenn der Effendi reden will ? Der berühmte Scheik eines so großen Stammes muß nicht immer reden , sondern schweigsam sein ! « Da legte er den Körper zurück , die Hände zusammen und sagte : » Du hast recht , o Hanneh , du verständigste unter allen Selbstverständigkeiten der Frauenzelte ; ich bin berühmt und werde schweigen ! Du hast mir auch dieses Mal aus der Seele gesprochen ! « Und nun nahm er mit der größten Seelenruhe den Trost entgegen , den ihm der Perser gab : » Sorge dich nicht um die Sicherheit deines Effendi , o Scheik der Haddedihn ! Keiner von uns wird seinen wahren Namen verraten ; das verspreche ich dir bei Allah , dem Propheten und bei den Söhnen Alis , des Kalifen ! Es macht mich so glücklich , Kara Ben Nemsi so unerwartet kennen zu lernen , und nur weil er es ist , habe ich seinen Worten ein solches Vertrauen geschenkt . Wenn er sagt , er habe die Diebe gesehen , welche ich suche , so bin ich überzeugt , daß es wirklich so und nicht anders ist ! « » Es ist so ! « bekräftigte ich . » Du hast Leute gesehen , « fuhr er fort . » Woher aber weißt du , daß es die sind , von denen ich spreche ? « » Du machtest wiederholt die Angabe von vier Tagen , und dies war mir im Zusammenhange mit einigen andern Umständen genug , die Personen , welche ich meine , für die Gesuchten zu halten . « Hierbei muß ich bemerken , daß El Münedschi sich auch jetzt noch in seinem schlafähnlichen Zustande befand und von dem Stillhalten der Kamele und unsrem Gespräche gar nichts merkte . Wir hatten ihm das Schleiertuch über das Gesicht gezogen , damit die Sonne ihn nicht stören möge . Er war also nicht zu erkennen . » Du hältst also einen Irrtum für nicht möglich ? « fragte der Perser . » Warum nicht möglich ? Keine menschliche Meinung ist untrüglich ; aber ich denke , daß ich mich in diesem Falle nicht irre . Laß mich fragen : Es handelt sich um sechs Personen ? « » Ja . « » Darunter war ein Greis von sonderbarem Benehmen ? « » Ja . Er war von Djinns85 besessen . Von ihm glaube ich , daß er von dem Diebstahle gar nichts weiß . « » Sodann ein älterer Mann mit graugemischtem Haare , dessen Sohn bei ihm war ? « » Ja . « » Und drei Männer im mittleren Lebensalter ? « » Auch das stimmt . « Ich beschrieb die Anzüge , was auch alles zutraf . » Sagten diese Leute , daß sie aus Mekka seien ? « fragte ich weiter . » Ja . Der Vater des Sohnes kam sogar als Abgesandter des Großscherif zu uns . « » Ist es nicht eine sehr kühne Idee , den Gesandten des Beherrschers der heiligsten Orte des Islam des Diebstahles zu beschuldigen ? « » Ja , man kann es kaum fassen ! Nur darum hat es volle vier Tage gedauert , ehe wir den Beweisen glaubten ; dann aber hatten sie sich auch so gehäuft und waren so unwiderstehlich geworden , daß wir nicht mehr zweifeln konnten , was wir bis dahin trotz der Sicherheit aller Zeichen doch noch gethan hatten . « » Ist es nicht möglich , daß ihr euch doch noch im Irrtum befindet ? Ich spreche diese Frage nämlich auch meinetwegen aus , denn ich gestehe dir , daß die Beschuldigten auch für mich sehr wichtige Personen sind und vielleicht noch wichtiger werden als jetzt . Ich habe also meine Gründe zu dieser Erkundigung . « » Effendi , ich weiß , daß Kara Ben Nemsi niemals etwas thut oder etwas spricht , ohne von guten Ursachen dazu veranlaßt zu werden . Ich ahne , daß euer Zusammentreffen mit diesen Leuten kein gewöhnliches gewesen ist , und versichere dir , daß ihr da wirklich mit Schurken in Berührung gekommen seid , welche unsere Heiligtümer beraubt haben . Um dir die Ueberzeugung zu geben , welche ich besitze , müßte ich dir unsere Beweise bringen , und dazu würde die Mitteilung von Dingen und die Beschreibung von Orten nötig sein , von denen wir mit keinem Schiiten und noch viel weniger mit einem Andersgläubigen sprechen dürfen . Ich gebe dir aber mein Wort , daß ich mich nicht irre . Wahrscheinlich ist es dir möglich , mir zur Ausführung meines Vorhabens behilflich zu sein , und so versichere ich dir , daß du das getrost thun kannst , ohne befürchten zu müssen , diesen Leuten wehe zu thun , ohne daß sie es verdient haben . Ich weiß von Mirza Dschafar , daß die Erfahrungen , welche du mit den Schiiten gemacht hast , nicht geeignet sind , in dir Liebe zu uns zu erwecken ; aber ich bitte dich , mich nicht in gleicher Weise zu beurteilen wie diejenigen , welche dir Abscheu und Verachtung einflößten . Du wendest deine Unterstützung hier einem Manne zu , welcher ihrer nicht unwürdig ist und auch nicht zu den Undankbaren gehört , deren du so viele kennen gelernt hast ! « Das glaubte ich ihm sehr gern . Der Eindruck , den er nicht nur auf mich , sondern auf uns alle machte , läßt sich am besten mit dem Ausdrucke bezeichnen : ein Schiit , ja , ein sehr hoher Beamter der Stelle , an welcher die Schia sich ihres nichtsnutzigsten Bodensatzes zu entledigen pflegt , aber doch ein Gentleman . Ich war also sehr gern bereit , ihm die gewünschte Auskunft zu erteilen , und hatte dazu noch zwei weitere Gründe . Erstens sah ich nun ein , daß er sich nicht nur den Freund Dschafars nannte , sondern es wirklich war , und infolge dieser Freundschaft mir als Christen nichts in den Weg legen , sondern darüber schweigen werde . Und zweitens kam mir die so überraschende Entdeckung , daß der so anmaßende Ghani , der » Liebling des Großscherifs « , ein verfolgter Verbrecher sei , außerordentlich gelegen . Ich bin nie rachsüchtig gewesen und war es auch hier nicht im geringsten , denn ich habe mich stets bemüht , grad in der verzeihenden Liebe derjenigen Christenpflicht gerecht zu werden , welche eine der ersten , ja wohl die allererste ist ; ich habe mich sogar so weit überwunden , daß ich , und zwar sehr gern , meine Feinde , die ja jeder Mensch hat , täglich in mein Gebet einschließe , denn für sich selbst , für Verwandte und Freunde zu beten , ist keine Kunst und bringt kein Verdienst ; hier aber durfte ich es ohne alle Rachsucht oder Schadenfreude als eine für uns willkommene Entdeckung hinnehmen , daß der stolze , gegen uns von Verachtung strotzende Moslem , der uns noch beim Abschiede so schwer bedroht hatte , jetzt hier als ein ganz gemeiner Verbrecher bezeichnet wurde . Das machte uns ihm in der Weise überlegen , daß jede Besorgnis , die wir seinetwegen vielleicht noch gehabt hätten , schwinden mußte . » Wir können und werden dir behilflich sein , « versicherte ich ihm aus den angegebenen Gründen . » Darum wollen wir keine Zeit verlieren und hier nicht länger im Gespräche halten bleiben . Ich habe dir schon gesagt , daß die Gesuchten sich nicht hinter , sondern vor uns befinden . Wir können im Weiterreiten das besprechen , was zu besprechen ist . « Ich setzte mich , mit dem Basch Nazyr neben mir , an die Spitze des Zuges und winkte Halef , sich uns beizugesellen . Das liebe Kerlchen war infolge der Zurechtweisung , die er von dem Perser , von mir und auch von Hanneh bekommen hatte , kleinlaut geworden und machte Miene , bei dem Tachtirwahn zu bleiben . Ich wußte , daß ihm diese Zurückhaltung außerordentlich schwer wurde , und rehabilitierte ihn also dadurch , daß ich ihm durch den Wink die Stelle anwies , an welche er als Scheik und als mein Freund gehörte . Seine Unvorsichtigkeit war nicht gutzuheißen ; aber sie blieb ja ohne die befürchteten Folgen , und er hatte seine unbedachten Aeußerungen nur aus Liebe zu mir gethan . Hinter uns ritten die Haddedihn , denen die Soldaten mit ihrem Khabir folgten . Selbstverständlich trieben wir die Kamele dabei zur Eile an . Wahrscheinlich wartete Khutab Agha , um sofort bestimmte Mitteilungen von uns zu hören ; aber da ein Zusammenhandeln zwischen ihm und uns zu erwarten war , so kam es mir vor allen Dingen darauf an , zu erfahren , welche darauf bezüglichen Eigenschaften und Ansichten er besaß ; darum sprach ich zunächst die Erkundigung aus : » Hast du bei deinem Aufbruche von Meschhed Ali an die Gefahren gedacht , welche von einem solchen Ritte unzertrennlich sind ? « » Ja , aber ich fürchte sie nicht , « antwortete er . » Ich bin , bevor ich Basch Nazyr wurde , Offizier des Schah-in-Schah gewesen und befinde mich nicht zum erstenmal in der Wüste . Auch ist unser Khabir ein ausgezeichneter Führer , auf den ich mich verlassen kann . « » Daß du dich nicht vor der Wüste fürchtest , habe ich als selbstverständlich angenommen , denn scheutest du dich vor ihr , so hättest du diesen Weg nicht selbst gemacht , sondern einen Anderen damit beauftragt . Und daß euer Khabir ein tüchtiger Mann ist , unterliegt auch keinem Zweifel , denn wenn er das nicht wäre , hätte er es nicht gewagt , von der Karawanenstraße abzuweichen . « » Er kennt die Brunnen , welche außerhalb dieses Weges liegen und von den Beduinen heimlich gehalten werden . So weiß er zum Beispiel ganz genau , daß wir heut an den Bir Hilu kommen werden , wo es gutes , nicht salziges oder bitteres Wasser giebt . « » Dahin wollen wir auch , und dort werden wir höchst wahrscheinlich die Diebe treffen . « » Wirklich ? « fragte er rasch und in frohem Tone . » Ja . « » Welche Freude für mich ! Ich will dir gestehen , daß ich es schon fast aufgegeben hatte , ihre Spur wiederzufinden und sie noch in der Wüste einzuholen , was doch unbedingt nötig ist , wie ich wohl nicht erst zu sagen brauche . « » Ja , unterwegs haben sie die gestohlenen Sachen noch bei sich und können also überführt werden ; auch zählen sie da nicht mehr , als gleichviele andere Leute zählen würden . Später aber , in Mekka , werden sie ihren Raub schleunigst verstecken , und außerdem würde eine Anklage gegen sie auch deshalb fast unmöglich sein , weil ihr Anführer ein Schützling des Großscherifs zu sein scheint , was dort von großer Wichtigkeit ist , während es hier unterwegs nicht in die Wagschale fällt . Das bringt mich aber wieder auf meine Frage zurück , mit welcher ich nicht die Gefahren der Wüste an sich gemeint habe . « » Welche sonst ? « » Es giebt für euch noch andere , viel größere , deren Ursache in dem Hasse zwischen Schiiten und Sunniten liegt . Sobald du das an der Grenze befindliche Meschhed Ali verlassen hast , befindest du dich nicht mehr auf schiitischem Gebiete , und je weiter du dem Wege nach Mekka folgst , desto mehr näherst du dich dem Mittelpunkte der Feindschaft , welche gegen euch gerichtet ist . Die Bewohner Arabiens sind fanatische Sunniten , und dazu kommt , daß besonders die Nomaden unter ihnen jeden Zwang und jede Beeinträchtigung ihrer Freiheit mit rücksichtsloser Energie von sich weisen . Ihr Widerwille richtet sich darum ganz besonders gegen das Militär . Nun kommst du , der Schiit , mit zwanzig Soldaten in die arabische Wüste , in welcher jeder dir begegnende Beduine dich doppelt haßt . Ich bin überzeugt , daß jede Nomadenschar , welche nicht weniger Männer zählt als ihr und darum sich an euch wagen darf , sofort über euch herfallen wird . Hast du das bedacht , als du den jetzigen Ritt begannst ? « » Ja , aber doch so , wie du meinst , eigentlich nicht . Ich glaubte , die Diebe sehr bald zu erreichen . « » Bei einem Vorsprung von vier Tagen , den sie hatten ? « » Den glaubte ich schnell verringern zu können , denn wir haben die besten Kamele , welche zu haben waren . Sieh mein Hedschihn an , welches Maschurah86 heißt ! Dieser Name sagt zwar viel , aber doch noch nicht genug . Es stammt aus der berühmten Züchterei von Tscharbagh , deren Leiter der Bruder meines Vaters ist ; er hat es mir geschenkt ; verkäuflich wäre es nie . Du bist ein Kenner . Was sagst du dazu ? Es ist doppelt so schnell als eine Bischaristute und hat die ausdauernde Lunge des Adlers . Sein Ahne stammt aus der afrikanischen Bajudawüste , und sein Großvater war der blaugraue Kamelhengst , welchen Mozaffar ed Din , der Emir von Bokhara , in der Schlacht bei Irdschar am Syrdarja ritt . Die beispiellose Schnelligkeit , mit welcher dieser Hengst seinen Herrn bei der Verfolgung rettete , ist dann von Ben Scha ' at , dem Dichter , mit Begeisterung besungen worden . « » Ich habe noch nie so ein Hedschihn gesehen und es schon im Stillen bewundert . Allah bewahre es ! Aber was nützt dir die Vortrefflichkeit der Stute , wenn die Hudschuhn der Soldaten nicht ebenso schnell sind ? Wenn du berechnet hättest , welche Zeit selbst bei der größten Eile und Ausdauer dazu gehört , einen Vorsprung von vier Tagen auszugleichen , so wäre das Ergebnis gewesen , daß die Verfolgten Mekka doch noch eher erreicht hätten als du . Glücklicherweise aber ist ihnen das Wasser ausgegangen ; sie blieben , halb verschmachtet , mehrere Tage liegen und wären zu Grunde gegangen , wenn wir sie nicht angetroffen hätten . « » Yah ' Ali ! Ihr habt sie nicht bloß gesehen , sondern sogar mit ihnen gesprochen ? « » Noch mehr als das : Wir haben eine Nacht bei ihnen gelagert . « » Sogar gelagert ? Effendi , das mußt du mir erzählen , gleich , sofort ! « » Erst noch eine Frage ! Wer ist dieser Abgesandte des Großscherifs eigentlich ? « » Hat er es dir nicht gesagt ? « » Ich will es aus deinem Munde hören . « » Er soll reich , sehr reich sein und wird darum El Ghani genannt . Auch ist er als Scheich el Harah der Gebieter eines Stadtteiles von Mekka . Er gehört der berühmten Familie Qatadah an , ist ein Nachkomme Muhammed Abu Numehjj ' s und heißt Abadilah el Waraka , hört aber diesen Beinamen El Waraka87 nicht gern . « » Warum nicht ? « » Weil ihm der Name leicht einmal gefährlich werden kann . « » Ah ! Also darum schwieg er davon ! Er nannte sich nur El Ghani . « » Und den eigentlichen Namen verschwieg er ? « » Ja . Worin liegt die Gefährlichkeit des Beinamens El Waraka ? « » Um das zu verstehen müßtest du das Leben des jetzigen Großscherifs und seinen langen , erbitterten Streit mit Othman Pascha , dem Abgesandten des Sultans , kennen . « » Ich kenne beides . Der Pascha sollte und wollte Ordnung in die Verwaltung bringen , den Krankheiten , besonders der Pest und der Cholera steuern und vor allen Dingen Sicherheit der Karawanenwege schaffen . Der Großscherif glaubte sich dadurch in seinen Rechten verletzt und weigerte sich , den Pascha anzuerkennen . Es begann zwischen beiden ein erbitterter Kampf , der von seiten des Großscherifs mit allen möglichen , selbst den verwerflichsten Mitteln geführt wurde . So war zum Beispiel einmal an der Moschee zu lesen , daß der Pascha von Allah verflucht sei , und daß jeder , der ihn durch Mord aus der Welt schaffe , ohne Abrechnung , also ohne daß ihm seine Sünden angerechnet würden , Eintritt in die Seligkeit des Paradieses finden werde . « » Das , das ist es , was ich meine , « fiel der Perser schnell ein . » Diesen Zettel soll El Ghani im Auftrage des Scherifs geschrieben und angeklebt haben ; alle Welt weiß das und sagt das und nennt ihn darum Abadilah el Waraka , den Abadilah mit dem Zettel . Er will das nicht dulden , denn wenn ein Beamter des Sultans auf den Gedanken kommt , den Ursprung dieses Namens zu verfolgen , so kann es dem Träger desselben die Freiheit , das Vermögen und auch noch mehr kosten . Und nun bitte ich dich , mir zu erzählen , wie sich euer Zusammentreffen mit ihm zugetragen hat ! « Bei dieser Aufforderung lenkte Halef durch ein sehr demonstratives Hüsteln meine Augen auf sich und sah mich bittend , ja fast flehend an . Erzählt sollte werden , erzählt ! Das wurde von mir verlangt und nicht von ihm ! Wer da weiß , daß das Erzählen beinahe eine Leidenschaft von ihm war , der kann sich denken , was mir sein Blick sagen sollte . Er war vollständig überzeugt , daß nur er allein das Geschick besitze , eine Begebenheit in der richtigen Weise zu schildern . Selbst mich , dem er doch in jeder andern Weise mehr zutraute als allen andern Menschen , hielt er nicht für befähigt genug , irgend etwas so zu erzählen , wie es sich seiner Ansicht nach gehörte . Und nun gar ein Ereignis , wie dasjenige war , um welches es sich jetzt handelte ! Eine Auferstehung von den Toten ! Eine Beraubung des schiitischen Heiligtums durch einen sunnitischen Abgesandten des Großscherifs , der dessen Liebling war ! Und wer sollte die Erzählung hören ? Ein Mann , der eines der höchsten schiitischen Aemter bekleidete und sogar der Freund unsers Freundes Mirza Dschafar war ! Waren das nicht mehr als genug Gründe , daß diesen Bericht ein dazu vollständig befähigter Mann zu übernehmen hatte ? Und wer war so ein Mann ? Nur Hadschi Halef Omar allein , der oberste Scheik der Haddedihn vom großen Stamme der Schammar ! Von jedem andern , auch von mir , war es gewiß , daß er die kostbare Erzählung vollständig verderben werde ! Zudem war er vorhin ausgescholten worden und durfte von mir erwarten , daß ich sein Ansehen wiederherstellen werde , was am leichtesten und besten dadurch geschehen konnte , daß ich ihm Gelegenheit gab , das Licht seiner Beredsamkeit leuchten zu lassen . Dieser letztere Grund bewog mich , ihm einen gewährenden Wink zu geben . Er begann denn auch sofort und in frohem Tone seine Rede : » In welcher Weise sich unsere Begegnung mit ihnen zugetragen hat , willst du wissen ? Ich werde dir es genau so berichten , wie es sich ereignet hat , und bin überzeugt , daß du meiner Rede mit andächtiger Bewunderung folgen wirst . Allah schenkte jedem Menschen einen Mund und eine Zunge ; nicht allen aber ist die köstliche Gabe verliehen , aus diesem Munde mit Hilfe dieser Zunge die vergangenen , gegenwärtigen und zukünftigen Ereignisse der Welt-und aller anderen Geschichten in so schöner und so vollständiger , ungestörter Ordnung hervorlaufen zu lassen , wie die Gesetze der Kunst und die Regeln der wohlklingenden Sprachfertigkeit es verlangen . Ich fordere dich also auf , ergebenst zuzuhören und mich nicht zu unterbrechen ! « Ich muß gestehen , daß wir jetzt allerdings ein Meisterstück zu hören bekamen , freilich ein Meisterstück nach Halefs Art. Er verstand es , das Unbewegliche beweglich und das Tote lebendig zu machen ; alles bekam durch ihn Gestalt , Farbe und Inhalt ; er wußte selbst das Einfachste , und wenn es nur das Sandkorn der Wüste war , in einer Weise zu beschreiben , die ihm Interesse verlieh . Natürlich wurde der Sperling zum Albatroß und der Tropfen zur Ueberschwemmung umgewandelt . Aus Hanneh machte er eine Göttin , aus mir wenigstens einen Halbgott , aber aus sich eines jener unbegreiflichen , paradiesischen Wesen , wie sie , alle Mächte , Kräfte und Gesetze beherrschend , in der Poesie des Morgenlandes leben und Wunder über Wunder thun . Es wurde mir himmelangst , wie der Perser diese Schilderung aufnehmen werde . Glücklicherweise war er Orientale , verstand es also , das wirklich Wahre herauszufühlen , und hörte dem , was der Phantasie entsprang , mit jener stillen , in den Augen strahlenden Begeisterung zu , welche im Abendlande nur dem gläubigen Kinde beim Märchenerzählen eigen ist . Als Halef geendet hatte , sah er ihn mit einem zur Aeußerung fordernden Blicke an , und als der Agha trotzdem schwieg , weil er sich nicht so schnell wie der Erzähler in die Wirklichkeit zurückfinden konnte , fragte dieser : » Nun , was sagst du dazu ? Hast du schon jemals solche Thaten vernommen und schon jemals in der wohlgesetzten Rede eines Hakawati88 so herrliche Poesie gehört ? Begreifst du diese Kijahma , diese Auferstehung eines Toten , der noch gar nicht gestorben war , und wieder zur Erde zurückgekehrt ist , obgleich er sie noch gar nicht ganz verlassen hatte ? « » Ja , du bist ein sehr guter , ein ausgezeichneter Erzähler , wie ich noch selten einen gehört habe , « antwortete der Gefragte allen Ernstes . » Man könnte dir den ganzen Tag zuhören , ohne nur einen Augenblick zu ermüden . « Das war ein Lob , welches ihm noch höher , viel höher stand , als wenn man sich über seine Klugheit , seinen Mut und seine Tapferkeit gewundert hätte . Er wendete sich im Sattel um und rief Hanneh , welche uns , von ihrem Sohne begleitet , in einiger Entfernung , vor den Haddedihn , folgte , zu : » Jetzt hättest du hören sollen , was der Khutab Agha sagte , o Hanneh , du schönste Blume auf allen Beeten der beseligenden Weiblichkeit ! Er meint , ich sei ein unvergleichlicher Erzähler , dem man von heut an bis zum jüngsten Tage zuhören könne , ohne sich nur ein einziges Mal nach den Freuden des Paradieses zu sehnen ! So wird also der Getadelte gelobt , der Erniedrigte erhöht und das Genie endlich in seiner ganzen Erhabenheit und Größe anerkannt ! O Hanneh , mein geliebtes Weib , o Kara Ben Halef , mein gehorsamer Sohn , eifert eurem Gatten und Vater immer nach , dann werdet ihr vielleicht denselben Ruhm erwerben und einst nur scheinbar sterben , sonst aber ganz wohlbehalten auf die Nachwelt kommen . Allah , der Behüter und Bewahrer , gebe es ! « » Du fragtest mich , « fuhr zu ihm der Perser in seinem Gedankengange fort , » ob ich diese Kijahma begreifen könne . Diese Mekkaner sind fast zwei Monate lang bei uns in Meschhed Ali gewesen , und wenn es da auch nicht vorgekommen ist , daß El Münedschi in das Grab gelegt wurde , so haben wir ihn doch oft stundenlang starr , wie eine Leiche gesehen , bis seine Seele wieder zu ihm kam . Auch ist er oft im Schlafe gewandelt , ohne zu wissen , was er that und wo er sich befand . « » Durfte man da auf ihn einsprechen ? « erkundigte ich mich . » Wir haben es gethan . « » Wachte er davon auf ? « » Nein . Er gab Antworten , die wir oft gar nicht , oft nur halb und selten ganz verstanden , und wenn dann seine Seele zurückkehrte , kam er zum Bewußtsein , doch nur für einen Augenblick , denn er legte sich dann um und schlief ein , als ob die Abwesenheit seiner Seele ihn angestrengt habe und er sich davon erholen müsse . « » Geschah das ohne Aufsicht ? « » Nein , denn El Ghani war stets dabei und bewachte ihn . Er zeigte ihn den Leuten und erlaubte , daß sie Fragen an ihn richteten , die der Münedschi beantwortete . Die Antworten klangen oft so wunderbar , als ob sie aus einer andern Welt , nicht von der Erde kämen , und dann wieder waren sie so leichtverständlich , daß jedes Kind gleich wußte , was er meinte . Er wurde besonders nach Mitteln gegen Krankheiten gefragt und nach allerlei heimlichen Dingen , die man durch ihn entdecken wollte . El Ghani ließ sich dafür mit Silber und sogar mit Gold bezahlen und hat von den vielen Pilgern , welche die heiligen Stätten der Schiiten ja zu Tausenden besuchen und seine Wohnung ohne Aufhören belagerten , so viel Geld eingenommen , daß er es nicht nach Mekka schaffen konnte , sondern es bei einem Sarraf89 gegen einen Schein umtauschte . « » Ah , er ließ den Blinden also für Geld sehen ? « » Ja . « » So nützt er ihn also als immerwährend fließende und reiche Einnahmequelle aus ! Nun ist mir seine sogenannte Mildthätigkeit gegen den Münedschi ja ganz klar . Ich traute ihr gleich anfangs nicht ! Er wird das in Mekka ebenso und mit noch größerem Erfolge machen , ohne daß der Kranke es ahnt . Er behält ihn bei sich wie einen Gefangenen und nützt ihn aus , so viel er kann . Nun weiß ich auch , warum er den alten , gebrechlichen Mann mit nach Meschhed Ali genommen hat ; als Dolmetscher , hat er ihm weisgemacht . Der eigentliche Grund war aber , daß er auch dort Geld mit ihm verdienen wollte , und weil er ihn doch nicht in Mekka lassen konnte . Er hätte ihn einstweilen andern Leuten anvertrauen müssen , durch welche dem Blinden der eigentliche , wahre Grund der Wohlthätigkeit seines vermeintlichen Beschützers verraten worden wäre . Um das zu verhüten , mußte er ihn bei sich behalten und ihn also mitnehmen . Also du meinst , daß dieser bedauernswerte alte Mann von dem in Meschhed Ali verübten Diebstahle nichts weiß ? « » Er ist höchst wahrscheinlich unschuldig . Vielleicht erzähle ich dir noch , wie alles zugegangen ist , denn vor Kara Ben Nemsi brauche ich , obgleich er Christ ist , die Geheimnisse des Heiligtumes nicht so streng verschlossen zu halten wie vor andern Laien , und dann wirst du auch dieser meiner Meinung sein . Ich glaube sogar , der Alte würde uns gewarnt haben , wenn er gewußt hätte , daß wir bestohlen werden sollen . Ich weiß nicht , wie du als Christ seinen Zustand erklärst , wahrscheinlich als Krankheit , denn du hast ihn den Kranken genannt ; ich als Moslem aber bin überzeugt , daß er von Geistern besessen ist , und zwar von guten , nicht von bösen , denn alles , was er sagt und was er thut , ist fromm und gut . Es freut mich , daß er sich nicht mehr bei El Ghani , sondern bei euch befindet ; da ist er in sicherer Hut , und wenn ich den Liebling des Großscherifs einholen werde , kann ich mit ihm so streng verfahren , wie es mir beliebt , ohne auf den alten , unschuldigen Münedschi Rücksicht nehmen zu müssen ! « » Was wirst du mit ihnen thun , wenn es dir gelingt , sie festzunehmen ? « » Ich werde sie nach Meschhed Ali schaffen . « » Und wenn sie sich wehren ? « » So schieße ich sie nieder . Das ist dir wohl zu streng ? « » Ich bin hier weder Ankläger noch Richter noch sonst irgendwie beteiligt und kann also keine Meinung haben . Giebt es vielleicht noch eine Frage , welche wir dir beantworten könnten ? « » Nein . Wenn ich noch einen Wunsch finde , so werde ich ihn später aussprechen . « » Wann ? « » Heut abend . « » Wo ? « » Am Bir Hilu , wo wir doch wieder zusammentreffen . « » So willst du dich vorher von uns trennen ? « » Natürlich , und zwar sogleich , denn ihr reitet mir zu langsam . Oder willst du deiner Karawane vorausreiten und mich begleiten ? Ich brauche dir wohl nicht erst zu versichern , Effendi , daß mir das außerordentlich lieb sein