erschlafften aber sofort und sanken mutlos längs dem Körper dahin . Er wußte nicht mehr , was er tat und was er vorhatte . Aber der Wille , der ihn dahergetrieben , stieß ihn auf der vorbestimmten Bahn fort wie eine Maschine auf dem Geleise . » Conrad , laß es gut sein , du hast für heute genug getan « , rief ihm die Schwester nach , die aus seinem schleichenden Gehaben seine ursprüngliche Absicht erraten hatte , während ihr seine Umstimmung verhohlen blieb , weil ihr sein Gesicht entging . Doch Cathri widerhielt ihr : » Der Herr Reber wird schon selbst am besten wissen , was er zu tun hat « , entgegnete sie mit impertinentem Tone . Also zog er seines krummen Weges und verschwand um die Hausecke . Mittlerweile waren die Feuermänner , welche Conrad vermißten , von Cathri über den mutmaßlichen Grund seines Verschwindens verständigt worden , so daß sie die Köpfe streckten , um sich an der Abstrafung zu weiden ; leichtsinnig gespannt , wie wer einem ergötzlichen Schauspiel entgegensieht . Da der Abend schon merklich düsterte , benutzte Leutolf den Feldstecher , um besser zu beobachten . Um aber den Vorteil seiner bevorzugten Gesichtsbedingungen nicht plumperweise allein zu genießen , teilte er das Ergebnis seiner Beobachtungen mit : » Dort , hinter dem Nußbaum bei der Scheune steckt er - er hat den Arm voll Kieslinge . Aber er ist unsicher , er sucht das Ziel . - Ein langer , schlottriger Schlingel , hat eine Schnauze wie eine Schnecke und Ohren wie ein Elefant . Ich müßte mich sehr täuschen , oder es ist der nämliche Halunke . « - » Der Messerstecher ? « » Der Matthiesen-Michel ? « fragten empörte Stimmen . » Zeig , gib her « , heischte der Wachtmeister und nahm ihm den Feldstecher weg . » Das ist ja genau der nämliche glatte , schlüpfrige , bartlose Schuft ! « schäumte er , mit den Füßen stampfend . Und zornig das Fernglas wegwerfend , fuhr er Leutolf aufgebracht an : » Da habt Ihrs jetzt mit Eurer diplomatischen Mäßigung . Was habt Ihr nun davon ? Hätte man mich machen lassen - er stände jetzt nicht unter dem Nußbaum mit Kieselsteinen , er läge irgendwo , und es fehlte ihm etwas an den Knochen , daß ihn der Doktor wieder zusammenlöten müßte . « » Er verliert nichts mit dem Warten « , entgegnete Leutolf gelassen , » der Reber Conrad wird ihm schon verabfolgen , was er ihm schuldig ist ; er zahlt ihms jetzt gleich alles miteinander . « Der Wachtmeister verwarf ärgerlich die Arme . » Ach was ! « schalt er , » der Conrad ist nicht , was er sein könnte und wie ich ihn haben möchte . Muskeln wie ein Leu , Nerven wie Sprengpulver und ein Herz wie ein Jüngferchen . Im ersten Augenblick meint man , er wolle die ganze Welt windelweich schlagen , und kaum daß er die Obmacht hat , läßt er sie laufen . Solch eine heimtückische , boshafte Hyäne verdient keine Gnade ; da ist Großmut nichts als Schwäche . « Damit wandte er sich mißmutig um und verließ grollend die Kameraden , um abseits einsam hin und her zu stiefeln , mit unwilligem Maulen . Inzwischen machte der Feldstecher die Runde ; einzig Cathri lehnte ihn hochmütig ab . Sie brauche keine Augenkrücken , behauptete sie geringschätzig , sie sähe ohnehin in der Welt mehr , als ihr lieb wäre . Plötzlich frohlockte sie wie über ein fröhliches Wiedersehen : » Dem hab ich im Tanzsaal zweimal die Hand ums Maul geschlagen « , prahlte sie mit Genugtuung . » Es reut mich nur die Seife ; hätte ichs vorausgesehen , ich hätte Handschuhe dazu angezogen . « » Hurra ! da kommt er , der Conrad « , jubelte eine Stimme , » seht ihn , im Saatfeld , wie er um die Scheune schleicht . « » Er will ihn von hinten fassen . « - » Bravo , Conrad ! « - » Jetzt kann er ihm nicht mehr aus den Händen . « - » Stille doch ! ruhig ! zum Teufel ! Absitzen ! Von den Tischen herunter ! Ihr verratet ja sonst den Braten ! « - » Jetzt , jetzt , Conrad , drauf , pack ihn an der Gurgel ! « - » Worauf wartet er nur ? « » Er hält an - es ist unbegreiflich . « » Er fuchtelt mit den Armen , als ob er mit jemandem disputierte , und ist doch allein . Hat er denn plötzlich den Verstand verloren ? « » Er war schon hier so wunderlich . « - » Es muß ihm jemand Mißgünstiger etwas Dummes ins Ohr geschwatzt haben , das an ihm frißt « , urteilte Cathri mit hartem Ton , stirnrunzelnd und einen feindseligen Blick nach der Eßstube sendend . » Ja , natürlich , jetzt ist es zu spät ! Jetzt hat ihn der andere entdeckt . - Er läßt den Stein fahren . Es ist zum Rasendwerden . « » Warum steckt ihr aber auch alle die Köpfe zusammen wie eine Schafherde ? « » Gleichviel ! Entrinnen kann er ihm doch nicht . « » Endlich , endlich , Gott sei Dank ! Hurra ! Er hat ihn . « » Hau ihn ! streck ihn zu Boden ! « » Halt , was ist das ? Er verliert den Helm . « » Aber der andere purzelt auf den Boden . « » Ja , aber er steht wieder auf « » Warum läßt er ihn denn wieder aufstehn ? « » Wahrhaftig , nein , es ist nicht zum Ansehn ! Weiß Gott , er läßt ihn laufen ! « » Punktum ! Fertig ! eine gefehlte Geschichte . « » Was hab ' ich gesagt ? « polterte der Wachtmeister . » Hab ' ich jetzt recht gehabt oder nicht ? « Und ärgerlich , als ob sie übervorteilt worden wären , setzten sie sich wieder zum Trunke , geräuschvoll anstoßend , um zu vergessen und zu verwinden . Cathri aber blieb aufmerksam beobachtend auf dem Flecke stehen . Nach einer Weile bemerkte sie : » Es gefällt mir etwas nicht . « » Warum ? Wieso ? Er kommt ja zurück ! Er ist ja bereits auf der Straße . « » Ja , aber , er hält sich so sonderbar . « » Ihr habt ja selbst gesagt , es plage ihn etwas inwendig ? « » Es ist nicht das . Wenn er nur nicht am Ende einen bösen Hieb oder etwas dergleichen abbekommen hat ! « » Warum nicht gar ! Dazu hätte er im Tanzsaal bessere Gelegenheit gehabt ! Der starke Conrad Reber , und einen bösen Hieb ! von einem einzigen ! und noch dazu von was für einem ! Übrigens , das wird er uns alles gleich selber am besten erklären , seht , da ist er ja schon an der Hausecke . « » Jesus , Gott und Vater « , schrie Cathri , » wo habt ihr eure Augen ? Er ist ja bleich wie ein Leintuch ! « Und die Vorstehenden gewaltsam beiseite stoßend , hastete sie ihm mit Riesensprüngen entgegen . In diesem Augenblick schaute Anna aus dem Eßzimmer , warf einen Blick auf Cathri , einen zweiten nach dem Bruder , erblaßte und schwang sich mit einem einzigen Sprung auf die Erde : » Conrad , was fehlt dir ? « jammerte sie , ihn angstvoll umklammernd . » Sags , sags mir , der Schwester . « Zugleich stieß sie die herbeieilende Bernerin beiseite . Conrads Lippen zitterten : » Ich bin gestochen « , flüsterte er . Da entfuhr ihr ein markerschütternder Schrei , der alles Volk aufschreckte . Nur die Musik dudelte weiter . Er fuhr fort : » Ich habe den Helm verloren . Er liegt unter dem Nußbaum . Er gehört dem Leutolf . Ich mag jetzt doch nicht essen , ich habe keinen Appetit mehr . Wo bleibt denn nur die Mutter ? Ich wußte ja nicht , daß sie gemütskrank war . Sag ihr das . Der Vater ist ein Ungeheuer , ein herzloses , wildes Tier , ja , das ist er . So holt doch den Helm , er ist ja nicht mein , er gehört dem Leutolf . Ich konnte ihn leider nicht selber aufheben . « » Herr Reber « , grüßte Cathri weinerlich . Er wandte den Kopf nach ihr , aber sein verstörter Blick irrte über ihr Gesicht wie über einen leblosen , fremden Gegenstand . Und abermals von Anna weggestoßen , trat sie beiseite , an die Mauer , beschämt , gekränkt , beleidigt . Indessen war eine entsetzte Menschenmenge herbeigesprungen , unter ihnen , außer Atem , der Doktor : » Wo ? « fragte er , indem er mit tastenden Händen über Conrads Körper reiste . Und sich zurückbiegend : » Musik aufhören ! « zürnte er . » Musik aufhören ! « tönte ein vielstufiges Echo . » Weshalb aufhören ? « beklagte sich Conrad leise . » Warum sind überhaupt so viele Menschen da ? - Warum starren sie mir alle ins Gesicht ? - Was will man denn eigentlich von mir ? Der Doktor soll doch weg , er tut mir weh . Anna , komm , wir wollen zusammen ins Haus , ich möchte allein sein . « Kaum hatte er das gesagt , so wurde er erdfahl und brach in sich zusammen , unter des Doktors Händen weg , wie ein Holzstoß über dem Feuer , erst in den Gelenken , dann platt auf den Boden . Anna warf sich über ihn , unaufhörlich seinen Namen rufend , in den süßesten Schmelzlauten , flötend , lallend , gurrend , auf und ab , durch alle Tonlagen der Kehle und aus allen Kammern des Herzens . Andächtig verstummte das Volk vor dem schauerlichen Wohlgesang . Der Doktor aber fiel auf die Knie , riß sein Besteck aus der Tasche , das er auf die Erde breitete , prüfte dann aufmerksam den Puls , erst am Handgelenk , hierauf , Anna wegschiebend , auch am Herzen . Allmählich zog er eine bedenkliche Miene . Endlich stand er , seine Instrumente einsteckend , langsam auf . Und während alle Augen an seinem Munde hingen , murmelte er gedämpft , als ob er für sich allein spräche : » Hier wird wohl wenig mehr zu operieren sein . « Anna hatte das Wort vernommen und verstanden . Ihr Gesicht ward schlaff , und lautlos sank sie hin . Doch ehe noch jemand sie zu stützen vermochte , war sie wieder aufgesprungen , die geisterhaften Augen nach dem Hause emporgerichtet . » Habt Ihr jetzt , was Ihr wollt ? Seid Ihr nun zufrieden ? « gellte sie , als hätte sies durch die Mauer schreien mögen . » Jetzt bereitet er Euch keinen Kummer mehr ! jetzt gibt er niemand mehr den mindesten Anlaß zur Klage ! jetzt ist er nicht mehr zu vornehm ! jetzt will er nicht mehr alles besser wissen , jetzt lacht er nie mehr zur Unzeit , Euer vielgeschmähter Conrad , der arme , arme Conrad ! « Und wieder fiel sie über den Leichnam , diesmal mit wildem Röcheln , wie ein junger Jaguar . Eine einzige Silbe wandelte feierlich durch das Volk : » Tot . « Flüsternd in den vorderen Reihen , gedämpft im Hintergrund , jenseits mit empörten Protestrufen des Unglaubens . » Was ? « » Wo ? « » Wer ? « » Der Pfauenwirt ? « » Nicht der Alte , sondern der Junge , der Conrad , der Leutnant . « » Warum nicht gar ! « » Das ist nicht möglich ; das kann ja nicht sein . « » Das hat ja keinen Sinn . « Und von atemlos herbeirennenden Leuten füllte sich die Terrasse bis ins Dorf . Die Kellnerinnen standen leise weinend im vordersten Kreise , die gefalteten Hände vor dem Gesicht , als ob sie die Augen schützen wollten , damit sie die schreckliche Wahrheit nicht sähen . » Was das nicht ist ! « » Ists auch möglich ? « » Wenn ich nur das nie hätte erleben müssen ! « » Der arme Meister ! Und so gut ! So herzensgut ! Jesus , Jesus ! « » Und wenn jetzt der Vater und die Mutter das sehen ! « Cathri , abseits an der Mauer , starrte geistesabwesend ins Leere , mit gerötetem Gesicht und bebenden Lippen . » Oh , der Elende , der Schurke ! - Der beste , bravste , gutmütigste Tropf auf Gottes Erdboden ! - Und von solch einem elenden Wicht ! « Während sie sprach , stupfte sie unablässig mit dem Fuß an die Mauer , immer heftiger , in steigender Empörung . Und ihre Finger nestelten krampfhaft am Schürzenband , bis es entzweiriß . In ihrer Nähe , ebenfalls an der Mauer , und von dem übrigen Volk gesondert , standen die Waldishofer gruppiert , in deren Mitte der Wachtmeister gedämpften Tones eifrig redete . Sooft Zuzügler sich herbei machten , wurde ihnen etwas zugeflüstert , dann tauschten sie finstere Blicke und einen kräftigen Handschlag wie zu einem Eide . Offenbar bildete sich hier eine Verschwörung . Eine Bewegung entstand , eine Gasse tat sich auf . Von bedauernden , mahnenden , zusprechenden Menschen gehemmt , die sich ihm in den Weg stellten , ihn hinderten , zurückhielten , wankte der alte Pfauenwirt ruckweise daher , wie eine von Ameisen überfallene Raupe , welche die Last ihrer Peiniger mit sich schleppt . » Laßt mich « , keuchte er , » laßt mich zu meinem Sohn ! ich will zu meinem Sohn . « Dazwischen lärmte er gegen den Tod , wie gegen ein Obergerichtsurteil , seine gerechte Sache bekräftigend , seine versöhnliche Gemütsart beteuernd . » Ich begehre ja nichts mehr für mich ! Er hat ja jetzt alles , was er will ! « Als er aber durch die Menschengasse seiner Tochter über dem Leichnam ansichtig wurde , schüttelte er den Kopf wie ein Stier . » Muß er mir denn ewig und ewig nichts als Kummer verursachen ! « brüllte er . Da wandte ihm Anna langsam ihr Schmerzensantlitz zu , das welt- und toddurchdringende Liebestreue mit überirdischer Schönheit verklärte : » Sieh , Vater , das ist jetzt unser Conrad « , sang sie mit sanftem Dulderton , während ihr Mund fürchterlich zuckte . Jetzt zerrte er sich gewaltsam los und humpelte dem Leichnam zu . Er wollte sich niederwerfen ; allein seine geschwollenen Gelenke versagten dem Willen . Nun tanzte er auf seinen dicken Klumpenbeinen vor dem Leichnam auf und ab wie ein angeschossener Elefant . Plötzlich stieß er den Doktor wütend vor die Brust . » Lebendig machen ! Wieder lebendig machen ! « grölte er . Der Doktor hielt ihm eine priesterliche Miene entgegen . » Lebendig machen « , sprach er feierlich , » das steht leider nicht in unserer Macht . « Von der Mauer aber warf Cathri in schneidendem Ton herüber : » Ja , lebendig machen , das ist jetzt zu spät ! Hättet Ihrs benutzt , als es Zeit war ! « Anna schnellte auf und zuckte gegen Cathri einen Blick , scharf wie eine Lanze . Während man sich umsonst bemühte , den Alten von hinnen zu schaffen , wandelte sich sein Toben jählings zum wehklagenden Wimmern . Er hatte seine Frau , die Pfauenwirtin , bemerkt , die von der Dorfseite um die Hausecke mit geknickten Knien mehr rutschend als gehend sich an der Wand entlang tastete . » Ists denn wirklich wahr ? « flehte die Angst aus ihren erloschenen Augen . Hierauf , wie ihr das unzweideutige Bild : die Ansammlung des Volkes um eine nämliche unsichtbare böse Stelle , der Schatten des Unheils , der von dorther jedes Antlitz verdüsterte , die entsetzliche Wahrheit bestätigte , krampfte sie die Finger in das Gestein , um nicht zu fallen . Anna flog ihr entgegen , ihr nach bewegte sich schwerfällig der Alte , überholt von mitleidigem Gesinde und Nachbarvolk . Sie fiel , aber in befreundete Arme . » Conrad « , winselte sie , » warum hast du mir das angetan ? « Betroffen tauschten die Herumstehenden Blicke . Und Bertha wandte sich zu Cathri um : » Es ist , als ob sie glaubte , er habe sich selber ein Leid zugefügt « , flüsterte sie . » Das böse Gewissen « , versetzte Cathri bitter . Und das sagte sie in ihrer rückhaltslosen Weise mit lauter Stimme . Abermals drückte Anna einen Blick gegen sie ab , diesmal einen drohenden . Der Alte aber entschuldigte sich ehrfurchtsam vor dem mütterlichen Schmerze . » Ich hatte ihm ja alles gewährt , was er nur verlangte . Ich kann nicht begreifen . Er hatte durchaus nicht die mindeste Ursache . Es muß ihn im Streithandel ein Stich getroffen haben , wie man erzählt . « Der Doktor , der Feuerleutnant , nebst andern , welche Freundschaft oder Gemüt oder auch der Zufall der Nähe dazu berief , nahmen die Pfauenwirtin auf und förderten sie halb schiebend , halb tragend an dem Leichnam des Sohnes vorbei , den sie angelegentlich mit ihren Leibern verdeckten , der Haustüre entgegen . Der Vater hinkte greifend nach , Anna wachte zur Seite über beide . Es war wie ein Leichenzug . » Ich muß doch Abschied von ihm nehmen ; ich muß ihn doch um Verzeihung bitten « , jammerte die Pfauenwirtin . » Ja , jetzt hat sie Grund zum Jammern und Seufzen « , rief Cathri unwillkürlich , im Drange der Wahrheit . Nun aber riß sich Anna los und stürzte ihr entgegen : » Mensch ohne Gemüt , Weib ohne Herz ! « schrie sie ihr ins Gesicht . » Egoistin ! härter als Stein und Eisen ! Ihr , Ihr , und niemand anders , habt ihn auf dem Gewissen ! Statt ihn zurückzuhalten , habt Ihr ihn noch angestachelt ! « Cathri maß die Gegnerin kaltblütig mit haßerfülltem Blick . » Immer noch besser « , entgegnete sie , » ein Unglück im Hause als ein Verbrechen . « » Wie meint Ihr das ? « kreischte Anna außer sich . » Ich meine « , erwiderte Cathri fest , » wenn es doch einmal geschehen mußte , immer noch besser von fremder Hand als ... « Hier stockte sie . » Als ? « verlangte Anna . » Als ? « Dann plötzlich , ohne die Ergänzung abzuwarten : » Fort von hier ! Heuchlerin ! Intrigantin ! Mannsschleicherin ! Fort ! Fort noch in dieser Stunde ! Ich , als Tochter des Hauses , befehle Euch , Euch , der Dienerin : Fort aus dem Pfauen , und zwar augenblicklich ! « Cathri richtete sich hoch auf : » Ich verwahre mich ausdrücklich dagegen « , sprach sie , » daß man mich Knall und Fall von hinnen jagt , wie eine ungetreue Magd , mit Schimpf und Schande , als ob ich gestohlen hätte . Es ist nicht wahr , daß ich irgendwelche eigennützige Absicht hierher trug . Und vor dem letzten Zuge mich zu entlassen , dazu hat niemand das Recht , nachdem man mich bis zum letzten Zuge gedungen hat . Übrigens , meinetwegen , ich habe nichts dagegen , jawohl , ich gehe . Aber nicht etwa , weil Ihr mirs befehlt , denn Ihr habt kein Recht dazu , sondern freiwillig , weil mir vor diesem gottverlassenen Hause des Hasses und des Haders ekelt , weil ich lieber bei bettelarmen Leuten in der geringsten Strohhütte dienen möchte , wo der Friede wohnt , als hier unter dem protzigen Ziegeldach im Unfrieden . Verzehrt Euch in Reue ! Schiebt einander gegenseitig die Verantwortlichkeit zu ! Ich ziehe meiner Wege . Das aber sag ' ich : Eure Schuld ists , Eure Schuld und einzig Eure Schuld , nicht meine . Hätte ihm nicht jemand Gift eingegeben , daß er inwendig zu tun hatte , niemand hätte ihm das mindeste anhaben können . Übrigens , es ist gekommen , wie es kommen mußte . Geschah es heute nicht , so wäre es morgen oder übermorgen geschehen , wenn nicht auf diese Art , auf jene und möglicherweise noch schlimmere . « Damit warf sie trotzig den Kopf in den Nacken und stolzierte ins Haus nach dem Portierstübchen , schleuderte dort das Geldtäschchen weg , setzte den Strohhut auf , rückte ihn vor dem Spiegel zurecht und wandte sich abzuziehen . Allein die Köchin , die alte treue Lisabeth , vertrat ihr den Weg . » Euer Lohn « , mahnte sie mit eisiger Stimme , indem sie ihr so beleidigend als möglich ein Goldstück entgegenhielt . Cathri brauste in heller Empörung auf , bereit , die Hand wegzustoßen . Doch sofort besann sie sich : » Ich habe den Lohn redlich mit fleißiger Arbeit verdient « , sprach sie , » ich brauche mich seiner nicht zu schämen . Es ist kein Geschenk , was ich annehme . « Sie nahm also das Goldstück und steckte es ein . Hernach schritt sie in aufrechter Haltung zur Türe hinaus auf die Terrasse . Vor dem Volke angelangt , verkündete sie mit lauter Stimme : » Ich rufe Gott und mein Gewissen zu Zeugen an , daß man mir unrecht tut , daß ich diese schmähliche Behandlung nicht verdient habe . « In diesem Augenblick trugen sie Conrads Leichnam ins Haus , an ihrer Seite vorbei . Zwar den Rumpf verdeckten die Träger ; auch wandte sie sich unwillkürlich ab , von Schmerz und Schauder überwältigt ; nichtsdestoweniger streifte ihr widerwilliger Blick den Stiefel des linken Beins , dessen herabhängendes Ende auf dem Boden schleifte , und jählings trat ihr bei diesem Anblick das Bild ihres Baschi vor Augen , wie sie ihn auf der Bahre heimbrachten . Also von doppeltem Leid gleichzeitig überfallen , zersprang ihre starke Fassung , so daß ihr das übermäßige Elend in heulendem Tonschwall aus dem Herzen stürzte . Und also heulend schritt sie mitten durch die Menge , in der Richtung nach dem Rebberg , wo der Verkehr am spärlichsten war , stolz und bolzaufrecht wie immer , und ohne jemandem einen Blick oder Gruß zu verabfolgen . Erschüttert machte das Volk ihr Platz , mit gemischten Gefühlen , zugleich bewundernd und grausend , teilnehmend und verdammend . Es war anzuschauen wie ein Strafgericht und doch wieder wie jemand , der in überlegener Unschuld , unberührt von dem Urteil der Menschen , geraden Weges einherwandelt . Josephine und Bertha eilten ihr nach . » Ihr müßt das nicht so wörtlich auffassen « , tröstete Josephine , » es ist nicht so buchstäblich gemeint . « » Ihr dürft nicht einen so strengen Maßstab anlegen « , mahnte Bertha , » Ihr müßt dem Schmerze der Schwester auch etwas zugute halten . « Die übrigen Kellnerinnen schauten kühl und fremd . Cathri strebte unaufhaltsam vorwärts . Beim Holzschuppen trat sie in die Einsamkeit . Sie war kalt , die Einsamkeit , trostlos kalt ; und weit , endlos weit ; und leer , zum Verzweifeln leer , als hätte sie sich irgendwo in der Ewigkeit verloren . Bei der Kegelbahn begegneten ihr zwei schwebende Gestalten , vereint zum Paar , die Hände verschlungen , die traumschönen Häupter strahlend vor Glück und Hoffnung : sie und Conrad . Vor diesem Bilde schmolz ihre Seele , daß sie meinte , das überquellende , ungebärdige Weh wolle sie zu Boden werfen , auf das geweihte Fleckchen Erde , wo sie vor einer kurzen Stunde zusammen einen Bundesbaum gepflanzt , mit lustigen Wimpeln und Fähnchen . Wie mit hundert starken Armen der Natur zog es sie nieder , damit sie dort auf der heiligen Stelle ihr Leid ausweine , demütig , sehnsüchtig und inbrünstig . Aber der Stolz hielt sie aufrecht , und der Trotz stieß sie von hinnen . Sie verbarg das Gesicht in den Arm und weinte in den Ellbogen . » Und gerade in einem solchen Augenblick « , schluchzte sie , » wo man meint - wo man glaubt , - wo man das Glück - « Dann tauchte sie in die Dämmerung , längs dem Rebberg hinab in gleichmäßigem Geschwindschritte , den Abend mit dem tiefen , sonoren Wohlklang ihres Trauergeheuls erfüllend . Bald aber entstieg dem Schmerze der Zorn . » Warum kommt man denn « , meuterte sie , » und sucht mich auf und bittet und bettelt himmelhoch , daß ich die Gefälligkeit haben möchte ? Ich war ja im Kurbad vortrefflich aufgehoben . Dort ehrt man mich und weiß mich zu schätzen . Ja , wenn ich wollte , wenn ich nur im mindesten ein Zeichen gäbe ! « - » Intrigantin ! - Mannsschleicherin ! Wer ? Ich ? Ich bin nicht darauf angewiesen , Herrschaft zu erschleichen ; ich könnte sie auf dem Teller haben und noch dazu eine vornehmere als den Pfauen - und habe auch nicht nötig , einen Mann zu erschnappen ; sie bieten sich mir ja alle an ! Aber ist denn das meine Schuld ? Ich bin wahrlich nicht diejenige , die ihnen entgegenkommt . Ich begehre nur einen einzigen , den ich gern habe und den ich achten kann ; und dazu habe ich das heilige Recht , so gut wie jede andere . - Es ist wahr , sie hat die Vollmacht , sie hat die gesetzliche Befugnis und Berechtigung , sie kann mir das Haus verbieten , obschon , obschon - es kostete mich ja bloß ein Wörtchen , und er stellte mich öffentlich als seine Braut vor , er hatte ja die Absicht ! Ich hätte dann sehen mögen , wer mir meinen gebührenden Platz an der Leiche meines Bräutigams verwehrt hätte ! Ihn nicht einmal mehr sehen und anrühren zu dürfen ! nicht einmal einen Kuß auf seine bleichen Lippen zu drücken ! - den ersten und letzten ! - Doch verlobt oder nicht verlobt , gleichviel , es gibt eine Wahrheit und eine Treue . Ein Wort ist ein Wort , ob nun öffentlich gesprochen oder unter vier Augen . Und wenn einmal zwei Worte sich gekreuzt haben , unter rechtschaffenen Menschen , so gilt es , auch ohne Ring und Zeugen oder Pfarrer und Zivilpfarrer . Mir hat er das Versprechen gegeben , das heißt , auf ehrlich , er gehört mir , mir allein , in alle Ewigkeit , tot oder lebendig , und keiner anderen , mag sie noch so sehr einen lächerlichen Abgott aus ihm machen ! Daß er mich zuletzt nicht wiedererkannte , das beweist nichts , gar nichts , nicht das mindeste , denn das begreift sich doch : wer mit dem Tode zu kämpfen hat , der hat genug zu tun , er kann nicht den Geist auswärts beschäftigen . « Dann kam ein neuer Schub von Jammer , so daß sie laut aufstöhnte ; in das Stöhnen aber mischte der Zorn bellende Laute . Plötzlich hielt sie an und drehte sich um , das Gesicht nach dem Pfauen emporgerichtet . » Übrigens , ist sie denn verlobt ? « Sie schloß gewaltsam die Lippen und zerdrückte ein böses Wort zweimal und dreimal . Endlich konnte sie sichs doch nicht versagen : » Wenn eine Gewisse wüßte « , entfuhr es ihr , » was ein gewisser Doktor mir für Augen gemacht hat . « - Hernach reiste sie weiter . - » Ich gehe einfach wieder ins Kurbad « , schloß sie ab . Unten im Rank , wo die Herrlisdörferreben sich nach den Rubisthaler Flühen zurückziehen , folgte ihr ein kicherndes Hohngelächter aus dem Weinberg . Kein Zweifel , es waren die Wagginger , denn nur der Feind triumphiert über ein Weh . Flugs machte sie Front und wetterte mit mähenden Armen wie der Pfarrer in der Kirche eine Buß- und Karfreitagspredigt in den Weinberg : » Fluch und Schande über euch gottvergessene Mordbuben ! Möge jedem von euch dereinst in der Sterbestunde das Gewissen in die Gurgel steigen , daß euch die Hölle , der ihr sicher nicht entrinnt , schon auf dieser Welt den Borst sengt und brenselt . Ich bete nicht , der Donner des Himmels möge euch erschlagen , denn unseres Herrgotts gesunder , reinlicher Blitz ist viel zu sauber für schmutzige Wiedehopfe eurer Gattung . Er würde ja zeitlebens stinken , der Blitz , wenn er euch anrührte ! - Männer will das vorstellen ? Männer , dieses krumme , mißgeborene Bastardgezücht , diese siechen Hämlinge ohne Mut , ohne Kraft , ohne Muskel , ohne Stimme ? Aber getrost . Ich habe es mit eigenen Augen gesehen , wie er ihn gestochen hat und wer ihn gestochen hat , und mit mir hundert andere . Man kennt ihn , und man kann ihn nennen . Der Matthiesen-Michel von Niederwaggingen ists und niemand sonst . Ich habe ihm im Tanzsaal die Hand übers Maul geschlagen , ich werde ihm im Gerichtssaal den Zeigefinger in die Augen stecken und sagen : Du bists , und ich mache mich anheischig , es eidlich zu beschwören . Und wenn - gesetzt der Fall - die eigene Familie nicht klagen will , so klage ich und gehe zum Staatsanwalt und lasse nicht nach und verlange Recht und Sühne . Und wenn er nicht will , so zwinge ich ihn mit seiner Pflicht und seinem Beruf und mit dem Regierungsrat und mit der Zeitung , bis er muß . « Und als jetzt zur Warnung ein Kieselsteinchen an ihr vorbeitänzelte , ersprang sie über zwei Stapfeln das Mäuerlein , riß einen Stecken von den Reben und