Sache willen Schaffen . Das könne er bei keinem dieser Schüler finden , die die ganze Schule als eine Art Strafarbeit oder Hindernisrennen betrachten . » Das kommt von oben und geht durch bis zum Pedell . Arbeitergeist . In wessen Augen ein Evangelium glänzt , der ist gebrandmarkt . Das Beste wird von Strebern geleistet . Nun malen Sie sich das aus . « Die beiden Männer zahlten ihre Zeche . Wie Wellen schwankten die Nebel auf der Straße . Am Bahnhof verabschiedete sich Gudstikker . Bojesen empfand jenes Grauen vor den eigenen vier Wänden , das den energielosen Naturen oft eigen ist , und er fürchtete die stumme Sprache seiner Bücher , seiner Spiegel , seiner Kerze . Ein warmer Wind erhob sich , der allmählich zum Sturm anwuchs , und seinen Hut mit beiden Händen festhaltend , schritt er langsam dahin , froh des Kampfes mit dem Element . Er achtete nicht des Weges , den er schritt , er war froh , allein zu sein , ihm war , als ob es völlig einsam wäre auf dem Erdball . In dem bergigen Viertel am Fluß kam er an ein Haus , dessen erleuchtete Fenster mit den Worten geschmückt waren : » Zum siebenten Himmel « . Bojesen ging hinein . Vor dichtem Rauch sah er zuerst überhaupt nichts . Ein säuerlicher Geruch von abgestandenem Bier drang auf ihn ein . Dann sah er im Hintergrund neben dem Büffet das Podium mit einem verwahrlosten Vorhang . Die Tische starrten von verschütteten Getränken und Speiseresten . Die Stühle lagen teils auf der Erde , teils standen sie auf einem Haufen ; einer stand auf dem Tisch . In einer Nische befand sich die Ruine eines Billards und die Ruine eines Klaviers . Eine verblühte Dame stellte eine Flasche Wein vor den Ankömmling hin und erklärte , daß die heutige Galavorstellung unterblieben sei , weil das Publikum sich geprügelt habe . Bojesen starrte in die Höhe , in irgend eine sonnige Ferne und murmelte : » Geliebt und verloren . « So saß er eine Stunde lang , ohne sich zu rühren . Plötzlich schob sich der Vorhang über dem Podium zur Seite , und der Kopf eines jungen Weibes mit nackten Schultern guckte heraus . Das Gesicht war leuchtend bleich , mit einer niederen Stirn , mit Augen von einem ruhigen , leidenschaftlichen Feuer , mit einem trotzigen Mund . » Holla Luisina ! Es lebe das Proletariat ! « rief eine heisere , aber jugendliche Stimme . Bojesen schaute hin , sah jedoch niemand . Das junge Mädchen nickte lächelnd zurück , prüfte Bojesen mit flüchtigem Blick und verschwand . Bojesen vergaß niemals den bösen Ausdruck des Gesichts in jener Sekunde , da sie ihn angeschaut . Wieder saß er lange , ohne zu wissen , was er tun oder denken sollte . Dann stand er auf , ging zum Podium , schlug den Vorhang zurück , und sah eine armselige Bühne vor sich , mit zerrissenen Kulissen an der Seite . In einer Ecke saß Luisina und lächelte ihn spöttisch an , als er auf sie zukam . » Wollen Sie spionieren ? « fragte sie schroff . » Es steht Ihnen nichts im Weg . Mein Name ist Luisina Stellamare . Sie halten es für unwahrscheinlich ? Sie glauben , daß ich Barbara Müller heiße ? Möglich . Aber sobald es Ihr Amt erlaubt , bitte ich , mich des verdrießlichen Anblickes Ihrer Person zu entheben . « » Es lebe die Anarchie ! « rief die exaltierte Stimme wieder . » Morgenröte ! Fackeltanz ! Meine Seele ist wie ein Lamm am Ostertag . Es lebe der Messias ! « » Das ist der Glühende , « sagte Luisina , Bojesen zunickend . » Er ist meine Fanfare . « Sie lachte , und dies Lachen klang , wie wenn Glasscheiben klirren . Dann wurde sie wieder ernst , drohend und verächtlich ernst . » Ja , « sagte sie mit einem Wesen , als erachte sie ihre Worte als zu wertvoll , um gesprochen zu werden , » ich bin aus der Art geschlagen , ungeraten , landflüchtig . Ich lebe nun das Leben , wie ich es will , auf eigene Faust , auf eigene Taler , mit der Erlaubnis zu jauchzen , wenn ich will und zu lieben , wenn ich will . Wollen Sie noch mehr wissen ? Meine Biographie ist erst nach meinem Tod zu haben . « » Ich bin der tanzende Stern des Chaos ! « erschallte die Stimme des Glühenden ; eine fette Stimme brummte befriedigt bravo . Bojesen hatte sich an eine Kulisse gelehnt und sah Luisina mit halbgeschlossenen Lidern unverwandt an . » Glauben Sie an Zufälle ? « fragte er endlich . » Ich bin hier hereingekommen mit dem Bewußtsein , daß ich Ihnen begegnen würde . Meine Seele wußte davon . Ich kenne Sie nicht , wer Sie auch sein mögen , ich will Sie nicht kennen . Nur wünschte ich einen anderen Nahmen für dies Bild . « » Ach ! « Luisina sprang überrascht und stirnrunzelnd auf . In ihrem Wesen war etwas so Fischhaftes , beunruhigend Lebendiges , daß Bojesen auf jedes ihrer Worte , jede ihrer Gebärden harrte . Sie kam auf ihn zu , lauernd wie ein Tiger , bohrte den Blick ihrer blauen Augen fest in den seinen und sagte : » Kommen Sie hierher , um den müden Mann zu spielen ? Sprechen von Seele ? Hier gibts keine Seele ! Hier wird gelacht , getanzt , gesungen und getrunken , und wer hier eintritt , lasse seine Seele fahren . Ihre Dienerin , Monsieur . « Damit ging sie graziös und schnell . Und Bojesen ging auch , legte sein Geld auf den Tisch und ging . Er verlor sich selbst in der Nacht . Er zählte die Laternen in den Straßen . Dann stand er auf der Brücke und starrte in den Fluß und dachte nach , woher all das Wasser kam , wohin es ging ; warum fließt es in weiten Streifen und Falten dahin , nicht glatt wie ein Glas ? dachte er . Was rauscht es leise , was schlägt es an die steinernen Pfeiler ? Es fließt der Fluß und stehet nicht Und Gott ist und vergehet nicht murmelte er vor sich hin . Er suchte ein kleines Gasthaus auf , wo er in einem harten Bett , in feuchter Kammer den Rest der Nacht schlaflos zubrachte , von einem Bild gepeinigt , das die wachen Glieder zittern ließ , bis der Leib unwillig zurückkehrte in die Finsternis der Kammer mit dem Lichtfleck von Fenster . Als er am Morgen dem Schulhaus zuschritt , dachte er an seine Frau daheim . Aber sie rückte ihm noch ferner in diesen Gedanken , als da er ihrer vergessen hatte ; sie verschwand in dem Nebel , der die Gassen näßte und emporstieg zum Himmel , um selber während des Tages Himmel zu sein . Im Laboratorium lärmten schon die Schüler . Bei seinem Eintritt wurde es still , und alle erhoben sich . Die Bänke waren amphitheatralisch aufgebaut , Schränke mit Mineralien klebten an den Wänden . Auf dem langen Tisch standen und lagen Retorten , Brennapparate , Röhren , Schmelztiegel , Drahtnetze , Flaschen und Schachteln . Bald nach Beginn des Unterrichts kam der Rektor ; er übergab Bojesen ein kleines Schreibheft und sagte ernst : » Sie sind Ordinarius von Agathon Geyer . Lesen Sie dies und kommen Sie in einer Stunde aufs Rektorat . « Gnädig nickend verschwand er . Bojesen suchte sein Privatzimmer auf , wo ein starker Chlorgeruch herrschte . Auf dem Heft stand : Deutsche Aufsätze von Agathon Geyer . Bojesen blätterte bis zu dem letzten , vom Rektor signierten Thema : Was soll uns die Schule sein ? und las zuerst ziemlich gleichgültig . Die Schrift war schlecht , schattenhaft , fieberhaft ; die Buchstaben schienen aufeinander loszustürzen , besinnungslos hinzutaumeln , dann schien irgend einer plötzlich steif zu stehen , Halt zu gebieten , aber nichts konnte die allgemeine Verwirrung hemmen . Bojesen las mit wachsendem Erstaunen , erst kopfschüttelnd , dann errötend , dann erblassend , und als er am Schluß angelangt war , stützte er den Kopf in die Hand , nickte trostlos vor sich hin und begann das Stück des Schülers noch einmal zu lesen , bedächtiger und immer mehr verwundert , welch klare und fast dichterische Form die glühende Seele des Unmündigen gefunden hatte . Die Schule , so lautete der Aufsatz , sollte uns das Tor zum Leben aufmachen . Sie sollte uns erwachsen machen , mutig und gefahrenkundig . Sie sollte uns zu tüchtigen , edlen Menschen machen . Sie sollte uns die Lehrer lieben lehren und die Lehrer sollten uns lehren , das Leben zu lieben , den künftigen Beruf , die Menschen , die großen Männer der Vergangenheit , die großen Ideen , die Freude an der Freundschaft , an der Natur . Sie sollten uns überlegen sein . Sie sollten uns liebevoll entgegenkommen , damit wir froh würden . Aber ist das alles wahr ? Bereitet uns die Schule für den Beruf vor ? Wenn wir sie verlassen , wissen wir vielleicht , was wir werden sollen , aber nicht , was wir sind . Die Schule speichert Kenntnisse in uns auf , die tot bleiben . Wir werden in unserer Seele nicht harmonisch . Die Natur bleibt uns tot wie das Leben . Niemals werden wir ihre Sprache verstehen . Daran seid ihr schuld und ich muß euch anklagen . Warum kümmern sich die Lehrer nicht um die Seele der Schüler , sondern bloß um das , was sie gelernt haben ? Warum bleiben wir die Stopfgänse , die ihr ausschimpft , wenn sie nicht beständig fressen wollen ? Warum fürchtet man den Lehrer oder verachtet ihn , statt ihn zu lieben ? Ihr seid die Feinde der Schüler , darum spionieren sie nach euren Schwächen ; ihr sitzt auf dem Pult und seid wie ein Buch , statt wie ein Mensch . Was ihr sagt , ist euch leblos geworden , wes es euch langweilt . Warum seid ihr so hochmütig ? seht auf uns herunter von einem Turm , so daß wir ganz klein sind ? zu hochmütig sogar , um uns über das Wichtigste des Lebens aufzuklären ? Warum eröffnet ihr uns nicht daß Geheimnis der Geburt ? Warum tut das die Schule nicht , trotzdem sich so oft Gelegenheit bietet ? Wie viel reiner bliebe dann die Phantasie der Knaben . Jetzt machen sie ellen Schmutz daraus und kichern , blinzeln , erröten bei jedem Gedicht eines Dichters , durchsuchen sogar die Bibel nach jenen Stellen , haben immerfort schmierige Heimlichkeiten . Ist das nicht schrecklich ? Sie haben deshalb keine Ehrfurcht ; vor keinem Menschen und keinem Ding und die ganze Welt ist ihnen etwas Klebrig-Unanständiges . Sie treiben Dinge , an die man nicht denken darf , ohne verrückt zu werden . Warum bemerken das die Lehrer nicht ? Warum verhindern es die Lehrer nicht ? Warum ? Warum sitzt ihr auf eurem Pult und seid durch eine Mauer von uns getrennt ? Niemals können eure Schüler glückliche Menschen werden , und daran seid ihr schuld mit eurem kalten , eisigen Herzen . Jeder , der ins Leben tritt , muß erst euch und eure Schule und eure Lieblosigkeit vergessen ; vielleicht kann er dann Festigkeit erlangen . Aber glücklich wird er nie . Was ich geschrieben habe , mußte ich schreiben und jetzt ist um leicht . Eine unwiderstehliche Stimme im Innern hat mir befohlen . Bojesens Lippen zitterten und seine Arme ; sein Leib zitterte . Es war etwas aufgewühlt in ihm , dessen er sich schämte : der Neid um diesen großen und ahnungslosen Wahrheitsmut . Er war so tief erschüttert , daß er den Raum , in dem er sich befand , nur wie durch Schleier sehen konnte . Im Treppenhaus läutete die Zehnuhrglocke , und er ging , seine Schüler zu entlassen . Dann schritt er selbst hinaus , durch die Korridore , trat an das hohe Fenster und sah in den Hof hinab , der auf allen Seiten von Mauern und Häusern eingeschlossen war . Er sah ins Gewühl der Knaben , die mit wildem Geschrei umhertollten , aber darin war nichts von Freiheitsgefühl und frischer Jugendlichkeit . Ja , er sah es mit seinen eigenen Augen : dies war das Jauchzen des Sträflings , dem die Kette gelockert wird , das krampfhafte , unwahrscheinliche Jauchzen des Rekruten am Sonntag , wenn er Heimat und Heimweh und Kaserne vergißt . Das war keine Jugend für den Gebrauch der kommenden Zeit , diese Jugend mit den umränderten Augen und hervorstehenden Backenknochen , dem zynischen brutalen schreiähnlichen freudlosen Lachen , den häßlichen Bewegungen und dem lichtlosen Blick . Das war eine vergängliche Sorte von Menschen , er sah es selbst . Und als er weiterging , erblickte er Agathon , an einen Pfeiler gelehnt , allein . Als er den Lehrer gewahrte , wandte sich Agathon langsam und schritt in das Klassenzimmer . Bojesen folgte ihm ( der Saal war leer ) und machte die Tür zu . Agathon wurde leichenblaß und schloß wie im Schmerz die Augen . Bojesen nahm seine Hand , legte seine rechte Hand auf Agathons Schulter und sah ihn durchdringend an . Dann strich er mit der Hand über Agathons Haar , schmeichelnd und liebkosend , und niemals zuvor oder nachher hatte dieser ein solches Glücksgefühl gehabt , so unirdisch , grenzenlos und heiter . Der Kampf des Lebens lag vor ihm wie ein leicht lösbares Rätsel , dies Haus , diese Schulbänke schienen mit Glück verbrämt . Er verstand seinen Lehrer ; er wußte , was die Berührung seiner Hand zu bedeuten hatte . Eine Viertelstunde später wurde er zum Rektor gerufen . Achtes Kapitel Die Lehrer der Anstalt waren in dem großen , fünfeckigen Raum versammelt . Alle hatten ein feierliches Gesicht , und ihr Wesen war das von Leuten , die sich ihres Amtes und ihrer Verantwortung bewußt sind . Sie starrten Agathon an mit höhnischen oder vorwurfsvollen oder hochmütigen oder verwunderten Augen . Der jüdische Kantor zeigte eine so finstere und empörte Miene , daß man ihn nicht ansehen konnte , ohne sich als Verbrecher zu fühlen . Der Rektor wandte sich auf seinem Drehsessel langsam um und bohrte den kalten Blick seiner tiefliegenden Augen in die Agathons . » Wie sind Sie dazu gekommen , Geyer , diesen - sagen wir impertinenten Artikel zu schreiben , dieses Pamphlet , wenn ich mich so ausdrücken darf ? « Der Kantor wollte reden , doch der Rektor winkte vornehm ab und fuhr mit erhöhter Stimme fort : » Ich frage , wie Sie dazu gekommen sind , die schuldige Ehrfurcht gegen Ihre Lehrer in so ungeheurer Weise zu verletzen ? Ich glaube , meine Herren , wir haben hier einen Fall von geradezu typischer Bosheit vor uns . Dieser junge Mensch befindet sich auf der abschüssigen Bahn des Lasters . Er ist das bedauerliche Beispiel für das sittliche Niveau , auf dem unsere Jugend steht , und in einem solchen Falle muß mit aller verfügbaren Strenge vorgegangen werden ; ein solcher Fall muß geradezu exemplarisch bestraft werden . « Der Rektor hatte sich erhoben ; seine schmetternde Stimme ließ den Raum erbeben ; Agathon war es , als dringe sie durch Mauern , in alle Häuser der Stadt . Wieder wollte der Kantor reden und abermals winkte ihm der Rektor zu , zu schweigen und fuhr fort : » Ich gestehe , daß mir ein ähnlicher Fall von Verworfenheit überhaupt noch nicht vorgekommen ist , und , hoffen wir zur Ehre unserer Anstalt , auch nicht mehr vorkommen wird . Geyer , wann haben Sie Ihr niedriges Skriptum verfaßt ? « » Gestern , Herr Rektor . « » Lauter ! « Agathon schwieg . » Lauter ! « » Gestern . Ich habe es laut gesagt , Herr Rektor . « » In welcher Absicht ? « fragte der Rektor , fast berstend vor Wut . » In der Absicht , die Schüler glücklicher und besser zu machen . « » Das ist eine infame Lüge ! « schrie der Rektor wie außer sich . » Es ist wahr , « erwiderte Agathon ruhig . » Kreatur ! « knirschte der Rektor , in dessen Mund das Wort eine zermalmende Bedeutung hatte . Nun konnte sich der Kantor nicht länger bezähmen . Er trat vor , kreuzte die Arme über der Brust , beugte sich zurück und den Oberkörper beständig schaukelnd , sagte er mit scharfer , salbungsvoller Stimme : » Wer bist du ? Hast du den Namen Gottes vergessen ? Hast du die Ehre deines frommen Vaters vergessen ? Bist du dir nicht selbst zur Last ? Bist du Jude oder bist du ' s nicht ? Ich verwerfe dich , stoße dich aus der Gemeinschaft der Guten hinaus , breche den Stab über dir . « » Nein , ich bin kein Jude mehr , « sagte Agathon mit seltsamem Lächeln , ohne die klare Ruhe zu verlieren , die ihn bis jetzt erfüllt hatte . Die Lehrer sahen auf : bestürzt und kopfschüttelnd . Bojesens Gesicht war tief niedergebeugt . Er hatte sich gesetzt ; die blassen Hände lagen regungslos auf den Knien . » Nun haben Sie den vollgültigen Beweis seiner Bösartigkeit und Gefährlichkeit , meine Herren , « sagte der Rektor verächtlich . » Eine verstockte , gottlose , pietätlose Natur . Sie können gehen , Geyer . « Agathon ging . Draußen überfiel ihn plötzlich große Schwäche und er sank auf die Treppe . Er hörte eine leise , aber feste Stimme in dem Raum , wo man Gericht über ihn hielt , - Bojesens Stimme . Lange redete diese Stimme , bis auf einmal der Rektor zu schreien anfing , wilder als ihn Agathon je gehört . Gleich darauf öffnete sich die Türe and Bojesen kam allein heraus . Er sah Agathon und bedeutete ihm , daß er ihm folgen möge . Als sie im Privatzimmer des Chemikers angelangt waren , verschloß Bojesen die Türe . » Ich verstehe Ihren Antrieb , « sagte er etwas gequält , » ich kann ihn menschlich würdigen , mag er so nutzlos sein als er eben ist . Aber wie sind Sie dazu gekommen ? Es gehört doch ein Entschluß dazu , die eigene Zukunft so mit Füßen zu zertreten . « Agathon saß auf dem Rand eines Stuhls und fror . Er blickte ins Kohlenfeuer , wo sich wunderliche Ruinen türmten aus der scharlachroten Glut . Dann fing er fast willenlos an zu sprechen , nicht ohne Furcht vor den eigenen Worten : » Ich weiß eigentlich nicht . Es ist schon lange her , daß ich daran dachte . Ich meinte , viele Menschen könnten leicht zu dem gelangen , was ihnen zum Glück fehlt . Ich habe nie die jüdische Religion geliebt . Ost war mir , als müsse ich allen Juden ein Wort sagen , das sie befreien könnte . Aber das war mehr wie ein Traum , bis die Geschichte mit Sürich Sperling kam . « » Und was war das ? « » Sürich Sperling hieß der Sebalderwirt bei uns im Dorf . Mein Vater fürchtete ihn so , daß er schon zitterte , wenn er seinen Namen hörte . Er hatte einen Schuldschein meines Vaters an sich gebracht und damit quälte er ihn . Als wir einmal bei der Überschwemmung nach Altenberg fuhren , kam er in einem anderen Boot , stieß mit Absicht an unseres und ich stürzte ins Wasser . Da dachte ich mir , es könne keine Sünde sein , ihn zu töten . Am selben Abend sah ich zu , wie er ein altes Männchen mißhandelte , da ging ich hin und spie ihm ins Gesicht . Er schleppte mich in sein Zimmer , nahm einen Strick und band mich an ein schwarzes , Kreuz an der Wand und schlug mich . Alles das sag ich nur Ihnen , weil ich weiß , daß Sie verschwiegen sind . « Agathon schlug die Hände vors Gesicht und Erich Bojesen hörte mit aufgerissenen Augen zu . Agathon fuhr fort , ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen . » Da sagte ich zu ihm : Sürich Sperling , das ist Ihr Tod . Da lachte er und sagte : sprich , du Aas , habt ihr nicht den Heiland gekreuzigt ? Da war mir , als ob die Tür aufginge und Lämelchen Erdmann hereinkäme , eben jener Alte , den Sürich Sperling beschimpft hatte ; und es war mir , als ob er sich niedersetzte und nickte und lächelte , und es war sein Gesicht , das ich kannte und wars auch wieder nicht . O , Sürich Sperling , sagt er , das ist eine Handlung voll Bedeutung , denn von jetzt an sind die Juden frei . Nimmer die Milde wird regieren , sondern die Kraft . Wir werden hassen unsere Feinde , hassen , hassen ! Der ewige Jud ist erlöst und du , Sürich Sperling , wirst werden der ewige Christ . Denn die Welt wird neu , sie wird sich häuten gleich einer Schlange , dann wirst du sein der ewige Christ und du wirst verurteilt sein all das Blut zu sühnen , das der Christ unschuldig hat fließen lassen . Plötzlich verschwand die Erscheinung , Sürich Sperling band mich los , er war totenbleich , zitternd hieß er mich gehen , und seine Augen blickten auf mich voll Angst und Entsetzen . « Bojesen blickte durch die Fenster auf die Straße , wo die Menschen wanderten , einzeln oder zu zweien und mit Schirmen , denn es begann zu regnen . Ihm kam alles unwirklich vor ; als ob das ganze Leben nur ein flüchtiges Bild sei , der Traum eines Traumes in uns selbst , wobei man nah ist , zu erwachen , es wünscht oder fürchtet . Er ging hin , nahm Agathons Kopf zwischen beide Hände , richtete ihn mit einem Ruck empor , schaute ihm in die Augen und machte die Wahrnehmung , daß es die seltsamsten Augen waren , die er je gesehen : schwarz und tief , von einem mühlos lodernden , und doch verhaltenen Feuer , voll von der Gabe der Vision . Wenn sie ihn anblickten , war es , als ob der Blick aus weiter Ferne besinnend zurückkehrte und erst lange zaudernd Klarheit und Festigkeit gewänne . Dann stand Agathon auf ( er war etwas größer als Bojesen ) , und sein Gesicht hatte sich mit schrecklicher Blässe bedeckt . Er deutete vor sich hin , sank auf die Knie und blieb so einige Sekunden . » Was ist ? was haben Sie ? « fragte Bojesen bestürzt . Agathon schüttelte den Kopf , und sein Gesicht verzog sich wie zum Weinen . » Und was geschah dann weiter ? « fragte Bojesen flüsternd , gegen seinen Willen und seine Vernunft ergriffen von der Sonderbarkeit des jungen Menschen . » Das kann ich jetzt nicht sagen , « erwiderte Agathon . » Sürich Sperling starb in derselben Nacht . « » In derselben Nacht ? « » Ja . Ich lag - und lag - und wünschte den Tod in sein Herz . « Ungläubig und staunend schaute Bojesen in das erschütterte Gesicht des Jünglings . Er schloß die Augen ; ihm schwindelte . Als Agathon mit leisem Gruß das Zimmer verlassen hatte , schritt er tief erregt auf und ab . Agathon irrte planlos durch die Gassen und als er am Löwengardschen Haus vorbeikam , sah er Flur und Vestibül voll von Menschen , die sich aufgeregt gebärdeten ; auch vor dem Haus standen Leute , darunter viele Arbeiter mit drohender Miene . Er machte sich auf den Heimweg , ohne daß er all diese Dinge eines besonderen Nachdenkens gewürdigt hätte . Sie bereicherten nur seine Seele um das wunderliche Gefühl , daß etwas Entscheidendes in der Welt vorging und daß er selbst die Ursache und berufen sei , die Umwandlung herbeizuführen . Wahrend des ganzen Weges hatte er die bestimmte Vorempfindung von etwas Schönem und Angenehmem , und wie wenn er einen lange vermißten Freund aufsuchte , schritt er gegen das Dorf hinab . Wirklich stand Monika Olifat am Weg und begrüßte ihn , indem sie ihm beide Hände entgegenstreckte . » Wie geht es dir , Agathon ? Warum bist du denn fortgerannt neulich ? Du bist so eigen , Agathon . Wie das lautet : Agathon ! « sagte sie nachdenklich , lächelte froh und sah ihm in die Augen . » Es ist ein griechischer Name und bedeutet : der Gute , « entgegnete Agathon mit demselben innerlich frohen Lächeln . » Bist du denn auch gut ? « » Ich weiß es nicht . Niemand kann es von sich wissen und wer es weiß , ist es nicht mehr . « » Ich muß dir erzählen , « plauderte das Mädchen , » erstens , daß ich eine neue Freundin habe , Käthe Estrich . Sie ist hübsch und lieb ; ihre Eltern ziehen hierher , sie haben die Ziegelei gekauft . « » Zweitens ? « » Zweitens ist sie verlobt und ich kenne auch ihren Verlobten . Ein interessanter Mann « » Stefan Gudstikker ? « » Du kennst ihn ? Er hat mir ein Gedicht gezeigt , das er gemacht hat . Eine Stelle weiß ich auswendig : Es ist so still , daß alle Wandrer staunen . Wenn solche wundervolle Nacht aufziehet , Hört man die Wolken und die Blumen raunen . Dir Wünsche schlafen und kein Feuer glühet , Du spürst nicht Duft von Myrten und Cypressen ; Die Welle ruht im Strom kein Vogel fliehet . « » Das ist schön ! « rief Agathon aus , blieb stehen und erblaßte . » Ach Agathon , ich mag dich so gern leiden , « sagte nach einer Pause Monika erglühend . » Du bist so still und sein und was du sagst , ist so warm ! Ich glaube , dich könnt ich nicht weinen sehen . « » Ich hab auch noch nie geweint , « erwiderte Agathon , den Kopf senkend . Monika nahm seine bebende Hand und küßte sie . Dann gingen sie weiter wie zwei Schlafwandler . Auch im Dorf sah Agathon viele erregte , finstere , zornige Gesichter . Er wurde unruhig . Als er die Schwelle des Hauses überschritt , überfiel ihn ein stechender Schrecken ; er sah jene Frau im Flur stehen , die ihm einige Zeit allmorgendlich begegnet war . Da er sie fassungslos anstarrte , klärte sie ihn auf : » Ich bin die Frau Hellmut und bin zur Pflege Ihrer Mutter da , junger Herr . Sie ist sehr krank . Sei ruhig , Sema ! « herrschte sie den Knaben an , der zu ihr reden wollte und schlug mit dem Knöchel eines Fingers roy gegen die Schläfe des Knaben , so daß dieser zu heulen anfing Als Agathon ins Zimmer kam , fiel ihm auf , daß seine beiden Geschwister wie Wachspuppen auf der Bank saßen und sich nicht rührten . Elkan Geyer starrte mit roten Augen vor sich hin . Bisweilen erwachte er wie aus einer Betäubung und rang stumm die Hände . Enoch saß schweigend am Ofen . Agathon wollte nicht fragen . Voll Besorgnis schritt er die Stufen hinauf , die vom Wohn- ins Schlafzimmer führten und fand seine Mutter allein . Ihr Gesicht war von einem grauenhaften Gelb . Sie lächelte so matt und gezwungen , daß Agathon nach einer geflüsterten Frage , die Frau Jette nur mit einem Zudrücken ihrer Augenlider beantwortete , wieder hinausging . Plötzlich kam Bärman Schrot mit der blauen Schürze , mit schmutzigen Händen - geradewegs von seinem Acker . Er deutete mit ängstlichen Bewegungen hinter sich : der Schuster Garneelen , sowie der Schmied folgten ihm auf dem Fuß . Sie kamen herein , der Schmied mit einem Hammer , der Schuster mit aufgestreiften Ärmeln , beide mit Gesichtern , die wie von Trunkenheit gerötet waren , und der Schmied schlug mit dem Hammer auf die Lehne eines Stuhls , daß sie krachend zerbrach . Mit schrillen Schreien flüchteten die zwei Kinder in das Zimmer der Mutter , und gleich darauf erschien Frau Jette im Bettgewand auf der Schwelle , einer Leiche gleich und mußte sich am Pfosten aufrecht halten . Der Schuster schrie , daß ihm seine Ersparnisse gestohlen seien , und er werde dafür sorgen , daß in drei Tagen kein Jud mehr lebe im Dorf , dafür werde er sorgen , man könne sich darauf verlassen . Der Schmied heulte mehr , als er redete , schlug mit dem Hammer blind um sich , wollte seine zweitausend Mark haben , oder er haue alles zusammen vom Dach bis zum Keller . Auf ein paar Jahre Zuchthaus käme es ihm nicht an , ihm nicht . So schrien sie beide . Auf der Gasse sammelten sich die Menschen , drückten die Gesichter an die Fensterscheiben , drängten sich in den Flur , standen unter der Türe , und endlich entschlossen sich ein paar ältere Männer , den zwei Wütenden zuzureden und sie langsam und durch Übermacht hinauszuschieben . Sie taten es jedoch sichtlich mit Widerwillen , nur aus Mitleid mit dem entsetzlichen Bild der Frau , die steif und regungslos an der Schwelle ihres Krankenzimmers stand , hinter sich zwei zitternde Kinder . Als der Raum wieder leer von Menschen war , versperrte Agathon die Tür und sah seinen Vater prüfend an , der in sich zusammengesunken , mit blauen Lippen hockte und ein Gebet murmelte . Enoch Pohl sagte nichts ; seine Züge waren unbewegt . Er brachte