Doch das waren Vorkommnisse , welche in einem so beschränkten Haushalt wohl verzeihlich erschienen , und die Albrecht in den Familien seiner Kollegen unter ähnlichen mißlichen Umständen in ganz anders abstoßender Gestalt oft genug beobachtet hatte . Und was dort nicht selten der dunklere Hintergrund des dunklen Bildes war : die Not um das materielle Dasein , davon konnte hier keine Rede sein , für den Augenblick wenigstens sicher nicht . Seine jetzt vollendete Arbeit hatte ihm ein für seine Verhältnisse ansehnliches Honorar gebracht und für die geringen Ansprüche , die Klara und er an das Leben stellten , genügten auch sonst seine laufenden Einnahmen . Er sagte sich das alles in Momenten ruhiger Überlegung , aber deren hatte er jetzt wenige . Wie ein weidwunder Hirsch durch den Wald , schleppte er sich durch das Dasein , todmüde , den Schlaf herbeisehnend , der nicht kommen wollte vor dem brennenden , bohrenden Schmerz in der frischen Wunde . Sonst hatte er in trüben Stunden nur seinen Homer oder Sophokles , seinen Horaz oder Virgil aufzuschlagen brauchen und sich in eine Welt entrückt gefühlt , unter der die gemeine Wirklichkeit in wesenlosem Scheine lag . Nun wollte die Heilquelle nicht mehr fließen und der Balsam hatte seine Kraft verloren . Er , der früher nur ein verächtliches Lächeln gehabt hatte für die Klagen der Alltagsseelen über Alltagsleiden , mußte jetzt seinen ganzen Stolz zusammennehmen , um nicht in den Chor einzustimmen ; er spürte eine beständige Neigung zum Weinen , und manchmal fehlte nur ein Geringes und er wäre mitten in seiner Lehrstunde oder im Gespräch mit den Kollegen in Thränen ausgebrochen . Dann raffte er sich wohl gewaltsam zusammen , schalt sich einen Undankbaren , einen Feigling , einen Weiberknecht ; aber die heroische Wallung war nur zu bald verflogen . Wieder stand es vor seines Geistes Auge in erschreckender Klarheit , das Bild der Zauberin ; wieder fühlte er auf seinen Lippen ihren Kuß ; wieder fluchte er den Göttern , die mit dem Menschen ihren schnöden Spaß treiben und ihm ein Glück vorgaukeln , das ihm ewig unerreichbar bleibt . Weshalb in seine Brust die Leidenschaft der Schönheit pflanzen , wenn sie sie nicht stillen wollten ? Weshalb ihm das herrliche Weib an die Brust drücken , um es sofort in eine Ixion-Wolke zu wandeln ? Aus der nur noch ein leises , ironisches Kirchen schallte : Weißt Du jetzt , wie weich einer Göttin Arme sind und ihre Küsse brennen , du armseliges , gefopptes Menschenkind ? Ja , er war gefoppt , genasführt ; sein übermütiges , frivoles Spiel hatte man mit ihm getrieben ; und war dann unbekümmert um ihn , der sich verzweifelt am Boden rang , auf- und davongeflogen in höhere Regionen . Wären es doch wirklich höhere gewesen ! Konnte er die so nennen , in welchen die Herren von Fernau und Genossen Sterne erster Ordnung waren ? die jungen Herren , mit denen er nach der Ballnacht in dem Café gewesen war , das große Wort führten ? Und sie » die Sorbitz « nannten ? und von ihr sprachen , wie von einer Balletteuse ? Den abscheulichen Eindruck , den diese Reden auf ihn gemacht hatten , konnte er nicht los werden , wie den Nachgeschmack einer widerlichen Medizin . Und er hatte die Empfindung , als sei gerade von ihr in einem besonders leichtfertigen Ton gesprochen worden . Es konnte doch wohl nur sein , weil alles , was über sie gesagt wurde , ihn so viel schmerzlicher berührt hatte ; und doch , mochte er dagegen ankämpfen , wie er wollte , der Zweifel an ihr schlich sich in seine Seele und verdoppelte seine Qual . Sein gutes Weib zu verraten , war schlimm ; sie verraten zu haben um eine , die von der Courtisane nur der gesellschaftliche Rang trennte , schien unerträglich . Die Flurschelle wurde gezogen ; er war es jetzt schon gewohnt , selbst zu öffnen . Der Postbote brachte zwei Briefe ; der eine von einem Studienfreund in Petersburg mit dem er gelegentlich korrespondierte ; die Handschrift auf dem Couvert des andern , eines Stadtbriefes , kannte er nicht . Als er sie bei dem helleren Licht in seinem Zimmer genauer ansah , sagte er sich sofort , daß es eine weibliche , und im nächsten Augenblick , daß sie verstellt sei . Ein Zittern überfiel ihn ; in dem Berliner Zimmer bewegte es sich ; er ließ den Brief zwischen ein paar Bücher gleiten , die auf dem Schreibtisch standen . Es war Klara , die mit einer Frage kam , auf welche er eine kurze , verwirrte Antwort gab . Du bist sehr beschäftigt ? sagte Klara . Ich habe noch ein paar Hefte zu korrigieren und möchte dann eine Stunde in den Straßen herumlaufen ; mein Kopf ist heute nicht besonders . Du kommst auch jetzt so wenig heraus . Wer schreibt Dir denn da ? Professor Möller . Warum ? Ich frage nur so . Zieh Dich hernach warm an . Doktor Ribbeck sagte vorhin , es sei ein häßlicher Nordost . Helenchen hustet auch heute abend wieder mehr . Klara war aus dem Zimmer , um Albrechts Lippen zuckte ein unschönes Lächeln . Wie klug von ihm , daß er den andern Brief hatte verschwinden lassen ! und auf alle Fälle gesagt hatte , er wolle noch ausgehen ! Es war doch möglich , der Brief war von ihr , und dann - Der Brief war von ihr , konnte nur von ihr sein , wenn er auch keine Unterschrift hatte . Über seine Schulhefte gebückt , zwischen deren Blättern das teure Blatt in jedem Moment einen sichern Versteck finden konnte , las er mit wild klopfendem Herzen : Ich bin heute abend bei S. bis neun Uhr . Da ich weiß , daß Du zu derselben Zeit in der Nähe bist , rechne ich darauf , daß wir eine Strecke zusammen fahren . Ich werde zu diesem Zweck an der Ecke der Behren-und Wilhelmstraße die Droschke ( I. Klasse ) eine Minute halten lassen . Ich kenne ja Deine Pünktlichkeit . Also au revoir ! Der Brief mit dem Couvert stak in der inneren Tasche seines Rockes . Er saß und korrigierte seine Hefte , ganz mechanisch die Fehler anstreichend , eine elegantere Wendung an den Rand , seine Censur unter die Arbeit schreibend , während seine Gedanken in wildem Aufruhr durcheinander stürmten und die Hand ihm wiederholt so zitterte , daß er die Feder mit der roten Tinte niederlegen mußte . Welchen Mut hatte sie ! Und wie mußte sie ihn lieben , um diesen Mut zu haben ! Wie kläglich nahm sich , damit verglichen , die Kleingläubigkeit aus , mit der er alle diese Tage an ihrer Liebe gezweifelt hatte ! Und wie klug war der Brief ! wie scheinbar unverfänglich ! Jeder gute Freund konnte ihn geschrieben haben ! Mit ihr beisammen in der Enge des Wagens ! Hand in Hand ! Es war nicht auszudenken ! Er sprang auf , ging mit hastigen , leisen Schritten ein paarmal durch das Zimmer und setzte sich wieder zu seinen Heften . Der Brief war um sieben Uhr mit der letzten Post gekommen . Er hatte reichlich Zeit . Aber wie die Zeit hinbringen ! Zu lange durfte er auch nicht vom Hause wegbleiben . Er wollte bis um acht zu arbeiten scheinen ; erklären , er könne es nicht mehr aushalten , und mit der Weisung an Auguste oder der Bitte an Klara , ihm sein Abendbrot aufzuheben , davonstürzen . Es war alles nach seinem Wunsch gegangen ; zehn Minuten vor neun stand er an der bezeichneten Ecke . Auf der einen Seite war ein Droschkenhalteplatz ; es handelte sich also allein um die andere . Ein kleiner Vorteil nur ; aber in der Liebe , wie im Kriege , gelten alle , auch die kleinsten . Das Sudenburg ' sche Haus lag eine ziemliche Strecke weiter die Behrenstraße hinauf auf der Seite des Halteplatzes ; ein Wagen , der von dort kam , mußte also , um zu seiner Ecke zu gelangen , über die Straße herüberbiegen und sich so kenntlich machen . Wiederum ein Vorteil . Fortes fortuna adjuvat ! Der Mut der Geliebten war voll in ihn übergeströmt ; in seinen Adern pulste fröhlich das Blut ; seine Wangen brannten ; ein schneidend kalter Wind wehte die Straße herauf ; er fühlte ihn nicht und lachte der Passanten , welche die Kragen ihrer Röcke und Mäntel ängstlich in die Höhe geschlagen hatten . Er fühlte nur , was er in dem Maße Jahre und Jahre lang nicht gefühlt , daß er jung und stark war , und daß es noch Blütenträume gab , die köstlich reiften . Dennoch spürte er , wie jede Minute Wartens mehr an seinen Nerven grausamer nagte . Es wurde neun , zehn Minuten darüber . Und plötzlich überfiel ihn die Furcht , sie würde nicht kommen ; sei vielleicht schon in einem der vielen Wagen , welche von der Friedrichstraße her seine Ecke passiert hatten , an ihm vorbei gefahren , ohne ihn zu sehen , oder ihn sehen zu wollen ; und alles laufe auf einen schlechten Spaß hinaus , den sie , oder eine andere , sich mit ihm gemacht . Noch fünf Minuten wollte er warten ; wenn dann nicht - In seiner zornigen Angst hätte er fast die Droschke nicht bemerkt , die eben von der anderen Seite über die Straße gebogen war und jetzt , fünf Schritte von ihm , still hielt . Mit einem Sprunge war er an der Wagenthür , deren Fenster heruntergelassen war . In die andere Ecke geschmiegt , so daß der Sitz auf seiner Seite frei blieb , saß eine Dame , die jetzt , als er die Thür aufriß , ihm die Hand entgegenstreckte . Er war hineingesprungen und hatte die Thür hinter sich zugeschlagen . In demselben Moment setzte sich auch die Droschke wieder in Bewegung . Er hatte die Hand ergriffen und leidenschaftlich an seine Lippen gedrückt . Die Hand wurde ihm schnell entzogen . Erst das Fenster schließen , sagte ihre Stimme . Nun - Sie hatte ihm statt der Hand den Mund geboten . Und wenn die Erde sich unter ihnen aufgethan hätte , sie zu verschlingen , er würde den letzten Moment als den seligsten seines Lebens gepriesen haben . Auch Klotilde war glücklich . Hatte sie sich in diesen verdrießlichen Tagen doch sehr ernstlich nach einem solchen Moment und seinem Kusse gesehnt ! Aber das Glück , sich den lieben Menschen nun doch erobert zu haben , aller Welt zum Trotz , ohne Adelens schwächliche Güte in Anspruch nehmen zu müssen , raubte ihr nicht die Besonnenheit . Nach dem ersten Erguß stürmischer Zärtlichkeit hinüber und herüber , sagte sie , ihn sanft von sich wehrend : Nun einen Augenblick vernünftig sein ! Wir fahren durch das Brandenburger Thor , die Charlottenburger Chaussee , die Siegesalle hinauf , Tiergartenstraße und so weiter bis zur Landsbergerstraße . Dort steige ich aus und du fährst sofort weiter . Bis dahin ist der Kutscher genau instruiert . Für den Rest mußt Du sorgen . Und wenn wir an Laternen vorüberkommen , bieg Dich in Deine Ecke zurück ! Es wird uns so leicht keiner erkennen . Aber man kann nicht vorsichtig genug sein . So , jetzt darfst Du mir noch einen Kuß geben . Es blieb auch nicht bei diesem zweiten . Küsse , in die sich von seiner Seite kaum ein Tropfen von Sinnlichkeit mischte . Es wäre denn eine Sinnlichkeit gewesen , wie sie Götter empfinden mögen , in deren Adern statt des Blutes Ichor fließt . Der sanfte Druck ihrer schlanken Hand , von der sie den Handschuh gestreift ; die Berührung des weichen Pelzes , mit dem ihr Sammetmantel besetzt war ; der süße Duft , der aus ihrem Haar zu wallen schien ; der Blick in ihre großen , im Licht einer vorübergleitenden Straßenlaterne erglänzenden Augen ; ihr kurzes , lustiges Lachen ; der tiefe , metallene Klang ihrer Stimme , die so deutlich war , obgleich sie immer nur halblaut und hastig sprach - es umspann ihn , wie die Maschen eines Zaubernetzes , gewoben von Feenhänden . Ach ! nur leider nicht auch unzerreißbar ! Der Kanal war passiert ; Klotilde rückte an ihrem Hut , nestelte an ihrem Mantel und sagte : Jetzt aufgepaßt , mein Herr ! Wir müssen uns schreiben . Ich habe alles schon überlegt : selbstverständlich poste restante , Du unter der Chiffre : Ballade ; ich : Siegfried . Das Postamt darf keines sein , wo man uns kennt . Mir am gelegensten ist Nummer - sie nannte eine Ziffer , die sie wiederholte . Kannst Du mir eines für Deine Briefe angeben ? Albrecht konnte es nach kurzem Besinnen . Du bist mein kluger Junge , sagte sie , und zur Belohnung für Deine Klugheit will ich auch den ersten Brief schreiben . Du antwortest natürlich umgehend . - Der Wagen wird in einer Minute halten . Wenn ich aussteige , rufst Du dem Kutscher irgend eine Straße zu , nur nicht Deine ! Sorge Dich nicht um mich ! ich habe , wie Du weißt , zu Fuß nur noch eine kurze Strecke . Und nun , leb ' wohl ! Der Wagen stand . Ein letzter , flüchtiger Kuß . Sie hatte den Schleier über das Gesicht gezogen und war , kaum herausgeschlüpft , hinter der Droschke verschwunden . Albrecht hatte dem Kutscher eine der seinen benachbarte Straße zugerufen . Der Mann trieb das Pferd wieder an . Albrecht starrte auf den leeren Platz , wo sie gesessen hatte . War denn dies alles nur ein seliger Traum gewesen ? Zwanzigstes Kapitel Nein ! kein Traum ! - Traumgeister schreiben keine Briefe . Und da hielt er ihn nun in der Hand , ihren ersten wirklichen Brief . Nach dem er auf dem von ihm angegebenen Postamt mit einer Stimme , die sich vergeblich bemühte , möglichst unbefangen zu klingen , gefragt , und der ihm von dem Beamten mit einem schnellen , prüfenden Blick ausgeliefert war . Der köstliche Brief ! Er war nicht eben lang , und besonders Geistreiches stand nicht darin . Aber das hatte Albrecht auch nicht erwartet . Der Brief war gerade so , wie er ihn sich gewünscht , enthielt gerade das , was ihn zu hören verlangt hatte : die Versicherung ihrer Liebe , ein paar anmutige Scherze über das gelungene Abenteuer ; die Bitte , ihr möglichst umgehend und möglichst ausführlich zu antworten und ihr in der Misère ihres Lebens eine andere glückliche Stunde zu bereiten . Er hatte den Brief auf dem Wege in seine Schule abgeholt und schrieb auch dort nach dem Schluß der Lektionen in dem Konferenzzimmer , das nun niemand mehr betreten würde , die Antwort . Sie war ein gut Teil länger als ihr Brief und aus einer andern , innigeren , freudigeren Tonart , die anzuschlagen ihn keine Mühe kostete , die im Gegenteil nicht zu hoch zu schrauben , sein guter Geschmack ihn mahnte . Mein Gott , konnte er auch jetzt nicht mehr den leisesten Zweifel daran hegen , daß sie ihn liebe - sie war eine Weltdame , gewohnt , ihre Rede zu mäßigen , selbst im Affekt sich vor scharfen Accenten zu hüten ! Er mußte ihr zeigen , daß seit seiner Primanerzeit Jahre verflossen waren , die er nicht unbenutzt gelassen hatte ; ein Mann jetzt vor ihr stand , der das Leben kannte . Nur daß sich ihm jetzt eine neue Region erschlossen , die bisher nur in dämmernden Umrissen ahnungsvoll durch seine Träume geglitten sei , bis eine geliebte Hand ihm die Pforten zu dem Paradiese erschloß , in welchem er jetzt wandle durch selige Gefilde in einem ambrosischen Licht , das , nachdem es einmal sich über ihm erhoben , nie , nie wieder untergehen könne . Diese Hyperbel war die einzige , die er wagte . Dann sagte er , wie schmerzlich ihre Klage über die Misère ihres Lebens ihn berührt habe - die Klage , welche in seiner Brust ein so schwermutvolles Echo finde . Aus dieser beiderseitigen Misère ein Glück zu schaffen - er sehe sehr wohl die tausend Hindernisse , die sich ihnen entgegenstemmten . Aber wo ein Wille sei , da sei ja auch ein Weg . Er für seine Person schrecke vor keiner Gefahr zurück . Aber freilich , ein Mann , dessen Metier es sei , Gefahren zu trotzen , habe da leicht reden ; und nicht nur , um zu wissen , was sich zieme , müsse man bei den Frauen anfragen ; auch um das , was in dieser Welt der Unnatur und Verlogenheit freie Geister und tapfere Herzen noch zu hoffen wagen dürften . Klotildens zweiter Brief ließ nicht auf sich warten ; bereits der folgende Tag brachte ihn . Wie er länger war , als der erste , so hatte sich auch seine Temperatur erhöht : er enthielt Ausdrücke der Leidenschaft von einer Glut , Koseworte von einer Zärtlichkeit , die Albrecht entzückten , berauschten . Aber auch die Klage ertönte diesmal lauter ; es blieb immer noch die Sprache einer Weltdame , aber Mignons Seufzer : » Nur wer die Sehnsucht kennt « tönte hindurch . Wie herrlich er auch zu schreiben wisse , sein gesprochenes Wort klänge doch süßer , und das » Glück der Entfernung « könne das der geliebten Nähe nicht ersetzen . Der Geliebte solle seinen klugen Kopf anstrengen und darüber nachdenken , wie ein Wiedersehen zu ermöglichen sei . Zwar die Verlobung Stephanies mit Herrn von Luckow eröffne eine Perspektive von Festlichkeiten in dem Sudenburg ' schen Hause , bei denen der » verehrte Dichter « sicher nicht fehlen werde . Aber so lange ließe sich ihre Ungeduld nicht zügeln . Ihr wolle durchaus kein guter Einfall kommen . Er habe hier wie überall , seine Superiorität zu erweisen . Die schöne Frau hätte seine Begierde , sie wieder zu sehen , nicht noch zu schüren brauchen . Er wälzte Tag und Nacht die Möglichkeiten eines zweiten Rendezvous in seiner Seele . Auf seinen einsamen Spaziergängen , die er jetzt bei Einbruch der Nacht über die gewohnten Grenzen seiner nächsten Nachbarschaft hinaus zu machen pflegte , war er in Charlottenburg , den brennenden Durst zu stillen , in ein Restaurant getreten , das , wie verödet es auch jetzt schien , Spuren ehemaligen Glanzes aufwies . Sein Bier trinkend , hatte er sich mit dem einzigen Kellner , der sich blicken ließ , einem älteren Mann , in ein Gespräch eingelassen und seine Vermutung bestätigen hören . Das Lokal sei früher ein sehr besuchtes gewesen ; jetzt hätten andere , dem Tiergartenbahnhof näher , es tot gemacht . Nicht ganz , Gott sei Dank ! Ein so renommiertes Restaurant verliere den alten guten Ruf nicht so leicht . Es kämen immer noch Herrschaften , alte Kunden zuweist , die wüßten , daß in der Küche gerade noch so schmackhaft gekocht werde und in dem Keller die feinen Marken nicht ausgegangen seien . Da gebe es denn manchmal noch ein kleines Dinerchen oder Souperchen hier im Saal unten , oder oben , oder in separaten Kabinetten , die bei ihnen ebenso komfortabel zu finden wären , wie bei Hiller Unter den Linden , oder einem sonstigen sogenannten eleganten Restaurant . Zum Beweis , daß er die lautere Wahrheit spreche , hatte er den einsamen Gast in ein oder zwei Kabinette blicken lassen , auch die Gasflammen entzündet , um ihn die verblichene Pracht bewundern zu lassen . An dies Lokal , das seine Phantasie eigentümlich berührt hatte , als sei es aus einem Dickens ' schen Roman herausgewachsen , dachte Albrecht . Es war nicht , oder so gut wie nicht besucht ; abgelegen und doch unschwer zu erreichen . Aber er wagte nicht , es Klotilden in Vorschlag zu bringen : es hätte ihren aristokratischen Gewohnheiten allzu wenig entsprochen . Vor einer andern Idee , die ihm ebenfalls kam , bebte er gar zurück . Er hatte wohl von Chambres garnies gehört , die für einzelne Tage , ja für Stunden zu mieten wären , und die Ankündigungen oft genug auf den betreffenden Schildern gelesen . Und weiter gehört , in welcher Absicht diese Zimmer nicht selten gemietet würden . Wenn es ihm undenkbar war , daß er jemals ein solches Haus betreten könne , wie hätte ihr Fuß die unsaubere Schwelle überschreiten dürfen ! Es war eine Versündigung , es nur zu denken . Aber was nun ? Sie sagte , daß sie sich nach seinem Anblick , nach dem Ton seiner Stimme sehne ; und seine Seele lechzte nach ihr , wie die Lippen des auf dem Schlachtfeld an seinen Wunden Verblutenden nach einem Tropfen Wasser . Nochmals eine Wagenexpedition ? Aber wenn ihr die ausführbar erschienen wäre , hätte sie selbst wohl daran gedacht . Oder wahrscheinlicher , sie fühlte wie er : daß eine solche Situation bei aller Süßigkeit des Augenblicks im Nachgeschmack etwas Plebejisches habe . Bis ihm ein besserer Einfall kam : ein neutraler Ort , der nichts Anstößiges hatte und wo man sich wenigstens sehen und , wenn das Glück gut war , ein paar Worte wechseln könnte . Die große Ausstellung war leider längst geschlossen ; Schulte ' s Salon wäre gewiß unverfänglich gewesen , nur daß man dort gar zu leicht auf Bekannte treffen konnte . Eines der Museen ? Sie waren der gesuchte Rendezvousplatz für sämtliche verliebten Studenten und Grisetten in Berlin . Höchstens das National-Museum . Und da fiel ihm ein , daß dort in den oberen Räumen gerade eine jener Ausstellungen der hinterlassenen Werke von ein paar Künstlern stattfand , die nicht eben zu den Koryphäen gehört hatten und deren Namen sicher wenig Anziehungskraft auf das Publikum ausüben würden . Nur ein pis aller freilich . In seiner Verlegenheit machte er ihr doch den Vorschlag , und daß er am nächsten Tage um zwei Uhr sich auf alle Fälle da einfinden werde . Es war ein dunkler , regnerischer Tag , der nächste , möglichst wenig für die Besichtigung von Kunstgegenständen geeignet . Was konnten sie sich Besseres wünschen ? Mit klopfendem Herzen hatte er die hohen Treppen erstiegen ; wie er es erwartet , fand er die unfreundlichen Räume bis auf einige wenige Personen völlig leer . In der That war auch nur in dem größeren Oberlichtsaal mit einiger Deutlichkeit zu erkennen was in sauberster Ordnung an den Wänden herumhing : größere Landschaften , Farbenskizzen , Zeichnungen - ; in den kleinen hintern Kammern herrschte beinahe völliges Dunkel . Er war einmal rasch durch sämtliche Räume geschritten , und hatte dann in dem Oberlichtsaal Posto gefaßt . Die Sachen hätten ihn sonst wohl lebhaft interessiert ; besonders der eine der beiden Künstler , ein allzu früh verstorbener junger Mann , zeigte bei aller tastenden Unsicherheit ein bedeutsames , freilich ganz im Bann der jüngsten Schule stehendes Talent . Er hatte den Brausekopf sogar gekannt und im Café Bauer ein und das andre interessante Gespräch mit ihm geführt . Was war ihm das alles jetzt , wo seine Seele nur den einen Gedanken hatte , sein Herz nur der eine Wunsch erfüllte ! Immer verzehrender , als nun Minute um Minute schwand , ohne daß sie kam . Anstatt ihrer erschien der Professor Hederich , um glücklicherweise wieder zu verschwinden , nachdem er kaum einen flüchtigen Blick auf die Bilder geworfen und ein vernehmliches Pfui Teufel ! durch die Zähne gemurmelt . Endlich ! Sie war von Kopf bis zu Fuß in dunkler Kleidung , dennoch schien ihm plötzlich der ganze Raum mit Sonnenlicht gefüllt . Er trat auf sie zu und begrüßte sie formvoll , obgleich im Moment nur noch ein einziger schlichter Mann , ein höherer Handwerker , wie es schien , zugegen war , der unmittelbar nach ihr gekommen sein mußte . Doch stand der Mann in einer entfernteren Ecke , wo ihn ein paar Zeichnungen besonders interessieren mochten ; sie konnten in der andern lächelnde Blicke und geflüsterte Liebesworte austauschen . Wie habe ich mich nach Dir gesehnt ! Und ich mich nach Dir ! Bist Du noch meine wonnige Ballade ? Und Du mein mutiger Siegfried ? Hast Du schon lange auf mich gewartet ? Eine Ewigkeit , wenn ich sie nach meiner Sehnsucht berechne . Ich konnte beim besten Willen nicht eher . Und nun leb ' wohl , herztausiger Schatz ! Um Gottes willen , Du wolltest schon wieder fort ? Wir haben noch eine gute halbe Stunde . Von der jede Minute uns einen Bekannten , das heißt : eine Gefahr bringen kann . Ich bin unten an Herrn Wollberg vorübergestreift . Er stand vor einem Farbendruck nach Gustav Richter und wollte sich tot lachen . Sie selbst lachte übermütig . Wenn sie lachte , drang ein eigentümlich girrender und doch klangvoller Ton aus ihrer Kehle ; in der linken Wange zeigte sich ein tiefes Grübchen und durch die Lippen schimmerten die Spitzen der weißen Zähne . Niemals schien sie ihm entzückender als in solchen Momenten . In einem der nächsten Kabinette ist ein schöner Frauenkopf , den ich Dir zeigen möchte . Ich muß wirklich fort . Es sind nur drei Schritte . Bitte , komm ' ! Aber Du närrischer Mensch , hier kann man ja nicht die Hand vor Augen sehen ! Er hatte sie mit dem einen Arm umfaßt und ihr einen Kuß auf den Mund gedrückt . Bist Du toll ? So ! da hast Du ihn wieder ! Und nun adieu ! Sie befanden sich in dem letzten der Kabinette . Als Klotilde sich wandte , hörten sie Stimmen und Schritte in dem nächsten . Sofort hatten sie ihre Gesichter nach dem Frauenkopf gekehrt , vor dem sie wirklich standen und in dessen Betrachtung sie versunken schienen . Es hätte keine Sekunde später sein dürfen ; die Schritte waren unmittelbar hinter ihnen . Wenn sie sich doch wenigstens zu elektrischem Licht aufschwingen wollten ! Klotilde und Albrecht durchzuckte es : Herrn von Luckows Stimme ! Und nun Stephanies : Sind Sie es wirklich , Klotilde ! Und Herr Professor ! Welch angenehme Überraschung ! Nicht wahr ? sagte Klotilde , während man sich allerseits die Hände reichte . Da will ich nun eine meiner vielen müßigen Stunden totschlagen und muß hier den Herrn Professor finden , der dann freilich von der Kunst ein wenig mehr versteht als ich armer Wurm . Eben hatte er mich auf diesen Kopf aufmerksam gemacht . Findest Du ihn nicht auch wundervoll ? Wenn man nur etwas sehen könnte ! rief Stephanie . Ich dächte , es ginge noch , sagte Klotilde . Sie sind aber wirklich anspruchslos , gnädige Frau , sagte Luckow lachend . Die reine ägyptische Finsternis ! Ich habe Stephanie gewarnt ; sie wollte durchaus her . Ich muß den Barbaren doch ein wenig zu bilden suchen , rief Stephanie . Man lachte und scherzte . Für Albrechts Ohr klang alles recht gezwungen , und Klotilde war der schnelle , verwunderte Blick nicht entgangen , den das Brautpaar in dem ersten Moment der Begegnung gewechselt hatte . Sie fürchtete , Albrecht würde die Taktlosigkeit begehen und sich empfehlen ; aber Albrecht fühlte nicht weniger deutlich , daß hier nur die größte anscheinende Unbefangenheit retten könne . Er brachte sein Bedauern vor , Stephanies verehrte Eltern und Stephanie selbst bei seinem vorgestrigen Versuch , zu der Verlobung zu gratulieren , nicht angetroffen zu haben , und kam dann mit einer geschickten Wendung wieder auf den jungen , talentreichen Künstler zu sprechen , aus dessen wirrem Leben er Interessantes zu berichten wußte . Glücklicherweise kam nun auch noch der Maler Wollberg dazu . Er hatte sich unten an den » alten braunen Schwarten « wieder einmal satt geärgert und wollte sich hier oben , wo denn doch , Gott sei Dank , eine andere Luft wehe , für ein paar Augenblicke die Seele ausweiten . Ja , der hier war ein Künstler ! Wenn der nur mit einem Fuß auftrat , fingen sämtliche Zöpfe der Akademie an zu wackeln . Für eine Radierung , wie diese , gebe er den ganzen Kunstquark hin von Albrecht Dürer bis Menzel ! Was stellt es eigentlich vor ? fragte Stephanie . Ich weiß es nicht , rief der Künstler . Darauf kommt es auch gar nicht an . Aber sehen Sie diese grandiosen Linien , diese fulminante Verteilung von Licht und Schatten ! Daß der Künstler seine Seele giebt , nackt giebt , mein gnädiges Fräulein , splitternackt , das ist die Sache . Wo nichts ist , freilich , hat der Kaiser sein Recht verloren . Waren ja ganz nette Sächelchen , Herr Professor , die Sie uns bei dem Fest neulich vorgegaukelt haben . Ein bißchen aus dem Handgelenk ? wie ? Na , immer noch besser , als der Kaulbach ' sche Schund , den uns der alte Esel von - na , de mortuis nil nisi bene , heißt es ja wohl . Und diese ganze Sippe ist tot , toter als tot . Das Glöckchen des Saaldieners mahnte die Herrschaften daran , daß die von ihm ersehnte Stunde endlich geschlagen habe : die Herrschaften und den kleinen handwerkermäßigen Mann , der noch immer an den Zeichnungen sich nicht satt gesehen hatte , nun mit ihnen den Saal verließ und hinter ihnen die Treppen hinunterstieg . Unten vor dem Portal hielt die Sudenburg ' sche Equipage und in einiger Entfernung eine einzelne Droschke . Wir bringen Sie natürlich nach Hause , Klotilde , sagte Stephanie . Wird mit Dank angenommen , sagte Klotilde , nach einem freundlichen Kopfnicken gegen Albrecht und den Maler , zuerst in den Wagen schlüpfend . Die Equipage mit Klotilde und dem Brautpaar war davon gerollt