keinen Heiligen vor den Soldaten geschützt - doch die Sternwarte flößte viel mehr Achtung ein - dem großen Abu Maschar wich das Volk scheu aus - die Soldaten erst recht - die hatten sogar eine höchst abergläubische Furcht vor den Sterndeutern . Der alte Suleiman war keine Persönlichkeit , die nach was aussah . Und Osman hatte viel zuviel Freunde in der Burg - er verschaffte den Hofleuten so manchen Vorteil und pflegte stets sehr freigebig zu sein . Daher blieb nur der alte Geizkragen Said ibn Selm , an dem man sein Mütchen kühlen konnte . Das geschah natürlich - Said hatte Alles auszubaden . Fünf Hauptleute mit hundert bis an die Zähne bewaffneten Soldaten drangen in Saids Haus , verwüsteten alles und raubten , was sie konnten . Nur die Tarub behandelte man glimpflich . Man erlaubte ihr , alle Küchengeräte mitzunehmen - und auch ihre Ersparnisse durfte sie mitnehmen . Suleiman hatte vorher sein Schäfchen ins Trockne gebracht - er hatte dem Said sämtliche Schmucksachen gestohlen . Die Soldaten steckten schließlich alles , was sie nicht mitnehmen konnten , in Brand und hätten auch den Said verbrannt , wenn der nicht so schrecklich geschrieen hätte . Man ließ Said laufen - allerdings - splitternackt . Mitleidige alte Leute schenkten dem alten Geizhalse ein paar alte Lumpen , mit denen er sich notdürftig bekleiden konnte . So gings einem der reichsten Männer von ganz Bagdad . Die fünf Hauptleute mit ihren hundert Soldaten füllten ihre Taschen mit blankem Golde - bis zum Rande . Und der Chalif freute sich sehr , als er das hörte - die Hofleute gleichfalls - denn die wußten , die Soldaten würden schon dankbar sein , wenns nötig sein sollte . Die Abla und die Sailóndula wurden von Osman aufgenommen ; der freute sich auch . Die Tarub mietete sich eine Küche in der langen Straße . Die Küche lag in einem kleinen Gartenhause , das von dem Besitzer nicht benutzt wurde ; hinter großen Bananen lags . Als Safur nach Bagdad zurückkehrte , ward ihm die Tarub feierlich von Osman geschenkt . Safur wollte ja die Tarub schon immer so gern geschenkt haben . Jetzt hatte er sie - und er war ihr Herr - und sie war seine Sklavin . Die Sache hatte natürlich manchen Haken . Der Dichter konnte sich nicht gleich in seine neue Lage finden . Es hatte sich in Bagdad doch recht viel verändert . Es war so , als wenn überall was zerrissen wäre - überall so was Zerrissenes ! Die Fäden , mit denen die Menschen aneinander gebunden sind , sind viel dünner , als man gemeinhin denkt - zerreißen so leicht und sind so schwer wieder zusammenzuknüpfen . Es ist daher auch garnicht verwunderlich , daß - als sich bei Osman der Kodama , der Safur und der Hamadany wieder mal nach fast zwei Jahren » guten Tag « sagen - die Einigkeit dieser vier lauteren Brüder eine bemerkenswerte Störung schon in der ersten Stunde des neuen Zusammenseins erleidet . Safur spricht von Ägypten - vom Lande der Pyramiden - vom Lande der Sphinx . Und er spricht auch von dem , was die ägyptischen Heiden von der Weltseele lehren . Er teilt dem Osman die Namen von mehreren ägyptischen Gelehrten mit , die größere philosophische Werke geschrieben haben . Osman ist darüber sehr erfreut und schreibt sich die Namen sorgfältig auf ; er will sich sofort mit den Ägyptern in Verbindung setzen . Osman kann garnicht genug Bücher herausgeben . Safur aber spricht weiter von der Weltseele - von der Viereinigkeit und von der Dreieinigkeit - von Raum und Zeit - von Geist und Stoff - von Plato - und von Pythagoras - von der Zahlenmystik - und vom Überirdischen . Hamadany und Kodama hören eifrig zu . Indessen - sie können bald nicht mehr dem Dichter folgen - von der Weltseele verstehen sie sowieso nichts . Es ist daher ganz erklärlich , daß sie bald dem begeisterten Safur erklären , er würde unklar . Der Dichter , der von Dingen sprach , die er selbst nicht mal ordentlich begriffen hatte , ist natürlich höchst empört , daß man ihm Unklarheit vorwirft - er ist wütend . Er merkt jedoch noch rechtzeitig , daß der Vorwurf seiner Freunde nicht ganz ungerechtfertigt genannt werden könne - und legt demnach sehr geschickt folgendermaßen los : » Freilich ! Klar soll ich sein ! Natürlich ! Die Dinge , von denen ich rede , sind ja auch so einfach und klar , daß es gar keine Mühe macht - klar - klar über diese Dinge zu reden ! Freilich ! Natürlich ! Ein Hammelbraten ist immer was Klares für Euch - die Weltseele und der viereinige Gott muß deshalb auch klar für Euch werden . Bei Allah , merkt Ihr denn nicht - wißt Ihr denn nicht , daß die Leute , die immer nur das Nächstliegende - das Erreichbare - im Auge haben , ohne große Umstände klar sein können ? - daß diese einfachen Leute , diese bäurischen Tölpel , sich immer klar werden müssen ? Und wißt Ihr nicht , daß andrerseits diejenigen , die in die tiefsten Tiefen der Welträtsel dringen möchten , sehr selten klar sein können ? In jedem feineren Kopfe , der stets zu denken gewohnt ist , ist die ganz abgeschlossene Klarheit nicht so was Alltägliches . Die Tarub allerdings wird immer ganz klar sprechen , weil sie nur das Nächstliegende - Erreichbare - haben will . Safur , der dem Unerreichbaren nachjagt , kann leider nicht immer so klar sein . Aber - bei Allah - seid Ihr nicht mehr als Tarub ? Warum nennt Ihr Euch denn nicht Tarub ? Warum nicht ? Dummköpfe sind sich immer klar . Das Rhinoceros , das im Nile zu baden pflegt , hat ohne Zweifel den klarsten Kopf - weils das dümmste Tier der Welt ist . Das Rhinoceros denkt über die Weltseele nicht nach - Tarub wird das auch nicht tun . - Warum werft Ihr mir denn mit solcher Erbitterung fortwährend immer wieder und wieder von Neuem Unklarheit vor - warum ? warum ? Soll ich auch Tarub werden wie Ihr ? Ich wills nicht ! « Oh - Safur ist furchtbar böse , seine Stirn zeigt fast tiefere Falten als das Fell des ältesten Nilpferdes . Und dabei zittert der ganze Dichter - wie eine Pappel , durch die der Wind fährt . Osman lächelt und sagt milde : » Lieber Safur , sei nur nicht so grob ! Es widerspricht Dir ja Niemand . Du mußt nicht immer gleich so aufbrausen ! « Zu den Andern aber sagt der dicke Schreiber : » In dem Safur steckt was ! Was er sagt , klingt gewöhnlich ganz toll - aber etwas Wahres pflegt doch dahinter zu sein . « Durch diese Äußerung fühlt sich der Dichter sehr geschmeichelt und wird ruhiger . Wie das der dicke Kodama merkt , fordert er die drei Brüder auf mitzukommen - in den nächsten Weinkeller . Hamadany und Safur folgen dem Dicken . Osman bleibt jedoch nachdenklich zurück - auf seinem kühlen , mit Fliesen gepflasterten Hof - neben dem plätschernden Springbrunnen . Unter den Arkaden an den vier Seiten des Hofes liegen die besten Bücher , die je mit arabischen Worten geschrieben wurden , fein säuberlich in ihren Rollen - in ihren Schubfächern - übereinander - so wie in Ägypten die Mumien der toten Könige übereinander liegen ... Inzwischen will Kodama im Weinkeller hören , welche Liebesabenteuer der Safur in Ägypten erlebte . Die drei lauteren Brüder sitzen auf weichen Ziegenfellen mit einem Parsenpriester zusammen um einen dicken Weinschlauch rum - der christliche Wirt schenkt fleißig immer wieder die Becher voll . Safur hört nicht auf den dicken Kodama , sondern redet noch immer von der Bedeutung des Unerreichbaren , Hamadany stimmt ihm jetzt eifrig bei und behauptet , daß er auch nur das Unerreichbare erreichen möchte . Kodaman wird natürlich die Geschichte langweilig . Der Parsenpriester schweigt wien Alter . Der dicke Geograph ruft endlich sehr laut mit seiner vollen wohltönenden Stimme : » Safur , nun erzähl uns : Welches Weib liebtest Du in Ägypten ? Welches Weib ? « » Die Sphinx « , erwidert der Dichter . » Sehr gut , mein Sohn « , sagt da lachend der Dicke . Und der Dichter erzählt von der Sphinx , erzählt , daß er nur ein unerreichbares Weib lieben könnte - ein überirdisches - einen Wüstengeist - eine wilde Dschinne - seine Sphinx-Dschinne . Kodama freut sich wie ein kleiner Truthahn - solche Art von Liebe ist ihm noch garnicht vorgekommen . » Sphinx-Dschinne ! « ruft er immer wieder - trinkt dabei - und lacht , als wenn er sich totlachen möchte . Hamadany glaubt den Dichter zu verstehen . Kodama erklärt zwar den Safur für verrückt - man verträgt sich aber trotzdem . Die Zecherei wird sehr lustig . Der Parsenpriester geht ernst fort . Der Hamadany lallt noch was von Byzanz und schläft dann selig ein . Der Dicke und der Dichter schwanken , wie sie nicht mehr trinken mögen , in sehr redseliger Stimmung nach Hause durch die lange Straße . Safur redet fortwährend von der Dschinne , die nicht lebt und die er trotzdem liebt - immer dasselbe . Kodama lacht ohn Unterlaß , daß die lange Straße dröhnt und zittert . Ein Cinaede , der früher zu den Tofailys gehörte , hat das Gespräch gehört - und versperrt nun plötzlich den beiden lauteren Brüdern den Weg . Die Brüder stutzen und denken , der Cinaede will Geld haben . Doch der hält eine wohlgesetzte Rede . » Ihr gelehrten Männer « , sagt er in bestem Arabisch , » Ihr glaubt immer so schrecklich klug zu sein . Aber in manchen Dingen seid Ihr unerfahrener als ein unschuldiges Mädchen . Das Nächstliegende seht Ihr nicht . Immer nach dem Fernen - nach dem Unerreichbaren strebt Ihr . Dschinnen wollt Ihr lieben , und Ihr wißt nicht einmal , weshalb Ihr die Dschinnen lieben wollt . Ihr habt noch viel zu wenig Weiber kennen gelernt , daher wollt Ihr solche Weiber haben , die keine Weiber sind . Ihr habt Euch , wenn Ihr verliebt waret , viel zu oft nur die Weiber vorgestellt - statt Ihnen ordentlich nachzustellen . Ihr glaubtet zu oft , auf die Weiber verzichten zu können - und seid drum zu Narren geworden . Mit der Kraft seiner Schenkel - nicht mit der Kraft seines Gehirns soll der Mann lieben . Das Gehirn ist zum Lieben viel zu schade . Das ist der Grund , weshalb Ihr das Unerreichbare wollt - weshalb Ihr nach Weibern lüstern seid , dies niemals gab und niemals geben wird . Liebt die Weiber , die auf Erden leben , sonst werdet Ihr verrückt . Seid nicht so geizig wie Said ibn Selm . Gute Nacht ! « Und der Cinaede bog in die nächste Seitengasse - schwankend . In der nächsten Seitengasse gingen im Schatten der Mauer andre Cinaeden mit ihren Dirnen in den dunkelsten Stadtteil , in dem man mehr seine Börse als sein Herz in Acht nehmen mußte . Kodama lachte nicht mehr , meinte nur väterlich mahnend zu Safur : » Sieh , lieber Freund , der Cinaede hatte garnicht so ganz unrecht . Verstandest Du ihn ? Er war einst nicht ungebildet ! « » Ich verstand ihn « , versetzte Safur . Schwankend gingen die Beiden weiter . Sie schwiegen . Durch die lange Straße kamen Tofailys näher - die trugen auf einer Bahre einen toten Ochsen - auf der Brust eines jeden Tofaily leuchtete eine kleine grüne Lampe . Die Tofailys wurden immer üppiger , sie verspotteten die Religion , die Welt und alles andre . Sie feierten in dieser Nacht ihr Ochsenfest . Feierlich trugen sie durch die lange Straße - einen toten Ochsen . Achtzehntes Kapitel Viele viele weiße Störche flogen langsam über den Karawanenplatz - die lange Straße hinunter - über den Tigris - nach Norden . Und Safur stand mitten auf dem Karawanenplatz und sprach mit Said ibn Selm - dem alten verlumpten Bettler . Said redete wirres Zeug - von großen Geschäften - von Geldverdienen - Ehrlichkeit - Treue - von goldenen Sternen und von goldenen Pferden - von goldenen Herzen und von goldenen Kleidern . Den Dichter schmerzte das wirre Gerede . Er wandte sich ab und dachte an seine Tarub . Ja - jetzt hatte er sie . Seine Sklavin war sie , und er war ihr Herr . Er seufzte tief - wenn er nur gewußt hätte , was er jetzt mit seiner Tarub anfangen sollte ! Ihm ward die große Köchin » geschenkt « - aber was hatte er davon ? Jetzt hatte er nichts mehr davon - nur Ärger , Zank und - und - es war kaum zum Aushalten ! » Wohl dem , der nie ein Weib geschaut - Der fährt niemals aus seiner Haut ! « Also reimte schwach lächelnd der große Dichter , ders jetzt täglich verwünschte , daß er aus Ägypten zurückkehrte nach Bagdad , der Stadt der Qual ... Safur war für Bagdad jetzt wirklich ein - » großer « Dichter , da man Großes von ihm » erwartete « . Osman hatte ihm ganz ernsthaft mitgeteilt , daß er fünf neue Schreiber anstellen würde , wenn er was von Safur herausgeben könnte . Doch Safur schrieb weniger denn je . Er redete nur von einem großen Dschinnengedicht , das er mal in vierundzwanzig großen Gesängen feierlichst der Welt überreichen wollte . Aber es wurde nichts draus - wie gewöhnlich . Safur dachte immer erst ans Genießen . Eine anstrengende Tätigkeit hatte nur dann für ihn einen Reiz , wenn er genau wußte , daß aus dieser anstrengenden Tätigkeit ein großer kräftiger Genuß herauswachsen würde . Wußt er das nicht vorher , so ging er der Anstrengung aus dem Wege - denn für ihn gabs nur ein einziges Endziel des Lebens - und das Endziel hieß : Genuß . Leider wurde das Leben in Bagdad immer ärmer an Genüssen . Der Chalif Mutadid war längst tot , doch unter seinen Nachfolgern wurde nichts besser . Der rasch in kaum zweihundert Jahren erworbene - eroberte - Reichtum ging ebenso schnell - noch schneller - wieder zu Grunde . » Nur was alt wird - hat Lebenskraft . Und alt wird nicht , was gleich am Anfange mit wüstem Ungestüm auftritt . « Also sprach der weise Philosoph Abu Hischam , als er vor Safur sich verteidigte . Der Philosoph hatte grade in dem Augenblicke den Dichter getroffen , als dieser mitten auf dem Karawanenplatze die Fäuste zitternd gen Himmel hob und laut ausrief : » Tarub , erbarme Dich ! « Das sah und hörte sich natürlich sehr putzig an . Deshalb gingen auch die Beiden schleunigst in die große Teestube zu den chinesischen Teemädchen , allwo auch Hamadany und Abu Hanifa weilten . Als Abu Hischam zum Tee auch einen vorzüglichen südkaukasischen Kräuterschnaps bestellte , da nahm das der Dichter garnicht gut auf , warf vielmehr dem lustigen Philosophen liederlichen Lebenswandel und Lauheit in Betreff des Bundes vor . Und dagegen verteidigte sich der Abu Hischam mit den vorhin angeführten und ähnlich klingenden Sätzen - in Samarkand war der große Apostel mit der armenischen Pelzmütze gemütlich geworden - urgemütlich . Zumeist dacht er nur ans Festefeiern - am liebsten hätt er jeden Tag die Gründung der Gesellschaft von Bagdads lauteren Brüdern mit Mut und Durst von Neuem gefeiert . Was doch aus mancher Gesellschaft werden kann - man sollt es kaum für möglich halten . Und wie die vier Brüder wieder zuviel getrunken haben , klagen sie wieder über die entsetzliche Geldklemme , in der sie sich befinden . Es ist zum Erbarmen . Ein Teemädchen will den Abu Hischam mitleidig ans Herz drücken , doch der wills nicht dulden , er singt brüllend » das Abschiedslied des Beduinen « , das im Jahre 895 in allen Bagdader Tingeltangeln gesungen wurde - natürlich bis zur Erschöpfung - so : » Mein Herz gehört der Welt , Kein Weib mir mehr gefällt . Ich lieb nicht mal das Geld ! Ich liebe nur die Welt ! Mein Herz gehört der Welt , Kein Weib mir mehr gefällt ! « Und das immer wieder noch mal . Dabei gelangten die Vier allmählich in die lange Straße , in der man an Gesang schon gewöhnt war . Wie Safur zur Tarub kommt , gibts selbstverständlich wieder einen Höllenlärm . Töpfe fliegen dem Dichter nicht an den Kopf , denn sie sind der Tarub jetzt zu kostbar - aber Schimpfworte hagelts - unglaubliche Schimpfworte . Der Dichter ist erst geknickt durch die Rohheit - durch die Gemeinheit seiner berühmten Köchin - dann jedoch packt ihn der Grimm . Und er faßt seine Tarub fest an , umklammert wütend ihren Hals , rollt mit den Augen , knirscht mit den Zähnen , keucht und stöhnt . Indeß die Tarub schimpft nun erst recht . Da kann er sich nicht mehr beherrschen . Er würgt sie plötzlich mit aller Kraft . Sie will sich frei machen . Und dabei stürzen Beide hin . Tarub schlägt sich ein Loch in den Kopf . Das fließende Blut bringt den Dichter wieder zur Besinnung - und er möchte sich gleich selber den Kopf einrennen . Er schreit vor Angst , wäscht ihr die Wunde mit Wasser aus , weint und zittert , bittet seine Tarub um Verzeihung , fleht wie ein Kind , kniet vor ihr , küßt ihr die Hände , den Mund , die Augen , die Stirn , bittet in herzzerreißender Weise , nennt sie wieder » Bärchen ! Liebes Bärchen ! Mein guter Bär ! « Na - und dann wird wieder alles gut . Sie sagt nur zuletzt weinend : » Nein , lange halt ichs nicht mehr aus . So gehts nicht weiter . Es muß anders werden . « Er sagt : » Ja , ja - es wird schon anders werden . « Doch das ist nur so hingeredet . Die Verhältnisse werden noch immer schlechter . Tarubs Ersparnisse gehen zur Neige . Und daran hat nicht bloß der Safur Schuld . Abu Hischam , Abu Hanifa und Hamadany sind auch sehr oft bei Bagdads berühmter Köchin . Und die ist sehr gutmütig , sie gibt Jedem zu essen , soviel er will . Sie ist so daran gewöhnt , für Viele zu kochen , daß sie garnicht bemerkt , wie unklug ihr verschwenderischer Haushalt ist . Safur sagt natürlich nie ein Wort . Er hört nur jeden Tag geduldig an , wie sie auf die ganze Welt schimpft . Sie weiß nie , wo das Geld bleibt - und Safur muß immer neues Geld auftreiben . Das tut er auch - aber wie ? Sie gibt ihm jeden zweiten Tag ein paar Tassen , ein paar Messer oder ein paar Töpfe - und mit diesen Dingen muß der Dichter zum Trödler wandern . Manchmal bringt Abu Hanifa ein paar Gänse mit , Hamadany bringt Fische , Abu Hischam Wein . Doch wenn diese Leute mal was mitgebracht haben , so gehts auch gleich hoch her , und schließlich setzt die Tarub doch immer zu . Der geizige Kodama kommt auch zuweilen - und bezahlt dann alles , was gegessen und getrunken wird - doch bares Geld gibt er nicht - er hält das nicht für richtig , seinen Freunden bares Geld zu geben - die verstehen nach seiner Meinung nicht , mit barem Geld umzugehen - es ist kostbar ! An einem Tage gibts Pasteten - am andern trocknes Brot - manchmal nicht mal das . Safur soll Geld verdienen - das sagt ihm sein Bär jeden Tag . Der Dichter verzweifelt . Er soll zu den Tofailys gehen - ist aber nicht dazu zu bewegen - lieber läßt er sich jeden Tag von seinem Bären die Ohren wundreden . Er ist denn doch fürchterlich vornehm . Höchstens geht er mit altem Geschirr zum Trödler . Den Osman mag er nicht mehr sehen , weil der stets nach dem großen Dschinnengedicht fragt . Wenn Safur in diesem Jammerleben an die Dschinnen denkt , wird ihm ganz wüst im Kopf . Diese täglichen groben Rohheiten des gewöhnlichen Lebens vertragen sich nicht mit seiner Sehnsucht nach feinstem vergeistigtem Genuß . Überhaupt - der Genuß ! Wer kann noch an den Genuß denken , wo das Leben auf dem Spiele steht . Leben - leben - wollen sie Alle - das ist die Hauptsache - an den Genuß können sie Alle vor lauter Sorge garnicht denken . Aber das hindert Niemand , jede Gelegenheit zum Trinken fleißig wahrzunehmen . Es geht Allen schrecklich schlecht , doch - betrunken sind sie Alle - so beinahe jeden zweiten Tag . Oft ruft Safur , wenn er den teuersten Wein aus Bassora vor sich stehen hat : » Freunde , eigentlich könnten wir doch gewöhnlichen Landwein trinken - wozu immer den teuren Wein aus Bassora ? « Indessen - wenn der Dichter so redet , macht man ihn darauf aufmerksam , daß er doch der größte Feinschmecker sei und - und - dann trinkt er natürlich Alles , was man ihm vorsetzt . Das Jammerleben hat sehr viele drollige Seiten - sehr viele . Schließlich leiden selbst diejenigen , die eigentlich gar keine Veranlassung zum Leiden haben . Auch der dicke Kodama bekommt ein leidendes Aussehen . Er hat die weiße Abla als Köchin in sein Haus genommen - und die Abla ist ihm davongelaufen . Die Abla liebt die Veränderung und lebt jetzt bei der alten Dschellabany , die immer älter wird . Dort bezaubert sie mit ihrem Gesange jeden Tag einen anderen Jüngling . Ihre Worte sind süß wie Honig - sie zerschmelzen auch so leicht wie der süße Honig . Was sie am einen Tage sagt und schwört , hat sie am andern vollständig vergessen - manchen Jüngling hat sie zum trüben Kopfhänger gemacht . Die Sailóndula hats beim dicken Osman ebenfalls nicht aushalten können - sie tanzt jetzt auf dem Karawanenplatz unter jenen rotseidenen Zeltdächern , die sich so prächtig von dem tiefblauen Himmel abheben , der so voll und groß Bagdad überwölbt . Der Sailóndula liegen die dunklen Augen sehr tief im Kopf - man sieht die indische Tänzerin oft mit dem alten Sünder Suleiman zusammen , der immer schleunigst davonschleicht , wenn er einen lauteren Bruder erblickt . Suleiman tut so , als wenn er ärmer wäre denn je zuvor - er will sein Geld für sich behalten . Nur dem Said schenkt er zuweilen ein paar Kupfermünzen - heimlich , daß es Niemand bemerkt . Kommt der alte Said zur Tarub , so gibt die auch immer was - ein bißchen Fleisch und ein bißchen Brot , einen Schluck Wein und ein Silberstück . Said ist bescheiden und kommt nur einmal in der Woche , redet dann von goldenen Sternen und goldenen Pferden , von goldenen Herzen und goldenen Kleidern - in seinen Augen flackert ein seltsamer Glanz - wie ein Abglanz seines einstigen Reichtums . Armer Said ibn Selm ! Die Tarub wird stets sehr gerührt , wenn sie ihn sieht - die Kinder der Nachbarschaft , die sich scheu hinter den Bananen , die vor Tarubs Küche wachsen , verstecken , bekommen dann auch gleich was ab - was Süßes - Mandeln , Feigen und Rosinen . Die weichen Stimmungen werden jedoch immer seltener . Die Wogen des Jammers gehen zu hoch . Sogar der sonst so vergnügte Osman ist schlecht gelaunt - er ist wütend , daß die neuen Bücher im Grunde allesamt nicht viel taugen , und möchte am liebsten nur die guten alten Bücher abschreiben lassen . Er ist wütend auf Abu Hischam - wütend auf Safur - und auch auf Kodama - beinah auf alle Welt . Geld gibt er daher keinem Menschen mehr - den lauteren Brüdern am allerwenigsten . In Bagdad floß der Wein nicht mehr in Strömen - die Gelehrten und Dichter wurden magrer mit jedem Tag . Sogar die Tofailys - diese Prasser - sahen sich oftmals vergeblich nach guten Braten und dicken Weinschläuchen um - viel öfter vergeblich als früher . Manche Freuden haben ja noch die Tofailys - sie freuen sich , daß die » Gesellschaft der lauteren Brüder « wieder Ruf und Wert verlor ; sobald man einen Bruder sieht , höhnt man ihn in nichtswürdigster Art. Das in Bagdad nicht mehr soviel zu essen und zu trinken gibt , so dringen die » sinnlichen « Vergnügungen mehr in den Vordergrund ; die Zahl der Tingeltangel mehrt sich unheimlich - die alte Dschellabany ärgert sich darüber sehr . Die Frauen werden eifersüchtig auf die schönen Knaben . Die Diebe stehlen mit Vorliebe kleine Kinder , was manchen Vätern nicht unangenehm ist . Hamadany und Abu Hanifa haben gleichzeitig das Glück , von ihren Vaterfreuden in dieser angenehmen Form entbunden zu werden , was unter den Tofailys ein höllisches Gelächter hervorruft . Kodama beschäftigt sich eingehend mit den Empfindungen der Entmannten und kommt hinter das Geheimnis der Sphinx ; er behauptet , um Safur zu ärgern , daß eine Sphinx dasjenige Weib ist , das nicht zur Hälfte einen Löwenkörper , sondern einen Manneskörper besitzt - nach Kodamas Meinung unterscheiden sich die beiden Geschlechter nicht so scharf , wies den Anschein hat ; alle diejenigen , deren Geschlecht nicht ganz männlich oder nicht ganz weiblich ausgebildet ist , besitzen nach des dicken Geographen Ansicht - Sphinxnatur . Osman sagt seinem dicken Freunde , er möchte doch lieber ein Buch über die Kugelgestalt der Sonne schreiben . Kodamas Lehre findet mehr Anklang bei den Sufys , die sich eifrig bemühen , in Bagdad ausschweifende religiöse Kulte einzuführen . Safur kümmert sich um keinen Menschen , da er sie sämtlich für zu dumm und zu einfach hält ; spricht mal Jemand längere Zeit mit dem Dichter , so wird der zum Schluß gewöhnlich sehr grob und schreit dann : » Mein Freund ! Tarub bist Du , Tarub warst Du , Tarub wirst Du bleiben . Die Familie Tarub ist unsterblich - unsterblich ! « Das verstehen freilich die Meisten nicht - daraus macht sich aber der große Dichter ganz und gar nichts . Die Tarub , die mit Müh und Not noch täglich für den Dichter was zu essen kocht , redet nur noch von » Geld « und ringt täglich die Hände zum Himmel , daß sie Safur jemals kennenlernte , der sie nur um all ihr Hab und Gut gebracht habe ... Und Safur wird , wenn er das Wort » Geld « hört , beinah verrückt , er schreit dabei wie ein wildes Tier , wirft sich auf die Erde und weint zuletzt . Das ist schon eine Zucht bei der Tarub . Wenn der gutmütige ehrliche Abu Hanifa kommt , atmet Safur erleichtert auf - dem kann der Bär sein Herz ausschütten , was zu beruhigen pflegt . Den Abu Hischam mag der Bär nicht - den Kodama und den Hamadany begrüßt er dagegen jedesmal freundlicher . Safur wird von diesen Beiden mit seiner Sphinx gefoppt , was die Tarub ganz gern hat . Kodama behauptet , daß eine Sphinx garnicht leicht zur Liebe zu bewegen ist , weil die Liebe in der Sphinx eine ganz andere Empfindung erzeuge , als in den anderen Weibern . Safur hält das für Hohn und sucht Beruhigung im Weinschlauch . Der gutmütige Abu Hanifa ist stets bereit , seine letzten Silberlinge mit dem Dichter zu vertrinken . Beim Weine beklagt man vornehmlich , daß der reiche Al Battany immer noch nicht aus Indien zurückkehren will . Abu Maschar , der ganz einsam auf der Sternwarte wohnt , wollte Nachricht geben , wenn er was von Battanys Rückkehr erfahren sollte . Doch der Prophet läßt nichts von sich hören . Jakuby ist auch noch nicht in Bagdad . Die Tarub wird immer aufgebrachter . Wie Safur in einer Nacht ganz betrunken in die Küche stolpert und behauptet , daß ihn seine Dschinne als Gespenst verfolge , wird die Tarub so erregt , daß sie ihrem Dichter sagt : » Jetzt kann ichs nicht mehr aushalten . Ich kanns nicht . Du darfst meine Küche nicht mehr betreten , wenn Du jetzt nicht endlich Geld schaffst . Ich muß jetzt mein Geld wiederhaben - mein Geld ! Ohne Geld darfst Du nicht zurückkehren ! « Safur sagt nichts und geht fort - in die Nacht hinaus - die Tarub wird ihm auch zum Gespenst . Neunzehntes Kapitel Wie die Sonne aufgeht , sitzt Safur neben Abu Maschar auf der alten Sternwarte im Empfangssaal . Da ist es still . Das Licht der Sonne ist rot . Rote Wolkenstreifen durchqueren den klaren , blauen Morgenhimmel . Das indische Götzenbild im Hintergrunde des Saales wird auch rot . Rot funkeln gleichzeitig die silbernen Querstreifen der Wände und der Goldgrund der Decke . Die maurischen Ampeln , die noch immer an ihren langen Ketten hängen , zeigen auch rot glänzende Ecken und Flächen . Am heftigsten wirkt das Licht auf dem kupfernen Himmelsglobus und auf dem kupfernen Waschbecken in der Alabasternische . Der Prophet und der Dichter sind ebenfalls rot geworden - von oben bis unten . Die Sternwarte ist auf der Ostseite ganz übergossen vom Morgenrot . Die beiden Männer , die auf dem alten Teppich sitzen , haben in der Nacht nicht geschlafen . Doch sie sind drum nicht müde . Safur ist sogar heiter , denn er hat eben gehört , daß Battany bereits aus Indien zurückgekehrt ist - unten wiehern schon wieder die Rosse der Mongolen wie einst ... Der Dichter will sich am Tigris ein kleines altes Landhaus kaufen , das dort liegt , wo die Eremiten hausen . Er will auch Eremit werden , und Battany soll bloß so viel Geld hergeben , daß