Wirkung auch richtig erzielt hatte . Allerdings nur bei der Schickedanz selbst und einigermaßen auch bei der Frau Hartwig , die während der ganzen Rede beständig mit dem Kopf genickt und nachträglich ihrem Manne bemerkt hatte : » Ja , Hartwig , da liegt doch was drin . « Hartwig selber indes , der , im Gegensatz zu den meisten seines Standes , humoristisch angeflogen war , hatte für die merkwürdige Fügung von » drei Tage vor Weihnachten « nicht das geringste Verständnis gezeigt , vielmehr nur die Bemerkung dafür gehabt : » Ich weiß nicht , Mutter , was du dir eigentlich dabei denkst ? Ein Tag ist wie der andre ; mal muß man ran « - worauf die Frau jedoch geantwortet hatte : » Ja , Hartwig , das sagst du so immer ; aber wenn du dran bist , dann redst du anders . « Der verstorbene Schickedanz hatte , wie der Tod ihn ankam , ein Leben hinter sich , das sich in zwei sehr verschiedene Hälften , in eine ganz kleine unbedeutende und in eine ganz große , teilte . Die unbedeutende Hälfte hatte lange gedauert , die große nur ganz kurz . Er war ein Ziegelstreichersohn aus dem bei Potsdam gelegenen Dorfe Kaputt , was er , als er aus dem diesem Dorfnamen entsprechenden Zustande heraus war , in Gesellschaft guter Freunde gern hervorhob . Es war so ziemlich der einzige Witz seines Lebens , an dem er aber zäh festhielt , weil er sah , daß er immer wieder wirkte . Manche gingen so weit , ihm den Witz auch noch moralisch gutzuschreiben , und behaupteten : Schickedanz sei nicht bloß ein Charakter , sondern auch eine bescheidene Natur . Ob dies zutraf , wer will es sagen ! Aber das war sicher , daß er sich von Anfang an als ein aufgeweckter Junge gezeigt hatte . Schon mit sechzehn war er als Hilfsschreiber in die deutsch-englische Hagelversicherungsgesellschaft Pluvius eingetreten und hatte mit sechsundsechzig sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum in eben dieser Gesellschaft gefeiert . Das war aus bestimmten Gründen ein großer Tag gewesen . Denn als Schickedanz ihn erlebte , hieß er nur noch so ganz obenhin » Herr Versicherungssekretär « , war aber in Wahrheit über diesen seinen Titel weit hinausgewachsen und besaß bereits das schöne Haus am Kronprinzenufer . Er hatte sich das leisten können , weil er im Laufe der letzten fünf Jahre zweimal hintereinander ein Viertel vom Großen Lose gewonnen hatte . Dies sah er sich allerseits als persönliches Verdienst angerechnet und auch wohl mit Recht . Denn arbeiten kann jeder , das Große Los gewinnen kann nicht jeder . Und so blieb er denn bei der Versicherungsgesellschaft lediglich nur noch als verhätscheltes Zierstück , weil es damals wie jetzt einen guten Eindruck machte , Personen der Art im Dienst oder gar als Teilnehmer zu haben . An der Spitze muß immer ein Fürst stehen . Und Schickedanz war jetzt Fürst . Alles drängte sich nicht bloß an ihn , sondern seine Stammtischfreunde , die zu seiner zweimal bewährten Glückshand ein unbedingtes Vertrauen hatten , drangen sogar eine Zeitlang in ihn , die Lotterielose für sie zu ziehen . Aber keiner gewann , was schließlich einen Umschlag schuf und einzelne von » bösem Blick « und sogar ganz unsinnigerweise von Mogelei sprechen ließ . Die meisten indessen hielten es für klug , ihr Übelwollen zurückzuhalten ; war er doch immerhin ein Mann , der jedem , wenn er wollte , Deckung und Stütze geben konnte . Ja , Schickedanz ' Glück und Ansehen waren groß , am größten natürlich an seinem Jubiläumstage . Nicht zu glauben , wer da alles kam . Nur ein Orden kam nicht , was denn auch von einigen Schickedanzfanatikern sehr mißliebig bemerkt wurde Besonders schmerzlich empfand es die Frau . » Gott , er hat doch immer so treu gewählt « , sagte sie . Sie kam aber nicht in die Lage , sich in diesen Schmerz einzuleben , da schon die nächsten Zeiten bestimmt waren , ihr Schwereres zu bringen . Am 21. September war das Jubiläum gewesen , am 21. Oktober erkrankte er , am 21. Dezember starb er . Auf dem Notizenzettel , den man damals dem Kandidaten zugestellt hatte , hatte dieser dreimal wiederkehrende » Einundzwanzigste « gefehlt , was alles in allem wohl als ein Glück angesehen werden konnte , weil , entgegengesetztenfalls , die » drei Tage vor Weihnachten « entweder gar nicht zustande gekommen oder aber durch eine geteilte Herrschaft in ihrer Wirkung abgeschwächt worden wären . Schickedanz war bei voller Besinnung gestorben . Er rief , kurz vor seinem Ende , seine Frau an sein Bett und sagte : » Riekchen , sei ruhig . Jeder muß . Ein Testament hab ich nicht gemacht . Es gibt doch bloß immer Zank und Streit . Auf meinem Schreibtisch liegt ein Briefbogen , drauf hab ich alles Nötige geschrieben . Viel wichtiger ist mir das mit dem Haus . Du mußt es behalten , damit die Leute sagen können : Da wohnt Frau Schickedanz . Hausname , Straßenname , das ist überhaupt das Beste . Straßenname dauert noch länger als Denkmal . « » Gott , Schickedanz , sprich nicht soviel ; es strengt dich an . Ich will es ja alles heilighalten , schon aus Liebe ... « » Das ist recht , Riekchen . Ja , du warst immer eine gute Frau , wenn wir auch keine Nachfolge gehabt haben . Aber darum bitte ich dich , vergiß nie , daß es meine Puppe war . Du darfst bloß vornehme Leute nehmen ; reiche Leute , die bloß reich sind , nimm nicht ; die quängeln bloß und schlagen große Haken in die Türfüllung und hängen eine Schaukel dran . Überhaupt , wenn es sein kann , keine Kinder . Hartwigen unten mußt du behalten ; er ist eigentlich ein Klugschmus , aber die Frau ist gut . Und der kleine Rudolf , mein Patenkind , wenn er ein Jahr alt wird , soll er hundert Taler kriegen . Taler , nicht Mark . Und der Schullehrer in Kaputt soll auch hundert Taler kriegen . Der wird sich wundern . Aber darauf freu ich mich schon . Und auf dem Invalidenkirchhof will ich begraben sein , wenn es irgend geht . Invalide ist ja doch eigentlich jeder . Und Anno siebzig war ich doch auch mit Liebesgaben bis dicht an den Feind , trotzdem Luchterhand immer sagte : Nicht so nah ran . Sei freundlich gegen die Leute und nicht zu sparsam ( du bist ein bißchen zu sparsam ) , und bewahre mir einen Platz in deinem Herzen . Denn treu warst du , das sagt mir eine innere Stimme . « Diesem allem hatte Riekchen seitdem gelebt . Die Beletage , die leer stand , als Schickedanz starb , blieb noch drei Vierteljahre unbewohnt , trotzdem sich viele Herrschaften meldeten . Aber sie deckten sich nicht mit der Forderung , die Schickedanz vor seinem Hinscheiden gestellt hatte . Herbst fünfundachtzig kamen dann die Barbys . Die kleine Frau sah gleich , » ja , das sind die , die mein Seliger gemeint hat . « Und sie hatte wirklich richtig gewählt . In den fast zehn Jahren , die seitdem verflossen waren , war es auch nicht ein einziges Mal zu Konflikten gekommen , mit der gräflichen Familie schon gewiß nicht , aber auch kaum mit den Dienerschaften . Ein persönlicher Verkehr zwischen Erdgeschoß und Beletage konnte natürlich nicht stattfinden - Hartwig war einfach der alter ego , der mit Jeserich alles Nötige durchzusprechen hatte . Kam es aber ausnahmsweise zwischen Wirtin und Mieter zu irgendeiner Begegnung , so bewahrte dabei die kleine winzige Frau ( die nie » viel « war und seit ihres Mannes Tode noch immer weniger geworden war ) eine merkwürdig gemessene Haltung , die jedem mit dem Berliner Wesen Unvertrauten eine Verwunderung abgenötigt haben würde . Riekchen empfand sich nämlich in solchem Augenblicke durchaus als » Macht gegen Macht « . Wie beinah jedem hierlandes Geborenen war auch ihr die Gabe wirklichen Vergleichenkönnens völlig versagt , weil jeder echte , mit Spreewasser getaufte Berliner , männlich oder weiblich , seinen Zustand nur an seiner eignen kleinen Vergangenheit , nie aber an der Welt draußen mißt , von der er , wenn er ganz echt ist , weder eine Vorstellung hat noch überhaupt haben will . Der autochthone » Kellerwurm « , wenn er fünfzig Jahre später in eine Steglitzer Villa zieht , bildet - auch wenn er seiner Natur nach eigentlich der bescheidenste Mensch ist - eine gewisse naive Krösusvorstellung in sich aus und glaubt ganz ernsthaft , jenen Gold- und Silberkönigen zuzugehören , die die Welt regieren . So war auch die Schickedanz . Hinter einem Dachfenster in der Georgenkirchstraße geboren , an welchem Dachfenster sie später für ein Weißzeuggeschäft genäht hatte , kam ihr ihr Leben , wenn sie rückblickte , wie ein Märchen vor , drin sie die Rolle der Prinzessin spielte . Dementsprechend durchdrang sie sich , still , aber stark , mit einem Hochgefühl , das sowohl Geld- wie Geburtsgrößen gegenüber auf Ebenbürtigkeit lossteuerte . Sie rangierte sich ein und wies sich , soweit ihre historische Kenntnis das zuließ , einen ganz bestimmten Platz an : Fürst Dolgoruki , Herzog von Devonshire , Schickedanz . Die Treue , die der Verstorbene noch in seinen letzten Augenblicken ihr nachgerühmt hatte , steigerte sich mehr und mehr zum Kult . Die Vormittagsstunden jedes Tages gehörten dem hohen Palisanderschrank an , drin die Jubiläumsgeschenke wohlgeordnet standen : ein großer Silberpokal mit einem drachentötenden Sankt Georg auf dem Deckel , ein Album mit photographischen Aufnahmen aller Sehenswürdigkeiten von Kaputt , eine große Huldigungsadresse mit Aquarellarabesken , mehrere Lieder in Prachtdruck ( darunter ein Kegelklublied mit dem Refrain » alle neune « ) , Riesensträuße von Sonnenblumen , ein Oreiller mit dem Eisernen Kreuz und einem aufgehefteten Gedicht , von einem Damenkomitee herrührend , in dessen Auftrag er , Schickedanz , die Liebesgaben bis vor Paris gebracht hatte . Neben dem Schrank , auf einer Ebenholzsäule , stand eine Gipsbüste , Geschenk eines dem Stammtisch angehörigen Bildhauers , der daraufhin einen leider ausgebliebenen Auftrag in Marmor erwartet hatte . Fauteuils und Stühle steckten in großblumigen Überzügen , desgleichen der Kronleuchter in einem Gazemantel , und an den Frontfenstern standen , den ganzen Winter über , Maiblumen . Riekchen trug auch Maiblumen auf jeder ihrer Hauben , war überhaupt , seit das Trauerjahr um war , immer hell gekleidet , wodurch ihre Gestalt noch unkörperlicher wirkte . Jeden ersten Montag im Monat war allgemeines Reinmachen , auch bei Wind und Kälte . Dies war immer ein Tag größter Aufregung , weil jedesmal etwas zerbrochen oder umgestoßen wurde . Das blieb auch so durch Jahre hin , bis das Auftreten von Hedwig , die sich einer sehr geschickten Hand erfreute , Wandel in diesem Punkte schaffte . Die Nippsachen zerbrachen nun nicht mehr , und Riekchen war um so glücklicher darüber , als Hartwigs hübsche Nichte , wenn sie mal wieder den Dienst gekündigt hatte , regelmäßig allerlei davon zu erzählen und mit immer neuen und oft sehr intrikaten Geschichten ins Feld zu rücken wußte . Die Barbys hatten alle Ursache , mit dem Schickedanzschen Hause zufrieden zu sein . Nur eines störte , das war , daß jeden Mittwoch und Sonnabend die Teppiche geklopft wurden , immer gerade zu der Stunde , wo der alte Graf seine Nachmittagsruhe halten wollte . Das verdroß ihn eine Weile , bis er schließlich zu dem Ergebnis kam : » Eigentlich bin ich doch selber schuld daran . Warum setz ich mich immer wieder in die Hinterstube , statt einfach vorn an mein Fenster ? Immer hasardier ich wieder und denke : heute bleibt es vielleicht ruhig ; willst es doch noch mal versuchen . « Ja , der alte Graf war nicht bloß froh , die Wohnung zu haben , er hielt auch beinah abergläubisch an ihr fest . Solange er darin wohnte , war es ihm gut ergangen , nicht glänzender als früher , aber sorgenloser . Und das sagte er sich jeden neuen Tag . Sein Leben , so bunt es gewesen , war trotzdem in gewissem Sinne durchschnittsmäßig verlaufen , ganz so , wie das Leben eines preußischen » Magnaten « ( worunter man in der Regel Schlesier versteht ; aber es gibt doch auch andre ) zu verlaufen pflegt . Im Juli dreißig , gerade als die Franzosen Algier bombardierten und nebenher das Haus Bourbon endgültig beseitigten , war der Graf auf einem der an der mittleren Elbe gelegenen Barbyschen Güter geboren worden . Auf eben diesem Gute - das landwirtschaftlich einer von fremder Hand geführten Administration unterstand - vergingen ihm die Kinderjahre ; mit zwölf kam er dann auf die Ritterakademie , mit achtzehn in das Regiment Garde du Corps , drin die Barbys standen , solang es ein Regiment Garde du Corps gab . Mit dreißig war er Rittmeister und führte eine Schwadron . Aber nicht lange mehr . Auf einem in der Nähe von Potsdam veranstalteten Kavalleriemanöver stürzte er unglücklich und brach den Oberschenkel , unmittelbar unter der Hüfte . Leidlich genesen , ging er nach Ragaz , um dort völlige Wiederherstellung zu suchen , und machte hier die Bekanntschaft eines alten Freiherrn von Planta , der ihn alsbald auf seine Besitzungen einlud . Weil diese ganz in der Nähe lagen , nahm er die Einladung nach Schloß Schuder an . Hier blieb er länger , als erwartet , und als er das schön gelegene Bergschloß wieder verließ , war er mit der Tochter und Erbin des Hauses verlobt . Es war eine große Neigung , was sie zusammenführte . Die junge Freiin drang alsbald in ihn , den Dienst zu quittieren , und er entsprach dem um so lieber , als er seiner völligen Wiederherstellung nicht ganz sicher war . Er nahm also den Abschied und trat aus dem militärischen in den diplomatischen Dienst über , wozu seine Bildung , sein Vermögen , seine gesellschaftliche Stellung ihn gleichmäßig geeignet erscheinen ließen . Noch im selben Jahre ging er nach London , erst als Attaché , wurde dann Botschaftsrat und blieb in dieser Stellung zunächst bis in die Tage der Aufrichtung des Deutschen Reichs . Seine Beziehungen sowohl zu der heimisch-englischen wie zu der außerenglischen Aristokratie waren jederzeit die besten , und sein Freundschaftsverhältnis zu Baron und Baronin Berchtesgaden entstammte jener Zeit . Er hing sehr an London . Das englische Leben , an dem er manches , vor allem die geschraubte Kirchlichkeit , beanstandete , war ihm trotzdem außerordentlich sympathisch , und er hatte sich daran gewöhnt , sich als verwachsen damit anzusehen . Auch seine Familie , die Frau und die zwei Töchter - beide , wenn auch in großem Abstande , während der Londoner Tage geboren - , teilten des Vaters Vorliebe für England und englisches Leben . Aber ein harter Schlag warf alles um , was der Graf geplant : die Frau starb plötzlich , und der Aufenthalt an der ihm so liebgewordenen Stätte war ihm vergällt . Er nahm in der ersten Hälfte der achtziger Jahre seine Demission , ging zunächst auf die Plantaschen Güter nach Graubünden und dann weiter nach Süden , um sich in Florenz seßhaft zu machen . Die Luft , die Kunst , die Heiterkeit der Menschen , alles tat ihm hier wohl , und er fühlte , daß er genas , soweit er wieder genesen konnte . Glückliche Tage brachen für ihn an , und sein Glück schien sich noch steigern zu sollen , als sich die ältere Tochter mit dem italienischen Grafen Ghiberti verlobte . Die Hochzeit folgte beinah unmittelbar . Aber die Fortdauer dieser Ehe stellte sich bald als eine Unmöglichkeit heraus , und ehe ein Jahr um war , war die Scheidung ausgesprochen . Kurze Zeit danach kehrte der Graf nach Deutschland zurück , das er , seit einem Vierteljahrhundert , immer nur flüchtig und besuchsweise wiedergesehen hatte . Sich auf das eine oder andre seiner Elbgüter zu begeben widerstand ihm auch jetzt noch , und so kam es , daß er sich für Berlin entschied . Er nahm Wohnung am Kronprinzenufer und lebte hier ganz sich , seinem Hause , seinen Töchtern . Von dem Verkehr mit der großen Welt hielt er sich so weit wie möglich fern , und nur ein kleiner Kreis von Freunden , darunter auch die durch einen glücklichen Zufall ebenfalls von London nach Berlin verschlagenen Berchtesgadens waren , versammelte sich um ihn . Außer diesen alten Freunden waren es vorzugsweise Hofprediger Frommel , Doktor Wrschowitz und seit letztem Frühjahr auch Rittmeister von Stechlin , die den Barbyschen Kreis bildeten . An Woldemar hatte man sich rasch attachiert , und die freundlichen Gefühle , denen er bei dem alten Grafen sowohl wie bei den Töchtern begegnete , wurden von allen Hausbewohnern geteilt . Selbst die Hartwigs interessierten sich für den Rittmeister , und wenn er abends an der Portierloge vorüberkam , guckte Hedwig neugierig durch das Fensterchen und sagte : » So einen - ja , das laß ich mir gefallen . « Dreizehntes Kapitel Woldemar , als er sich von den jungen Damen im Barbyschen Hause verabschiedet hatte , hatte versprechen müssen , seinen Besuch recht bald zu wiederholen . Aber was war » recht bald « ? Er rechnete hin und her und fand , daß der dritte Tag dem etwa entsprechen würde ; das war » recht bald « und doch auch wieder nicht zu früh . Und so ging er denn , als der Abend dieses dritten Tages da war , auf die Hallische Brücke zu , wartete hier die Ringbahn ab und fuhr , am Potsdamer und Brandenburger Tor vorüber , bis an jene sonderbare Reichstagsuferstelle , wo , von mächtiger Giebelwand herab , ein wohl zwanzig Fuß hohes , riesiges Kaffeemädchen mit einem ganz kleinen Häubchen auf dem Kopf freundlich auf die Welt der Vorübereilenden herniederblickt , um ihnen ein Paket Kneippschen Malzkaffee zu präsentieren . An dieser echt berlinisch-pittoresken Ecke stieg Woldemar ab , um die von hier aus nur noch kurze Strecke bis an das Kronprinzenufer zu Fuß zurückzulegen . Es war gegen acht , als er in dem Barbyschen Hause die mit Teppich überdeckte Marmortreppe hinaufstieg und die Klingel zog . Im selben Augenblick , wo Jeserich öffnete , sah Woldemar an des Alten verlegenem Gesicht , daß die Damen aller Wahrscheinlichkeit nach wieder nicht zu Hause waren . Aber eine Verstimmung darüber durfte nicht aufkommen , und so ließ er es geschehen , daß Jeserich ihn bei dem alten Grafen meldete . » Der Herr Graf lassen bitten . « Und nun trat Woldemar in das Zimmer des wieder mal von Neuralgie Geplagten ein , der ihm , auf einen dicken Stock gestützt , unter freundlichem Gruß entgegenkam . » Aber Herr Graf « , sagte Woldemar und nahm des alten Herrn linken Arm , um ihn bis an seinen Lehnstuhl und eine für den kranken Fuß zurechtgemachte Stellage zurückzuführen . » Ich fürchte , daß ich störe . « » Ganz im Gegenteil , lieber Stechlin . Mir hochwillkommen . Außerdem hab ich strikten Befehl , Sie , coûte que coûte , festzuhalten ; Sie wissen , Damen sind groß in Ahnungen , und bei Melusine hat es schon geradezu was Prophetisches . « Woldemar lächelte . » Sie lächeln , lieber Stechlin , und haben recht . Denn daß sie nun schließlich doch gegangen ist ( natürlich zu den Berchtesgadens ) , ist ein Beweis , daß sie sich und ihrer Prophetie doch auch wieder einigermaßen mißtraute . Aber man ist immer nur klug und weise für andre . Die Doktors machen es ebenso ; wenn sie sich selber behandeln sollen , wälzen sie die Verantwortung von sich ab und sterben lieber durch fremde Hand . Aber was sprech ich nur immer von Melusine . Freilich , wer in unserm Hause so gut Bescheid weiß wie Sie , wird nichts Überraschliches darin finden . Und zugleich wissen Sie , wie ' s gemeint ist . Armgard ist übrigens in Sicht ; keine zehn Minuten mehr , so werden wir sie hier haben . « » Ist sie mit bei der Baronin ? « » Nein , Sie dürfen sie nicht so weit suchen . Armgard ist in ihrem Zimmer , und Doktor Wrschowitz ist bei ihr . Es kann aber nicht lange mehr dauern . « » Aber ich bitte Sie , Herr Graf , ist die Comtesse krank ? « » Gott sei Dank , nein . Und Wrschowitz ist auch kein Medizindoktor , sondern ein Musikdoktor . Sie haben von ihm rein zufällig noch nicht gehört , weil erst vorige Woche , nach einer langen , langen Pause , die Musikstunden wieder aufgenommen wurden . Er ist aber schon seit Jahr und Tag Armgards Lehrer . « » Musikdoktor ? Gibt es denn die ? « » Lieber Stechlin , es gibt alles . Also natürlich auch das . Und sosehr ich im ganzen gegen die Doktorhascherei bin , so liegt es hier doch so , daß ich dem armen Wrschowitz seinen Musikdoktor gönnen oder doch mindestens verzeihen muß . Er hat den Titel auch noch nicht lange . « » Das klingt ja fast wie ' ne Geschichte . « » Trifft auch zu . Können Sie sich denken , daß Wrschowitz aus einer Art Verzweiflung Doktor geworden ist ? « » Kaum . Und wenn kein Geheimnis ... « » Durchaus nicht ; nur ein Kuriosum . Wrschowitz hieß nämlich bis vor zwei Jahren , wo er als Klavierlehrer , aber als ein höherer ( denn er hat auch eine Oper komponiert ) , in unser Haus kam , einfach Niels Wrschowitz , und er ist bloß Doktor geworden , um den Niels auf seiner Visitenkarte loszuwerden . « » Und das ist ihm auch geglückt ? « » Ich glaube ja , wiewohl es immer noch vorkommt , daß ihn einzelne ganz wie früher Niels nennen , entweder aus Zufall oder auch wohl aus Schändlichkeit . In letzterem Falle sind es immer Kollegen . Denn die Musiker sind die boshaftesten Menschen . Meist denkt man , die Prediger und die Schauspieler seien die schlimmsten . Aber weit gefehlt . Die Musiker sind ihnen über . Und ganz besonders schlimm sind die , die die sogenannte heilige Musik machen . « » Ich habe dergleichen auch schon gehört « , sagte Woldemar . » Aber was ist das nur mit Niels ? Niels ist doch an und für sich ein hübscher und ganz harmloser Name . Nichts Anzügliches drin . « » Gewiß nicht . Aber Wrschowitz und Niels ! Er litt , glaub ich , unter diesem Gegensatz . « Woldemar lachte . » Das kenn ich . Das kenn ich von meinem Vater her , der Dubslav heißt , was ihm auch immer höchst unbequem war . Und da reichen wohl nicht hundert Mal , daß ich ihn wegen dieses Namens seinen Vater habe verklagen hören . « » Genauso hier « , fuhr der Graf in seiner Erzählung fort . » Wrschowitz ' Vater , ein kleiner Kapellmeister an der tschechisch-polnischen Grenze , war ein Niels-Gade-Schwärmer , woraufhin er seinen Jungen einfach Niels taufte . Das war nun wegen des Kontrastes schon gerade bedenklich genug . Aber das eigentlich Bedenkliche kam doch erst , als der allmählich ein scharfer Wagnerianer werdende Wrschowitz sich zum direkten Niels-Gade-Verächter ausbildete . Niels Gade war ihm der Inbegriff alles Trivialen und Unbedeutenden , und dazu kam noch , wie Amen in der Kirche , daß unser junger Freund , wenn er als Niels Wrschowitz vorgestellt wurde , mit einer Art Sicherheit der Phrase begegnete : Niels ? Ah , Niels . Ein schöner Name innerhalb unsrer musikalischen Welt . Und hocherfreulich , ihn hier zum zweiten Male vertreten zu sehen . All das konnte der arme Kerl auf die Dauer nicht aushalten , und so kam er auf den Gedanken , den Vornamen auf seiner Karte durch einen Doktortitel wegzueskamotieren . « Woldemar nickte . » Jedenfalls , lieber Stechlin , ersehen Sie daraus zur Genüge , daß unser Wrschowitz , als richtiger Künstler , in die Gruppe gens irritabilis gehört , und wenn Armgard ihn vielleicht aufgefordert haben sollte , zum Tee zu bleiben , so bitt ich Sie herzlich , dieser Reizbarkeit eingedenk zu sein . Wenn irgend möglich , vermeiden Sie Beziehungen auf die ganze skandinavische Welt , besonders aber auf Dänemark direkt . Er wittert überall Verrat . Übrigens , wenn man auf seiner Hut ist , ist er ein feiner und gebildeter Mann . Ich hab ihn eigentlich gern , weil er anders ist wie andre . « Der alte Graf behielt recht mit seiner Vermutung : Armgard hatte den Doktor Wrschowitz aufgefordert zu bleiben , und als bald danach Jeserich eintrat , um den Grafen und Woldemar zum Tee zu bitten , fanden diese beim Eintritt in das Mittelzimmer nicht nur Armgard , sondern auch Wrschowitz vor , der , die Finger ineinandergefaltet , mitten in dem Salon stand und die an der Büfettwand hängenden Bilder mit jenem eigentümlichen Mischausdruck von aufrichtigem Gelangweiltsein und erkünsteltem Interesse musterte . Der Rittmeister hatte dem Grafen wieder seinen Arm geboten ; Armgard ging auf Woldemar zu und sprach ihm ihre Freude aus , daß er gekommen ; auch Melusine werde gewiß bald dasein ; sie habe noch zuletzt gesagt : » Du sollst sehen , heute kommt Stechlin . « Danach wandte sich die junge Comtesse wieder Wrschowitz zu , der sich eben in das von Hubert Herkomer gemalte Bild der verstorbenen Gräfin vertieft zu haben schien , und sagte , gegenseitig vorstellend : » Doktor Wrschowitz , Rittmeister von Stechlin . « Woldemar , seiner Instruktion eingedenk , verbeugte sich sehr artig , während Wrschowitz , ziemlich ablehnend , seinem Gesicht den stolzen Doppelausdruck von Künstler und Hussiten gab . Der alte Graf hatte mittlerweile Platz genommen , entschuldigte sich , mit der unglücklichen Stellage beschwerlich fallen zu müssen , und bat die beiden Herren , sich neben ihm niederzulassen , während Armgard , dem Vater gegenüber , an der andern Schmalseite des Tisches saß . Der alte Graf nahm seine Tasse Tee , schob den Cognac , » des Tees beßren Teil « , mit einem humoristischen Seufzer beiseit und sagte , während er sich links zu Wrschowitz wandte : » Wenn ich recht gehört habe - so ein bißchen von musikalischem Ohr ist mir geblieben - , so war es Chopin , was Armgard zu Beginn der Stunde spielte ... « Wrschowitz verneigte sich . » Chopin , für den ich eine Vorliebe habe , wie für alle Polen , vorausgesetzt , daß sie Musikanten oder Dichter oder auch Wissenschaftsmenschen sind . Als Politiker kann ich mich mit ihnen nicht befreunden . Aber vielleicht nur deshalb nicht , weil ich Deutscher und sogar Preuße bin . « » Sehr warr , sehr warr « , sagte Wrschowitz , mehr gesinnungstüchtig als artig . » Ich darf sagen , daß ich für polnische Musiker , von meinen frühesten Leutnantstagen an , eine schwärmerische Vorliebe gehabt habe . Da gab es unter anderm eine Polonäse von Oginski , die damals so regelmäßig und mit soviel Passion gespielt wurde wie später der Erlkönig oder die Glocken von Speyer Es war auch die Zeit vom Alten Feldherrn und von Denkst du daran , mein tapferer Lagienka . « » Jawohl , Herr Graff , eine schlechte Zeit . Und warr mir immerdarr eine besondere Lust zu sehen , wie das Sentimentalle wieder fällt . Immer merr , immer merr , Ich hasse das Sentimentalle de tout mon coeur . « » Worin ich « , sagte Woldemar , » Herrn Doktor Wrschowitz durchaus zustimme . Wir haben in der Poesie genau dasselbe . Da gab es auch dergleichen , und ich bekenne , daß ich als Knabe für solche Sentimentalitäten geschwärmt habe . Meine besondere Schwärmerei war König Renés Tochter von Henrik Hertz , einem jungen Kopenhagener , wenn ich nicht irre ... « Wrschowitz verfärbte sich , was Woldemar , als er es wahrnahm , zu sofortigem raschen Einlenken bestimmte . » ... König Renés Tochter , ein lyrisches Drama . Aber schon seit lange wieder vergessen . Wir stehen jetzt im Zeichen von Tolstoi und der Kreutzersonate . « » Sehr warr , sehr warr « , sagte der rasch wieder beruhigte Wrschowitz und nahm nur noch Veranlassung , energisch gegen die Mischung von Kunst und Sektierertum zu protestieren . Woldemar , großer Tolstoischwärmer , wollte für den russischen Grafen eine Lanze brechen , aber Armgard , die , wenn derartige Themata berührt wurden , der Salonfähigkeit ihres Freundes Wrschowitz arg mißtraute , war sofort aufrichtig bemüht , das Gespräch auf harmlosere Gebiete hinüberzuspielen . Als ein solches friedeverheißendes Gebiet erschien ihr in diesem Augenblicke ganz eminent die Grafschaft Ruppin , aus deren abgelegenster Nordostecke Woldemar eben wieder eingetroffen war , und so sprach sie denn gegen diesen den Wunsch aus , ihn über seinen jüngsten Ausflug einen kurzen Bericht erstatten zu sehen . » Ich weiß wohl , daß ich meiner Schwester Melusine ( die voll Neugier und Verlangen ist , auch davon zu hören ) einen schlechten Dienst damit leiste ; Herr von Stechlin wird es aber nicht verschmähen , wenn meine Schwester erst wieder da ist , darauf zurückzukommen . Es braucht ja , wenn man plaudert , nicht alles absolut neu zu sein . Man darf sich wiederholen . Papa hat auch einzelnes , das er öfter erzählt . « » Einzelnes ? « lachte der Graf , » meine Tochter Armgard meint vieles . « » Nein , Papa , ich meine einzelnes . Da gibt es denn doch ganz andre , zum Beispiel unser guter Baron . Und die Baronin sieht auch immer