auf ihrem und - meinem Wege aufwärts als grämliche Sieger zu fallen , nicht bekamen , und mir sagen darf Wenig ! , so ist das auch ein Trost , aber nur ein geringer , und man hat erst an seine eigenen Nachkommen und deren Tröstungen zu denken , ehe man sich wieder beruhigter , gelassener vor solch einem Aktenbündel wie dieses hier vorliegende im Sessel zurechtrückt . - Jawohl , mein Weg ging aufwärts in der Rangordnung des Staatskalenders und der bürgerlichen Gesellschaft : meine Eltern starben - die Mutter zuerst und der Vater ihr bald nach ; und ich heiratete . Daß ich ihnen » Schlappes « Schwester als liebe Braut und gute Tochter zuführte , war der beiden guten und lieben alten Leute letzte Freude und drückte ihnen das letzte Siegel auf die Gewißheit , daß auch ich ein guter , braver Sohn gewesen sei , daß ich allen ihren Erwartungen entsprochen habe und mich auch fernerhin aller hohen und höchsten Ehren und Genugtuungen unserer Welt im kleinsten würdig erweisen werde und also aller durch zwei ganze treusorgliche Elternleben aufgewendeten Ängste , Mühen , Kümmernisse und Entsagungen wert . Wahrlich , ich schreibe nicht , um in diesen Blättern Komödie zu spielen und von Tränen zu fabeln und zu faseln , die auf irgendeine Seite der Handschrift gefallen seien ( ich weiß es ja eigentlich selber nicht , wie sich dieses alles plötzlich infolge jenes Briefes aus Berlin , den Helene Trotzendorff , den Mrs. Mungo schrieb , in den tagtäglichen Aktenwechsel auf meinem Schreibtische schiebt ! ) , aber ich nehme mir wieder die Muße , zu dem Bildnis über diesem Schreibtische , dem alten , teuren Herrn mit dem verkniffenen deutschen Schreibergesicht und dem zu dem Landesorden hinzugestifteten Ehrenkreuz Erster Klasse auf der Brust , melancholisch-dankbar aufzuschauen . Wer hatte es besser mit dir im Sinne als der ? - - - Der Weg nach dem Friedhofe jenseits des Vogelsangs führte noch immer durch unsere vordem so grüne Kindheitsgasse . Jetzt vorbei an den Plätzen , wo vordem Hartlebens weitgedehntes Anwesen gewesen war und meiner Eltern Haus , mein Vaterhaus und ihrer Väter Haus , gelegen hatte . Es ist eine Redensart : » Ich komme selten mehr in die Gegend ! « Wie schwer sie einem aufs Herz fallen kann , das sollte ich am Begräbnistage meines Vaters im vollsten Maße erfahren . Ich war nicht so häufig in die Gegend gekommen , wie ich gesollt hatte , und nun war grade die rechte Gelegenheit , um zu erkennen , wie sehr sie sich verändert hatte , nicht seit unseren Kinderjahren , sondern seit dem Tage , an welchem die Nachbarin Andres , die Frau Doktern , dort von uns allen allein zurückgelassen worden war . Es gibt auch eine Redensart : » Das ist mir bis jetzt nicht aufgefallen ! « Und dann kommt plötzlich die Gelegenheit , der Augenblick , die Stunde , der Tag , wo das um so eindringlicher einem ans Herz gelegt wird . Ich hatte wirklich so viel mit meinen persönlichen Lebensangelegenheiten , mit mir selber zu schaffen gehabt , daß ich mich um das , was hinter mir lag , und wenn auch in nächster Nähe , wenig bekümmern konnte , und der Vogelsang war mir davon nicht ausgenommen gewesen . - Zwischen den neuen Mauern der Fabriken , Mietshäuser , Tanzlokale war ' s allein die alte Frau , die Mutter Veltens , welche , wie sie es dem Sohne versprochen hatte , nicht von ihrer Heimstätte gewichen war und trotz des neuen Lebens , das ihr von allen Seiten unbehaglich , spöttisch , ja drohend sich andrängte , ihr Häuschen , ihr Gärtchen , ihre lebendige Hecke festhielt . Wieviel Vernunft hatten meine Eltern deswegen die letzten Jahre hindurch vergeblich auf sie hineingeredet ! » Er hat seinen Willen gewollt und hat ihn nun in aller Herren Ländern zu Land und Meer : ich habe den meinigen hier im Vogelsang , und wenn es auch nur des Kitzels wegen wäre , der mir zukommt , wenn er heimkommt und ich ihn frage Na , Velten , wie war ' s denn draußen ? « antwortete in den verschiedenartigsten Variationen ( auch je nach Jahreszeit verschiedenen ) die Frau Doktorin Andres im Vogelsang auf alles , was ihr Häuserspekulanten , sachverständige Freunde und wohlmeinende Freundinnen vortragen mochten , um ihr den Sinn zu brechen und ihr zum Besten zu raten . Es war mit der Frau jetzt immer noch ebensowenig anzufangen wie vor Jahren , wenn mein Vater als » Familienfreund « von einer Erziehungskontroverse mit ihr nach Hause kam . Und nun war es kaum acht Tage her , daß er zum letztenmal in dem kleinen hartnäckigen Häuslein gewesen war , um sich in der altgewohnten , treufreundschaftlich-nachbarschaftlichen Weise zu ärgern und sich wieder zu vertragen mit der Frau » Exnachbarin « . Nun stammte der werteste Kranz auf seinem Sarge aus dem letzten Hausgarten des Vogelsangs , und Veltens Mutter hatte ihn selbst gebracht und mit mir und meiner jungen Frau , die nichts mehr von dem Vogelsang wußte , neben dem schwarzen Schrein gesessen und mir mehrfach die Hand aufs Knie gelegt und geseufzt : » Ich werde ihn sehr , sehr vermissen , deinen guten Vater , bester Karl ! Nun bin ich die letzte von den Alten unterm Osterberge . Manchmal in dem jetzigen Lärm dort um mich her , wenn ich so von meinem Strickzeug am Fenster aufsehe , kommt es mir doch wirklich vor , als gehöre auch ich nicht mehr dahin : aber ich habe es ihm ja versprochen , daß er mich jederzeit dort in seines Vaters und seinem eigenen alten Wesen noch vorfinden soll , und so muß ich noch etwas bleiben . Wer verdunkelt einem nun noch mit einem Auf ein Wort , Frau Nachbarin ! das Fenster , um einen fester in der Gewißheit , zur Seite und gegenüber die beste , liebste Nachbarschaft zu haben , nach dem Vorgucken und Besuch wieder sich selbst zu lassen ? Kommt ihr jungen Leute , so könnte man sich so vorkommen wie ein ein halb Jahrhundert vor der Erlösung für einen Augenblick aufgewachtes Dornröschen , das sich nicht seinem Prinzen in Mantel , Federbarett und Trikot , sondern einem durch die Hecke gedrungenen Liebhaberphotographen gegenüber findet . Ja , sieh , lieber armer Junge , so schwatzt die alte Doktern Andres ihren gewohnten Unsinn selbst am Sarge deines Vaters , ihres guten , treuesten Freundes ! Aber glaub mir , wenn ihr ihn morgen früh durch den Vogelsang geleitet , so sieht ihm über ihren Zaun dort eine Freundin mit nassen Augen und vollem Herzen nach und sagt Da begraben sie einen Mann , den dir das Schicksal dort an die Hecke gesetzt hatte , um dir ein Muster an ihm zu nehmen , dein ganzes Leben lang , Mutter Andres ! Alles für unsere Jungen ! Natürlich er auf seine Weise , ich auf die meinige . Und daß seine Art gut war , das bezeugt ihm am besten die kleine Frau hier hinter ihrem feuchten Taschentuch , Karl . Ziehen Sie es mir noch einen Moment herunter , Kindchen , und geben Sie mir einen Kuß , und nun gute Nacht , und habt ferner euren Trost aneinander und gönnt uns Alten unsere Ruhe , wenn unsere Schlafenszeit gekommen ist ! « Es war ein schöner , sonniger Morgen , an welchem wir meinen Vater begruben . Mit einem stattlichen Gefolge , an dem er wohl seine Genugtuung haben mochte und wie es ihm da , wo man sonst wohl am wenigsten an so etwas denkt , auf seines Lebens Höhe , als etwas sehr Wünschenswertes , sehr Erstrebenswertes erschienen sein mag . Wie oft hat er von dem Fenster unseres Wohnzimmers aus die Kutschen gezählt , die bei solchen Gelegenheiten die Teilnahme der Besten im Volke leer , aber würdig zur Darstellung bringen ! ... Und nicht , daß ich nun von einem erhabenern Standpunkt hierüber hinweggesehen hätte : oh , als der rechte Sohn meines Vaters habe ich sehr genau darauf geachtet , wer ihm und mir die gebührende Ehre gab und wer nicht ! - Aber wo war das Fenster im Vogelsang , an dem die Krumhardts seit Generationen von Vater zu Sohn ihre statistischen Bemerkungen in dieser Hinsicht gemacht hatten , bis - sie selber für einen andern in gleiche hineinfielen ? Ein vierstöckiges Haus hatte Arnemann auf das alte Familiengrundstück gesetzt , und vom Erdstock bis zum Dache kamen Dutzende von Gesichtern jeder Art an die neuen Fenster , um das » schöne Begräbnis « zu sehen . Und was sonst ein lieber , zum Übrigen , Gleichen gehöriger Schmuck der Feld- und Gartengasse gewesen war , das Stück grüne Hecke der Frau Doktor Andres , das war nunmehr ein Etwas , das seine Zeit ganz und gar überlebt hatte und durch sein Nochvorhandensein nur kümmerlich-lächerlich wirkte . Und wie an dem betrübten Tage , in dem traurigen Zuge mein Auge doch nur diesen grünen Punkt in all dem neuen , fremden Mauerwerk suchte und sich der Exbürger des Orts mit einer Art von Heimwehgefühl dort festzuklammern suchte ! Und nun - grade vor dem Anwesen der Familien Krumhardt und Andres redeten die beiden würdigen geistlichen Herren , zwischen denen ich hinter dem Sarge schritt , so treulich und wohlmeinend das Passende auf mich ein , daß es eine rechte Unhöflichkeit von mir gewesen sein wurde , wenn ich ihnen nicht nach rechts und nach links hin das Ohr geliehen hätte ! So habe ich damals trotz allem nur flüchtig hingrüßen können nach der greisen Freundin und Nachbarin an dem zerfallenen morschen Gartentürchen und ganz außer acht gelassen , daß sie nicht allein an der Pforte zu ihrem so tapfer festgehaltenen Reiche stand , um den Familienfreund vorbeiziehen zu sehen . Es hätte auch doch wohl eine Störung im Zuge gegeben , wenn - Velten Andres an dem Morgen aus seinem Garten sofort an meine Seite getreten wäre ! - - - Er hat sich an das Ende des Zuges angeschlossen und mich also auf dem ernsten Wege davor bewahrt , Aufsehen durch eine augenblicklich unschickliche Aufregung über ein plötzliches , unvermutetes Wiedersehen zu erwecken . Auf dem Friedhofe selbst aber , wo die frühere Freundschaft auch jetzt noch nach Möglichkeit gute Nachbarschaft hielt und ihren Grundbesitz im Grundbuche , wenn auch nicht Hypothekenbuche , fest zusammen hatte schreiben lassen , konnte er mir die Überraschung nicht ersparen . Dicht neben seinem Vater war dem meinigen die Grube gegraben ( Nachbar Hartleben lag nur ein paar Schritte weiter ab , und der übrige Vogelsang , hier noch immer im Grün und mit der Aussicht auf den Osterberg und Schluderkopf , rundum ) und standen die Schaufeln für die Liebes- , Ehren- und Achtungsgabe des Grabgefolges in die frisch aufgeworfenen Schollen fruchtbaren Gartenhodens gestoßen . Und wenn man den gleichgültigsten Kanzleiverwandten , den langweiligsten Klub- und Stammtischgenossen so , mit einem dieser Spaten , die letzte Achtung erweist , liegt nicht nur die nächste Umgebung , sondern die ganze Welt in einer Beleuchtung , die für den Schreibtisch und den L ' hombretisch kaum die rechte sein würde : begrabe aber deinen Vater , deine Mutter , dein Kind und achte dann in dem Licht , das eben kein Licht ist , darauf , wer dir zu dem » Erde zu Erde « das Werkzeug in die Hand gibt und an wen du es weitergibst ! ... In die Hand reicht es uns Christenleuten nach geschriebenem und ungeschriebenem Recht die Kirche , wenn es gewünscht worden ist ; aus der Hand nahm es mir der Nächste mir zur Seite und sagte : » Das war ein wohlmeinender , braver und kluger Mann , Krumhardt . Mögen deine spätesten Enkel noch süße Früchte mit seinen wackeren Knochen vom Baume des Lebens werfen ... « Velten ! ... Velten Andres ! Nun verletzte ich doch den Anstand , indem ich zurücktretend den Chef des Entschlafenen , der nach mir nach der Schaufel hatte greifen wollen , auf den Fuß trat . Den Spaten reichte Velten ihm . » Bitte , Herr Obergerichtspräsident ! « Später sind keine Störungen mehr vorgefallen . Es ist nur getan und gesagt worden , was bei solchen Gelegenheiten getan und gesagt zu werden pflegt . Ich , der ich mehr als ein anderer ( auch als der Freund ) von den Vorzügen des alten Herrn Kenntnis hatte und überzeugt war , kann es bezeugen , daß mir nichts über ihn gesprochen wurde , was nicht die volle Wahrheit war . Als wir ihn dann ließen und ein jeder , der ihm die letzte Ehre gegeben hatte , aus solcher Störung des tagtäglichen Tages- und Geschäftslaufs heimging oder - fuhr , hatten wir , der Vater und der Sohn , es freilich uns gleichfalls gefallen lassen müssen , was dann noch mehr oder weniger anekdotenhaft aus dem Lebensverlauf des Obergerichtssekretärs Krumhardt heraufgeholt wurde , bis noch näherliegender Tages-und Daseins-Gesprächsstoff den Ruhenden in seiner Ruhe ließ neben seinen nächsten guten Nachbarn : seinem Weibe und dem Doktor der Heilkunde Valentin Andres . - - Er fuhr nicht mit mir nach Hause . Er sagte mir auf dem Kirchhofe nur noch : » Später , mein Junge ! Wir haben für alles Zeit « , brachte mich aber doch an den Wagen an der Friedhofspforte , ließ den hohen Chef des weiland Obergerichtssekretärs Krumhardt und seinen Sohn einsteigen , drückte mir über den Schlag noch einmal die Hand : » Ich hoffe , dich schon heute noch gemütlicher sprechen zu können . Guten Morgen , Alter ! « » Was war denn das für ein eigentümlicher Herr , lieber Assessor ? « fragte der hohe , amtlich dem Hause Krumhardt Vorgesetzte ; und als ich ihn , soweit das möglich war , darüber in Kenntnis gesetzt hatte , sagte er : » Hm , hm , ja , ich erinnere mich dunkel . Der Sohn eines Vorstadtarztes und ein toller Christ vor Jahren . Nahm nicht einmal Seine Durchlaucht einiges Interesse an ihm ? Jawohl , jawohl , ganz richtig ! Andres ! Eine Zeitlang hatte der junge Mensch hier wirklich die besten Avancen . Sie und er waren Nachbarn , Herr Assessor , und scheinen noch in freundschaftlichem Verkehr mit ihm zu stehen . Man hielt ihn damals für ein junges Genie : aber er ist uns doch , wie das gewöhnlich zu geschehen pflegt , dann bald gänzlich aus den Augen gekommen . Es würde wirklich auch mich ein wenig interessieren , zu erfahren , was jetzt eigentlich aus ihm geworden ist . « Wahrscheinlich hat der würdige Mann es nur auf die Zeit und Umstände , unter welchen er seinen Wunsch äußerte , geschoben , daß ich ihm nur sehr ungenügend Aufklärung gab . - Zu Hause fand ich , was man zu finden pflegt , wenn man von einem solchen Geschäft heimkehrt : das Haus nach Möglichkeit gereinigt und aufgeräumt - nach der Katastrophe soviel frische , sonnige Alltagsluft als möglich eingelassen - nach Möglichkeit alles in der alten Ordnung - sowenig als möglich Stearin , Chlor-und Blumengeruch , das alte Geräte in gewohnter Ordnung , nur noch etwas peinlicher , um einen herum und - eine Lücke in sich , ein Leere , eine Ode um sich , die , natürlich je den Umständen nach , mehr oder weniger empfindlich empfunden werden . Aber ich konnte auch mein gutes kleines Weibchen in der schwarzen , ernstgemeinten Trauerkleidung in den Arm nehmen und » Schlappen « , dem jüngsten Regierungsrat des Landes und meinem Schwager , sowie einigen anderen , meiner Frau zum Trost und zur Aufrichtung gegenwärtigen Mitgliedern ihrer Familie für ihre Teilnahme danken . » Es ist doch recht betrübt , daß du heute gar keine eigenen Verwandten hast « , sagte , nachdem sie alle ihre Pflicht getan hatten und gegangen waren , meine Frau , sich an meinem Schreibtische an meine Seite schmiegend und gottlob so dicht als möglich . » Armer Mann ! Aber mich hast du doch , und nicht wahr , das ist doch auch ein Trost ? Und nun wollen wir von jetzt an noch fester zusammenhalten und uns immer lieber haben - nicht wahr , du armer , lieber Mann ? Und daß du dich gleich wieder in dein Arbeitszimmer gesetzt hast , das ist sehr unrecht von dir und gehört sich gar nicht ! Deine Frau gehört heute zu dir , und wenn du nicht zu mir herüberkommst , so bleibe ich hier bei dir , und draußen habe ich schon Bescheid gegeben : sie sollen , wenn es nicht ganz und gar nötig ist , keinen Menschen mehr zu uns hereinlassen ! « Bei allem , was der Mensch auf Erden je der Götter Wohlwollen , die Güte Gottes genannt hat , konnte es mir noch deutlicher gemacht werden , was ich an sicherm Eigentum , an dem Reichtum dieser Erde gewonnen hatte , was mir davon gegeben worden war auf meinem Wege bis zu diesem betrüblichen Tage ? - Wir blieben den Tag über für uns allein . Als ich meiner Kleinen aber von der Heimkehr Velten Andres ' erzählte , sagte sie : » Oh , der gehört natürlich zu uns , dein bester Freund ! Ich kenne ihn ja eigentlich kaum : aber wie oft ist bei uns , in meiner Eltern Hause , von ihm , und was er an meinem Bruder getan hat , die Rede gewesen ! Ich war zu jener Zeit , als er für uns sein Leben gewagt hat , noch ein zu junges Kind , um seine Heldentat ganz zu fassen : aber ich sehe heute noch meine Mutter in Ohnmacht und im Weinekrampf und meinen Vater außer sich . Nachher ist leider weniger gut von ihm gesprochen worden , und Papa hat ärgerlich gemeint , es sei schade , daß so ganz und gar nichts mit ihm anzufangen sei ; und dabei bin ich denn , weißt du , auch so nach und nach herangewachsen und habe mir meine eigene Meinung gebildet , und du bist gekommen und hast mir dabei geholfen , das heißt , du weißt es wohl selber am besten , wie du mich nicht nur aus meines Vaters Hause , sondern auch in alle möglichen anderen Ansichten über Gott und die Welt hinein-und für dich zurechtgezogen hast . Nun weiß ich heute fast ebensogut wie du in eurem alten Vogelsang und um Helene Trotzendorff und die Frau Doktorin Andres und deinen Velten und alles übrige Bescheid - freilich , wenn ich auf einen Menschen gespannt sein muß , so ist das dein Freund Velten , aus dem keiner von euch je recht klug geworden zu sein scheint , nimm das mir nicht übel . Und ganz derselbe wie sonst , nach eurer Beschreibung , scheint er auch geblieben zu sein : ich wäre in seiner Stelle jetzt schon längst bei dir - noch dazu an solch einem bösen , schmerzlichen , traurigen Tage wie heute ! « So plauderte sie und versuchte es immer von neuem , mit dem lieben Zeigefinger mir die Stirnfalten wegzustreichen und mir über den » traurigen Tag « leichter hinwegzuhelfen . Es war ein wunderlicher , gespenstischer Tag , ein unruhiger Tag , trotz der Stille , in der die Welt uns zwei ließ oder der Anweisung an der Vorsaaltür zufolge lassen mußte . Der frische Hügel auf dem Vogelsangkirchhofe war nicht schuld daran : so etwas drückt den Menschen nur in den Winkel und womöglich einen dunkeln , drückt ihn nieder in einen leer gewordenen Großvaterstuhl oder auch wohl auf ein niederes Kinderschemelchen , drückt ihm die schwere Hand auf die Augen , auf die Stirn . Unruhe in die Glieder bringt das nicht ; ich aber hatte den ganzen Tag über Unruhe in den Gliedern , denn ich begriff noch weniger als meine Frau , wo Velten jetzt eigentlich blieb . Es konnte doch keine Täuschung gewesen sein ! Ich hatte ihn doch plötzlich auf dem Kirchhofe an meiner Seite gesehen ! Er hatte zu mir gesprochen ; ich fühlte noch immer den Druck seiner Hand auf der meinigen ; und - ich hatte im Auf- und Abschreiten durch das Zimmer Momente , in welchen ich nicht mehr an ihn glaubte und einen Eid über seine Rückkehr in die Heimat nicht zu den Akten abgegeben haben würde . Als er dann in der Dämmerung kam , fand er mich über dem Reichsstrafgesetzbuch , dem Paragraphen : Fahrlässiger Meineid , und in der kopfschüttelnden Gewißheit , daß die meisten Justizverbrechen hierbei begangen werden und daß Jupiter , der über die Schwüre der Verliebten lacht , über die Urteile der hier zuständigen Richter sehr häufig mit den Zähnen zu knirschen hätte . - Daß ich solches aber jetzt hier niederschreibe , beweist nur auch , in welche Ferne mir heute , in dieser Winternacht , während der Schnee noch immer ununterbrochen niederrieselt , jener so dunkle , unruhvolle Sommersonnentag , der Tag , an welchem ich meinen Vater begrub und an welchem Velten Andres ihm vom Hause seiner Mutter aus die letzte Ehre erwies , gerückt ist . Er aber , mein Freund Velten , steht wieder grade so gespenstisch wie damals neben meinem Sessel , legt mir die Hand auf die Schulter und fragt : » Nun , Alter , noch nicht des Spiels überdrüssig ? « Da habe ich denn in dieser heutigen kalten , farblosen Winternacht , mit den ewig von neuem sich aufhäufenden Aktenstößen um mich her , mit all den Enttäuschungen , Sorgen , Ärgernissen , die nicht nur das öffentliche Leben , sondern auch das Privatleben mit sich bringt , und im grimmen Kampf mit dem Überdruß , der Enttäuschung , der Langweile und dem Ekel an der schleichenden Stunde , doch noch einmal ein » Nein ! « gesagt , dem stolz-ruhigen Schatten gegenüber , der so wesenhaft Velten Andres in meinem Dasein hieß . Ich habe und halte meiner Kinder Erbteil . Das Spielzeug des Menschen auf Erden , das ja auch einmal meinen Händen entfallen wird , wollen sie aufgreifen , und ich - ich fühle mich ihnen gegenüber dafür noch verantwortlich ! - Doch jener Sommertag , an welchem sich der Freund über das letzte Stückchen lebendiger Hecke im Vogelsang lehnte , um dann seinem ihm vom Staate gesetzten Vormund oder » Familienfreund « , dem alten Obergerichtssekretär Krumhardt , auch die letzte Ehre zu erweisen , ist ja noch nicht vorüber in diesen Blättern . Die Dämmerung zieht sich in jener Jahreszeit weit in die Nacht hinein , und , wie gesagt , er kam erst in der Dämmerung , der Freund , und ein neuer Morgen leuchtete über dem Osterberge auf , ehe er wieder ging und beim Abschiednehmen lächelte : » Nun , hab ich die Scheherezade oder den Märchenerzähler im Karawanserei zu Bagdad vergnüglich gespielt ? Seht nur - der Tag im bräunlich roten Mantel betritt im Osten dort die tauigen Höhn ! Aber , ihr habt es ja so gewollt , Kinderchen : und eines ist sicher : in meinem Leben wißt ihr jetzt fast ebensogut Bescheid wie ich selber . Was meint die gnädige - die junge Frau ? Nicht wahr , sie faßt nachher ihr Stück bestes Eigentum fester und etwas ängstlich in die Arme O Gott , Karl , und mit diesem entsetzlichen Menschen bist du aufgewachsen in eurem Vogelsang und hast mir von ihm so gut gesprochen , wenn einmal wieder in den letzten Jahren die Rede auf ihn gekommen ist ? Oh , wie dankbar müssen wir dem lieben Gott beide sein , daß er noch früh genug ein Einsehen gehabt und ihn auf alle vier Straßen der Welt verwiesen und ihm nur Gras und Welle , Sonne und Wind gelassen , aber dich Armen zu deinem Besten mir hier anbefohlen hat ! « » Sie bleiben doch nun auch , wenigstens für einige Zeit , hier bei uns ? « fragte Schlappes Schwester ; er aber wendete sich wieder zu mir . » Die alte Heldin dort , hinter der letzten Hecke des Vogelsangs ! Der Brief , in dem ich ihr meinen Besuch von Southampton aus anmeldete , ist erst heute morgen hier angelangt . So fand sie mich gestern abend an unserer Gartentür lehnend , als sie von dir und deines Vaters Sarge nach Hause kam . Ich brauche ein Jahr mindestens , um ihr für den diesmaligen Schrecken , den ich ihr einjagte , Genugtuung zu geben . Du lieber Himmel , sie da in den Armen zu halten und die alten guten Redensarten im alten Ton wieder zu hören ! O wie oft habe ich in der Fremde ihr Du dummer Junge ! im Ohr gehabt - und nun es sich wieder zwischen Lachen und Weinen sagen lassen zu dürfen ! Eine Stunde hatte ich am Zaun zu warten , bis sie mit dem Hausschlüssel kam , den verlaufenen Hund einzulassen . Da habe ich Zeit gehabt , mir die neue Mauerwerksherrlichkeit zu betrachten in der sie - sie allein das Ihrige - das Unserige festgehalten hatte : - und für wen , für wen ? Da stand der Narr , der von der Schmetterlings- und Seifenblasenjagd heimgekommene Narr , und suchte nach rechts und nach links und nach gegenüber die alten Freunde und Bäume - fremde Gaffer und fremde Mauern um sich her . Sie haben es ihr zugebaut , das sonnige , grünende , blühende , lachende Familienerbe ; sie aber hat Freund und Freundin , Nachbar und Nachbarin , Busch und Baum gehen und fallen sehen , hat dem Schatten über ihren Aurikelbeeten standgehalten und ihren Sessel vor ihrem Nähtischchen an ihrem Fenster nicht weggerückt . Sie hat alle Tatzen weggeschlagen , und nicht ihret- , sondern meinetwegen . Gnädige Frau , Karl Krumhardt - meinetwegen ! ... Meinetwegen hat sie wie weiland die Juden in Jerusalem die Riemen von den Sätteln und das Leder von den Schilden abgenagt und das Heiligtum gehalten unter dem Fabriklärm von Hartlebens Grundstück her und der Tanzmusik aus dem Tivoli und der Zentralhalle . Ob ich als Bettler oder als Millionär wie weiland Mr. Charles Trotzendorff heimkam , ist ihr wohl recht gleichgültig gewesen ; über ihrer Häkelnadel , ihrem Strickstrumpf , hinter ihrer lieben Brille hat sie nur die Gewißheit festgehalten Den Schlingel , das arme Kind , kenne ich zu gut , um nicht zu wissen , wie das fest darauf rechnet , sich noch einmal hinter meiner Schürze zu verstecken und sich an meinen Rock zu klammern und Mama ! Mama ! zu heulen . Wer sollte um den Narren Bescheid wissen , wenn ich nicht ? Hätte er mir das Kind , die Helene , heimbringen können , so wäre es freilich etwas anderes gewesen : aber das ist wohl nicht seine schlimmste Fehljagd nach dem Glück gewesen , daß Mistress Mungo nicht in das letzte Grün des Vogelsangs hineinpaßte . - Jetzt laßt mich gehen , Leutchen : jawohl , gnädige Frau , für einige Zeit bleibe ich im Lande , und nun machen Sie kein zu bedenkliches Gesicht hierzu . Ich lasse Ihnen Ihr wohlerworbenes Eigentum . Sehen Sie , da lächelt Freund Krumhardt - selbst nach seinem traurigen Tagesgeschäft . Es geht doch nichts über eine trauliche Abendunterhaltung , so bis in den nächsten Morgen hinein ! « Ob ich gelächelt habe , kann ich nicht sagen : aber das weiß ich , daß , als er gegangen war und wir nun wieder allein bei der schon in den Tag hineinglimmenden Lampe waren , meine Frau sich wie angstvoll an mich drängte , mir die Arme um den Hals warf und rief : » Welch ein Mensch , welch ein lieber und unheimlicher Mensch ! Also das ist dein Freund ? Mit dem bist du aufgewachsen in eurer Vorstadt , während in meiner Eltern Hause niemand von euch wußte ? O jetzt begreife ich es , daß der einem Menschen das Leben retten kann , bloß um sich über ihn lustig zu machen , wie er über meinen Bruder Ferdi ! Daß er um ein törichtes Mädchen seine Mutter , sein Vaterland , seine Aussichten in der Heimat aufgeben konnte , und - sieh - so recht sagen kann ich es nicht , aber ich fühle es und weiß es sicher , daß , wenn er nachher scherzhafte Briefe an seine Mutter über seine Täuschungen und Enttäuschungen geschrieben hat , die ihm aus dem Herzen , und einem ruhigen , für mich als ein armes Frauenzimmer etwas zu ruhigem Herzen gekommen sind . Mit welchem Lächeln er von dir , mein bester Karl , als von meinem Eigentum sprach ! Sieh , wir wissen nicht , wie er jetzt heimgekommen ist , ob mit Geld oder ohne ; aber ein Eigentum hat der nicht mehr in der Welt und an der Welt , und was für mich und unseresgleichen sehr trostlos ist : will es auch nicht haben . Was kann denn der von alledem , was uns anderen Freude macht , noch gebrauchen ? Und was kann ihm noch Sorgen machen und Schmerz und Verlust fürchten lassen nach allem , was er uns erzählt und wie er zu uns gesprochen hat in dieser Nacht ? Der hat keines Menschen Hülfe und Trost mehr nötig - auch deinen nicht , Karl . O das ist ein sehr gefährlicher Mensch ; jetzt begreife ich wohl , daß hier in unserer kleinen Welt niemand etwas mit ihm hat anfangen können , daß nirgends für ihn ein Ruheplatz gewesen ist . Aber ist es ein Glück , so unverwundbar auf seinem Wege durchs Leben zu werden wie dieser , dein Freund Velten , der an allem , was uns anderen begegnen mag , jetzt nur Anteil nimmt wie