Sie flüsterte etwas . » Ich habe dich nicht verstanden « sagte er kurz . In ihrem Gesichte merkte man die Anspannung ihres Willens . » Ich denke daran « hauchte sie . » Nun was war da ? « Seine Hände bewegten sich gleichmäßig über ihrer Stirne . » Ich war in Kerners Obstgarten « . » In Kerners Obstgarten , so , und was thatest du da ? « » Ich aß Aepfel « . » Aepfel aßest du ? viele ? « » O - die so unter den Bäumen herumlagen « . » So , so . Rote , weiße ? « » Ich glaube « ... sie stotterte » es waren rote « . » Aha . Und was thatest du dann ? « » Dann ? Wir erhielten Butterbrod und sauere Milch « . » Das war gut , wie ? « » O ja - « » Besonders das Butterbrod , nicht ? Aber zu dünn geschnitten , du hättest ein dickeres Stück vorgezogen « . » M - ja , es war auch Salz darauf « . » Aha « . Die Lider waren ihr zugesunken , ihr Atem ging gleichmäßig . Paulus neigte sich tiefer über sie . In seinen Blicken lag beobachtendes Abwarten . » Und du magst das Salz nicht sehr , nichtwahr ? « » Nein , besonders das grobkörnige nicht « . » Aber das ist seltsam , da sitzt ja ein Hahn auf dem Baum , wie kommt denn der herauf ? Sieh nur « . » Ein - Hahn ? « sie stockte , dann leiser : » ich sehe keinen « . » Da da , sieh nur genau . Er hat rotgelbe Federn ; jetzt schlägt er mit den Flügeln , er will noch höher flattern , nein , sieh nur « . » Ich ... sehe nicht « . » Aber freilich siehst du , da , schau nur gut hin ; du mußt ja sehen , du bist doch nicht blind ... nun ? « Seine Stimme klang ungeduldig . » Ach , ... ja , jetzt ... jetzt sehe ich ... « kam es stotternd von ihren Lippen . » Glaubst du , daß er höher flattert ? « » Nein , ich ... glaubs nicht « . » Es könnte aber doch sein . O , da regt er schon die Flügel , eins , zwei , drei , nun ist er auf dem obern Ast « . » Und er will noch höher « . » Siehst du , er guckt hinauf ; ja wenn er aber oben ist , muß er doch wieder herunter , der dumme Hahn ; da schau , wie er sich ratlos umsieht ; ah jetzt ist er erschrocken , da unten steht die Katze , siehst du sie ? « » Nein - « » Wie ? Natürlich siehst du sie , schau nur hin « . » Ja , ja , ich seh sie schon « . » Sie ist grau mit einem weißen Fleck hinterm linken Ohr ; glaubst du , daß sie ihm ein Leid anthut ? « » Nein , das ... nicht , er fliegt ja gut , aber sie klettert doch den Baum hinauf « . » Oh , nun ist sie ihm nahe ; schwups , er ist fort ; wo denn ? « » Da am Rasen sitzt er « . » Was ist das ? Johanne im Schlaf ? « Angelus war hereingetreten . Paulus flüsterte ihm etwas zu und strich Johannes Stirn weiter . » Du , sie ist ja errötet , sie schläft nicht « . » Das kann auch in der Hypnose vorkommen . Sie hat etwas gesehen , das sie erschreckt « . » Johanne , schläfst du ? « fragte Angelus . Da zuckten ihre Mienen , sie seufzte tief und setzte sich , mühsam die Augen öffnend , auf . » Ach ich bin so müde « . » Siehst du , sie hat doch geschlafen « sagte Paulus . Angelus holte ihr ein Glas Wasser . Sie nahm ein Schlückchen , verzog aber den Mund . » Weißt du , wo du warst ? « » Nein « . » Du hast uns von einem Obstgarten erzählt , in dem ein brauner Hahn auf einem Baum saß « . » So ? « sagte sie schüchtern und schlug die Augen nieder , » ich weiß nicht « . » Nun , aufs nächste Mal . Sie ist ein gutes Medium , für uns wertvoll « . Er blickte Angelus an . » Nur muß sie eben noch tüchtig geübt werden . Nach einigen Versuchen wirds besser gehen , als das erste Mal « . Bald darauf kam Johannes zurück . Das junge Mädchen schrieb wieder weiter , während er mit Paulus im Eßzimmer weilte . » Du solltest doch etwas Geistiges zu dir nehmen « hörte sie Paulus ' Stimme sagen , » du siehst sehr angegriffen aus . Ein Glas Wein - « » Lieber zusammenbrechen , als Wein oder Fleisch genießen . O Paulus , daß du mir noch immer ähnliches zumuten kannst « . Des Meisters Stimme klang vorwurfsvoll . Johanne fühlte ihr Herz hochschlagen vor Bewunderung für ihn . Noch matt von der Sitzung legte sie die Feder aus der Hand und lauschte seiner Stimme . » Glaub mir , Paulus « entgegnete er auf einige Worte seines Schülers , » es ist nicht alles eins . Fleisch erweckt den Teufel in uns , Fleisch macht uns blutgierig , erregt unsere Sinne « . - » Einmal - keinmal « hörte sie sagen . » Sohn , kein einziges Mal ; gerade dieses eine Mal könnte der Satan benützen - « Angelus rückte geräuschvoll den Stuhl zurück und ging zu den Beiden . Johanne wunderte sich insgeheim , daß der Meister so große Wichtigkeit auf etwas so Geringfügiges wie das Essen legte . - 16 Allmählich wuchs Johanne in ihre neue Stellung hinein . Sie lernte manches Nützliche und hörte von Vielem , das sie verblüffte , das sie aber nicht enträtseln konnte . Sie hörte von Spiritismus , Magnetismus , Okkultismus , Magie sprechen , ohne auch nur den geringsten Begriff von all diesen Dingen zu haben . Mit der Zeit nahm sie sich ein Herz und fragte Johannes nach diesem und jenem . Er erklärte ihr vieles . Er sagte ihr , daß all diese Dinge Mittel wären , den Menschen die Blindheit zu nehmen und sie sehend zu machen . Er sagte ihr , daß die Zeit vorüber sei , wo ein alter weißbärtiger Gott im Himmel saß und Regen und Sonnenschein machte , daß man sich unter Gott mehr als Menschenform denken müsse , Geist , Willensäußerung , Kraft , die nicht über den Sternen , sondern in den Sternen regiere . Daß man Gott umso näher trete , je mehr man sich diese Kraft zu eigen mache und den eigenen Willen sowie den der Anderen beherrsche . Zu diesem Zweck seien all diese übersinnlichen Manipulationen , die ihr so unbegreiflich erschienen , nötig . Später würde sie übrigens selbst alles verstehen , selbst mitwirken in diesen Vorgängen , die sie auf eine höhere Stufe der Vollendung brächten . Schließlich sagte er ihr noch , daß die Welt ein kaltes , graues Loch sei , und nur unser Geist , unsere Vorstellung Leben und Gestalten in sie hineinzaubere - unser Geist , der allmächtige Gott . Sie , mit ihrer Phantasie und Liebe zu allem Ungewöhnlichen , war bald ganz für seine Anschauung gewonnen . Sie war ihm grenzenlos dankbar , daß er sich ihr , dem armen , unbedeutenden Mädchen so offenbarte und sie in seine schöne Welt hinaufzog . Sie durchschaute nicht die große Klugheit dieser Art Menschen , die wissen , daß die kleinen Kinder am meisten Geschrei machen , und sich deshalb zuerst an diese mit ihren Lehren wenden . Hier , im Viertel der » Geringen « , die mit der Welt und ihren Gesetzen unzufrieden waren , wo die Jugend mit unterdrückten Wünschen und unmöglichen Zukunftsplänen umherging , fielen alle , selbst die tollsten Verkündigungen auf fruchtbaren Boden . Der Meister scheute es nicht , sich manchmal zu bücken , um eine oder die andere unbedeutende Menschenpflanze aufzuheben und sie in seinen Garten zu setzen , wo sie unter seiner Pflege zum mächtigen Baum emporwuchs . Und Johanne dachte an Angelus , dies blonde , rührende Kind , der mit seinen nackten Füßen und seinen ehrlichen Augen mehr Reklame für Johannes machte , als es der gefeiertste Name hätte thun können . Paulus wirkte nicht wie der sanfte Bruder . Bei ihm wars der wilde , unbändige , herrische Mut , der bezwang , jedem Widersacher seiner Ideen zu Leibe rückte und ihn sich eroberte . Man konnte diesen Menschen , der in so rauher Unmittelbarkeit sich gab , nicht für unehrlich halten . Der Meister war klug gewesen in der Wahl der Beiden . Es erschienen übrigens die mannigfaltigsten Leute bei ihm : Junge Mädchen , die kaum der Schule entwachsen waren und den Drang zu Märtyrerinnen in sich zu spüren meinten , junge Leute , die vom Genuß blasiert waren und nach neuen Erregungen dürsteten , alte Frauen und Männer , denen vor dem Tode graute und die eine Lebensversicherungspolice für ihren Astralleib vom Meister begehrten . Er hatte für alle eine gütige Verheißung , ein aufmunterndes Wort , einen Blick , einen Händedruck , der sie beruhigte , froh machte . Einigen ganz herabgekommenen Leuten half er aus dem Geldschatz , der manchmal reicher , manchmal spärlicher für ihn einlief . Diese Menschen , die er von physischem Untergang errettete , waren des Lobes für ihn voll und riefen ihn als den edelmütigsten Helfer und Menschenfreund aus . Und Johannes ließ sie schreien und seine Verherrlichung in die Welt tragen . Er sah keinen Gott in Christus , aber das Ideal des besten Menschen , dem er ähnlich werden wollte . Deshalb machte er auch keinen Unterschied im Verkehr mit den Leuten und scheute sich nicht , tauben Gräfinnen Privatvorträge über Okkultismus und ähnliches zu halten , junge Mädchen in magnetischen Schlaf zu versetzen , um sie wenigstens vorübergehend hellsehend zu machen , Eines oder des Andern Gebreste zu heilen , geliebte Verstorbene herbeizucitieren . ( Das war eigentlich Paulus ' Stärke ) . Johanne sah mit wachsender Ehrfurcht , wie dieser Mann alles konnte und alles voll immergleicher Würde und Sanftmut that . Und wenn sie überlegte , was schließlich sein Gewinn war ? Er lebte wie ein Eremit , aß Früchte und Gemüse , trank Wasser und ging in einem elenden Wollkleid mit nackten Füßen herum . Er schlief ohne Matratze . Er hatte kein anderes Bestreben , als seinen Mitmenschen nützlich zu sein . Johanne betete ihn an . In jedem Augenblick hätte er ihr Leben fordern können , sie würde es ihm einwandlos hingegeben haben . Er hatte ihre Seele , die krank geworden war im Schmutz der Welt , wieder aufgerichtet , ihr den Glauben an die Menschen und ihren eigenen Wert zurückgegeben . Ohne Schmerz hatte sie dem alten Christengott im weißen Bart gekündigt und war in das mystische Reich der indischen Philosophie hinübergezogen . Es war kalt dort ; es gab keine Musik , keine Engel , keine Festmähler , woran weißgekleidete Märtyrer teilnahmen ; aber man brauchte auch keinem » Herrn « Reverenzen zu machen , denn im Reiche des » Nichts « war jeder Mensch sein eigener Gott und trug seine eigene Krone . Freilich , bis man so weit war und sich durch hunderttausend Verkörperungen durchgearbeitet hatte ! Aber immerhin , das Ziel war des Ringens wert . Mit ganzer Inbrunst gab sich Johanne der Lehre ihres Meisters hin . Hier brauchte sie keinen Argwohn zu haben , keine Enttäuschung zu befürchten . Der Mann trog nicht . Man brauchte nur einen Blick in das ehrliche , junge Gesicht des kleinen Angelus zu thun . 17 Paulus war triumphierend von Moskau zurückgekehrt . Er brachte eine lange Namenliste von Personen mit , die der Genossenschaft beigetreten waren und » Wahrheitssucher und -Finder « werden wollten . Auch Geld und schmeichelhafte Briefe an den Meister brachte er mit . Eines Tages traf es sich , daß er mit Johanne allein war . Angelus und Johannes waren nach außen , einige Stationen weit , zu einem Freunde des Meisters gefahren . Johanne schrieb , während Paulus im Zimmer auf-und niederschritt und scheinbar über ein tiefes Problem brütete . Plötzlich flog die Thür auf und eine große , schwarzgekleidete Frau trat herein . Johanne stieß einen Schrei aus , ließ die Feder fallen und flüchtete in Paulus ' Nähe . » Was willst du ? « herrschte er die Dame an . Sie richtete ihre dunklen , unheimlich glühenden Augen auf ihn . » Nicht dich . Johannes und Jakob . Wo ist Jakob ? Ihr habt mir ihn gestohlen . Gebt mir ihn wieder « . Paulus trat zu ihr , sah ihr in die Augen und legte seine Hand auf ihre Schulter . Die schwarze Ledertasche , die sie trug , glitt ihr aus den Fingern . Er hob sie auf , streifte den Ring über ihr Handgelenk und sagte : » Geh augenblicklich « . » Nein « . Sie stampfte mit den Füßen auf . Plötzlich lehnte sie sich an die Wand und erbleichte . Paulus faßte sie , führte sie hinaus und schloß die Thür ab . » Entsetzlich « stammelte Johanne . » Was denn ? « » Die Frau « . » Sie ist halb irrsinnig ; ich wollte wetten , sie verbarg in der Tasche irgend eine Waffe , sich oder einen Andern zu töten « . » Womit hast du sie plötzlich so ruhig gemacht ? « » Durch meinen Blick « . » Kannst du das wirklich ? « » Wenn der Andere sich nicht sträubt , ja « . » Dann ists ja keine Kunst « wagte Johanne einzuwerfen ; » wenn er sich aber sträubt . « » In den meisten Fällen auch dann , du weißts ja von dir selbst « . » Ach ja , damals ... « sie senkte die Augen und fuhr verwirrt fort : » Wer war die Unglückliche ? « » Eine Frau , die sich von ihrem Mann scheiden ließ , um Jakob zu heiraten . Sie gingen eine zeitlang zusammen , - er war damals noch keiner der Unseren - da erkannte er , daß sie nicht zu ihm tauge . Ein echter Wahrheitssucher läßt sich nicht durch Fesseln erniedrigen . Was braucht er die Ehe ; jedes Weib ist sein , das er sich wünscht ; im Geiste natürlich « , setzte er trocken hinzu . » Wir halfen ihm , sich von ihr loszulösen . Seither haßt sie uns « . Johanne schlich nach der Thür , schloß sie auf und sah vorsichtig hinaus . Die Frau war verschwunden . » Die Arme « hauchte das junge Mädchen . Paulus fixierte sie . » Du redest recht thöricht . Es giebt Menschen , die zur Finsternis bestimmt sind , wie andere zum Licht . Man soll kein Mitleid mit solchen haben « . » Du bist hart « . Johanne setzte sich in den Armsessel am Schreibtisch . Ihre Lippen zitterten . » Warum bist du so aufgeregt ? « fragte er . » Deine Pupillen sind ganz groß und starr . - « Er näherte sich ihr . » Ich glaube , augenblicklich wärst du - willst du eine Sekunde dich zurücklehnen und dich bemühen , an nichts zu denken ? « Er brachte seine Hände an ihre Stirn und sah sie an . Sie spürte die Säume seiner weiten Aermel auf ihren Schläfen . Sie brannten sie förmlich ; sie fühlte , wie ihr alles Blut nach dem Herzen schoß ; dann schloß sie die Augen . Mein Gott , wenn nur Jemand käme , war ihr letzter Gedanke ; dann schwand ihr für einen Augenblick das Bewußtsein . Paulus neigte sich über sie und preßte einen wahnsinnigen Kuß auf ihre Lippen . Sie hatte die Empfindung der Menschen , denen ein Amputeur den nackten Knochen berührt . Sie wagte nicht , sich zu bewegen . Was er wohl weiter thun mochte ? Er war einige Minuten ganz still , dann sagte er , und sie fühlte , wie er seine Hände von ihrer Stirne zurückzog : » Johanne , ich befehle dir , erwache « . Sie schlug die Wimpern auf . » Hast du geträumt ? « fragte er und blickte ihr in die Augen . Sie sah ihn entsetzt an . Seine Brauen wulsteten sich . » Warum willst du es leugnen ? Du bist unwahr , du schrakst auf . Was sahst du ? Gestehe « . » Mir war , als hättest du mich - « sie stockte . » Was ? « herrschte er sie an . » Geküßt « . Er lachte . Zum ersten Mal sah sie ihn lachen . » Du Närrin , nein , du bist wirklich zu kindisch ; man kann in der That mit dir noch nichts anfangen . Ich befahl dir doch , du solltest an nichts denken , und nun dachtest du während des Einschlafens das Dümmste . Nun « . Er verließ sie achselzuckend . Sie legte den Kopf in die Hände . Mein Gott , das war kein Traum , keine Einbildung . Sie fühlte noch das Mark in sich schauern bei der Berührung seiner Lippen . So lebendig kann kein Traum wirken . Wenn es aber kein Traum war , dann , dann war er ein Betrüger , ein Lügner : Er , der Schüler des Meisters . Konnte dieser eine solche Brut großgezogen haben , er der Ehrliche , Kindliche ? Oder wäre - nein , nein , er war ehrlich , rein , groß . Was konnte er dafür , wenn sich unter seinen Jüngern ein Judas befand ? Mein Gott , er mußte ja ehrlich sein . Ihre Seele war verloren , wenn auch dieser Glaube sich als falsch erwies . Wenn sie auch diesen Halt verlor ! Nein , nein ! ... Sie faltete zitternd die Hände ; dann wandte sie sich wieder ihrer Schreiberei zu . Er würde ja noch vor Abend zurücksein . Dann wollte sie ihm alles mitteilen , alles ... Später kamen mehrere Personen , die Johannes suchten . Zur Essenszeit war er da . Er machte ein sehr heiteres , vergnügtes Gesicht und war während der Mahlzeit redseliger als sonst . Nach Tisch zog er sich , wie immer , für eine Stunde auf sein Zimmer zurück . Johanne war des Glaubens , er schliefe ein wenig . Sie kannte seine Milde . Er würde ihr sicher vergeben , wenn sie einmal seinen Schlummer störte . Sie wartete ein Weilchen - Paulus und Angelus waren in freundschaftlichen Streit über irgend etwas entbrannt - entfernte sich leise , pochte schüchtern an Johannes ' Thür und trat ein . Der Meister saß vor einem gebratenen Hühnchen und zerlegte sich eben den einen Flügel . Vor ihm auf dem Tische stand eine Flasche Wein und ein Glas . » Johanne « fuhr er bei ihrem Eintritt bestürzt auf ; dann lächelte er gleich . » Siehe , wozu mich heute der Gehorsam verdammt . Mein Arzt befahl mir , dies Gericht einzunehmen , das ich so sehr verabscheue « . Was ging sie an , was er aß ? » Ach , Meister ! « rief sie , vor ihm auf die Kniee sinkend , » was kümmert mich deine Nahrung ? Sag mir lieber , was ich in meiner Verzweiflung denken soll « . Er schob den Teller zurück und legte die Hand auf ihr Haupt . » Was hast du denn , Kind ? « » Erstens hab ich mich der Lüge vor dir anzuklagen . Paulus wollte mich vor einiger Zeit in magnetischen Schlaf versetzen . Er wurde zornig , als ich ihm einige Male bei seinen Voraussetzungen nicht recht gab , zuletzt log ich , um seine Zufriedenheit zu erhalten . Ich behauptete , Dinge zu sehen , von denen ich keine Spur sah « . » Ist das alles ? « fragte Johannes . » Dann glaube ich nicht im mindesten , daß ein Mensch einen andern bewußtlos machen könne und - « » Das ist dumm von dir « unterbrach sie Johannes . » Zufällig trifft sichs , daß heute Abend im Verein Seele Sitzung ist . - Wir wollen alle hingehen . Ich will auch dich mitnehmen . Du wirst dich überzeugen , daß jemand in Trance zu bringen , etwas durchaus gewöhnliches ist , was alle Tage vorkommt und von dem kühlsten Skeptiker nicht mehr angezweifelt wird « . » Ich bitte dich , nimm mich nur gewiß mit « bat sie mit glänzenden Augen . » Was hast du sonst noch ? « fragte er . » Paulus - ach - « » Nur weiter , weiter « drängte er mit leiser Ungeduld . » Paulus hat mich vorhin , als du fortwarst , einschläfern wollen . Aber es gelang ihm nicht . Er - « » Nun ? « » Er aber glaubte , es sei ihm gelungen , und - « » Und ? « » Küßte mich « . Einen Augenblick schwieg Johannes , ohne eine Miene seines Gesichtes zu verziehen , dann sagte er ruhig : » Du hast geträumt , Kind , sicher . Ich kenne Paulus zu gut . Ihm ist jedes Mädchen gleichgültig , er hat keinen andern Gedanken , als unserer Sache zu dienen . Glaub es mir . Du warst aufgeregt und hast geträumt « . Er sah sie überzeugt an , daß ihr gesunder Verstand zu wanken anfing und sie langsam an die Möglichkeit eines Irrtums von ihrer Seite zu glauben begann . Still schritt sie ins Arbeitszimmer zurück . » Warst du bei Johannes « fragte Angelus erregt . Sie bejahte . » Das darfst du nie wieder « sagte er eifrig . » Der Meister schläft um diese Zeit , und verbot uns , ihn da zu stören « . » Ich wills nicht wieder thun « sagte sie kurz , » aber geschlafen hat er nicht « . Sie wußte nicht warum , sie spürte einen galligen Geschmack auf der Zunge und kalte Schauer gingen ihren Rücken hinab . Später kam Johannes und arbeitete mit ihr . Angelus rechnete wie gewöhnlich und Paulus ging ab und zu . Einmal entfernte er sich , von Johannes gefolgt . Nach einer Weile kehrten beide mit ruhigen Gesichtern wieder zurück . Aber auf Paulus ' braunen Wangen dünkte Johanne einen Schimmer von Röte zu entdecken . Nach dem Abendessen ging sie mit Johannes nach der in ihrer Nähe gelegenen Straße , in der der Verein » Seele « sein Lokal hatte . Paulus und Angelus waren vorausgegangen . » Wir vermeiden es « bemerkte Johannes , » öffentlich miteinander auszugehen ; mehrere von uns erregen Aufsehen , einer verliert sich leichter im Straßengedränge « . Trotzdem zog er die Blicke der Leute mächtig an und fast jeder Vorübergehende blieb stehen und sah dem seltsam gekleideten Manne nach . Sie hatten bald das Haus erreicht . » Nun paß auf , habe keine widerstrebenden Gedanken und warte bis die Sitzung beendet ist , ich will dich wieder hinausbringen « sagte er und öffnete Johanne die Thür des Saales . » Geh auf die andere Seite « fügte er hinzu , nach den Stuhlreihen rechts deutend , während er selbst zu seinen beiden Schülern schritt . Es dauerte lange , bevor die Sitzung begann . Johanne sah sich indessen etwas im Saale um . Es waren etwa zwei- bis dreihundert Menschen anwesend , meist jüngere Leute , dunkel gekleidet . Man sah , keiner wollte die Aufmerksamkeit auf sich lenken , jeder wünschte den Vorgängen auf dem Podium möglichst zu folgen . Johanne bemerkte , daß alle diese Menschen eine grünlich fahle Gesichtsfarbe hatten , daß alle , wie sie sich in ihrer Naivität zurechtlegte , » unausgeschlafen « aussahen . Das mochte wohl von der Wucht der Ideen herrühren bei diesen Auserwählten , die die Thore anderer Welten sich zu öffnen bemühten . Und das junge Mädchen spähte in diesen Gesichtern nach den Charakteren , deren Larven sie waren . Aber jemehr sie Umschau hielt , umso krampfhafter zog sich ihr Herz zusammen . Diese ausgehöhlten Wangen , diese eingesunkenen , glanzlosen , trüben Augen , diese Münder mit ihren schlaffen Winkeln , ihrer blassen Farbe , von erhebenden Erfahrungen redeten die nicht . Schöne reine Visionen mußten doch hell und stolz auf die Mienen wirken . Diese Menschen da sahen aus , als wühlten sie in Verwesung , als verzerre ein Krampf ihre Muskeln . Sie hatten alle etwas Nächtliches an sich , etwas Scheues , Geducktes , Unehrliches . Und Johanne schien plötzlich , als ginge ein Modergeruch von ihnen aus ; eine faulige Süße schwamm in der Luft , ein krankes , heißes , fieberndes Begehren nach einer Erfüllung , die sie in der realen Welt des Genusses nicht mehr fanden . Der Atem wurde ihr schwer ; es schien ihr , als stünden lauter glotzende Ungeheuer um sie herum und erwarteten ein unerhörtes Etwas , von dem sie sich keine Vorstellung machen konnte . In diesem Augenblick trat ein Mann auf das Podium und verkündete , daß Miß Lanster , das Medium , keine Sitzung halten könne , sie fühle sich noch von der letzten her zu angegriffen . Er würde statt dessen einen Vortrag halten , mit dem die geehrte Gesellschaft heute fürlieb nehmen müsse . Er würde über das Geschlechtsleben der Geister reden . Der Mann besaß eine zurückweichende Stirn , harte , an den Schläfen hinaufgezogene Brauen und eine heisere Flüsterstimme . Die Anwesenden , um ihre Erwartungen für den heutigen Abend gebracht , murmelten einen Augenblick unter sich , dann spannten sich ihre Mienen ; sie setzten sich auf ihren Stühlen zurecht und beugten sich nach vorn , um dem Redner zu lauschen . » Das Geschlechtsleben , liebe Damen und Herren « begann der Vortragende , da erhob sich Johanne , und ohne nach rechts oder links zu blicken , verließ sie den Saal . Draußen schöpfte sie tief Atem . Und die - diese kranken , blassen , verkommenen Gestalten sollten mit den Geistern Anderer verkehren können ? diesen Ohren sollten sich die Chöre himmlischer Sphären mitteilen ? diesen neugierigen , hungrigen , trüben Augen die heiligen Bürger des Totenreiches sich enthüllen ? Das glaub ich einfach nicht , sagte sich Johanne . Warum sah sie nicht einen Gesunden unter ihnen ? Warum nicht Männer und Frauen mit freien Stirnen und klugen , ehrlichen Augen ? Warum diese Spitalgestalten mit ihren fahlen , ungesunden Farben ? Wenn das gesund wäre , was sie hier erlebten , könnten sie dann davon erkranken ? Nein , gesunde Menschen konnten diese Erfahrungen nicht machen . Man muß krank dazu sein , unwahr . Sie lief in die kühle Märznacht hinaus . Und plötzlich überkam sies : wie , wenn auch er ein Unehrlicher wäre ? Wenn seine Lehren andern Absichten dienten , als er vorgab ? Mit müdem Gesicht erschien sie am nächsten Tag im Bureau . Auf Johannes ' Frage , warum sie gestern so plötzlich verschwunden sei , gab sie an , sich unwohl gefühlt zu haben . Er betrachtete sie mit prüfenden Augen . » In der That , du siehst elend aus . Vielleicht strengt dich das Schreiben zu sehr an , die ungewohnte Kost - « » Ach Meister « lächelte sie schwach , » das alles macht mich nicht krank . Laß nur « . » Ich will dir etwas sagen « meinte er freundlich , » gehe du jeden Tag nach Tisch eine Stunde spazieren . Hier in der Nähe liegt der botanische Garten , laufe ein bischen drinnen herum ; ich wünsche , daß du es thust « . Sie fühlte sich gerührt über seine Güte . » Ja denn , wenn dus wünschest , will ichs thun « sagte sie . Dann sprachen sie nicht weiter darüber . Sie schrieb einen Aufsatz für ihn ins Reine , er sah sie dann und wann von der Seite an . Es wäre ihm peinlich gewesen , dieses junge , brave , ehrliche Mädchen , das ihn wie einen Gott verehrte , so genügsam , so fleißig , so anspruchslos war , zu verlieren . Nach einer Weile sagte er : » Uebermorgen Abend halte ich in den Sälen von Sommers Brauerei einen Vortrag über die Rückkehr zur Natur . Es wird mich freuen , dich in der ersten Reihe zu erblicken « . Sie dankte ihm für seine Einladung . Endlich würde sie ihn vor versammeltem Volke reden hören , endlich den Mut bewundern dürfen , mit dem er seine Anschauungen vor der Welt vertrat . Sie brannte vor Ungeduld . Sie bat ihm im Stillen ab , daß sie einen Augenblick den Schatten eines Zweifels an der Lauterkeit seiner Bestrebungen in sich hatte auftauchen lassen ; er war doch der gütigste , reinste , herrlichste Mensch von allen . Sie gehorchte seiner Weisung schon heute und trieb sich ein halbes Stündchen draußen umher . » Siehst du « sagte er als sie widerkam , » deine Wangen haben schon Farbe erhalten « . Sie lächelte . Vom Spazierengehen sicher nicht . Aber durfte sie ihm sagen wovon ? Am liebsten hätte sie ihr Haupt auf seine Füße gedrückt und gestanden : weil ich meinen Zweifel gegen dich überwunden habe , mein Herr und Meister . Am übernächsten Abend ging sie hochklopfenden Herzens