Es kam um eine Kleinigkeit mehr als hundertundzwanzig Mark zusammen . Edmund Schmeiß zählte die Reihen blanker Taler noch einmal durch . Den Rest von kleinerer Münze schob er dem Bauern hin . » Nickel nehme ich nicht ! « Dann nahm er einen goldenen Bleistift zur Hand , der an seiner Uhrkette befestigt war , und begann Zahlen niederzuschreiben . » Also hundertundzwanzig Mark per Kassa erhalten . Bleiben zweihundertundachtzig Mark in Schuld . Nicht wahr , Herr Büttner ? « Der Bauer bejahte nach einigem Überlegen . » Mit Zinsen und Kosten , Sie verstehen : Provision und Depotzinsen für Harassowitz und mich , alles in allem dreihundertundsechzig Mark . So viel sind Sie mir also nach Zahlung der hundertundzwanzig noch schuldig . Dreihundertundsechzig . Bitte , sich die Zahl zu merken ! Nunmehr geben Sie mir ein neues Akzept über die eben genannte Summe - verstanden ! Den alten Wechsel vernichte ich dann vor Ihren Augen . So , das ist ein klares Geschäft . « Er entnahm seinem Taschenbuche ein Formular . » Übrigens , « sagte er , sich scheinbar unterbrechend , » dreihundertundsechzig Mark ist gar keine Summe . Mir fällt da gerade etwas ein . Künstlichen Dünger können Sie ja in der Landwirtschaft immer gebrauchen . Auch Kraftfutter könnte ich Ihnen preiswert besorgen ; bei der schlechten Heuernte in diesem Jahre werden Sie das ja sowieso nötig haben . Ich kann Ihnen gerade noch etwas Erdnußkuchen abgeben . - Schreiben wir sechshundert Mark , also ! Für die restierenden Mark zweihundertundzwanzig - nicht wahr - liefere ich Ihnen künstlichen Dünger und Kraftfutter . Dann ist die Affäre glatt - nicht wahr ? « Der Bauer sah den jungen Menschen mit leeren Augen an . » Verstehen Sie nicht , Herr Büttner ? Die Sache ist nämlich furchtbar einfach . « Er rechnete dem Alten das Ganze noch einmal vor . » Einverstanden ? « Der Bauer bedachte sich eine Weile , dann meinte er kleinlaut , von künstlichem Dünger habe er in seinem Leben nie etwas wissen mögen , und Kraftfutter könne er auch nicht brauchen , da er sich mit Hilfe des Grummets durch den Winter zu schlagen hoffe . Er bäte , ihn mit solchen fremden Sachen zu verschonen . » Schön ! « sagte Edmund Schmeiß . » Wie Sie wollen , Herr Büttner ! « Er erhob sich und knöpfte seinen Rock zu . » Ich glaubte , Ihnen sehr weit entgegengekommen zu sein . Aber , wenn Sie freilich nicht wollen ... « ... « Von neuem schritt er zum Ausgang , wieder holte ihn die Bäuerin ein und erreichte mit ihren Bitten , daß er blieb . » Moan , Pauer , bis ak verninft ' g ! « redete sie dem Gatten zu . » Wenn der Herr , und ar kimmt der su entgegen . Nimm ak Verstand an und greif zu , was er der gahn werd . « Der Büttenbauer saß mit gesenktem Haupte da , keine Widerrede kam mehr von seinen Lippen . Die Bäuerin eilte geschäftig , das Tintenfaß herbeizuholen . » Werd Sie och die Feder racht sein , « fragte sie in einschmeichelndem Tone den jungen Mann , um seine Gunst und Huld mit dem Lächeln ihres alten , zahnlosen Mundes buhlend . » Se missen entschuld ' gen , bei uns werd ne ofte wos geschrieb ' n. « Edmund Schmeiß füllte eines der Formulare aus . Sowie der Büttnerbauer seinen Namen darauf geschrieben hatte , zerriß er das alte Akzept und reichte dem Bauern die Stücken ; das sei nunmehr erledigt . Dann ging er . In der Tür noch rief er : » Die Waren erhalten Sie in der nächsten Zeit in natura geliefert , Herr Büttner . Natürlich prima ! - Empfehle mich . « Draußen auf der Dorfstraße erwartete ihn seine Freundin mit Sehnsucht . Sie hatte inzwischen die Sehenswürdigkeiten von Halbenau in Augenschein genommen : Kirche , Pfarre , Schule , das Armenhaus , das Spritzenhaus . Weiter gab es nichts zu sehen hier draußen . Die Gemeindepfütze war schmutzig von den Gänsen , die dort tagein , tagaus ihr Wesen trieben , die Häuser meist klein und ärmlich , die meisten nur mit Stroh gedeckt . Und die Kinder , welche dort im Straßenstaube spielten , ungekämmt und ungewaschen , mit laufenden Nasen , waren nach Ansicht der Dame höchstens ekelhaft zu nennen . Ein paar Frauen kamen vom Felde herein . Breithacken auf den Schultern , Henkelkörbe darüber . Junge Burschen folgten . Schon von weitem faßte man die fremdartige Erscheinung auf der Dorfstraße ins Auge . Die Mädchen steckten tuschelnd die Köpfe zusammen , die Burschen lachten und stießen jene an . Die Städterin war entrüstet über die dörfische Zudringlichkeit und ließ den Schleier herab . Nun kam der Trupp heran . Die jungen Männer blickten der Fremden ins Gesicht , die Mädchen gingen mit unterdrücktem Kichern vorbei . » Saht ack ! Die hat a Mikennetze ! « rief jemand . Darauf allgemeines Gelächter . Als Edmund Schmeiß die Freundin einholte , fand er sie außer sich vor Empörung über die Roheit des Dorfpacks . XI. Gustav Büttner hatte zum letzten Male Dienst getan . Ein schwermütiges Gefühl überfiel den jungen Mann , als er seine » Kastanie « , die braune Stute , die er als Remonte zugeritten hatte , in ihren Stand zurückführte . Er wies den Stalldienst zurück , der dem Herrn Unteroffizier das Pferd abnehmen wollte , sattelte und zäumte die Stute selbst ab und legte ihr die Stalldecke mit besonderer Sorgfalt auf . Während er das Pferd versorgte , suchte das Tier an seinen Rocktaschen schnuppernd nach dem Zucker , den er ihr jeden Morgen aus der Kantine mitzubringen pflegte . Sie stieß ihn ordentlich an mit dem Maule , als wolle sie ihn mahnen , daß er ihr die fälligen drei Stückchen Zucker endlich herausgeben solle . Heute war es eine ganze Tüte voll . Er verfütterte den Zucker langsam , Stück für Stück . Die Braune schniefte vor Wonne in langgezogenen tiefen Tönen , blähte die Nüstern und trat vor Vergnügen und gieriger Wonne von einem Beine auf das andere , während er daneben stand und ihr den Hals klopfte , mannhaft gegen die Tränen ankämpfend . Der Abschied von dem Pferde war das Schwerste . Auch von einzelnen Kameraden trennte sich Gustav ungern . Aber , im großen und ganzen - das merkte der junge Mann zu seinem eigenen Befremden beim Abschiednehmen - - waren die Bande doch sehr lockere und leichte gewesen , die ihn an die Truppe und das Soldatenleben geknüpft hatten . Der Herr Rittmeister war auf Urlaub . Das tat dem Unteroffizier von Herzen leid . Vor diesem Manne , der für ihn das Ideal eines Vorgesetzten gewesen war , für den er willig sein Leben gelassen hätte , würde Gustav gern noch einmal stramm gestanden haben . Der würde auch sicher zu Herzen gehendere Worte beim Abschied gefunden haben als der Premierleutnant , welcher erst vor kurzem zur Eskadron gekommen und ohne jene vertrautere Beziehung war , wie sie bei längerem gemeinsamen Dienen sich wohl auch zwischen Vorgesetzten und Untergebenen entwickeln . Seine Extrauniform hatte Gustav an einen neugebackenen Unteroffizier verkauft ; er behielt sich nichts zurück als die Mütze , ein paar Knöpfe und einen Faustriemen zur Erinnerung an die Dienstzeit . » Mit dem Reservistenstocke « , wie es im Liede heißt , trat er » die Heimatreise an « . Die Nacht durch lag er auf den verschiedenen kleinen Bahnstrecken , die er benutzen mußte , um von der Provinzialhauptstadt in diesen entlegenen Winkel zu gelangen . Dann wanderte er ein Stück zu Fuß und traf am Morgen in Halbenau ein . Das Dorf trat ihm allmählich aus den Herbstnebeln entgegen , welche die Flur umfangen hielten : Dach um Dach , Zaun um Zaun , Baum um Baum . Er kannte sie alle . Ein wunderliches , ihm selbst unbekanntes , wehmütiges Behagen überkam den jungen Menschen . Fünf Jahre hatte er in der Kaserne gelebt , hatte ein Heim nicht mehr gekannt . Freilich , mit der Stadt ließ sich das hier ja nicht vergleichen ! aber diese Strohdächer , diese Lehmwände , die bretterverschlagenen Giebel hatten doch etwas in sich , das keine Pracht städtischer Häuserfronten zu ersetzen vermochte : es war die Heimat ! Nun bog er in den Weg ein , der nach dem väterlichen Gute führte . Schon von weitem blickten ihn die Dachfenster des Wohnhauses wie große schwermütige Augen an . Aus der Küchenesse wirbelte gelblicher Rauch in den grauen Herbsthimmel hinaus . Die Mutter kochte also bereits das Mittagsbrot , womöglich sein Lieblingsgericht ihm zu Ehren . Hier kannte er nun jedes Steinchen , jedes Ästchen , jeden Riß und Fleck im Mauerwerk . Eine geringfügige Reparatur , die der Vater am Dachfirsten hatte vornehmen lassen , fiel ihm sofort als eine Veränderung auf . Je näher er kam , desto mehr beschleunigte er seine Schritte , bis er schließlich fast im Trabe in das Gehöft einlief . Er fand die Frauen im Hause . Vater und Bruder wurden aus dem Schuppen herbeigeholt . Übertriebene Zärtlichkeit herrschte nicht beim Wiedersehen . Nur die Mutter ließ sich etwas von der Freude anmerken , welche sie empfand , ihren Liebling wieder ganz im Hause zu haben . Gustav frühstückte , zog seine guten Kleider aus und machte sich dann trotz der überstandenen Reise gemeinsam mit Vater und Bruder an die Arbeit . Gesprochen wurde dabei nichts zwischen den Männern . Gustav hatte zwar manche Frage auf dem Herzen über den Stand der Guts- und Geldangelegenheiten , über die er seit seinem letzten Urlaub zu Ostern nichts wieder vernommen hatte - denn Briefeschreiben war nicht gebräuchlich unter den Büttners - , aber er bezähmte seine Neugier einstweilen . Er kannte den Vater zu genau , der das Gefragtwerden nicht liebte . Wenn sich etwas Wichtiges inzwischen ereignet hatte , würde er es schon noch erfahren . Beim Mittagsessen fiel dem eben Zurückgekehrten die gedrückte Stimmung der Seinen auf . Kaum daß gesprochen wurde über Tisch . Halblaut flüsternd , mit scheuen Blicken nach dem Vater hinüber , der finster und wortkarg in seiner Ecke saß , langten die Kinder von den Speisen zu . Die Mutter sah bekümmert drein . Karl machte sein dümmstes Gesicht , ließ es sich aber wie gewöhnlich ausgezeichnet schmecken . Therese sah noch gelber und verärgerter aus als früher . Bei ihr konnte Gustav es darauf schieben , daß er zurückgekommen war . Er kannte die Gesinnung der Schwägerin nur zu gut . - Toni gefiel dem Bruder gar nicht . Es fiel ihm auf , daß sie ihm nicht gerade in die Augen blicken konnte . Ernestine allein schien nicht angesteckt von der allgemeinen Niedergeschlagenheit . Das Mädel blickte dreist und keck darein mit ihrem spitzen Näschen und den pfiffigen Augen . Irgendetwas war hier nicht in Ordnung , das muhte sich Gustav sagen . Nach dem Essen erklärte er dem Vater , er wolle sich Stall und Scheune besehen . Er meinte im stillen , dem Alten würde es Freude machen , ihm die Tiere und Vorräte persönlich zu zeigen , wie er es bisher nur zu gern getan hatte , wenn der Sohn aus der Fremde zurückkam . Aber der alte Mann brummte etwas Unverständliches zur Antwort und blieb in seiner Ecke sitzen . Gustav ging also allein . Späterhin kam ihm Karl nach . Gustav fragte den Bruder , was eigentlich los sei mit dem Alten . Karl machte den Mund zwar ziemlich weit auf , brachte aber nicht viel Gescheites heraus . Gustav verstand nur so viel aus den unzusammenhängenden Reden des Bruders , daß in der letzten Zeit Herren aus der Stadt beim Vater gewesen seien , von denen er viel Geld bekommen habe , und über Kaschelernsten habe der Bauer gesagt , er solle sich nur in acht nehmen , wenn er ihn mal unter die Fäuste bekäme . - Gustav nahm die erste Gelegenheit wahr , wo er sich mit seiner Mutter unter vier Augen sah , um sie zu befragen . Da erfuhr er denn das Unglück in seiner ganzen Größe . Ihm war im ersten Augenblicke zumute wie einem , der einen Schlag vor den Kopf bekommen hat . Daß die Vermögenslage des Vaters eine mißliche sei , hatte Gustav ja gewußt , aber daß er geradezu vor dem Zusammenbruche stehe , das war eine Nachricht , die ihn wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel traf . Auch daß ein Unglück selten allein kommt , mußte der junge Mann an sich erfahren . Die Mutter verhehlte ihm nicht , in welchem Zustande sich Toni befinde . Gustav geriet außer sich vor Zorn . Was ihn am meisten ergrimmte , war , daß die Seinen es verabsäumt hatten , den Menschen , von dem sie das Kind unter dem Herzen trug , zur Rechenschaft zu ziehen . Nun war der Lump nicht mehr im Dorfe . Man wußte nicht einmal genau , wohin er gezogen sei . Die Aussicht , ihn zu belangen , war gering . Und in solche Verhältnisse hinein sollte er eine junge Frau bringen ! Er hatte ja in der letzten Zeit von nichts anderem geträumt als von dem Plane , seine Jugendliebe , Pauline Katschner , heimzuführen . Er hatte sich gedacht , für ' s erste könnten sie auf dem väterlichen Hofe wohnen , bis sich für ihn ein selbständiger Lebenserwerb gefunden haben würde . Und nun drohte hier alles , was eben noch so sicher geschienen , zusammenzubrechen . * * * Pauline erwartete Gustav . Er hatte ihr geschrieben , daß er in den ersten Tagen des Oktober in Halbenau eintreffen werde . Das Mädchen ließ sich nicht anmerken , daß sie vor Sehnsucht nach ihm vergehen wollte . Sie verrichtete ihre Geschäfte und Arbeiten mit der gewohnten Sauberkeit ; aber während sie die Nadel führte , am Scheuerfasse stand oder am Webstuhle saß , schwärmten ihre Gedanken hinaus in die Zukunft . In der Phantasie hatte sie sich bereits ein trauliches Heim zurecht gemacht , für sich und Gustav , den Jungen , und - wer weiß , was mit der Zeit noch dazu kommen mochte . Sie war nicht mehr das unbedacht liebende Mädchen , das sich kopflos mit starken Trieben dem Geliebten in die Arme geworfen hatte ; die Mutter hatte in ihr die Oberhand gewonnen . Sie liebte Gustav , den Vater ihres Sohnes , den zukünftigen Gatten und Beschützer ihres Kindes , mit tiefeingewurzelter , warmer , gleichmäßiger Innigkeit . Sie war so glücklich , daß sie ihn nun ganz wieder haben sollte . Die letzten Jahre waren schrecklich gewesen mit ihren einsamen Nächten , den Zweifeln an seiner Treue und der quälenden Sorge , daß sie ihn ganz verlieren möchte . Nun kam er ! da mußte ja alles gut werden . Allerdings waren sie beide arm , und Gustav hatte noch keinen Beruf . Man würde einen schweren Kampf zu kämpfen haben ; aber für Pauline bedeutete das nichts . Ihr lag die Zukunft im rosigen Lichte . Wenn sie nur ihn hatte , den Vater ihres Jungen . Darin war für sie das Wohl und Wehe des Daseins beschlossen . Daß sie ihn halten würde für immer , als den Ihren , ihr allein Gehörigen , bezweifelte sie keinen Augenblick . Sie war sich des Schatzes von anziehenden Reizen und erwärmender Liebenswürdigkeit , womit die Natur sie ausgestattet hatte , in naiver Weise bewußt . Ganz umstricken wollte sie den Geliebten mit ihrer großen Weibesliebe , daß er gar nie auf den Gedanken kommen könnte , sich ein besseres Los zu wünschen oder je wieder nach einer anderen Frau zu blicken . Der Mutter hatte sie erst ganz zuletzt und nur mit einer kurzen Bemerkung angedeutet , daß sie Gustav erwarte . Das Mädchen ließ die Mutter überhaupt nicht viel von ihren Gefühlen blicken . Frau Katschner hatte der Tochter in jener Zeit , wo Gustav nichts von sich hören ließ und das Verhältnis so gut wie aufgehoben schien , zugeredet , von dieser Liebschaft zu lassen ; ja , sie hatte es Paulinen nahegelegt , sich nach einem anderen Manne umzusehen . Das hatte Pauline der Mutter nie vergessen . Diese Zumutung hatte sie an der Stelle verletzt , wo sie am tiefsten und zartesten empfand . Jedem anderen Menschen hätte sie das vielleicht vergeben , nur nicht der Mutter ; denn die hätte es verstehen müssen , daß es für sie nur eine Liebe gab , in der sie lebte , mit der sie sterben würde . Seitdem war eine Entfremdung eingetreten zwischen Mutter und Tochter . Die beiden Frauen lebten zwar äußerlich in Frieden ; es gab keine Zankerei und keinen Hader . Mit Pauline sich zu streiten , war überhaupt schwer , da sie alles innerlich abmachte und nur mit Blicken Widerspruch zu erheben pflegte . Aber die Tochter verschloß sich in ihren wichtigsten Regungen und Gefühlen der Mutter gegenüber , mit der sie doch scheinbar im vertrautesten Umgang lebte . - Gegen Vormittag kam Frau Katschner aus dem Dorfe zurück . Sie hatte eine Leinewand zum Faktor geschafft und brachte Garn zu neuer Verarbeitung zurück . Sie verkündete die Nachricht , Büttners Gustav sei heute früh in Halbenau eingetroffen . Pauline erzitterten die Knie ; der Mutter gegenüber stellte sie sich jedoch an , als ob die Nachricht ihr ziemlich gleichgültig sei . » So ! « meinte sie , » da wird er wohl och hierruf kommen in den nächsten Tagen . « Mit dieser äußeren Kühle stimmte der Eifer nicht ganz überein , mit welchem sie Vorbereitungen traf für den Empfang des Gastes . Da wurde gekocht und geschmort . Frau Katschner , welche von der herrschaftlichen Küche her allerhand besondere Künste mitgebracht hatte , mußte auf Bitten der Tochter einen Kuchen backen , zu welchem Pauline selbst die Zutaten beim Krämer holte . Dann kam das Kind an die Reihe . Es wurde mit dem wollenen Kleidchen angeputzt , das Komtesse Ida der jungen Mutter kürzlich zugeschickt hatte . Schließlich machte auch Pauline sich selbst zurecht , ordnete ihr Haar und steckte die Granatbrosche an , die Gustav ihr früher einmal vom Jahrmarkt mitgebracht hatte . Der Nachmittag zog sich hin in Erwartung des Bräutigams . Zum Kaffee wird er wohl kommen , dachte Pauline bei sich ; daß er zu Hause bei seiner Mutter essen würde , war anzunehmen . Die Vesperzeit verging , er war noch nicht gekommen . Frau Katschner hatte den Kaffee selbst getrunken , damit er nicht umkomme , und den Kuchen weggeschlossen . Es wurde dunkel in der kleinen Stube . Pauline , die sich den ganzen Tag über lebhafter gezeigt hatte als gewöhnlich , war still geworden . Sie entkleidete den kleinen Gustav seiner Festsachen und brachte ihn zur Ruhe in die Kammer . Frau Katschner hatte die Lampe bereits angezündet , als Pauline wieder ins Wohnzimmer trat . » Nu war ar duch ne gekummen , Pauline ! « sagte die Mutter , halb mitleidig , halb neugierig , was die Tochter nun anstellen werde ; jedenfalls war sie nicht ganz frei von Schadenfreude . Pauline erwiderte nichts ; in ihrer gespannten , trostlosen Miene lag alles ausgesprochen . Jetzt hielt sie es nicht mehr der Mühe für wert , der Mutter gegenüber den Schein der Gleichgültigkeit aufrecht zu halten . Nichtsdestoweniger besorgte sie alles , schaffte und ordnete , wie sie es jeden Abend zu tun gewohnt war . Aber als sie allein war in der Kammer bei dem schlafenden Kinde , brach der zurückgehaltene Jammer aus . Sie saß auf der Kante ihres Bettes . Die Tränen liefen ihr über die Wangen , unaufhörlich . Daß er ihr das antun konnte ! Er war im Dorfe ! Seit dem frühen Morgen schon war er da , und zu ihr hatte er den Weg noch nicht gefunden . So wenig hielt er auf sie , so wenig bedeutete sie für ihn . Das hatte sie nicht verdient um ihn ! - So saß sie stundenlang . Das Kind störte sie nicht . Ruhig lag der Junge in seinem Korbe , mit den gleichmäßig leichten Atemzügen des gesunden Kinderschlummers . Die Kälte , welche von allen Seiten eindrang in die Kammer , seit im Nebenraum das Feuer ausgegangen war , fühlte sie kaum . Ihr Blick war durch die kleinen Scheiben des Schiebefensterchens hinaus gerichtet in den Garten , der in hellem Mondschein lag wie ein Tuch . Die alten Obstbäume zeichneten mit ihren krüppeligen Ästen verzwickte Schattenbilder darauf . Wie oft in früheren Zeiten hatte sie hier so gesessen , klopfenden Herzens in die Nacht hinein wartend , ob er wohl kommen werde . Sie dachte an jenes erste Mal , wo er vor ihrem Fenster gestanden . In einer warmen Juninacht war es gewesen ; nur seinen Kuß hatte sie bis dahin gekannt . Wie er sie da um Einlaß gebeten ! welche Worte er da gehabt hatte ! welche Gebete und Schwüre ! - Und jetzt , nachdem sie ihm alles gestattet , alles gegeben , was sie hatte , nachdem sie ihm ein Kind geboren und ihm durch schwere Zeiten hindurch die Treue gehalten , jetzt brachte er es über sich , nach langer Trennung einen ganzen Tag im Dorfe zu sein und nicht zu ihr zu kommen . Die Uhr schlug zehn Uhr vom Kirchturme . Sie starrte noch immer in den Garten . Ihre Tränen waren versiegt . Eine Art von Kälte war auch über ihre Seele gekommen . Mochte es sein , wie es war ; es war gerade recht so ! Sie wollte den bitteren , feindlichen Gefühlen nicht wehren . Es lag ein Genuß darin , das Unrecht , das einem widerfuhr , auszukosten und den in Gedanken schlecht zu machen , der es einem zugefügt . So also hielt er seine Schwüre ! Das war wahrscheinlich die Art , wie er sie von jetzt ab behandeln wollte . Jetzt , wo sie das Kind von ihm hatte , wo sie ihm sicher war , hielt er ' s wohl nicht mehr für nötig , lieb mit ihr zu sein . Oder ob er seine Pläne inzwischen geändert hatte ? - Vielleicht dachte er daran , eine ganz andere heimzuführen . Er plante wohl gar eine reiche Heirat ! - Da war Ottilie Kaschel , die Tochter aus dem Kretscham , seine Cousine . Die hätte ihn nur gar zu gern gehabt . Diese alte widerliche Person ! - Aber hieran glaubte Pauline selber nicht recht . So schlecht konnte Gustav nicht sein ! Und außerdem war sie sich ihrer eigenen Vorzüge doch zu sehr bewußt , die im Wettstreite mit der häßlichen Kretschamtochter den Sieg davontragen mußten . Ob sie ihm etwa zu Haus abgeredet hatten . Mit den alten Büttners stand sie sich ja neuerdings besser ; aber da war diese böse Sieben : Therese . Vielleicht hatte die irgendeine Verleumdung ersonnen , der Gustav Glauben geschenkt . Er war ja überhaupt so mißtrauisch ! Alles glaubte er , was ihm von bösen Menschen Schlechtes von ihr gesagt wurde . » Übelnehmsch « war er auch . Tagelang konnte er wegen einer Kleinigkeit » mukschen « . Und seine Eifersucht ! Wenn ein anderer sie nur mit einem Blicke ! ansah , war er sofort außer dem Häuschen . Pauline mußte lächeln , als sie an einen Vorgang dachte beim Kirchweihfest vor einigen Jahren . Da hatte er sie einem Tänzer aus den Armen gerissen und sie vom Tanzsaale weggeführt , weil er gefunden , daß ihr Partner den Arm zu fest um sie gelegt hatte . Wie töricht er sich bei so etwas anstellen konnte ! Aber ein lieber Kerl war er doch ! Sie hatte gut , ihn mit ihren Gedanken anklagen und sich einreden , daß sie ihn hasse und daß sie nichts mehr von ihm wissen wolle ; das glaubte sie ja alles selber nicht . Er war und blieb ihr Gustav , ihr Einziger , ihr Herzallerliebster . Morgen würde sie sich aufmachen , ihn aufzusuchen und ihn zur Rede stellen , sei es wo es sei . So scheu und zurückhaltend das Mädchen sonst war , davor hatte sie keine Angst . Es war nicht das erste Mal , daß sie ihn zu sich zurückgeführt hatte . Nachdem dieser Entschluß in ihr gereist war , fühlte sie sich sehr ruhig , glücklich geradezu . Sie erhob sich , nahm das Kind aus dem Korbe , hielt es ab und machte sich dann ans Auskleiden . Schnell in die Federn ! Die Glieder waren ihr steif geworden vom langen Aufsitzen in der Kälte . Sie hatte sich das Deckbett bis an den Hals gezogen und die Augen geschlossen zum Schlummer , als ein leichtes Geräusch an ihr Ohr schlug , draußen von der Hauswand kam es her . Sie fuhr im Bette in die Höhe ; den Ton kannte sie . Alles Blut war ihr in einer starken Welle zum Herzen gedrungen . Noch einmal dasselbe Klopfen an der Lehmwand ! Sie war schon am Fenster und schob den Schieber beiseite . Richtig ! da draußen stand eine dunkle Gestalt . » Gustav ? « - » Ja ! « - » Ich kumme ! « Schnell ein Tuch über die bloßen Arme geworfen ! etwas an die Füße zu ziehen , nahm sie sich nicht erst die Zeit . Dann die Kammertür nach dem Hausgang geöffnet ! so leise wie möglich die hintere Haustür aufgeriegelt und aufgeklinkt ! Im Rahmen des Türstocks erschien jetzt seine Gestalt . Sie griff nach Gustavs Hand , leitete ihn , damit er in der Dunkelheit nicht zu Falle komme . Erst als sie ihn drinnen hatte bei sich in der Kammer , den Geliebten , warf sie sich ihm um den Hals , wie sie war , nichtachtend der Kälte und Nässe , die er aus der Nacht mit hereinbrachte . XII. Die von Edmund Schmeiß versprochenen Dünge- und Kraftfuttermittel trafen in einem großen Brettwagen auf dem Büttnerschen Gehöfte ein . Der Fuhrmann übergab einen Lieferschein , der am Kopfe die Firma Samuel Harrassowitz trug . Der Büttnerbauer begriff nicht , was das heißen solle . Er hatte doch mit Edmund Schmeiß gehandelt und nicht mit Harassowitz . Der Kutscher , den der Bauer darüber ausfragen wollte , wußte auch keinen Bescheid zu geben . Er sei von der Firma S. Harrassowitz beauftragt , seine Fracht hier abzuladen . Es waren Säcke mit Chilisalpeter und Knochenmehl und ein Haufen Erdnußkuchen . Der Fuhrmann ließ sich Empfangnahme vom Bauern quittieren und übergab dann einen Brief . Darin bekannte Samuel Harrassowitz , Bezahlung für gelieferte Dünge- und Kraftfuttermittel durch ein von Herrn Edmund Schmeiß an seine Order remittiertes Akzept des Bauerngutsbesitzers Traugott Büttner in Halbenau empfangen zu haben . Der Büttnerbauer stand ratlos vor dem Papiere . Was bedeutete nun das wieder ! Wieviel schuldete er nun eigentlich und für was ? Und wessen Schuldner war er ? Der künstliche Dünger wurde vom Wagen genommen und in einer Ecke des Schuppens untergebracht . Der alte Bauer empfand nichts als Verachtung diesen Säcken gegenüber mit ihrem salzartigen Inhalte . Was sollte dieses Zeug seinen Feldern nützen ? Das war ja auch nur so neumodischer Unsinn . Wie konnten einige Handvoll solchen Pulvers ein Fuder Mist ersetzen , wie neuerdings gelehrte Leute aus der Stadt behaupteten . Mit Ingrimm betrachtete er sich diese Säcke , in denen sein gutes Geld steckte . Gustav dachte anders darüber als der Vater . Er war während seiner Dienstzeit in vorgeschrittenere Wirtschaften gekommen , als die väterliche war , und hatte die Vorzüge der künstlichen Düngung mit eigenen Augen wahrgenommen . Er wußte auch , zu welcher Jahreszeit und auf welche Böden man die verschiedenen Düngerarten anzuwenden hatte . Der Vater überließ es ihm , mit dem » Zeugs « anzufangen , was er wollte . Über dreißig Jahre hatte er gewirtschaftet ohne dergleichen . Er war zu alt , um darin noch umzulernen . Auch in anderer Beziehung machte sich Gustavs Einfluß geltend . Die Kartoffelernte hatte inzwischen ihren Anfang genommen . Der Büttnerbauer wollte , wie in den Jahren bisher , das Ausmachen der » Apern « mit den Seinigen bezwingen . Gustav redete ihm zu , er solle Tagelöhner aus dem Dorfe annehmen , wie die anderen Bauern es taten . Aber der Alte sträubte sich dagegen , er scheute die Ausgabe ; außerdem , behauptete er , würden ihm Kartoffeln gestohlen . Die Ernte zog sich dadurch endlos in die Länge , denn außer dem Alten , der die Furchen anfuhr , standen nur acht Hände für das Lesen der Früchte zur Verfügung . Dabei konnte man Toni , die nicht mehr allzuweit von der Entbindung stand , kaum mehr als volle Arbeitskraft rechnen . Der alte Bauer zankte und wetterte , daß es nicht vorwärts rücke . Nächstens werde es frieren , und die Hälfte der Kartoffeln stecke noch im Acker . Dabei war doch sein eigener kurzsichtiger Geiz und Starrsinn der Hauptgrund der Verzögerung . Da kam Gustav auf einen Gedanken ; er schlug vor , Kinder von armen Leuten , Häuslern , Einliegern , Handwerkern , die selbst kein Land hatten , zum Kartoffellesen anzunehmen und sie mit einem bestimmten Maß von Kartoffeln zu bezahlen . Der Gedanke leuchtete dem Alten ein . Auf diese Weise brauchte kein bar Geld ausgegeben zu werden , mit dem er in letzter Zeit karger umging denn je zuvor . Die paar » Apern « , welche die Kinder mit fortnahmen , fehlten kaum am Ertrage , und am Stehlen wurden die Kinder auch verhindert , denn sie hatten genug zu schleppen an dem ihnen Zuerteilten . Gustavs Plan kam zur Ausführung . Eine