! Du machst deinen Dienst ! Und das Gams unter der Wand da drüben soll fort ! « Ein Augenzwinkern des Grafen schickte den Rottmeister zur Stube hinaus . Dann krachte die Tür ins Schloß . Mit langem Gesicht stand der Mann in der Küche und fragte flüsternd : » Was hat er denn heut ? « » Geht ' s dich was an ? « knurrte Schipper und zeigte ein Gesicht , als hätte er Galle auf der Zunge . Einige Minuten später war er wegfertig und wanderte mit den Männern über das Latschenfeld gegen die Wände . Graf Egge stand am Fenster und sah ihnen nach , bis sie verschwunden waren . Dann ging er in die Küche und schürte Feuer an , um die Hirnschale des Krickels auszukochen . Eine volle Stunde saß er auf dem Herdrand und wandte keinen Blick von dem sprudelnden Wasser , aus dem die schwarzen Haken des Gehörns hervorragten . Als sich die Stirnhaut von den Knochen gelöst hatte , schabte er mit geduldiger Sorgfalt die letzte Muskelfaser von dem weißen Bein und trug das Krickel in die Sonne , damit die Schale trocknen und bleichen möchte . Die Hände im Schoß , saß er neben dem Gehörn auf der sonnigen Hüttenbank und musterte immer wieder mit zärtlich-stolzen Augen die schöne Trophäe . Es währte eine halbe Stunde , bis in der heißen Sonne die letzte Spur von Feuchtigkeit an der bleichen Hirnschale verdunstet war . Graf Egge trug das Krickel in die Stube , holte Feder und Tinte zum Tisch und malte in zierlicher Schrift das Datum der Jagd , die ihm die seltene Beute beschert hatte , auf das weiße Bein . Während er über die nassen Schriftzüge blies , um sie rascher trocknen zu machen , betrat ein alter Mann mit untertänigen Verbeugungen und halb atemlos die Stube - der Postbote . Es war ihm anzumerken , daß er den weiten , mühseligen Weg vom Dorf herauf mit manchem Seufzer begleitet hatte . Die Sendung , die er brachte , hatte ihn wohl mit ihrem Gewicht nicht gedrückt , und dennoch atmete er erleichtert auf , als er das winzige , mit vierzehntausend Mark bewertete Kistchen in Graf Egges Hände legte . » Setz dich ! Ich will in deiner Gegenwart nachsehen , ob alles in Ordnung ist . « Graf Egge zog das Messer aus der Lederhose und sprengte den kleinen Holzdeckel . Eine in Watte gehüllte Schachtel kam zum Vorschein , und als Graf Egge sie öffnete , flammten seine Augen in Freude . Auf einem mit schwarzem Samt überzogenen Brettchen waren , in vier Reihen übereinander , ungefaßte , in absonderlichen Formen geschliffene Saphire und Rubinen mit feinen Silberdrähten angeheftet . Durch das Fenster fiel die Sonne auf die Steine , und das funkelte und gleißte in schönen Farben . Der Juwelier schien den Geschmack seines Kunden getroffen zu haben . Zufrieden musterte Graf Egge die Sendung . Rasch überflog er den Begleitbrief und zählte die Steine mit tippendem Finger . » Stimmt ! « Er unterschrieb den Postschein und reichte ihn dem Boten . » Alles in Ordnung . « Der Alte erhob sich . » Bhüt Ihnen Gott , Herr Graf ! « Bei der Tür blieb er zögernd stehen , als wäre die Sache für ihn noch nicht erledigt . Graf Egge hatte sich schon wieder in die Betrachtung der Steine vertieft . » Ich bitt , Herr Graf , « fragte der Alte kleinlaut , » haben S ' kein Auftrag nunter ? Oder sonst was ? « Ohne aufzublicken , schüttelte Graf Egge den Kopf . Verdrossen schlich der Alte davon . Vor der Hütte blieb er stehen und schielte nach dem Stubenfenster . » Fünf Stund bis da rauf ! Da wären a paar Maß Bier net z ' viel gwesen ! « Als er das Almfeld erreichte , wurde er von Schipper und dem Treiber überholt , der auf dem Rücken den Bock und in der Hand ein blutfleckiges Bündel trug , das seinen Anteil an der unter die Treiber verteilten Gemse enthielt . Der alte Postbote vermochte mit den beiden nicht Schritt zu halten und blieb zurück . Am Saum des Bergwaldes - hier hatte Franzl aus weiter Ferne das Paar beobachtet - trennte sich Schipper von seinem Begleiter . » So ! Und vergiß die Botschaft an Moser net . Er soll die Unterhos für ' n Grafen gleich kaufen und soll dir s ' mitgeben . « Der Mann folgte dem Steig , und Schipper wandte sich seitwärts in den Wald ; als er allein war , knirschte er einen Fluch durch die Zähne . Auf einem stark begangenen Wildwechsel fand er die frische Spur eines genagelten Schuhes . » Da is er gwesen ! « murmelte Schipper und spie auf die Fährte . Nun folgte er dem Wege , den Franzl genommen hatte ; die stille Hoffnung , die ihn dabei leitete , erfüllte sich nicht ; er kam zu keiner Salzlecke , bei der die Spur jenes anderen Fußes fehlte . » Wie gnau er heut sein Dienst gmacht hat ! Als hätt er schmecken können , daß ich ihm nachsteig ! « Bald erreichte er den zum Mitterkaser führenden Pfad und sah neben einem gestürzten Baum ein weißes Kopftuch auf der Erde liegen . Er hob es auf , und während er das Tuch noch in der Hand hatte , klangen Schritte auf dem tieferen Steig . Mali erschien , mit den Augen suchend . Als sie den Jäger sah , blieb sie betroffen stehen ; kaum gewahrte sie den Fund in Schippers Hand , da sprang sie auf ihn zu und entriß ihm das Tuch . » Her damit ! Dös Tüchl ghört mein ! « » Oho ! Bei dir geht ' s aber gschwind ! « Zwinkernd betrachtete Schipper das Mädel . Das Ergebnis dieser Musterung schien ihm zu behagen . » Wer bist denn du ? Dich kenn ich ja gar net . « » Wenn dich d ' Neugier gar so plagt , ich bin die Bruckner-Mali . « » Waaas ? Die Mali ? Ah , da legst dich nieder ! Seit wann bist denn du wieder daheim ? « Die Frage überhörend , ließ Mali die Augen mit einem nicht sehr freundlichen Blick über die Gestalt des Jägers gleiten . Sie verzog den Mund . » Du mußt der Schipper sein ? « » Freut mich , daß d ' mich wiederkennst . Und gut hat dir der Aufenthalt bei der Schwester angschlagen . Bist allweil a saubers Kind gwesen . Als Madl bist noch säuberer worden . « Mali lachte . » Ui jegerl ! Komplimenten macht er ! Die muß ich dir schon zruckgeben . Du bist schon selbigsmal a schiecher Kerl gwesen . Jetzt schaust noch grauslicher aus ! « Ohne Gruß ging sie davon . Schipper wußte nicht recht , sollte er lachen oder sich ärgern . Er entschloß sich für das erstere , und je länger er der Davonschreitenden nachblickte , desto freundlicher wurden seine Augen wieder . » Die is grob . Aber verteufelt sauber . Hat Holz am Ofen . Für dös Madl könnt ich Dummheiten machen ! « Mali verschwand in der Tiefe des Steiges . Und Schipper kalkulierte unter dünnem Lächeln : » Dem Bruckner sei ' Schwester ? Dös trifft sich net schlecht . Mit ' m Bruckner könnt man a Wörtl reden . « Während er weiterschritt , drehte er noch einmal das Gesicht und blickte schmunzelnd über den Pfad . Durch den Wald herauf hörte er Malis Bergstock klirren . Sie hatte Eile . Häufig kürzte sie die Wendungen des Pfades und nahm ihren Weg in gerader Richtung talwärts durch den Wald . Als sie das tiefere Gehölz erreichte , hörte sie über den Berghang her den Hall wuchtiger Axtschläge . Da drüben arbeitete ihr Bruder . Unschlüssig blieb Mali stehen . Am Morgen hatte sie den Bruder aufgesucht und ihm versprochen , auf dem Rückweg wiederzukommen . Aber sie hatte viel Zeit verloren - und das kleine Netterl , meinte sie , würde schon mit Schmerzen auf sie warten . Die eigentliche Ursache , weshalb sie jetzt , nach der Begegnung mit Franzl , dem Bruder nicht gern gegenübertrat , wollte sie sich selbst nicht eingestehen . Damit er wüßte , daß sie bereits auf dem Heimweg wäre , höhlte sie die Hände um den Mund und schickte einen langgezogenen Ruf in den Wald . Die Axtschläge verstummten , und Bruckner gab Antwort ; er hatte die Bedeutung des Rufes verstanden . Während Mali davoneilte , klangen wieder die Beilhiebe , und es hallte das Krachen eines stürzenden Baumes durch den weiten Bergwald . Bruckner arbeitete , bis der Abend zu dämmern begann ; dann machte auch er sich auf den Heimweg . Die Joppe um die Schultern tragend , die Axt mit dem Eisen in die Armbeuge eingehenkt , wanderte er zwischen den Bäumen . Der weiche Moosgrund dämpfte den Hall seiner Schritte . Plötzlich stand er wie angewurzelt . Er hatte einen Hirsch gewahrt , der aus der Tiefe des Waldes emporgestiegen kam und die Almen suchte . Bruckners Hände begannen zu zittern , während er , an einen Baum gedrückt , mit funkelnden Augen jede Bewegung des Wildes verfolgte . Der Hirsch merkte die Nähe des Menschen nicht und zog in sorgloser Ruhe zwischen den Bäumen aufwärts , bald hier ein Kraut , bald dort ein paar Gräser von der Erde zupfend . Weißblinkend hoben sich die Spitzen des stattlichen Kronengeweihs vom finsteren Grün des abendlichen Waldes ab . Immer näher kam der Hirsch dem Baum , hinter welchem Bruckner stand ; der Bauer faßte mit langsam gleitender Hand den Stiel der Axt . Nun stand das Wild vor ihm , kaum zehn Schritt weit . In jähem Schwung holte Bruckner mit der Axt zum Wurf aus . Ehe das Beil noch flog , machte der Hirsch erschrocken einen Satz und äugte gegen den höheren Waldhang ; das währte nur einen Augenblick , und in sausender Flucht verschwand er zwischen dem Gewirr der Stämme , während die Beilschneide hallend in eine Fichte schlug . Bruckner keuchte . » Allweil packt ' s mich wieder ! « Er hob die Joppe auf , die ihm von den Schultern geglitten war , und ging zu der Fichte , um das Beil aus dem Holz zu reißen . Da hörte er hinter sich ein leises Lachen . Er wandte das Gesicht , und kalkige Blässe rann über seine Stirn , als er den Jäger erkannte . Langsam , immer lachend , kam Schipper näher . » Du ? Was machst denn da ? « Bruckner zog schweigend die Joppe an . » Ja , Lenzi ! A harts Stückl : so an Prügelhirsch anschauen müssen und kein Büchsl net haben ? Mit der Axt macht sich so was schlecht . Seit wann hat dich denn der Wildteufel wieder beim Krawattl ? « Bruckner nahm die Axt in den Arm ; seine Stimme klang heiser . » ' s ganze Blut in mir drin wird rebellisch , so oft mir a Stückl Wild über ' n Weg lauft . Aber mein Schwur hab ich ghalten bis zum heutigen Tag . « » Ja , ja , ich glaub dir schon ! « Schipper schmunzelte . » Und wenn ' s drauf ankäm - so weit die Gschicht mich angeht , ich tät vielleicht reden lassen mit mir . « Der Bauer maß den Jäger mit hartem Blick . » Dir könnt man so was zutrauen ! Dir ! « » Wir zwei sind alte Spezi . Unser Freundschaft hat festen Halt . Wenn ' s wieder schnackeln tät bei dir , mich brauchst net fürchten . Der Franzl halt ! Der versteht kein Spaß . « Immer leiser wurden Schippers Worte . » Der hat was an ihm , wie sein Vater gwesen is . « Eine Weile standen die beiden Aug ' in Auge . Dann legte Schipper lachend die Hand auf Bruckners Schulter . » Du ! Da droben hab ich die ' Schwester troffen . Die gfallt mir . So eim Madl z ' lieb wär mir net amal der Umweg über ' n Pfarrer z ' weit . « Bruckner richtete sich auf . » Dös geht aber gschwind bei dir . « » Ja , wie bei die guten Hirsch ! « » Schau , dös Madl macht ja die ganzen Jager rebellisch ! « höhnte der Bauer . » Gestern der ander . Und heut schon du ! Da tut mir d ' Wahl weh . « » Der ander ? « fuhr es über Schippers Lippen . Dann fand er sein Schmunzeln wieder . » Den brauch ich net fürchten . Ich hab meine Gründ dafür . Jetzt gfallt mir ' s Madl noch viel besser . Und wenn ich Ernst machen tät ? Was könntst denn aussetzen an mir ? Die schönste Stellung , neunhundert Mark , Holz und Loschie . Mein Posten tragt mir auch sonst noch was . In fünf Jahr hab ich dreitausend Mark erspart . Und wenn der Graf amal den letzten Schnaufer tut , vergißt er mich gwiß net im Testament . So gern hat er mich . Jetzt red , Spezi ! Was meinst ? « Bruckner trat dicht vor den Jäger hin , mit brennenden Augen . » Der ander kommt mir net ins Haus . Dös hat sein Grund . Da hast recht ; aber eh mir du mit deiner Hand an d ' Schwester rührst , eh schlag ich dich nieder mit der Axt . « Schipper wurde um einen Schatten bleicher , doch er lächelte . » Geh , geh ! Da möchten s ' dich aber ordentlich einkasteln . Und vor so was hast an Respekt . Dös weiß ich aus Erfahrung . Und mußt halt auch a bißl an deine Kinder denken ! Die brauchen den Vater . Aber ich merk , heut is dir was über ' s Leberl glaufen , heut is net gut diskrieren mit dir . Muß ich halt an andersmal wieder anklopfen . A bißl fester . Gelt ja ? « Lachend stieg Schipper durch den Wald hinauf . Als er den Steig erreichte und sich umguckte , stand Bruckner noch immer an der gleichen Stelle , die Axt in der schlaff hängenden Hand . » Jetzt studiert er aber ! « Es wurde dunkle Nacht , bis Schipper die erleuchteten Fensterchen der Jagdhütte zu Gesicht bekam . Auf dem Steig , ein paar Dutzend Schritt vor ihm , hörte er das Schuhgeklapper des anderen , der den Hund von der Hochalm abgeholt hatte und auf den Armen zum Palais Dippel trug . In der Hüttenstube klang die Zither . Sie verstummte , als Franzl die Schuhe an die Schwelle stieß . Hastig legte Graf Egge die blitzenden Edelsteine , die er zu seinem Zeitvertreib in einer Herzlinie rings um die weiße Hirnschale des Krickels gereiht hatte , in das hölzerne Kistchen zurück und verwahrte Gehörn und Steine in einem kleinen Wandschrank , der zu Häupten des Bettes in die Balken eingelassen und mit schwerem Vorhängschloß zu versperren war . Als Graf Egge den Schlüssel abzog , trat Franzl in die Stube . Sein Herr machte große Augen , als er auf den Armen des Jägers den Schweißhund mit dem verpflasterten Schlegel sah . » Was hat der Hund ? « Mit kurzen Worten erzählte Franzl Wortlos nickte Graf Egge und trug den Hund zum Bett ; auf seinem Gesicht war die Sorge zu lesen , die er um das Tier empfand . Nachdem er aufmerksam das Pflaster untersucht hatte , setzte er sich an die Seite des Hundes und kraute ihm Stirn und Ohren . » Hast du Wild gesehen ? « » Wohl , Herr Graf . « Franzl zog das Notizbuch aus der Tasche und begann seinen Rapport . Als er damit zu Ende war , tat er einen tiefen Atemzug . » Und jetzt , Herr Graf , muß ich die Gschicht von heut von der Fruh zur Sprach bringen . « » Warum ? « Ein kaum merkliches Lächeln . » Aber Herr Graf ! Schauen S ' mir doch ins Gsicht ! Man muß mir doch anmerken , was ich für an Tag hinter mir hab ? Zur Hälft bin ich selber dran schuld . Es is unrecht gwesen , daß ich mich vom Gachzorn hab hinreißen lassen . Statt daß ich mich am Schipper vergreif , hätt ich mich vor mein Herrn hinstellen und ehrlich fragen sollen : Können Sie vom Franzl so was glauben , Herr Graf ? « » Hab ich einen Verdacht gegen dich ausgesprochen ? « » Dös is freilich wahr , aber - « Dem Jäger verschlug ' s die Rede , weil er hörte , daß Schipper in die Hütte trat . Mühsam hielt er seine fünf Sinne beisammen , und als er nur erst ein paar verworrene Sätze herausgestottert hatte , kam er in warmen Zug . Forschend hing Graf Egges Blick an dem Jäger , dem die Worte immer heißer von den Lippen sprudelten . Wie er zu Mali gesprochen , so redete er jetzt zu seinem Herrn , Ehrlichkeit in jeder Silbe , in jedem Laut seiner Stimme . » Herr Graf , « so schloß er , » meine Händ sind sauber . Glauben S ' mir jetzt ? « Kühl und ruhig klang die Antwort . » Ja , ich glaub dir . « Die Tür ging auf , aus der Küche hörte man das Krachen des Feuers , und Schipper trat ein . » Wünsch guten Abend , Herr Graf . « Er begann den Tisch für das Nachtmahl zu decken . Franzl strich mit der Hand übers Haar . Nun hatte er die Antwort , klar und deutlich - und doch gefiel sie ihm nicht . Er stand noch eine Weile . » No also - « sagte er , als wäre alles in Ordnung , und ging aus der Stube . Graf Egge sah ihm nach , und als die Tür sich geschlossen hatte , fragte er den andern : » Für wen deckst du ? « » Für Sie , Herr Graf , und für uns . « » Ich esse allein . « Schipper machte eine Bewegung , die eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Verbeugung hatte , legte die zwei überzähligen Löffel wieder in die Tischlade zurück und verließ die Stube . Draußen in der Küche saß Franzl auf dem Herd und starrte ins Feuer . Als er hinter sich den Schritt des anderen hörte , sprang er auf . » Was willst ? « fragte Schipper mit der Harmlosigkeit einer sechzehnjährigen Kranzjungfer . Es zuckte in Franzls Fäusten ; doch er wandte sich ab , trat ins Freie und setzte sich auf die Hüttenbank . Sehnsüchtig guckte er zu den flimmernden Lichtern des Himmels auf , als könne er den Fall einer tröstenden Sternschnuppe erwarten . Da droben rührte sich nichts . Die Weltordnung weigerte sich , dem Hornegger-Franzl in dieser Nacht eine Gefälligkeit zu erweisen . Nach einer halben Stunde rief ihn Schipper zum Nachtmahl . Er trat wohl in die Küche , doch statt sich zu der von Graf Egge halb geleerten Pfanne zu setzen , stieg er über die Leiter zum Heuboden hinauf . Schipper zitierte schmunzelnd das Sprichwort : » Wer trutzt bei der Schüssel , schadt sich am Rüssel ! « Als er die Pfanne geleert hatte , schmierte er Graf Egges Bergschuhe mit besonderer Sorgfalt . Da erschien sein Herr unter der Stubentür . » Du , mir scheint , dem Hirschmanndl wird d ' Nasen heiß . « Es zuckte freudenvoll über Schippers Gesicht , als er den Dialekt dieser Worte hörte - ein sicheres Zeichen , daß sich am Gewitterhimmel seines Herrn die dunkelsten Wolken zu verziehen begannen . Geschäftig rannte Schipper in die Stube und unterzog den auf dem Bett liegenden Hund einer genauen Untersuchung . » Herr Graf , da können S ' ruhig sein ! Dem Hirschmanndl fehlt net viel . Wär net übel , wenn dös arme Hundl von der verfluchten Gschicht auch noch was haben müßt . Und weil wir schon grad reden davon , Herr Graf , da muß ich schon sagen - « » Halt dein Maul ! « fuhr ihm Graf Egge ins Wort . » Die Kruck is da , Gott sei Dank ! Aber die Gschicht is mir heut den ganzen Tag im Kopf rumgangen . Es ist die reine Unmöglichkeit , daß a fremder Mensch dem Bock die Krucken abgschlagen hat . Wenn ' s also kein Fremder war , so war ' s einer von euch zweien . Aber wer ? Der Franzl is an ehrlicher Narr , ich kann ihm so was net zutrauen . War ' s also der Franzl net , so mußt es du gwesen sein ! « Schipper legte gekränkt die beiden Hände auf sein redliches Herz . » Aber Herr Graf - « » Halt dein Maul , sag ich ! Ein Gauner bist du ja ! Aber ich bin dir doch gestern gleich nachgstiegen . Und heut in der Nacht kannst du doch auch net aufgstanden sein ! Also , wenn du der Heilige bist , is wieder der ander der Lump . Ich kenn mich nimmer aus . Und wenn ich scharfe Saiten aufziehen möcht , so müßt ich euch alle zwei zum Teufel jagen . Was hab ich davon ? Der Franzl is ein Jager , wie ich weit und breit keinen find ' . Und so wie du hat mir noch keiner meine Schuh geschmiert , so schlau wie du stellt sich keiner an , wenn ' s der Jagd zulieb was zu vertuscheln gibt . Was bleibt mir also übrig , als daß ich fünfe grad sein laß ? Aber eins merk dir , Schipper : der erste von euch zwei , der mich ärgert - der fliegt ! Ohne Gnad und Pardon ! « Graf Egge griff nach seinem rechten Schienbein . Schipper bot den Anblick eines Märtyrers , der in der Arena steht und mit stiller Ergebung den Löwen erwartet . » Da kann ich mich nimmer verteidigen . Da bleibt mir nix übrig , als daß ich mei ' Pflicht und Schuldigkeit tu und auf die Stund wart , wo der Herr Graf einsieht - « » Hör auf mit dem Gesäusel ! « brummte Graf Egge ; in Schmerz verzog er das Gesicht und hob den Fuß auf einen Sessel . » Herrgott ! Herrgott ! « » Haben S ' wieder Schmerzen ? « Schipper war in die verkörperte Sorge verwandelt . » Jetzt legen S ' Ihnen aber gleich ins Bett ! « Mit beiden Händen zog er seinem Herrn die Joppe herunter . » Morgen müssen S ' wieder ordentlich beinand sein . Morgen schießen S ' drei , vier Gamsböck und a paar gute Hirsch ! « » Meinst du ? « » Natürlich ! Da sorg ich schon dafür . Aber jetzt nur gleich ins Bett ! « Graf Egge ließ sich zur Matratze führen und trat mit dem kranken Fuß so vorsichtig auf , als wäre der Stubenboden mit Nadeln gespickt . » Teufel ! Das wird mir doch um Gottes willen net bleiben ! Aber macht nix , ' s Jagen gib ich deswegen net auf . Wenn meine Füß nimmer mögen , laß ich mich nauf tragen zum Gamsschießen . So lang ' s im Aug net fehlt , is gar nix verloren ! « Unter einem zärtlichen Wortschwall entkleidete Schipper seinen Herrn . » So , jetzt haben S ' a paar Minuten Geduld , nachher komm ich mit ' m Franzbranntwein und mit die warmen Tücher . « Er sprang in die Küche . Als er nach einer Weile seine Kur begann und das nackte Bein seines Herrn unter den Händen hatte , blickte Graf Egge zwinkernd auf ihn nieder . » Schipper ! Ich kann vieles verstehen . Sag mir ehrlich : Hast du dem Bock die Kruck heruntergeschlagen ? « Ohne das Frottieren auszusetzen , fing Schipper zu lachen an . » Jetzt hören S ' aber auf ! So a Spaßvogel wie Sie is auf der Welt meiner Lebtag noch nie net dagwesen ! « Graf Egge schwieg . Über den beiden zitterte die Stubendecke . Dort oben auf dem Heuboden wälzte Franzl sich in schlafloser Kümmernis von einer Seite auf die andere . Fußnoten 1 Puppe . 11 Seit zwei Tagen hatte Forbeck von der ersten Helle des Morgens bis zum Einbruch der Dämmerung mit glühendem Eifer gearbeitet . Am dritten Abend war der Entwurf des großen , figurenreichen Bildes in Zeichnung und Farbe schon so weit gediehen , daß Tassilo , als er für ein paar Worte bei dem Freunde vorsprach , das Werk dieser beiden Tage mit Staunen betrachtete : » Ich hätte dieser Leinwand gegenüber auf drei Wochen fleißiger Arbeit geraten . Wie das schon redet ! « » Daran hat mein Fleiß keinen Anteil , « sagte Forbeck , während in seinen Augen doch die Freude glänzte . » Ich hab ' s gesehen , und das arbeitet nun in mir und springt heraus . Ich komme mir dabei vor wie eine willenlose Maschine . Meine Hand bewegt sich und findet die Linien und Farben , oft weiß ich selber nicht wie ! « Tassilo legte ihm die Hand auf die Schulter . » Echte Kunst hat keiner noch gemacht . Sie erschafft sich selbst . Aber man sieht es Ihnen an : die Maschine ist warm gelaufen . Ich habe noch eine Stunde Zeit , wir wollen bummeln . « Als sei ein paar Minuten später über die steile Treppe hinunterstiegen , hörten sie aus der Stube die Stimme Malis , die mit den Kindern spielte : » Müller Müller Sacki , Is der Müller net im Haus ? Schloß vor , Riegel vor , Werfen wir ' s Sackerl hinters Tor ! « Zwei Kinderkehlen jauchzten in Freude , und dazwischen klang das Lallen eines dünnen Stimmchens . Als es dunkler Abend geworden war , trennten sich Tassilo und Forbeck vor dem Seehof . » Also morgen ! « sagte Tassilo . » Und Ihrem Bild zuliebe hoff ' ich , daß meine Schwester ein feste Portion Geduld zur Sitzung mitbringen wird . Sie war heute ein wenig ärgerlich . « » Doch nicht über mich ? « Tassilo lachte . » Ja . Und ich weiß gar nicht , wieso der lustige Spatz plötzlich so zeremoniös geworden ist . Kitty hat es Ihnen übelgenommen , daß Sie nach dem Diner zwei Tage vergehen ließen , ohne Ihre Karte abzugeben . « » Aber ich mußte doch arbeiten über Hals und Kopf , um den Entwurf so weit zu bringen , daß die Sitzung für mein Bild von Nutzen sein kann . « » Arbeit geht allem vor . Ich habe Sie selbstverständlich mit Wärme verteidigt , und Fräulein Kleesberg hat mir dabei geholfen . Sie haben an Tante Gundi eine Eroberung gemacht . Nützen Sie das nur gehörig aus , denn die Zahl der Sitzungen hängt weder von Ihrem künstlerischen Bedürfnis noch von der wechselnden Laune meiner Schwester ab , sondern von der Protektion , die Fräulein von Kleesberg Ihrem Werke angedeihen läßt . Aber da kommt mein Boot . Also morgen auf Wiedersehen ! « Tassilo ging zum Ufer , und Forbeck stieg auf die Terrasse des Gasthofes , um sich seitwärts von den besetzten Tischen ein einsames Plätzchen zu suchen . Der Gedanke an Kittys Ungnade verließ ihn nicht mehr ; er trug ihn mit nach Hause und nahm ihn hinüber in die wirren Träume seines nach aller Arbeit müden Schlafes . Am anderen Morgen gegen neun Uhr kam der alte Moser in das Brucknerhaus . Tante Gundi hatte ihn geschickt , um die » Malersachen « zu holen . Forbeck übergab ihm die Stafelei und den Farbenkasten ; die Leinwand trug er selbst , um die noch feuchten Farben vor Schaden zu bewahren . Auf dem Wege nach Schloß Hubertus schwatzte Moser unermüdlich und erzählte auf von der glücklichen Treibjagd , die Graf Egge am verwichenen Tage abgehalten ; drei gute Gemsböcke und zwei Hirsche hätte man von der Hütte heruntergebracht . » Dös is net schlecht für den ersten Tag . Aber hätt er mich droben ghabt , so hätt er noch mehr gschossen . « Weitschweifig berichtete der Alte von den unglaublichen Jagderfolgen , die sein Herr ihm zu verdanken hätte . Als sie das Schloß erreichten , stand Kitty am Teich und fütterte die Forellen ; sie war gekleidet wie an jenem Nachmittag , an dem das Gewitter sie überrascht hatte . Lächelnd warf sie , als Forbeck näher kam , den Rest des Brotes ins Wasser und klopfte die Brosamen von den Handschuhen . Forbeck lehnte achtsam die Leinwand an einen Baum und trat auf Kitty zu , das weiße Hütchen in der Hand . Er grüßte befangen . » Ich habe die Tage her gearbeitet , um mit dem Entwurf meines Bildes vorwärtszukommen . Verzeihen Sie mir , wenn ich eine Unhöflichkeit begangen habe . « Sie verstand nicht gleich ; dann wurde sie rot und lachte : » Ach so ? Tas hat wohl ausgeplaudert , daß ich mich über Sie geärgert habe ? Stimmt ! Aber sehen Sie mich nur nicht so erschrocken an ! Eigentlich hab ' ich das vor Tas nur gesagt , weil ich mir dachte , er würde Ihnen bei Gelegenheit einen freundschaftlichen Wink geben . Ich nehme solche Dinge nicht sehr genau , aber wissen Sie - « Dabei nahm sie eine ernste Gönnermiene an . » Ich sage das um Ihretwillen . Tante