leben , Auflehnung , Trotz , Indisziplin , wohin wir blicken . Aber solange wir noch Männer haben , und ich darf hinzusetzen , Frauen und Mütter « ( und hierbei verbeugte er sich mit einer eleganten Handbewegung gegen Effi ) , » ... solange wir noch Männer haben wie Baron Innstetten , den ich stolz bin meinen Freund nennen zu dürfen , so lange geht es noch , so lange hält unser altes Preußen noch . Ja , meine Freunde , Pommern und Brandenburg , damit zwingen wir ' s und zertreten dem Drachen der Revolution das giftige Haupt . Fest und treu , so siegen wir . Die Katholiken , unsere Brüder , die wir , auch wenn wir sie bekämpfen , achten müssen , haben den Felsen Petri , wir aber haben den Rocher de bronze . Baron Innstetten , er lebe hoch ! « Innstetten dankte ganz kurz . Effi sagte zu dem neben ihr sitzenden Major von Crampas : Das mit dem » Felsen Petri « sei wahrscheinlich eine Huldigung gegen Roswitha gewesen ; sie werde nachher an den alten Justizrat Gadebusch herantreten und ihn fragen , ob er nicht ihrer Meinung sei . Crampas nahm diese Bemerkung unerklärlicherweise für Ernst und riet von einer Anfrage bei dem Justizrat ab , was Effi ungemein erheiterte . » Ich habe Sie doch für einen besseren Seelenleser gehalten . « » Ach , meine Gnädigste , bei schönen , jungen Frauen , die noch nicht achtzehn sind , scheitert alle Lesekunst . « » Sie verderben sich vollends , Major . Sie können mich eine Großmutter nennen , aber Anspielungen darauf , daß ich noch nicht achtzehn bin , das kann Ihnen nie verziehen werden . « Als man von Tisch aufgestanden war , kam der Spätnachmittags-Dampfer die Kessine herunter und legte an der Landungsbrücke , gegenüber dem Hotel , an . Effi saß mit Crampas und Gieshübler beim Kaffee , alle Fenster auf , und sah dem Schauspiel drüben zu . » Morgen früh um neun führt mich dasselbe Schiff den Fluß hinauf , und zu Mittag bin ich in Berlin , und am Abend bin ich in Hohen-Cremmen , und Roswitha geht neben mir und hält das Kind auf dem Arme . Hoffentlich schreit es nicht . Ach , wie mir schon heute zumute ist ! Lieber Gieshübler , sind Sie auch mal so froh gewesen , Ihr elterliches Haus wiederzusehen ? « » Ja , ich kenne das auch , gnädigste Frau . Nur bloß ich brachte kein Anniechen mit , weil ich keins hatte . « » Kommt noch « , sagte Crampas . » Stoßen Sie an , Gieshübler ; Sie sind der einzige vernünftige Mensch hier . « » Aber , Herr Major , wir haben ja bloß noch den Cognac . « » Desto besser . « Fünfzehntes Kapitel Mitte August war Effi abgereist , Ende September war sie wieder in Kessin . Manchmal in den zwischenliegenden sechs Wochen hatte sie ' s zurückverlangt ; als sie aber wieder da war und in den dunklen Flur eintrat , auf den nur von der Treppenstiege her ein etwas fahles Licht fiel , wurde ihr mit einemmal wieder bang , und sie sagte leise : » Solch fahles , gelbes Licht gibt es in Hohen-Cremmen gar nicht . « Ja , ein paarmal , während ihrer Hohen-Cremmer Tage , hatte sie Sehnsucht nach dem » verwunschenen Hause « gehabt , alles in allem aber war ihr doch das Leben daheim voller Glück und Zufriedenheit gewesen . Mit Hulda freilich , die ' s nicht verwinden konnte , noch immer auf Mann oder Bräutigam warten zu müssen , hatte sie sich nicht recht stellen können , desto besser dagegen mit den Zwillingen , und mehr als einmal , wenn sie mit ihnen Ball oder Krocket gespielt hatte , war ihr ' s ganz aus dem Sinn gekommen , überhaupt verheiratet zu sein . Das waren dann glückliche Viertelstunden gewesen . Am liebsten aber hatte sie wie früher auf dem durch die Luft fliegenden Schaukelbrett gestanden und , in dem Gefühle : » Jetzt stürz ich « , etwas eigentümlich Prickelndes , einen Schauer süßer Gefahr empfunden . Sprang sie dann schließlich von der Schaukel ab , so begleitete sie die beiden Mädchen bis an die Bank vor dem Schulhause und erzählte , wenn sie da saßen , dem alsbald hinzukommenden alten Jahnke von ihrem Leben in Kessin , das halb hanseatisch und halb skandinavisch und jedenfalls sehr anders als in Schwantikow und Hohen-Cremmen sei . Das waren so die täglichen kleinen Zerstreuungen , an die sich gelegentlich auch Fahrten in das sommerliche Luch schlossen , meist im Jagdwagen ; allem voran aber standen für Effi doch die Plaudereien , die sie beinahe jeden Morgen mit der Mama hatte . Sie saßen dann oben in der luftigen , großen Stube , Roswitha wiegte das Kind und sang in einem thüringischen Platt allerlei Wiegenlieder , die niemand recht verstand , vielleicht sie selber nicht ; Effi und Frau von Briest aber rückten ans offene Fenster und sahen , während sie sprachen , auf den Park hinunter , auf die Sonnenuhr oder auf die Libellen , die beinahe regungslos über dem Teich standen , oder auch auf den Fliesengang , wo Herr von Briest neben dem Treppenvorbau saß und die Zeitungen las . Immer wenn er umschlug , nahm er zuvor den Kneifer ab und grüßte zu Frau und Tochter hinauf . Kam dann das letzte Blatt an die Reihe , das in der Regel der » Anzeiger fürs Havelland « war , so ging Effi hinunter , um sich entweder zu ihm zu setzen oder um mit ihm durch Garten und Park zu schlendern . Einmal bei solcher Gelegenheit traten sie , von dem Kieswege her , an ein kleines , zur Seite stehendes Denkmal heran , das schon Briests Großvater zur Erinnerung an die Schlacht von Waterloo hatte aufrichten lassen , eine verrostete Pyramide mit einem gegossenen Blücher in Front und einem dito Wellington auf der Rückseite . » Hast du nun solche Spaziergänge auch in Kessin « , sagte Briest , » und begleitet dich Innstetten auch und erzählt dir allerlei ? « » Nein , Papa , solche Spaziergänge habe ich nicht . Das ist ausgeschlossen , denn wir haben bloß einen kleinen Garten hinter dem Hause der eigentlich kaum ein Garten ist , bloß ein paar Buchsbaumrabatten und Gemüsebeete mit drei , vier Obstbäumen drin . Innstetten hat keinen Sinn dafür und denkt wohl auch nicht sehr lange mehr in Kessin zu bleiben . « » Aber Kind , du mußt doch Bewegung haben und frische Luft , daran bist du doch gewöhnt . « » Hab ich auch . Unser Haus liegt an einem Wäldchen , das sie die Plantage nennen . Und da geh ich denn viel spazieren und Rollo mit mir . « » Immer Rollo « , lachte Briest . » Wenn man ' s nicht anders wüßte , so sollte man beinah glauben , Rollo sei dir mehr ans Herz gewachsen als Mann und Kind . « » Ach , Papa , das wäre ja schrecklich , wenn ' s auch freilich - soviel muß ich zugeben - eine Zeit gegeben hat , wo ' s ohne Rollo gar nicht gegangen wäre . Das war damals ... nun , du weißt schon ... Da hat er mich so gut wie gerettet , oder ich habe mir ' s wenigstens eingebildet , und seitdem ist er mein guter Freund und mein ganz besonderer Verlaß . Aber er ist doch bloß ein Hund . Und erst kommen doch natürlich die Menschen . « » Ja , das sagt man immer , aber ich habe da doch so meine Zweifel . Das mit der Kreatur , damit hat ' s doch seine eigene Bewandtnis , und was da das Richtige ist , darüber sind die Akten noch nicht geschlossen . Glaube mir , Effi , das ist auch ein weites Feld . Wenn ich mir so denke , da verunglückt einer auf dem Wasser oder gar auf dem schülbrigen Eis , und solch ein Hund , sagen wir so einer wie dein Rollo , ist dabei , ja , der ruht nicht eher , als bis er den Verunglückten wieder an Land hat . Und wenn der Verunglückte schon tot ist , dann legt er sich neben den Toten hin und blafft und winselt so lange , bis wer kommt , und wenn keiner kommt , dann bleibt er bei dem Toten liegen , bis er selber tot ist . Und das tut solch Tier immer . Und nun nimm dagegen die Menschheit ! Gott , vergib mir die Sünde , aber mitunter ist mir ' s doch , als ob die Kreatur besser wäre als der Mensch . « » Aber , Papa , wenn ich das Innstetten wiedererzählte ... « » Nein , das tu lieber nicht , Effi ... « » Rollo würde mich ja natürlich retten , aber Innstetten würde mich auch retten . Er ist ja ein Mann von Ehre . « » Das ist er . « » Und liebt mich . « » Versteht sich , versteht sich . Und wo Liebe ist , da ist auch Gegenliebe . Das ist nun mal so . Mich wundert nur , daß er nicht mal Urlaub genommen hat und rübergeflitzt ist . Wenn man eine so junge Frau hat ... « Effi errötete , weil sie geradeso dachte . Sie mochte es aber nicht einräumen . » Innstetten ist so gewissenhaft und will , glaub ich , gut angeschrieben sein und hat so seine Pläne für die Zukunft ; Kessin ist doch bloß eine Station . Und dann am Ende , ich lauf ihm ja nicht fort . Er hat mich ja . Wenn man zu zärtlich ist ... und dazu der Unterschied der Jahre ... , da lächeln die Leute bloß . « » Ja , das tun sie , Effi . Aber darauf muß man ' s ankommen lassen . Übrigens sage nichts darüber , auch nicht zu Mama . Es ist so schwer , was man tun und lassen soll . Das ist auch ein weites Feld . « Gespräche wie diese waren während Effis Besuch im elterlichen Hause mehr als einmal geführt worden , hatten aber glücklicherweise nicht lange nachgewirkt , und ebenso war auch der etwas melancholische Eindruck rasch verflogen , den das erste Wiederbetreten ihres Kessiner Hauses auf Effi gemacht hatte . Innstetten zeigte sich voll kleiner Aufmerksamkeiten , und als der Tee genommen und alle Stadt- und Liebesgeschichten in heiterster Stimmung durchgesprochen waren , hing sich Effi zärtlich an seinen Arm , um drüben ihre Plaudereien mit ihm fortzusetzen und noch einige Anekdoten von der Trippelli zu hören , die neuerdings wieder mit Gieshübler in einer lebhaften Korrespondenz gestanden hatte , was immer gleichbedeutend mit einer neuen Belastung ihres nie ausgeglichenen Kontos war . Effi war bei diesem Gespräch sehr ausgelassen , fühlte sich ganz als junge Frau und war froh , die nach der Gesindestube hin ausquartierte Roswitha auf unbestimmte Zeit los zu sein . Am anderen Morgen sagte sie : » Das Wetter ist schön und mild , und ich hoffe , die Veranda nach der Plantage hinaus ist noch in gutem Stande und wir können uns ins Freie setzen und da das Frühstück nehmen . In unsere Zimmer kommen wir ohnehin noch früh genug , und der Kessiner Winter ist wirklich um vier Wochen zu lang . « Innstetten war sehr einverstanden . Die Veranda , von der Effi gesprochen und die vielleicht richtiger ein Zelt genannt worden wäre , war schon im Sommer hergerichtet worden , drei , vier Wochen vor Effis Abreise nach Hohen-Cremmen , und bestand aus einem großen gedielten Podium , vorn offen , mit einer mächtigen Markise zu Häupten , während links und rechts breite Leinwandvorhänge waren , die sich mit Hülfe von Ringen an einer Eisenstange hin und her schieben ließen . Es war ein reizender Platz , den ganzen Sommer über von allen Badegästen , die hier vorüber mußten , bewundert . Effi hatte sich in einen Schaukelstuhl gelehnt und sagte , während sie das Kaffeebrett von der Seite her ihrem Manne zuschob : » Geert , du könntest heute den liebenswürdigen Wirt machen ; ich für mein Teil find es so schön in diesem Schaukelstuhl , daß ich nicht aufstehen mag . Also strenge dich an , und wenn du dich recht freust , mich wieder hierzuhaben , so werd ich mich auch zu revanchieren wissen . « Und dabei zupfte sie die weiße Damastdecke zurecht und legte ihre Hand darauf , die Innstetten nahm und küßte . » Wie bist du nur eigentlich ohne mich fertig geworden ? « » Schlecht genug , Effi . « » Das sagst du so hin und machst ein betrübtes Gesicht , und ist doch eigentlich alles nicht wahr . « » Aber Effi . .. « » Was ich dir beweisen will . Denn wenn du ein bißchen Sehnsucht nach deinem Kinde gehabt hättest - von mir selber will ich nicht sprechen , was ist man am Ende solchem hohen Herrn , der so lange Jahre Junggeselle war und es nicht eilig hatte ... « » Nun ? « » Ja , Geert , wenn du nur ein bißchen Sehnsucht gehabt hättest , so hättest du mich nicht sechs Wochen mutterwindallein in Hohen-Cremmen sitzen lassen wie eine Witwe , und nichts da als Niemeyer und Jahnke und mal die Schwantikower . Und von den Rathenowern ist niemand gekommen , als ob sie sich vor mir gefürchtet hätten oder als ob ich zu alt geworden sei . « » Ach , Effi , wie du nur sprichst . Weißt du , daß du eine kleine Kokette bist ? « » Gott sei Dank , daß du das sagst . Das ist für euch das Beste , was man sein kann . Und du bist nichts anderes als die anderen , wenn du auch so feierlich und ehrsam tust . Ich weiß es recht gut , Geert ... Eigentlich bist du ... « » Nun , was ? « » Nun , ich will es lieber nicht sagen . Aber ich kenne dich recht gut ; du bist eigentlich , wie der Schwantikower Onkel mal sagte , ein Zärtlichkeitsmensch und unterm Liebesstern geboren , und Onkel Belling hatte ganz recht , als er das sagte . Du willst es bloß nicht zeigen und denkst , es schickt sich nicht und verdirbt einem die Karriere . Hab ich ' s getroffen ? « Innstetten lachte . » Ein bißchen getroffen hast du ' s. Weißt du was , Effi , du kommst mir ganz anders vor . Bis Anniechen da war , warst du ein Kind . Aber mit einemmal ... « » Nun ? « » Mit einemmal bist du wie vertauscht . Aber es steht dir , du gefällst mir sehr , Effi . Weißt du was ? « » Nun ? « » Du hast was Verführerisches . « » Ach , mein einziger Geert , das ist ja herrlich , was du da sagst ; nun wird mir erst recht wohl ums Herz ... Gib mir noch eine halbe Tasse ... Weißt du denn , daß ich mir das immer gewünscht habe . Wir müssen verführerisch sein , sonst sind wir gar nichts ... « » Hast du das aus dir ? « » Ich könnt es wohl auch aus mir haben . Aber ich hab es von Niemeyer ... « » Von Niemeyer ! O du himmlischer Vater , ist das ein Pastor . Nein , solche gibt es hier nicht . Aber wie kam denn der dazu ? Das ist ja , als ob es irgendein Don Juan oder Herzensbrecher gesprochen hätte . « » Ja , wer weiß « , lachte Effi . » ... Aber kommt da nicht Crampas ? Und vom Strand her . Er wird doch nicht gebadet haben ? Am 27. September ... « » Er macht öfter solche Sachen . Reine Renommisterei . « Derweilen war Crampas bis in nächste Nähe gekommen und grüßte . » Guten Morgen « , rief Innstetten ihm zu . » Nur näher , nur näher . « Crampas trat heran . Er war in Zivil und küßte der in ihrem Schaukelstuhl sich weiter wiegenden Effi die Hand . » Entschuldigen Sie mich , Major , daß ich so schlecht die Honneurs des Hauses mache ; aber die Veranda ist kein Haus , und zehn Uhr früh ist eigentlich gar keine Zeit . Da wird man formlos oder , wenn Sie wollen , intim . Und nun setzen Sie sich und geben Sie Rechenschaft von Ihrem Tun . Denn an Ihrem Haar , ich wünschte Ihnen , daß es mehr wäre , sieht man deutlich , daß Sie gebadet haben . « Er nickte . » Unverantwortlich « , sagte Innstetten , halb ernst- , halb scherzhaft . » Da haben Sie nun selber vor vier Wochen die Geschichte mit dem Bankier Heinersdorf erlebt , der auch dachte , das Meer und der grandiose Wellenschlag würden ihn um seiner Million willen respektieren . Aber die Götter sind eifersüchtig untereinander , und Neptun stellte sich ohne weiteres gegen Pluto oder doch wenigstens gegen Heinersdorf . « Crampas lachte . » Ja , eine Million Mark ! Lieber Innstetten , wenn ich die hätte , da hätt ich es am Ende nicht gewagt ; denn so schön das Wetter ist , das Wasser hatte nur neun Grad . Aber unsereins mit seiner Million Unterbilanz , gestatten Sie mir diese kleine Renommage , unsereins kann sich so was ohne Furcht vor der Götter Eifersucht erlauben . Und dann muß einen das Sprichwort trösten : Wer für den Strick geboren ist , kann im Wasser nicht umkommen . « » Aber , Major , Sie werden sich doch nicht etwas so Urprosaisches , ich möchte beinah sagen , an den Hals reden wollen . Allerdings glauben manche , daß ... ich meine das , wovon Sie eben gesprochen haben ... , daß ihn jeder mehr oder weniger verdiene . Trotzdem , Major ... für einen Major ... « » ... ist es keine herkömmliche Todesart . Zugegeben , meine Gnädigste . Nicht herkömmlich und in meinem Falle auch nicht einmal sehr wahrscheinlich - also alles bloß Zitat oder , noch richtiger , façon de parler . Und doch steckt etwas Aufrichtiggemeintes dahinter , wenn ich da eben sagte , die See werde mir nichts anhaben . Es steht mir nämlich fest , daß ich einen richtigen und hoffentlich ehrlichen Soldatentod sterben werde . Zunächst bloß Zigeunerprophezeiung , aber mit Resonanz im eigenen Gewissen . « Innstetten lachte . » Das wird seine Schwierigkeiten haben , Crampas , wenn Sie nicht vorhaben , beim Großtürken oder unterm chinesischen Drachen Dienste zu nehmen . Da schlägt man sich jetzt herum . Hier ist die Geschichte , glauben sie mir , auf dreißig Jahre vorbei , und wer seinen Soldatentod sterben will ... « » ... der muß sich erst bei Bismarck einen Krieg bestellen . Weiß ich alles , Innstetten . Aber das ist doch für Sie eine Kleinigkeit . Jetzt haben wir Ende September ; in zehn Wochen spätestens ist der Fürst wieder in Varzin , und da er ein liking für Sie hat - mit der volkstümlicheren Wendung will ich zurückhalten , um nicht direkt vor Ihren Pistolenlauf zu kommen - , so werden Sie einem alten Kameraden von Vionville her doch wohl ein bißchen Krieg besorgen können . Der Fürst ist auch nur ein Mensch , und Zureden hilft . « Effi hatte während dieses Gesprächs einige Brotkügelchen gedreht , würfelte damit und legte sie zu Figuren zusammen , um so anzuzeigen , daß ihr ein Wechsel des Themas wünschenswert wäre . Trotzdem schien Innstetten auf Crampas ' scherzhafte Bemerkungen antworten zu wollen , was denn Effi bestimmte , lieber direkt einzugreifen . » Ich sehe nicht ein , Major , warum wir uns mit Ihrer Todesart beschäftigen sollen ; das Leben ist uns näher und zunächst auch eine viel ernstere Sache . « Crampas nickte . » Das ist recht , daß Sie mir recht geben . Wie soll man hier leben ? Das ist vorläufig die Frage , das ist wichtiger als alles andere . Gieshübler hat mir darüber geschrieben , und wenn es nicht indiskret und eitel wäre , denn es steht noch allerlei nebenher darin , so zeigte ich Ihnen den Brief ... Innstetten braucht ihn nicht zu lesen , der hat keinen Sinn für dergleichen ... , beiläufig eine Handschrift wie gestochen und Ausdrucksformen , als wäre unser Freund statt am Kessiner Alten Markt an einem altfranzösischen Hofe erzogen . Und daß er verwachsen ist und weiße Jabots trägt wie kein anderer Mensch mehr - ich weiß nur nicht , wo er die Plätterin hernimmt - , das paßt alles so vorzüglich . Nun , also Gieshübler hat mir von Plänen für die Ressourcenabende geschrieben und von einem Entrepreneur , namens Crampas . Sehen Sie , Major , das gefällt mir besser als der Soldatentod oder gar der andere . « » Mir persönlich nicht minder . Und es muß ein Prachtwinter werden , wenn wir uns der Unterstützung der gnädigen Frau versichert halten dürfen . Die Trippelli kommt ... « » Die Trippelli ? Dann bin ich überflüssig . « » Mitnichten , gnädigste Frau . Die Trippelli kann nicht von Sonntag bis wieder Sonntag singen , es wäre zuviel für sie und für uns ; Abwechslung ist des Lebens Reiz , eine Wahrheit , die freilich jede glückliche Ehe zu widerlegen scheint . « » Wenn es glückliche Ehen gibt , die meinige ausgenommen ... « , und sie reichte Innstetten die Hand . » Abwechslung also « , fuhr Crampas fort . » Und diese für uns und unsere Ressource zu gewinnen , deren Vizevorstand zu sein ich zur Zeit die Ehre habe , dazu braucht es aller bewährten Kräfte . Wenn wir uns zusammentun , so müssen wir das ganze Nest auf den Kopf stellen . Die Theaterstücke sind schon ausgesucht : Krieg im Frieden , Monsieur Herkules , Jugendliebe von Wilbrandt , vielleicht auch Euphrosyne von Gensichen . Sie die Euphrosyne , ich der alte Goethe . Sie sollen staunen , wie gut ich den Dichterfürsten tragiere ... wenn tragieren das richtige Wort ist . « » Kein Zweifel . Hab ich doch inzwischen aus dem Briefe meines alchimistischen Geheimkorrespondenten erfahren , daß Sie , neben vielem anderen , gelegentlich auch Dichter sind . Anfangs habe ich mich gewundert ... « » Denn Sie haben es mir nicht angesehen . « » Nein . Aber seit ich weiß , daß Sie bei neun Grad baden , bin ich anderen Sinnes geworden ... neun Grad Ostsee , das geht über den Kastalischen Quell ... « » Dessen Temperatur unbekannt ist . « » Nicht für mich ; wenigstens wird mich niemand widerlegen . Aber nun muß ich aufstehen . Da kommt ja Roswitha mit Lütt-Annie . « Und sie erhob sich rasch und ging auf Roswitha zu , nahm ihr das Kind aus dem Arm und hielt es stolz und glücklich in die Höhe . Sechzehntes Kapitel Die Tage waren schön und blieben es bis in den Oktober hinein . Eine Folge davon war , daß die halb zeltartige Veranda draußen zu ihrem Rechte kam , so sehr , daß sich wenigstens die Vormittagsstunden regelmäßig darin abspielten . Gegen elf kam dann wohl der Major , um sich zunächst nach dem Befinden der gnädigen Frau zu erkundigen und mit ihr ein wenig zu medisieren , was er wundervoll verstand , danach aber mit Innstetten einen Ausritt zu verabreden , oft landeinwärts , die Kessine hinauf bis an den Breitling , noch häufiger auf die Molen zu . Effi , wenn die Herren fort waren , spielte mit dem Kind oder durchblätterte die von Gieshübler nach wie vor ihr zugeschickten Zeitungen und Journale , schrieb auch wohl einen Brief an die Mama oder sagte : » Roswitha , wir wollen mit Annie spazierenfahren « , und dann spannte sich Roswitha vor den Korbwagen und fuhr , während Effi hinterherging , ein paar hundert Schritt in das Wäldchen hinein , auf eine Stelle zu , wo Kastanien ausgestreut lagen , die man nun auflas , um sie dem Kinde als Spielzeug zu geben . In die Stadt kam Effi wenig ; es war niemand recht da , mit dem sie hätte plaudern können , nachdem ein Versuch , mit der Frau von Crampas auf einen Umgangsfuß zu kommen , aufs neue gescheitert war . Die Majorin war und blieb menschenscheu . Das ging so wochenlang , bis Effi plötzlich den Wunsch äußerte , mit ausreiten zu dürfen ; sie habe nun mal die Passion , und es sei doch zuviel verlangt , bloß um des Geredes der Kessiner willen , auf etwas zu verzichten , das einem soviel wert sei . Der Major fand die Sache kapital , und Innstetten , dem es augenscheinlich weniger paßte - so wenig , daß er immer wieder hervorhob , es werde sich kein Damenpferd finden lassen - , Innstetten mußte nachgeben , als Crampas versicherte , » das solle seine Sorge sein « . Und richtig , was man wünschte , fand sich auch , und Effi war selig , am Strande hinjagen zu können , jetzt wo » Damenbad « und » Herrenbad « keine scheidenden Schreckensworte mehr waren . Meist war auch Rollo mit von der Partie , und weil es sich ein paarmal ereignet hatte , daß man am Strande zu rasten oder auch eine Strecke Wegs zu Fuß zu machen wünschte , so kam man überein , sich von entsprechender Dienerschaft begleiten zu lassen , zu welchem Behufe des Majors Bursche , ein alter Treptower Ulan , der Knut hieß , und Innstettens Kutscher Kruse zu Reitknechten umgewandelt wurden , allerdings ziemlich unvollkommen , indem sie , zu Effis Leidwesen , in eine Phantasielivree gesteckt wurden , darin der eigentliche Beruf beider noch nachspukte . Mitte Oktober war schon heran , als man , so herausstaffiert , zum erstenmal in voller Kavalkade aufbrach , in Front Innstetten und Crampas , Effi zwischen ihnen , dann Kruse und Knut und zuletzt Rollo , der aber bald , weil ihm das Nachtrotten mißfiel , allen vorauf war . Als man das jetzt öde Strandhotel passiert und bald danach , sich rechts haltend , auf dem von einer mäßigen Brandung überschäumten Strandwege den diesseitigen Molendamm erreicht hatte , verspürte man Lust , abzusteigen und einen Spaziergang bis an den Kopf der Mole zu machen . Effi war die erste aus dem Sattel . Zwischen den beiden Steindämmen floß die Kessine breit und ruhig dem Meere zu , das wie eine sonnenbeschienene Fläche , darauf nur hier und da eine leichte Welle kräuselte , vor ihnen lag . Effi war noch nie hier draußen gewesen , denn als sie vorigen November in Kessin eintraf , war schon Sturmzeit und als der Sommer kam , war sie nicht mehr imstande , weite Gänge zu machen . Sie war jetzt entzückt , fand alles groß und herrlich , erging sich in kränkenden Vergleichen zwischen dem Luch und dem Meer und ergriff , sooft die Gelegenheit dazu sich bot , ein Stück angeschwemmtes Holz , um es nach links hin in die See oder nach rechts hin in die Kessine zu werfen . Rollo war immer glücklich , im Dienste seiner Herrin sich nachstürzen zu können ; mit einemmal aber wurde seine Aufmerksamkeit nach einer ganz anderen Seite hin abgezogen , und sich vorsichtig , ja beinahe ängstlich vorwärts schleichend , sprang er plötzlich auf einen in Front sichtbar werdenden Gegenstand zu , freilich vergeblich , denn im selben Augenblicke glitt von einem sonnenbeschienenen und mit grünem Tang überwachsenen Stein eine Robbe glatt und geräuschlos in das nur etwa fünf Schritt entfernte Meer hinunter . Eine kurze Weile noch sah man den Kopf , dann tauchte auch dieser unter . Alle waren erregt , und Crampas phantasierte von Robbenjagd und daß man das nächste Mal die Büchse mitnehmen müsse , » denn die Dinger haben ein festes Fell « . » Geht nicht « , sagte Innstetten ; » Hafenpolizei . « » Wenn ich so was höre « , lachte der Major . » Hafenpolizei ! Die drei Behörden , die wir hier haben werden doch wohl untereinander die Augen zudrücken können . Muß denn alles so furchtbar gesetzlich sein ? Alle Gesetzlichkeiten sind langweilig . « Effi klatschte in die Hände . » Ja , Crampas , Sie kleidet das , und Effi , wie Sie sehen , klatscht Ihnen Beifall . Natürlich ; die Weiber schreien sofort nach einem Schutzmann , aber von Gesetz wollen sie nichts wissen . « » Das ist so Frauenrecht von alter Zeit her , und wir werden ' s nicht ändern , Innstetten . « » Nein « , lachte dieser , » und ich will es auch nicht . Auf Mohrenwäsche lasse ich mich nicht ein . Aber einer wie Sie , Crampas , der unter der Fahne der Disziplin großgeworden ist und recht gut weiß , daß es ohne Zucht und Ordnung nicht geht , ein Mann wie Sie , der sollte doch eigentlich so was nicht reden , auch nicht einmal im Spaß . Indessen , ich weiß schon , Sie haben einen himmlischen Kehrmichnichtdran und denken , der Himmel wird nicht gleich einstürzen . Nein , gleich nicht . Aber mal kommt es . « Crampas wurde einen Augenblick verlegen , weil er glaubte , das alles sei mit einer gewissen Absicht gesprochen , was aber nicht der Fall war . Innstetten hielt