Sie , Wilibald , daß das beneidete Leben , das ich jetzt führe , meinem Ohr und meinem Herzen solche Worte versagt , daß lange Zeiten vergehen , ehe Aussprüche von solcher poetischen Tiefe zu mir sprechen , das ist für eine Natur , wie sie mir nun mal geworden , ein ewig zehrender Schmerz . Und Sie sprechen dabei von Glück , Wilibald , sogar von großem Glück ! Glauben Sie mir , mir , die ich dies alles durchlebt habe , diese soviel begehrten Dinge sind wertlos für den , der sie hat . Oft , wenn ich nicht schlafen kann und mein Leben überdenke , wird es mir klar , daß das Glück , das anscheinend soviel für mich tat , mich nicht die Wege geführt hat , die für mich paßten , und daß ich in einfacheren Verhältnissen und als Gattin eines in der Welt der Ideen und vor allem auch des Idealen stehenden Mannes wahrscheinlich glücklicher geworden wäre . Sie wissen , wie gut Treibel ist und daß ich ein dankbares Gefühl für seine Güte habe . Trotzdem muß ich es leider aussprechen , es fehlt mir , meinem Manne gegenüber , jene hohe Freude der Unterordnung , die doch unser schönstes Glück ausmacht und so recht gleichbedeutend ist mit echter Liebe . Niemandem darf ich dergleichen sagen ; aber vor Ihnen , Wilibald , mein Herz auszuschütten ist , glaub ich , mein schön menschliches Recht und vielleicht sogar meine Pflicht ... « Schmidt nickte zustimmend und sprach dann ein einfaches : » Ach , Jenny ... « mit einem Tone , drin er den ganzen Schmerz eines verfehlten Lebens zum Ausdruck zu bringen trachtete . Was ihm auch gelang . Er lauschte selber dem Klang und beglückwünschte sich im stillen , daß er sein Spiel so gut gespielt habe . Jenny , trotz aller Klugheit , war doch eitel genug , an das » Ach « ihres ehemaligen Anbeters zu glauben . So gingen sie , schweigend und anscheinend ihren Gefühlen hingegeben , nebeneinander her , bis Schmidt die Notwendigkeit fühlte , mit irgendeiner Frage das Schweigen zu brechen . Er entschied sich dabei für das alte Rettungsmittel und lenkte das Gespräch auf die Kinder . » Ja , Jenny « , hob er mit immer noch verschleierter Stimme an , » was versäumt ist , ist versäumt . Und wer fühlte das tiefer als ich selbst . Aber eine Frau wie Sie , die das Leben begreift , findet auch im Leben selbst ihren Trost , vor allem in der Freude täglicher Pflichterfüllung . Da sind in erster Reihe die Kinder , ja , schon ein Enkelkind ist da , wie Milch und Blut , das liebe Lizzichen , und das sind dann , mein ich , die Hülfen , daran Frauenherzen sich aufrichten müssen . Und wenn ich auch Ihnen gegenüber , teure Freundin , von einem eigentlichen Eheglücke nicht sprechen will , denn wir sind wohl einig in dem , was Treibel ist und nicht ist , so darf ich doch sagen , Sie sind eine glückliche Mutter . Zwei Söhne sind Ihnen herangewachsen , gesund , oder doch was man so gesund zu nennen pflegt , von guter Bildung und guten Sitten . Und bedenken Sie , was allein dies letzte heutzutage bedeuten will . Otto hat sich nach Neigung verheiratet und sein Herz einer schönen und reichen Dame geschenkt , die , soviel ich weiß , der Gegenstand allgemeiner Verehrung ist , und wenn ich recht berichtet bin , so bereitet sich im Hause Treibel ein zweites Verlöbnis vor , und Helenens Schwester steht auf dem Punkte , Leopolds Braut zu werden ... « » Wer sagt das ? « fuhr jetzt Jenny heraus , plötzlich aus dem sentimental Schwärmerischen in den Ton ausgesprochenster Wirklichkeit verfallend . » Wer sagt das ? « Schmidt geriet , diesem erregten Tone gegenüber , in eine kleine Verlegenheit . Er hatte sich das so gedacht oder vielleicht auch mal etwas Ähnliches gehört und stand nun ziemlich ratlos vor der Frage » wer sagt das ? « Zum Glück war es damit nicht sonderlich ernsthaft gemeint , so wenig , daß Jenny , ohne eine Antwort abgewartet zu haben , mit großer Lebhaftigkeit fortfuhr : » Sie können gar nicht ahnen , Freund , wie mich das alles reizt . Das ist so die seitens des Holzhofs beliebte Art , mir die Dinge über den Kopf wegzunehmen . Sie , lieber Schmidt , sprechen nach , was Sie hören , aber die , die solche Dinge wie von ungefähr unter die Leute bringen , mit denen hab ich ernstlich ein Hühnchen zu pflücken . Es ist eine Insolenz . Und Helene mag sich vorsehen . « » Aber , Jenny , liebe Freundin , Sie dürfen sich nicht so erregen . Ich habe das so hingesagt , weil ich es als selbstverständlich annahm . « » Als selbstverständlich « , wiederholte Jenny spöttisch , die , während sie das sagte , die Mantille wieder abriß und dem Professor über den Arm warf . » Als selbstverständlich . So weit also hat es der Holzhof schon gebracht , daß die nächsten Freunde solche Verlobung als eine Selbstverständlichkeit ansehen . Es ist aber keine Selbstverständlichkeit , ganz im Gegenteil , und wenn ich mir vergegenwärtige , daß Ottos alles besser wissende Frau neben ihrer Schwester Hildegard ein bloßer Schatten sein soll - und ich glaub es gern , denn sie war schon als Backfisch von einer geradezu ridikülen Überheblichkeit - , so muß ich sagen , ich habe an einer Hamburger Schwiegertochter aus dem Hause Munk gerade genug . « » Aber , teuerste Freundin , ich begreife Sie nicht . Sie setzen mich in das aufrichtigste Erstaunen . Es ist doch kein Zweifel , daß Helene eine schöne Frau ist und von einer , wenn ich mich so ausdrücken darf , ganz aparten Appetitlichkeit ... « Jenny lachte . » ... Zum Anbeißen , wenn Sie mir das Wort gestatten « , fuhr Schmidt fort , » und von jenem eigentümlichen Charme , den schon , von alters her , alles besitzt , was mit dem flüssigen Element in eine konstante Berührung kommt . Vor allem aber ist mir kein Zweifel darüber , daß Otto seine Frau liebt , um nicht zu sagen , in sie verliebt ist . Und sie , Freundin , Ottos leibliche Mutter , fechten gegen dies Glück an und sind empört , dies Glück in Ihrem Hause vielleicht verdoppelt zu sehen . Alle Männer sind abhängig von weiblicher Schönheit ; ich war es auch , und ich möchte beinah sagen dürfen , ich bin es noch , und wenn nun diese Hildegard , wie mir durchaus wahrscheinlich - denn die Nestkücken sehen immer am besten aus - , wenn diese Hildegard noch über Helenen hinauswächst , so weiß ich nicht , was Sie gegen sie haben können . Leopold ist ein guter Junge , von vielleicht nicht allzu feurigem Temperament ; aber ich denke mir , daß er doch nichts dagegen haben kann , eine sehr hübsche Frau zu heiraten . Sehr hübsch und reich dazu . « » Leopold ist ein Kind und darf sich überhaupt nicht nach eigenem Willen verheiraten , am wenigsten aber nach dem Willen seiner Schwägerin Helene . Das fehlte noch , das hieße denn doch abdanken und mich ins Altenteil setzen . Und wenn es sich noch um eine junge Dame handelte , der gegenüber einen allenfalls die Lust anwandeln könnte , sich unterzuordnen , also eine Freiin oder eine wirkliche , ich meine eine richtige Geheimeratstochter oder die Tochter eines Oberhofpredigers ... Aber ein unbedeutendes Ding , das nichts kennt als mit Ponies nach Blankenese fahren und sich einbildet , mit einem Goldfaden in der Plattstichnadel eine Wirtschaft führen oder wohl gar Kinder erziehen zu können , und ganz ernsthaft glaubt , daß wir hierzulande nicht einmal eine Seezunge von einem Steinbutt unterscheiden können , und immer von Lobster spricht , wo wir Hummer sagen , und Curry-Powder und Soja wie höhere Geheimnisse behandelt - ein solcher eingebildeter Quack , lieber Wilibald , das ist nichts für meinen Leopold . Leopold , trotz allem , was ihm fehlt , soll höher hinaus . Er ist nur einfach , aber er ist gut , was doch auch einen Anspruch gibt . Und deshalb soll er eine kluge Frau haben , eine wirklich kluge ; Wissen und Klugheit und überhaupt das Höhere - darauf kommt es an . Alles andere wiegt keinen Pfifferling . Es ist ein Elend mit den Äußerlichkeiten . Glück , Glück ! Ach Wilibald , daß ich es in solcher Stunde gerade vor Ihnen bekennen muß , das Glück , es ruht hier allein . « Und dabei legte sie die Hand aufs Herz . Leopold und Corinna waren in einer Entfernung von etwa fünfzig Schritt gefolgt und hatten ihr Gespräch in herkömmlicher Art geführt , das heißt , Corinna hatte gesprochen . Leopold war aber fest entschlossen , auch zu Worte zu kommen , wohl oder übel . Der quälende Druck der letzten Tage machte , daß er vor dem , was er vorhatte , nicht mehr so geängstigt stand wie früher ; - er mußte sich eben Ruhe schaffen . Ein paarmal schon war er nahe daran gewesen , eine wenigstens auf sein Ziel überleitende Frage zu tun ; wenn er dann aber der Gestalt seiner stattlich vor ihm dahinschreitenden Mutter ansichtig wurde , gab er ' s wieder auf , so daß er schließlich den Vorschlag machte , eine gerade vor ihnen liegende Waldlichtung in schräger Linie zu passieren , damit sie , statt immer zu folgen , auch mal an die Tete kämen . Er wußte zwar , daß er , in Folge dieses Manövers , den Blick der Mama vom Rücken oder von der Seite her haben würde , aber etwas auf den Vogel Strauß hin angelegt , fand er doch eine Beruhigung in dem Gefühl , die seinen Mut beständig lähmende Mama nicht immer gerade vor Augen haben zu müssen . Er konnte sich über diesen eigentümlichen Nervenzustand keine rechte Rechenschaft geben und entschied sich einfach für das , was ihm von zwei Übeln als das kleinere erschien . Die Benutzung der Schräglinie war geglückt , sie waren jetzt um ebensoviel voraus , als sie vorher zurück gewesen waren , und ein Gleichgültigkeitsgespräch fallenlassend , das sich , ziemlich gezwungen , um die Spargelbeete von Halensee samt ihrer Kultur und ihrer sanitären Bedeutung gedreht hatte , nahm Leopold einen plötzlichen Anlauf und sagte : » Wissen Sie , Corinna , daß ich Grüße für Sie habe ? « » Von wem ? « » Raten Sie . « » Nun , sagen wir von Mister Nelson . « » Aber das geht doch nicht mit rechten Dingen zu , das ist ja wie Hellseherei ; nun können Sie auch noch Briefe lesen , von denen Sie nicht einmal wissen , daß sie geschrieben wurden . « » Ja , Leopold , dabei könnt ich Sie nun belassen und mich vor Ihnen als Seherin etablieren . Aber ich werde mich hüten . Denn vor allem , was so mystisch und hypnotisch und geisterseherig ist , haben gesunde Menschen bloß ein Grauen . Und ein Grauen einzuflößen ist nicht das , was ich liebe . Mir ist es lieber , daß mir die Herzen guter Menschen zufallen . « » Ach , Corinna , das brauchen Sie sich doch nicht erst zu wünschen . Ich kann mir keinen Menschen denken , dessen Herz Ihnen nicht zufiele . Sie sollten nur lesen , was Mister Nelson über Sie geschrieben hat ; mit amusing fängt er an , und dann kommt charming und high-spirited , und mit fascinating schließt er ab . Und dann erst kommen die Grüße , die sich , nach allem , was voraufgegangen , beinahe nüchtern und alltäglich ausnehmen . Aber wie wußten Sie , daß die Grüße von Mister Nelson kämen ? « » Ein leichteres Rätsel ist mir nicht bald vorgekommen . Ihr Papa teilte mit , Sie kämen erst später , weil Sie nach Liverpool zu schreiben hätten . Nun , Liverpool heißt Mister Nelson . Und hat man erst Mister Nelson , so gibt sich das andere von selbst . Ich glaube , daß es mit aller Hellseherei ganz ähnlich liegt . Und sehen Sie , Leopold , mit derselben Leichtigkeit , mit der ich in Mister Nelsons Brief gelesen habe , mit derselben Sicherheit lese ich zum Beispiel Ihre Zukunft . « Ein tiefes Aufatmen Leopolds war die Antwort , und sein Herz hätte jubeln mögen , in einem Gefühl von Glück und Erlösung . Denn wenn Corinna richtig las , und sie mußte richtig lesen , so war er allem Anfragen und allen damit verknüpften Ängsten überhoben , und sie sprach dann aus , was er zu sagen noch immer nicht den Mut finden konnte . Wie beseligt nahm er ihre Hand und sagte : » Das können Sie nicht . « » Ist es so schwer ? « » Nein . Es ist eigentlich leicht . Aber leicht oder schwer , Corinna , lassen Sie mich ' s hören . Und ich will auch ehrlich sagen , ob Sie ' s getroffen haben oder nicht . Nur keine ferne Zukunft , bloß die nächste , allernächste . « » Nun denn « , hob Corinna schelmisch und hier und da mit besonderer Betonung an , » was ich sehe , ist das : zunächst ein schöner Septembertag , und vor einem schönen Hause halten viele schöne Kutschen , und die vorderste , mit einem Perückenkutscher auf dem Bock und zwei Bedienten hinten , das ist eine Brautkutsche . Der Straßendamm aber steht voller Menschen , die die Braut sehen wollen , und nun kommt die Braut , und neben ihr schreitet ihr Bräutigam , und dieser Bräutigam ist mein Freund Leopold Treibel . Und nun fährt die Brautkutsche , während die anderen Wagen folgen , an einem breiten , breiten Wasser hin ... « » Aber Corinna , Sie werden doch unsere Spree zwischen Schleuse und Jungfernbrücke nicht ein breites Wasser nennen wollen ... « » ... An einem breiten Wasser hin und hält endlich vor einer gotischen Kirche . « » Zwölf Apostel ... « » Und der Bräutigam steigt aus und bietet der Braut seinen Arm , und so schreitet das junge Paar der Kirche zu , drin schon die Orgel spielt und die Lichter brennen . « » Und nun ... « » Und nun stehen sie vor dem Altar , und nach dem Ringewechsel wird der Segen gesprochen und ein Lied gesungen oder doch der letzte Vers . Und nun geht es wieder zurück , an demselben breiten Wasser entlang , aber nicht dem Stadthause zu , von dem sie ausgefahren waren , sondern immer weiter ins Freie , bis sie vor einer Cottage-Villa halten ... « » Ja , Corinna , so soll es sein ... « » Bis sie vor einer Cottagevilla halten und vor einem Triumphbogen , an dessen oberster Wölbung ein Riesenkranz hängt , und in dem Kranze leuchten die beiden Anfangsbuchstaben : L und H. « » L und H ? « » Ja , Leopold , L und H. Und wie könnte es auch anders sein ? Denn die Brautkutsche kam ja von der Uhlenhorst her und fuhr die Alster entlang und nachher die Elbe hinunter , und nun halten sie vor der Munkschen Villa draußen in Blankenese , und L heißt Leopold und H heißt Hildegard . « Einen Augenblick überkam es Leopold wie wirkliche Verstimmung . Aber sich rasch besinnend , gab er der vorgeblichen Seherin einen kleinen Liebesklaps und sagte : » Sie sind immer dieselbe , Corinna . Und wenn der gute Nelson , der der beste Mensch und mein einziger Vertrauter ist , wenn er dies alles gehört hätte , so würd er begeistert sein und von capital fun sprechen , weil Sie mir so gnädig die Schwester meiner Schwägerin zuwenden wollen . « » Ich bin eben eine Prophetin « , sagte Corinna . » Prophetin « , wiederholte Leopold . » Aber diesmal eine falsche . Hildegard ist ein schönes Mädchen , und Hunderte würden sich glücklich schätzen . Aber Sie wissen , wie meine Mama zu dieser Frage steht ; sie leidet unter dem beständigen Sichbesserdünken der dortigen Anverwandten und hat es wohl hundertmal geschworen , daß ihr eine Hamburger Schwiegertochter , eine Repräsentantin aus dem großen Hause Thompson-Munk , gerade genug sei . Sie hat ganz ehrlich einen halben Haß gegen die Munks , und wenn ich mit Hildegard so vor sie hinträte , so weiß ich nicht , was geschähe ; sie würde nein sagen , und wir hätten eine furchtbare Szene . « » Wer weiß « , sagte Corinna , die jetzt das entscheidende Wort ganz nahe wußte . » ... Sie würde nein sagen und immer wieder nein , das ist so sicher wie Amen in der Kirche « , fuhr Leopold mit gehobener Stimme fort . » Aber dieser Fall kann sich gar nicht ereignen . Ich werde nicht mit Hildegard vor sie hintreten und werde statt dessen näher und besser wählen ... Ich weiß , und Sie wissen es auch , das Bild , das Sie da gemalt haben , es war nur Scherz und Übermut , und vor allem wissen Sie , wenn mir Armen überhaupt noch eine Triumphpforte gebaut werden soll , daß der Kranz , der dann zu Häupten hängt , einen ganz anderen Buchstaben als das Hildegard-H in hundert und tausend Blumen tragen müßte . Brauch ich zu sagen , welchen ? Ach , Corinna , ich kann ohne Sie nicht leben , und diese Stunde muß über mich entscheiden . Und nun sagen Sie ja oder nein . « Und unter diesen Worten nahm er ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen . Denn sie gingen im Schutz einer Haselnußhecke . Corinna - nach Confessions , wie diese , die Verlobung mit gutem Recht als ein fait accompli betrachtend - nahm klugerweise von jeder weiteren Auseinandersetzung Abstand und sagte nur kurzerhand : » Aber eines , Leopold , dürfen wir uns nicht verhehlen , uns stehen noch schwere Kämpfe bevor . Deine Mama hat an einer Munk genug , das leuchtet mir ein ; aber ob ihr eine Schmidt recht ist , ist noch sehr die Frage . Sie hat zwar mitunter Andeutungen gemacht , als ob ich ein Ideal in ihren Augen wäre , vielleicht weil ich das habe , was dir fehlt , und vielleicht auch , was Hildegard fehlt . Ich sage vielleicht und kann dies einschränkende Wort nicht genug betonen . Denn die Liebe , das seh ich klar , ist demütig , und ich fühle , wie meine Fehler von mir abfallen . Es soll dies ja ein Kennzeichen sein . Ja , Leopold , ein Leben voll Glück und Liebe liegt vor uns , aber es hat deinen Mut und deine Festigkeit zur Voraussetzung , und hier unter diesem Waldesdom , drin es geheimnisvoll rauscht und dämmert , hier , Leopold , mußt du mir schwören , ausharren zu wollen in deiner Liebe . « Leopold beteuerte , daß er nicht bloß wolle , daß er es auch werde . Denn wenn die Liebe demütig und bescheiden mache , was gewiß richtig sei , so mache sie sicherlich auch stark . Wenn Corinna sich geändert habe , er fühle sich auch ein anderer . » Und « , so schloß er , » das eine darf ich sagen , ich habe nie große Worte gemacht , und Prahlereien werden mir auch meine Feinde nicht nachsagen ; aber glaube mir , mir schlägt das Herz so hoch , so glücklich , daß ich mir Schwierigkeiten und Kämpfe beinah herbeiwünsche . Mich drängt es , dir zu zeigen , daß ich deiner wert bin ... « In diesem Augenblicke wurde die Mondsichel zwischen den Baumkronen sichtbar , und von Schloß Grunewald her , vor dem das Quartett eben angekommen war , klang es über den See herüber : » Wenn nach dir ich oft vergebens In die Nacht gesehn , Scheint der dunkle Strom des Lebens Trauernd stillzustehn ... « Und nun schwieg es , oder der Abendwind , der sich aufmachte , trug die Töne nach der anderen Seite hin . Eine Viertelstunde später hielt alles vor Paulsborn , und nachdem man sich daselbst wieder begrüßt und bei herumgereichtem Crême de Cacao ( Treibel selbst machte die Honneurs ) eine kurze Rast genommen hatte , brach man - die Wagen waren von Halensee her gefolgt - nach einigen Minuten endgültig auf , um die Rückfahrt anzutreten . Die Felgentreus nahmen bewegten Abschied von dem Quartett , jetzt lebhaft beklagend , den von Treibel vorgeschlagenen Kremser abgelehnt zu haben . Auch Leopold und Corinna trennten sich , aber doch nicht eher , als bis sie sich , im Schatten des hochstehenden Schilfes , noch einmal fest und verschwiegen die Hände gedrückt hatten . Elftes Kapitel Leopold , als man zur Abfahrt sich anschickte , mußte sich mit einem Platz vorn auf dem Bock des elterlichen Landauers begnügen , was ihm , alles in allem , immer noch lieber war , als innerhalb des Wagens selbst , en vue seiner Mutter zu sitzen , die doch vielleicht , sei ' s im Wald , sei ' s bei der kurzen Rast in Paulsborn , etwas bemerkt haben mochte ; Schmidt benutzte wieder den Vorortszug , während Corinna bei den Felgentreus mit einstieg . Man placierte sie , so gut es ging , zwischen das den Fond des Wagens redlich ausfüllende Ehepaar , und weil sie nach all dem Voraufgegangenen eine geringere Neigung zum Plaudern als sonst wohl hatte , so kam es ihr außerordentlich zupaß , sowohl Elfriede wie Blanca doppelt redelustig und noch ganz voll und beglückt von dem Quartett zu finden . Der Jodler , eine sehr gute Partie , schien über die freilich nur in Zivil erschienenen Sommerlieutenants einen entschiedenen Sieg davongetragen zu haben . Im übrigen ließen es sich die Felgentreus nicht nehmen , in der Adlerstraße vorzufahren und ihren Gast daselbst abzusetzen . Corinna bedankte sich herzlich und stieg , noch einmal grüßend , erst die drei Steinstufen und gleich danach vom Flur aus die alte Holztreppe hinauf . Sie hatte den Drücker zum Entree nicht mitgenommen , und so blieb ihr nichts anderes übrig , als zu klingeln , was sie nicht gerne tat . Alsbald erschien denn auch die Schmolke , die die Abwesenheit der » Herrschaft « , wie sie mitunter mit Betonung sagte , dazu benutzt hatte , sich ein bißchen sonntäglich herauszuputzen . Das Auffallendste war wieder die Haube , deren Rüschen eben aus dem Tolleisen zu kommen schienen . » Aber liebe Schmolke « , sagte Corinna , während sie die Tür wieder ins Schloß zog , » was ist denn los ? Ist Geburtstag ? Aber nein , den kenn ich ja . Oder seiner ? « » Nein « , sagte die Schmolke , » seiner is auch nich . Und da werd ich auch nicht solchen Schlips umbinden und solch Band . « » Aber wenn kein Geburtstag ist , was ist dann ? « » Nichts , Corinna . Muß denn immer was sein , wenn man sich mal ordentlich macht ? Sieh , du hast gut reden ; du sitzt jeden Tag , den Gott werden läßt , eine halbe Stunde vorm Spiegel , und mitunter auch noch länger , und brennst dir dein Wuschelhaar ... « » Aber , liebe Schmolke ... « » Ja , Corinna , du denkst , ich seh es nicht . Aber ich sehe alles und seh noch viel mehr ... Und ich kann dir auch sagen , Schmolke sagte mal , er fänd es eigentlich hübsch , solch Wuschelhaar ... « » Aber war denn Schmolke so ? « » Nein , Corinna , Schmolke war nich so . Schmolke war ein sehr anständiger Mann , und wenn man so was Sonderbares und eigentlich Unrechtes sagen darf , er war beinah zu anständig . Aber nun gib erst deinen Hut und deine Mantille . Gott , Kind , wie sieht denn das alles aus ? Is denn solch furchtbarer Staub ? Un noch ein Glück , daß es nich gedrippelt hat , denn is der Samt hin . Un soviel hat ein Professor auch nich , un wenn er auch nich geradezu klagt , Seide spinnen kann er nich . « » Nein , nein « , lachte Corinna . » Nu höre , Corinna , da lachst du nu wieder . Das ist aber gar nicht zum Lachen . Der Alte quält sich genug , und wenn er so die Bündel ins Haus kriegt und die Strippe mitunter nich ausreicht , so viele sind es , denn tut es mir mitunter ordentlich weh hier . Denn Papa is ein sehr guter Mann , und seine Sechzig drücken ihn nu doch auch schon ein bißchen . Er will es freilich nich wahrhaben und tut immer noch so , wie wenn er zwanzig wäre . Ja , hat sich was . Un neulich ist er von der Pferdebahn runtergesprungen , un ich muß auch gerade dazukommen ; na , ich dachte doch gleich , der Schlag soll mich rühren ... Aber nu sage , Corinna , was soll ich dir bringen ? Oder hast du schon gegessen und bist froh , wenn du nichts siehst ... « » Nein , ich habe nichts gegessen . Oder doch so gut wie nichts ; die Zwiebacke , die man kriegt , sind immer so alt . Und dann in Paulsborn einen kleinen süßen Likör . Das kann man doch nicht rechnen . Aber ich habe auch keinen rechten Appetit , und der Kopf ist mir so benommen ; ich werde am Ende krank ... « » Ach , dummes Zeug , Corinna . Das ist auch eine von deinen Nücken ; wenn du mal Ohrensausen hast oder ein bißchen heiße Stirn , dann redest du immer gleich von Nervenfieber . Un das is eigentlich gottlos , denn man muß den Teufel nich an die Wand malen . Es wird wohl ein bißchen feucht gewesen sein , ein bißchen neblig und Abenddunst . « » Ja , neblig war es gerade , wie wir neben dem Schilf standen , und der See war eigentlich gar nicht mehr zu sehen . Davon wird es wohl sein . Aber der Kopf ist mir wirklich benommen , und ich möchte zu Bett gehen und mich einmummeln . Und dann mag ich auch nicht mehr sprechen , wenn Papa nach Hause kommt . Und wer weiß , wann , und ob es nicht zu spät wird . « » Warum ist er denn nich gleich mitgekommen ? « » Er wollte nicht und hat ja auch seinen Abend heut . Ich glaube bei Kuhs . Und da sitzen sie meist lange , weil sich die Kälber mit einmischen . Aber mit Ihnen , liebe , gute Schmolke , möchte ich wohl noch eine halbe Stunde plaudern . Sie haben ja immer so was Herzliches ... « » Ach , rede doch nich , Corinna . Wovon soll ich denn was Herzliches haben ? Oder eigentlich , wovon soll ich denn was Herzliches nich haben . Du warst ja noch so , als ich ins Haus kam . « » Nun , also was Herzliches oder auch nicht was Herzliches « , sagte Corinna , » gefallen wird es mir schon . Und wenn ich liege , liebe Schmolke , dann bringen Sie mir meinen Tee ans Bett , die kleine Meißner Kanne , und die andere kleine Kanne , die nehmen Sie sich ; und bloß ein paar Teebrötchen , recht dünn geschnitten und nicht zuviel Butter . Denn ich muß mich mit meinem Magen in acht nehmen , sonst wird es gastrisch , und man liegt sechs Wochen . « » Is schon gut « , lachte die Schmolke und ging in die Küche , um den Kessel noch wieder in die Glut zu setzen . Denn heißes Wasser war immer da , und es bullerte nur noch nicht . Eine Viertelstunde später trat die Schmolke wieder ein und fand ihren Liebling schon im Bette . Corinna saß mehr auf , als sie lag , und empfing die Schmolke mit der trostreichen Versicherung , » es sei ihr schon viel besser « ; was man so immer zum Lobe der Bettwärme sage , das sei doch wahr , und sie glaube jetzt beinahe , daß sie noch mal durchkommen und alles glücklich überstehen werde . » Glaub ich auch « , sagte die Schmolke , während sie das Tablett auf den kleinen , am Kopfende stehenden Tisch setzte . » Nun , Corinna , von welchem soll ich dir einschenken ? Der hier , mit der abgebrochenen Tülle , hat länger gezogen , und ich weiß , du hast ihn gern stark und bitterlich , so daß er schon ein bißchen nach Tinte schmeckt ... « » Versteht sich , ich will von dem starken . Und dann ordentlich Zucker ; aber ganz wenig Milch , Milch macht immer gastrisch . « » Gott , Corinna , laß doch das Gastrische . Du liegst da wie ein Borsdorfer Apfel und redst immer , als ob dir der Tod schon um die Nase säße . Nein , Corinnchen , so schnell geht es nich . Un nu nimm dir ein Teebrötchen . Ich habe sie so dünn geschnitten , wie ' s nur gehen wollte ... « » Das ist recht . Aber da haben Sie ja eine Schinkenstulle mit reingebracht . « » Für mich , Corinnchen