von den künftigen Tagen , so daß die Nacht hinfloß und die Sterne erblichen , ehe er daran dachte . Mit einem Male fühlte er aber , daß er kein Glied mehr rühren konnte vor Mattigkeit , und da warf er sich so , wie er war , mit den Kleidern auf sein Lager . Als ihn das Mädchen schlafen hörte , ließ sie die Arme niedergleiten , sie war ja tausendmal müder als er - aber es jagte und hämmerte doch in ihr , und sie getraute sich nicht eher zu ruhen , als bis alles geschehen war . - Nun schleppte sie noch eine Kiste herbei , packte sie fest und sauber , endlich war sie mit allem fertig . Als die Sonne ein rosiges Wölkchen voranschickte und dann eine ganze Flut von rötlichem Licht , sah der lange Hof aus , als ob er schamrot würde anstatt der Leute , die in seinen Mauern schliefen und sich nur im Traum noch nicht die Steine zurechtlegen konnten , die sie bald auf die Wehrloseste unter ihnen warfen . Als die Sonne immer weiter heraufkam und ihr strahlendes Gesicht in den Scheiben spiegelte und mit heißem Blick in alle Fenster lugte , da setzte sich die Hanne still nieder und nahm Abschied von dem Kinde und von dem Vater . - Es war ein stummer , tränenloser Abschied , sie betrachtete die beiden gleich einem hilflosen Tier , dem eine rohe Hand die ganze Brut genommen und das Nest zerstört hat - dort liegt das Letzte , und die Hand greift noch einmal - und es bleibt gar nichts mehr zurück als Schmerz . - Was wird die kleine , weiße Hand , von der sie sein Leben erbettelt hat , mit den beiden beginnen ? - Da fällt ein Sonnenstrahl über das schlafheiße Gesicht des Leopold . Nimmer , nimmer sehen ! - Er geht fort für immer . Die Sonne liegt heiß auf seiner Stirne , darum fährt der Leopold auf , fährt mit der Hand über den Kopf , sinnt eine Weile nach , erblickt den vollgestopften Koffer , die Kiste , und er lacht dann hell auf , denn er meinte schon , er hätte die schöne Geschichte von der Lene nur geträumt . Und nun beginnt er sich zu waschen , zu kämmen , zu bürsten , und die Hanne macht sich an das Kind und putzt es her , als ob Feiertag wäre . Der kleine Bursche ist so fröhlich wie lange nicht , öfter als einmal will er von dem Arm der Hanne hinüber zu seinem Vater , der manchmal ruft und lacht , vielleicht ist es das heitere Gesicht des Leopold , das dem Buben so gefällt . Je später es wird , desto ruheloser treibt sich der Mann in der Stube herum , sein Herz , seine Seele sind ihm ja vorangeeilt , da tappt und hastet nur der Leib und möchte so rasch als möglich der Seele nachlaufen . - Sooft er in die Nähe der Uhr kommt , bleibt er stehen und lauert auf das unmerkliche Weiterrücken des Zeigers . Die Leute gehen auch langsamer durch den Hof als sonst , sie schauen auffällig nach der Türe und dem Fenster des Leopold , sie wissen bereits , daß er fortgeht ; der Hausmeister hat es schon weitergetragen . Wie sich der Mann auf seinen alten Platz am Fenster setzt , da grüßt ihn sogar eines der Weiber , er merkt es aber nicht , er schaut nur über den Hof hinweg auf die Straße , die von hellem Sonnenschein vergoldet vor ihm liegt . Der Hausmeister kommt herangeschlurft und sagt mit einem Blick über die Achsel : » Die - hat mir heut nacht gesagt , daß du gehst - ich soll dir die Kisten nachbringen , ist es wahr ? « » Wahr ist es « , erwiderte der Leopold kurz . » Wann ? « » Gegen Mittag . « » Zu deinem Weib ? « » Ja . « » Gut , daß die Wirtschaft da ein End hat . War eine Schand für unser Haus « , brummte vergnügt der Mann . » Darum hat dich niemand gefragt « , sagte der Leopold , stand auf und ging zurück in die Stube . » Es ist Zeit « , mahnte die Hanne und knüpfte dem Kinde noch ein seidenes Tüchlein um den Hals . » Wenn der Bub nur ein wenig hustet , so gebt ihm gleich einen kalten Umschlag um den Hals - merke dir das - , seit der Bräune ist er empfindlich , und einschlafen tut er jetzt nur auf der rechten Seite - sonst kriegt er Herzklopfen - und Grießsuppe darf er keine essen , die vertragt er nicht - und jetzt - jetzt geht , geh in Gottes Namen - jetzt - geh - Lepold . « So , da standen nun die Nachbarn alle in der Nähe der Türe und warteten und steckten die Köpfe zusammen . Richtig , jetzt geht die Türe auf , und der Leopold kommt heraus . Zwischen Tür und Angel schüttelt ihm die Hanne noch einmal die Hand , und dann legt sie ihm das Kind in den Arm , und jetzt geht er . » Lepold , wart ! « ruft die Hanne bei dem ersten Schritt , den er macht . Sie legt ihm die Hand auf die Schulter und flüstert , damit es die Umstehenden nicht hören können : » Ich hab noch vergessen , dir zu sagen , daß du still sein sollst . - Sag der Lene niemals die Wahrheit wegen uns zwei . - Sie tät es dir doch nicht glauben und hätt dann « - die Hanne konnte das Wort nicht finden für das , was sie doch deutlich empfand . » Ich mein halt , sie hätt dir weniger zu verzeihen , wenn sie die Wahrheit wüßt , und sie verzeiht dir halt jetzt gern recht viel . « - Das Mädchen stammelte und verdeckte ihre gramerfüllten Augen mit der Hand , um sie vor den Sonnenstrahlen zu schützen . » Ich werd schon in der rechten Stunde das Rechte sagen « , erwiderte der Leopold ernsthaft und ging langsam weiter . » Renn ihm nach , deinem Schatz ! « » Er laßt sich nimmer halten , gelt ? « » Hast dir eingebildet , du bist schöner als die Lene ? « » Aus der Tanz . « So schwirrte es rechts und links um sie , und sie hörte es doch gleichsam aus weiter , weiter Ferne - sie lief in die Stube und eilte wie suchend zu dem Platz am Fenster , wo er noch vor Minuten saß , dort kauerte sie sich hin und blickte ihm nach , der mit festen Schritten weiter und weiter ging . - Jetzt hielt ihn nichts mehr zurück - er hatte den Hof hinter sich - die Einfahrt jetzt - nun ging er durch den Torbogen - und jetzt schritt er schon die sonnenhelle Straße hinab - immer weiter fort - immer kleiner und kleiner wird der Mensch - da wirbelt eine Staubwolke - sie verschwindet - und der Leopold ist nimmer zu sehen . Niemand sprach ein freundliches Wort zu ihr , sie glotzten sie nur stumm an oder schmähten sie halblaut , dann kicherten sie und zuckten die Achseln . Als sie aber bewegungslos in der Sonnenhitze sitzen blieb , begannen sie allmählich , an ihr Tagwerk zu gehen , nur die Hanni rührte sich nicht , sie schaute noch immer - immer hinaus auf die Straße . Erst als der Hausmeister kam und all das Zeug für den Leopold holte , da regte sie sich , half ihm heben und schieben , und wie alles auf dem Karren war und der Mann davonfuhr , schloß sie das Fenster , kam heraus , sperrte die Türe ab und eilte hinüber auf den Trockenplatz . Vorsichtig spähte sie dort um und um und erhaschte die Minute , wo sie ungesehen ihr Versteck erreichen konnte , sie schob die Bretter beiseite und kroch in den Judengarten . » O mein Gott ... mein Gott ! « wimmerte sie , watete durch das hohe Gras , schwankte und taumelte mit leichenfahlem Antlitz dem Hügel zu - aber da stierte ihr zwischen den Zweigen ein Gesicht entgegen , so bleich und verstört wie ihr eigenes . » Hab lang da auf dich g ' wart ' ! Ich hab g ' wußt , du wirst daherkommen , dich ausheulen , weil dein Schatz ein Kalfakter ist und ... « Doch die Strohschneider-Marie konnte nicht ausreden , sie sprang auf und breitete die Arme aus , denn das lange Mädchen fiel gerade , wie es stand , auf den Hügel und regte sich nicht . » So , da hab ich die Bescherung « , seufzte die Kneipensängerin und öffnete behutsam das Kleid der Hanni , setzte sich zu ihren Häupten und nahm den Kopf der Ohnmächtigen in ihren Schoß . Fast zärtlich strich sie ihr das Haar aus der Stirne , und als die Hanne wieder zu atmen begann , sagte sie tröstend : » Leg ein Stein drauf . - Wirst nicht dran sterben , halt dich nur zusammen . Überleben kann man jede traurige Dummheit , freilich , vergessen wirst ' s dein Lebtag nicht , was die Blauen Gäns für G ' sichter g ' macht haben , wie dein Schatz von dir fortgangen ist . « » Er war nicht - « , schluchzte die Hanni , preßte aber schnell die gefalteten Hände an den Mund . » Halt dich zusamm ' , vielleicht wirft ihn seine tugendhafte Frau mitsamt seinem Buben bald hinaus , dann kommt er g ' schwind wieder zu dir , denn eine dümmere als dich find ' t er gar nirgends , und Charakter hat er schon lang keinen mehr , davon könnt ich dir eine G ' schicht erzähln von lang her ... Damals hatte er noch alle zwei Arm g ' habt - und ich war ein blutjunges Mädel . Wie er heimkommen ist , hat er mich kaum mehr kennen wollen und mich über die Achsel ang ' schaut , und er hat doch recht gut g ' wußt , er ganz allein , wie er mich g ' funden hat drei Jahr früher . Jetzt weißt ' s. Wart schön ruhig , er kommt bald wieder ... « Er kam aber nie wieder . Zur selben Stunde , als die Hanni verstört und zerbrochen auf dem Hügel des Judengartens kauerte , lag in dem Zimmer der Leni auf dem grauweißen Teppich mit den blauen Blümchen ein stiller Mann . Er hatte die Augen weit offen und starrte mit einem klagenden Blick ins Leere . Um seinen Mund stand ein ödes Lächeln , wie von einem Bildhauer mit dem Daumen in weichen Lehm gedrückt , unfertig und halb verwischt . Aus der schmalen Brustwunde sickerte noch das Blut , als die Menschen in das blau-weiße Zimmer stürzten und ihn tot fanden . Sein Taschenmesser lag neben ihm , er hatte sich gut getroffen damit . » Warum ? « fragten die Leute seine junge schöne Witwe . Die Leni wurde bleich und rot , zitterte und stammelte züchtig : » Weil ich ihm hab sagen müssen , daß ich nimmer sein Weib sein kann , nachdem er meiner falschen Freundin ihr Schatz war . Ich hab ihm und ihr alles verziehen , aber vergessen kann ich es nicht . « Am nächsten Morgen schickte sie den kleinen Polderl zu der falschen Freundin , um den letzten Willen des Sterbenden zu erfüllen , damit er nur gewiß rasch Ruhe fände in seinem Grabe . Der junge Soldat hat die Geschichte seiner Eltern zu Ende gelesen , er dreht die Lampe aus und schaut hinauf zu der bleichen Mondscheibe , die in dem grauen Morgenhimmel verschwimmt . » Jungfer Murter ! « sagt er leise und weich , » bist schon munter ? « » Ich hab nicht g ' schlafen , Kind . « » Und ganz g ' nau hast du dem einsamen Spatz die G ' schicht erzählt ? « » Freilich . So wie ' s halt war . - G ' hört und g ' sehn hat er ja selber auch viel , dein Herr Vater hat oft die längste Zeit mit ihm g ' redt , besonders nach seiner schweren Krankheit . Alle Leut im Haus hat er auch allerweil ausgefragt und hat über unser ganzes Haus ein großes Buch zusammeng ' dicht , mir hat er extra das davon abg ' schrieb ' n , weil ' s dich angeht , aber ich kann ' s halt nicht lesen « , seufzt sie beschämt . Er richtet sich auf , sitzt eine Weile nachdenklich auf dem Rand seines Lagers , schlenkert mit den Beinen langsam hin und her , wie er es als Bürschlein getan , wenn er über seinen Aufgaben brüten mußte , nagt an dem kleinen Finger , und dann sagt er langsam mit der sanft klingenden Stimme seiner schönen Mutter : » Sie riechen noch allerweil , die Rosen von - ihr , aber - nimmermehr gut . « » So mach ' s Fenster auf . Weißt , sie verwelken halt g ' schwind , weil ' s auf lauter Draht g ' bunden sein . « » So wie die falschen Rosen , gelt ? « Er nickt ernsthaft und öffnet das Fenster , aber so , als ob er etwas sehr Wichtiges täte , dann setzt er sich wieder bedächtig auf sein Lager und betrachtet aufmerksam die Spitze von seinem kleinen Finger . Ein dünner Nebel schwebt draußen über dem Hof ; in dem mageren Akazienbaum zirpen die Spatzen , sonst ist es still . Die feuchtkalte Morgenluft strömt in das Zimmer und verdrängt langsam den herben Rosenduft . » Murterl ! Heut schicken wir der Frau Mutter ihren Buschen zurück ! « » Warum , mein Kind ? « » Weil ich nicht selbst damit hingehn mag - und weil ich mein Lebtag nimmer zu ihr geh ! « » Aber Bub ! Warum ? « stammelt die Hanni erschreckt . » Weil sie gelogen hat , weil sie gesagt hat , daß du der Schatz von meinem Vater warst , Jungfer Mutter ! « Es ist mit einmal , als sei jeder Laut erstorben in der Natur und in den vier Wänden da . Und jetzt ein verschämtes , schwaches , bitterliches Weinen - und gleich danach das atemlose Schweigen wieder - und nun , jählings , ungestüm , unaufhaltsam , ein widerstandsloses , befreiendes Schluchzen . » O mein Herr und Gott ! - - Lepold ! ... Kind ! ... Wer hat dir die Wahrheit gesagt ? ... Du bist der erste , der das weiß und glaubt ! ... Wer hat dir ' s g ' sagt ... wer ! ? « » Ach geh ! - Wer ? - Mein kleiner Finger - und der Vollmond - « , scherzt der Leopold , und dabei schaut er immer auf das Büchlein , lächelt zufrieden und zwirbelt beide Enden seines Schnurrbärtchens recht selbstbewußt auf . Die alte Jungfer bewegt lautlos die Lippen und weint noch immer vor sich hin . Da fliegt ein Schatten über sein frisches Gesicht . » Mußt nicht weinen « , er deutet lässig hinauf zu der weißen Mondscheibe , die noch am Morgenhimmel steht , und seine Stimme zittert leicht . » Schau nur den Mond an , wie schneeweiß der worden ist , siehst ' s , der schämt sich , daß die Leut auf der Welt manchmal keine Augen und kein Hirn im Kopf haben und ' s Herz nur am Sonntag einhängen , wenn ' s ausgehn , weil wo was Besonders passieren könnt , wo sie ' s herzeigen müssen . - Mit den G ' schichten , die sie alle Tag sehn und mit denen sie alt werden , strengen sie sich nimmer an . « » Poldl , zum Erschrecken ist dir das , du redst wie dein seliger Vater manchmal ! - Aber glaub mir , mein Kind , es gibt auch viel gute , gute Leut - ich hab ' s kenneng ' lernt ! « » Du ! ? - Kann schon sein ! - Wenn ' s g ' nug g ' schimpft haben und wenn man nichts braucht hat von ihnen , nachher sein ' s die allerbesten . - Wer hat denn dir geholfen ? « Der Leopold läßt seine zehn Finger rasch nacheinander knacken und horcht gespannt , dem Bettschirm zugewendet . » Na « , erwidert die Hanni , breit herzählend , » die Laternanzünderin hat dir ein Gugelhupf g ' macht , und der einsame Spatz hat mir deine Brief vorg ' lesen und dir genau so g ' schrieben , wie ich ' s ihm angesagt hab , und nachher « , sagt sie sinnend . » Nachher ? « » Unser Herrgott ! Der hat mich allerweil g ' sund sein lassen , mir Arbeit geben und dich wieder heimg ' schickt . Das andere hat halt so sein müssen . « » Alte ! Du redst wie die türkischen Bosniaken ! « » Ich red von meinem Herrgott ! « sagt die Hanni erstaunt und als ob sie etwas Unheiliges abwehren müßte . » Ja , ja , freilich , der ist wer ! « » Poldl , ich bitt dich um was « , klingt es leise herüber zu ihm durch das graue Dämmerlicht und den letzten faden Hauch der welken Rosen . » So ? - Mich ? - Du ? - Na , was denn ? « fragt er und starrt auf den alten Bettschirm . » Daß du deine Frau Mutter nicht verstoßen tust , weil ' s gelogen hat . Es könnt dir Unglück bringen . « Der Soldat springt auf , packt sich mit beiden Handflächen an den Schläfen und schüttelt so zwei- , dreimal seinen eigenen Kopf gewalttätig nach rechts und links . » Schau , sie ist halt doch deine rechte Mutter ! « bittet es eindringlich aus dem dunklen Winkel zu ihm . » Sie soll meinen Vater wieder lebendig machen ! «