augenscheinlich nicht bloß in Erregung , sondern in geradezu schlechter Laune . Sie warf das Blatt beiseite , und statt der sonst üblichen gnädigen Begrüßung erfolgte nur die Frage : » Haben Sie schon gelesen , meine Herren ? « Holk , dem als einem halben Fremden keine besondere Leseverpflichtung oblag , blieb ruhig ; Pentz aber kam in Verlegenheit , um so mehr , als er neuerdings öfters auf solchen Unterlassungssünden ertappt worden war . Diese sehr sichtbare Verlegenheit stellte aber die gute Stimmung der Prinzessin sofort wieder her . » Nun , lieber Pentz , erschrecken Sie nicht zu sehr und lassen Sie mich zu Ihrer Beruhigung sagen , daß mir , im langen Laufe der Jahre - und nach solchen müssen wir doch nachgerade rechnen - , ein Mann der Trüffel-und Wildbretpastete wie Sie viel , viel lieber ist als ein Mann der Politik und des Zeitungsklatsches oder gar der Zeitungsmalice . Denn mit einer solchen haben wir ' s hier zu tun . Es wird zwar ein Handelshaus vorgeschoben , noch dazu ein Handelshaus in Kokkegarde , aber es bedarf nicht vieler Einsicht und Vertrautheit , um die Personen zu erraten , die diesen Skandal in Szene gesetzt haben . « In Pentz ' Gesicht verschwand der Ausdruck der Verlegenheit , und der der Neugierde trat an seine Stelle . » Mutmaßlich Unpassendheiten über die Gräfin ... « » O nein « , lachte die Prinzessin herzlich . » Unpassendheiten über die Gräfin gibt es erstlich überhaupt nicht , und wenn Sie das Muster eines Kammerherrn wären , Gott sei Dank sind Sie ' s nicht , so würden Sie meinen Ihnen wohlbekannten Gefühlen für die Gräfin etwas ausgiebiger Rechnung tragen . Aber so sind Sie , Baron , und vergessen im Hinblick auf das Frühstück , wenn Sie ' s nicht schon genommen , daß ein Pasquill über die Danner meine gute , nicht aber meine schlechte Laune geweckt haben könnte . Ja , lieber Pentz , da haben Sie sich verfahren oder vielleicht selbst verraten , und lebten wir in anderen Zeiten , so begäb ich mich recte zum König und ging ' ihn an , Ihnen einen Struensee-Prozeß zu machen und Sie der unerlaubten Beziehungen zur Gräfin-Putzmacherin zu zeihen . Denken Sie , wenn dann Ihr Haupt fiele ! Doch ich will Sie so weit nicht bedrohen und verurteile Sie nur , den Artikel zu lesen , hier den : Ebba hat jede Zeile rot unterstrichen , sie liebt dergleichen , und dann mögen Sie sich wundern , wie weit wir in Dänemark mit unserem Regiment der Gasse bereits gekommen sind . Regiment der Gasse , leider ; - vor Holk sollten wir uns freilich sträuben , es zuzugestehen , denn es stellt uns bloß und ist nur Wasser auf seine schleswig-holsteinsche Mühle . Doch was hilft es , der Artikel ist nun mal da , und wenn er ihn hier nicht liest , so liest er ihn in seiner Wohnung , oder die Frau Kapitän Hansen liest ihn ihm wohl gar vor . Leute , die selber Anspruch auf einen Artikel oder ähnliches haben , sind immer am durstigsten nach allem , was Sensation macht . « Holk fühlte sich unangenehm berührt , weil er aus dieser Schlußbemerkung aufs neue heraushörte , daß der gute Leumund der Hansens ein großes Fragezeichen habe ; es war aber nicht Zeit , sich diesem Gefühle hinzugehen , denn Pentz hatte das Blatt bereits in die Hand genommen und begann , während er sein Pincenez hin und her schob : » Erbprinzlich Ferdinandsche Wechsel zu verkaufen ! « » Nun , Pentz , Sie stocken ja schon und ziehen Ihr Taschentuch , mutmaßlich um Ihre Gläser zu putzen und sich zu vergewissern , daß Sie recht gelesen haben . Aber Sie haben recht gelesen . Fahren Sie nur fort . « » ... Verschiedene vom Prinzen Ferdinand , Königliche Hoheit , und zwar unter dem Zusatze : bei meiner königlichen Ehre , ausgestellte Wechsel , indossiert von seinem Kammerassessor Plöther , sind zu verkaufen , und zwar für den Wert , den eventuelle Liebhaber , beziehungsweise Sammel- und Kuriositätenamateurs , Papieren von solcher Bedeutung beimessen wollen , doch nicht unter fünfzig Prozent . Man beliebe sich an das Comptoir Kokkegarde 143 zu wenden ... « Pentz legte das Blatt nieder ; der Artikel war zu Ende . » Nun , meine Herren , was sagen Sie zu diesem Vorkommnis , von dem ich behaupten darf , ähnliches in meinen siebzig Jahren noch nicht erlebt zu haben . Sie schweigen , und Holk ist mutmaßlich der Meinung : wie man sich bettet , so liegt man ; wer Wechsel ausstellt , und noch dazu bei seiner königlichen Ehre , hat die Wechsel einzulösen , und unterläßt er ' s , so muß er sich ' s gefallen lassen , wie ' s hier geschieht , von Kokkegarde 143 aus an den Pranger gestellt zu werden . So denkt mutmaßlich Holk , und er hat recht ; gewiß , es liegt so . Der Prinz ist mir auch durchaus gleichgültig , und je mehr er sich ruiniert , je mehr kommt es dem zustatten , der bestimmt ist , an dieses sogenannten Erbprinzen Stelle , wirklich der Erbe dieses Landes zu sein . Aber ich kann mich der egoistischen Freude darüber , meine politischen Pläne gefördert zu sehen , doch nicht ganz hingehen , wenn soviel anderes und schließlich Wichtigeres dabei verlorengeht ... Kein Vogel beschmutzt das eigene Nest , und es gibt eine Solidarität der Interessen , die das Königtum als solches anerkennen muß , sonst ist es um das Königtum geschehen . Ich könnte mich über Dagbladet aigrieren , und ich gestehe , mein erster Unmut ging nach dieser Seite hin . Aber was ist eine Zeitung ? Nichts . Aigriert bin ich über den König , dem dies Gefühl der Solidarität abhanden gekommen ist . Er denkt an nichts als an die Danner und an das Ausgraben von Riesenbetten , an und für sich sehr verschiedene Dinge , die sich freilich vielleicht auch wieder in der Vorstellung der Zukunft zu einer seltsamen Einheit zusammentun werden . Vor allem denkt er : après nous le déluge . Und das ist ein Unglück . Ich hasse Moralpredigten und Tugendsimpeleien , aber andererseits bleibt doch auch bestehen : es ist nichts mit den laxen Grundsätzen - Grundsätze sind wichtiger als das Tatsächliche . Das sag ich Ihnen , lieber Pentz . Mit Holk liegt es anders , er ist ein Deutscher , und wenn er auch vielleicht ins Schwanken kommt ( die Rosenberg hat mir wahre Wunderdinge von der Frau Brigitte Hansen erzählt ) , so hat er eben seine Frau Christine daheim . Und ich müßte mich sehr in ihr irren , wenn sie nicht mit ihrer Macht von Holkenäs bis Kopenhagen reichen sollte . Und nun au revoir , meine Herren . « Siebzehntes Kapitel Holk hatte nicht Zeit , sich Betrachtungen über das eben Gehörte hinzugeben , denn es war ein besuchreicher und überhaupt ein ziemlich unruhiger Tag . Um zwölf erschienen zwei bildschöne » petit-nièces « der Prinzessin , noch halbe Kinder , um die Großtante zum Besuch einer historischen Ausstellung abzuholen , die die Professoren Marstrand und Melbye seit dem 1. Oktober in einigen Nebensälen des Museums eröffnet hatten . Die ganze Stadt sprach von dieser Ausstellung , und wie gewöhnlich trat das Politische daneben zurück , trotzdem es gerade Tage waren , in denen nicht nur ein Ministerium , sondern fast auch die Monarchie in Frage stand . Aber was bedeutete das neben großstädtischer und nun gar Kopenhagener Vergnügungssucht , die sich diesmal außerdem noch hinter einem großen Worte verstecken und als Patriotismus ausgeben konnte . Denn was es da zu sehen gab , war etwas nie Dagewesenes , eine dänische Nationalausstellung , zu der man alles , was an historischen Porträts in Stadt und Land existierte , sorglich zusammengetragen hatte . Mit Kniestücken Christians II. und seiner Gemahlin Isabella fing es an und schloß mit drei lebensgroßen Porträts Friedrichs VII. , des jetzt regierenden Königs Majestät , ab . In einiger Entfernung war auch das Bildnis der Danner . Dazwischen endlose Schlachten zu Land und zu See , Kämpfe mit den Lübischen , Erstürmung von Wisby , Bombardement von Kopenhagen , überall rotröckige Generäle , noch mehr aber Seehelden aus mindestens drei Jahrhunderten und natürlich auch Thorwaldsen und Oehlenschläger und der häßliche alte Grundtvig . Die Prinzessin zeigte nur ein mäßiges Interesse , weil das meiste , was sie sah , den zahlreichen über Seeland hin zerstreuten königlichen Schlössern entnommen , ihr also seit lange bekannt war ; die jungen Großnichten aber waren Feuer und Flamme , fragten hierhin und dorthin und konnten einen Augenblick wirklich die Vorstellung wecken , als ob sie jedem alten Admiral , von denen einer der berühmtesten ein Pflaster über dem einen Auge hatte , die vollste Bewunderung entgegenbrächten . Aber auf die Dauer entging es doch niemandem , weder der Prinzessin noch ihrer Umgebung , daß das ganze Interesse für Admiräle nur Schein und Komödie war und daß die jungen Prinzessinnen immer nur andächtig vor den Bildnissen solcher Personen verweilten , die , gleichviel ob Männer oder Frauen , mit irgendeiner romantisch-mysteriösen Liebesgeschichte verknüpft waren . » Sonderbar « , sagte Pentz zu Ebba und wies auf die ältere der beiden Prinzessinnen , die , wie ' s schien , von dem Struensee-Porträt gar nicht loskonnte . » Nein « , lachte Ebba . » Nicht sonderbar . Durchaus nicht . Oder verlangen Sie , daß sich junge Prinzessinnen für den alten Grundtvig oder gar für den Bischof Monrad interessieren sollen ? Das Bischöfliche wiegt nicht schwer , wenn man vierzehn ist . « » Aber das Struenseesche ? « » Sans doute . « Am Nachmittage machte die Prinzessin , was nicht oft vorkam , einen Ausflug in die Umgegend , und am Abend , etwas noch Selteneres , erschien sie sogar in ihrer Theaterloge , hinter ihr die Schimmelmann und Ebba , hinter diesen Pentz und Holk . Es wurde der zweite Teil von Shakespeares » Heinrich IV. « gegeben , und nach dem dritten Akte , dem eine längere Pause folgte , nahm man den Tee , wobei wie gewöhnlich fleißig kritisiert wurde , denn die Prinzessin hatte noch die literarischen Allüren des vorigen Jahrhunderts . Es erheiterte sie , daß man nicht bloß zu keinem einheitlichen Urteil kommen konnte , sondern daß jeder seinen Liebling und seine Renonce hatte , nicht bloß hinsichtlich der Schauspieler , sondern auch in Rücksicht auf die Shakespeareschen Figuren . Die Prinzessin selbst , die immer was Besonderes haben mußte , war am meisten für die beiden Friedensrichter eingenommen und erklärte , diesen Geschmack schon in ihren jungen Jahren gehabt zu haben ; eine vollendete Darstellung des Philisteriums habe sie von jeher mehr entzückt als alles andere , und nicht bloß auf der Bühne . Solche Friedensrichter liefen auch in der hohen Politik umher , und in jedem Ministerium - ja , sie könne selbst ihren Freund Hall nicht ganz ausnehmen - , zumal aber in jeder Synode säße mindestens ein halbes Dutzend Figuren wie Schaal und Stille . Von Falstaff wollte niemand etwas wissen , vielleicht weil er nicht ganz gut gegeben wurde , wogegen Holk für Fähnrich Pistol und Pentz für Dorchen Lakenreißer schwärmte . Doch unterließ er es , den vollen Namen zu nennen , und sprach immer nur von » Dorchen « . Die Prinzessin ließ ihm , wie sie sagte , diese Geschmacksverirrung ruhig hingehen , ja , hatte Worte halber Anerkennung für ihn , weil er wenigstens ehrlich und konsequent bleibe ; zudem sei es das klügste ; jede andere Versicherung seinerseits würde doch nur ihrem Mißtrauen begegnet sein . Ebba mühte sich , auf diesen scherzhaften Ton der Prinzessin einzugehen , scheiterte aber völlig damit und verfiel schließlich in ein sich immer steigerndes nervöses Zucken und Zittern . Holk , der es sah , versuchte dem Gespräch eine andere Wendung zu geben , kam aber nicht weit damit und war herzensfroh , als das Spiel auf der Bühne wieder seinen Anfang nahm . Man blieb indessen nicht lange mehr , kaum noch bis zum Schlusse des nächsten Aktes , dann wurde der Wagen befohlen , und Pentz und Holk , nachdem sie seitens der Prinzessin gnädig entlassen waren , schlenderten , auf einem Umweg , auf Vincents Restaurant zu , wo sie , bei schwedischem Punsch , eine Plauderstunde zu haben wünschten . Unterwegs sagte Holk : » Sagen Sie , Pentz , was war das mit der Rosenberg ? Sie war dicht vor einem hysterischen Anfall . Peinlich und noch mehr verwunderlich . « » Ja , peinlich . Aber verwunderlich gar nicht . « » Wie das ? « Pentz lachte . » Lieber Holk , ich sehe , daß Sie die Weiber doch herzlich schlecht kennen . « » Ich mag nicht das Gegenteil behaupten , denn ich hasse Renommistereien , und am meisten auf diesem Gebiete . Aber über die Rosenberg glaubte ich im klaren zu sein und glaub es noch . Ich halte das Fräulein für freigeistig und übermütig und behaupte ganz ernsthaft , wer mit Glaubens- und Moralfragen so zu spielen weiß , der ist auch sozusagen verpflichtet , an Falstaffs Dorchen eine helle Freude zu haben oder doch mindestens keinen Anstoß daran zu nehmen . « » Ja , das denken Sie , Holk . Aber das ist es ja eben , weshalb ich Ihnen die Weiberkenntnis abspreche . Wenn Sie die hätten , so würden Sie wissen , daß gerade die , die dies und das auf dem Kerbholz haben , sich durch nichts so sehr verletzt fühlen wie durch ein grobes und unter Umständen selbst durch ein leises Zerrbild ihrer selbst . Mit ihrem richtigen Spiegelbilde leben sie sich ein , auch wenn ihnen gelegentlich ein Zweifel an der besonderen Berechtigung ihrer moralischen Physiognomie kommen mag ; taucht aber neben diesem Bilde noch ein zweites auf , das die schon zweifelhaften Stellen auch noch mit einem Agio wiedergibt , so hat es mit der Selbstgefälligkeit ein Ende . Mit anderen Worten , das Stücklein Eva , das solche süspekte Damen repräsentieren , sind sie geneigt noch gerade passieren zu lassen , aber nun auch kein Deutchen mehr davon , ein Mehr ist schlechterdings unzulässig , und tritt es ihnen trotzdem entgegen , so schrecken sie zusammen und kriegen den Weinkrampf . « Holk blieb stehen und sagte dann : » Liegt es so ? Sagen Sie da nicht mehr , Pentz , als Sie verantworten können ? Ich kann doch , um nur eins zu nennen , nicht wohl annehmen , daß die Prinzessin , als sie das Fräulein an den Hof zog , eine Wahl getroffen hat , die sich , anderer Bedenken zu geschweigen , schon mit Rücksicht auf die Danner , diesen Gegenstand ihrer beständigen moralischen Angriffe , verboten haben würde . « » Und doch ist es so . Zurückzunehmen ist meinerseits nichts . Ebba wünscht sich eine Zukunft , das ist gewiß , und nur eins ist noch gewisser - sie hat eine Vergangenheit . « » Können Sie darüber sprechen ? « » Ja . Ich bin in der angenehmen Lage , vor nichts haltmachen zu müssen und am wenigsten vor Fräulein Ebba . Wer selbst sowenig Schonung übt , hat Schonung verwirkt , und der beständige Spötter über Diskretion , was hab ich nicht alles aus dem Munde dieses Sprühteufels hören müssen , darf seinerseits keinen Anspruch auf Diskretion erheben . « » Und was war es ? « unterbrach Holk , der immer neugieriger wurde . » Wenn Sie wollen , nichts oder doch jedenfalls nicht viel . Alles Durchschnittsgeschichte . Sie war Hofdame bei der Königin Josephina drüben in Stockholm . Die Leuchtenbergs , wie Sie wissen , sind alle sehr liebenswürdig . Nun , es ist ein Jahr jetzt oder etwas länger , daß man sich über die Zärtlichkeiten und Aufmerksamkeiten zu wundern anfing , die mit einem Male der jüngste Sohn der Königin ... « » Der Herzog von Jämtland ... « » Eben der ... , die mit einem Male der jüngste Sohn der Königin für seine Mutter an den Tag legte . Die Verwunderung indes währte nicht allzu lange . Sie kennen die kleinen Boote , die zwischen den Liebesinseln des Mälarsees hin- und herfahren , und da man die Stockholmer Gondolieri so gut bestechen kann wie die venezianischen , so lagen die Motive für des Prinzen Aufmerksamkeiten sehr bald offen zutage ; sie hießen einfach : Fräulein Ebba . Da gab es denn selbstverständlich eine Szene . Trotz alledem wollte die Königin , die geradeso vernarrt in das Fräulein war wie unsere Prinzessin , von Entlassung oder gar Ungnade nichts wissen und gab nur ungern und sehr wiederstrebend einer Pression von seiten des Hofes nach . Am meisten gegen sie war der König , der in allem klarsah ... « » Also daher so leidenschaftlich antibernadottisch « , sagte Holk , der sich plötzlich einiger Bemerkungen erinnerte , die das Fräulein auf dem Wege zur Eremitage gemacht hatte . » Daher die glühende Begeisterung für Haus Wasa . « » Haus Wasa « , lachte Pentz . » Ja , das ist jetzt ihre Lieblingswendung . Und doch , glauben Sie mir , hat es Stunden und Tage gegeben , wo die Rosenberg das ganze Haus Wasa , den großen Gustav Adolf mit eingerechnet , für den Ringfinger eines jüngsten Bernadotte hingegeben hätte . Vielleicht ist es noch so , vielleicht sind die Brücken nach Schweden hinüber noch immer nicht ganz abgebrochen , wenigstens bis ganz vor kurzem ging noch eine Korrespondenz . Erst seit diesem Herbst schweigt alles und treffen , soviel ich weiß , keine Briefe mehr ein . Mutmaßlich ist was anderes im Werke . Ebba hat nämlich immer mehrere Eisen im Feuer . « » Und weiß die Prinzessin davon ? « » Was diese schwedische Vergangenheit betrifft , gewiß alles , ja vielleicht noch mehr als alles . Denn mitunter empfiehlt es sich auch , aus purer Erfindung noch was hinzuzutun . Das steigert dann das Pikante . Liebesgeschichten dürfen nicht halb sein , und wenn es sich so trifft , daß die mitleidslose Wirklichkeit den Faden vor der Zeit abschnitt , so muß er künstlich weitergesponnen werden . Das verlangt jeder Leser im Roman , und das verlangt auch unsere Prinzessin . « An dieser Stelle brach das Geplauder ab , denn man hatte Vincent erreicht , und als man , eine Stunde später , das Restaurant wieder verließ , geschah es in Gesellschaft anderer , so daß das Gespräch nicht wiederaufgenommen werden konnte . Witwe Hansen zeigte sich ziemlich einsilbig , als Holk in den Hausflur eintrat , und beschränkte sich auf Behändigung eines Telegramms , das im Laufe des Nachmittags eingetroffen war . Es bestand aus wenig Worten , in denen Christine mit einer Kürze , die jedem Geschäftsmanne zur Zierde gereicht haben würde , nur drei Dinge an Holk vermeldete : Dank für seine Zeilen , Genugtuung über sein Wohlergehen und Inaussichtstellung eines längeren Briefes ihrerseits . Holk hatte das Telegramm noch unten im Flur überflogen , bot gleich danach , unter Ablehnung ihrer Begleitung , der Frau Hansen eine gute Nacht und stieg dann in seine Zimmer hinauf , wo die Lampe schon brannte . Daß ihn Christinens Worte besonders beschäftigt hätten , ließ sich nicht sagen , er dachte mehr an Pentz als an das Telegramm und sah weiteren Mitteilungen über Ebba mit mehr Neugierde entgegen als dem in Aussicht gestellten Briefe . Vor dem Einschlafen schwanden aber auch diese Gedanken wieder , denn mit einem Male war ihm , als ob er ganz deutlich ein Gekicher und dazwischen einen feinen durchdringenden Ton wie vom Anstoßen geschliffener Gläser höre . War es im Hause nebenan oder war es direkt unter ihm ? Es berührte ihn wenig angenehm und um so weniger , als er sich nicht verhehlen konnte , daß etwas von Eifersucht mit im Spiele war , Eifersucht auf die » Sicherheitsbehörde « . Dies Wort indessen barg auch wieder die Heilung in sich , und als er es vor sich hin gesprochen , kam ihm seine gute Laune wieder und bald danach auch der Schlaf . Am andern Morgen erschien die jüngere Hansen mit dem Frühstück , und als Holk sie musterte , war er fast beschämt über die Gedanken , mit denen er gestern eingeschlafen war . Brigitte sah aus wie der helle Tag , Teint und Auge klar , und eine ruhige frauenhafte Schönheit , fast wie Unschuld , war über sie ausgegossen . Dabei war sie schweigsam wie gewöhnlich , und nur als sie gehen wollte , wandte sie sich noch einmal und sagte : » Der Herr Graf sind hoffentlich nicht gestört worden . Mutter und ich haben bis nach zwölf kein Auge zugetan . Es sind so sonderbare Leute nebenan , unruhig bis in die Nacht hinein , und man hört jedes Wort an der Wand hin . Und wenn es dabei bliebe ... « Der Graf versicherte , nichts gehört zu haben , und als Brigitte fort war , war er wieder ganz unter ihrem Eindruck . » Ich trau ihr nicht , fast sowenig wie der Alten , aber eigentlich weiß ich doch nichts weiter , als daß sie sehr hübsch ist . Das Gespräch , das ich gestern oder vorgestern mit ihr hatte , ja , was bedeutet das am Ende ? Solch Gespräch kann man mit jeder jungen Frau führen oder doch mit sehr vielen . Eigentlich hat sie nichts gesagt , was andere nicht auch sagen könnten ; Blicke sind immer unsicher , und mitunter ist mir ' s , als ob alles , was Pentz da so hin gesprochen , bloß Klatsch und Unsinn sei . Das mit der Ebba wird wohl auch noch anders liegen . « Eine Stunde später kam der Postbote , der den telegraphisch angekündigten Brief brachte . Holk freute sich , weil ihm aufrichtig daran lag , all den unliebsamen Betrachtungen , wie sie diese Weiber , Ebba mit eingerechnet , in ihm angeregt hatten , entrissen zu werden . Und dazu war nichts geeigneter als ein Brief von Christine . Der kam aus einem zuverlässigen Herzen , und er atmete auf , als er das Couvert geöffnet und den Brief herausgenommen hatte . Aber er ging einer Täuschung entgegen , der Brief war von einer solchen Nüchternheit , daß er nur imstande war , ein Mißbehagen an die Stelle des anderen zu setzen . » Ich hatte vor , lieber Holk « , so vermeldete Christine , » Dir einen längeren Brief zu schreiben , aber Alfred , den Du für die Wochen Deiner Abwesenheit als Dein alter ego eingesetzt hast , ist eben von Arnewiek herübergekommen , und so gilt es denn , Deinem Stellvertreter Rapport abzustatten . Natürlich ist auch Schwarzkoppen mit da , was mir sehr lieb , aber doch auch wieder zeitraubend ist , und so muß ich mich denn kurz fassen und Dich hinsichtlich eingehenderer Mitteilungen bis auf weiteres vertrösten . Allzu groß wird Dein Verlangen danach nicht sein , denn ich weiß , daß Du Dich allemal von dem einnehmen läßt , was Dich unmittelbar umgibt . Und wenn das , was Dich umgibt , so schön ist wie die Frau Kapitän Hansen und so pikant wie das Fräulein Ebba , das nur leider Deinen Abstammungserwartungen nicht ganz entsprochen hat , so wirst Du nach Mitteilungen aus unserem stillen Holkenäs , wo ' s schon ein Ereignis ist , wenn die schwarze Henne sieben Küchlein ausbrütet , nicht sonderlich begierig sein . Mit Schwarzkoppen hoffe ich das Thema , das Du kennst , endgültig erledigen zu können . Ich schreibe Dir darüber erst , wenn ganz bestimmte Festsetzungen getroffen sind , zu denen ich ja Deine Ermächtigung habe . Gesundheitlich geht alles gut . Der alte Petersen hatte vorgestern eine schlimme Ohnmacht , und wir dachten schon , es ginge zu Ende ; er hat sich aber vollkommen wieder erholt und besuchte mich heute früh heiterer und aufgeräumter denn je . Hinter dem Wirtschaftshofe , zwischen dem kleinen Teich und der alten Pappelweide mit den vielen Krähennestern , will er graben lassen und ist sicher , etwas zu finden , Urnen oder Steingräber oder beides . Ich habe ihm ohne weiteres die Erlaubnis dazu erteilt , und Alfred , der Regente , wird , denk ich , zustimmen und Du auch . Meine gute Dobschütz hat wieder viel gehustet , aber Emser Brunnen und Molke haben wie gewöhnlich wahre Wunder getan . Axel ist frisch und munter , was wohl daran liegt , daß Strehlke mehr an Jagd als an Grammatik denkt . Ich laß es vorläufig gehen , aber es muß anders werden . Asta ist halbe Tage lang unten bei Elisabeth . Beide Kinder lieben sich zärtlich , was mich unendlich glücklich macht . Denn von Jugend auf gepflegte Herzensbeziehungen sind doch das Schönste , was das Leben hat . Gott sei Dank , daß ich mich darin einig mit Dir weiß . Wie immer Deine Christine . « Holk legte den Brief aus der Hand . » Was soll das ? Ich erwarte Zärtlichkeiten und finde Sticheleien . Daß sie sich verklausulieren , macht die Sache nur noch schlimmer . Alfred , der Regente und vorher so schön wie Frau Kapitän Hansen oder so pikant wie Fräulein Ebba , das wäre gerade genug . Aber die Schlußbetrachtung ist doch die Hauptsache , daß von Jugend auf gepflegte Herzensbeziehungen das Schönste sind . Alles wie Honig , der bitter schmeckt . Und dazu die Pensions- und Erziehungsfragen en vue . Vielleicht ist das der Punkt , der alles erklärt , und sie schlägt einen spöttisch herben Ton an , um mich einzuschüchtern und mehr freie Hand zu haben . Aber wahrhaftig , sie hätte nicht nötig , nach diesem Mittel zu greifen . Es geschieht doch , was sie will . Am liebsten freilich behielt ' ich die Kinder um mich ; sind sie fort , so hab ich nichts als eine furchtbar vorzügliche Frau , die mich bedrückt . Sie weiß das auch , und mitunter , glaub ich , wird ihr selber vor ihrer Vorzüglichkeit bange . Sollen die Kinder aber fort , und ich habe mich darin ergeben , so macht es mir keinen Deut , ob sie nach Gnadau oder nach Gnadenberg oder nach Gnadenfrei kommen , ein bißchen Gnade wird wohl immer dabeisein . Für Asta mag ' s ohnehin passieren ; warum nicht ? Und Axel ? Nun , meinetwegen auch der ; der ist ein Holk , und wenn er vorläufig auch ganz verherrnhutert und Missionar wird und in Grönland vielleicht ein Triennium durchmacht , er wird sich schon wieder erholen . « Achtzehntes Kapitel Das Wetter schlug um , und es folgten mehrere Regentage . Die Prinzessin hielt sich zurückgezogen , und flüchtige Begegnungen abgerechnet , sah sie Holk nur abends , wo man , nach einer Partie Whist , den Tee gemeinschaftlich einnahm . In dem Verkehr änderte sich nichts , am wenigsten zwischen Holk und Ebba . Diese wurde vielmehr mit jedem Tage kecker und übermütiger , und als ihr klar war , daß Pentz über die Stockholmer Vorgänge geplaudert haben müsse , machte sie selber Andeutungen nach dieser Seite hin und sprach über Liebesverhältnisse , besonders aber über Liebesverhältnisse bei Hofe , wie wenn das nicht bloß statthafte , sondern geradezu pflichtmäßige Dinge wären . » Es gibt soviel Formen des Lebens « , sagte sie , » man kann Gräfin Aurora Schimmelmann und man kann Ebba Rosenberg sein ; ein jedes hat seine Berechtigung , aber man darf nicht beides zugleich sein wollen . « Holk , einigermaßen frappiert , sah sie halb erheitert und halb erschreckt an , Ebba aber fuhr fort : » Es gibt viele Maßstäbe für die Menschen , und einer der besten und sichersten ist , wie sie sich zu Liebesverhältnissen stellen . Da gibt es Personen , die , wenn sie von einem Rendezvous oder einem Billetdoux hören , sofort eine Gänsehaut verspüren ; was mich persönlich angeht , so fühl ich mich frei von dieser Schwäche . Was wäre das Leben ohne Liebesverhältnisse ? Versumpft , öde , langweilig . Aber verständnis- und liebevoll beobachten , wie sich aus den flüchtigsten Begegnungen und Blicken etwas aufbaut , das dann stärker ist als der Tod - oh , es gibt nur eines , das noch schöner ist , als es zu beobachten , und das ist , es zu durchleben . Ich bedauere jeden , dem der Sinn dafür fehlt oder der , wenn er ihn besitzt , sich nicht offen und freudig dazu bekennt . Wer den Mut einer Meinung hat , wird auch immer ein paar zustimmende Herzen finden , und schließlich genügt es , wenn es eines ist . « Es verging kein Abend , wo nicht derlei Worte fielen , gegen die sich Holk , mit freilich immer schlechterem Erfolg , eine Weile zu wehren suchte . Mit jedem Tage wurd ihm klarer , wie richtig und zutreffend Pentz über die Macht sogenannter pikanter Verhältnisse gesprochen hatte , Verhältnisse , denen etwas hinzuzutun den Weibern oft geratener erscheine , als Abzüge davon zu machen . Ja , Pentz hatte recht , und mit einem ganz eigenen Mischgefühl von Behagen , Ärger und Bangen nahm er mehr und mehr wahr , wie das Fräulein mit ihm spielte . Das sah aber freilich auch die Prinzessin und beschloß , mit Ebba darüber zu sprechen . » Ebba « , sagte sie , » Holk ist nun vierzehn Tage lang um uns , und ich möchte wohl hören , wie du über ihn denkst . Ich habe Vertrauen zu