wiederhergestellt , und Ihr werdet zu Spiel und Tanz mehr von ihm haben wie wir . Sein eigentliches Instrument ist die Zither , hierlandes wohl schwer zu beschaffen , aber er knipst auch auf der Violine , meistens mit einer Federspule , was allemal eine vorzügliche Wirkung macht . Er hat den Wunsch ausgesprochen , seine Weiterreise , zunächst wenigstens , zu Fuß machen zu dürfen , weil er sich , nach so vielen Wochen voll Untätigkeit , nach Bewegung und Anspannung sehnt . Wir haben seinem Wunsche gern willfahrt und ihm zwei von unsern Cherokeeleuten als Führer und Träger mitgegeben . Unsere Bitte an Euch geht nun dahin , ihm in Fort Holmes gastlich begegnen zu wollen , mit jenem Entgegenkommen , das Ihr immer übt und sich in diesem Falle doppelt belohnen wird . Er ist nämlich , von seiner Musik ganz abgesehen , über deutsche Zustände gut unterrichtet , war Anno siebzig in der Nähe des deutschen Kronprinzen und hat den Einzug in Paris unter Bismarcks Augen mitgemacht . Daß seine Stellung in jenen Tagen eine hervorragende gewesen sei , wird sich kaum annehmen lassen , aber er hat doch den Vorzug , von allem damals Erlebten erzählen zu können . Ich empfehle mich Eurer kameradschaftlichen Geneigtheit . Henry Wood , Agent of the United States Government und Kommandant von Fort MacCulloch . « So der Brief , der das , was Lehnert in den letzten sechs Jahren erlebt hatte , kurz erzählte . Ja , so war es gewesen : ein Vermögen war rascher hingeschwunden , als er es erworben hatte . Im übrigen war die Nachricht von dem Bankrott der Neu-Mexiko-Bank , so unvorbereitet sie ihn traf , ohne tiefere Bewegung von ihm aufgenommen worden , weil ihn dieser beinahe völlige Vermögensverlust rasch und mit einem Schlag einem im Lauf des letzten halben Jahres in San Francisco geführten Spekulationsleben entriß , das ihm eigentlich schon widerstand , während er es noch mitmachte . Ja , er sehnte sich aufrichtig danach , an die Stelle des mit deutschen und schweizerischen und vielfach auch mit französischen Abenteurern in den Diggings verbrachten Lebens , und des schlimmren in der kalifornischen Hauptstadt , wieder ein Leben voll Arbeit treten zu lassen , und die Reise nach dem Osten erschien ihm als der erste Schritt dazu . Selbst der Eisenbahnunfall , der ihn traf , war nicht angetan , ihn anderen Sinnes zu machen . Im Gegenteil , die stillen Wochen in Fort MacCulloch hatten ihn in diesen seinen Anschauungen nur noch gefestigt , und es war unter einem lange nicht gefühlten Behagen , daß er jetzt , frisch und rüstig , die Shawnee-Hills hinaufstieg , auf kaum fünfzig Schritt die beiden Cherokees vor sich , die seinen Koffer an einer über ihre Schultern gelegten Stange trugen . Von Zeit zu Zeit sahen sie sich nach ihm um , und ihr freundliches Grinsen , wenn er nach diesem oder jenem fragte , steigerte nur noch die Heiterkeit seiner Seele . Gegen Mittag hatten alle drei , nach mehrmaliger Rast , den Kamm des ziemlich hohen Gebirgszuges erreicht , und Lehnert sah nun weit und frei nach Norden hin . Alles , was da vor ihm lag , war ein wohl an sieben Meilen breites , von der von Galveston kommenden Texas-Kansas-Missouri-Bahn durchschnittenes Quertal , an dessen entgegengesetzter Seite das Land allmählich wieder anstieg , bis es abermals einen ziemlich hohen , dem diesseitigen Zuge der Shawnee-Hills entsprechenden Bergzug bildete . Dazwischen wenig Leben . Von den Ortschaften an der Bahn hin waren nur die weiter entfernten sichtbar : Station Darlington und Station Gibson ( letztere schon ganz drüben ) , während sich die verhältnismäßig nahe gelegene Station Holmes , samt ihrem gleichnamigen Fort , verbergen zu wollen schien . Erst als Lehnert die beiden Indianer herbeirief und nach dem Fort fragte , gaben sie seinem Auge die richtige Richtung , und nun sah er ( die Station blieb versteckt ) wenigstens die vier gekupferten Türmchen von Fort Holmes deutlich in der Nachmittagssonne blinken . Auch das palisadenumstandene Blockhaus sah er , samt seinem Feldsteinfundament , ja , die Luft war so klar , daß er vermeinte , die Palisadenstämme zählen zu können . Einer der beiden Indianer aber , der ein wenig Englisch radebrechte , wies unausgesetzt mit der Fingerspitze darauf hin und wiederholte dabei : » That ' s it ... Fort Holmes « , lächelnd und bedeutungsvoll hinzusetzend : » Tea ... brandy ... six o ' clock . « Und ehe noch sechs Uhr heran war , hatte sich Fort Holmes in aller Gastlichkeit aufgetan , trotzdem der mitgebrachte Empfelungsbrief , und zwar infolge zufälliger Abwesenheit des Kommandanten von Fort Holmes , noch gar nicht seine Schuldigkeit hatte tun können . Als nun aber , zwei Stunden später , der Kommandierende wieder daheim war und den ausführlichen Brief seines Kameraden Henry Wood von Fort MacCulloch gelesen hatte , steigerte sich das Entgegenkommen noch um ein erhebliches , und Aufforderungen von beinah dringlicher Natur ergingen an Lehnert , auch in Fort Holmes eine längere Rast nehmen zu wollen . Es würde sich schon ein Faden spinnen lassen , und was das Zitherspielen angehe , dessen der Brief Erwähnung tue , so woll er nur sagen , die German Mennonites bei Station Darlington , keine fünfundzwanzig englische Meilen von hier , hätten eine Zither und würden sich gewiß bereit finden lassen , sie für kurze Zeit nach Fort Holmes hin zu leihen . Auf der Bahn sei ' s nah , und wenn sie dann die Zither hätten ( und er wisse wohl , eine Zither sei noch viel schöner als eine irish harp ) , dann wollten sie » Yankee-Doodle « spielen und die » Wacht am Rhein « . Aber nicht » God save the Queen « , nichts Englisches , alles Englische tauge nichts . Und dann sollten die Indianer tanzen oder auch die Nigger , deren sie seit kurzem ein paar von Galveston her hätten , und wenn dann der Tag auf die Neige ginge , dann wollten sie sich auf den Wallgang setzen und den Mond aufgehen sehen und bei Brandy und Whisky , er habe noch einen feinen alten Glen Fillan , ihren Schwatz haben , von Chattanooga und Grant und Sheridan und von Bismarck und Moltke und Old William . In dieser Weise - denn Fort Holmes war ein einsamer Posten , ebenso wie Fort MacCulloch - drang man gleich am ersten Abend in Lehnert ein , dieser aber , den ein ernstliches Verlangen erfüllte , dem vielwöchentlichen Nichtstun ein Ende zu machen , blieb nur bis über den zweiten Tag . Am Morgen des dritten nahm er Abschied und schritt vom Fort aus auf das gleichnamige Stationsgebäude zu , das , in kaum halbstündiger Entfernung , gerade da , wo der Schienenweg aus dem Gebirge trat , in einer halbmondförmigen Ausbiegung am Saum eines Ahornwäldchens lag . Die kleine Bahnhofsuhr von Station Holmes zeigte neun Uhr früh , als Lehnert daselbst eintraf . In einer Viertelstunde mußte der von Galveston nach dem Norden führende Zug dasein , er kam aber mit erheblicher Verspätung , so daß Lehnert und die wenigen Personen , die mit ihm auf dem Bahnsteige warteten , sich beim Einsteigen in die Wagen beeilen mußten . Diese waren nur schwach besetzt , und in dem Coupé , darin sich ' s Lehnert alsbald bequem zu machen suchte , befand sich nur ein einziger Mitreisender , ein junger Mann von achtzehn Jahren , der , wiewohl einigermaßen abweichend von der Mode gekleidet , trotzdem leicht erkennen ließ , daß er einem guten Hause zugehörte . Seine Züge verrieten den Deutschen , während andererseits die Sicherheit und Ruhe seiner Haltung mit gleicher Bestimmtheit zeigte , daß er , wenn auch vielleicht nicht in Amerika geboren , so doch jedenfalls amerikanisch geschult sei . Die Gegend schien er zu kennen . Er las , in die Ecke gedrückt , eine Galveston-Zeitung und hatte den linken Arm auf eine Ledertasche gestützt , in deren Messingschild , wenn nicht alles täuschte , der Name des jungen Reisenden eingraviert war . Lehnert suchte denn auch das Eingravierte zu lesen , was ihm unschwer glückte . » Tobias Hornbostel « stand in oberster Reihe , dicht darunter aber in etwas kleinerer Schrift : » Nogat-Ehre , Station Darlington , Indian-Territory . « Das war beinah eine Biographie , mindestens eine volle Adresse . Lehnert , als er Namen und Ortsangaben entziffert hatte , war von dem allen aufs äußerste betroffen , und wenn er schon vorher den Wunsch einer Gesprächsanknüpfung gehabt hatte , so steigerte sich dieser Wunsch jetzt bis zum festen Entschluß . Er wollte nur warten , bis der Mitreisende das Zeitungsblatt aus der Hand gelegt haben würde . Das war nun geschehen , und Lehnert sagte : » Ihr seid ein Deutscher ? « Der , an den die Frage sich richtete , bejahte mit vieler Freundlichkeit und fragte dann seinerseits , woran er ihn erkannt habe . » Nichts leichter als das « , sagte Lehnert . » Du hast das deutscheste Gesicht , das ich all mein Lebtag gesehen habe . Lache nur ! Und siehst dabei so klar aus und so gut . Du gefällst mir . « » Du nennst mich du . « » Und du mich auch « , fuhr Lehnert fort , » was mir nur beweist , daß ich recht habe . Du bist nicht bloß ein Deutscher , du bist auch ein Mennonit . Und die Mennoniten nennen sich , glaub ich , du , ganz so wie die Quäker . « » Daß ich nicht wüßte ! Jedenfalls nicht immer . « » Aber doch oft . Und wenn sie Tobias Hornbostel heißen , dann ganz gewiß . Nicht wahr ? « » Ja , dann gewiß « , antwortete Tobias und streckte ihm die Hand entgegen . » Ich sehe , du hast gute Augen und hast Namen und Ort auf dem Messingschilde gelesen . Und aus Nogat-Ehre hast du den Schluß gezogen , daß ich ein Mennonit sein müsse . « » Freilich . Aber du triffst es nur halb . Schon dein Name Hornbostel hätte mir alles gesagt , auch wenn ich den Ortsnamen Nogat-Ehre gar nicht gelesen hätte . Vor sechs Jahren , als ich eben herübergekommen war , war ich in Dakota , wo sie damals die Schwellen und Schienen für die Nord-Pacific-Bahn legten , und in einem Dorfe , das uns wegen seiner Tieflage viel zu schaffen machte ( wenn ich nicht irre , nannten sie ' s Dirschau ) , in eben diesem Dorfe waren Mennoniten , und der Oberste der Gemeinde hieß Hornbostel , Obadja Hornbostel , mir noch deutlich in Erinnerung , weil wir , verzeih , über den Namen oft scherzten . Und ich weiß auch , daß die Rede davon war , in Obadja Hornbostels Farm einzutreten , wo ' s uns jedenfalls besser ergangen wär als in unserem fiebrigen Sumpfloch . Aber ich hatte damals noch die Sehnsucht nach den Diggings hin , weil ich ein Narr war und reich werden wollte . Sonst hätt ich ' s wahr und wahrhaftig auf der Stelle versucht ... Obadja Hornbostel , ein hübscher , aber etwas wunderbarer Name . « » Das war mein Vater . « Lehnert erschrak fast . » Aber das war ja doch in Dakota , neunhundert Englische von hier . « » Und ist doch so , wie ich sage . Wir waren erst in Dakota , da bin ich auch geboren , und meine Schwester Ruth auch . Und unsere Mutter ist da begraben . Und wir dachten auch in Dakota zu bleiben . Als aber ein Streit mit dem Government kam und die klugen Herren , die man uns nach Dakota schickte , so taten , als ob wir Mormonen seien oder doch nicht viel anders , da machte der Vater kurzen Prozeß und ist ausgezogen wie Abraham und die ganze Kolonie mit ihm , und diesen Herbst werden es fünf Jahre , daß wir hier sind und eine neue Heimat haben , in der man uns , bis jetzt wenigstens , nicht gestört hat . Erst sollt es wieder Dirschau heißen , so wenigstens wollt es der Vater , aber schließlich gab er es auf und nannt es , wie die Gemeinde wollte . Und so wohnen wir denn in Nogat-Ehre . « Lehnert , als sein junger Mitreisender so sprach , starrte nachsinnend vor sich hin und rauchte dabei mit verdoppelter Energie . Dann warf er den Stummel weg , und es war ersichtlich , daß er sich einen Plan gemacht und eine Frage vorbereitet hatte . Trotzdem schwieg er noch immer . Endlich nah m er den Hut vom Kopf , strich sich über das volle Haar und sagte : » Glaubst du an Bestimmungen ? « Der andere lachte . » Gewiß glaub ich an Bestimmungen . Wenn Gott lebt und uns trägt und hält , muß es doch auch eine Bestimmung geben . Gott bestimmt alles , und er bestimmt sogar alles vorher . « Lehnert sah unausgesetzt in die Landschaft hinaus . Erst nach einer Weile nahm er das Gespräch wieder auf und sagte : » Bestimmung . Ja , es wird schon so sein . Und wenn ich überlege ... Wie kam es ? In Dakota hört ich deines Vaters Namen und wollt eintreten in seine Farm , oder doch beinah . Und hier , an den Shawnee-Hills , neunhundert Meilen weiter südlich , kaum berühr ich das Land , wen seh ich , wen treff ich ? Dich , deines Vaters Sohn . Ja , das ist Bestimmung . Gott will , ich soll mit euch leben . Glaubst du , daß dein Vater mich brauchen kann ? « Tobias schwieg . » Du schweigst . Und ich sehe daraus , ihr seid sehr wählerisch geworden seit Dakota . « » Nein . Das nicht . Ich überlege nur , wie ' s wohl ginge . « » Das soll euch keine Sorge machen . Ich habe , von Kind auf , Schwielen an meinen Händen gehabt , und wenn ich sie hatte , war mir immer am wohlsten . Ich will deinem Vater in der Wirtschaft helfen , pflügen und graben , wenn es sein muß , und das Vieh austreiben . Ich weiß mit Axt und Säge Bescheid und kann Uhren reparieren und Dach decken , mit Schindel und mit Stroh , und einen Stollen in den Berg schlagen . Und ich kann auch die Schreiberei besorgen und werde mich überhaupt schon nützlich machen . Und wenn du mit deinem Vater sprichst , denn ich komme nicht gleich mit ( du mußt vorauf , während ich in Station Darlington bleibe , das ist ja wohl eure nächste Station ) , dann sag ihm : ich glaubte , daß es so Gottes Wille sei , und deshalb früg ich bei ihm an . Zweimal derselbe Name , derselbe Mann . Es steht mir fest , es soll so sein . « Toby nickte . Lehnert aber , als er gleich danach in Erfahrung brachte , daß man in weniger als einer halben Stunde schon auf Station Darlington eintreffen werde , ließ das Thema , das er vorläufig als erledigt ansah , fallen und sprach statt dessen von Utah und den Heiligen am Salzsee , von Portland , wohin er , um von dort aus in ein China-Handelshaus einzutreten , eigentlich habe gehen wollen , und zuletzt auch von Kalifornien . » Kennst du Kalifornien ? « fragte Toby . » Nur zu gut . Was ich in vier Jahren in den Diggings erworben , bin ich in vier Monaten in San Francisco wieder losgeworden . Aber es ist gut so . Bestimmung auch das . Ich habe nie am Gelde gehangen und will nur frei sein . Ist dein Vater streng ? Ein großer Befehlshaber ? « » Er befiehlt nie . Er sagt nur : Ich denke , wir machen das so . « Lehnert lachte : » Oh , das kenn ich , das ist die fromme Form , aber es läuft auf dasselbe hinaus . Übrigens mir gleich . Wo Verstand befiehlt , ist der Gehorsam leicht . Bloß der Befehl rein als Befehl , bloß hart und grausam , da kann ich nicht mit , das kann ich nicht aushalten . « Toby sah ihn groß an . » Das ist recht , was du da sagst . So denk ich auch , und so denken wir alle . Und wenn du so bist , da bin ich auch sicher , du wirst dem Vater gefallen . Er hat es gern , wenn man frei spricht und eine Meinung hat . Aber eine Form muß es haben , darauf hält er . « Unter diesem Gespräche hatte man Darlington erreicht , und beide stiegen aus . Ein kleines Ponygefährt war schon vorher bis dicht an das Stationsgebäude herangefahren , und ein junges Mädchen von kaum sechzehn Jahren hielt die Zügel in Händen . » Grüß dich Gott , Ruth ! « Ein listig dreinschauender junger Cherokee , der den Dienst auf der Station hatte , stand neben dem Gefährt und wartete . Diesem warf das junge Mädchen mit großer Geschicklichkeit die Zügel zu , sprang vom Wagen und war im nächsten Augenblick in herzlichem Gespräch mit ihrem Bruder . Dies Gespräch aber , wenn nicht alles täuschte , drehte sich um Lehnert und ob man ihn nicht sofort nach Nogat-Ehre mit hinausnehmen solle , was die Schwester von ihrem Bruder Toby zu fordern schien . Und in der Tat trat dieser noch einmal an Lehnert heran und sprach in dem Sinne , wie ' s Ruth gewollt hatte . Lehnert blieb aber fest und beharrte bei seiner Ablehnung . Er werde die Nacht im Stationshause zubringen und am anderen Morgen auf die Farm hinauskommen . So sei ' s am besten , und Toby solle nur vorher schon für ihn sprechen und nichts von dem vergessen , was er ihm gesagt habe . Damit trennte man sich , und eine Minute später rollte das Ponygefährt wieder in die Landschaft hinein . Toby fuhr jetzt , während Ruth den Arm um des Bruders Schulter gelegt hatte . Der blaue Schleier flog , und an einer Biegung des Weges sahen sich beide noch einmal um und grüßten . » Unschuld ... « , sagte Lehnert . » Wer dich hat , hat das Glück . « Achtzehntes Kapitel Am anderen Morgen wollte Lehnert nach Nogat-Ehre hinaus und daselbst sein Heil bei den Mennoniten versuchen . Aber bis dahin war noch eine lange Zeit , lang und bedrücklich , abgesehen davon , daß es Schwierigkeiten zu haben schien , auf der Station eine Bewirtung und selbst ein Unterkommen zu finden . Als dies Unterkommen aber erst bewilligt war , fand sich auch ein Essen : ein Huhn , das bei Eintreffen des Zuges noch im Wegekies umhergescharrt hatte . Dabei blieb es denn freilich - es war eine von den Einsamkeitsstationen - , und Lehnert , um die Zeit notdürftig hinzubringen , sah sich gezwungen , stundenlang alte Geschäftsanzeigen und noch ältere Fahrpläne zu lesen . Dann und wann kam ein Zug , das war etwas , aber die daraus erwachsende Zerstreuung war doch nur gering und jedenfalls immer nur von kürzester Dauer . Der letzte Zug kam um neun Uhr vierzig Minuten und war ein Expreßtrain , der , auf der Strecke von Galveston bis St. Louis nur dreimal auf längere Zeit anhaltend , an einer so kleinen Station wie Darlington mit rasender Geschwindigkeit vorübersauste . Lehnert sah diesem Zuge nach und freute sich der am letzten Wagen ausgehängten Laterne , die , wie suchend , auf die durchflogene Strecke zurückzublicken schien ; plötzlich aber schwand das Licht in einem Nebelstreifen , so wenigstens kam es ihm vor , und als Lehnert es wiederzufinden trachtete , sah er plötzlich statt des einen Lichtes viele Lichter , wie wenn der Zug mit seinen erleuchteten Waggons eine Biegung gemacht und aus der senkrechten Linie in die waagerechte übergegangen wäre . Jeden Augenblick war er denn auch gewärtig , das helle , lichterreiche Bild , in dem er nach wie vor den Zug vermutete , zwischen den Bergen verschwinden zu sehen . Als es aber blieb , überkam ihn eine Neugier , und er fragte den jetzt dienstfreien Beamten , was es sei . » Das ist Nogat-Ehre . « » Nogat-Ehre « , wiederholte Lehnert und sah unausgesetzt auf das Geflimmer , das ihn friedlich wie die Sterne zu grüßen schien . Lehnert war früh auf und hatte wieder auf derselben Bank am Stationshause Platz genommen , von der aus er , am Abend vorher , erst auf den verschwindenden Eilzug und dann auf die bleibende Lichterreihe von Nogat-Ehre geblickt hatte . Der Morgen war frisch und steigerte das Wohlgefühl , das ihm ein guter und auskömmlicher Schlaf gegeben hatte , trotzdem war seine Zuversicht hin und einem starken Zweifel gewichen , dem Zweifel , ob er , trotz seiner Unterredung mit Tobias , den Schritt auch tun und sich in Nogat-Ehre melden solle . Wie war sein Leben verlaufen ? Unter Abenteuer und Gewalttätigkeit und unter Auflehnung gegen Ordnung und Gesetz . Und er wollte sich bei den Mennoniten verdingen ? Ja , wer waren denn die Mennoniten ? Damals , als er noch im Camp in Dakota lag und abends beim Gin immer nur ein Witzeln über die Mennoniten hörte , die für reich galten und weiter nichts , da hätt es vielleicht gepaßt , weil er ' s nicht besser wußte . Jetzt aber wußte er , daß es fromme Leute seien , fromm und fleißig und wahrheitsliebend und Feinde von Eid und Krieg . Und in solche Friedensstätte wollt er einbrechen ? Das durft er nicht ; er gehörte nicht dahin , er war eine Störung , und wenn er keine Störung war und den Frieden der Friedfertigen nicht trübte , war er seinerseits der Mann , den Frieden , den er da vorfand , auch nur tragen zu können ? Lag es nicht so , daß der Krieg sein einzig Stück glücklich Leben gewesen war ? Und was verwürfe der Mennonit mehr als den Krieg ? So sinnend , sah er auf das Bahngeleise , das , auf kaum zehn Schritt Entfernung , hart an ihm vorüber nach Norden führte . War es nicht besser , diesem eisern vorgeschriebenen Wege , wie er ' s ursprünglich gewollt hatte , zu folgen ? Er Überlegte noch , als er , schräg neben der Bahn , ein zierliches kleines Fuhrwerk über die Felder kommen sah , und ein zweiter rascher Blick war ausreichend , ihn erkennen zu lassen , wer die Herankommenden seien . Es waren die Geschwister , die gestern auf demselben Feldwege die Heimfahrt nach Nogat-Ehre gemacht hatten , und Ruths Schleier , der auch heute wieder wehte , nahm ihm den letzten Zweifel . Und mit diesem Zweifel fielen auch all die Bedenken , die seit Stunden auf ihm gelastet hatten , wieder von ihm ab , und es stand wieder fest in seiner Seele , daß die gestrige Begegnung eine Schickung gewesen sei und daß er ' s bei den Mennoniten versuchen müsse . Freudig erhob er sich und ging rasch auf den kleinen Wagen zu , der , eben die Schienen kreuzend , mit geschickter Biegung auf den Hof des Stationsgebäudes fuhr . Derselbe junge Cherokee , der schon gestern bei Lehnerts Ankunft bereitgestanden hatte , sprang auch heute wieder dienstfertig hinzu , Tobias aber gab der Schwester die Zügel in die Hand , stieg ab und begrüßte sich mit Lehnert . » Alles in Ordnung . Ich habe mit dem Vater gesprochen , und es ist nun an dir , in unsere Farm einzutreten und sein Hausmeier zu werden . Ob erster oder zweiter , das wird sich zeigen . Er ist froh , einen Deutschen mehr in seinem Hause zu haben . Er sagt , die Deutschen seien die besten , auch wenn sie , verzeih , nichts taugten . Und nun erlaube mir nachzuholen , was ich gestern versäumt habe , dir meine Schwester Ruth vorzustellen , un ange , wie Monsieur L ' Hermite jeden Tag mehreremal versichert , eine verwöhnte Krabbe , wie Mister Kaulbars sagt . « ( Ruth nickte . ) » Mister Kaulbars ist nämlich ein Landsmann von dir , ein Preuße , der dir , denk ich , ein gut Teil von Prince Frederic Charles erzählen wird . Aber nun steig auf und setz dich neben Ruth . Oder noch besser , wir setzen uns zwei beid in den Fond , und Ruth kutschiert . Sie fährt nämlich wie ein Fahrer , ein Wort , das ich auch deinem preußischen Landsmann verdanke . « Während Toby noch so plauderte , war auch der Clerk aus dem Stationshause herangetreten , dem nun Auftrag gegeben wurde , Lehnerts Felleisen nach Nogat-Ehre hinauszuschaffen . Er versprach es auch mit aller Bereitwilligkeit , denn im Stationshause hielt man auf gute Nachbarschaft mit den Mennoniten , besonders mit Obadja , der es an Hilfen und Liebesdiensten nie fehlen ließ und erst neulich wieder , bei der Krankheit des jüngsten Kindes , mit Akonit und Nux Vomica geholfen hatte . Mittlerweile lenkte das Wägelchen in den Feldweg ein , und die Bahn in freilich immer weiter werdendem Abstande neben sich , ging es zwischen den Maisfeldern hin , deren hoher Stand den Wagen samt seinen Ponies überragte . Schließlich war man aus den Maisfeldern heraus , und gelber Raps lag vor ihnen , dessen Duft der von dem den Shawnee-Hills gegenüber gelegenen Gebirge herkommende Wind ihnen zutrug . Und dazu klangen die Glöckchen , wenn die Shetländer ihre langen Mähnen schlugen , um sich der Bremsen zu erwehren . Lehnert aber sog das alles begierig ein , und es war ihm , als flög er und als wären es alte Zeiten und als täten sich Heimat und Glück noch einmal vor ihm auf . » Ist das alles euer ? « frug er und wies auf die Fruchtfelder links und rechts . » Ja « , sagte Toby , » das heißt , alles Mennonitenland , alles Nogat-Ehre . Was aber dem Vater persönlich gehört , unsere Farm , das liegt nach der anderen Seite zu , das sollst du morgen sehen , da steht es noch besser , und der Klee geht bis über die Wagenräder . Du mußt nämlich wissen , der Vater ist ein großer Farmer und Landmann und liest alle Zeitungen und Zeitschriften , und was die Gelehrten anraten , und besonders , wenn es aus England kommt , das schafft er an und scheut kein Geld . Nicht wahr , Ruth ? « Ruth , ohne sich nach ihnen umzusehen , nickte langsam und gravitätisch , und Lehnert sah aus der halb komischen Art , in der diese Zustimmung erfolgte , daß Obadja zu den Neuerungsenthusiasten gehören müsse , die den Entdeckern das Ei fortziehen , noch eh es ausgebrütet . Überhaupt konnt er wahrnehmen , daß das Gemisch von Offenheit und Heiterkeit , das ihn schon an dem Bruder so angezogen hatte , bei der Schwester noch stärker vertreten war . Von Ernst und Schwerfälligkeit keine Spur , und dabei ihr Frohsinn von jener entzückenden Art , wie die kindlich Gläubigen ihn so oft haben , die nicht anders wissen , als daß Gottes gütige Vaterhand sie jeden Augenblick hält und trägt und schützt . Ein beseligendes Gefühl immer abwesender Gefahr . Eine kleine Pause war eingetreten , und Toby , dem daran lag , das so glücklich eingefädelte Gespräch auch fortgesetzt zu sehen , nahm es an alter Stelle wieder auf und sagte : » Ja , kein Geld und keine Müh . Nichts scheut er . Und das alles bei seinen hohen Jahren . « » Ist er denn schon so alt ? « fragte Lehnert . » Ihr seid ja doch beide noch so jung . « » Dreiundsiebzig « , lachte Ruth . » Da muß er sehr spät geheiratet haben . « Jetzt verdoppelte sich das Lachen . Aber Toby , der wohl fühlte , daß das Lachen Lehnert verlogen machen müsse , gab nun Aufklärung und erzählte , daß der Vater dreimal verheiratet gewesen sei , so daß sie viele Halbgeschwister hätten . Die Kinder der ersten Ehe seien nach Preußen , nach Danzig und Dirschau zurückgegangen , die der zweiten lebten in Dakota , und sie beide seien die jüngsten . Ihr ältester Halbbruder sei schon über vierzig Jahre und voriges Jahr zum Besuch in Nogat-Ehre gewesen . In diesem Augenblicke stieg der Boden ein wenig an , und als man oben war , wurd in kaum halbmeiliger Entfernung eine blinkende , langgestreckte , nur hier und da von hohen Pappeln überragte Häuserreihe sichtbar , auf die Ruth jetzt mit der Peitschenspitze hindeutete . » Das ist Nogat-Ehre . Siehst du ' s ? In einer Viertelstunde sind wir da . Das letzte Gehöft da , zwischen den zwei Pappeln , das ist unser Haus . Und dann kannst du sehen , wie wir leben . Es wird dir schon gefallen . Das heißt , wenn du nicht so sauertöpfisch bist wie Mister Kaulbars , dein Landsmann . Der hat an allem was auszusetzen . Ob alle Preußen so sind ? Ich kann es mir nicht denken . Du siehst um vieles freundlicher aus und so recht , als ob du glücklich und zufrieden sein könntest . Aber ich spreche so , wie wenn wir dich schon hätten . Und wir haben dich noch lange nicht . Ich weiß ja noch nicht einmal deinen Namen ... Toby , warum hast du mir seinen Namen nicht genannt ? « Toby lachte . »