in so entrückter Ferne - « » Was nützt dem Soldaten Jugend und Gesundheit ? « » Verscheuchen Sie solche Ideen , liebste Baronin . Es ist ja kein Krieg in Sicht . Nicht wahr , Excellenz , « wandte er sich an den Minister , » gegenwärtig ist am politischen Himmel der mehrfach erwähnte schwarze Punkt nicht zu sehen ? « » Punkt ist viel zu wenig gesagt , « antwortete der Befragte . » Es ist vielmehr eine schwarze , schwere Wolke . « Ich erbebte bis ins Innerste : » Was ? wie ? was meinen Sie ? « rief ich lebhaft . » Dänemark treibt es gar zu bunt « ... » Ah so , Dänemark , « sagte ich erleichtert . » Die Wolke droht also nicht uns ? Es ist mir zwar unter allen Umständen betrübend , wenn ich höre , daß man sich irgendwo schlagen will - aber wenn es die Dänen sind und nicht die Österreicher , dann flößt mir das wohl Beileid , aber keine Furcht ein . « » Du brauchst Dich auch nicht zu fürchten , « fiel mein Vater lebhaft ein , » falls Österreich sich beteiligt . Wenn wir die Rechte Schleswig-Holsteins gegen die Vergewaltigung Dänemarks verteidigen , so riskieren wir ja nichts dabei . Es handelt sich da um kein österreichisches Territorium , dessen Verlust ein unglücklicher Feldzug herbeiführen könnte - « » Glaubst Du denn , Vater , daß - wenn unsere Truppen ausmarschieren müßten - ich an solche Dinge , wie österreichisches Territorium , schleswig-holsteinsche Rechte und dänische Vergewaltigung dächte ? Ich sähe blos eins : die Lebensgefahr unserer Lieben . Und die bleibt gleich groß , ob nun aus diesem oder jenem Grund Krieg geführt wird . « » Die Schicksale der Einzelnen kommen nicht in Betracht , mein liebes Kind , da wo es sich um weltgeschichtliche Ereignisse handelt . Bricht ein Krieg aus , so verstummen die Fragen , ob der oder der dabei fällt , oder nicht , vor der einen gewaltigen Frage , was das eigene Land dabei gewinnen oder verlieren wird . Und wie gesagt : wenn wir uns mit den Dänen raufen , so ist nichts zu verlieren dabei , wohl aber unsere Machtstellung im deutschen Bund zu erweitern . Ich träume immer , daß die Habsburger noch einmal die ihnen gebührende deutsche Kaiserwürde zurückerlangen . Es wäre auch ganz in der Ordnung . Wir sind der bedeutendste Staat im Bunde ! die Hegemonie ist uns gesichert - aber das genügt nicht ... Ich würde den Krieg mit Dänemark als eine sehr günstige Gelegenheit begrüßen , nicht nur die Scharte von 59 auszuwetzen , sondern auch unsere Stellung im deutschen Bunde so zu gestalten , daß wir für den Verlust der Lombardei reichen Ersatz finden und - wer weiß - so an Macht gewinnen , daß uns die Rückeroberung dieser Provinz ein leichtes wäre . « Ich blickte zu Friedrich hinüber . Er hatte sich an dem Gespräche nicht beteiligt , sondern war in eine eifrige lachende Unterhaltung mit Lilli verwickelt . Ein stechender Schmerz schnitt mir durch die Seele : ein Schmerz , der in ein Bündel zwanzig verschiedene Vorstellungen vereinte : Krieg ... und er , mein alles , mußte mit ... verkrüppelt , erschossen ... das Kind unter meinem Herzen , dessen angekündigtes Kommen er gestern mit solchem Jubel begrüßt - es sollte vaterlos zur Erde kommen ? ... Zerstört , zerstört - unser kaum erblühtes , noch so reiche Frucht verheißendes Glück ! ... Diese Gefahr in der einen Wagschale , und in der anderen ? Österreichisches Ansehen im deutschen Bund , schleswig-holsteinische Befreiung - » frische Lorbeerblätter im Ruhmeskranze des Heeres « - das heißt ein paar Phrasen für Schulvorträge und Armeeproklamationen ... und sogar das nur zweifelhaft , denn ebenso möglich wie der Sieg , ist ja die Niederlage ... Und nicht nur einem vereinzelten Leid , dem meinen , wird das vermeintliche vaterländische Wohl entgegengestellt , sondern tausend und abertausend einzelne im eigenen und im Feindeslande müßten denselben Schmerz einsetzen , der mich jetzt durchbebte ... Ach , war denn dem nicht vorzubeugen - war ' s nicht abzuwehren ? Wenn sich alle vereinten - alle Vernünftigen , Guten , Gerechten - um das drohende Übel zu verhüten - » Sagen Sie mir doch , « wandte ich mich laut an den Minister , » stehen die Dinge wirklich schon so schlimm ? Habt Ihr , Minister und Diplomaten , habt Ihr denn solche Konflikte nicht zu vermeiden gewußt , werdet Ihr deren Ausbruch nicht zu verhindern wissen ? « » Glauben Sie denn , Baronin , daß es unseres Amtes ist , den ewigen Frieden zu erhalten ? Das wäre allerdings eine schöne Mission - aber unausführbar Wir sind nur da , über die Interessen unserer respektiven Staaten und Dynastien zu wachen , jeder drohenden Verringerung ihrer Machtstellung entgegenzuarbeiten und jede mögliche Suprematie zu erringen trachten , eifersüchtig die Ehre des Landes hüten , uns angethanen Schimpf rächen - « » Kurz , « unterbrach ich , » nach dem kriegerischen Grundsatze handeln : dem Feind - das ist nämlich jeder andere Staat - thunlichst zu schaden und , wenn ein Streit entsteht , so lange hartnäckig behaupten , daß man im Recht ist , - auch wenn man sein Unrecht einsieht , nicht wahr ? « » Allerdings . « » Bis beiden Streitenden die Geduld reißt und drauf losgehauen werden muß ... es ist abscheulich ! » Das ist doch der einzige Ausweg . Wie anders soll denn ein Völkerstreit geschlichtet werden ? « » Wie werden denn Prozesse zwischen einzelnen gesitteten Menschen geschlichtet ? « » Durch das Tribunal . Die Völker unterstehen aber keinem solchen . « » Ebensowenig wie die Wilden , « kam mir Doktor Bresser zu Hilfe . » Ergo sind die Völker in ihrem Verkehr noch ungesittet und es dürfte wohl noch lange Zeit vergehen , bis sie dazu gelangen , ein internationales Schiedsgericht einzusetzen . « Dazu wird es nie kommen , « sagte mein Vater » Es gibt Dinge , die nur ausgefochten und nicht ausprozessiert werden können . Selbst wenn man versuchen wollte , ein solches Schiedsgericht zu errichten - die starken Regierungen würden sich demselben ebensowenig beugen , wie zwei Edelleute , von denen der eine beleidigt worden , ihre Differenz zu Gericht tragen . - Die schicken einander einfach ihre Zeugen und schlagen sich rechtschaffen . » Das Duell ist aber auch ein barbarischer , unsittlicher Brauch - « » Sie werden ' s nicht ändern , Doktor . « » Ich werde es aber wenigstens nicht gutheißen , Excellenz . « » Was sagst denn Du , Friedrich ? « wandte sich nun mein Vater an den Schwiegersohn . » Bist Du etwa auch der Ansicht , daß man nach einer erhaltenen Ohrfeige zu Gericht gehen soll und um 5 fl . Schadenersatz klagen ? « » Ich würde es nicht thun . « » Du würdest den Beleidiger fordern ? « » Versteht sich . « » Aha , Doktor - aha , Martha , « triumphierte mein Vater , » hört Ihr ? Auch Tilling , der doch kein Freund des Krieges ist , gibt zu , ein Freund des Duells zu sein . « » Ein Freund ? Das habe ich nie behauptet . Ich sagte nur , daß ich gegebenen Falls selbstverständlich zum Duell greifen würde - wie ich es übrigens auch schon ein und das andere Mal gethan ; gerade so selbstverständlich , wie ich schon mehreremale in den Krieg gezogen , und bei dem nächsten Anlaß wieder ziehen werde . Ich füge mich den Satzungen der Ehre . Damit will ich aber keineswegs gesagt haben , daß diese Satzungen , wie sie unter uns bestehen , meinem sittlichen Ideal entsprechen . Nach und nach , wenn dieses Ideal die Herrschaft gewinnt , wird der Begriff der Ehre auch eine Wandlung erfahren : einmal wird eine erhaltene Injurie , wenn sie unverdient ist , nicht auf den Empfänger , sondern auf den rohen Geber als Schmach zurückfallen ; zweitens wird das Selbsträcheramt auch in Sachen der Ehre ebenso außer Gebrauch kommen , wie in kultivierter Gesellschaft die Selbstjustiz in anderen Dingen thatsächlich schon verschwunden ist . Bis dahin - » Da können wir lange warten , « unterbrach mein Vater . » So lange es überhaupt Edelleute gibt - « » Das muß auch nicht immer sein , « meinte der Doktor . » Oho , Sie wollen gar den Adel abschaffen , Sie Radikaler ? « rief mein Vater . » Den feudalen allerdings . Edelleute braucht die Zukunft keine . « » Desto mehr Edelmenschen , « bekräftigte Friedrich . » Und diese neue Gattung wird Ohrfeigen einstecken ? « » Sie wird vor allem keine austeilen . « » Und sich nicht verteidigen , wenn der Nachbarstaat einen kriegerischen Einfall macht ? « » Es wird keine einfallenden Nachbarstaaten geben - ebensowenig als jetzt unsere Landsitze von feindlichen Nachbarburgen umgeben sind . Und wie der heutige Schloßherr keinen Troß bewaffneter Knappen mehr braucht - « » So soll der Zukunftsstaat des bewaffneten Heeres entraten können ? Was wird dann aus Euch Oberstlieutenants ? « » Was ist aus den Knappen geworden ? « So hatte sich der alte Streit wieder einmal entsponnen und derselbe wurde noch eine Zeit lang fortgesetzt Ich hing mit Entzücken an Friedrichs Lippen ; es that mir unsäglich wohl , die Sache erhöhter Gesittung von ihm so fest und sicher vertreten zu sehen , und im Geiste verlieh ich ihm selber den Titel , den er vorhin genannt hatte : » Edelmensch « ! Drittes Buch 1864 Wir blieben noch vierzehn Tage in Wien . Es war aber keine fröhliche Urlaubszeit für mich . Dieses fatale » Krieg in Sicht « , welches nunmehr alle Zeitungen und alle Gespräche ausfüllte , benahm mir jede Lebensfreudigkeit . So oft mir etwas von den Dingen einfiel , aus welchen mein Glück zusammengesetzt war - vor allem der Besitz eines täglich teurer werdenden Gatten - , so oft mußte ich auch an die Unsicherheit denken , an die unmittelbare Gefahr , welche der in Aussicht stehende Krieg über mein Glück verhängte . Ich konnte desselben , wie man zu sagen pflegt , » nicht froh werden « . Der Zufälligkeiten von Krankheit und Tod , von Feuersbrunst und Überschwemmungen - kurz , der Natur- und Elementardrohungen giebt es genug ; aber man hat sich gewöhnt , nicht mehr daran zu denken , und lebt trotz dieser Gefahren in einem gewissen Stabilitätsbewußtsein . Doch wozu haben die Menschen sich auch noch willkürlich selbst verhängte Gefahren geschaffen , und so den ohnehin vulkanischen Boden , auf den ihr Erdenglück gebaut ist , noch eigenmächtig und mutwillig in künstliches Schwanken versetzt ! Zwar haben sich die Leute daran gewöhnt , auch den Krieg als Naturereignis zu betrachten und denselben als vertragsaufhebend in einer Linie mit Erdbeben und Wassernot zu nennen - daher auch so wenig als möglich daran zu denken . Aber ich konnte mich in diese Auffassung nicht mehr finden . Jene Frage : » Muß es denn sein ? « von welcher einst Friedrich gesprochen , die hatte ich mir mit Bezug auf den Krieg oft mit » nein « beantwortet ; und statt Resignation empfand ich dann Schmerz und Groll - ich hätte ihnen allen zurufen wollen : » Thut es nicht ! - thut es nicht ! « Dieses Schleswig-Holstein und die dänische Verfassung - was ging denn das uns an ? Ob der » Protokoll-Prinz « die Grundgesetze vom 13. November 1863 aufhob oder bestätigte - was war denn das uns ? Aber da waren alle Blätter und Gespräche nur immer voll von Erörterungen über diese Frage , als wäre das das Wichtigste , Entscheidendste , Weltumwälzendste , was sich denken läßt , sodaß die Frage : » Sollen unsere Männer und Söhne totgeschossen werden oder nicht ? « daneben gar nicht aufkommen durfte . Nur einigermaßen versöhnen , wenn mir nämlich der Begriff » Pflicht « so recht vor die Seele trat . Nun ja : - wir gehörten zum deutschen Bunde und mit den verbündeten deutschen Brüdern im Verein mußten wir für die Rechte unterdrückter deutscher Brüder kämpfen . Das Nationalitätsprinzip war vielleicht doch etwas , das mit elementarer Kraft Bethätigung erheischte - - von diesem Standpunkte aus also mußte es sein ... Beim Anklammern an diese Idee ließ der schmerzende Groll in meiner Seele ein wenig nach . Hätte ich voraussehen können , wie zwei Jahre später diese ganze deutsche Verbrüderung in bitterste Feindschaft sich auflösen sollte ; wie dann der Preußenhaß in Österreich noch viel wütender angefacht würde , als jetzt der Dänenhaß - so hätte ich damals schon erkannt , wie ich das seither erkennen gelernt , daß die Motive , welche als Rechtfertigung der Feindseligkeiten angeführt werden , nichts als Phrasen sind , Phrasen und Vorwände . Den Sylvesterabend verbrachten wir wieder im Hause meines Vaters . Mit dem Schlage zwölf erhob dieser sein Punschglas : » Möge der Feldzug , welcher uns in dem neugeborenen Jahre bevorsteht , ein für unsere Waffen glorreicher werden « - sprach er feierlich ; - ich stellte mein schon erhobenes Glas auf den Tisch zurück - » und mögen unsere Lieben uns erhalten bleiben ! « beschloß er . Jetzt erst that ich Bescheid . » Warum hast Du bei der ersten Hälfte meines Toastes nicht angestoßen , Martha ? « » Weil ich von einem Feldzug nichts anderes wünschen kann , als daß er - unterbleibe « Als wir ins Hotel und in unser Schlafzimmer zurückgekehrt waren , warf ich mich Friedrich um den Hals . » Mein Einziger ! Friedrich ! Friedrich ! ! « Er drückte mich sanft an sich : » Was hast Du , Martha ? Du weinst ... heute in der Neujahrsnacht ? Warum denn das junge 1864 mit Thränen einweihen , mein Liebling ? Bist Du denn nicht glücklich ? Habe ich Dich irgendwie gekränkt ? « » Du ? O nein , nein , - nur zu glücklich machst Du mich , viel zu glücklich - und deshalb ist mir bang . « » Abergläubisch , meine Martha ? Stellst Du Dir auch neidische Götter vor , welche zu schönes Menschenglück zerstören ? « » Nicht die Götter - die unsinnigen Menschen selber beschwören das Unglück auf sich herab . « » Du spielst auf den möglichen Krieg an ? Es ist ja noch nichts entschieden , wozu denn der vorzeitige Kummer ? Wer weiß , ob es zum Kampfe kommt , wer weiß , ob ich mitgehen muß ? ... Komm her , mein Liebling , setzen wir uns « - er zog mich neben sich auf das Sofa - » verschwende Deine Thränen nicht an eine bloße Möglichkeit . « » Schon die Möglichkeit ist mir schmerzlich . Wäre es Gewißheit , Friedrich , ich würde nicht sanft und still an Deiner Schulter weinen - ich müßte laut aufschreien und aufjammern ... Aber die Möglichkeit , die Wahrscheinlichkeit , daß in dem anbrechenden Jahre Du mir mittelst Armeebefehl aus den Armen gerissen würdest - die genügt schon , mich in Bangen und Trauer zu versetzen . « » Bedenke , Martha , Du gehst ja auch selber einer Gefahr entgegen - wie mir dies Dein Weihnachtsgeschenk so lieb verkündet hat - und doch denken wir beide nicht an die grause Möglichkeit , welche jeder Frau im Wochenbette beinahe ebenso häufig droht , wie jedem Manne auf dem Schlachtfelde ... Freuen wir uns des Lebens und denken wir nicht an den über unser aller Häupter schwebenden Tod . « » Du sprichst ja wie Tante Marie , Liebster - als ob unser Loos nur von der Bestimmung abhinge und nicht von den Unvorsichtigkeiten , Grausamkeiten , Wildheiten und Dummheiten unserer eigenen Mitmenschen . Wo liegt die unabwendbare Notwendigkeit dieses Krieges mit Dänemark ? « » Noch ist derselbe nicht ausgebrochen , noch - « » Ich weiß , ich weiß : - noch können Zufälligkeiten das Übel verhüten . Aber nicht der Zufall , nicht politische Ränke und Launen sollten über eine solche Schicksalsfrage entscheiden , sondern der feste , aufrichtige Wille der Menschen . Doch was nützt mein » es sollte nicht « und » es sollte « - ich kann die Ordnung der Dinge nicht ändern , nur darüber klagen . Aber darin hilf mir , Friedrich - versuche nicht , mit den landläufigen leeren Ausflüchten mich zu trösten ! Du glaubst selber nicht daran - Du selbst erbebst vor edlem Widerwillen ... Nur darin finde ich Genugthuung , wenn Du mit mir verdammst und beklagst , was mich und unzählige Andere so unglücklich machen soll . « » Ja , mein Herz , wenn es hereinbricht , das Verhängnis , dann will ich Dir recht geben ; dann will ich Dir den Schauder und den Haß nicht verhehlen , den mir der anbefohlene Völkermord einflößt ... Aber heute laß uns noch des Lebens froh sein ... Wir haben einander ja - nichts trennt uns ... nicht die geringste Schranke zwischen unseren Seelen ! Laß uns dieses Glück genießen - so lange es unser ist - mit Inbrunst genießen ... Denken wir nicht an die angedrohte Zerstörung desselben ... Ewig kann ja keine Freude dauern . In hundert Jahren ist ' s doch einerlei , ob wir lang oder ob wir kurz gelebt . Auf die Zahl der schönen Tage kommt es schließlich nicht an , sondern auf den Grad ihrer Schönheit . Die Zukunft bringe was sie wolle , mein vielgeliebtes Weib - unsere Gegenwart ist so schön , so schön , daß ich jetzt nichts fühlen mag , als seliges Entzücken . « Während er so sprach , schlang er seinen Arm um mich und küßte mein an seiner Brust ruhendes Haupt . Da schwand auch mir die drohende Zukunft aus dem Bewußtsein und auch ich versenkte mich in den süßen Frieden des Augenblickes . Am 10. Januar kehrten wir nach Olmütz zurück . Niemand zweifelte mehr an dem Ausbruch des Krieges . In Wien hatte ich noch vereinzelte Stimmen vernommen , welche meinten , daß die dänisch-holsteinische Frage vielleicht doch noch auf diplomatischem Wege beigelegt werden könne ; aber in den militärischen Kreisen unserer Festungsbesatzung galt die Friedensmöglichkeit für ausgeschlossen . Unter den Offizieren und ihren Frauen herrschte eine aufgeregte , aber zumeist freudig aufgeregte Stimmung : Gelegenheit zu Auszeichnung und Avancement in Sicht - zur Befriedigung des Thatendurstes des einen , des Ehrgeizes des zweiten , des Gage-Erhöhungsbedürfnisses des dritten . » Das ist ein famoser Krieg , der sich da vorbereitet , « sagte der Oberst , bei dem wir nebst mehreren anderen Offizieren samt Gemahlinnen zu Tische geladen waren , » ein famoser Krieg , der auch ungeheuer populär sein wird . Keine Gefahr für unser Territorium - auch der Landbevölkerung erwächst kein Schaden , denn der Kriegsschauplatz liegt auf fremdem Gebiet . Unter solchen Umständen ist es wirklich eine doppelte Lust sich zu schlagen . « » Was mich daran begeistert , « sagte ein junger Oberlieutenant , » ist das edle Motiv : unterdrückte Rechte unserer Brüder verteidigen . Daß die Preußen mit uns gehen , oder vielmehr wir mit ihnen , das sichert erstens den Sieg und zweitens wird es die nationalen Bande noch enger verknüpfen . Die Nationalitätsidee - « » Reden Sie lieber nichts von der , « unterbrach der Regimentschef etwas strenge . » Für einen Österreicher schickt sich dieser Schwindel nicht wohl . Der war ' s , der uns den 59er Krieg heraufbeschworen hat , denn auf diesem Steckenpferd , ein italienisches Italien , ist ja Louis Napoleon stets herumgeritten . Und überhaupt paßt dieses ganze Prinzip nicht für Österreich ; Böhmen , Ungarn , Deutsche , Kroaten - wo ist da das Nationalitätsband ? Wir kennen nur ein Prinzip , das uns vereint , das ist die loyale Liebe zu unserer Dynastie . Was uns also begeistern soll , wenn wir zu Felde ziehen , ist nicht der Umstand , daß wir für Deutsche und mit Deutschen kämpfen , sondern daß wir unserem erhabenen und geliebten Kriegsherrn Heeresfolge leisten dürfen . Es lebe der Kaiser ! « Alle erhoben sich und thaten stehend Bescheid . Ein Funken Begeisterung fiel auch mir ins Herz und erfüllte es - einen Augenblick aufflammend - mit wohlthuender Wärme . Eine und dieselbe Sache , eine und dieselbe Person lieben , wenn man Tausend ist , das gibt eine eigentümliche , vertausendfachte Hingebungslust ... Das ist ' s , was als Loyalität , als Patriotismus , als Korpsgeist die Herzen schwellt . Es ist nichts anderes als Liebe , und die wirkt so mächtig , daß einem das in ihrem Namen gebotene Werk des Hasses - das allerscheußlichste Werk des tödlichsten Hasses , der Krieg - als erfüllte Liebespflicht erscheint . Aber nur einen Augenblick hatte es in meinem Herzen so geglüht , denn eine stärkere Liebe als die zu allen erdenklichen Vaterländern und Landesvätern ruhte in dessen Grunde - die Liebe zu meinem Mann . Sein Leben war mir doch das höchste aller Güter , und wenn dieses aufs Spiel gesetzt werden sollte , konnte ich die Partie - gelte es nun Schleswig-Holstein oder Japan - nur verwünschen . Die jetzt folgende Zeit lebte ich in unerhörtem Bangen . Am 16. Januar stellten die Bundesmächte an Dänemark das Ansinnen , ein gewisses Gesetz , gegen welches die holsteinische Ständeversammlung und Ritterschaft den Schutz des Bundes anrief , aufzuheben , und zwar innerhalb vierundzwanzig Stunden . Dänemark verweigerte dies . Wer wird auch so sich befehlen lassen ? Diese Weigerung war natürlich vorausgesehen worden , denn schon standen preußische und österreichische Truppen an den Grenzen postiert , und am 1. Februar überschritten sie die Eider . So waren denn die blutigen Würfel wieder gefallen - die Partie begann . Dies veranlaßte meinen Vater einen Gratulationsbrief an uns zu richten . » Freut Euch , Kinder , « schrieb er . » Jetzt haben wir doch Gelegenheit , die erhaltenen Schläge von 59 wieder gut zu machen , indem wir den Dänen Schläge geben Wenn wir von Norden siegreich heimkehren , so können wir uns auch wieder nach Süden wenden : die Preußen bleiben unsere Alliirten , und dann können uns die schäbigen Italiener samt ihrem intriganten Louis Napoleon nicht mehr aufkommen . « Friedrichs Regiment , zur großen Enttäuschung des Obersten und des Offizierkorps , war nicht zur Grenze entsendet worden . Dies brachte uns ein väterliches Kondolenzschreiben ein : » Ich bedaure aufrichtig , daß Tilling das Pech hat , gerade bei einem Regiment zu dienen , welches nicht berufen war , den so glorreich sich anlassenden Feldzug zu eröffnen ; übrigens besteht ja immer noch die Möglichkeit , daß es zum Nachrücken bestimmt werde , Martha wird der Sache freilich die gute Seite abgewinnen und sich freuen , daß ihr die Angst um den geliebten Mann erspart bleibt , und auch Friedrich ist eingestandenermaßen selber kein Freund des Krieges ; aber ich denke , er ist nur im Prinzip dagegen , das heißt : es wäre ihm aus sogenannten humanitären Gründen lieber , wenn es zu keiner Schlacht käme ; ist es aber einmal dazu gekommen , so wollte er wohl auch lieber dabei sein , da regt sich wohl die männliche Kampfeslust . Es sollte wirklich immer die ganze Armee gegen den Feind geschickt werden ; in solchen Zeiten zu Hause bleiben zu müssen , ist für den Soldaten doch gar zu hart . « » Trifft es Dich hart , mein Friedrich , bei mir zu bleiben ? « fragte ich , nachdem ich den Brief gelesen . Er drückte mich an sein Herz . Diese stumme Antwort genügte mir . Aber was half ' s ? Um meine Ruhe war es doch geschehen . Jeden Tag konnte der Marschbefehl kommen . Würde der unselige Krieg nur schnell zu Ende geführt ! ... Mit größtem Eifer las ich in den Zeitungen die Berichte vom Kriegsschauplatz und wünschte heiß , daß die Verbündeten rasche und entscheidende Siege erföchten . Ich gestehe es , der Wunsch war nicht vor allem ein patriotischer . Lieber war es mir immerhin , wenn der Sieg auf unserer Seite blieb ; aber was ich von diesem erhoffte , war die Beendigung des Kampfes , ehe mein Alles in der Welt dahin entsendet werde , in zweiter Linie erst der Triumph meiner Landsleute und in allerletzter Linie die Interessen des » meerumschlungenen « Stück Landes . Ob nun Schleswig zu Dänemark gehörte , oder nicht , was in aller Welt konnte mich das anfechten ? Und schließlich - was focht es die Dänen und die Schleswig-Holsteiner selber an ? Sahen denn die beiden Völker nicht ein , daß es nur ihre Lenker waren , welche um Land- und Machtbesitz sich stritten , daß es in diesem Fall zum Beispiel nicht um ihr Wohl und Wehe , sondern um die Gelüste des Protokoll-Prinzen und des Augustenburgers sich handelte ? Wenn mehrere Hunde um ein paar Knochen sich raufen , so zerfleischen einander doch nur die Hunde ; in der Völkergeschichte sind es aber meist die dummen Knochen selber , welche auf einander losschlagen und sich gegenseitig zertrümmern , um für die Rechte der sie begehrenden Streiter zu kämpfen . » Mich will Azor haben « - und » Auf mich hat Pluto Anspruch « - » Ich protestiere gegen Karo ' s Fänge « und » Ich rechne es mir zur Ehre , von Minka gefressen zu werden , « sagen die Knochen . » Dänemark bis zur Eider , « riefen die dänischen Patrioten . » Wir wollen Friedrich von Augustenburg zum Herzog , « riefen die Loyalen von Holstein . Unsere Zeitungsartikel und die Gespräche unserer Kannegießer waren natürlich alle von dem Grundsatz durchdrungen , daß die Sache für welche » Wir « eingetreten , die gerechtere , die einzig » historisch entwickelte « , die einzig für Erhaltung des » europäischen Gleichgewichtes « erforderliche war . Natürlich wurde in den Leitartikeln und den politischen Unterhaltungen in Kopenhagen das gegenteilige Prinzip mit gleichem Nachdruck verfochten . Warum nicht gegenseitig die Rechte abwägen , um sich zu verständigen , und wenn dies nicht gelingt , eine dritte Macht zum Schiedsrichter machen ? Warum nur immer beiderseitig schreien . » Ich - ich bin im Rechte . « Sogar gegen die eigene Überzeugung schreien , so lange , bis man sich heiser geschrien und losschlägt - die Entscheidung der Gewalt überlassend ? Ist das nicht Wildheit ? Und wenn nun eine dritte Macht sich in den Streit mischt , so thut auch sie es nicht mit Rechtserwägung und Urteilsspruch , sondern gleichfalls mit Dreinschlagen ? ... Und das nennen die Leute » äußere Politik ? « Außere und innere Rohheit ist es - staatskluge Schildbürgerei - internationale Barbarei . - - - Mit solcher Bestimmtheit faßte ich wohl damals die Ereignisse noch nicht in diesem Lichte auf . Nur momentan erwachten mir derlei Zweifel , und dann gab ich mir Mühe , dieselben zu verscheuchen . Ich versuchte , mir einzureden , daß das geheimnisvolle Ding » Staatsraison « genannt , ein über alle Privat- und namentlich über meine kleine Vernunft erhabenes , das Leben der Staaten bedingendes Prinzip sei , und eifrig studierte ich in der Geschichte Schleswig-Holsteins nach , um einen Begriff von dem » historischen Recht « zu erlangen , zu dessen Wahrung der gegenwärtige Prozeß geführt ward . Da fand ich denn , daß der fragliche Landstrich schon im Jahre 1027 an Dänemark abgetreten worden war . Also haben eigentlich die Dänen recht ; sie sind die legitimen Könige des Landes ... Nun aber , zweihundert Jahre später , wird das Land einer jüngeren Linie des Königshauses zugeteilt und gilt nur noch als ein dänisches Fahnenlehen . 1326 wird Schleswig dem Grafen Gerhard von Holstein überlassen und die » Waldemarsche Konstitution « verbrieft , daß » es nie wieder mit Dänemark so verbunden werden soll , daß ein Herr sei . « Ah so , dann ist das Recht doch auf Seite der Verbündeten : wir kämpfen für die » Waldemarsche Konstitution « . Das ist wohl in der Ordnung , denn wozu wären denn verbriefte Zusicherungen , wenn man sie nicht aufrecht erhielte ? Im Jahre 1448 wird die Waldemarsche Konstitution nochmals durch König Christian I. bestätigt . Also kein Zweifel ; nie soll und darf wieder » Ein Herr sein « . Was wollte da der Protokoll-Prinz ? Zwölf Jahre später stirbt der Herrscher von Schleswig kinderlos und die Landstände versammeln sich zu Ripen ( gut , daß man immer so genau weiß , wann und wo sich Landstände versammelten : es war also 1460 zu Ripen ) und proklamieren den dänischen König zum Herzog von Schleswig , wogegen er ihnen verspricht , daß die Lande » ewig zusammenbleiben sollen - ungeteilt « . Das macht mich wieder ein wenig konfus . Der einzige Anhaltspunkt ist noch das » ewig zusammenbleiben « . Aber die Verwirrung nimmt im weiteren Verlauf dieses historischen Studiums fortwährend zu , denn jetzt beginnt , trotz der » Formel : ewig ungeteilt ( das Wort ewig spielt in politischen Verträgen überhaupt eine niedliche Rolle ) ein ewiges Spalten und Teilen des Besitzes zwischen den Söhnen des Königs und Wiedervereinen unter einem nächsten König und Gründen neuer Linien - Holstein-Gottorp und Schleswig- Sonderburg - welche sich unter gegenseitigen Verschiebungen und Abtretungen der Anteile abermals spalteten in die Linien Sonderburg-Augustenburg , Beck-Glücksburg , Sonderburg-Glücksburg , Holstein- Glückstadt - kurz , ich kenne mich gar nicht mehr aus . « Aber nur weiter . Vielleicht begründet sich das historische Recht , um welches heute unsere Landessöhne bluten müssen , erst später . Christian IV. mischt sich in den dreißigjährigen Krieg und die Kaiserlichen und Schweden fallen