sie , » möchte wissen , wen ich vorstelle . « » Du bist « , lautete die Antwort , » die lebendige Nachbildung eines Porträts der Gemahlin des Herzogs Rudolf von Braunschweig-Lüneburg . « » Lüneburg ? Hab mein Lebtag nichts von dem Neste gehört . « » Ich auch nicht , aber jetzt merk ich mir ' s « , sprach Betty , die gleichfalls herangetreten war und die Hand auf Marias Schulter legte . » Man wird so gelehrt in Dornach . Es geschieht alles mögliche für die Bildung der Gäste . Das heutige Fest , zum Beispiel , hast du , wett ich , nur arrangiert , um uns hinterrücks etwas aus der Geschichte beizubringen und aus der Geographie . « » Solche Lektionen kann man sich schon gefallen lassen « , fiel Carla ein , und Betty rief : » Oh , wie hab ich mich unterhalten ! Es war furchtbar lustig . « » Und was denn am lustigsten ? « fragte Maria . » Die Jagd natürlich . Ich hab einunddreißig Hasen geschossen und einen Fuchsen , den mir übrigens mein schußneidiger Mann abdisputieren will . Und du hast dich doch auch unterhalten ? « » Auf der Jagd nicht . « Die kleine Frau war außerordentlich erstaunt : » Wie kann das sein ? « » Es ist mir eingefallen , daß wir uns an Qualen ergötzen . Der Anblick der jämmerlich zugerichteten Tiere hat mich verstimmt . « » Entschuldigen Sie , Gräfin , das ist Empfindelei « , sprach ein jugendlicher , etwas affektierter Diplomat . » Behauptet die Gedankenlosigkeit « , versetzte Maria halblaut , wie zu sich selbst redend . In ihm aber brodelte es vor Unwillen ; fast wäre er aufgefahren . Gestern erst hatten einige seiner hier anwesenden Freunde von Marias Unnahbarkeit gesprochen , und er hatte sich in die Brust geworfen und mit offenkundiger Absicht gesagt : » Ja , ja , ihr zu gefallen ist nicht leicht . Man muß eben geistreich sein . « Und jetzt , und noch dazu in Gegenwart der Zeugen seiner Prahlerei : Gedankenlosigkeit ! Er wollte eine schlagende Antwort geben , da ihm aber nichts besonders Passendes einfiel , entschloß er sich zu schweigen . Die kleine Beschämung , die er erlitten hatte , war verschmerzt , als Carla sich mit den Worten zu ihm wandte : » Ich bin Ihnen noch einen Walzer schuldig vom Fasching her . Soll ich bezahlen ? « Sehr geschmeichelt erhob er sich und wirbelte mit ihr davon . Vetter Wilhelm aber , der bei Wonsheim in hohen Gnaden stand , mußte mit Betty tanzen , um zu büßen für den schmachvollen Verdacht , den er geäußert hatte , daß sie müde sei . » Was ? müd - ich ? ... Ich bestell mir ein Pferd her um sechs Uhr früh und mach noch einen Ritt von ein paar Stunden . « Wilhelm lachte : » Ganz wie ich , damals , als ich noch Leutnant war bei Kaiser Nikolaus-Husaren . « Maria blickte sinnend , mit immer unbeweglicher werdenden Augen , in das Gewühl fröhlicher , geputzter Menschen , und was sie sah , war seltsam . - Das glänzende Bild goldbetreßter Herren , von Juwelen strotzender Damen , des altertümlichen Prunkgemachs , worin sie sich bewegten , wurde durchscheinend und verschwand schemenhaft von einem tief dunklen Hintergrunde . In dem war ein Brausen und Grollen , wie es dräut im sturmgepeitschten Meer . Die Wellen türmten sich bis zum Himmel , stürzten in unermeßliche Tiefen , stiegen wieder empor , um wieder zu sinken , ein ewiges Auf und Nieder . Und ein Wehgeheul entrang sich diesem grausen Getümmel gejagter , jagender , verschlingender , verschlungener Wellen : denn sie bestanden aus Tier- und Menschenleibern ; sie waren das gequälte Geschlecht der Lebendigen , und der Ozean , der diese Fluten rollte , war ein Ozean des Leidens ... Manchmal erglänzte hoch am Horizont ein blinkender Stern , und Millionen von Menschenherzen erhoben sich , sehnsüchtige Augen tranken lechzend sein zitterndes Licht . Aber nicht lange , und sie wußten : Der ihnen dort erglommen , der verheißende Schein , war nur ein Widerschein des Trostverlangens , der Hoffnung - in ihrer eigenen Brust . Und weiter rollt der Ozean des Leidens seine stöhnenden Fluten . Aber sieh ! - was kommt auf ihnen dahergeschwommen ? ... In bewimpeltem Schifflein eine lustige Schar übermütiger Männer und Frauen . Sie scherzen , sie spielen , sie liebeln und fahren sorgenlos hin - demselben Ende zu , das der Gepeinigten wartet ... » Woran denkst du ? « fragte plötzlich eine sanfte Stimme . Maria schrak auf wie aus einem Traume . Helmi stand neben ihr . Und andere kamen , und der Diplomat machte ihr auf Tod und Leben den Hof , und Clemens Wonsheim fühlte mit Mißbehagen , daß er einmal wieder im Begriff sei , sich in die Frau eines seiner Bekannten zu verlieben , und sagte sich selbst : Unsinn , dabei schaut wirklich nix heraus . Einmal im Laufe dieser Nacht trat Maria an die Glaswand des Altans und schob den Vorhang zurück . Da lag vor ihr die weite , beschneite Landschaft , weißschimmernd , heller als der Himmel . Oh , diese anbetungswürdig schöne und doch peinerfüllte Erdenwelt ... Dein Werk , du unbegreiflicher , unbekannter Gott ... Sie besann sich eines Spruchs , den sie in einem alten Buch gelesen , und der lautete : Als Vorsehung magst du ihn hassen , Den Künstler mußt du gelten lassen . Einst hatten diese Worte ihr religiöses Gefühl verletzt ... Einst ! 15 Das Fest in Dornach rief eine Reihe mehr oder minder glücklicher Nachahmungen hervor . Es gab Bälle auf allen Schlössern der Umgebung , sogar bei Wilhelms wurde getanzt , zum ersten Male , seitdem sie Haus hielten . Später kam der Eissport in Aufschwung , und man huldigte ihm auf das eifrigste . Da zeigte sich Gustav Wonsheim in seinem Glanze . » Wenn ' s friert « , sagte Carla , » dann kommt mein Mann in Feuer . « Er fuhr wie ein Norweger auf dem Schneeschuh bergab und bergan ; er verstand die Eispike zu gebrauchen wie ein Holländer ; auf dem Eislaufplatz beschämte er den Amerikaner Haynes . Seine Unermüdlichkeit im Veranstalten immer neuer Wintervergnügungen im Freien war erstaunlich . Im Dezember dieses Jahres gewann er , ohne Notiz davon zu nehmen , die Herzen von sechzehn benachbarten Damen ; doch wandten sie sich im Februar fast alle von ihm ab , als ihn Hermann bei einem tollkühnen Schlittenrennen glorreich besiegte . Die Zeit verrann . Von Woche zu Woche wurde in Dornach und in Rakonic die Abreise nach Wien verschoben und endlich ganz aufgegeben . Die Balzjagden hatten begonnen , die Herrschaften fuhren fort , sich auf dem Lande prächtig zu unterhalten . Maria führte ein eigentümliches Doppelleben . Heute eine zweite Elisabeth von Thüringen , morgen eine Vollblut-Sportslady , die das starke Geschlecht oft übertraf an Kühnheit und » Schneid « . » Ein Mordsweib , die Dornach « , sagte Clemens seufzend zu seinem Bruder . Und Gustav erwiderte zwischen zwei Zügen seiner Zigarette : » Das weiß der Teufel ! « Clemens ließ sich in seinem Fauteuil hinabgleiten , streckte die Beine weit aus und legte den Kopf zurück . » Wie sie gestern so scharf hereingfahren is ! « sprach er . » Auf einmal ruft die Betty sie an . Ein Ruck - und die Braun ' stehn wie die Mauern . « » Ich sag ' s ja , als four-in-hand-Kutscher kommt ihr keiner nach . « » Das Aug , die Hand und - die Ruh . « » Der Kerl , der Hermann , der hat ein Mordsglück mit der Frau . « Dem Beneideten indessen schien das , was die hohe Zustimmung der Nachbarn erweckte , ein unheimliches Wunder . Er suchte sich die leidenschaftliche Zerstreuungssucht Marias als einen Rückschlag gegen ihre frühere Melancholie zu erklären . Pendelschwingungen der Seele , von dem Äußersten zu jenem , die nichts sind als Vorbereitungen zur Rückkehr in ihre schöne , wohltuende Gleichmäßigkeit . Eines Morgens kam Maria heim nach wildem Ritte durch die kaum wegsam gewordenen Wälder . Aus ihren schweren Flechten , die sich nicht völlig unter den Hut hatten zwängen lassen , standen die Spitzen der Haare hervor , glänzend wie Seide ; unbändige Löckchen kräuselten sich über den aufgeregt funkelnden Augen , die schlanken Nasenflügel zitterten , zwischen den leicht geöffneten Lippen blinkten die weißen Zähne hervor . Hastig berichtete sie von einer neuen Verabredung mit Wonsheims für den Abend . Eine Regung der Eifersucht durchzuckte das Herz ihres Mannes ; doch machte er sich sogleich einen Vorwurf daraus . » Du hast dich unterhalten ? « fragte er . » Oh , königlich ! « gab sie zur Antwort , und er strich leise über ihre geröteten Wangen : » Den nächsten Winter verleben wir in der Stadt , wenn es dir recht ist . Auf dem Lande haben wir zu wenig Ruhe , was meinst du ? « » Was du meinst « , gab sie zur Antwort , und seine unausgesprochene Rüge verfehlte nicht ihre Wirkung . Maria besann sich auf sich selbst . Ein Wort Hermanns hatte sie aus dem Rausche geweckt , in dem sie eine Art von Frieden gefunden . Nun wollte sie mehr als seinen Schein , sie wollte ihn selbst wiedergewinnen , den echten Frieden , ohne den das Leben nutzlos und töricht ist . Sie begann ihn zu suchen im Buch der Bücher , in den Worten der Schrift , die sich nicht an die kalte Tugend wenden , die für den reuigen Sünder gesprochen sind . Ihm gelten diese Verheißungen , dem armen Zöllner , der büßenden Magdalena öffnen sich Vaterarme . Maria erflehte und erhielt Entsühnung durch den Mund eines ehrwürdigen Priesters und blieb vor sich selbst - unentsühnt . » Was hilft Ihre Verzeihung , mein Vater , wenn ich mir nicht verzeihen kann ? « fragte sie , und der alte Seelenhirt erwiderte : » Hat meine Tochter vergessen , daß es die Verzeihung des Allbarmherzigen ist und nicht die meine , die sie in der heiligen Beichte empfängt ? « » Wenn es die Verzeihung Gottes ist , warum fühle ich ihre Segnungen nicht ? Warum trete ich von dem Tische des Herrn mit so schwerem Herzen hinweg , als ich ihm nahte ? « Ihr Gewissensrat holte vergeblich Trostgründe ohne Ende aus dem unerschöpflichen Born des Glaubens hervor , dessen treuer Bekenner er war . Sie lag vor ihm auf den Knien im Beichtstuhl der Schloßkapelle , das Angesicht mit den Händen bedeckt , und schluchzte . Der Priester ließ einen Blick voll Wehmut über die Ringende gleiten und sagte nach langem Besinnen : » Die Wege des Herrn sind unerforschlich . Es ist schon vorgekommen , daß ein reiner Mensch mit Zulassung Gottes in der Versuchung unterlegen ist . Das geschieht , damit dieser Mensch sich nicht überhebe in seiner Tugend . Er fiel , ja , aber - dem Allgütigen zu Füßen , dessen er im Frevelmute vergessen und zu dem die Reue ihn zurückgeführt . Dort liegt er fortan in Demut und Zerknirschung , einer von denen , die dem Herzen des Ewigen näherstehen als hundert Gerechte . « Er gab ihr seinen Segen . Sie erhob sich stumm , und nie wieder klagte sie ihm ihr Leid . Der alte Geistliche aber beugte seinen kahlen Scheitel in frommer Einfalt vor dem Bilde des Gekreuzigten bis zur Erde und sprach ein heißes Dankgebet : Sei gepriesen , daß du auf die Lippen deines unwürdigen Dieners die Worte legtest , die eine Seele vor der Verzweiflung gerettet haben . Maria ging von nun an ihren Weg allein und suchte nicht mehr nach Betäubung oder Stütze . Äußeren Gleichmut hatte sie endlich errungen , der half ihr die schwere Seelenpein verbergen , ja , er wuchs mit ihrem Streben nach Vervollkommnung . Sie war nachsichtslos gegen sich selbst , wenn es die Erfüllung auch der geringsten Pflicht galt - und hatte gegen ihre erste und höchste gesündigt . Sie trug das verfeinertste Rechtsgefühl in der Brust , und - neben ihr wuchs die Frucht des Unrechts auf ; ein Eindringling , ein kleiner Dieb , der genoß , was ihm nicht zukam . Über ein schmerzliches Mitleid ging die Empfindung Marias für das Kind nicht hinaus . Aber Hermann , Vater und Sohn , schienen ihm die Zärtlichkeit ersetzen zu wollen , die seine Mutter ihm versagte . Der vierjährige Majoratserbe , ein großer , stämmiger Junge , der so kühn und stolz einherging , als ob die Erde ihm gehörte , zerschmolz vor dem » Kleinen « in Liebe und Ergebenheit . Seiner Natur nach kriegerisch und immer aufgelegt , zum Schlage auszuholen mit seinen Fäustchen , entfaltete er jeder Laune seines Nachgeborenen gegenüber eine erstaunliche Geduld . Er parierte seine hölzernen Pinzgauer im sausendsten Galopp , wenn Erich mit Tränen in der Stimme rief : » Genug , die Pferde sind schon müd . « Überlegen lächelnd sah Hermann zu , wie sein Bruder die Gäule unter einer Gartenbank vor ihm versteckte , sie fütterte und sie zudeckte mit dem Taschentuch . Der Große beschützte den Kleinen bei hundert Gelegenheiten ; dieser beschützte die Hunde vor Hermanns derben Zärtlichkeiten . In solchen Fällen gab es Püffe ; doch immer war ' s der Schwache , der sie versetzte . Ein festes Band zwischen den Geschwistern war die Freude am Erzählen des einen , die Freude am Zuhören des andern . Es glänzte etwas wie Verehrung in Erichs Augen , wenn er den Geschichten seines Bruders lauschte . Diese hatten eine merkwürdige Ähnlichkeit untereinander und handelten immer wieder von der Wüste , vom Sturm und von den Löwen . Manchmal , wenn sich die Wüste so unermeßlich dehnte , daß sie größer wurde als die Wiese drüben hinter dem Bach , und wenn der Sturm es zu wild trieb und die Löwen zu blutdürstig wurden , da überlief ' s den Kleinen ; sein Gesichtchen zog sich in die Länge , er verschränkte seine Finger krampfhaft über den Knien und ließ den Kopf auf die Brust sinken . Glücklich über den Erfolg seiner Erzählungskunst , warf Hermann den Kopf in die Höhe und rief : » Und ich werd hingehen und die Löwen totschießen ! « Das war der Höhepunkt seines Triumphes , und er genoß ihn ungestört , bis eines Tages der Kleine aufsprang , die Arme ausbreitete und völlig begeistert sprach : » Und Erich wird zuerst hingehen und wird den Löwen zu essen geben . « Von Stund an begann er , den Gedanken an die Reise zu den Löwen mit einer weit über seine Jahre gehenden Beharrlichkeit nachzuhängen . Der Richtung zugewandt , die Hermann als diejenige bezeichnet hatte , in der die Löwen wohnen , konnte er ganz in Gedanken versinken und still und freudig lächeln , als ob die schönsten Bilder vor ihm auftauchten . Seine Mutter bekämpfte den Hang zur Träumerei in dem Knäblein . Sie lehrte ihn spielen ; sie zürnte , wenn sie ihn müßig fand . Doch selbst ihr Zürnen war ihm Glück und Gnade , sie beschäftigte sich ja mit ihm . Er hörte ihr zu , stand wie ein Bildsäulchen und blickte mit seinen strahlenden Augen andächtig zu ihr empor . Maria hielt den liebewerbenden Blick des Kindes nicht lange aus . Sie trat fort von ihm , sie fragte sich schaudernd : Sieht denn niemand außer mir diese entsetzliche Ähnlichkeit ? - Niemand , antwortete ihr die Unbefangenheit der Ihren , der Fremden , eines jeden , der dem Kinde nahte und in Bewunderung des reizumwobenen Geschöpfchens ausbrach . Sein besonderer Verehrer war der Doktor , obwohl er sonst gesunden Kindern keine Beachtung schenkte . » Der Herr Graf Erich soll , wie ich höre , geistlich werden « , sagte er zu Lisette , die lange mit ihm geschmollt , es aber zuletzt aufgegeben hatte , weil er so gar nichts davon bemerkte . » Da prophezeie ich Ihnen , aus dem macht man keinen Domherrn . Der bleibt nicht im Lande - der wird ein heiliger Reisender , ein Missionär . Schon jetzt ein Menschen- und Tierfreund und dazu einen unwiderstehlichen Zug hinaus ins Universum . « Die gute Helmi und Wilhelm sagten oft , daß sie sich einen Neunten gefallen ließen , wenn er ein Seitenstück zu Erich wäre : » So poetisch schöne Kinder sind gewöhnlich kränklich , dieser aber sieht aus und befindet sich wie ein Cherub . « Den Vergleich hatte zuerst Gräfin Agathe angewendet . Sie entriß sich des bevorzugten Enkels wegen früher als sonst ihrer klösterlichen Einsamkeit . Den scherzenden Vorwurf Hermanns , er hätte nie geahnt , daß sie so schwach und nachsichtig sein könne , wie sie es gegen seinen zweiten Sohn war , ließ sie sich gern gefallen . - Er erinnerte eben an seinen Großvater . Die Gräfin hatte das festgestellt , und es blieb für die Mitglieder der beiden Häuser Dornach ein Familiendogma , was soviel heißt als ein Satz , an dem der gesunde Menschenverstand und die tiefste Einsicht zuschanden werden . Als der Fasching heranrückte , mahnte die Mutter Hermanns ihn und Maria von neuem an ihre Pflichten gegen die Gesellschaft . Graf Wolfsberg , mit Geschäften überhäuft und dadurch an Wien gebunden , sehnte sich nach seiner Tochter . Gräfin Dolph schrieb : » Ihr seid noch zu jung , um ganz zu verlandeln . Kommt , obwohl hier nicht viel los ist . Die Menschen werden immer dümmer und ihre Manieren immer schlechter . Früher wußte ich genau , ob ich mit einem Fiaker rede oder mit einer Komteß , jetzt irre ich mich alle Augenblick . Ob es noch junge Herren gibt , werdet wohl Ihr erfahren ; eine alte Frau , bei der man etwas Geist , den Erbfeind dieser Rasse , vermutet , kann sie für ausgerottet halten . - Ich gehe mit dem Gedanken um , literarische Abende zu veranstalten , aber - die Literaten sind sämtlich Atheisten - meine Nulle ist dagegen . Um diese Seele sind wir im Streite , der liebe Gott und ich . Ich glaube , ich werde sie ihm überlassen . Euere Wonsheim haben mich besucht . Beide Männer sind in Dich verliebt , Maria , zwei Waschbären , die den Morgenstern anschmachten . Sobald von Dir gesprochen wird , schnappen ihre Gesichter in die Falten der Demut ein . Die besseren Hälften Wonsheim fangen an sich zurückzuziehen . Aus Gründen , die man - wahrscheinlich um über ihre bitterliche Prosa hinwegzutäuschen - interessante nennt . Liebes Kind , mein Horace Walpole beschämt sein Urbild ; er schreibt mir nicht nur bewunderungswürdige und ergötzliche , sondern auch liebevolle Briefe . Freilich wagt er nicht viel dabei , auf diese Entfernung . Das ist mein Schicksal . Der einzige gescheite Junggeselle auf Erden und - Meere zwischen uns . Immer die alte Geschichte , alles Wiederholung auf dieser Erde , die ja selbst keine Originalschöpfung des lieben Herrgotts , sondern nach einem vom Teufel verfertigten Modell ausgeführt ist . Ich hab ' s aus sicherer Quelle . Und nun sage ich Euch nochmals : kommt ! reißt Euch los von Eueren Iffländern , Wilhelm und Helmi , die ich grüße , und von Euerem Euer Geld , Euere warmen Suppen und Jacken liebenden Volke . Zuletzt die Tagesneuigkeit : Alma ist in Wien . Wir hörten , daß sie einschrumpfe vor Langeweile auf ihrer Burg im Wald . Da schrieb ihr Dein Vater die Barmherzigkeitslüge : Ihre Freunde vermissen Sie , warum halten Sie sich fern ? Sie antwortete : Ich werde mich ewig fernhalten , und - war da . « » Wirst du sie sehen ? « fragte Hermann . Maria errötete bis an die Stirnhaare : » Ja . « » So kannst du ihr verzeihen ? « » Ich ? ... Wie käme es mir zu ... Und irgendwem ? « verbesserte sie sich , in Verlegenheit gebracht durch sein Befremden über diese Worte . » Wer ist so rein , wer steht so hoch , daß er sich anmaßen dürfte zu sagen : Ich verzeihe fremde Schuld . « Wenige Wochen später begegnete sie Alma auf einem Balle , begrüßte sie zuerst , empfing am folgenden Tage ihren Besuch und erwiderte ihn . Fürstin Tessin dankte mit Tränen in ihren noch immer schönen Augen . Die Freundschaft Marias war der stolze Besitz gewesen , auf den sie sich berufen konnte in ihrem Kampfe zwischen ihrer Furcht vor der Meinung der Welt und ihrer Liebe zu Wolfsberg . Zwei starke Empfindungen in einem schwachen Herzen , das nicht vermochte , der einen zu trotzen oder die andere aufzugeben . So hatte sie sich durchs Leben gewunden , überaus höflich , überaus gütig , in jedem , der ihr nahte , einen Richter sehend , den sie zu bestechen suchte . Als Maria begonnen hatte sie zu meiden , da war ihr , als ob die letzte Hülle gerissen worden wäre von ihrem durchsichtigen Geheimnisse . Jetzt aber hatte ihre Beschützerin sich wieder eingefunden , und sie fühlte sich nach Möglichkeit neu hergestellt in den Augen der Menschen , deren Urteil bei ihr die Stelle des Gewissens vertrat . Graf Wolfsberg äußerte sich über die Wiederanknüpfung des Verkehrs zwischen seiner Tochter und Alma weder zustimmend noch mißbilligend . Man geriet langsam in die alten Geleise zurück . Wolfsberg spöttelte zeitweilig ein bißchen über » die gute Fürstin « ; Maria verteidigte sie , wenn auch nicht so warm wie einst . Die Wahrnehmung Tante Dolphs erwies sich als richtig ; beide Wonsheim liebten , gänzlich hoffnungslos , die Frau Nachbarin vom Lande . Diese hatte seit einiger Zeit bedeutend » ausgespannt « , aber trotzdem war und blieb sie - in der Stadt , wo sich unzählige Gelegenheiten zu Vergleichen boten , sah man das erst recht - schön , elegant und sympathisch wie niemand . Die Brüder gingen einzig und allein ihretwegen in die Welt . Betty und Carla , kürzlich Mütter geworden , hüteten das Haus . Glückwünsche zu ihrer jungen Vaterschaft wiesen die Wonsheim zurück : » Ich bitt Sie , es sind ja nur Mädeln . « Der gute Kerl , der Hermann , bekam einen Sohn nach dem anderen , und sie bekamen - Mädeln . Sie suchten Trost für dieses klägliche Resultat in allerlei Zerstreuungen . Zu denen gehörte » der Spaß « , den der Umgang mit Fee ihnen machte . Sie waren ihre Vertrauten , sie erzählte ihnen alles und das übrige . Zum Beispiel , daß sie eine überseeische Korrespondenz führe und das Leben jetzt sehr ernst nehme , ja sogar , wie ein gewisser Jemand , der ihr maßgebend war - von der Schokoladenseite . Daß sie mit dem Gelde umgehen lerne und ihre Rechnungen nicht selten mit eigener - natürlich behandschuhter - Hand bezahle . Den Kurszettel lese sie Tag für Tag . Es könne auf einmal dazu kommen , daß man gezwungen sei , Obligationen zu verkaufen , um die Kosten einer weiten Reise , die vielleicht gar eine Hochzeitsreise sein werde , zu decken . Gräfin Dolph , bei der Fee den größten Teil ihrer Zeit zubrachte und die ebenso tief in ihre Geheimnisse eingeweiht war wie die Brüder Wonsheim , machte ihr keinen Vorwurf aus ihrer Plauderhaftigkeit . » In der Welt , die nur eine erweiterte Familie ist , weiß ohnehin jeder alles von jedem « , sagte sie eines Abends zu Fee in Marias Gegenwart . » Glaubst du das wirklich ? « fragte diese . » Ich meine , die Welt und die Familie wissen so gut wie nichts von ihren Mitgliedern . Ich wenigstens « , brach sie plötzlich aus , » habe eine Vorliebe für ihre Zurückgesetzten und eine heilige Scheu vor ihren Vergötterten . « » Dann mißtraue dir selbst « , erwiderte Dolph . » Vielleicht tu ich ' s « , sprach Maria . Die Tante zuckte die Achseln , scheinbar gleichgültig , in ihrem Innersten jedoch regte sich ein stiller , immer wieder auftauchender unbequemer Zweifel : Sollte Tessins Liebe nicht unbelohnt geblieben sein ? ... Pah ! wer dem Unwiderstehlichen nicht widersteht , ist entschuldigt , setzte sie in Gedanken hinzu und sprach : » Das sind , verzeih , krankhafte Übertreibungen . « Selten nur ließ sich Maria zu dergleichen Äußerungen hinreißen . Sie wurden ihr von der Angst ihres Herzens erpreßt , von der verzweifelten Versuchung : Komm der Entdeckung zuvor - jede Stunde kann sie herbeiführen - der Zufall , der geheimnisvolle Weltbeherrscher , den keine Macht der Erde abzuwenden vermag . Das waren schwere Augenblicke , aber Maria hatte doch auch Zeiten des inneren Friedens - diejenigen , in denen es ihr gelang zu vergessen . Mit weisem Bedacht , mit unendlicher Mühe übte sie sich im Erlernen dieser großen , für so manchen seelenbefreienden Kunst . Sie lebte in der Gegenwart , der Linderung des Leids , das ihr nahte , der schüchternen Liebe zu ihrem Manne , der mit Wonne und Qual ausgeübten Sorgfalt für ihre Kinder . Oft wiederholte sie sich das Trostwort : Ein ganzes Dasein der Rechtschaffenheit muß eine Stunde der Verwirrung aufwiegen können ... Können ? - erhob der peinigende Zweifel in ihrer Brust seine Stimme - , vielleicht , wenn dieses Dasein nicht so süß wäre , wenn die Folgen der Verirrung nicht verkörpert atmeten . 16 Im Laufe des Winters hatte Gräfin Agathe öfters den Wunsch ausgesprochen , ihre Kinder und Enkel unmittelbar nach ihrem Aufenthalt in der Stadt bei sich zu sehen . Sie kamen , und die Gräfin verlangte immer von neuem eine Verzögerung der Abreise ihrer Gäste . Erichs wegen - das Kind hatte es ihr angetan . Oft blickte Hermann ihr nach , wenn sie , viel älter aussehend , als sie war , steif und feierlich dahinschritt , den Kleinen an der Hand , den sie ins Herz geschlossen hatte und dem gegenüber sie es so bitter empfand , daß ihr die Gabe , mit Kindern umzugehen , versagt geblieben . Dem Kinde war unheimlich zumute bei dieser stummen Liebe . Was sollten die Spaziergänge , die nirgends hinführten und während welcher nicht einmal eine Geschichte erzählt wurde ? Erich machte schwache Versuche , seine Hand aus der der Großmutter zu lösen , aber dann sagte sie : » Bist du nicht gern bei mir , Erich ? « Er unterdrückte aus Angst das Nein , das ihm auf den Lippen schwebte , und fragte nach einer Weile ganz verlegen : » Und was werden wir jetzt spielen ? « worauf die alte Dame , nach einigen mißlungenen Versuchen , sein Interesse auf einen vorbeischwirrenden Vogel oder auf eine Blume am Wege zu lenken , ihn zur Kinderfrau zurückführte . Es war schon Sommer , als die Familie endlich in Dornach eintraf . Auf den Wiesen trocknete die erste Mahd . Betäubend fast dufteten die blühenden Linden ; die Saaten standen hoch , die Vögel flogen zu Neste . Aus dem Wagen , in dem die letzte Strecke zurückgelegt wurde , riefen die Kinder jedem Vorübergehenden jubelnd zu : » Wir sind da , wir sind wieder da ! « Ein eggendes Bäuerlein riß sein Gespann zusammen , daß die Kummete den Pferden bis an die Köpfe rutschten , und schwenkte freudig den Hut . Weiber , die Gras sichelten am Raine , richteten sich auf und grüßten unbeholfen : » Kommt ihr einmal nach Haus ? - Wir haben schon geglaubt , wir sehen euch nimmer « , sprach eine kleine , schiefe mit langen Armen . Und eine bildhübsche , schlanke zog das Kopftuch über die Augen , stemmte die Fäuste in die Seiten und wand sich vor Lachen - aus lauter Vergnügen . Die Schule spie eben ihren ganzen Inhalt an männlichen und weiblichen Besuchern aus . Ein ohrenzerreißendes Geschrei erhob sich , Mützen flogen in die Luft , am Ausgange des Vorgärtchens entstand ein großes Gedränge . Der Herr Katechet fuhr aus der Haustür wie aus der Mündung einer Bombe mitten hinein in die lärmende Schar . Mit geübter Hand teilte er rechts und links Klapse aus und grüßte dazwischen auf das ehrerbietigste zu den Herrschaften hinüber . Hermann befahl anzuhalten , man wechselte einige Worte , die ganze Schule wurde für den nächsten Sonntag zu einem Kinderfest im Parke geladen , und die Equipage fuhr davon . In ihrer Begleitung ritt seit der Ankunft auf der Bahnstation ein Einjährig-Freiwilliger vom zwölften Dragonerregimente . Ein schöner , großer Mensch , hellblond , blauäugig , mit gutmütigem Kindergesicht . Es war Willi , Wilhelms Ältester , auf einem mächtigen Braunen , einem Geschenk Hermanns . Der junge Mann hatte im Vorjahre ein glänzendes Zeugnis der Reife erworben , stationierte jetzt in der Nachbarschaft und sollte im Herbst unter der strengen väterlichen Zucht von der Pike auf anfangen in der Wirtschaft zu dienen . Ihm kam es zu , einzuspringen für seinen Vater , im Falle dem heute oder morgen die Kraft versagen sollte , den Unterhalt zu schaffen für die Seinen . Und mehr als den Unterhalt , nach Wilhelms Begriffen sogar den Wohlstand . Immer waren seine Kinder satt vom Tische aufgestanden , immer ward jedem der acht Rangen Gelegenheit geboten zu lernen , von früh an schon in die Bahn einzulenken , auf die seine Neigung und sein Talent ihn trieben . Und die Urheberin der Möglichkeit , ihnen soviel zu bieten , das war die gute heimatliche Erde , die alles hergab , was ein getreuer Sohn und Pfleger von ihr verlangen durfte . In schweren Zeiten , die dem Landwirt