zeitweilig mit großer , naiver Gewissenlosigkeit andere Männer um so nachdrücklicher , da ihr der , welcher ihr der liebste war , nichts Entscheidendes , nichts Entschiedenes » bieten « kannte . O ! Eine starke , zärtliche Neigung für Adam war allmählich in der Brust Emmys emporgewachsen . Und nun promenirten sie heute in dem kleinen Stadtpark . Nach dem Walde waren sie lieber nicht hinausgegangen . Es sah aus , als ob es jeden Augenblick regnen wollte . Die Luft ging kühl ... ganz gewiß zu kühl für die letzten Maitage . Die Natur machte ein halb bekümmertes , halb gleichgültiges Gesicht . Adam erschien sie wie verwittwet , wie verwaist . Da hatten alle Quellen eines ehelichen Sonnenlebens zu sprudeln aufgehört - ernst und zurückhaltend , wie in windstillen Oktobertagen , stand Baum und Strauch da ... nur die prahlerischen Farbensymphonie ' n des Herbstes fehlten - aber Adam war es zu Sinn , als ob dieses schwere , stumpfe , glanzlose Grün nicht echt - als ob es von den Cypressen der ganzen Welt zusammengeborgt wäre .... Der Herr Doctor war heute wieder einmal sehr schweigsam . Die Sprödigkeit und Neutralität der Natur zwangen ihn noch mehr in sich zurück . Es lastete kaum ein besonderer Druck auf ihm . Und doch konnte er es nicht über sich gewinnen , sich in ein längeres , zusammenhängendes Gespräch mit Emmy einzulassen . Ab und zu fiel ein Wort , welches aber mehr aus dem Bedürfniß heraus , das Peinliche und Drückende dieser Stille zu vermindern , gesprochen wurde , als weil es an sich bedeutend und berechtigt gewesen wäre . Nicht im Banne irgend eines tieferen Gedanken-oder Gefühlsmotivs befand sich Adam Allerlei krauses Zeug , an dem er herumspann , war ihm nahe ... er kaute geistig an diesem und jenem Einfall ... eine heiße Sehnsucht packte ihn jetzt nach einer großen , gesammelten Stimmung ... nach einem intimen seelischen Erlebniß ... Erinnerungen keimten auf ... er konnte nicht begreifen , wie er plötzlich hierher käme ... er wußte nicht , was er mit diesem Weibe an seiner Seite eigentlich zu schaffen hätte ... er hatte doch ganz andere Pflichten zu erfüllen ... eine ganz andere Mission war ihm doch geworden - ha ! aber welcher Art waren denn diese » Pflichten « - ? Und welcher Art war denn diese merkwürdige » Mission « - ? » Adam ! Du bist heute unausstehlich ! ... « Emmy hatte nicht länger an sich halten können . » Hm ! . Unausstehlich ... warum , Kind ? Ich träumte nur wieder einmal allerlei dummes Zeug zusammen ... Du kennst ja meine Schwäche ... Aber wir wollen bald umkehren - ja ? Ich möchte , solange es Tag ist ... so ... -lange es ... Tag ist - hm ! ... Emmy , weißt Du : die Sonne ist eigentlich ein furchtbar überflüssiges Möbel - - « » Aber Adam ! ... « » Was denn ? . Sieh mal , wenn - also wenn - - denke Dir zunächst ' mal einen Laubfrosch - - « » Einen Laubfrosch ? ... Das wird ja immer hübscher - « Emmy lachte sehr aufgeräumt . » Und dann denke Dir eine Perrücke - - « » Eine Perrücke ? Adam ! Ich glaube , Du bist - - « » Und denke Dir drittens eine Schale Spargelsalat - - « » Aber nein ! - sei still ! ... das ist ja zum Verrücktwerden ! ... « » Ja ! - also - aber Du hast mich ganz aus dem Konzept gebracht - nun hör ' zu : wir setzen den jrasjrünen Laubfrosch in den Spargelsalat und decken die Perrücke darüber - jetzt rathe ' mal , was das ist ? . « » Ich halte mir die Ohren zu ... sei still ... sei still ! ... « Emmy drückte die Finger gegen ihre allerliebsten Ohrmuscheln und trippelte mit komischer Eile einige Schritte voraus . Nun mündete der schmale Spazierpfad , auf dem die beiden bis jetzt hingeschritten waren , in den breiten Hauptweg des Parkes aus . Quer über den Alleedamm kam ein Herr auf das Paar zu . » Ah ! Herr Doctor ! . Habe ich endlich einmal wieder das Vergnügen - ich dachte , Sie wären längst nach unseren Kolonie ' n als kaiserlich deutscher Dolmetscher oder mit sonst ' nem Ulke chargiert ausgewandert ... Und nun ... hier ... auf altem Boden noch - dazu in reizender Damenbegleitung - « Herr von Bodenburg hatte den Hut gezogen , mit eleganter Verbeugung seine rechte Hand Adam entgegengestreckt und zugleich , ein Lächeln des Erstaunens und der Genugthuung im Gesicht , einen kurzen , prüfenden Blick auf Emmy geworfen . » Ich begrüße Sie , Herr von Bodenburg - meine kleine , reizende Frau - Herr Referendar von Bodenburg - « stellte Adam jetzt mit drolliger Ernsthaftigkeit vor . » Helfen Sie mir , Herr Referendar - ich suchte meine Frau soeben über die inneren Beziehungen , in welchen ein Laubfrosch zu einer Schüssel Perrückensalat steht , aufzuklären - aber sie will mich durchaus nicht verstehen - « » Hm ! hm ! ... « lächelte Herr von Bodenburg wohlwollend , herablassend , als hätte er recht gut verstanden , » daß es sich um einen barocken Spaß handelte - Perrückensalat - nicht übel , Herr Doctor - ! « » Nicht wahr - Sie wissen , was ich meine ? ... Natürlich wissen Sie ' s - dann können Sie ' s mir vielleicht sagen , Herr Referendar ? Ja ? Ich bin mir nämlich in diesem Augenblick selbst ein riesiges Räthsel ... Ich weiß absolut nicht , was ich mir unter Perrückensalat vorstellen soll - Goethe sagt zwar , die Welt sei ein Sardellensalat , aber - aha ! Lassen Sie uns nachdenken , meine Freunde ! . Wir finden sie - ich sage Ihnen : wir finden sie , die Lösung nämlich dieses Räthsels ... wir finden sie - ich wette um einen Korb Röderer , Herr Referendar , daß wir sie finden , die verdammte Hexe - ! « Adam lachte aus vollem Halse , unangenehm energisch , dröhnend . Er schüttelte sich und lachte , daß ihm die Thränen über die Backen liefen . Ein nervöser Lustigkeitskrampf war jäh über ihn gekommen . Emmy blickte erschrocken zu ihm hinüber . Herr von Bodenburg machte ein ehrlich verblüfftes Gesicht , in welches zugleich ein paar Unmuths- und Aergerslinien hineingeritzt waren . » Eine merkwürdige Unterhaltung - « murmelte er . » Also , meine Freunde - es wird Zeit , daß die Götterdämmerung endlich losgeht ! - Ich ersticke an diesem tristen Zuschauerjargon , den man immer radebrechen muß ... Emmy ! Sehen Sie , Herr Referendar - das ist nun auch so Eine ... ich habe das kleine , entzückende Weib neulich Abend einem überflüssigen Laffen abgejagt - aber glauben Sie wohl , daß es bisher zum geringsten tragischen Konflikte zwischen uns gekommen wäre ? . Keene Spur , Verehrtester ! Es ist so blutig langweilig auf der Welt - die Leidenschaft ist todt - und die großen Gefühle sind pensionirt ... Lassen wir wir uns dito pensioniren , lieber Mitmensch - - « » Sie sind heute in einer eigenartigen Stimmung , Herr Doctor ! « » Was hast Du nur , Adam - ? « » Ich ? Nichts , Kind ! Gar Nichts ! Aber wollen wir nicht heimwärts ziehen , wie die ... nun ! ... Wie die bewußten Schwalben im Herbst ? ... Meine Stunde wenigstens ist gekommen ... Sie begleiten uns vielleicht , Herr Referendar - ? « » Wenn Sie gütigst gestatten - « » Bitte sehr - « Die drei kehrten um . Da kam ihnen ein offener , zweispänniger Wagen in ziemlich scharfem Trabe entgegengefahren . Adam schnäuzte sich gerade mit ostentativer Umständlichkeit . Er wischte sich eben zum letzten Male unter der Nase weg , als der Wagen an ihm vorüberfuhr . Unwillkürlich blickte er zu ihm hin . Ah ! Teufel ! Das war ja Lydia ! Mit verlegener Hast grüßte Adam . Er hatte im Augenblicke keine Zeit , über die Frage nachzugrübeln : Warum er denn jetzt nicht dort neben dieser schönen Frau säße ... neben dieser schönen Frau , die - die - hm ! ... na ja ! - und so weiter ... Er fühlte das Auge Emmys auf sich liegen , nun lasten . Doch da setzte das Pferdegetrappel plötzlich aus . Adam sah sich um , ungewollt und halb unbewußt erfreut , daß er eine Gelegenheit erhielt , die unvermeidliche Frage Emmys noch hinauszuschieben . Aber er war ihr doch eigentlich gar keine Rechenschaft schuldig . Der Wagen hielt in einiger Entfernung ... und der Herr Doctor bemerkte , wie sich Frau Lange über den Schlag lehnte und ihn zu sich heranwinkte . Er war unschlüssig . Er wurde aufs Neue verlegen . Er warf scheue Blicke auf Emmy und Herrn von Bodenburg , die ihn fragend , erstaunt ansahen . » Erlaube , Emmy ! . « stieß er endlich heraus - » Pardon , Herr Referendar - ich - ich ... bin sogleich zurück - « » Sind Sie frei , Herr Doctor ? ... « redete ihn Frau Lange an und streckte ihm ihre kleine , volle , schwarzbehandschuhte Rechte entgegen . » Dann steigen Sie bitte ein - ich muß Ihnen einen Capitalspaß erzählen - « Lydia machte ein sehr vergnügtes Gesicht , ihre Augen blitzten , ihr ganzes Wesen athmete Füllung , Angeregtheit , den Drang : sich ausströmen , sich mittheilen zu dürfen . Adam war in peinlichster Verlegenheit . Er konnte doch Emmy unmöglich stehen lassen . Aber - nein ! - das ging auch nicht ! - zugeben durfte er doch auch nicht , daß er ... er der Ritter ... der Liebhaber dieser Dame wäre - - er zögerte , er wurde immer befangener - » gnädige Frau - « stammelte er - - » Ach so , Herr Doctor - nun ... wenn Sie engagirt sind - natürlich - dann verzichte ich - - Ihre Dame - - « » Pardon ! . Davon kann wohl keine Rede sein - ich begegnete vorhin dem Herrn in Begleitung der Dame - ein Bekannter von mir , Referendar von Bodenburg - aber ich ... ich ... ich müßte mich doch erst entschuldigen und verabschieden , ehe ich Ihrer liebenswürdigen Aufforderung folgen dürfte - gestatten Sie also , gnädige Frau - « » Bitte ! ... « Das klang sehr gleichmüthig ... es war eben nur mit den Achseln gezuckt , kaum mit dem Munde gesprochen . Lydias frische , volle Stimmung schien einen herzhaften Sprung erhalten zu haben . Als Adam vom Wagen Frau Langes zu Emmy und Herrn von Bodenburg , die , vielleicht absichtlich mit feiner Diskretion , vielleicht unabsichtlich , in entgegengesetzter Richtung weitergegangen waren , zurückschritt , freute er sich im Stillen gar sehr , daß er Lydia gegenüber immerhin doch so schnell seine Verlegenheit überwunden hatte ... und daß es ihm allem Anschein nach vorzüglich geglückt war , sich durch eine kräftige Lüge aus der Klemme zu ziehen . Ein zart nuancirtes Lächeln umkräuselte seinen Mund . Hm ! Wenn das Emmy wüßte ! Nun ! am Ende verstand sie ihn vielleicht ... begriff sie vielleicht sehr gut , daß man eine ... eine » Freundin « ... » une bonne camerade « unter Umständen einmal verleugnen muß ... verleugnen muß einer Dame » von Welt « ... einer Dame » aus der feineren Gesellschaft « ... einer Dame » aus den höheren Ständen « gegenüber .... Adam hatte Lust , vor Emmy jetzt sogleich die Karten aufzudecken . Der dumme , kleinliche Gedanke verursachte ihm ein köstliches Behagen . Aber nun fürchtete er doch hemmende Weitläufigkeiten - und so entschuldigte er sich sehr kurz : er müßte leider aus Höflichkeit einer Einladung der Dame , - die er übrigens sehr gut kenne - einer Einladung , in ihren Wagen zu steigen , Folge leisten - nun ! ... Herr von Bodenburg würde wohl die Güte haben , Emmy nach der Stadt zurückzubegleiten - Emmy sah mit einem halb ironischen , halb traurigen Blicke Adam an . Natürlich ! Sie hatte ihn verstanden . Der Herr Referendar war entzückt . Ihm gefiel das kleine Weib ausnehmend . Ha ! . » So Eine « - Schwerebret ! - » so Eine « war schließlich auch einmal für ihn zu Hause . - » Haben Sie dem armen Mädchen den Laufpaßgegeben ? Sie Grausamer ! ... « Lydia lächelte wirklich beleidigend spöttisch und sah ihrem Nachbar fest ins Gesicht . » Gnädige Frau ! - « » Lügen Sie mir doch nichts vor , Herr Doctor ! . Ich erkannte Sie längst , bevor Sie mich sahen ... Sie gingen auf der linken Seite der Dame - das sagt doch genug - nicht wahr ? « » Wenn Sie eine Zufälligkeit - eine pure Zufälligkeit - nun ja doch ! ... so besonders schwer ist es ja nicht , einen Menschen zu verdächtigen - « Adam hielt es für praktisch , den Beleidigten zu spielen . Mit verschränkten Armen so dastehen ... sich nicht vertheidigen , obwohl man alles Recht auf seiner Seite hat ... sich ruhig abschlachten lassen im süßen Vollgefühl , daß der Gegner ein schreiendes Unrecht begeht , indem er sotanes Abschlachten eben vollbringt : oh ! . auch das kann Wollust ... beißende , betäubende Wollust sein ... » Herr Doctor - ich bitte Sie ! ... Aber lassen wir das ! . Was ... was gehen mich Ihre Neigungen - Ihre ... Ihre Gewohnheiten - Ihre sonstigen ... Beziehungen an ! ... Ich wollte Ihnen einen famosen Spaß erzählen , den ich heute früh erlebt habe - nun ... um es gerade heraus zu sagen : ich - ich habe mich - heute früh verlobt ... Was ? das ist doch göttlich - nicht ? Und Sie sehen , wie glücklich ich bin ! ... Ich sage Ihnen : wie neugeboren ! da weiß man doch wenigstens wieder , wozu man auf der Welt ist ! Da hat man doch wieder einen vollen Lebenszweck - und nun gratuliren Sie mir , lieber Freund - « Adam war doch zusammengefahren . Das hatte er nicht erwartet . Einen Augenblick dachte und fühlte er nichts . Wie gelähmt war er . - Dann zischte das Leben wieder gewaltig in ihm auf . Eine scharfe Blässe bedeckte sein Gesicht , an welchem jetzt alles Ungleichmäßige , was es besaß , in greller Klarheit hervortrat . Nun wurde er glühend roth , er zitterte an allen Gliedern , die Sprache versagte ihm , er athmete gepreßt , der Blick seines Auges wurde unsicher ... es war ihm , als ob in seiner Brust eine Faust in die Höhe wachse und sich mit aller Wucht in den Kehlkopfpresse - und doch sagte er sich , daß er sich beherrschen ... gewaltsam zur Ruhe zwingen müßte , wenn er sich nicht vor Lydia unsterblich blamiren wollte - er ärgerte sich wüthend über sich ... er verachtete sich ... er bemerkte entsetzt , daß sich all ' seine Willenskraft plötzlich vollkommen machtlos erwies - endlich knirschte er ein heiseres , kaum verständliches » Lydia - ! « hervor . Frau Lange hatte den Eindruck , den ihr Geständniß auf den Herrn Doctor gemacht , sehr genau beobachtet . Sie freute sich zunächst außerordentlich über diese erschütternde Wirkung . Dann wurde sie sehr ernst . Wenn Adam von der Nachricht , daß sie sich verlobt habe , so furchtbar angefaßt wurde dann - - nun dann mußte sie für ihn ... mußte sie in seinem Leben doch eine größere Bedeutung besitzen , als sie bisher geglaubt hatte . Diese Folgerung erfüllte sie mit einem gewissen Stolze . Sie wuchs vor sich ... und zugleich wuchs , vertiefte und veredelte sich ihre Theilnahme für Adam . Sie dachte an jene bewegte Stunde zurück , da er vor ihr auf den Knieen gelegen und um ihre Liebe geworben ... Sie konnte jetzt nicht begreifen , daß sie ihn damals so spöttisch abgewiesen ... so souverän-mütterlich behandelt ... daß sie selbst in jener Scene so oberflächlich und äußerlich gefühlt hatte . Sie hätte ihn jetzt am Liebsten an die Brust gezogen und geküßt . Da war kein Zweifel mehr : er liebte sie - und sie ? - Nun ! sie liebte ihn auch , diesen wunderlichen Menschen - sie liebte ihn , trotzdem er ein ziemlich loser und unzuverlässiger Gesell zu sein schien . Plötzlich war es ihr klar geworden ... und von dem ungestümen Drange ihrer Gefühle ließen sich alle Zweifel und Bedenken bequem in eitel Dunst zerblasen . Die ganze Lebhaftigkeit ihrer Natur machte sich geltend und war im Begriff , entscheidend zu wirken . Allein ! sie war doch zu feinfühlend ... und zu rücksichtsvoll gegen die » gute Sitte « ... war zu sehr Weltdame , um sich hier auf offener Landstraße , in Gegenwart ihres Kutschers , zwanglos gehen lassen zu können . Der Druck der Situation engagirte sie und löste beinahe wieder eine ironische Stimmung in ihr aus . Sie wußte nicht , daß Adam zumeist deshalb von ihrem Geständniß so betroffen war , weil ihm damit im selben Augenblick eine ganze Zukunftswelt verkrachte . Er hatte sich mit jäher Ueberstürzung daran erinnern müssen , daß er unendlich Viel einbüßte , wenn ihm Lydia verloren ging . Nun ja doch ! Er hatte durchaus nicht mit zäher Energie sein Ziel verfolgt . Er hatte , gewiß seiner Natur gemäß , mehr mit dem Gedanken gespielt , daß Lydia eines Tages sein Weib werden könnte . Sie hatte ihm ein heimliches , volles Behagen verursacht , diese unklare , lienienverschwommene Zukunftsreserve ... Er war viel zu gleichgültig gegen seine Zukunft , als daß er unmittelbar für sie einzutreten , für sie zu arbeiten vermocht hätte . Sein Gedanken- und Gemüthsleben war viel zu differenzirt , als daß er nicht eng an die Gegenwart hätte anknüpfen müssen . Und doch war es ihm jetzt zu Sinn , als hätte er Etwas verloren , was schon ganz sein eigen gewesen ... » - Herr Doctor - ! « Lydia wußte nicht recht ... sie war erschrocken , verlegen , fast bekümmert - aber Alles nicht ganz rein , es zweifelte etwas Unklares in ihr - Adam hatte sich gefaßt . Seine Stimme klang noch gepreßt und stockend , aber äußerlich nahm er sich doch bedeutend kühler und ruhiger aus . » Sie haben Recht , gnädige Frau - da bleibt mir wirklich nichts weiter übrig , als Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche auszusprechen - « » Ich danke Ihnen verbindlichst , Herr Doctor ! . « Lydia lächelte schelmisch-ironisch . Dann schwiegen beide eine kleine Weile . Nun begann Lydia wieder , einen schmollend-vorwurfsvollen Ausdruck in der Stimme : » Aber Sie fragen ja gar nicht , wer mein Auserwählter ist ? ! Nehmen Sie in der That so wenig Antheil an mir ? ... « » Ich bitte Sie , gnädige Frau ! Einem armen Burschen , der todeswund am Boden liegt , ist es so ziemlich gleichgültig , wer ihm die Kugel in die Brust gejagt hat - er weiß nur , daß man ihm das Aufstehen verleidet hat - « antwortete Adam mit affektirter Trauer und Resignation . » Na - nehmen Sie ' s nur nicht zu tragisch , Herr Doctor ! . Sie thun ja gerade so , als ob ... nun ! - jedenfalls sind Sie wieder einmal auf dem besten Wege , Ihnen und mir Etwas vorzulügen - « » Sie sind doch eine unverbesserliche Zweiflerin , Lydia ! . « Das hatte Adam in ehrlichstem Ernste , wirklich bekümmert , gesprochen . » Ich will Ihnen reinen Wein einschenken , lieber Freund ! Die Geschichte von der Verlobung war natürlich nur ein Scherz ... Ich habe heute früh allerdings einen Heirathsantrag erhalten - von - aber das ist Ihnen ja gleichgültig ... Ein Major außer Dienst - nebenbei Weinhändler und Agent einer Lebensversicherungsgesellschaft - natürlich von Adel - übrigens ' n ganz passabler Mensch - nur ' n Bissel zu alt ... ' n Bissel zu unbedeutend und ... und ' n Bissel zu verschuldet - hat mich schon seit Jahr und Tag mit seinen Aufmerksamkeiten verfolgt - ist mir nachgereist - u.s.w. - u.s.w. - aber - pardon ! - das interessirt Sie ja nicht - also ... nun ! - ich habe für die Ehre gedankt , Frau von ... von X oder Y zu werden ... Mein Name gefällt mir zu gut ... und meine Freiheit gefällt mir noch besser ... Sie werden mich verstehen , Herr Doctor - « » So ? - Glauben Sie , gnädige Frau ? - « Adam hatte sehr kalt und gleichmüthig geantwortet . Er vermied es , Lydia anzusehen . Er wandte sich ab und schien die ihm gegenüber liegende Front des Parkes mit außerordentlicher Aufmerksamkeit zu betrachten . Seine Finger trommelten mit nervös schwirrendem Nachdruck auf dem Wagenschlage herum . Der Wagen hatte das ganze Gehölz durchfahren und näherte sich jetzt - auf einer anderen Seite - der Stadt . Die ersten Tropfen eines leichten Regens rieselten nieder . Lydia war empört . Eine verworrene Fülle von Gedanken und Gefühlen durchgährte sie . Sie wußte nicht , wie sie ihrem Aerger , ihrer Erbitterung auf eine besonders maliziöse Weise Luft machen sollte . Man kam der Stadt immer näher . » Gestatten Sie , daß ich hier aussteige , gnädige Frau - « begann Adam jetzt und sah Lydia von der Seite an ... » Ah ! - Fräulein Irmer ... gewiß mit ihrem Vater ! . Der Mann sieht sehr leidend aus - er scheint doch recht hinfällig zu sein - « Adam wandte sich schnell um ... und bemerkte , wie Herr Doctor Irmer , von Hedwig geführt , langsam ... sehr langsam , zusammengebückt , mit dem Stocke in der linken Hand unsicher vor sich hintastend , herankam . Adam grüßte mit zufahrend pathetischer Höflichkeit ... und wurde dabei doch wieder ein wenig verlegen . Aber zugleich machte ihm der harmlos-einfältige Gedanke wollüstiges Vergnügen , daß für Hedwig die Thatsache , ihn in einem offenen Wagen an der Seite Frau Lange ' s gesehen zu haben , zu einem neuen Grunde , sich mit ihm zu beschäftigen , werden mußte - und daß andrerseits sein auffallend höflicher Gruß gegen Irmers nicht ohne Eindruck auf Lydia bleiben konnte . » Gestatten Sie , daß ich hier aussteige , gnädige Frau ! ... « wiederholte Adam , als der Wagen kaum noch hundert Schritt von dem Ausgang des Parkes entfernt war - » und « - fügte er leiser hinzu - » wann werden Sie einmal für mich zu Hause sein , Lydia ? Das geht so nicht weiter - das ertrage ich nicht länger - die Sache muß zur Entscheidung kommen - - oder - ja ! - das ist besser - ich schreibe Ihnen - « » Wie Sie wollen , Herr Doctor . Ich weiß übrigens nicht , was Sie mir - doch - nebenbei bemerkt - ich verreise demnächst auf einige Wochen - « Frau Lange ließ halten . Adam stieg aus und zog den Hut . » Adieu ! ... « Das klang entsetzlich kurz und schroff . Der Wagen rollte davon . Es regnete stärker . Adam schlug die Richtung nach seiner Wohnung ein . Das leise Prickeln und verhaltene Stechen der Regentropfen that ihm fast wohl . Bei einer solchen Naturstimmung fliegen keine großen Gedanken auf . Da kann man , in sich zusammengezogen , still vor sich hindenken , behaglich vor sich hinbrummeln . Und Adam bemühte sich , eine reine , köstliche Heiterkeit im Gemüth , über das soziale Verhältniß nachzugrübeln , in dem ein Laubfrosch zu einer Perrücke und einer Schale Spargelsalat steht . Ein Schwarm drolliger und putziger Gedankenbilder umgaukelte ihn . Der Schlapphut hatte zwar eine tüchtige Portion Nässe geschluckt ... nichtsdestoweniger kam der Herr Doctor sehr angeregt und aufgeräumt nach Hause . Lydia war ihm schauderhaft gleichgültig . - Er fand einen Brief von seinem Bruder vor , welcher schrieb , daß er sich verlobt hätte . Adam las die nichtssagende , umständlich-unbeholfene Epistel flüchtig durch und warf sie in den Papierkorb . Was ... wer war ihm sein Bruder ? Er hatte ihn seit Jahren nicht gesehen . Adam besaß so gar kein Talent , verwandtschaftliche Instinkte bei sich zu pflegen . Aber noch ein Brief war angekommen : eine sehr liebenswürdige Einladung von Irmers für übermorgen Abend : » Zu einer Tasse Thee « . » Ah ! So kommst Du also wieder einmal an die Reihe , geliebte Hedwig - « versetzte halblaut vor sich hin dieser Mensch , um den sich ... andere Menschen zu » reißen « schienen , » sieh da ! das ist hübsch von Dir ! ... « Ihr wechselt Euch fürwahr sehr nett ab , Kinder ! » Lydia - Hedwig - Emmy - Emmy - Hedwig - Lydia - Hedwig - Lydia - Emmy - : ganz annehmbar ! Uebrigens - Emmy ! Hm ! Ich traue diesem Herrn von Bodenburg doch nicht recht - er wird doch ... wird doch keinen ... Unsinn machen mit meiner kleinen reizenden Frau - ? Zu dumm , daß Emmy ein so emancipatives Wesen ist - zu dumm ! « Zum ersten Male war Adam so etwas wie eifersüchtig ... wie eifersüchtig auf die unvermeidlichen , anderen Liebhaber seiner » kleinen , reizenden Frau « ... In der folgenden Nacht schlief er sehr unruhig . Er wachte öfter auf - und so oft er aufwachte , mußte er daran denken , daß dieser dumme Kerl von Referendar und seine Emmy jetzt wohl in süßem Minnespiel beieinander wären . Es war zum Rasendwerden . » Wahrhaftig ! Nächstens werde ich mich auch noch in die Hure verliebt haben ... « knurrte er einmal erbost vor sich hin . - XIII. Und nun war die Stunde gekommen , da Adam sich aufmachen durfte , der Irmer ' schen Einladung Folge zu leisten . Um die Zeit , da der Nachmittag Miene zu machen begann , sich zum Abend auszuwölben , war der Herr Doctor natürlich mit sich einig gewesen , nicht zu Irmers zu gehen , sich noch entschuldigen zu lassen . Er war soeben erst nach Hause gekommen . Am Vormittage hatte er sich , von einer unerträglich zerfaserten und zerkrümelten Stimmung gequält , fast aus seiner Wohnung geflüchtet ... hatte er sich geflüchtet vor sich selber ... vor einem Gespenst ... vor der furchtbaren Entdeckung , daß er in dieser Stimmung Welt und Leben gegenüber vollständig waffenlos wäre . Die stille , köstliche Heiterkeit des Herzens , mit welcher er gestern heimgekehrt war , hatte sich ihm bis auf den letzten , mageren Nachglanz entzogen ... er verstand sie nicht mehr ... er konnte nicht begreifen , daß er sie besessen ... er verachtete sich , weil er das nicht begreifen , weil er keinen Zusammenhang finden konnte ... und verachtete sich zugleich , weil er nach einem Zusammenhange suchte ... weil er jener Stille des Gemüths instinctiv Wert und Bedeutung beilegte ... und er verachtete sich zum Dritten , weil er gestern im Stande gewesen war , die unermeßliche Schwere des Lebens zu vergessen ... und sie heute fast mit dem Gefühle eines Menschen trug , der nach neuen Mitteln und Wegen suchte , sich über sie hinwegzutäuschen ... eines Menschen , der am Liebsten vor ihr geflohen wäre ... Und so war er denn auch vor seiner Stimmung geflohen ... hatte sich mit eintöniger Nachdrücklichkeit eingeredet , daß er einige Besorgungen , die er schon längst hatte machen wollen , nicht länger aufschieben könnte ... war , von den Eindrücken der Außenwelt bestürmt , überhäuft , zerstreut , endlich auch etwas ruhiger geworden ... hatte dann mit auffälligem Appetit zu Mittag gespeist ... und schließlich den größten Theil des Nachmittags im Café Caesar verstumpftsinnt . Einmal war hier Herr von Bodenburg vor ihm aufgetaucht , hatte sich aber mit merkwürdiger Eile sehr bald wieder empfohlen . Adam hatte lächeln müssen : der Herr Referendar schien wahrhaftig ein böses Gewissen zu haben ! Er sollte die Emmy , die eben doch weiter nichts als auch » so Eine « war , nur ruhig zu seinem Privatgebrauche engagiren - er , Adam Mensch , würde nicht das Geringste dagegen einzuwenden haben ! Was war ihm denn diese schöne Sünderin mit dem verzettelten Herzensleben und dem beschränkten Intellekt ? Dummheit , wenn Herr von Bodenburg sich genirte - capitale Dummheit ! Solch ' ein kleines Weib ist doch gleichsam nur eine lebendige Münze ... es geht von einer Hand in die andere - was weiter ? - Und doch war er zusammengezuckt , als er sich Emmys Untreue , die er selbst erst herausgefordert hatte , vorgestellt . Adam hatte sich an Emmys Leidenschaftlichkeit ... an ihre Liebkosungen , an ihre Küsse erinnert ... an ihre Umarmungen , die ihn fast erstickt ... Und wie süß war es gewesen , als sie ihm in jener Nacht im ersten Paarungstumult rührend einfach zugestammelt : » Ich habe Dich gern , Adam ! « Und da war es wirklich heiß in ihm emporgestiegen ... eine unheimliche Exstase hatte ihn bis in seine kleinsten Organe hinein durchspült ... eine dampfende , lähmende Sehnsucht , nach Emmys schönem Leibe ... nach ihren Küssen ... ihrem weichen , molligen Liebesgeplauder ... ihrer köstlichen Routinirtheit im aufsaugenden Minnespiel , war jäh zu ihm gekommen - verflucht ! Er hatte seine köstliche Lagergenossin verloren , weil er einem Weibe nachgelaufen war , das ihm eine dumme Komödie vorgespielt ! Er hatte sich auf