nachmittag die Gelegenheit , es drängt mich , offen gegen Sie zu sein . « Magnus hatte ein wenig Herzklopfen , das Fräulein wollte ihn so heimlich und wichtig sprechen ? Sie war Adriennens Freundin ? Was wollten die Frauen von ihm ? Er dachte nach , ob er sich irgendwie in Blick und Ton zu weit vorgewagt und ob er nun eine Strafpredigt empfangen solle . Nein , zu einer Zurückweisung hatte er keine Veranlassung gegeben , er wußte bei alledem , was er Frau von Herebrecht schuldig war . Eine begreifliche Neugier quälte ihn und veranlaßte ihn , an diesem Tage mehr als sonst Adriennens Nähe zu suchen . Man hatte eine Ruderpartie beschlossen , die im Abendschein beginnen und beim Mondesleuchten endigen sollte . Der selten schöne Frühherbst lud ein , noch alle Reize zu genießen , die er in diesem Jahr verschwenderisch bot . Paarweise ging man durch den Park zum Stromufer hinab . Magnus hatte Adrienne den Arm geboten ; seit einer Viertelstunde suchte seine Mutter , die mit Taiß ganz zuletzt ging , ihn einmal anzurufen . Der Graf , der wie alle ihre Schwäche kannte und in den Aeußerungen derselben sie zu stören ein Vergnügen fand , ließ sie nicht dazu kommen , bis sie endlich ausrief , sie müsse Magnus etwas von höchster Wichtigkeit mitteilen . » Magnus - Magnus ! « Unwillig schaute er zurück , trat aus der Reihe und überließ Taiß , der herzueilte , den Arm seiner Dame . » Was willst Du , Mutter ? « » Ich bitte Dich , Magnus - was hast Du nur den ganzen Tag mit der langweiligen Frau ? « » Also das war die Wichtigkeit , die Du mir mitzuteilen hattest ? « rief er mit kaum unterdrückter Heftigkeit ; » Du erniedrigst mich vor der ganzen Gesellschaft zum Schulbuben , Mutter , das erträgt kein Mann ! Du siehst , daß auch andere Männer sich den Damen gesellen - soll mir denn verwehrt sein , was der einfachste Brauch ist ? Soll ich etwa wie ein Junge von drei Jahren immer nur Deinen Kleiderzipfel fassen ? « » Ich kann die Frau nicht leiden ! « sagte die Pastorin ebenso heftig . » Natürlich - anstatt vernünftiger Gründe eine persönliche Abneigung als Motiv des Verbotes - das ist rechte Weiberart , « sprach er bitter . » Welcher von den Damen zu huldigen erlaubst Du mir denn ? « Seinen Hohn bemerkte sie gar nicht , sondern antwortete eifrig : » Von den anwesenden keiner , sie sind allzumal Sünderinnen und mangeln des Ruhms , den ... « » Nun ist ' s genug , « fiel Magnus ihr in die Rede ; » die Frau existirt überhaupt nicht , der Du meine Aufmerksamkeit gönntest ! Du reizest mich so lange , bis ich Dir einmal aus purem Trotz eine Schwiegertochter zuführe , vor der Du Dich bekreuzigst . « » Magnus , Magnus ! « flehte sie angstvoll hinter ihm her , aber er ging sehr rasch , um die Gesellschaft wieder einzuholen , die Pastorin gab es auf und schlich betrübt hinterdrein . In der allerhöchsten und trotzigsten Erregung , in welcher Magnus sich befand , schlug er nun erst recht einen Ton feuriger Huldigung Adrienne gegenüber an . Wahrhaftig , er bedauerte aufrichtig , daß sie verheiratet sei , sonst hätte er sie , ohne darüber nachzudenken , ob er sie liebe oder nicht , sofort um ihre Hand gebeten , nur um seiner Mutter zu beweisen , daß ein Weib einen Mann in gewissen Dingen nicht bevormunden darf , und sei ' s gleich die eigene , sonst wahrhaft verehrte Mutter . Adrienne war im stärksten Grade dadurch beunruhigt , sie sah mehreremale ihre Freundin hilfesuchend an , Lucy Grävenitz drückte ihr dann verständnisinnig die Hand , die drei waren natürlich in dasselbe Boot geraten , in welchem außer ihnen noch Graf Taiß , Frau von Dören und Severina saßen , auch Joachim wollte mit einsteigen , allein Fanny berief ihn zu sich in das andere Boot . Magnus ' Eltern blieben zurück , sie hatten die Herrschaften nur bis an das Ufer begleitet . Fräulein von Grävenitz brannte auf den Augenblick , wo sie Magnus werde unbeachtet sprechen können ; sie , die sonst den Mondaufgang laut angeseufzt haben würde , hatte heute keine Augen für die Zauber der Beleuchtung , die schnell vom violetten Dämmerschein zur schwarzen Nacht überging ; ja , als dann der rote Vollmond aufging , als zöge eine unsichtbare Hand eine glühende Kupferscheibe in die Höhe , auch da bemerkte die Dame nur tiefsinnig : » Was sind alle Wunder der Natur gegen die Rätsel einer Menschenbrust ? « Als man endlich wieder landete und Adrienne erleichtert aufatmete , daß sie von dem nahen Beieinander mit Magnus erlöst sei , hielt es Lucy nicht mehr , sie ergriff Magnus ' Arm , zog ihn förmlich mit sich fort und schlug einen andern Weg mit ihm ein , als den die übrigen wählten . » Mein Freund , « begann sie mit bewegter Stimme , » Sie sind erregt , darf ich ahnen , weshalb ? « Magnus fühlte eine innere Wut in sich aufsteigen ; wenn die Frauenzimmer doch die Indiskretion lassen wollten , sich mit seinen Gefühlen zu beschäftigen ! Erst seine Mutter - nun dieses altjungferliche Fräulein mit dem keuschen Augenniederschlag - zum Henker auch - es schien , als sei Adrienne von Drachen bewacht , seinetwegen von einem ganzen Dutzend ; wenn das bißchen Courmacherei ihm zu einem Kardinalverbrechen angerechnet werden sollte , mochte Frau von Herebrecht ihrem Gatten nur gleich nachreisen , dahin , wo der Pfeffer wächst , so sehr ihn die arme , kleine , tyrannisirte Frau auch dauerte . Da Magnus auf die innige Frage nur etwas Unverständliches murmelte , fuhr das Fräulein fort : » Teurer Magnus - Sie gestatten in dieser vertrauten Stunde die Anrede - teurer Freund , mäßigen Sie Ihre Verzweiflung , Sie sind geliebt , ich weiß es ! Und schon aus schwierigeren Verhältnissen ist die Blume eines wahren Glücks erblüht . « » Ich - ich - bin geliebt ? « stotterte Magnus , von einer unheimlichen Furcht befallen , daß am Ende Lucy selbst ... » Ja - von ihr - der zarten , holden Adrienne . « Fräulein Lucy stand im Mondenschein still , hob die dunklen Schwärmeraugen zum Himmel und reichte beide Hände dem fassungslosen Magnus . Dem war , als sei er verrückt geworden , er war geliebt - von Adrienne - und sie ließ es ihm sagen ? Natürlich - von selbst , aus eigenem Sinn hätte er das nie zu fassen gewagt . Wie - so war sie doch eine schöne , trostbedürftige Sünderin ? Er verlor den Kopf , welcher junge Mensch an seiner Stelle hätte das nicht gethan ? » Geben Sie ihr das Glück , das sie in ihrer Ehe nicht finden kann - nie finden wird , « sagte Lucy , seine Hände drückend , » in allem Kampf werde ich mit flammendem Schwert euch zur Seite stehen ! « Was wußte Magnus davon , daß es für Fräulein Lucy ein Bedürfnis war , wenn sie nicht selbst etwas erleben konnte - was ja unter den Augen ihres Schwagers ein für allemal ausgeschlossen - wenigstens einen Roman für andere einzufädeln und , als Zuschauer teilnehmend , Kämpfe , Leid , Thränen , Wonne mit zu genießen ; er hatte Lucy und Adrienne im vertraulichsten Verkehr gesehen und durfte es glauben , wenn die eine ihm sagte , daß die andere ihn liebe . » O - ich - mir schwindelt ! « stotterte Magnus . » Fassung , mein Freund , Fassung ! « mahnte Lucy milde . Stumm schritten sie weiter unter der Leitung des Fräuleins , die ihm nur dann und wann die Hand drückte und übrigens wieder dem Hauptweg zustrebte . Dort fanden sie aber nicht mehr die Gesellschaft , die , durch keinerlei romantische Zwiegespräche aufgehalten , dem Schlosse zugeeilt war , wo jeder in seinem Zimmer noch Gewand und Hände von den etwaigen Spuren der Kahnfahrt befreite . Wenigstens waren Terrasse und Saal vollkommen menschenleer . Lucy trennte sich von Magnus , dieser ging , noch vollkommen betäubt , unter den Linden einigemale auf und ab , sein Auge suchte Adriennens Fenster , die Thür aus ihrem Wohngemach nach dem Balkon stand auf , es war oben Licht . Ein toller Gedanke faßte ihn . Wie , wenn sie wüßte , daß Lucy ihm heute abend von ihrer Liebe gesprochen - wenn sie nun wartete auf die Antwort , die er darauf zu geben habe ? Der Rausch in ihm stieg . Zum Unglück hörte er irgendwo aus dem Dunkel die Stimme seiner Mutter » Magnus , Magnus ! « rufen , wie auf der Flucht rannte er ins Haus , die Treppe hinauf und klopfte an Adriennens Thür . Niemand war ihm begegnet . Adrienne , die glaubte , daß Lucy komme , rief herein . Magnus kam über die Schwelle und zog die Thür hinter sich zu . Adrienne saß in einem der tiefen , hochlehnigen dunkelblauen Stühle , der Schein der Lampe fiel voll auf ihr Gesicht , durch die offene Balkonthür und aus der gleichfalls geöffneten Thür des Schlafzimmers gähnte Dunkelheit . Sekundenlang starrten sich beide fassungslos an , dann kam der Mann näher , nicht wie ein jubelnder Sieger , sondern wie ein Besinnungsloser . Er stand vor Adrienne , die wie gelähmt seinem unbegreiflichen Erscheinen und Beginnen zusah ; er nahm ihre Hand und murmelte : » Ist es wahr , ist es wahr ? « Dann setzte er sich auf die Lehne des Stuhles , neigte sein Gesicht auf ihr Haar und flüsterte : » Wie verdien ' ich das ? « Adrienne schauderte , bog sich zur Seite und fragte mühsam : » Was - was - beginnen Sie - wie kommen Sie hieher ? « » Ich - ich weiß nicht ... ich wollte ... « und dann kniete er plötzlich neben ihr und sah ihr trunken in die Augen , der Kneifer war ihm entfallen und sein braunes Auge , ohne den Schutz des Glases , hatte einen zudringlichen Blick , der verwirrte wie der Anblick von etwas Nacktem - » Liebe heischen und Liebe geben . « Sie sprang empor , ein Schrei blieb ihr in der Kehle stecken , sie streckte beide Arme abwehrend aus , ihre Augen wurden unnatürlich groß , sie sahen in das Medusenantlitz der Sünde . Ein Chaos von Gedanken wirbelte in ihrem Kopf auf ; alles , was sie damals in der unglücklichen Zeit ihrer Einsamkeit in fieberdunstigen Büchern von der Süßigkeit der Sünde gelesen , ward in ihr wach , alles , was sie von dem Fluch der Sünde ihr früheres Leben lang gehört und gedacht , erhob sich drohend vor ihr . Zugleich fühlte sie dieselbe Spannung des Herzens , dieselbe aus Furcht und Stolz gemischte Unruhe , die sie damals empfunden , als Arnold ihr sagte , daß er sie liebe . Der größte Reichtum aller Lebensempfindungen überwältigt die Frau , wenn sie hört , daß sie geliebt wird , dieser Augenblick erhebt sie zur Königin der Schöpfung und reicht ihr immer wieder die Krone der Jungfräulichkeit zurück . Adrienne zitterte , aber sie stieß den Mann zurück , der , nicht wissend , was er that , aufs neue in sie eindrang . Er sprach zu ihr . Was ? Sie wußten es beide später nicht mehr . Sie hatte ihr Angesicht mit den Händen bedeckt und hörte nicht und dachte nicht , aber sie fühlte - fühlte die teuflische Neugier , zu wissen , wie die Sünde schmecke . Und ob das Leben , das graue , nüchterne , nachher wohl reichern Inhalt habe . Bleischwer legte es sich auf ihre Seele , daß die Erkenntnis , einmal gewonnen , nicht mit dem Preis des ganzen Daseins wieder rückgängig gemacht werden könne . Und dann kam wieder das schreckliche Gelüst ... sie war ihr so bequem nahe , die reizende Zauberin , die Tausenden und Abertausenden das Leben zum bunten , schimmernden Fest machte , sie brauchte bloß die Hand auszustrecken und die Schleier zu heben . O , die Neugier , die brennende , dämonische Neugier . » Adrienne ! « beschwor Magnus ' Stimme ; » Lucy hat es mir ja verraten - sonst hätte ich nie den Mut gefunden . « Adrienne stand entgeistert , sie fühlte ihr Schicksal auf ihren Lippen , ein Wort , und es würde entschieden sein ; ihr war ' s , als habe sich ihre Seele von ihrem Körper getrennt , ihre Seele floh den Versucher und wußte , daß sie sprechen wollte und sprechen mußte : » Hinweg ! « Aber daneben ging in seltsamem Doppelbewußtsein die Gewißheit , daß ihre Lippen , wenn die stummen sich erschlössen , dem flehenden Mann Gewähr sprechen würden . » Adrienne ! « flüsterte er , sich an ihrer äußern Marmorruhe immer toller erhitzend . Da bewegten sich ihre Lippen , da wollte das Flüsterwort des Verderbens laut werden , und da regte sich ' s nebenan . Ein lallender Ton - wie ihn Kinder im Schlaf ausstoßen ... Adrienne schrie auf . » Mein Kind - Arnold ! « Und mit der Plötzlichkeit , die dem Sprung einer Tigerin glich , stürzte sie auf das Kinderbett zu . Sie zerrte es heraus , das kleine , schlaftrunkene Wesen , sie trug es zum Licht , legte es in den Stuhl , wo sie selbst vorhin gesessen , kniete vor ihm nieder und las mit gierigen Augen in dem kleinen Gesicht . Sie sah nicht , daß Magnus erst wie betäubt stand , dann erwachend , vernichtet , reuevoll sich neben sie drängte und ihres Kindes kleine , warme Hand küßte , daß er dann fast taumelnd hinausfloh . Sie tastete an dem Körper ihres Kindes , ob es auch wirklich sei , sie fuhr mit ihren Fingern über die rundlichen Wangen . Was sie nie gesehen , offenbarte sich ihr plötzlich , Arnolds Züge wiederholten sich in jedem Zug dieses kleinen Gesichtes . Und zum erstenmal seit seinem Abschied stieg , einer jähen Flamme gleich , riesengroß der Wunsch in ihr auf , ihn hier zu haben , jetzt , in diesem Augenblick , seine Verzeihung zu erlangen und von ihm zu hören , daß er sie liebe . O , welche unbeschreibliche Wohlthat müßte das sein , und ihm dann auch sagen zu dürfen : » Arnold , ich liebe Dich ! « Ihre Lippen sprachen nach , was ihre Brust fast zersprengte . Das nie gesagte , das von Arnold vergebens ersehnte , hörten jetzt die stillen Wände : » Arnold , ich liebe Dich ! « Und sie erschrak über sich , als hätte sie Irrsinniges gethan , sah bang das Kind an , und mit einemmale löste sich die brennende Unruhe in einem unermeßlichen Thränenstrom . Sie legte ihr Haupt neben dem Kind auf das Polster und weinte und weinte eine ungemessene Zeit . Und diese Thränen flossen als unüberbrückbarer Strom zwischen ihrem frühern und ihrem neuen Sein . » Adrienne ! « rief eine Stimme - eine tiefe , wohllautende Stimme . Adrienne sprang auf und warf sich an Fannys Brust , wieder kam ihr Fanny als Erlöserin . » Was hast Du ? « fragte Fanny tief besorgt ; sie hatte die junge Frau unten vermißt und kam , sie zu suchen . » O , wäre Arnold hier ! « klagte Adrienne weinend . » Dieser Wunsch macht mich glücklich , ich höre ihn zum erstenmal ! « sprach Fanny . Die Weinende drückte sich fester an sie . » Ist irgend etwas vorgegangen , das Dich zur Erkenntnis führte , er sei Dein Stab und Deine Stütze ? « fragte Fanny weiter . Stärkeres Weinen war die Antwort . Plötzlich erinnerte sich Fanny , daß unten Magnus aller Welt durch seine Leichenblässe aufgefallen war , aber Fragen nach seinem Befinden mit erzwungener Heiterkeit abwehrte . Und hatten nicht die Grävenitz , Magnus und Adrienne immer zusammengesteckt ? Kaum entstand der Verdacht , daß die Erregung Adriennens von dieser Seite angefacht sei , so hatte Fanny schon einen Entschluß gefaßt , der armen jungen Frau in der Krisis beizustehen , ohne sie durch zudringliche Fragen zu beschämen . » Nun , Herzchen , « sagte sie im leichtesten Ton , » beruhige Dich ; das beste Mittel gegen Heimweh ist dies : schreibe Deinem Mann einen langen , langen Brief und schütte ihm Dein Herz aus , er liebt Dich so sehr - freilich , er sagt es nicht - aber Du weißt es ja doch ; schreibe ihm und bleibe heute abend oben . « Fanny wußte doch immer das rechte Wort zu sagen . Dankbar , in Liebe zu ihr aufwallend , umarmte Adrienne die Schwägerin . Fanny ging sehr ernst und langsam hinunter , trat dann aber völlig wie sonst in den Saal ein und sagte , daß Frau von Herebrecht nicht wohl sei ; später nahm sie Magnus beiseite . » Apropos , Magnus , Sie erinnern sich doch , daß Sie sich mir sozusagen mit Leib und Seele verkauft haben ? « Magnus wußte nicht , was er von diesem Scherz denken sollte , denn er zitterte seit dem Augenblick , wo Fanny zu Adrienne gegangen war . » Allerdings , « sagte er , mühsam ebenfalls einen scherzenden Ton findend , » ich bin Ihr Schuldgefangener ; der Turm , in den Sie mich sperrten , ist weit genug , aber heimliche Ketten sind doch darin . Wäre nur erst der Augenblick da , wo ich meine Arbeit vollendet und das Honorar habe , um den Schein aus Ihrer Hand zu lösen . « » Was denken Sie , « sprach Fanny , ihn lustig ansehend , » wenn ich so wenig Wert auf Ihre Gegenwart in Mittelbach lege , daß ich Ihnen jetzt den Schein schenke unter der Bedingung , daß Sie morgen reisen ? Unhöflich - was ? Aber ich meine , hier haben Sie zu viel Abhaltung von der Arbeit . « » Hat Frau von Herebrecht meine Entfernung gewünscht ? « fuhr es Magnus heraus , der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn . » Also richtig ! « dachte Fanny . » Adrienne ? Nein , « sagte sie unbefangen , verwundert ; » was hätte sie , die an allen meinen Freunden leider nur zu teilnahmlos vorübergeht , an Ihrem Bleiben oder Reisen für ein Interesse ? Nun , was denken Sie ? Sie sind beleidigt , daß ich Sie hier entbehrlich finde ? « » Ich denke , « sprach Magnus , aufatmend und Fanny voll in das kluge Gesicht sehend , » daß Sie mit Menschen umherschieben wie ein Theaterdiener mit Dekorationsstücken , aber Sie verstehen die Kunst , und es scheint , Sie haben immer recht und wissen immer alles , wenn Sie es gleich nicht gestehen . Ich gehe , wohin ich soll , ich nehme meinen Schuldschein zurück , wenn Sie es so wollen , das sind , ich weiß es , für Sie kleinliche Nebensachen ; machen Sie meinen Eltern meine Reise und die Notwendigkeit dazu klar . Und ich habe ein Neidwort für Sie - es möchte ein weniger Aufrichtiger in einen Segenswunsch zum Abschied kleiden : Sie sind so klug und klar für andere , beneidenswerte Frau , und haben für sich selbst kein Klugsein nötig , bleibe Ihnen das ! « Fanny fühlte sich durch seine letzten Worte sehr bewegt und konnte sich das nicht erklären . Adrienne aber saß und schrieb bis tief in die Nacht hinein einen Brief an ihren Gatten , und dabei erging es ihr seltsam . Arnold , der ernste Mann , der sie allezeit mit seinen » vernünftigen Worten « geplagt , verschwand vor ihr wie ein Schatten , die plötzlich geborene Sehnsucht hatte ihr in unbestimmten Umrissen einen Mann vorgezaubert , der so gütig war , alles zu verstehen , und so stark , alles zu verzeihen , und so liebevoll , ihr ganzes , begehrliches , ungesättigtes Herz zu füllen . Das Bedürfnis ihrer Seele , in dieser Stunde der Gefahr ganz in einer andern , vollkommenen Seele aufzugehen , um sich blind zu machen gegen Neugier und Versuchung , dies Bedürfnis war der Schöpfer ihrer jäh erwachten Liebe zum fernen Gatten . Ein Gefühl , so trügerisch und haltlos wie ein Irrlicht und dennoch ein Licht in der Nacht . So war alles , was sie schrieb und was aus ihrem Innern sich unwiderstehlich herausdrängte , eigentlich nicht an Arnold gerichtet , es war ein Selbstgespräch oder eine Phantasie an ein Trugbild . Und doch , wenn die Fieberspannung dieser Stunden gewichen sein wird und die Blätter mit den heißen Geständnissen hinfliegen über den Ozean , dann wird als Erinnerung das Bewußtsein bleiben , wie die Aussprache zu ihm alle Not beendigte , und das Flackerfeuer der plötzlichen Liebessehnsucht wird doch tief im Herzen Funken zurücklassen , und mälich , mälich wird sich daran die wahre , unauslöschliche Flamme echter Liebe entzünden . Denn der jungen Frau ist es ergangen wie dem Ungläubigen , der in der Stunde der Todesnot zu Gott betet : seitdem weiß er , daß bei ihm und in ihm aller Trost ist , und er sucht ihn nachher von freien Stücken . Neuntes Kapitel So glücklich Fanny durch die Gegenwart ihrer Gäste gewesen , fühlte sie zu ihrer eigenen Verwunderung dennoch eine erhöhte Freude , als in den ersten Oktobertagen ihr Haus wieder leer war . Auch die Einladung der Gräfin Taiß , wie immer den Monat November auf der Taißburg zu verleben , lehnte Fanny ab . Erst als der Graf ihr vorstellte , daß es doch seit manchem Jahr bei ihnen Sitte gewesen sei , Fannys und ihrer Cousine , der Gräfin , Geburtstage , die auf dasselbe Datum , den 20. November , fielen , zusammen zu feiern , erst da versprach sie , für drei Tage zu kommen . Natürlich hörte Lanzenau dies mit dem größten Unbehagen , denn für ihn , der ebenfalls seit Jahren der regelmäßige Novembergast des Grafen war , blieb ein Ablehnen unmöglich , wollte er sich nicht lächerlich machen , oder Fanny nicht kompromittiren . Und zu seiner noch größeren Verstimmung erhielt Joachim von Herebrecht nur eine Einladung für dieselben drei Tage , an denen auch Fanny nach der Taißburg kommen wollte . Er sann und sann , wie er seinen Aufenthalt dort abkürzen könne , ohne auffällig zu werden , und fand endlich , daß Fanny alle ihre Bekannten zu einer großen Jagd einladen müsse , da der Wildstand überhandnehme und den Rübenfeldern Schaden bringe . Fanny ließ sich arglos bereden , und ehe die gräfliche Familie abreiste , war bestimmt worden , daß alsbald nach dem doppelten Geburtstagsfest alle Gäste aus der Taißburg für zwei Tage nach Mittelbach übersiedeln sollten , um eine Treibjagd abzuhalten . Fannys Haus würde zwar nicht ausreichen , um alle zu beherbergen , allein eine Anzahl von Kavalieren konnte ganz gut im nahen Dreisa bei Lanzenau wohnen . Nach dieser Jagd war es selbstverständlich , daß der Baron dann nicht erst wieder nach Taißburg zurückkehrte . Also das Haus war für jetzt von Gästen leer . Man konnte sich für den Winter rüsten . Der große Saal ward zugeschlossen , die Terrasse sah kahl aus , die Kübel mit den Lorbeer- und Orangenbäumen standen im Warmhause , das sich hinter den Scheunen im Nutzgarten befand . Der Flügel war in das eine von den drei Zimmern geschoben , die jetzt bewohnt wurden und davon das eine neben dem Saal parkwärts , das andere an der Seitenwand des Hauses , das dritte vorn , dem Hofe zu , belegen war . Die Räume gingen ineinander , das vordere Gemach diente zum Speisen , das mittlere der Musik , und in dem Zimmer , von wo das Auge über den sturmdurchtosten Park schweifen konnte , versammelte Fanny am liebsten ihre Freunde um sich . Die Lese- und Malstunden hatten ihr zu sehr gefallen , um sie jetzt aufzugeben , wo die Winterruhe in Feld und Haus ihr viel mehr freie Zeit ließ . Magnus , der treffliche Recitator , war nach der Residenz übersiedelt , zum großen Jammer der Pastorin , die steif und fest glaubte , er habe sich ihrer Bevormundung entziehen wollen und sich deshalb hinter Fanny gesteckt . Fanny ließ sie bei diesem heilsamen Glauben , in der Hoffnung , sie werde sich künftig zusammennehmen ; denn alles , was Magnus je an Leichtfertigkeit beging , hatte stets seine tiefsten Wurzelfasern im Trotz gegen das ewige Bewachen , Ermahnen und Befehlen . Es galt , einen Ersatz für Magnus zu finden . Lanzenau als Vorleser zu denken , war lächerlich , auch pflegte dieser der Mittagsruhe , wenn man lesen hören wollte , und just diese Stunde mußte es sein , weil Fanny das Licht zum Malen brauchte . Joachim sagte , wenn er vorlesen solle , würde er vorziehen , auszuwandern . So mußte Severina denn lesen , und es ging sehr gut . Jeden Mittag sah das große , helle Zimmer das gleiche Bild zwischen seinen Wänden . Fanny saß , mit einer enormen Schürze und Malärmeln umkleidet , eifrig vor ihrer Staffelei , die an dem einen Fenster stand . Am andern saß ihr » Opfer « , wie er sich nannte , Joachim , und hielt nie still . Adrienne und Severina saßen in Joachims Nähe an einem Tischchen , erstere machte Handarbeit . Und wie früher Magnus für Adrienne gelesen , so las jetzt Severina für Joachim . Diese Gelegenheit , ihm die glühendsten Geständnisse zu machen , ward ihre Lehrmeisterin ; sie las oft mit solchem Schwunge , mit so tiefinnerster Erregung , daß Fanny den Pinsel ruhen ließ und fortgerissen zuhörte . Die melodische Stimme tönte durch den Raum , in dem auch alles bereitet schien , einer weihevollen , der Poesie gewidmeten Stunde den rechten Rahmen zu geben . Reichtum und Verständnis hatten ihn mit einer gewissen , zurückhaltenden Pracht geschmückt . Die reichgefüllten Blumentische , in denen Frühlingsblumen unter Fächerpalmen blühten , fügten der Pracht die Anmut hinzu . Lanzenau meinte einmal im Scherz , Fanny sei da unvorsichtig und zettle etwas an , wofür sie dann die Verantwortung trage . Das Hineinlesen in die Herzen sei seit Francesca und Paolo da Rimini eine bekannte Form des Verliebens , und wenn Severina und Joachim sich verliebten , müsse Fanny als die Veranstalterin auch für das weitere sorgen . Dabei hatte er Fanny scharf angesehen . Aber sie sagte mit der größten Ruhe : » Ach - Unsinn ! Joachim muß eine reiche Frau und Severina einen reichen Mann haben . Joachim ist ja viel zu vernünftig und sie auch - dergleichen fällt ihnen nicht ein . « Es fiel nämlich Fanny nicht ein , an solche Möglichkeit zu denken . Die Aeußerung glitt an ihrer Ahnungslosigkeit so ab , daß sie nicht einmal bei der nächsten Vorlesung mehr daran dachte . Joachim fühlte sich ungeheuer wohl bei der Sache . So dazusitzen und ungefährdet , durch das Medium irgend eines Poeten , sich von Severina in allen Tonarten sagen zu lassen , daß er unendlich geliebt sei , und das in Gegenwart der beiden anderen Frauen hatte jedenfalls einen pikanten Reiz . Und das konnte noch eine gute Weile so fortgehen , denn Fanny traf immer und immer nicht die Züge , in denen sie mit der größten Vertiefung las . Wenn Joachim nicht zugegen war , schien es ihr , als wisse sie sein Gesicht auswendig , und wenn er dann so vor ihr saß , entdeckte sie jeden Tag etwas Neues in seinen Zügen , und jeder Zug erschien ihr von vollkommener Schönheit . Das erste Porträt ward von allen für so unendlich geschmeichelt und deshalb nicht ganz ähnlich erklärt , daß sie ein zweites sogleich begann . So endete der Oktober und Lanzenau rüstete sich mit schwerem Herzen zur Fahrt nach der Taißburg . Freilich , verändert hatte sich hier nichts , Fanny war noch ebenso unbefangen , fast naiv in den Aeußerungen ihres Wohlgefallens für Joachim , und diesen hatte er mehr wie einmal bei Zeichen heimlichen Einverständnisses mit Severina ertappt . Auch verhießen seine Bemühungen , für Joachim eine auskömmliche Stellung zu finden , Erfolg . Er hatte durch den Grafen Taiß erfahren , daß die gräflich Itzelburgischen Güter wahrscheinlich in Administration kommen würden , weil der Graf - ein einstiger Regimentskamerad Lanzenaus bei den Gardes du Corps , wo beide bis zum Premier dienten - plötzlich verstorben sei , die Erben aber erst in zehn Jahren majorenn würden . Lanzenau knüpfte sofort die längst erkalteten oder eingeschlafenen Beziehungen zu der Familie des Verstorbenen wieder an und war gewillt , im Notfall selbst nach Pommern zu reisen , um an Ort und Stelle für seinen Schützling zu wirken . Wenn Joachim die Administration bekam , konnte er alsbald heiraten und sah sich bei vernünftiger Wirtschaft nach zehn Jahren im Besitz eines Kapitals , welches ihm gestattete , dann eine Pachtung anzufassen . Trotz all dieser Gründe zur Ruhe war Lanzenau dennoch von dumpfen Ahnungen erfüllt und reiste mit einem so sichtlichen Schmerz ab , daß Fanny fast peinlich davon berührt wurde . Sie stand noch eine Weile in dem Beischlag vor ihrem Hause und schaute seinem davonrollenden Wagen nach , dann ging sie lange im Park spazieren , eng in das große weiße Wolltuch gewickelt , das sie um die Schultern geschlagen , als sie Lanzenau an den Wagen begleitete . Ihre Fußspitzen stießen raschelnd die feuchten gelben Blätter empor , sie ging , wie Kinder wohl im