verbrennen lassen ? « Paul aber schloß sie noch inniger in sein Herz . » Jetzt wär ' s an der Zeit , daß du wieder lebendig würdest , « sagte er , zerrte an dem Rade und guckte in den Kessel hinein ; er begann abends aus Lindenholz kleine Modelle zu schnitzeln , und eines Tages schrieb er an Gottfried : » Schicke mir aus Eurer Schulbibliothek ein paar Bücher über die Einrichtung von Dampfmaschinen . Mir ist zumute , als ob für unser Vaterhaus viel davon abhinge . « - Gottfried ließ sich vergeblich bitten ; erstens widerstreite es seinen Prinzipien , der Bibliothek Bücher zu entnehmen , die er nicht selber gebrauchte , und zweitens würden sie Paul doch nichts nützen , da er in der theoretischen Physik nicht bewandert sei . - Dann wandte er sich an Max . Der sandte ihm umgehend ein Zehnpfundpaket mit funkelnagelneuen Bänden , denen eine Rechnung von fünfzig Mark beilag . Er beschloß , die Bücher zu behalten und die fünfzig Mark allgemach zusammenzusparen . » Für die schwarze Suse ist nichts zu teuer , « meinte er . Aber neue Unruhe sollte über ihn hereinbrechen . Eines Vormittags kam ein Wagen auf den Hof gefahren , in dem neben einem Gendarmen zwei fremde Herren saßen , von denen der eine , ein behäbiger Vierziger mit goldener Brille auf der Nase , sich als Untersuchungsrichter vorstellte . Paul erschrak , denn er fühlte wohl , daß er mancherlei zu verheimlichen hatte . Der Untersuchungsrichter besah zuerst die Brandstelle , nahm eine Zeichnung des Fundamentes auf und fragte , wo Tore und Fenster sich befunden hatten , dann ließ er die Dienstboten zusammenrufen , die er aufs genaueste befragte , was sie am Tage vorher und bis zu dem Augenblicke des Brandes getrieben hätten . Paul stand bleich und zitternd daneben , und als der Richter das Gesinde entließ , um ihn selber zu vernehmen , war ihm zumute , als sei der Weltuntergang herangekommen . » Sind Sie an dem Tage vor dem Brande in der Scheune gewesen ? « fragte der Richter . » Ja . « » Rauchen Sie ? « » Nein . « » Besinnen Sie sich , daß Sie in irgendeiner Weise mit Feuer , Streichhölzchen und dergleichen hantierten ? « » O nein - ich bin viel zu vorsichtig dazu . « » Wann waren Sie zuletzt in der Scheune ? « » Um acht Uhr abends . « » Was taten Sie dort ? « » Ich hielt meinen allabendlichen Rundgang , bevor ich die Tore verschließe . « » Verschließen Sie die Tore eigenhändig ? « » Ja - stets . « » Bemerkten Sie etwas an dem betreffenden Abend ? « » Nein . « » Haben Sie niemanden in der Umgegend herumschleichen sehen ? « Wie ein Blitzstrahl fuhr es auf ihn nieder . In diesem Augenblick erst entsann er sich des Schattens , den er beim Beginne des Brandes im Walde hatte untertauchen sehen . Aber das war ja nicht in der Umgegend . Und tief aufatmend erwiderte er : » Nein . « » So , jetzt kommt ' s ! « dachte er - die nächste Frage schon mußte seine nächtliche Wanderung ans Tageslicht ziehen , mußte das Geheimnis verraten , das er bisher im tiefsten Innern verschlossen gehalten hatte . Aber nein . Der Untersuchungsrichter brach plötzlich ab und sagte nach einer kleinen Pause : » Bis vor kurzem war ein Knecht namens Raudszus in Ihren Diensten ? « » Ja , « erwiderte er und starrte den Richter mit großen Augen an . Also Raudszus war ' s , auf den der Verdacht sich lenkte . » Weshalb haben Sie ihn entlassen ? « Er erzählte ausführlich jenen schrecklichen Vorgang , gab aber wohl darauf acht , daß die Szene mit Douglas , die ihm vorangegangen , so viel als möglich im dunkeln blieb . Nun die erste Gefahr abgeschlagen war , hatte er seine Ruhe wiedergefunden . Der Protokollführer machte sich eifrig Notizen , und der Untersuchungsrichter zog die Brauen in die Höhe , als wär ' er bereits völlig im klaren . Als Paul geendet hatte , gab er dem Gendarmen einen Wink , der schweigend kehrtmachte und auf dem Wege nach Helenental von dannen ging . » Jetzt zu Ihrem Herrn Vater ! « sagte der Richter . » Ist er in einem Zustande , um vernommen zu werden ? « » Lassen Sie mich nachsehen , « erwiderte Paul und ging in die Krankenstube . Er fand den Vater hochaufgerichtet im Bette sitzen , sein Auge blitzte , und auf seinen Zügen lag der Schimmer mühsam unterdrückter Wut . » Laß sie nur kommen ! « rief er Paul entgegen , » es ist zwar alles Firlefanz - an den Wahren wagen sie sich ja doch nicht aber laß sie nur kommen ! « Auch er erzählte dem Untersuchungsrichter die Szene des Kampfes , aber das gerade , was Paul schamhaft verschwiegen hatte , den Streit mit Douglas und das Hetzen des Hundes , das kramte er mit großsprecherischer Geschwätzigkeit vor den Fremden aus . Der Richter kratzte sich bedenklich den Kopf , und sein Schreiber notierte eifrig . Als Meyhöfer bis zu dem Momente kam , in dem er das Eingreifen seines Sohnes hätte schildern müssen , schwieg er stille . Aus seinem Auge schoß auf ihn ein Strahl , in dem , jäh hervorbrechend , ein Feuer von Trotz und Ingrimm loderte . » Und was weiter ? « fragte der Richter . » Ich bin ein alter Mann , « murmelte er zwischen den Zähnen , » zwingen Sie mich nicht , meine eigene Schande zu gestehen . « Der Richter war ' s zufrieden . Als er den Alten fragte , ob sein Verdacht sich nicht schon vorher auf Michel Raudszus gelenkt hätte , da lachte er gar geheimnisvoll in sich hinein und raunte : » Die Hand , die elende Hand mag er wohl hergegeben haben , aber « - er stockte - » Aber ? « » Schade , Herr Richter , daß die Gerechtigkeit eine Binde vor den Augen trägt , « antwortete er mit höhnischem Lachen - » ich habe nichts weiter zu sagen . « - Richter und Protokollführer sahen sich kopfschüttelnd an , dann wurde das Verhör geschlossen . » Wird Michel Raudszus verhaftet werden ? « fragte Paul die Herren , ehe sie den Wagen bestiegen . » Er ist es hoffentlich bereits , « antwortete der Richter . » Er hat im Rausche allerhand verdächtige Äußerungen getan , und was wir von Ihnen erfahren haben , ist mehr als ausreichend , die Untersuchung gegen ihn einzuleiten . Freilich wird sich noch manches aufzuklären haben . « Damit fuhren sie von dannen . Lange starrte Paul dem Wagen nach . Die letzten Worte des Richters hatten die Angst aufs neue in ihm erweckt , und während die Wochen verflossen und die Voruntersuchung ihre Wege ging , saß er bangend und zitternd daheim , nicht viel anders , als wenn der Richterspruch ihn und ihn allein zerschmettern würde . Paul samt der Mutter und den Schwestern erhielten eine Vorladung zum Schwurgerichte , nur dem Vater war es freigestellt , daheim zum letztenmal verhört und vereidigt zu werden . Aber er erklärte , daß er lieber im Gerichtssaal tot zusammensinken wolle , als daß er zu Hause säße , während man den Vernichter seiner Habe frei auslaufen ließe . Wen er mit diesen Redensarten meinte , ließ er im unklaren , nur daß es der angeklagte Knecht nicht war , gab er deutlich genug zu erkennen . - - - Der Tag der Verhandlung kam heran . Paul hatte für den Vater einen Tragestuhl gezimmert , der ihm jeglichen Schritt ersparte . In ihm wurde er auf den Wagen gehoben und weich in dem Heulager gebettet . Es war eine gar elende Klapperfuhre , die die Familie Meyhöfer nach der Stadt hinführte , denn die besseren Wagen waren samt und sonders verbrannt . Die Leitern hatte Paul fortnehmen lassen und statt ihrer einen hölzernen Kasten hineingebaut ; über die Strohbündel , die als Sitze dienten , hatte er alte Pferdedecken gebreitet , die die Jahre zerfetzt und entfärbt hatten . Inmitten dieser Dürftigkeit lag der Herr ächzend und schimpfend am Boden ; sein Weib thronte obenauf , bleich und elend und vergrämt , als wäre sie der Genius dieses Verfalles ; die ewig blühende Jugend , die selbst auf dem Schutte gedeiht , sie lachte aus zwei schelmischen Augenpaaren zwischendrein , und vornauf , als der Lenker dieses traurigen Vehikels , saß Paul und schaute bekümmert vor sich nieder , denn er schämte sich , daß er den Seinen , die er zum erstenmal all ' insgesamt in die Weite hinauskutschierte , keine stolzere Karosse bieten konnte . Auf der falben Heide lagen die müden Strahlen der Novembersonne , struppig reckten sich die Erikabüschel zwischen gelben , dünnen Gräsern , hie und da schimmerten Lachen von Regenwasser , und von den Krüppelweiden des Weges hingen wie tote Sommervögel vereinzelte Blättlein . » Weißt du noch , wie wir vor einundzwanzig Jahren denselben Weg fuhren ? « sagte Frau Elsbeth zu ihrem Manne und warf einen Blick auf Paul , den sie damals an der Brust gehalten hatte . Meyhöfer murrte etwas in sich hinein , denn er war kein Freund von Erinnerungen , von solchen Erinnerungen . Frau Elsbeth aber faltete die Hände und dachte allerhand ; es mußte nichts Trauriges sein , denn sie lächelte dabei . Je mehr der Wagen sich dem Ziele näherte , desto beklommener ward es Paul zumute . Er reckte sich auf seinem Sitze , und durch seine Glieder jagte ein Frösteln nach dem andern . Mit unheimlicher Klarheit stand die wilde Brandnacht vor seinen Augen , und inmitten jener Angst , vor fremden Menschen zu stehen und zu sprechen , überkam es ihn wie ein Gefühl des Glücks , wenn er dessen gedachte , wie er in Qualm und Flammen hoch auf dem steilen Dache aus gehandelt und geherrscht hatte als der einzige , dem alle gehorchten , der einzige , der inmitten der Wirrnis bei klarem Kopfe geblieben war . » Vielleicht kann ich doch meinen Mann stehen , wenn ' s darauf ankommt ! « sagte er sich tröstend , aber um so tiefer versank er darauf im Anschauen seiner trübseligen , gedrückten , kraft- und saftlosen Existenz . - » Es wird nie anders - es kann nur schlimmer werden von Jahr zu Jahr « - sagte er sich , da hörte er hinter sich die Mutter seufzen , und was er soeben gedacht hatte , erschien ihm als schnöde , herzlose Selbstsucht . » Auf mich kommt ' s nicht an , « murmelte er - da fuhr der Wagen durch das Stadttor . Vor dem roten Gerichtsgebäude mit den hohen Steintreppen und den gewölbten Fenstern hielt der Wagen . Nicht fern davon stand eine wohlbekannte Chaise , und der Kutscher auf dem Bock trug an seiner Mütze noch dieselbe Troddel , die Paul einstmals , da er Konfirmand war , so sehr imponiert hatte . Als der Vater aufgerichtet wurde , fiel sie auch ihm in die Augen . » Na , der Lump ist ja auch da , « rief er , » will doch sehen , ob er meinen Blick wird ertragen können ! « Darauf trug ihn Paul mit Hilfe eines Gerichtsdieners die Stufen hinan bis in das Zeugenzimmer . Die Mutter und die Schwestern gingen hintendrein , und die Leute blieben stehen und besahen sich die trübselige Prozession . Das Wartezimmer der Zeugen war voll von Menschen , meistens Angehörige von Helenental . In einem Winkel stand ein Häuflein Bettelvolk , ein Weib mit einem aufgedunsenen Gesicht , um den Leib ein rotbuntes Laken gebunden , in dem ein Säugling schlief . An den Falten ihres Rockes hing eine kleine Schar zerlumpter Kinder , die sich die Köpfe kratzten und einander heimliche Rippenstöße gaben . Das war die Familie des Angeklagten , die aussagen wollte , daß der Vater in jener Nacht daheim gewesen sei . Meyhöfer dehnte und streckte sich in seinem Stuhle und warf herausfordernde Blicke um sich . Er erschien sich heute mehr denn je als ein großer Mann , ein Held und ein Märtyrer zugleich . Die Tür öffnete sich , und Douglas samt Elsbeth erschienen auf der Schwelle . Meyhöfer warf ihm einen giftigen Blick zu und lachte dann höhnisch in sich hinein . Douglas achtete nicht auf ihn , sondern setzte sich in die entgegengesetzte Ecke , Elsbeth mit sich ziehend . Sie sah bleich und angegriffen aus und hatte ein schüchternes , ängstliches Wesen , das von der fremden , unbehaglichen Umgebung herrühren mochte . Sie nickte mit einem flüchtigen Lächeln nach der Mutter und den Schwestern herüber und sah Paul mit einem sinnenden Blicke an , der etwas zu fragen schien . Er schlug die Augen nieder , denn er konnte den Blick nicht ertragen . - Die Mutter machte eine Bewegung , zu ihr hinüber zu gehen , aber Meyhöfer ergriff sie beim Rocke und sagte , lauter , als es wohl nötig gewesen wäre : » Daß du dich unterstehst ! « Paul war wie gelähmt . Seine Knie bebten , auf seiner Stirn lastete ein dumpfer Druck , der ihm jeglichen Gedanken benahm . » Du wirst ihr Schande bringen , « murmelte er immerfort vor sich hin , aber ohne zu wissen , was er sagte . Drinnen im Schwurgerichtssaale begann das Zeugenverhör . Einer nach dem andern wurde aufgerufen . Zuerst kamen die Tagelöhner an die Reihe , dann der Wirt , in dessen Schenke Raudszus die Äußerungen getan , dann das zerlumpte Häuflein aus dem Winkel . - Das Zimmer fing an , sich zu leeren . - Hierauf wurde der Name des Herrn Douglas genannt . Er murmelte seiner Tochter ein paar Worte ins Ohr , die auf die Meyhöfers Bezug haben mußten , und ging mit seinen breiten Schritten von dannen . Die Hände auf dem Schoße gefaltet , saß sie nun einsam an der Wand . Eine tiefe Röte der Erregung entflammte ihren Wangen . Gar lieblich und beklommen schaute sie drein , und ihr schlichtes , wahrhaftes Wesen malte sich in jedem ihrer Züge . Die Mutter ließ keinen Blick von ihr , und bisweilen sah sie zu Paul hinüber und lächelte dabei wie im Traume . Eine Viertelstunde verrann , dann wurde auch Elsbeths Name gerufen . Sie warf noch einen freundlichen Blick zur Mutter hin , dann verschwand sie in der Tür . Ihr Verhör währte nicht lange . - » Herr Meyhöfer senior , « rief der Diener vom Saale her und sprang herzu , um Paul beim Tragen des Stuhles behilflich zu sein . Der Alte prustete und blies die Backen , dann wieder lehnte er sich mit mannhaft leisem Ächzen nach hintenüber , innerlich hocherfreut , eine so effektvolle Rolle spielen zu dürfen . Der weite Schwurgerichtssaal verschwamm vor Pauls Augen in einem rötlichen Nebel , undeutlich sah er dichtgedrängte Gesichter auf sich oder den Vater niederstarren , dann mußte er den Saal aufs neue verlassen . Die Schwestern , die bis dahin neugierig um sich geschaut hatten , fingen an , sich zu fürchten . Um die Angst zu betäuben , aßen sie die mitgebrachten Butterbrote . Paul sprach ihnen Mut zu und lehnte die Wurst ab , die sie ihm großmütig boten . Die Mutter hatte sich in einen Winkel zurückgezogen , zitterte leise und meinte von Zeit zu Zeit : » Was mögen sie aber von mir wollen ? « » Herr Meyhöfer junior , « hallte es von der Tür . Im nächsten Augenblicke stand er in dem hohen , menschengefüllten Raume vor einem erhöhten Tische , an dem etliche Männer mit strengen und ernsten Gesichtern saßen ; nur einer , der ein wenig abseits Platz genommen hatte , lächelte immer . Das war der Staatsanwalt , vor dem alle Welt sich fürchtete . Auf der rechten Seite des Saales saß gleichfalls auf erhöhten Plätzen ein Häuflein würdiger Bürger , die sehr gelangweilt dreinschauten und sich mit Federmessern , Papierschnitzel usw. die Zeit zu vertreiben suchten . Das waren die Geschworenen . Auf der linken Seite saß in einer verschlossenen Bank der Angeklagte . Er äugelte mit dem Zuschauerraum und machte ein Gesicht , als ob die Sache jeden andern anginge , nur nicht ihn . So freundlich hatte Paul den finstern Kerl noch nie gesehen . » Sie heißen Paul Meyhöfer , sind geboren dann und dann , evangelisch , « und so weiter , fragte der mittelste der Richter , ein Mann mit einem ganz kurzgeschorenen Kopfe und einer scharfkantigen Nase , indem er die Daten aus einem großen Hefte ablas . Er tat das in einem gemütlichen Murmeltone , aber plötzlich wurde seine Stimme scharf und schneidig wie ein Messer , und seine Augen schossen Blitze auf Paul hernieder . » Vor Ihrer Vernehmung , Herr Paul Meyhöfer , mache ich Sie darauf aufmerksam , daß Sie Ihre Aussage hernach mit einem Eide beschwören müssen . « Paul erschauerte . Wie ein Stich war das Wort » Eid « durch seine Seele gefahren . Ihm war zumute , als müßte er niederstürzen und sein Angesicht vor all den Späheraugen verbergen , die auf ihn niederstarrten . Und dann fühlte er allgemach eine merkwürdige Veränderung in sich vorgehen . Die glotzenden Augen verschwanden - der Saal tauchte sich in Nebel , und je länger des Richters klare , scharfe Stimme auf ihn einsprach , je eindringlicher er sich mit himmlischen und irdischen Strafen bedrohen hörte , desto mehr war ihm zumute , als sei er ganz allein mit jenem Manne in dem weiten Saale , und all sein Sinnen richtete sich darauf , ihm so zu antworten , daß Elsbeth aus dem Spiele blieb . » Jetzt gilt ' s - jetzt zeig dich als Mann , « rief es in ihm . Es war ein ähnliches Gefühl wie damals , als er oben auf dem Dache gesessen hatte ; sein Geist verschärfte sich , und der dumpfe Druck , der allezeit auf ihm lastete , sank von ihm ab , als löste man Ketten , mit denen er gefesselt gewesen . Er erzählte mit ruhigen , klaren Worten , was er von dem Angeklagten wußte , und schilderte sein Wesen ; auch , daß er sich ihm innerlich verwandt gefühlt hatte , gab er an . Als er das sagte , ging ein Murmeln durch den Saal , die Geschworenen ließen die Papierschnitzel sinken , und zwei oder drei Federmesser klappten geräuschvoll zu . » Was geschah , als Herr Douglas mit Ihrem Vater zusammengeraten war ? « fragte der Präsident . » Das kann ich nicht sagen , « erwiderte er mit fester Stimme . » Weshalb nicht ? « » Ich müßte Übles von meinem Vater sprechen ! « antwortete er . » Was heißt das Übles ? « fragte der Präsident . » Wollen Sie damit sagen , daß Sie fürchten , Ihren Vater einer strafrechtlichen Verfolgung auszusetzen ? « » Ja , « erwiderte er leise . Wiederum ging das Murmeln durch den Saal , und hinter seinem Rücken hörte er knirschend die Stimme seines Vaters : » Der ungeratene Schlingel ! « Doch ließ er sich dadurch nicht irre machen . » Das Gesetz gestattet Ihnen , in solchem Falle die Aussage zu verweigern , « fuhr der Präsident fort . » Wie aber geschah es , daß Ihr Vater sich gegen Raudszus wandte ? « Ohne Stocken erzählte er den Vorgang , nur als er beichten mußte , wie er seinen Vater ins Haus getragen , bebte seine Stimme , und er wandte sich um , als wollte er ihn um Verzeihung anflehen . Der Alte hatte die Fäuste geballt , und seine Zähne schlugen aufeinander . Er mußte erleben , daß sein eigener Sohn die Glorie des Helden von seinem Haupte riß . » Und nachdem Sie den Knecht entlassen , sahen und hörten Sie nichts mehr von ihm ? « fragte der Präsident . » Nein ... « » Als sie in jener Brandnacht erwachten , was sahen Sie da zuerst ? « Langes Schweigen . Paul griff mit beiden Händen nach der Stirn und taumelte zwei Schritte zurück . Eine Bewegung des Mitleids ging durch den Saal . Man glaubte nicht anders , als daß die Erinnerung an den fürchterlichen Augenblick ihn übermannte . Das Schweigen dauerte fort . » So antworten Sie doch . « » Ich - schlief - nicht . « » Sie waren also noch wach ? ... Befanden Sie sich in Ihrem Schlafzimmer , als Sie den ersten Feuerschein gewahrten ? « » Nein ! « » Wo waren Sie ? « Lange Pause . Man hätte ein Blatt zur Erde fallen hören , so still war es im Saale . » Sie waren nicht in Ihrem Heimathause ? « » Nein . « » Also wo ? « » Im - Garten - von - Helenental . « Ein dumpfes Geräusch erhob sich , das sich zum Tumulte steigerte , als der alte Douglas , der von seinem Sitz aufgesprungen war , mit dröhnender Stimme in den Saal hineinrief : » Was hatten Sie da zu suchen ? « Der alte Meyhöfer stieß einen Fluch aus , Elsbeth entfärbte sich und sank mit dem Kopfe schwer gegen die Lehne der Bank . Der Präsident ergriff die Klingel . » Ich ersuche den Zeugen um Ruhe , « sprach er , » ich selbst stelle die Fragen . Bei nochmaliger Störung lasse ich Sie aus dem Saale entfernen . - Also , Herr Paul Meyhöfer , was wollten Sie im Garten von Helenental ? « In demselben Augenblick erhob sich im Hintergrunde ein neues Gemurmel , und im Zeugenraume bildete sich eine Gruppe um Elsbeth . » Was gibt ' s da ? « fragte der Präsident . Der Staatsanwalt , dessen Auge kein Stäubchen im ganzen Saal entgangen war , neigte sich zu ihm herüber und flüsterte mit vielsagendem Lächeln : » Die Zeugin ist in Ohnmacht gefallen . « Da lächelte auch der Präsident , und das ganze Richterkollegium lächelte . Elsbeth verließ , von ihrem Vater unterstützt , den Saal ... Nun erhob sich ein kleiner Mann mit einem scharfgeschnittenen Gesicht , der vor dem Angeklagten saß und während der ganzen Zeit mit einem Schlüsselbunde gespielt hatte , und sagte : » Ich ersuche den Herrn Präsidenten , die Verhandlung auf fünf Minuten zu vertagen , da die Gegenwart der mitbeteiligten Zeugin von Wichtigkeit ist . « Paul warf diesem Manne einen scheuen Blick zu . Die Verhandlung wurde vertagt . Die fünf Minuten waren eine Ewigkeit . Paul durfte sich auf die Zeugenbank niedersetzen . Der Vater sah ihn unverwandt mit wütenden Augen an , aber er gab ihm kein Zeichen , daß er ihn sprechen wolle . Elsbeth wurde in den Saal geführt , blaß wie eine Leiche , und Paul trat aufs neue vor die Schranken . » Ich ermahne Sie nochmals « , begann der Präsident , » sich in allen Stücken genau an die Wahrheit zu halten , denn Sie wissen , daß jedes Wort Ihrer Aussage unter den Zeugeneid fällt . « » Ich weiß es , « sagte Paul . » Jedoch haben Sie , wie Sie wissen , das Recht , die Aussage zu verweigern , wenn Sie glauben befürchten zu müssen , daß sie Ihnen oder einem Angehörigen eine Strafe zuziehen dürfte . Wollen und können Sie , wie vorhin , auch jetzt von diesem Rechte Gebrauch machen ? « » Nein . « Er sprach es mit fester , klarer Stimme , denn in ihm war die Gewißheit aufgegangen , daß Elsbeths Ehre rettungslos verfallen war , wenn er jetzt schwieg . » Aber wenn mein Eid ein Meineid wird ? « hallte es hinterher aus seinem Gewissen nach . Es war zu spät . » Also - was wollten Sie in dem Garten ? « fragte der Präsident . » Ich wollte - gutmachen , was in meinem Vaterhaus an Douglas verschuldet war . « Ein Murmeln der Enttäuschung und des Unglaubens ging durch den Saal . » Und dazu schlichen Sie in dem fremden Garten umher ? « » Ich hatte das Verlangen , irgend jemanden zu treffen , dem ich Abbitte hätte leisten können . « » Und hierzu suchten Sie sich die Nachtzeit aus ? « » Ich konnte nicht schlafen . « » Und Sie wurden von Ihrer Unruhe dorthin getrieben ? « » Ja . « » Trafen Sie jemanden in dem Garten ? « » Nein . « » Waren Sie schon früher einmal zu derselben Stunde dort gewesen ? « Lange Pause ; dann ging ein abermaliges » Nein , « doch diesmal leise und zögernd , gleichsam dem Gewissen abgerungen , aus seinem Munde ... Die Spannung , die auf den Gemütern lastete , begann sich zu lösen , der Präsident blätterte in seinen Akten , und Elsbeth starrte mit großen , glanzlosen Augen zu ihm herüber . » Wo befanden Sie sich , als Sie den Feuerschein zuerst bemerkten ? « » Etwa zwanzig Schritt von dem Helenentaler Wohnhaus entfernt ! « » Und was taten Sie alsdann ? « » Ich war sehr erschrocken und eilte sofort nach dem Heimathof zurück . « » Auf welchem Wege verließen Sie den Garten ? « » Über den Gartenzaun . « » Sie öffneten also nicht die Tür , welche vom Garten nach dem Hofe führt ? « » Nein . « » Und schritten nicht an dem Giebel vorbei ? « » Nein . « Eine neue Unruhe machte sich im Saale bemerkbar . Der kleine Mann mit dem Schlüsselbunde erhob sich und sagte : » Ich bitte den Herrn Präsidenten , Fräulein Douglas noch einmal über das zu verhören , was sie in jener Nacht gehört haben will . « » Fräulein Douglas , ich bitte , « sagte der Präsident . Mit einem langen Blick auf Paul trat sie vor . Dicht nebeneinander standen sie nun in dem weiten , menschengefüllten Saale , als ob sie zusammengehörten . » Wohin verliefen sich die Schritte , die Sie hörten , als der Feuerschein Sie weckte ? « » Nach dem Hofe zu , « erwiderte sie leise , kaum vernehmbar . » Und hörten Sie deutlich die Klinke der Gartentür klappen ? « » Ja . « » Bedenken Sie wohl , ob Sie sich nicht getäuscht haben können ? « » Ich habe mich nicht getäuscht , « erwiderte sie leise , doch bestimmt . » Ich danke . Sie können sich setzen . « Mit unsicheren Schritten ging sie auf ihren Platz zurück . Seit jenem verhängnisvollen » Nein « hing ihr Blick an Paul wie festgebannt . Sie schien alles andere darüber vergessen zu haben . » Als Sie den Gartenzaun überschritten hatten , welchen Weg schlugen Sie dann ein ? « fragte der Präsident weiter , zu Paul gewandt . » Über die Heide ! « » Berührten Sie den Wald ? « » Nein - ich lief etwa zwei- bis dreihundert Schritt weit davon vorüber . « » Begegneten Sie auf Ihrem Wege jemandem ? « » Ich sah einen Schatten , der sich dem Walde zu bewegte und bei meinem Kommen plötzlich verschwunden war . « Eine lang anhaltende Bewegung ging durch den Raum , der Angeklagte verfärbte sich , und sein Auge nahm einen starren , glotzenden Ausdruck an . - Der Staatsanwalt ließ keinen Blick von ihm . Noch ein paar Nebenfragen , dann durfte Paul sich setzen . Die Mutter und die Schwestern wurden gerufen , aber was sie auszusagen hatten , war ohne Belang . Die Schwestern schauten neugierig , beinahe keck in die Runde . Die Mutter weinte , als sie den Augenblick des Erwachens erzählen mußte . Paul fühlte sich stolz und glücklich darüber , daß Elsbeth nicht durch ihn verraten worden . Er schaute lächelnd vor sich nieder und freute sich seines Mutes . Doch als die Zeugen zur Vereidigung vorgerufen wurden und er die Hand erheben sollte , da war es ihm , als hinge eine Zentnerlast daran , als riefe eine leise , traurige Stimme ihm ins Ohr : » Schwöre nicht . « Und er schwor . Als er sich auf den Platz gesetzt hatte , sagte die Stimme aufs neue : » Hast du vielleicht gar einen Meineid geschworen ? « - Unwillkürlich erhob er das Haupt . Da war ' s ihm , als huschte ein grauer Schatten an ihm vorüber und streifte mit leisem Hauche seine Stirn . Trotzig runzelte er die Brauen . » Und wenn ich selbst falsch geschworen , geschah es nicht für sie ? « Für einen Augenblick erfüllte eine wilde Freude seine Seele bei diesem Gedanken , aber schon im nächsten legte es sich mit dumpfem Drucke auf seine Brust und preßte ihm die Kehle zu und schnürte ihm Hände und Füße , so daß ihm zumute ward , als könnte er sich fürder nicht mehr bewegen . Er hörte die eintönige Stimme der Redner , die ihre Plaidoyers begannen , aber er achtete nicht darauf . - Einmal nur fuhr er empor , als der Verteidiger mit seinem Schlüsselbund auf ihn wies und mit seiner dünnen , keifenden Stimme durch den Saal rief : » Und dieser Zeuge da , meine Herren Geschworenen , der sich nachts in höchst geheimnisvoller Weise in fremden Gärten umhertreibt und allerhand psychologisch gekünstelte Ausflüchte sucht , um die zarten Motive seines nächtlichen Abenteuers zu bemänteln , dürfen Sie ihm Glauben schenken , wenn er angibt , er