liebsten in einer verschwiegenen Allee . Da setzen wir uns dann und lesen uns die Briefe vor , die wir doch hoffentlich erhalten werden , und lachen , wenn er zärtlich schreibt , und sagen ja , ja ! . Und dann kommt das Bad und nach dem Bade die Toilette , natürlich mit Sorglichkeit und Liebe , was doch in Schlangenbad nicht ununterhaltlicher sein kann als in Berlin . Eher das Gegenteil . Und dann gehen wir zu Tisch und haben einen alten General zur Rechten und einen reichen Industriellen zur Linken , und für Industrielle hab ich von Jugend an eine Passion gehabt . Eine Passion , deren ich mich nicht schäme . Denn entweder haben sie neue Panzerplatten erfunden oder unterseeische Telegraphen gelegt oder einen Tunnel gebohrt oder eine Kletter-Eisenbahn angelegt . Und dabei , was ich auch nicht verachte , sind sie reich . Und nach Tische Lesezimmer und Kaffee bei heruntergelassenen Jalousien , so daß einem die Schatten und Lichter immer auf der Zeitung umhertanzen . Und dann Spaziergang . Und vielleicht , wenn wir Glück haben , haben sich sogar ein paar Frankfurter oder Mainzer Kavaliere herüber verirrt und reiten neben dem Wagen her , und das muß ich Ihnen sagen , meine Herren , gegen Husaren , gleichviel ob rot oder blau , kommen Sie nicht auf , und von meinem militärischen Standpunkt aus ist und bleibt es ein entschiedener Fehler , daß man die Gardedragoner verdoppelt , aber die Gardehusaren sozusagen einfach gelassen hat . Und noch unbegreiflicher ist es mir , daß man sie drüben läßt . So was Apartes gehört in die Hauptstadt . « Botho , den das enorme Sprechtalent seiner Frau zu genieren anfing , suchte durch kleine Schraubereien ihrer Schwatzhaftigkeit Einhalt zu tun . Aber seine Gäste waren viel unkritischer als er , ja erheiterten sich mehr denn je über die » reizende kleine Frau « , und Balafré , der in Käthebewunderung obenan stand , sagte : » Rienäcker , wenn Sie noch ein Wort gegen Ihre Frau sagen , so sind Sie des Todes . Meine Gnädigste , was dieser Oger von Ehemann nur überhaupt will ? was er nur krittelt ? Ich weiß es nicht . Und am Ende muß ich gar glauben , daß er sich in seiner Schweren-Kavallerie-Ehre gekränkt fühlt und , Pardon wegen der Wortspielerei , lediglich um seines Harnisch willen in Harnisch gerät . Rienäcker , ich beschwöre Sie ! Wenn ich solche Frau hätte wie Sie , so wäre mir jede Laune Befehl , und wenn mich die Gnädigste zum Husaren machen wollte , nun so würd ich schlankweg Husar und damit basta . Soviel aber weiß ich gewiß und möchte Leben und Ehre darauf verwetten , wenn Seine Majestät solche beredten Worte hören könnte , so hätten die Gardehusaren drüben keine ruhige Stunde mehr , lägen morgen schon in Marschquartier in Zehlendorf und rückten übermorgen durchs Brandenburger Tor hier ein . O dies Haus Sellenthin , das ich , die Gelegenheit beim Schopf ergreifend , in diesem ersten Toaste zum ersten , zum zweiten , und zum dritten Male leben lasse ! Warum haben Sie keine Schwester mehr , meine Gnädigste ? Warum hat sich Fräulein Ine bereits verlobt ? Vor der Zeit und jedenfalls mir zum Tort . « Käthe war glücklich über derlei kleine Huldigungen und versicherte , daß sie , trotz Ine , die nun freilich rettungslos für ihn verloren sei , alles tun wolle , was sich tun lasse , wiewohl sie recht gut wisse , daß er , als ein unverbesserlicher Junggeselle , nur bloß so rede . Gleich danach aber ließ sie die Neckerei mit Balafré fallen und nahm das Reisegespräch wieder auf , am eingehendsten das Thema , wie sie sich die Korrespondenz eigentlich denke . Sie hoffe , wie sie nur wiederholen könne , jeden Tag einen Brief zu empfangen , das sei nun mal Pflicht eines zärtlichen Gatten , werd es aber ihrerseits an sich kommen lassen und nur am ersten Tage von Station zu Station ein Lebenszeichen geben . Dieser Vorschlag fand Beifall , sogar bei Rienäcker , und wurde nur schließlich dahin abgeändert , daß sie zwar auf jeder Hauptstation bis Köln hin , über das sie trotz des Umwegs ihre Route nahm , eine Karte schreiben , alle ihre Karten aber , soviel oder sowenig ihrer sein möchten , in ein gemeinschaftliches Couvert stecken solle . Das habe dann den Vorzug , daß sie sich ohne Furcht vor Postexpedienten und Briefträgern über ihre Reisegenossen in aller Ungeniertheit aussprechen könne . Nach dem Diner nahm man draußen auf dem Balkon den Kaffee , bei welcher Gelegenheit sich Käthe , nachdem sie sich eine Weile gesträubt , in ihrem Reisekostüm : in Rembrandthut und Staubmantel samt umgehängter Reisetasche , präsentierte . Sie sah reizend aus . Balafré war entzückter denn je und bat sie , nicht allzu sehr überrascht sein zu wollen , wenn sie ihn am andern Morgen , ängstlich in eine Kupee-Ecke gedrückt , als Reisekavalier vorfinden sollte . » Vorausgesetzt , daß er Urlaub kriegt « , lachte Pitt . » Oder desertiert « , setzte Serge hinzu , » was den Huldigungsakt freilich erst vollkommen machen würde . « So ging die Plauderei noch eine Weile . Dann verabschiedete man sich bei den liebenswürdigen Wirten und kam überein , bis zur Lützowplatzbrücke zusammenzubleiben . Hier aber teilte man sich in zwei Parteien , und während Balafré samt Wedell und Osten am Kanal hin weiterschlenderten , gingen Pitt und Serge , die noch zu Kroll wollten , auf den Tiergarten zu . » Reizendes Geschöpf , diese Käthe « , sagte Serge . » Rienäcker wirkt etwas prosaisch daneben , und mitunter sieht er so sauertöpfisch und neunmalweise drein , als ob er die kleine Frau , die , bei Lichte besehn , eigentlich klüger ist als er , vor aller Welt entschuldigen müsse . « Pitt schwieg . » Und was sie nur in Schwalbach oder Schlangenbad soll ? « fuhr Serge fort . » Es hilft doch nichts . Und wenn es hilft , ist es meist eine sehr sonderbare Hilfe . « Pitt sah ihn von der Seite her an . » Ich finde , Serge , du russifizierst dich immer mehr oder , was dasselbe sagen will , wächst dich immer mehr in deinen Namen hinein . « » Immer noch nicht genug . Aber Scherz beiseite , Freund , eines ist Ernst in der Sache : Rienäcker ärgert mich . Was hat er gegen die reizende kleine Frau . Weißt du ' s ? « » Ja . « » Nun ? « » She is rather a little silly . Oder wenn du ' s deutsch hören willst : sie dalbert ein bißchen . Jedenfalls ihm zuviel . « Neunzehntes Kapitel Käthe zog zwischen Berlin und Potsdam schon die gelben Vorhänge vor ihr Kupeefenster , um Schutz gegen die beständig stärker werdende Blendung zu haben , am Luisen-Ufer aber waren an demselben Tage keine Vorhänge herabgelassen , und die Vormittagssonne schien hell in die Fenster der Frau Nimptsch und füllte die ganze Stube mit Licht . Nur der Hintergrund lag im Schatten , und hier stand ein altmodisches Bett mit hoch aufgetürmten und rot und weiß karierten Kissen , an die Frau Nimptsch sich lehnte . Sie saß mehr , als sie lag , denn sie hatte Wasser in der Brust und litt heftig an asthmatischen Beschwerden . Immer wieder wandte sie den Kopf nach dem einen offenstehenden Fenster , aber doch noch häufiger nach dem Kaminofen , auf dessen Herdstelle heute kein Feuer brannte . Lene saß neben ihr , ihre Hand haltend , und als sie sah , daß der Blick der Alten immer in derselben Richtung ging , sagte sie : » Soll ich ein Feuer machen , Mutter ? Ich dachte , weil du liegst und die Bettwärme hast und weil es so heiß ist ... « Die Alte sagte nichts , aber es kam Lenen doch so vor , als ob sie ' s wohl gern hätte . So ging sie denn hin und bückte sich und machte ein Feuer . Als sie wieder ans Bett kam , lächelte die Alte zufrieden und sagte : » Ja , Lene , heiß ist es . Aber du weißt ja , ich muß es immer sehn . Und wenn ich es nicht sehe , dann denk ich , es ist alles aus und kein Leben und kein Funke mehr . Und man hat doch so seine Angst hier ... « Und dabei wies sie nach Brust und Herz . » Ach , Mutter , du denkst immer gleich an Sterben . Und ist doch so oft schon vorübergegangen . « » Ja , Kind , oft is es vorübergegangen , aber mal kommt es , und mit siebzig , da kann es jeden Tag kommen . Weißt du , mache das andere Fenster auch noch auf , dann is mehr Luft hier , und das Feuer brennt besser . Sieh doch bloß , es will nicht mehr recht , es raucht so ... « » Das macht die Sonne , die grade drauf steht ... « . » Und dann gib mir von den grünen Tropfen , die mir die Dörr gebracht hat . Ein bißchen hilft es doch immer . « Lene tat wie geheißen , und der Kranken , als sie die Tropfen genommen hatte , schien wirklich etwas besser und leichter ums Herz zu werden . Sie stemmte die Hand aufs Bett und schob sich höher hinauf , und als ihr Lene noch ein Kissen ins Kreuz gestopft hatte , sagte sie : » War Franke schon hier ? « » Ja ; gleich heute früh . Er fragt immer , eh er in die Fabrik geht . « » Is ein sehr guter Mann . « » Ja , das ist er . « » Und mit das Konventikelsche ... « » ... wird es so schlimm nicht sein . Und ich glaube beinah , daß er seine guten Grundsätze da herhat . Glaubst du nicht auch ? « Die Alte lächelte . » Nein , Lene , die kommen vom lieben Gott . Und der eine hat sie , un der andre hat sie nicht . Ich glaube nich recht ans Lernen un Erziehen ... Und hat er noch nichts gesagt ? « » Ja , gestern abend . « » Un was hast du ihm geantwortet ? « » Ich hab ihm geantwortet , daß ich ihn nehmen wolle , weil ich ihn für einen ehrlichen und zuverlässigen Mann hielte , der nicht bloß für mich , sondern auch für dich sorgen würde ... « Die Alte nickte zustimmend . » Und « , fuhr Lene fort , » als ich das so gesagt hatte , nahm er meine Hand und rief in guter Laune : Na , Lene , denn also abgemacht ! Ich aber schüttelte den Kopf und sagte , daß das so schnell nicht ginge , denn ich hätt ihm noch was zu bekennen . Und als er fragte , was , erzählt ich ihm , ich hätte zweimal ein Verhältnis gehabt : erst ... na , du weißt ja , Mutter ... , und den ersten hätt ich ganz gern gehabt , und den andern hätt ich sehr geliebt , und mein Herz hinge noch an ihm . Aber er sei jetzt glücklich verheiratet und ich hätt ihn nie wiedergesehen , außer ein einzig Mal , und ich wollt ihn auch nicht wiedersehn . Ihm aber , der es so gut mit uns meine , hätt ich das alles sagen müssen , weil ich keinen und am wenigsten ihn hintergehen wolle ... « » Jott , Jott « , weimerte die Alte dazwischen . » ... Und gleich danach ist er aufgestanden und in seine Wohnung rübergegangen . Aber er war nicht böse , was ich ganz deutlich sehen konnte . Nur litt er ' s nicht , als ich ihn , wie sonst , bis an die Flurtür bringen wollte . « Frau Nimptsch war ersichtlich in Angst und Unruhe , wobei sich freilich nicht recht erkennen ließ , ob es um des eben Gehörten willen oder aus Atemnot war . Es schien aber fast das letztre , denn mit einem Male sagte sie : » Lene , Kind , ich liege nicht hoch genug . Du mußt mir noch das Gesangbuch unterlegen . « Lene widersprach nicht , ging vielmehr und holte das Gesangbuch . Als sie ' s aber brachte , sagte die Alte : » Nein , nich das , das ist das neue . Das alte will ich , das dicke mit den zwei Klappen . « Und erst als Lene mit dem dicken Gesangbuche wieder da war , fuhr die Alte fort : » Das hab ich meiner Mutter selig auch holen müssen und war noch ein halbes Kind damals und meine Mutter noch keine fuffzig und saß ihr auch hier und konnte keine Luft kriegen , und die großen Angstaugen kuckten mich immer so an . Als ich ihr aber das Porstsche , das sie bei der Einsegnung gehabt , unterschob , da wurde sie ganz still und ist ruhig eingeschlafen . Und das möcht ich auch . Ach , Lene . Der Tod ist es nich ... Aber das Sterben ... So , so . Ah , das hilft . « Lene weinte still vor sich hin , und weil sie nun wohl sah , daß der guten alten Frau letzte Stunde nahe sei , schickte sie zu Frau Dörr und ließ sagen , » es stehe schlecht und ob Frau Dörr nicht kommen wolle « . Die ließ denn auch zurücksagen , » ja , sie werde kommen ... « , und um die sechste Stunde kam sie wirklich mit Lärm und Trara , weil Leisesein , auch bei Kranken , nicht ihre Sache war . Sie stappste nur so durch die Stube hin , daß alles schütterte und klirrte , was auf und neben dem Herde lag , und dabei verklagte sie Dörr , der immer grad in der Stadt sei , wenn er mal zu Hause sein solle , und immer zu Hause wär , wenn sie ihn zum Kuckuck wünsche . Dabei hatte sie der Kranken die Hand gedrückt und Lene gefragt , » ob sie denn auch tüchtig von den Tropfen eingegeben habe ? « » Ja . « » Wieviel denn ? « » Fünf ... fünf alle zwei Stunden . « » Das sei zuwenig « , hatte die Dörr darauf versichert und unter Auskramung ihrer gesamten medizinischen Kenntnis hinzugesetzt : » Sie habe die Tropfen vierzehn Tage lang in der Sonne ziehn lassen , und wenn man sie richtig einnehme , so ginge das Wasser weg wie mit ' ner Plumpe . Der alte Selke drüben im Zoologischen sei schon wie ' ne Tonne gewesen und habe schon ein Vierteljahr lang keinen Bettzippel mehr gesehn , immer aufrecht in ' n Stuhl un alle Fenster weit aufgerissen , als er aber vier Tage lang die Tropfen genommen , sei ' s gewesen , wie wenn man auf eine Schweinsblase drücke : hast du nich gesehn , alles raus un wieder lapp un schlapp . « Unter diesen Worten hatte die robuste Frau der alten Nimptsch eine doppelte Portion von ihrem Fingerhut eingezwungen . Lene , die bei dieser energischen Hilfe von einer doppelten und nur zu berechtigten Angst befallen wurde , nahm ihr Tuch und schickte sich an , einen Arzt zu holen . Und die Dörr , die sonst immer gegen die Doktors war , hatte diesmal nichts dagegen . » Geh « , sagte sie , » sie kann ' s nicht lange mehr machen . Kuck bloß mal hier « ( und sie wies auf die Nasenflügel ) , » da sitzt der Dod . « Lene ging ; aber sie konnte den Michaelkirchplatz noch kaum erreicht haben , als die bis dahin in einem Halbschlummer gelegene Alte sich aufrichtete und nach ihr rief : » Lene ... « » Lene is nich da . « » Wer is denn da ? « » Ich , Mutter Nimptsch . Ich , Frau Dörr . « » Ach , Frau Dörr , das is recht . So , hierher ; hier auf die Hutsche . « Frau Dörr , gar nicht gewöhnt , sich kommandieren zu lassen , schüttelte sich ein wenig , war aber doch zu gutmütig , um dem Kommando nicht nachzukommen . Und so setzte sie sich denn auf die Fußbank . Und sieh da , im selben Augenblick begann auch die alte Frau schon : » Ich will einen gelben Sarg haben un blauen Beschlag . Aber nich zuviel ... « » Gut , Frau Nimptsch . « » Un ich will auf ' n neuen Jakobikirchhof liegen , hinter ' n Rollkrug un ganz weit weg nach Britz zu . « » Gut , Frau Nimptsch . « » Und gespart hab ich alles dazu , schon vordem , als ich noch sparen konnte . Un es liegt in der obersten Schublade . Un da liegt auch das Hemd un das Kamisol und ein Paar weiße Strümpfe mit N. Und dazwischen liegt es . « » Gut , Frau Nimptsch . Es soll alles geschehn , wie Sie gesagt haben . Und is sonst noch was ? « Aber die Alte schien von Frau Dörrs Frage nichts mehr gehört zu haben , und ohne Antwort zu geben , faltete sie bloß die Hände , sah mit einem frommen und freundlichen Ausdruck zur Decke hinauf und betete : » Lieber Gott im Himmel , nimm sie in deinen Schutz und vergilt ihr alles , was sie mir alten Frau getan hat . « » Ah , die Lene « , sagte Frau Dörr vor sich hin und setzte dann hinzu : » Das wird der liebe Gott auch , Frau Nimptsch , den kenn ich , und habe noch keine verkommen sehn , die so war wie die Lene und solch Herz und solche Hand hatte . « Die Alte nickte , und ein freundlich Bild stand sichtlich vor ihrer Seele . So vergingen Minuten , und als Lene zurückkam und vom Flur her an die Korridortür klopfte , saß Frau Dörr noch immer auf der Fußbank und hielt die Hand ihrer alten Freundin . Und jetzt erst , wo sie das Klopfen draußen hörte , ließ sie die Hand los und stand auf und öffnete . Lene war noch außer Atem . » Er ist gleich hier ... er wird gleich kommen . « Aber die Dörr sagte nur : » Jott , die Doktors « , und wies auf die Tote . Zwanzigstes Kapitel Käthes erster Reisebrief war in Köln auf die Post gegeben und traf , wie versprochen , am andern Morgen in Berlin ein . Die gleich mitgegebene Adresse rührte noch von Botho her , der jetzt , lächelnd und in guter Laune , den sich etwas fest anfühlenden Brief in Händen hielt . Wirklich , es waren drei mit blassem Bleistift und auf beiden Seiten beschriebene Karten in das Couvert gesteckt worden , alle schwer lesbar , so daß Rienäcker auf den Balkon hinaustrat , um das undeutliche Gekritzel besser entziffern zu können . » Nun laß sehn , Käthe . « Und er las : » Brandenburg a. H. , 8 Uhr früh . Der Zug , mein lieber Botho , hält hier nur drei Minuten , aber sie sollen nicht ungenutzt vorübergehen , nötigen Falles schreib ich unterwegs im Fahren weiter , so gut oder so schlecht es geht . Ich reise mit einer jungen , sehr reizenden Banquierfrau , Madame Salinger , geb . Saling , aus Wien . Als ich mich über die Namensähnlichkeit wunderte , sagte sie : Joa , schaun S ' , i hoab halt mei Komp ' rativ g ' heirat ' t. Sie spricht in einem fort dergleichen und geht trotz einer zehnjährigen Tochter ( blond ; die Mutter brünett ) ebenfalls nach Schlangenbad . Und auch über Köln und auch , wie ich , eines dort abzustattenden Besuches halber . Das Kind ist gut geartet , aber nicht gut erzogen und hat mir bei dem beständigen Umherklettern im Kupee bereits meinen Sonnenschirm zerbrochen , was die Mutter sehr in Verlegenheit brachte . Auf dem Bahnhofe , wo wir eben halten , d.h. in diesem Augenblicke setzt sich der Zug schon wieder in Bewegung , wimmelt es von Militär , darunter auch Brandenburger Kürassiere mit einem quittgelben Namenszug auf der Achselklappe ; wahrscheinlich Nikolaus . Es macht sich sehr gut . Auch Füsiliere waren da , Fünfunddreißiger , kleine Leute , die mir doch kleiner vorkamen als nötig , obschon Onkel Osten immer zu sagen pflegte : der beste Füsilier sei der , der nur mit bewaffnetem Auge gesehen werden könne . Doch ich schließe . Die Kleine ( leider ) rennt nach wie vor von einem Kupeefenster zum andern und erschwert mir das Schreiben . Und dabei nascht sie beständig Kuchen , kleine mit Kirschen und Pistazien belegte Tortenstücke . Schon zwischen Potsdam und Werder fing sie damit an . Die Mutter ist doch zu schwach . Ich würde strenger sein . « Botho legte die Karte beiseit und überflog , so gut es ging , die zweite . Sie lautete : » Hannover , 12 Uhr 30 Minuten . In Magdeburg war Goltz am Bahnhofe und sagte mir , Du hättest ihm geschrieben , ich käme . Wie gut und lieb wieder von Dir . Du bist doch immer der Beste , der Aufmerksamste . Goltz hat jetzt die Vermessungen am Harz , d.h. am 1. Juli fängt er an . - Der Aufenthalt hier in Hannover währt eine Viertelstunde , was ich benutzt habe , mir den unmittelbar am Bahnhofe gelegenen Platz anzusehen : lauter erst unter unserer Herrschaft entstandene Hotels und Bier-Etablissements , von denen eines ganz im gotischen Stile gebaut ist . Die Hannoveraner , wie mir ein Mitreisender erzählte , nennen es die preußische Bierkirche , bloß aus welfischem Antagonismus . Wie schmerzlich dergleichen ! Die Zeit wird aber auch hier vieles mildern . Das walte Gott . - Die Kleine knabbert in einem fort weiter , was mich zu beunruhigen anfängt . Wohin soll das führen ? Die Mutter aber ist wirklich reizend und hat mir schon alles erzählt . Sie war auch in Würzburg , bei Scanzoni , für den sie schwärmt . Ihr Vertrauen gegen mich ist beschämend und beinahe peinlich . Im übrigen ist sie , wie ich nur wiederholen kann , durchaus comme il faut . Um Dir bloß eines zu nennen , welch Reisenecessaire . Die Wiener sind uns in solchen Dingen doch sehr überlegen ; man merkt die ältere Kultur . « » Wundervoll « , lachte Botho . » Wenn Käthe kulturhistorische Betrachtungen anstellt , übertrifft sie sich selbst . Aber aller guten Dinge sind drei . Laß sehn . « Und dabei nahm er die dritte Karte . » Köln , 8 Uhr abends . Kommandantur . Ich will meine Karten doch lieber noch hier zur Post geben und nicht bis Schlangenbad warten , wo Frau Salinger und ich morgen mittag einzutreffen gedenken . Mir geht es gut . Schroffensteins sehr liebenswürdig ; besonders er . Übrigens , um nichts zu vergessen , Frau Salinger wurde durch Oppenheims Equipage vom Bahnhofe abgeholt . Unsere Fahrt , anfangs so reizvoll , gestaltete sich von Hamm aus einigermaßen beschwerlich und unschön . Die Kleine litt schwer und leider durch Schuld der Mutter . Was möchtest du noch , fragte sie , nachdem unser Zug eben den Bahnhof Hamm passiert hatte , worauf das Kind antwortete : Drops . Und erst von dem Augenblicke an wurd es so schlimm ... Ach , lieber Botho , jung oder alt , unsere Wünsche bedürfen doch beständig einer strengen und gewissenhaften Kontrolle . Dieser Gedanke beschäftigt mich seitdem unausgesetzt , und die Begegnung mit dieser liebenswürdigen Frau war vielleicht kein Zufall in meinem Leben . Wie oft habe ich Kluckhuhn in diesem Sinne sprechen hören . Und er hat recht . Morgen mehr . Deine Käthe « Botho schob die drei Karten wieder ins Couvert und sagte : » Ganz Käthe . Welch Talent für die Plauderei ! Und ich könnte mich eigentlich freuen , daß sie so schreibt , wie sie schreibt . Aber es fehlt etwas . Es ist alles so angeflogen , so bloßes Gesellschaftsecho . Aber sie wird sich ändern , wenn sie Pflichten hat . Oder doch vielleicht . Jedenfalls will ich die Hoffnung darauf nicht aufgeben . « Am Tage danach kam ein kurzer Brief aus Schlangenbad , in dem viel , viel weniger stand als auf den drei Karten , und von diesem Tage an schrieb sie nur alle halbe Woche noch und plauderte von Anna Grävenitz und der wirklich auch noch erschienenen Elly Winterfeld , am meisten aber von Madame Salinger und der reizenden kleinen Sarah . Es waren immer dieselben Versicherungen , und nur am Schlusse der dritten Woche hieß es einigermaßen abweichend : » Ich finde jetzt die Kleine reizender als die Mutter . Diese gefällt sich in einem Toilettenluxus , den ich kaum passend finden kann , um so weniger , als eigentlich keine Herren hier sind . Auch seh ich jetzt , daß sie Farbe auflegt und namentlich die Augenbrauen malt und vielleicht auch die Lippen , denn sie sind kirschrot . Das Kind aber ist sehr natürlich . Immer wenn sie mich sieht , stürzt sie mit Vehemenz auf mich zu und küßt mir die Hand und entschuldigt sich zum hundertsten Male wegen der Drops , aber die Mama sei schuld , worin ich dem Kinde nur zustimmen kann . Und doch muß andererseits ein geheimnisvoll naschiger Zug in Sarahs Natur liegen , ich möchte beinahe sagen , etwas wie Erbsünde ( glaubst Du daran ? ich glaube daran , mein lieber Botho ) , denn sie kann von den Süßigkeiten nicht lassen und kauft sich in einem fort Oblaten , nicht Berliner , die wie Schaumkringel schmecken , sondern Karlsbader mit eingestreutem Zucker . Aber nichts mehr schriftlich davon . Wenn ich Dich wiedersehe , was sehr bald sein kann - denn ich möchte gern mit Anna Grävenitz zusammen reisen , man ist doch so mehr unter sich - , sprechen wir darüber und über vieles andere noch . Ach , wie freu ich mich , Dich wiedersehn und mit Dir auf dem Balkon sitzen zu können . Es ist doch am schönsten in Berlin , und wenn dann die Sonne so hinter Charlottenburg und dem Grunewald steht und man so träumt und so müde wird , oh , wie herrlich ist das ! Nicht wahr ! Und weißt Du wohl , was Frau Salinger gestern zu mir sagte ? Ich sei noch blonder geworden , sagte sie . Nun , Du wirst ja sehn . Wie immer Deine Käthe « Rienäcker nickte mit dem Kopf und lächelte . » Reizende , kleine Frau . Von ihrer Kur schreibt sie nichts ; ich wette , sie fährt spazieren und hat noch keine zehn Bäder genommen . « Und nach diesem Selbstgespräche gab er dem eben eintretenden Burschen einige Weisungen und ging , durch Tiergarten und Brandenburger Tor , erst die Linden hinunter und dann auf die Kaserne zu , wo der Dienst ihn bis Mittag in Anspruch nahm . Als er bald nach zwölf Uhr wieder zu Hause war und sich ' s , nach eingenommenem Imbiß , eben ein wenig bequem machen wollte , meldete der Bursche , » daß ein Herr ... ein Mann « ( er schwankte in der Titulatur ) » draußen sei , der den Herrn Baron zu sprechen wünsche « . » Wer ? « » Gideon Franke ... Er sagte so . « » Franke ? Sonderbar . Nie gehört . Laß ihn eintreten . « Der Bursche ging wieder , während Botho wiederholte : » Franke ... Gideon Franke ... Nie gehört . Kenn ich nicht . « Einen Augenblick später trat der Angemeldete ein und verbeugte sich von der Tür her etwas steif . Er trug einen bis oben hin zugeknöpften schwarzbraunen Rock , übermäßig blanke Stiefel und blankes schwarzes Haar , das an beiden Schläfen dicht anlag . Dazu schwarze Handschuh und hohe Vatermörder von untadliger Weiße . Botho ging ihm mit der ihm eigenen chevaleresken Artigkeit entgegen und sagte : » Herr Franke ? « Dieser nickte . » Womit kann ich dienen ? Darf ich Sie bitten , Platz zu nehmen ... Hier ... Oder vielleicht hier . Polsterstühle sind immer unbequem . « Franke lächelte zustimmend und setzte sich auf einen Rohrstuhl , auf den Rienäcker hingewiesen hatte . » Womit kann ich dienen ? « wiederholte Rienäcker . » Ich komme mit einer Frage , Herr Baron . « » Die mir zu beantworten eine Freude sein wird , vorausgesetzt , daß ich sie beantworten kann . « » Oh , niemand besser als Sie , Herr von Rienäcker ... Ich komme nämlich wegen der Lene Nimptsch . « Botho fuhr zurück . » ... Und möchte « , fuhr Franke fort , » gleich hinzusetzen dürfen , daß es nichts Genierliches ist , was mich herführt . Alles , was ich zu sagen oder , wenn Sie ' s gestatten , Herr Baron , zu fragen habe , wird Ihnen und Ihrem Hause keine Verlegenheiten schaffen . Ich weiß auch von der Abreise der gnädigen Frau , der Frau Baronin , und habe mit allem Vorbedacht auf Ihr Alleinsein gewartet , oder wenn ich so sagen darf , auf Ihre Strohwitwertage . « Botho hörte mit feinem Ohre heraus , daß der