An seiner Seite kauerte ein Weib , mit einem Strickstrumpf in der Hand , eingeschlafen , wie es schien , das Kinn aus der Brust . Zwei Rangen , mit frischen , wilden Gesichtern , löffelten ihre Suppe aus der Schüssel . Das Hänschen hockte so tief in der Erde , daß das Fenster fast bis an den Gartenboden reichte . Vor dem Fenster war die letzte Weihnachtstanne in den Boden gesteckt ; der wurzellose Christbaum stund wie schaudernd in dem kalten Licht , das die Petroleumlampe durch die Scheiben warf . Ringsum schwarze Nacht . Schlichting starrte noch in das Licht . Ein streunendes Frauenzimmer näherte sich , streifte ihn und flüsterte : » Schatz , komm ' mit « . Er antwortete nicht . Er war in einer fremden Welt . Seine Gedanken schlugen sich mit Phantomen herum . Der Hausfreund , Monika , Flora - - Ein kleines Mädchen , einen schweren Maßkrug mit beiden Händen vor sich hintragend , trippelte an ihm vorüber . Ein Hund lief hinterher , emsig den Boden beschnuppernd . Vor Schlichting schlug er an - wauwau , wau - dann hatte ihn die Finsternis verschlungen . Schlichting setzte sich wieder in Bewegung , ganz mechanisch . Seine Gedanken drehten sich wie im Karussel . Flora , Monika , der Hausfreund , der Preßbandit , Kuglmeier , die Frau Kommerzienrat . Die Nacht wurde schwärzer . Der Himmel blieb sternenlos . An einer langen Holzbaracke vorbei . Ein grelles Licht liegt als breiter , gelber Streifen auf her Straße . Das kommt aus dem Fenster eines Fleischerladens . Rote Fleischstücke , weißschimmernde Schweinsviertel , braune Wurstkränze hängen im Rahmen , davor eine flackernde Öllampe . Unter der niedrigen Hausthür ratschen zwei Weiber in heiserem Sopran . Ein stinkiger Blutgeruch dünstet aus dem schwarzen Schlund des engen Hausflurs . Weiter . Soldaten mit schweren , rasselnden Schleppsäbeln kreuzen den Weg . Ihr trabender Schritt verhallt , die Schleppsäbel verklirren . Stille . Niemand . Jetzt miaut eine Katze vom Dach herab ihre Liebesschmerzen in die schweigende Nacht . Eine lange Lichterkette blitzt auf . Das ist wieder die Liebigstraße . Links in die Sterngasse . Eine Reihe von zwölf , fünfzehn einstöckigen Häuschen auf der rechten Seite , eins wie das andere , jedes mit einer alten , wurmstichigen Altane . Man riecht den Wurmfraß , das vermorschte , verwitterte Holz . Aus einem Häuschen links , nicht viel größer als ein Ziegenstall , hört man Kinder durcheinander weinen und wimmern . Aus dem niedrigen Eingang bücken sich Männer heraus , in weißen Chorhemden , mit Windlichtern und verschwinden um die Ecke , spukartig , geisterhaft . Ein fernes Klingeln . Vorbei , vorbei . Immer noch die Sterngasse . Wenige Fensterchen beleuchtet , einige mit blendend weißen Vorhängchen . Ein Mädchen auf dem Altan , ein Bursch mitten in der Gasse - und sich doch so nahe , daß das Zwiegespräch flüsternd geführt wird . Ein Fensterflügel geht auf , ein weißgetünchtes Stückchen Wand mit einem Kruzifix , einer Schwarzwälderuhr , einem Kalender blickt vom Stübchen in die nächtige Gasse . Links eine Wirtschaft . Stimmengewirr , Deckelauf- und Zuschlagen , Bier- , Tabaks-und Speisendunst . Ein Gast wird an die Luft gesetzt . Fluchen , Schreien , Gelächter . Davon , davon ! Der Hinausgeworfene holt Schlichting ein und empfindet ein dringendes Bedürfnis , sich dem Unbekannten zu erklären . Eine lange , konfuse Geschichte . » Nur langsam , junger Herr , wir haben den nämlichen Weg , jawohl , ganz den nämlichen . « Schlichting wendet sich auf dem Absatz um , der Erzähler schwankt den Weg mit ihm zurück . Die Geschichte wird immer verworrener , was die Führung der Fabel , immer zwangloser und intimer , was den Ausdruck betrifft . Schlichting trabt , der andere mit . Jetzt wieder langsamer . » Sie müssen meine Rechtfertigung hören , junger Herr , ju - junger Herr . Die Lumpenbande , sag ' ich Ihnen . Die Sau - - « ! » Verzeihen Sie , das geht mich nichts an . Erzählen Sie das auf der Polizei . Ich bin Student . « » Student ? Hahaha . Was studieren Sie denn ? Gripso-Grapsologie ? Sie , das ist eine Wissenschaft ! Das ist die einzige Wissenschaft für die mo - moderne Zeit . Die müssen Sie aus dem Fundament studieren , die Gripso-Grapsologie . Wenn Sie die nicht loshaben , hilft Ihnen alles andere nichts , junger Herr . Aber sein , sehr sein . Juristen , Mediziner , Geistliche - alles eins , sag ' ich Ihnen . Die Gripso-Grapsologie ist die Hauptsache . Das ist die Grundlage von allem . Aber sein , sehr sein . Und dann im Großen . Verstanden ? Nur im Großen . Hahaha . Sollst fallen Sie immer durch und werden in der Frohnfeste aufgefangen oder in der Gruftgasse angeschwemmt . So wahr ich Hans Rindler heiße : das kenn ' ich , junger Herr . Glauben Sie mir , die Reichssuppe hinter Schloß und Riegel ist ein verdammtes Fressen ; die liegt mir noch im Magen - - - « Er hatte Schlichting beim Rock gefaßt und redete fanatisch in ihn hinein und lallte und röchelte und rülpste - und seine Augen funkelten wie die eines wilden Tieres . Es war eine unheimlich einsame Gegend ; eine schmale , lange , nur mit einer Richtungslaterne beleuchtete Straße , links eine mannshohe Mauer , über welcher ein scharfer Gestank herüberwehte wie von einer Pferdestallung , rechts eine hohe Einplankung aus dicken Eichenbohlen . Schlichting vermochte sich nur mit Mühe zu orientieren : die dicke , schwarze Masse jenseits der Einplankung mußte der Holzgarten sein . Der Betrunkene geberdete sich immer aufdringlicher und gemeiner . Schlichting machte sich mit einer geschickten Bewegung los , aber so energisch , daß der gripso-grapsologische Sprecher das Gleichgewicht verlor und zu Boden stürzte . » Wart ' Lump , Tropf , g ' selchter Aff ' ... « gellte es dem Davoneilenden nach . Atemlos kam Schlichting vor seiner Behansung an . Unter der Hausthür lehnte Kuglmeier , rauchend und am Stummel kauend . » Wo treibst denn Du Dich die ganze Zeit herum , Schlichting - ohne Hut ? Und die Pforte zu Deinem Allerheiligsten unter dem Dach unverschlossen ? Ich habe Dich oben gesucht , Dein Hut hing am Nagel , Dein Überrock ditto . Ich konnte nicht begreifen . Habe die Mädchen zurückbegleitet . Donnerwetter , das war ein famoser Bummel in der Abenddämmerung im englischen Garten , voller Romantik . Aber so thu ' doch auch den Mund auf ! ... « » Laß mich hinausgehen . Mich fröstelt . « » Die andern warten gewiß noch im grünen Baum ... « » Laß ' warten , was warten mag . Gut ' Nacht . « » Dem rappelt ' s. Wozu hab ' ich auch auf ihn gewartet ? Ich hätte mir ' s denken können , daß er wieder einen Moralischen hat . « Kuglmeier warf den Zigarrenstummel weg und trollte pfeifend davon . Im » grünen Baum « herrschte noch reges Treiben . Dem kleinen dicken Kuglmeier wurde ganz poetisch zu Mute , als er sich der Wirtschaft näherte . Wie das kleine altmodische Haus mit den engen traulichen Stübchen , das unter dem mächtigen Geäst uralter Kastanien mit seinem moosigen Ziegeldach versteckt lag und seine schlichten Holztische und Bänke hart bis an die Isar hinschob , im Glänze seiner Gasflammen ihm entgegengrüßte ! Lag ' s doch wirklich da wie ein seliges , schimmerndes Eiland , eingehüllt in schwarze Nacht , als wär ' es nur den Eingeweihten und Auserwählten auffindbar . Und das delikate Bier , und die stattlichen Portionen saftiger Braten und Haxen und Ripperln , lind die gute altmünchenerische Art der Bedienung , und die allweil fidele Gesellschaft ! Lautes Reden und Diskurieren , Zutrinken und Singen , die festen Schläge auf den runden Banzen bei ' m Anzapfen , das Fortrollen der leeren Fässer , der Ausruf des behäbigen , schmunzelnden Wirtes mit Posaunenstimme : » Meine Herren , frischer Anstich ! « die geschäftig hin und her fliegenden stereotypen Bestellungsphrasen in der Schenke und in der Küche , dazwischen ein lustiges Auflachen der Schenk- und Küchenmadeln , die sonore Kommandostimme der Frau Wirtin am Heerde , wo in weiten Kesseln über dem prasselnden Feuer das Fett zischte und die Braten quietschten und die Dünngeselchten brizzelten und die Haxen dampften und ein warmer lieblicher Schmalzduft durch die offnen Fenster und Thüren das Haus durchströmte und über die Tische hinstrich und der Rauch aus dem Schlot in den überhängenden Ästen und Zweigen der jungbelaubten Riesenkastanien verwirbelte : das alles zusammen gab ein so herzerquickendes Bild frohen Lebensgenusses und gesunder Lebensverdauung , daß des Weltlaufs Elend und Sorgen wie ausgeblasen schienen an den Stammtischen dieser zauberhaften Wirtshaus-Idylle an der rauschenden Isar . Kuglmeier hemmte seine Schritte und überlegte : Was sollte er den Kameraden sagen , wenn sie ihn wegen seines langen Ausbleibens mit Fragen bestürmten ? Soll er ihnen den abenteuerlichen Nachmittag und das Gaudium des Abends haarklein erzählen ? Soll er ihnen einen Bären aufbinden ? Werden sie ihn nicht mit seinen Schneidersmädchen auslachen und zur Zielscheibe ihrer Witzeleien und Sticheleien machen ? Der großartige Rheinländer mit seiner kritischen Preußenschnautze wird ja wohl auch da sein ... Immerhin ! Das wird , sich finden . Er schmatzte mit der Zunge und schnupperte mit der Nase und fühlte schon den braunen Labetrunk die Kehle hinabrieseln zwischen den herrlich schmeckenden Bissen eines gelungenen Saftbratens oder Beefsteaks mit Ei ... Das ist das Wunderschöne an einem gesunden Umtrieb mit den drallen Dirnen , daß man so famosen Appetit bekommt , und das Wunderschöne am Essen und Trinken , daß man hernach die Reize der holden Weiblichlichkeit um so genußreicher zu schätzen weiß . Mit diesem sybaritischen Gedanken stiefelte der kleine , dicke Kuglmeier tapfer auf den » grünen Baum « los , während der Gesang eines feuchtfröhlichen Burschenliedes der » Isaren « , welche zu Ehren eines verdienten Korps-Philisters im ersten Stock Abschied kneipten , aus den offenen Fenstern und die Treppe herab ihn brausend umschallten . » Ah , der Herr Kuglmeier , « grüßte ihn die Kellnerin mit lachenden , rehbraunen Augen , indem sie vom blechbeschlagenen Schenkbrett sechs schäumende Maßkrüge mit beiden Händen im Schwünge herabrutschte ; daß die weißen Schaumflocken weit umherspritzten . » Draußen im Garten sind die Herren . Eine Maß , nicht wahr ? Wünschen ' s auch was zu essen ? Ich komm ' gleich . « Der ganze Garten war besetzt und summte wie ein Bienenschwarm . Dazwischen das Klirren und Klappern der Eß- und Trinkgeschirre , das Knirschen des Kieses unter den Füßen . Auch das schöne Geschlecht war vertreten und that im Plaudern , Essen und Trinken sein Möglichstes . Die lichten Frühlingskleider waren allerdings durch vorsichtig umgelegte Mäntel verhüllt , doch gab ' s in dem dunklen Gewühl manchen kräftigen , hellen Farbenpunkt . Zwischen den schwarzen Hüten der Zivilisten blitzten die Helme einiger Offiziere und die roten Streifen der Dienstmützen zahlreicher Einjährigfreiwilligen , die sich durch ihre scharfen , spitzen Accente als Norddeutsche bekannten , und die bunten studentischen Verbindungskäppchen tauchten gruppenweise an den einzelnen Tischen auf . Ältere Herren , die nahe dem reißenden Wasser saßen , hatten die Rockkrägen aufgeschlagen , um sich vor Zugluft zu schützen . Allerlei hausierendes Volk trieb an den Tischen um die Wette mit den Kirchenbau-Lotterielos-Verschleißern seinen kleinen Handel . Häßliche alte Weiber , wahre Vogelscheuchen , boten die Zeitungen feil , die sie in schmutzigen Mappen oder in alten , schwarzen Ledertaschen , mit Riemen auf dem Bauche befestigt , herumtrugen und mit näselndem Tone ausriefen . Schwarzgelockte italienische Vagabundenknaben mit schmierigen Gesichtern , daraus verschmitzte Spitzbubenaugen leuchteten und blendend weiße Zähne blitzten , priesen in seltsamem Jargon Nüsse und » heiße Maroni « an . Als Frühlingsbotin fehlte auch die triefäugige Alte mit den roten Radieschen nicht . Ein Taubstummer fingerte sich seine Almosen zusammen ... Nach einigem Hin- und Herspähen hatte Kuglmeier seine Kameraden entdeckt . Etwas abseits , mit dem Rücken gegen den Bretterverschlag , der den pompösen Namen Veranda führte , hatten sie sich kneipfroh eingerichtet ; sie konnten von ihrem Platze den ganzen Garten übersehen , und als sie den Spätling sich zwischen den Bänken daherdrücken sahen mit hochgezogenen Ellbogen , empfingen sie ihn unisono mit jubelndem Halloh : » Die Kugl kommt , die Kugl kommt , der Meier ist schon da ! « Richtig waren sie noch vollzählig : der Medizinmann hatte sie alle hergeschleppt und festgehalten . Der Stoff war ja ausgezeichnet und der Bierhumor so gediegen wie noch nie . » Und Schlichting , wo ist er , der Einsame ? « fragte der Rheinländer mit seinem lustigen Siegfriedkopf und streckte dem Altkommenden die Hand über den Tisch hinüber . » Ja , das ist Euch eine Geschichte , eine unglaubliche Geschichte ... « begann Kuglmeier und schnaufte auf . » Aber erst setzen und trinken lassen ... Ich bring ' einen kolossalen Durst mit ... « » Also Platz für den Koloß mit seinem Kolossalen . Hier , nimm einstweilen mit meiner frischen Maß vorlieb und dann erzähle ! Prosit ! « » Bitte , dann erst eine solide Unterlage , denn ich bring ' auch einen kolossalen Hunger mit ... « » Herrgott , das kann sich auswachsen . Alles riesig . Das reine Heroenzeitalter ... « » Was mag ich nur gleich ? Weiß einer die neueste Speisekarte auswendig ? « fragte Kuglmeier sich behaglich auf seinem Platze reckend . » Speisekarte ? Da hör ' nur , wie die kulinarische Litanei aus dem Küchenfenster schallt ! Das alte , unausgesungene Münchener Sirenenlied ! « Und durch das Getöse vernahm man deutlich die Stimme der Küchenbeherrscherin , wie sie den dienstthuenden Geistern die bestellten Portionen zukommandierte nach biederber Altmünchener Art : » Dem Herrn Doktor sein Schweinszüngl « - » dem Herrn Nat seine Kälberfüß ' « - » dem Herrn Professor seine Ochsenaugen « - » der Frau Offizial ihre Schweinshaxe « - » der Frau Kommissär ihr Kalbsherz « - » dem Herrn Lehrer sein sauer ' s Leberl « - » der Frau Direktor ihre Dickg ' selchten « - » dem Herrn Premier seine Nier ' nln « - » dem Herrn Inspektor sein ' Kalbskopf mit rote Rub ' n « - » die Frau Kassier mit ihr ' m Kalbshirn thut mir leid , gibt ' s nicht mehr « - » dem Herrn Medizinalrat sein Ochsenschweif muß noch a bisl warten « - » dem Herrn Gerichtsschreiber seine Schweinsknöchel werden mer glei ' haben « - » ein halber Kalbskopf wär ' auch noch da « - » Haben Sie schon bestellt , Herr Kuglmeier ? « fragte die Kellnerin . » Beefsteak mit Ei , das heißt , mit zwei Eiern . Aber schnell , Kathi , und blutig . « » Zwei Eier , Donnerwetter , das läßt tief blicken , « spottete lustig der Medizinmann . » Ich würde raten , das Huhn auch gleich dazu zu nehmen ! « sagte der Rheinländer . » Kraftaufspeicherung ist in diesen kritischen Frühlingszeiten immer gut . « » Der Mensch ist kein Magazingewehr , « wehrte Kuglmeier ab und warf seinen Hut auf einen Baumast . » Ich esse , weil mir ' s schmeckt . Punktum . Ihr scheint mir inzwischen auch keine Not gelitten zu haben . « Das Magazingewehr steigerte die Ausgelassenheit und rief die schelmischsten Anspielungen und Deutungen hervor . Endlich schloß der große Schweiger den lustigen Zwischenfall mit der Bemerkung : » Kuglmeier ist , wie männiglich bekannt , allen Strapazen gewachsen . Wenn er sich jetzt mit reicher Atzung versieht , so geschieht dies sicher nur im Hinblick auf die große Geschichte , die er noch zu erzählen hat . « » Sehr gut ! Im Hinblick - « » Donnerwetter ja , die große Geschichte . « Und Kuglmeier hielt Wort . Nachdem er das Beefsteak mit den Eiern verschlungen und dazu die erste Maß geleert hatte , erzählte er die große Geschichte . Er ließ sich nicht lumpen . Er log , daß sich die Balken bogen . Trotz des demokratischen Lustgefühls , das alle vor dem Maßkrug gleich erscheinen ließ , kannte doch auch die alte Wirtschaft zum » grünen Baum « die menschlichen Standesunterschiede . Nicht nur in den gemütlichen Stübchen des oberen Stocks gab ' s » abonnierte « Abende , an welchen der Zutritt den gewöhnlichen Sterblichen versagt war - eine Zeitlang waren diese Räume der exklusive Sammelpunkt der Brüder in Apoll vom » Krokodil « , dann einiger studentischer Verbindungen , vornehmlich der » Isaria « , zuletzt die Geburtsstätte der geistig sehr zwanglosen Gesellschaft der » Ungespundeten « - sondern auch im Garten , wie der große Raum zwischen der Rückseite des Hauses und der Isar genannt wurde , obschon dort niemals andere Blumen blühten , als die weißen Schaumrosen auf den vollen Maßkrügen , und niemals andere Kräuter dufteten , als die vegetabilischen Beilagen zur Bratenschüssel , gab ' s » reservierte « Plätze , auf denen die Privilegierten und » Gewappelten « sich ' s bequem machen durften . Unter anderem war da ein Offizierstisch , ein Schauspielertisch , ein Studententisch , ein Hofstallertisch und so weiter . War der Zudrang groß oder fanden sich Fremdlinge ein , dann konnte freilich auf diese Sonderung nicht immer Rücksicht genommen werden . Die Bank vor dem Küchenfenster war durch langes Gewohnheitsrecht den Meistern und Oberarbeitern einiger benachbarter Gewerbshäuser als angestammter Sitz geblieben . Die Mannhardtsche Turmuhrenfabrik , die Schwarzmannsche Lohgerberei , die Kunstschlosserei von Moradelli , eine jüngere Filzwaren- und eine Spielkartenfabrik hatten da zumeist ihre Vertreter sitzen . Bei ihnen nahm auch der alte Wirt gern Platz , wenn ' s das Geschäft erlaubte , und die Frau Wirtin , familiär nur die Mutter genannt , legte sich ins Küchenfenster und diskurierte mit , wenn ' s am Herde nicht mehr streng ging . Es waren ureingesessene Münchener , Isarthaler , die nicht höher schwuren , als bei ihrem » grünen Baum « . Ja , der war ihre eigentliche Heimat . Sie kannten von Urgroßvaterszeiten her seine Geschichte als wär ' s ihre eigene Familienchronik . Hier war das Zentrum ihrer bürgerlichen und landschaftlichen Eympathieen . Vom » grünen Baum « aus liefen ihre Interessen in die Stadt und in die Welt und wieder zurück . Isarthalauf- und abwärts kannten sie jeden Baum , jeden Strauch , jeden Stein , jeden Winkel , jede Ecke , jede Baracke . Und das alles war ihnen so aus Herz gewachsen , daß ihnen die leiseste Veränderung weh that . Den Abbruch einer alten Hütte , das Fällen eines morschen Baumes empfanden sie wie einen Schnitt ins eigene Fleisch und tagelang konnten sie darüber hin- und herreden . Auch die beiden andern Wirtschaften links und rechts in fünfzig Schritt Entfernung , das » Ketterl « und der » rote Thurm « , hatten die altmünchnerische Physiognomie treu bewahrt und erfreuten sich einer Stammgastschaft von untadelhafter konservativer Gesinnung ; allein mit dem » grünen Baum « konnten sie sich doch nicht messen . Im » Ketterl « hielten die Floßknechte und Holzhändler und die niederen Lände-Bediensteten mit Vorliebe Einkehr ; das waren derbe Hochgebirgler mit gewaltthätigen Manieren und Redeweisen , die sich nicht in die Münchener Bequemlichkeit und Ruhe fügen wollten . Dazu kam noch ein anderes , was den » grünen Baum « in eine höhere Sphäre rückte : die geschichtliche Weihe . Der » grüne Baum « war es nämlich , wo einst der erste königlich bayerische Prinz , auf einem Isarfloß aus dem schönen Oberlande kommend , gelandet war . Eine Inschrifttafel aus graugelbem Sandstein über der Thür auf der Flußseite bewahrte das Datum dieses denkwürdigen Ereignisses : » 14. September 1839 « und den Namen des Prinzen : » Seine königliche Hoheit Kronprinz Maximilian . « Diese Thatsache verknüpfte gleichsam den » grünen Baum « mit dem Schicksale des erlauchten Fürstenhauses der Wittelsbacher ; königlicher Glanz schimmerte über der Wirtschaft , der freilich mehr und mehr zu verblassen drohte , seit der jetzige König sich von der Stadt seiner Väter zürnend abgewandt . Wie eine wehmütige Erinnerung an entschwundene schönere Zeiten durchzog es auch heute wieder in dieser lauen Frühlingsnacht die Gespräche der biederen Gewerbsmänner am Stammtisch vor dem Küchenfenster . Einem neu eingetretenen Geschäftsführer der Turmuhrenfabrik wurde soeben die kronprinzliche Landungsgeschichte in liebevollster Breite und epischer Ausmalung von dem Senior der vollzähligen Stammtischgenossenschaft zum zehntenmal erzählt . Vater Homer konnte seine Odysseegeschichten nicht nachdrücklicher und anschaulicher darstellen ; und jeder nickte mit dem Kopfe und warf in den Kunstpausen , welche der alte Uhrmacher in seiner Erzählung anzubringen beliebte , seinen bekräftigenden Spruch dazwischen . » Da oben steht ' s auf der Inschrifttafel . « » Jedes Wort stimmt . « » Der selige Hitzelsberger hat sie gestiftet . « » Ja , ja , das war noch ein Floßmeister aus der guten alten Zeit . Er war immer da gesessen , wo ich jetzt sitze . Das war sein Platz . Hier hat König Ludwig , der Erste natürlich , mit ihm angestoßen und ihn wegen der Gedächtnistafel gelobt . « Dann folgten die zeitgeschichtlichen Abschweifungen mit zarten , kritischen Randbemerkungen : » Der alte Ludwig ist öfter hier gewesen und hat mit seinen Münchenern eine frische Maß getrunken , wenn er von seinen Reisen in Griechenland und Italien heimgekommen ist . Damals mischten sich die Könige noch unter das Volk . « » Es hat sich viel geändert . « » Leider . Und niemals zum Vorteil . « » Ja , der alte Ludwig ! So einen bekommen wir nicht mehr . « » Ich weiß noch , wie er ins Hofbräuhaus gegangen ist und sich am Brunnen selber seinen Krug ausgeschwenkt hat . Und aus seiner hintern Rocktasche - man hat damals die langen Schöße getragen - hat er seinen Rettig gezogen . Dann hat er wie jeder andere Bürgersmann seine Maß getrunken , oder auch zwei , und seinen Rettig dazu gegessen und sich leutselig mit den Gästen unterhalten . Ich seh ' ihn noch mit seinem hohen , weißen Hut und seinem langen weißgelben Rock . Die Schöße schlenkerten so zwischen den langen Beinen , weil er immer die tiefen Taschen voll hatte . So etwas gibt ' s nimmer . « » Ja , ja . Das muß wohl wahr sein . « » Seht einmal heute die Welt an . Alles ist anders . Drum ist auch bei Hoch und Niedrig keine Zufriedenheit mehr . « » Der Fürst gehört unter sein Volk , behaupt ' ich . « » Nicht so laut . Dort sitzen Hofstaller . Der mit dem schweren goldnen Uhrgehäng und den Fingern voll Brillanten schaut immer herüber mit seinem verschlagenen Dachsgesicht und spitzt die Ohren . « » Die haben sich jetzt freilich gut aufprotzen . « » So ein Kerl bildet sich mehr ein , als ein Minister . « » Es heißt , daß es in diesem Frühjahr mit dem Theaterseparatgespiel nichts wird . « » Wo Du nicht bist , Herr Organist , da hört das Musizieren von selber auf . Mit der Schloßbauerei im Chiemsee soll ' s auch aus sein . Überall stockt ' s. Die bewußten Millionen wollen nicht anrücken ... « » So ein Heidengeld . « » Was hätte man in München damit ausrichten können ... Aber nein , in die Berge wird ' s vermauert ... Das kracht doch einmal alles zusammen . « » Ja freilich , das kracht doch einmal alles zusammen , « bestätigte der eisbärtige Aufseher von der Filzwarenfabrik und hob die Neige seiner Maß zum Munde , nachdem er die rauhe , buschige Schnurre , die wie ein Vorhang über den Lippen hing , seitwärts gestreift . » Der Stoff ist wieder vorzüglich heute ; ich denke , nur trinken noch eine . « » Die herzogliche Brauerei in Tegernsee versteht ' s Geschäft . Überhaupt ... Kathi , mir auch noch eine Halbe , aber wirklich nur eine Halbe , « rief der Uhrmachermeister der vorüberhuschenden Kellnerin zu und faßte sie beim Zipfel der durchnäßten , biertriefenden Schürze , die nur im kurzen Bruststück noch im steifgebügelten Weiß starrte . Darüber baumelte ein welkes Veilchensträußchen , das ihr eilt Student ins Knopfloch der straff gespannten , einen kugelrunden Busen kühn herausmodellierenden Trikottaille gesteckt hatte . » Nehmen ' s nur eine Ganze , Herr Rembold , « tief die Kathi zurück , » wir stechen gleich frisch an . « » Ei natürlich , « ließ sich jetzt die Stimme der Frau Mutter am Küchenfenster vernehmen , » mit einer Halben fängt man so spät nimmer an , Herr Rembold ; Sie schlafen dann besser . « Die Wirtin faßte mit ihrer kräftigen Hand die obere eiserne Querstange im Fenster und stützte den Ellbogen ihres nackten , prallen , vom Feuer hochgeröteten Armes auf den Sims . Rembold wandte sich lächelnd nach ihr um und nickte mit dem Kopfe . » Ja , Mutter , heut ' ist ' s wieder scharf hergegangen . « » Sagen ' s , Herr Rembold , was hört man denn Neues vom König ? Es wird wieder so allerhand Kurioses herumgeredet . Ist ' s denn wahr ... ? « Sie mäßigte ihre starke Stimme bis zum Flüsterton . Dann auf eine Frage vom Herde her , mit halber Drehung ihres Halses , daß es an ihrem Doppelkinn zerrte , schallend : » Gibt keine Wursteln mehr heute ! « » Das ist ' s Mutter : es gibt halt keine Wursteln mehr . « » Der arme König ! Ist ' s wirklich so weit ? Und gar unter Kuratel will man ... « Sie drückte ihr Gesicht ans Gitter und vollendete den Satz ganz leise ins Ohr des Uhrmachers . Vom offenen Fenster des oberen Stocks brauste der studentische Gesang mit jugendlichem Ungestüm in die Nacht hinaus , die Gespräche der Gartengäste mit seiner Klangwucht übertönend : » Ein freies Leben führen wir , ein Leben voller Wonne ... « Als das Lied verklungen , rief man an verschiedenen Tischen begeistert Bravo und Dakapo und klatschte in die Hände . Der Chor aus der Höhe antwortete mit Wiederholung der letzten Strophe . Die helle Freude wehte wie Frühlingswind hinauf und hernieder und erschloß die Herzen zu Scherz und Lust . Die Bekannten grüßten sich über die Tische hinweg und tranken sich mit hochgeschwungenen Krügen aus der Ferne zu . Plötzlich hörte man von der Straße hinter der Wirtschaft her eiligen Hufschlag und sausendes Gerassel schwerer Wagen und Glockengeläute , und rotes Fackellicht warf einen blutigen Schein in die dämmerige , gelbliche Gartenbeleuchtung - und wie das wilde Heer war ' s vorübergejagt im Nu , isarabwärts . » Die Feuerwehr ! « » Wo brennt ' s ? « Gäste standen auf , bezahlten und entfernten sich eilig , um nachzusehen . Andere kamen von außen herein . Einer meldete : » Es ist nichts ; drunten im Lehel ein Zimmerbrand , kaum der Rede wert . « Später wieder ein anderer : » Ein Schneider soll seine Baracke ausgeräuchert haben . « » Ein Schneider ! Dabei hat er jedenfalls seinen Geisbart versengt ; man riecht ' s bis da herauf . « Und nun wurden Witze über das Lehel und seine vorsündflutliche Hüttenkolonie gerissen . » Da wird morgen der Tierschutzverein intervenieren müssen , daß man wieder Russen und Schwaben und Wanzen , die da unten legionenweise so friedlich hausen , grausam geröstet und geschmort hat bei lebendigem Leibe . « » Es wär ' wirklich nicht schade d ' rum , wenn das ganze Nest da drunten in Rauch und Flammen aufginge . Das wär ' eine zeitgemäße Säuberung . « Als Kuglmeier hörte , daß es in einer Schneiderwerkstatt brenne , fielen ihm alle seine schönen Sünden vom Spätnachmittag ein . Er ließ sich jedoch nichts merken , um nicht den Neckereien seiner Kameraden zu verfallen . Übrigens hatten ihn die fidelen Aufregungen und der reichliche Biergenuß genügend stumpf gemacht , um der Versuchung zu widerstehen , seine Lokalkenntnis im Lehel jetzt mit romantischen Kombinationen zu verbrämen . Zudem führten seine Kameraden mit einigen Isaren , die sich zu ihnen gesetzt , gerade sehr animierte Untersuchungen über einen schwierigen Beleidigungsfall . » Der Ausdruck Pauksimpel ist grenzenlos beleidigend , das ist über allen Zweifel erhaben , « kreischte ein blutjunger , schmächtiger Isare mit gestutzter Nase und einem dicken , schwarzen Wattverband auf der linken Wange , der noch kräftig nach Jodoform stank . » Vollkommen einverstanden . Der Ausdruck an sich . Aber sobald er vom Preßbanditen in seiner Kloake gebraucht wird , ist er durch die anerkannte Gemeinheit des Skandalblattes neutralisiert . Da wirkt keine Beschimpfung mehr . « » Überdies ist der Kerl ein Krüppel und gar nicht satisfaktionsfähig . « » Er hat ja nicht einmal Elementarschulbildung und seine Schmieralien wimmeln von orthographischen und syntaktischen Fehlern . « » Er ist die potenzierte Nullität , ein ausgemachter Quadratlump , « warf der Medizinmann dazwischen . » Und ein Hornvieh obendrein . Sein sogenanntes Weib , aufgedonnert wie eine alte Schmierenkomödiantin - man hat sie mir neulich gezeigt - soll in ihren jungen Nächten eine komplete Wildsau gewesen sein . Das Paar sieht jetzt aus , als wäre es schon einmal begraben gewesen und halbverfault wieder lebendig geworden . Ausgeschminkte Kadaver . Nicht einmal unter dem Seziermesser möchte ich den Burschen haben , geschweige vor einer ehrlichen blanken Klinge . Das ist meine Meinung von der Sache . « Allein der gekränkte Isare ließ sich damit noch nicht beruhigen . » Erschwerend ist der Umstand , daß er unser Korps systematisch mit