Tag nicht ohne seltsame Spuren vorübergegangen . Als die Familie beim Mittagsmahle vereinigt saß , zog er eine Zeitung aus der Tasche , die um eilf Uhr ausgegeben worden . Er warf nur einen Blick auf die neuesten Nachrichten , worunter die Eröffnung des Großen Rates nebst den zwei oder drei ersten Geschäften ; des Eintrittes der beiden jungen Notare war erwähnt . Salander , dem die Wahlen nicht unbekannt geblieben , hatte noch nicht daran gedacht , daß heute eine Session begann und die Gebrüder Weidelich an derselben teilnahmen . Er fühlte sich wunderlich überrascht . Die unwillkommenen Liebhaber seiner Töchter waren nicht nur als seine Gönner aufgetreten und nahe daran gewesen , ihm selbst in den Obersten Rat zu verhelfen , sondern sie saßen jetzt selber darin , während er , der bewährte und erfahrene Volksfreund , der Vater , in der Zeitung lesen mußte , was dort vorging . In Gegenwart seines weiblichen Haushaltes überlief mit dem Schatten der Menschlichkeit eine unbequeme Eifersucht sein Gemüt . » Was gibt es in der Zeitung , daß du so ein bedenkliches Gesicht machst ? « fragte Frau Marie , die ihn ansah , weil die Töchter ihn verstohlen zu beobachten schienen . » Ich ? « sagte er , die Augen nicht von dem Blatte wegwendend , » es gibt weiter nichts ! Ich lese da just , daß die Herren Weidelich heut in das Rathaus eingezogen sind . « Erst jetzt blickte er auf , da die Gattin sich bewegte , wie wenn sie erschräke . Mit ihr zusammen nahm er wahr , daß die Augen der Jungfrauen seltsam glänzten und ihre Lippen zuckten , als wollten sie sagen : Sind sie nun alt genug ? » Die gute Suppe ist versalzen , Magdalene , nehmt mir den Teller weg ! « rief die Mutter der eintretenden Köchin zu . Diese nahm den Teller samt dem Löffel und kostete die Suppe . » Ich begreife nicht , « entgegnete sie , » ich habe gewiß nicht mehr Salz genommen als gewöhnlich ! « » Gleichviel , sie ist versalzen ! Ich mag überhaupt nicht essen ! « Hiemit legte Frau Salander ihr Tellertuch weg und erhob sich . » Marie , sei nicht töricht und iß ! Oder ist dir nicht wohl ? « rief nun Martin , als er sah , daß die Frau blaß geworden . Besorgt stand er auf , und auch die Töchter schoben mit ganz veränderten Gesichtern die Stühle zurück , um der Mutter beizuspringen . Sie faßte sich jedoch unvermutet . » Bleibt nur sitzen und eßt ! « sagte sie , » ich will es auch tun , so gut ich kann ! « Als alle ihre Plätze wieder eingenommen und die bewegte Frau etwas ruhiger geworden , fuhr sie zu sprechen fort : » Ich sehe , daß ihr nicht von eurem Willen weicht und die Dinge ihren Lauf nehmen . Wenn ihr etwas zu sagen habt , so redet offen , ich mische mich nicht mehr darein und überlasse eurem Vater den Rat und die Tat , wenn etwas zu tun ist ! « » Sprich nicht so ! « sagte Martin , » wir wollen nicht als geschiedene Leute vor den Kindern stehen ! Wie steht es denn nun , « wandte er sich an die Töchter , » was geht vor mit den jungen Leuten , den Zwillingen ? « Es blieb ein Weilchen still . Dann nahm Fräulein Setti sich zusammen . » Liebe Eltern ! « sagte sie mit gesenkten Augen , während Netti mit Herzklopfen neben ihr saß , » die Zeit ist jetzt da . Am nächsten Sonntag wollen sie kommen und um uns anhalten . Wir bitten euch , uns nicht entgegen zu sein ! « Wieder herrschte ein kurzes Schweigen . Dann sagte Salander : » Wir wollen sie kommen lassen ! Bis dahin dürfen eure Eltern wohl noch ein wenig nachdenken und auch dann die übliche Bedenkzeit ausbitten , insofern es wünschenswert scheint . « » Oh , wir wollen ja nichts überstürzen ! « rief Nettchen . » Schon gut , iß jetzt nur , es wird ja alles kalt ! « schloß Salander und setzte allein die Mahlzeit fort , da die Mädchen feierten und die Mutter wieder aufgestanden war und sich schweigend im Zimmer zu schaffen machte . Die Töchter zeigten sich von dieser Stunde an unterwürfig und sehr liebenswürdig gegen Vater und Mutter . Wenn sie auch entschlossen waren , ihr persönliches Recht zu behaupten , so wußten sie doch den Unterschied zwischen einem friedlichen Ausscheiden aus dem Elternhaus und einem gewaltsamen Bruche richtig zu schätzen . Sie hatten auch ihr gutes Gewissen wiederhergestellt , indem sie mit den Geliebten nicht mehr zusammengetroffen und den brieflichen Verkehr auf das Notwendige beschränkten . Zur etwelchen Entschädigung bestiegen sie in schönen Morgen- oder Abendstunden zuweilen die Berghöhe , wo man das Haus des Notars am Lindenberg und dasjenige des Notars im Lautenspiel sehen konnte . Jede trug ein Doppelglas an schmalem Riemen umgehängt , und wenn sie oben anlangten , forschten sie mit beseelten Augen in dem Ferneblau , welches die darin entrückten Gegenstände ihrer Liebeswahl noch tausendmal verschönerte . Netti vermochte durch ihr Glas die Fenster am Hause Julians zu zählen ; der Schwester gelang das an Isidors Hause nicht , weil es zu jener Zeit im Schatten stand . Dafür sah sie im Lautenspiel einen weißen Rauch aufsteigen und deutlich einen Streifen Sonnenlichts auf einem Weiher und durch die Bäume blitzen . » Wie schön wird es sein , « rief sie , » wenn ich meinen Brief an dich datieren kann : Lautenspiel , den 1. Mai ! « » Auf Lindenberg , am 1. Juni wird sich auch nicht übel ausnehmen ! « meinte Nettchen und guckte weiter ; » wenn ihr zum Besuch kommt , so essen wir in der obern Eckstube , sieh mal das äußerste Fenster links , dort muß man weit ins Land hinaussehen ! Es soll ein allerliebster kleiner Saal sein , hat er mir geschrieben . « Jetzt aber sahen sie mit noch größerer Sehnsucht , als in das Land hinaus , dem kommenden Sonntag entgegen , so daß derselbe für sie nicht so unversehens da war wie für die Eltern . Frau Salander hatte sich inzwischen aus den Unterredungen mit Martin schmerzlich überzeugt , daß kein greifbarer Grund zu längerem Widerstande vorhanden war , der das bevorstehende Heiraten vor der Welt nur noch auffälliger machen würde , wenn die Töchter einfach wegliefen . Sie brachte es aber nicht über sich , der Heimsuchung und dem Triumphe der beiden hinterlistigen Töchter als Opferlamm beizuwohnen ; daher beschloß sie , den Tag zu einem längst verheißenen Besuch auf dem Lande zu benutzen und zugleich durch ihre Abwesenheit den nach ihrer Meinung mutwillig verirrten Kindern eine Strafe anzutun . Da sie jedoch dem Mann zugegeben hatte , man werde die Freier in jedem Falle zu Tische behalten müssen , so sorgte sie selbst für ein anständiges und doch in richtigem Maße gehaltenes Essen , und niemand war froher mitzuhelfen als Magdalene , welche durch den glücklichen Ausgang ihrer Sünden völlig entlastet zu werden hoffte . Sie diente gern in dem Hause und wünschte dasselbe nie zu verlassen . Als am Sonntagvormittag der Wagen für die Mutter schon vor dem Hause stand , sprach sie gegen Mann und Töchter noch die Hoffnung aus , man werde , was auch kommen möge , von einer Verlobungsfeier absehen , welche ja keinen Sinn haben würde , da man sich auf Grund der Volljährigkeit ohne Zutun der Eltern schon verlobt habe . Die zwei Fräulein verzichteten in ihrer Freude gern auf das Fest , das die Mutter selbst für überflüssig erklärte ; sie waren sogar ja froh , daß sie für heute fortging , weil sie wußten , wie die Zwillinge sich vor ihr scheuten und die heutige Handlung leichter abgewickelt werde . Martin Salander hingegen sah die Frau fast mit Trauer wegfahren , betroffen von ihrer beharrlichen Strenge in dieser Sache ; er wußte , wie redlich und frei von aller Gehässigkeit sie war , und fühlte daher aus ihrem Verhalten eine schwere Ahnung von Unglück heraus , die er nicht zu teilen vermochte und doch achten mußte . Nicht lange war Frau Salander fort , so erschienen die Brüder Julian und Isidor , beide feiertäglich gekleidet . Mit ihnen trat ein voller Sonnenschein in das Zimmer . Salander war wie geblendet von den Gesichtern der Mädchen , die nicht einmal lachten und doch so von Glück leuchteten , daß er wünschte , die Mutter könnte die merkwürdige Erscheinung auch sehen . Die Fräulein saßen standesgemäß auf dem Sofa des Besuchzimmers , der Vater und die Freiersjünglinge auf Stühlen , und letztere so befangen , daß es einer guten angeborenen Bescheidenheit gleichsah . Das kam vornehmlich von der Abwesenheit der Hausfrau her . Die Spazierstöcke hatten sie vor der Türe stehenlassen , wie es die Landleute taten , wenn sie auf die Kanzlei kamen ; die Hüte hielten sie in den Händen und schauten während der ersten Wechselreden verlegen im Zimmer umher . Endlich brachte Salander sie auf den Zweck ihres Besuches ; es gefiel ihm , daß so kecke und jugendliche Politiker doch bescheiden und sogar schüchtern sein konnten in ernstem Augenblick . Selbstverständlich hatten sie nach allem , was geschehen , nicht mehr viel zu sagen und taten es auch kurz und natürlich ; der Herr Großratspräsident hätte nichts daran zu tadeln gefunden . Wieder sahen sie sich an den Wänden um , während Salander seine Antwort erst flüchtig erwog ; der wohlgeordnete Raum erhöhte ihre ungewohnte Achtung und diese wieder Salanders gute Meinung ; jedes Bedenken , jede Vorstellung über diesen oder jenen Punkt , alle Fragen nach ihren Lebensplänen und Aussichten unterlassend , erklärte er , immerhin mit ernster Miene , daß er und die Mutter dem Willen der Töchter nicht entgegen seien und nur der Hoffnung leben könnten , diese Verbindungen werden usw. , worauf er kurz abschnitt und die Notare , wenn sie nichts anderes vorhätten , auf den Mittag zum Essen einlud . Sie waren noch immer so befangen , daß sie nicht einmal wagten , in Bräutigamsweise sich den Mädchen zu nähern , die sie doch so gut kannten , und diese von ihrer feierlichen Würde zur Verlegenheit übergingen und darob fast erbost wurden ; denn sie wußten selbst nicht , wie vornehm sie plötzlich den Zwillingen erschienen . Der Vater , solche Zartheit mit neuem Wohlgefallen bemerkend und in der Absicht , die Verlobten jetzt allein zu lassen , nahm für kurze Zeit Abschied , um auf das Kontor zu gehen und die eingegangenen Briefe zu öffnen . Am Mittagsmahle tauten die Notare ein wenig auf , doch nicht genug , um das Gespräch zu würzen . Salander wollte von Politik und den Ratsverhandlungen reden ; sie schienen aber nicht dazu gelaunt und ließen ihm meistens allein das Wort , was er schließlich auch als Bescheidenheit auslegte . Er bedachte hierauf , daß man den Eltern Weidelich , die so nah wohnten , doch auch entgegenkommen müsse , und daß der Anfang am besten zu bewerkstelligen wäre , wenn er jetzt die Töchter ermahnte , mit den Herren nach dem Zeisig zu spazieren und sich den künftigen Schwiegereltern vorzustellen . Dadurch würde Frau Marie Salander des ersten Schrittes überhoben ; er selbst wollte sie auf der einsamen Rückfahrt überraschen und dem Mietwagen ein paar Stunden weit entgegenwandern . Sein Vorschlag wurde von jedermann sehr gebilligt , von den Töchtern , weil sie auf einen ergiebigen Spaziergang rechneten , von den Zwillingen , weil sie ein böses Gewissen hatten und die Eltern zu versöhnen hofften . Die drei Sitzungstage im Beginn der verflossenen Woche waren nämlich vorübergegangen , ohne daß sie ein einziges Mal Zeit gefunden , die sehnsüchtig ihrer harrenden Eltern aufzusuchen , die nicht wußten , was sie denken sollten , bald mit der Wichtigkeit der Geschäfte und der Personen ihrer Söhne sich tröstend , bald an ihrem Herzen , ihrer Kindesliebe verzweifelnd , und wahrscheinlich in beidem irrend . Auch wußten sie nichts davon , was heute , an diesem schönen Sonntage , vorging . Die Zwillinge hatten ihre Absicht verschwiegen , damit nicht etwa auf dem Markte durch Schuld der mütterlichen Reden eine schädliche Szene entstand . So saßen nun Jakob Weidelich und seine Frau Amalie auf der Bank vor dem Hause und machten Kalender , als sie zwei schwarzgekleidete junge Herren mit hohen Hüten daherkommen sahen , jeder mit einer hübschen , blühenden und schön geputzten jungen Dame am Arm . Denn die Salanderfräulein hatten es darauf abgesehen , den fremden Eltern wie ihren Söhnen Vergnügen und ein wenig Ehre zu bereiten , da die eigenen Eltern kein sonderliches Freuden- und Ruhmesgeschrei erhoben . So wollten sie nun die Elternlust im Zeisig zu erhöhen suchen und sich mit daran gütlich tun . Mann und Frau Weidelich dachten eher an den Tod , als daß das ihre Söhne wären , bis sie ganz herangekommen . Jetzt endlich erkannten sie ihr Blut , von gutem Weine und noch besserem Abenteuer so rosig angehaucht wie noch nie ; als aber vollends die zwei Fräulein Salander genannt und als Bräute vorgestellt wurden , da vergaßen sie , insbesondere die Mutter , alles Leid schneller , als ein Licht ausgeblasen wird . Wenigstens ward es ihr fast dunkel vor den Augen : die Salanderinnen , von denen das Stück erst eine halbe Million Franken gelten sollte ! Das heißt , wenn ihr Vater nicht wieder Dummheiten machte ! Denn wer kann heutzutag noch fest auf seinen Willen bauen ? Das ist jetzt so , sie haben die Bräute und sind Mannes genug mit und ohne die halbe Million ! Solche Gedanken stürmten in der Brust der guten Frau , wurden aber nicht laut ; denn sie war stracks in das Haus hineingelaufen und putzte sich in der Geschwindigkeit so gut als möglich heraus . In der Zeit führte der ehrliche Milch- und Gemüsehändler den Ehrenbesuch in die ländliche Stube , nötigte die jungen Leute , um den Tisch herum Platz zu nehmen , und eilte , um nicht sofort reden zu müssen , mit der blanken Weinkanne in den Keller . Während er dort war , kam die Frau gesprungen , rief : » So ist ' s recht , ruhet nur aus ! « lief aber zur andern Tür wieder hinaus , um die Magd auszutreiben , wie sie sagte , damit sie schnell Küchlein backen helfe , nur eine Schüssel voll , zum Kaffee , der gemacht werden müsse . Umsonst gingen und riefen die jungen Leute ihr nach , sie solle doch alles bleiben lassen , sie hätten weder Hunger noch Durst . Das gehe sie nichts an und der Tag sei noch lang und noch nichts bereit , gab sie zurück und trollte sich weiter . Sie prallte mit ihrem Manne zusammen , der mit der gefüllten Zinnkanne und einem großen Stück Käse auf bemaltem Teller gemessenen Ganges hereinkam , auf den Tisch abstellte , denselben mit Gläsern bedeckte , dann aber nicht dablieb , sondern wieder hinausging und nach einer Weile mit einer riesigen Schüssel voll Schinkenschnitze zurückkehrte . Dann nahm er kleinere , ebenfalls mit bunten Nelken verzierte Teller , Messer und Gabeln aus dem Schrank und holte zuletzt ein großes Bauernbrot herbei , das er anschnitt . Dazwischen hörte man von der Küche her schon das Feuer knistern und die Butter in der Pfanne spratzeln . » Ei , was machst du denn , Vater ? « rief Frau Weidelich , in weißer Küchenschürze und mit gerötetem Gesichte eintretend , » das wäre ja später nach dem Kaffee recht gewesen ! Wo soll ich denn damit hin ? « » Bring nur , was du hast , wenn du fertig bist ! « sagte gelassen Jakob Weidelich , » wir stellen alles durcheinander , so sieht unsere Armut um so reicher aus ! Ohnehin trinken ich und die Buben lieber ein Glas Wein als Kaffee . « » Die Buben , ja ! Wißt ihr ungeratenen Ratsherren , daß wir den schönen Schinken vergangene Woche schon für euch gesotten haben ? Aber ihr habt euch nicht ein Augenblicklein gezeigt und uns vergeblich warten lassen ! « » Du mußt es nicht übelnehmen , Mama ! « entschuldigten sich die Söhne , » wir gehören unseren Stellungen , nicht mehr uns selbst an ; Geschäfte und Umstände nahmen uns dies erste Mal so in Anspruch , daß wir uns vor der Abfahrt nie losmachen konnten . Künftig wird es hoffentlich nicht mehr so gehen ! « » Gott bessere es ! « sagte die Mutter , » aber das Kücheln macht mir einen Heidendurst ! Gib mir ein halbes Glas voll Wein , Vater , und schenke den jungen Herrschaften auch ein , weil ' s einmal dasteht ! « Weidelich goß einen klaren , halbroten Wein in die Gläser . » Zur guten Gesundheit , ihr lieben Jungfern ! Zur Gesundheit , Vater ! Und Isidor und Julian ! « Sie trank das halbe Glas mit einem Zuge leer und wischte den Mund mit der Schürze , sichtlich erfrischt weitersprechend : » Und was machen denn die lieben Eltern , ihr Fräulein ? Ist die Mama wohlauf und der Herr Papa auch ? « » Vater und Mutter sind beide wohlauf , wir danken der Nachfrage ! « sagte Setti , » wir sollen Sie und Herrn Weidelich freundlich von ihnen grüßen , und sie hoffen bald Gelegenheit zu haben , die geehrten Eltern unserer Bräutigame selbst zu begrüßen ! « » Jetzt ist ' s Zeit für dich als Vater , auch dein Wörtlein zu sagen « , stieß die fröhliche Frau den Mann an , der , von der Verlobungsgeschichte zwar nur halb unterrichtet , den Stand der Sache im ganzen doch zu beurteilen wußte ; er räusperte sich ein weniges , eh er sprach : » Was soll ich da viel sagen , als daß es mir eine Ehre ist , oder uns , wollt ich sagen ! Ich bin ein schlichter Landwirt ( die Söhne hatten ihm diesen Ausdruck eingelernt , weil der alte Name Bauer , der immer einen Herren voraussetze , im souveränen Volke nicht mehr üblich sei ) , ich bin ein schlichter Landwirt und weiß nicht gelehrte und wohlgesetzte Worte zu machen ! Ich kann nur die freundlichen Jungfern , die mir ganz gut gefallen , willkommen heißen , und hätte nie gedacht , zu so vornehmen Sohnsfrauen zu kommen ! Möge der Herr seinen Segen dazu geben ! « » Ich hab es schon lang getan ! « rief Mama Weidelich , » es soll gelten ! Laßt uns darauf anstoßen ! « Sie trank die andere Hälfte ihres Glases aus , wischte sich aber diesmal mit der Schürze gerührt die Augen , statt des Mundes ; denn ein schöner Teil all ihres Sinnens und Trachtens schien jetzt in Erfüllung zu gehen . Vorderhand lief sie wieder in die Küche , um ihrerseits die Arbeit am Glücke nicht ausgehen zu lassen ; man hörte sie Kaffee mahlen , Zucker zerstoßen und dazwischen laut mit der Magd reden , die , einen Spritzkuchen an einer langen Gabel emporhaltend , nicht aus dem Staunen über das Ereignis herauskam . Es blieb keine Zeit für den Spaziergang , auf den die Jungen gehofft ; die Frau wollte die unverhoffte Verlobungsfeier nicht unterbrechen , den Triumph sich nicht verkürzen lassen , und sie teilte die Heiterkeit ihres Gemütes auch den anderen mit , zumal den zwei Bräuten , welche für die Ausdauer ihrer Gefühle hier mehr Anerkennung fanden , als im eigenen Elternhause , und sich offenen Herzens daran erfreuten . Es wurden sogar einige Liedchen im Chor gesungen ; vor dem Hause sammelten sich neugierige Kinder , bei dem alten Brunnen mit dem abgesägten Flintenlauf standen Weiber aus der Nachbarschaft , welche das Gerücht herbeigelockt , und suchten des Anblickes der Brautleute teilhaftig zu werden . Das gelang ihnen auch . Die Herren Notare konnten trotz des mütterlichen Eindringens nicht über Nacht bleiben , weil für beide auf den nächsten Morgen Geschäfte vertagt waren ; die Bräute aber waren zuletzt doch froh , sich auf den Heimweg zu machen , um noch vor der Mutter zu Hause zu sein . Die Zuschauer auf dem Brunnenplatze , Weiber und Kinder , sahen daher unvermutet den kleinen Festzug aus der Tür treten und sich über den Platz bewegen , zu zwei und zweien , voran die Brautpaare , zuletzt die Eltern als Nachhut . Mama Weidelich wollte sich sehen lassen und bestand darauf , eine Strecke weit das Geleite zu geben . » Seht ! « flüsterten die Leute , » da kommen sie ! Das sind die Landschreiber , potztausend ! Und das also die Fräulein , die hortreich sein sollen ! Sauber sind sie , leutselige Weibsbilder ! Und die Alte , die blüht ja wie eine Rose ! Guten Abend , Frau Weidelich , guten Abend , Herr Weidelich ! « Sie nickte den Weibern dankbar zu , weil sie so hübsch am Wege standen . XI Nachdem das Doppelbündnis einmal entschieden war , nahm sich die andere Mutter , Marie Salander , der Aussteuer ihrer Töchter um so sorgfältiger und freigebiger an . Nicht nur alles Gewobene , sondern so ziemlich die ganze haushältliche Einrichtung im Lautenspiel zu Unterlaub und in Lindenberg sollten sie mitbringen . Martin , ihr Mann , meinte , man müsse doch den Leuten im Zeisig auch das Übliche zu tun einräumen ; allein sie sagte , vor allem wünsche sie , daß die Kinder in ihrem Zugebrachten sitzen und stehen , schlafen und wachen können ; man wisse nicht , wozu es gut sei . Ein weiterer Vorteil bestehe in dem gleichmäßigeren , einfachen Geschmack , der dabei herauskomme ; wenn man nicht in altgewohntem Väterhausrat lebe , so müsse man sich das Neue auch für die Augen wohnlich zu machen suchen . » Hör auf , Frau ! « lachte Salander , » woher fliegen die Mücken ? Du wirst mir am Ende gelehrt und arbeitest an einer Mobiliarpsychologie ! « » Laß mich zufrieden , « sagte sie , » ich bin nicht zu Possen aufgelegt ! « Setti und Netti ließen die Mutter gerne gewähren , um sie bei gutem Willen zu erhalten ; glich sie doch in ihrem Walten beinah einem jungen Mädchen , das eines Tages nochmals über seine alte Puppenstube gerät und träumerisch damit zu spielen beginnt . Sie sah dabei aus , wie wenn man sie nicht stören dürfe , um nicht das öffentliche Geheimnis ihres Kummers zu wecken . Die Töchter hatten indessen andere Schmerzen ; die Frage , wer alles zu der Hochzeit geladen werden solle , gab ihnen zu schaffen . Daß beide Hochzeitsfeste in eines verschmolzen werden müssen , schien in der Natur dieser außerordentlichen Heiratsgeschichte selbst zu liegen und eine gerechte Krönung des ganzen Liebeskunstwerkes , eine Vergütung der dabei erlittenen Unbilde zu sein . Nun erfreute sich aber die Salanderfamilie keiner ausgebreiteten Freundschaft und geselliger Beziehungen , einmal wegen ihrer wechselreichen Schicksale , dann auch wegen Salanders politischem Wesen . Wohlhabende Geschäftsleute und ähnliche , die aus den für besonnen geltenden Reihen des bisherigen Zustandes heraustreten und mit den bewegten Massen voranstürmen , gelten bei jenen Standesgenossen mindestens für wunderliche , unvertraute Käuze , denen die gesicherte Staatsordnung ein Spielball der Leidenschaft oder des Ehrgeizes sei ; hieraus erwächst immer ein Lösen des engeren Verkehrs , während die allgemeine Achtbarkeit schon der nützlichen Geschäftssachen wegen bestehen bleibt . So wenigstens suchte Martin Salander den Seinigen entschuldigend die Verlegenheit zu erklären , die bei der Auswahl der Hochzeitsgäste zutage trat . Die Töchter vollends besaßen gar keine » intimen « Freundinnen mehr . Unter diesen Umständen dachte der Vater eine Zeitlang daran , aus der Hochzeit ein freiheitliches Volksfest zu gestalten und eine Schar Demokraten mit ihren Frauensleuten zu laden , die in Verbindung mit dem zu erwartenden Anhang des Hauses Weidelich ein wackeres Bild , einen Auszug des Volkes darstellen würden . Die Mutter wußte ihm jedoch den Gedanken auszureden , und er sah ein , daß es vielleicht nicht gut wäre , diese Hochzeit zu einem politischen Parteifeste zu machen mit einem nicht abzusehenden Verlaufe . Auch die Töchter scheuten sich , mit ihrem erkämpften Glücke ein öffentliches Schauspiel zu geben . Desto eifriger wünschten die Bräute den Bruder Arnold zur Hochzeit herbei . Sie hatten einen mit den Eltern gemeinschaftlich geschriebenen Brief an ihn nach England gesandt , nachdem er die erste Verlobungsanzeige mit einem kurzen Glückwunsch ohne alle scherzhaften Wendungen erwidert . Auf die vierfache Einladung traf nun ein Brief Arnolds an den Vater ein . » Liebster Vater ! « schrieb er , » Euere dringende Gesamtaufforderung , zur Hochzeit zu kommen , hat meinem gut Salanderschen Sohnes-und Bruderherzen gewiß wohl getan , und fast tut es mir weh , dem Vergnügen , das ich mir versprechen dürfte , entsagen zu müssen . Vielleicht werden die l. Schwestern es auch nicht galant finden , wenn ich über dies Müssen eigenmächtig selbst entscheide ; allein es ist so , ich kann jetzt wegen der Hochzeit nicht den hiesigen Aufenthalt plötzlich unterbrechen , um möglicherweise , wie es eben so geht , nachher nicht mehr zurückzukehren , wenn ich einmal dort bin . Die l. Mutter , welche , es sei gesagt , ohne Eifersucht erregen zu wollen , eine Spezialität meines Herzens ist , wird mich verstehen ! Liebster Vater ! Ich habe Dir zu bekennen , daß ich hier nicht Jura treibe , wie wir verabredet , sondern englische Geschichte , wobei ja wünschendenfalls , wie sie in Münsterburg sagen , immer etwas Recht mit unterläuft . Ich weiß wohl , daß man nicht gerade in die Länder zu gehen braucht , deren Geschichte man im allgemeinen studieren will ; wenn man aber da ist , kann man in Land und Leuten einen Anschauungsunterricht genießen , der nicht zu verachten ist . Ich muß nun gleich zu dem übergehen , was hiemit zusammenhängt und ich Dir vorzulegen habe . Du hast bis jetzt gewünscht , daß ich sofort die juristische Praxis antrete , wenn ich heimgekehrt bin , und zugleich beginne , mich am politischen Leben zu beteiligen . Das möchte ich mit Deiner Zustimmung gern etwas anders anfassen . Die Jurisprudenz werde ich nach Kräften weiter pflegen , fühle aber einen lebhaften Drang , mehr als bis zur Stunde geschehen , mich den historischen Studien zu widmen , was ich mir folgendermaßen denke . Unsere Mittel würden mir gestatten , eine Zeitlang in der Heimat als unabhängiger Privatgelehrter zu leben , womit sich , damit ich nicht ganz umsonst esse , wohl vereinigen ließe , in Deinem Handelsgeschäfte diese oder jene Funktionen zu besorgen . Ich habe ja früher schon manche Stunde an Deinem Pulte mitgeschrieben . Würde so allmählich ein leidlicher Kaufmann daraus , so täte die etwelche Gelehrtheit ihm keinen Abbruch , und die Frage , welches die Zukunft Deiner Firma sein soll , wäre im Notfall zugleich für eine weitere Zeit gelöst . Also : ein junger Jurist arbeitet nach Bedürfnis und Gelegenheit im Handelshause seines Vaters mit , treibt daneben Geschichte für seinen Hausgebrauch , um die werdende Geschichte besser zu verstehen und ihre Dimensionen messen , ihre Bedingungswerte schätzen zu lernen . « » Was Teufel ist das ? « unterbrach sich Martin Salander im Lesen , vergeblich über den Sinn der Phrase nachdenkend ; las dann aber weiter : » Wo will das hinaus ? wirst Du fragen ! Ich will gleich den Schlüssel hersetzen . In G. ging ich mit einigen Landsleuten um , welche sich vorzugsweise gern über die politischen Zustände der Heimat unterhielten und die empfangenen Nachrichten unter weisen Betrachtungen austauschten . Einer davon aus dem Kanton X. wurde von seinem Vater ausgesucht , der nach dem Seebade reiste . Er brachte einen Abend mit dem Sohne und uns zu , hörte unsere Gespräche an , in die wir den alten Herrn bald verwickelten . Als er ein und das andere ungeduldige und vorschnelle Urteil vernahm , woran sich der Schluß knüpfte , es dürfte der betreffende Übelstand wohl erst durch ein neues Geschlecht von Gesetzgebern , von frischen Kräften gehoben werden , lächelte der Alte und meinte , es handle sich nach seiner Erfahrung nicht sowohl um einen Mangel an frischen Kräften , die ja ohnehin schon durch das allgemeine Menschenschicksal unaufhörlich zuflössen , als im Gegenteil um einen bedächtigeren , beharrlicheren Ausbau des Geschaffenen . Er erzählte nun anschaulich , wie er zum dritten Mal erlebt habe , daß nach einem kraftvollen Umschwung die Söhne der Männer , die ihn bewirkt und im besten Mannesalter standen , als Schüler sich zusammengetan und verabredet hätten , sie wollten noch etwas ganz anderes herstellen , wenn sie drankommen würden . Ohne zu wissen , was das Unerhörte eigentlich sein solle , hätten sie später wirklich Wort gehalten , wie wenn sie auf dem Rütli geschworen hätten , und ihre Zeit lang die heilige Gesetzgebung verwirrt und gestört , bis ihre eigenen Sprößlinge den gleichen Schwur getan und als neue Generation ihnen vom Amte halfen oder wenigstens mit großem Spektakel zu helfen suchten . In diesem Lichte gesehen , sei der Fortschritt nur ein blindes Hasten nach dem Ende hin und gleiche einem Laufkäfer , der über eine runde Tischplatte wegrenne und , am Rande angelangt , auf den Boden falle , oder höchstens dem Rande entlang im Kreise herumlaufe , wenn er nicht vorziehe , umzukehren und zurückzurennen , wo er dann auf der entgegengesetzten Seite wieder auf den Rand komme . Es sei ein Naturgesetz , daß alles Leben , je rastloser es gelebt werde , um so schneller sich auslebe und ein Ende nehme ; daher