Geiz , und hat denn auch die Engel zu Fall gebracht . Aber zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes , dem das Leben gehört , und das ist einfach der Mut . « Er hatte sich erhoben , und beide waren an die Balkonbrüstung getreten , von der aus sie jetzt die stille , vor ihnen ausgebreitete Blumenwelt überblickten . Eine Weile schwiegen sie . Dann sagte Cécile : » Mut ! Vielleicht hätt ich ihn , wenn ich nicht in trüben Ahnungen steckte . Die mir jetzt zurückliegenden glücklichen Tage , welchem Umstande verdank ich sie ? Doch nur dem , daß er , den Ihre Güte mir zum Freunde geben möchte , sieben Jahre lang draußen in der Welt war und ein Fremder in seiner eigenen Heimat geworden ist . Er weiß nichts von der Tragödie , die den Namen St. Arnauds trägt , und weiß noch weniger von dem , was zu dieser Tragödie geführt hat . Aber auf wie lange noch ? Er wird sich rasch hier wieder einleben , alte Beziehungen anknüpfen , und eines Tages wird er alles wissen . Und an demselben Tage ... « Sie brach hier ab und schien einen Augenblick zu schwanken , ob sie weitersprechen solle . Dann aber fuhr sie voll wachsender Erregung fort : » Ja , mein Freund , er wird eines Tages alles wissen , und an demselben Tage wird auch der heitere Traum , den ich träumen soll , zerronnen sein . Und , daß ich es sagen muß , ein Glück , wenn er zerrinnt . Denn wenn er jemals Gestalt gewönne ... « » Dann ? was dann , meine gnädigste Frau ? « » Dann wäre jeder Tag ein Bangen und eine Gefahr . Denn es verfolgt mich ein Bild , das ich nicht wegschaffen kann aus meiner Seele . Hören Sie . Wir gingen , als wir noch in Thale waren , St. Arnaud und ich und Herr von Gordon , eines Spätnachmittags an der Bode hin und plauderten und bückten uns und pflückten Blumen , bis mich plötzlich ein glühroter Schein blendete . Und als ich aufsah , sah ich , daß es die niedergehende Sonne war , deren Glut durch eine drüben am andern Ufer stehende Blutbuche fiel . Und in der Glut stand Gordon und war wie davon übergossen . Und sehen Sie , das ist das Bild , von dem ich fühle , daß es mir eine Vorbedeutung war , und wenn nicht eine Vorbedeutung , so doch zum mindesten eine Warnung . Ach , mein Freund , suchen wir ihn nicht zu halten , wir halten ihn nicht zu seinem und meinem Glück . Sie sind der einzige , der es wohl mit mir meint , der einzige , der reinen Herzens ist , und ich beschwöre Sie , helfen Sie mir alles in die rechten Wege bringen und vor allem beten Sie mir das Grauen fort , das auf meiner Seele liegt . Sie sind ein Diener Gottes , und Ihr Gebet muß Erhörung finden . « Sie war unter diesen Worten in ein nervöses Fliegen und Zittern verfallen , und der Hofprediger , der wohl wußte , daß ihr , wenn diese hysterischen Paroxysmen kamen , einzig und allein durch ein Ab- und Überleiten auf andere Dinge hin und , wenn auch das nicht half , lediglich durch eine fast rücksichtslose Herbheit zu helfen war , sagte , während er sie bis an ihren Platz zurückführte : » Dieser Überschwang der Gefühle , meine gnädigste Frau , das ist recht eigentlich der böse Feind in Ihrer Seele , vor dem Sie sich hüten müssen . Das ist nicht Ihr guter Engel , das ist Ihr Dämon . Überschwenglichkeiten , die sich ins Religiöse kleiden , ohne religiös zu sein , haben keine Geltung vor Gott , ja , nicht einmal vor dem Papste . Wovon ich mich selbst einmal überzeugen durfte . « Der nüchterne Ton , in dem er dies sagte , machte sie stutzen , aber eine gute Wirkung , an der die Neugier einigen Anteil haben mochte , war doch für den sie scharf beobachtenden Hofprediger unverkennbar , und so nahm er denn aufs neue herzlich und zutulich ihre Hand und wiederholte : » Ja , meine gnädigste Frau , nicht einmal vor dem Papste , wovon ich mich selbst einmal überzeugen konnte . Vielleicht erinnern Sie sich , daß ich Hauslehrer und dann Reisebegleiter bei dem jungen Grafen Medem war und mit ihm nach Rom ging . Als wir daselbst eines Tages zu Schiff nach Terracina wollten , traf es sich , daß auch der Papst , der alte Gregor XVI. , dieselbe Reise machte , damals schon ein hoher Siebziger . Ich seh ihn noch , wie er über die Schiffbrücke kam und , umgehen von seinen Dienerschaften , auf ein Zeltdach zuschritt , das man eben in der Nähe des Steuers für ihn aufstellte . Kaum aber , daß er sich hier placiert hatte , so drängte sich auch schon eine die Fahrt mitmachende Frau durch alle Dienerschaften hindurch , warf sich vor ihm nieder und umfaßte seine Knie . Sie war augenscheinlich aus der Campagna nach der Stadt gekommen und rief jetzt , unter fortwährenden heftigen Selbstanklagen , die Vergebung des Heiligen Vaters an . Der ließ sie denn auch eine Weile gewähren , als es aber andauerte , trat er zuletzt an den Schiffsrand und sagte kalt und abwehrend : Una enthusiasta . « Cécile starrte verwirrt und verstimmt vor sich hin , war aber doch sichtlich aus dem Bann ihrer Ängste heraus , und so durfte denn der Hofprediger in einem mit jedem Augenblicke freundlicher werdenden Tone fortfahren : » Und nun zürnen Sie mir nicht , meine gnädigste Frau , wegen eines Mangels an Rücksichtnahme . Kenn ich doch Ihren beweglichen und im letzten auch gesunden Sinn und weiß deshalb , Sie werden sich endgiltig aufrichten an dieser Geschichte . Die Heilslehren existieren und sollen uns Brot und Wein des Lebens sein . Aber sie sind nicht ein Schlagwasser oder Riechsalz , um uns in jedem beliebigen Momente plötzlich aus unserer Ohnmacht aufzuwecken . Es gibt auf diesem Gebiete nichts Plötzliches , sondern nur ein Allmähliches , auch die geistige Genesung ist ein stilles Wachsen , und je tiefer Sie sich mit dem Glauben an den Erlösertod Jesu Christi durchdringen , desto sicherer und fester wird in Ihnen der Friede der Seele sein . « Neunzehntes Kapitel Während der Hofprediger mit Cécile dies Gespräch führte , schlenderte Gordon am andern Kanalufer auf seine Wohnung zu , bog aber , als er auf diesem Rückwege die Pfeiler der die Straße kreuzenden Eisenbahnbrücke passiert hatte , zunächst nach links hin in einen wenig belebten Weg ein , um hier , am Potsdamer Bahndamm entlang , ungehinderter seinen Gedanken nachhängen zu können . Ahnungslos hinsichtlich des Stimmungsumschlages , der sich , nachdem er den Balkon verlassen , im Gemüte seiner Freundin vollzogen hatte , war das ihn beherrschende Gefühl lediglich ein freudiges Staunen über die vorgefundene Wandlung zum Guten und Gesunden hin . Ja , die Cécile seiner Thalenser Tage war eine schöne , trotz aller Melancholie beständig nach Huldigungen ausschauende Dame gewesen , während die Cécile von heut eine heitre , lichtvolle Frau war , vor der der Roman seiner Phantasie ziemlich schnell zu verblassen begann . » Was bleibt übrig ? Ich glaube jetzt klar zu sehen . Sie war sehr schön und sehr verwöhnt , und als der Prinz , auf den mit Sicherheit gerechnet wurde , nicht kommen wollte , nahm sie den Obersten . Und ein Jahr später war sie nervös , und zwei Jahre später war sie melancholisch . Natürlich , ein alter Oberst ist immer zum Melancholischwerden . Aber das ist auch alles . Und schließlich haben wir nichts als eine Frau , die , wie tausend andre , nicht glücklich und auch nicht unglücklich ist . « Unter solchem Selbstgespräche war er bis an die Bülowstraße gekommen und wollte sich eben , unter Benutzung derselben , in weitem Bogen wieder zurück nach dem Tiergarten schlängeln , als er , in einiger Entfernung , eines Begräbniszuges gewahr wurde , der nach dem Matthäikirchhofe hinaus wollte . Der gelbe , mit Kränzen überdeckte Sarg stand auf einem offnen Wagen , in dessen Front ein schmales , silbernes Kreuz beständig hin und her schwankte . Hinter dem Wagen kamen Kutschen und hinter den Kutschen ein ansehnliches Trauergefolge . Gordon wäre gern ausgewichen , aber der gehabten Anwandlung sich schämend , blieb er und ließ den Zug an sich vorbeipassieren . » Es ist nicht gut , die Augen gegen derlei Dinge zu schließen , am wenigsten , wenn man eben Luftschlösser baut . Der Mensch lebt , um seine Pflicht zu tun und zu sterben . Und das zweite beständig gegenwärtig zu haben erleichtert einem das erste . « Gordon wuchs sich rasch wieder in Berlin ein und war nur verwundert , nach wie vor keinen Brief aus Liegnitz eintreffen zu sehn , auch nicht , als er die saumselige Schwester gemahnt hatte . Seine Verwunderung war aber nicht gleichbedeutend mit Verstimmung , vielmehr gestand er sich , alles in allem nie glücklichere Tage verlebt zu haben . Auch nicht in Thale . Wenn es sein konnte , sprach er täglich bei seiner Freundin vor und erneuerte , dabei die freundlichen , gleich bei seinem ersten Besuche gehabten Eindrücke . Was ihn einzig und allein störte , war das , daß er sie nie allein fand . Mitte September traf Céciles jüngere Schwester auf Besuch ein und wurde ihm als » meine Schwester Kathinka « vorgestellt . Bei diesem Vornamen blieb es . Sie war um mehrere Jahre jünger und ebenfalls sehr schön , aber ganz oberflächlich und augenscheinlich mehr nach Verhältnissen als nach Huldigungen ausblickend . Cécile wußte davon und schien erleichtert , als die Schwester wieder abreiste . Der Besuch hatte nur wenig über eine Woche gedauert und war niemandem zu rechter Befriedigung gewesen . Auch Gordon nicht . Desto größere Freude hatte dieser , als er eines Tages Rosa traf und von ihr erfuhr , daß sie verhältnismäßig häufig im St. Arnaudschen Hause vorspreche , weshalb es eigentlich verwunderlich sei , sich bis dahin noch nicht getroffen zu haben . Das müsse sich aber ändern , womit niemand einverstandener war als Gordon selbst . Und zu dieser Änderung kam es denn auch ; man sah sich öfter , und erschien bei diesen Begegnungen auch noch der in der benachbarten Linkstraße wohnende Hofprediger , so steigerte sich der von Rosas Anwesenheit beinah unzertrennliche Frohsinn , und vom Harz und seinen Umgebungen schwärmend , erging man sich in Erinnerungen an Roßtrappe , » Hotel Zehnpfund « und Altenbrak . Der Oberst war selten da , so selten , daß Gordon sich entwöhnte , nach ihm zu fragen . » Er ist im Club « , hieß es ein Mal über das andre . Der Club aber , um den sich ' s handelte , war kein militärischer , sondern ein Haute-Finance-Club , in dem Billard , Skat und L ' hombre mit beinah wissenschaftlichem Ernst gespielt wurde . Nur die Points hatten eine ganz unwissenschaftliche Höhe . Neben Rosa war es der alte Hofprediger , der , wenn man gemeinschaftlich heimging , über diese kleineren oder größeren Inkorrektheiten Aufklärung gab , meistens vorsichtig und zurückhaltend , aber doch immer noch deutlich genug , um Gordon einsehen zu lassen , daß er es mit seinem in seinem langen Skriptum an die Schwester im halben Übermute gebrauchten » Jeu-Oberst « richtiger , als er damals annehmen konnte , getroffen habe . Teilnahme mit Cécile war , wenn er derlei Dinge hörte , jedesmal sein erstes und ganz aufrichtiges Gefühl , aber eine nur zu begreifliche Selbstsucht sorgte gleichzeitig dafür , daß dies Gefühl nicht andauerte . St. Arnaud war nicht da , das war doch schließlich die Hauptsache , das gab den Ausschlag , und weder seine Blicke noch seine spöttischen Bemerkungen konnten das Glück ihres Beisammenseins stören . Ja , diese Septembertage waren voll der heitersten Anregungen , und Briefchen in Vers und Prosa , die von seiten Gordons beinah jeden Morgen an Cécile gerichtet wurden , sei ' s , um sie zu begrüßen oder ihr etwas Schmeichelhaftes zu sagen , steigerten begreiflicherweise das Glück dieser Tage . St. Arnaud seinerseits gewöhnte sich daran , diese Billets doux auf dem Frühstückstische liegen zu sehn , und leistete sehr bald darauf Verzicht , von solcher » Mondscheinpoesie « weitere Notiz zu nehmen . Er lachte nur und bewunderte , » wozu der Mensch alles Zeit habe « . Cécile selbst , voll Mißtrauen in ihre Rechtschreibung , antwortete nur selten , wobei sie sich zurückhaltender und ängstlicher als nötig zeigte , da Gordon bereits weit genug gediehen war , um in einer mangelhaften Orthographie , wenn solche sich wirklich offenbart haben sollte , nur den Beweis immer neuer Tugenden und Vorzüge zu finden . Zwanzigstes Kapitel So waren vier Wochen vergangen , als Gordon , an einem der letzten Septembertage , eine Karte folgenden Inhalts erhielt : » Oberst von St. Arnaud und Frau geben sich die Ehre , Herrn v. Leslie-Gordon zum 4. Oktober zu einem Mittagessen einzuladen . 5 Uhr . Im Überrock . U.A.w.g. « Gordon nahm an und war nicht ohne Neugier , bei dieser Gelegenheit den St. Arnaudschen Kreis näher kennenzulernen . Was er , außer dem Hofprediger , bis dahin gesehen hatte , war nichts Hervorragendes gewesen , ziemlich sonderbare Leute , die sich allenfalls durch Namen und gesellschaftlich sichere Haltung , aber wenig durch Klugheit und fast noch weniger durch Liebenswürdigkeit ausgezeichnet hatten . Beinah alle waren Frondeurs , Träger einer Opposition quand même , die sich gegen Armee und Ministerium und gelegentlich auch gegen das Hohenzollerntum selbst richtete . St. Arnaud duldete diesen Ton , ohne persönlich mit einzustimmen , aber daß er ihn überhaupt zuließ , war für Gordon ein Beweis mehr , daß es keine Durchschnitts-Duellaffaire gewesen sein konnte , was den Obersten veranlaßt oder vielleicht auch gezwungen hatte , den Dienst zu quittieren . Etwas Besonderes mußte hinzugekommen sein . Und nun war der 4. Oktober da . Gordon , so pünktlich er erschien , fand alle Geladenen , unter denen der Hofprediger leider fehlte , schon vor und wurde , nachdem er Cécile begrüßt und ein paar Worte an diese gerichtet hatte , dem ihm noch unbekannten größeren Bruchteile der Gesellschaft vorgestellt . Der Erste , dem Range nach , war General von Rossow , ein hochschultriger Herr mit dünnem Schnurr- und noch dünnerem Knebelbart , dazu braunem Teint und roten vorstehenden Backenknochen ; nach Rossow folgte : von Kraczinski , Kriegsministerialoberst und polnisch-katholisch , Geheimrat Hedemeyer , hager , spitznasig und süffisant , Sanitätsrat Wandelstern , fanatischer Anti-Schweninger , und Frau Baronin von Snatterlöw . Gordon verneigte sich nach allen Seiten hin , bis er Rosas gewahr wurde , der er sich nunmehr rasch näherte . » Wir sind hoffentlich Nachbarn ... « - » Geb es Gott . « Und nun trat er wieder an Cécile heran , um sich , wegen einiger ihm vorgeworfenen Unklarheiten in seinem gestrigen Morgenbillet , so gut es ging , zu verantworten . » Ich habe die schlechte Gewohnheit « , schloß er , » in Andeutungen zu sprechen und auf Dinge hinzuweisen , die von zehn kaum einer kennt , also auch nicht versteht . « Sie lachte . » Wie gütig Sie sind , über den eigentlichen Grund so leicht hinwegzugehen und gegen sich selbst den Ankläger zu machen . Sie wissen am besten , daß ich nichts weiß . Und nun bin ich zu alt zum Lernen . Nicht wahr , viel zu alt ? « In diesem Augenblicke wurden die Flügeltüren geöffnet , und Gordon brach ab , weil er sah , daß General von Rossow auf Cécile zukam , um ihr den Arm zu bieten . Kraczinski , Hedemeyer , Wandelstern und einige andere folgten mit und ohne Dame . Die Plätze waren so gelegt , daß Gordon seinen Platz zwischen der Baronin und Rosa hatte . » Gerettet « , flüsterte diese . » Gerichtet « , antwortete er mit einem Seitenblick auf die Baronin , eine hochbusige Dame von neunundvierzig , mit Ringellöckchen und Adlernase , die sich , ärgerlich über das Geflüster zwischen Gordon und Rosa , mit Ostentation von Gordon ab- und ihrem anderen Tischnachbar zuwandte . Sie nannte das » ihre Revanche nehmen « . Die Revanche war aber nicht von Dauer , und ehe noch das Tablett mit dem Tokaier herumgereicht wurde , setzte sie , wie das ihre Gewohnheit war , bereits höchst energisch ein und sagte mit einer ans Männliche grenzenden Altstimme : » Sie waren in Persien , Herr von Gordon . Man spricht jetzt soviel von persischer Zivilisation , namentlich seit den umfangreichen Übersetzungen Baron Schacks ( jetzt Graf Schack ) , eines Vetters meines verstorbenen Mannes . Ich kann mir aber nicht denken , daß diese Zivilisation viel bedeute , da persische Minister hier im Königlichen Schlosse , wenn auch freilich durch kulturelle Gebräuche dazu veranlaßt , eine ganze Reihe von Hämmeln eigenhändig geschlachtet und die Schlachtmesser an den Gardinen abgewischt haben . « » Ich halte dies für Übertreibung , Frau Baronin . « » Sehr mit Unrecht , mein Herr von Gordon . Ich hasse Übertreibungen , und was ich sage , ist offiziell . Übrigens mißverstehen Sie mich nicht . Ich gehöre nicht zu der Gruppe devotest ersterbender Leute , die königliche Schloßgardinen ein für allemal als ein Heiligtum ansehen . Im Gegenteil , ich hasse mißverstandene Loyalitäten . Ein freier Sinn ist das allein Dienliche wie das allein Ziemliche . Servilismus und niedrige Gesinnung sind in meinen Augen unwürdig und hassenswert . Ein für allemal . Aber Anstand und Sitte stehen mir hoch , und blutige Messer an hellblauen Atlasgardinen abwischen , gleichviel , ob dieses Horreur in königlichen Schlössern stattfindet oder nicht , ist ein Roheitsakt , den ich beinah unsittlich nennen möchte , jedenfalls unsittlicher als manches , was dafür angesehen wird . Denn auf keinem Gebiete gehen die Meinungen so weit auseinander als gerad auf diesem . Ich werde mich durch Sätze wie diese keinen Verkennungen Ihrerseits aussetzen , denn ich spreche zu einem Manne , der die Wandelbarkeit moralischer Anschauungen , wie sie Race , Bodenbeschaffenheit und Klima mit sich führen , in hundertfältiger Abstufung persönlich erfahren hat . Irr ich hierin , oder bin ich umgekehrt Ihrer Zustimmung sicher ? « » Vollkommen « , sagte Gordon , nahm aber doch die Pause , die der eben bei der Baronin erscheinende Turbot ihm gönnte , wahr , um Rosa zuzuflüstern : » Emanzipiertes Vollblut . Furchtbar . « An der andern Seite des Tisches wurden statt der Steinbutte Forellen präsentiert , und Cécile , die sich auf einen Augenblick von ihrem zweiten Nachbar , dem beständig ironisierenden Geheimrat , frei zu machen wußte , sagte zu Gordon über den Tisch hin : » Aber von den Forellen müssen Sie nehmen , Herr von Gordon . Es sind ja halbe Reminiszenzen an Altenbrak . Denn von der Forelle bis zur Schmerle , so wenigstens versicherte uns der alte Emeritus , ist nur ein Schritt . « Rosa , der dieser Zuspruch mitgegolten hatte , nickte . General von Rossow aber griff das Wort auf und bemerkte mit krähender Kommandostimme : » Nur ein Schritt , sagen Sie , meine gnädigste Frau . Nun gut . Aber , Pardon , es gibt große und kleine Schritte , und dieser Schritt ist einfach ein Riesenschritt . Ich war letztes Jahr in Harzburg , unerhörte Preise , Staub und Wind und natürlich auch Schmerlen . Ein erbärmlicher Genuß , der nur noch von seiner Unbequemlichkeit und Mühsal übertroffen wird . Es kommt gleich nach den Artischocken , ebenso langweilig und ebenso fruchtlos . Und um diesen fragwürdigen Genuß zu haben , war ich bei vierundzwanzig Grad Réaumur auf den Burgberg hinaufgestiegen . « » Und ließen sich die Schmerlen im Freien servieren « , lachte St. Arnaud . » Im Freien und vielleicht sogar an der großen Säule mit der berühmt gewordenen Inschrift : Nach Canossa gehen wir nicht . Aber wir gehen doch . « » Und gehen auch noch weiter « , fiel der Geheimrat ein , der ( schon unter Mühler » kaltgestellt « ) den bald darauf ausbrechenden Kulturkampf als Pamphletist begleitet , seine Wiederanstellung jedoch , trotz andauernder Falk-Umschmeichlung , nicht durchgesetzt hatte . » Ja , noch weiter . « Und dabei hob er seine goldene Brille , mit der Absicht , sie zu putzen , wie das seine Gewohnheit war , wenn er einen heftigen Ausfall plante . Die Götter aber widerstritten diesem Versuche , denn der linke Brillenhaken hatte sich in einem Löckchen seiner blonden Perücke verfitzt und wollte nicht nachgeben . Unter glücklicheren und namentlich gesicherteren Toupet-Verhältnissen würd er nun freilich , aller Widerhaarigkeit zum Trotz , mit jener » Energie « vorgegangen sein , die sieben Jahre lang sein Programm und den Inhalt seiner Pamphlete gebildet hatte , dieser Sicherheit aber entbehrend , sah er sich auch hier gezwungen , den Verhältnissen Rechnung zu tragen und auf ein rücksichtsloses Vorgehen zu verzichten , das ihn an seiner empfindlichsten Stelle bloßgestellt haben würde . Schließlich indes war das Häkchen aus dem Toupet heraus , und mit einer Ruhe , die den Mann von Welt zeigte , nahm er seinen Satz wieder auf und sagte : » Ja , meine Herrschaften , und gehen auch noch weiter . Das heißt also bis nach Rom . Es sind dies die natürlichen Folgen der Prinzipienlosigkeit oder , was dasselbe sagen will , einer Politik von heut auf morgen , des Gesetzmachens ad hoc . Ich hasse das . « Die Baronin , die sich in dieser Wendung zitiert glaubte , klatschte mit ihren zwei Zeigefingern Beifall . » Ich hasse das « , wiederholte der Geheimrat , während er sich gegen die Snatterlöw verbeugte , » mehr noch , ich verachte das . Wir sind kein Volk , das , seiner Natur und Geschichte nach , einen Dalai-Lama ertragen kann , und doch haben wir ihn . Wir haben einen Dalai-Lama , dessen Schöpfungen , um nicht zu sagen Hervorbringungen , wir mit einer Art Inbrunst anbeten . Rundheraus , wir schwelgen in einem unausgesetzten Götzen- und Opferdienst . Und was wir am willfährigsten opfern , das ist die freie Meinung , trotzdem keiner unter uns Älteren ist , der nicht mit Herwegh für den Flügelschlag der freien Seele geschwärmt hätte . Wie gut das klingt . Aber haben wir diesen Flügelschlag ? Haben wir diese freie Seele ? Nein , und wieder nein . Wir sind weiter davon ab denn je . Was wir haben , heißt Omnipotenz . Nicht die des Staates , die nicht nur hinzunehmen , die sogar zu rühmen , ja die das einzig Richtige wäre , nein , wir haben die Omnipotenz eines einzelnen . Ich nenne keinen Namen . Aber soviel bleibt : Übergriffe sind zu verzeichnen , Übergriffe nach allen Seiten hin , und soviel Übergriffe , soviel Fehlgriffe . Freilich , wer diesen Dingen , direkt oder indirekt , durch Jahrzehnte hin nahegestanden hat , der sah es kommen , dem blutete seit lange das Herz über ein System des Feilschens und kleiner Behandlung großer Fragen . Und wo die Wurzel ? womit begann es ? Es begann , als man , Arnims kluge Worte mißachtend , einen Hochverräter aus ihm stempeln wollte , bloß weil ein Brief und ein Rohrstuhl fehlte . Was aber fehlte , war kein Brief und kein Rohrstuhl , sondern einfach Unterwerfung . Daran gebricht es . Arnim hatte den Mut seiner Meinung , das war alles , das war sein Verbrechen , das allein . Aber wenn es erst dahin gekommen ist , meine Herren , daß jede freie Meinung im Lande Preußen Hochverrat bedeutet , so sind wir alle Hochverräter , alle samt und sonders . Ein Wunder , daß Falk mit einem blauen Auge davongekommen ist , er , der einzige , der den Blick für die Notlage des Landes hatte , der einzige , der retten konnte . Nach Canossa gehen wir nicht ! O nein , wir gehn nicht , aber wir laufen , wir rennen und jagen dem Ziele zu und überliefern , einer beliebigen und beständig wechselnden Tagesfrage zuliebe , die große Lebensfrage des Staats an unseren Todfeind . Die große Lebensfrage des Staats aber ist unsere protestantische Freiheit , die Freiheit der Geister ! « Die Baronin war hingerissen und steigerte sich bis zu Kußhändchen . » Ihr Wohl , Herr Geheimrat ! Ihr Wohl , und die Freiheit der Geister ! « Einige der Zunächstsitzenden schlossen sich an , und sehr wahrscheinlich , daß sich ein allgemeiner Toast daraus entwickelt hätte , wenn nicht der alte General ziemlich unvermittelt dazwischengefahren wäre . Der Beginn seiner Rede verfiel zwar dem Schicksal , überhört zu werden , aber mehr ärgerlich als verlegen darüber , nahm er schließlich seine ganze Stimmkraft zusammen und ruhte nicht eher , als bis er sich mit Gewalt Gehör verschafft hatte : » Sie sprechen da von der Freiheit der Geister , mein lieber Hedemeyer . Nun ja , meinetwegen . Aber machen wir nicht mehr davon , als es wert ist . Wir sind unter uns « ( ein Blick streifte Gordon ) , » ich hoffe , sagen zu können , wir sind unter uns , und so dürfen wir uns auch gestehen , die protestantische Freiheit der Geister ist eine Redensart . « » Erlauben Sie ... « , warf Hedemeyer dazwischen . » Ich bitte Sie , mich nicht unterbrechen zu wollen « , fuhr der alte General mit überlegener Miene fort . » Sie haben gesprochen , jetzt spreche ich . Ihr verflossener Falk , ich nenn ihn mit Vorbedacht Ihren Falk , hat es gut gemeint , darüber kann kein Zweifel sein . Aber pourquoi tant de bruit pour une omelette ... « Alles lachte , denn es traf sich , daß eine dicht mit Omelettschnitten garnierte Gemüseschüssel in eben diesem Augenblicke dem General präsentiert wurde . Dieser , sonst überaus empfindlich gegen derartige Zwischenfälle , nahm diesmal die ziemlich lang andauernde Heiterkeit mit gutem Humor auf und wiederholte , während er eine der Schnitten triumphierend in die Höh hielt : » Pour une omelette ... Ja , wie viele Menschen , mein lieber Hedemeyer , glauben Sie denn bei dieser sogenannten Canossa-Frage wirklich interessiert ? Sehr viele sind es nicht . Dafür bürge ich Ihnen . Auf Ehre . Manches sieht man denn doch auch , ohne gerade zum Kultus zu gehören oder , Pardon , gehört zu haben . Berlin hat dreißig protestantische Kirchen , und in jeder finden sich allsonntäglich ein paar hundert Menschen zusammen ; ein paar mehr oder weniger , darauf kommt es nicht an . In der Melonenkirche habe ich einmal fünfe gezählt , und wenn es sehr kalt ist , sind es noch weniger . Und das , mein lieber Hedemeyer , ist genau das , was ich die protestantische Freiheit der Geister nenne . Wir können in die Kirche gehen und nicht in die Kirche gehen und jeder auf seine Façon selig werden . Ja , meine Freunde , so war es immer im Lande Preußen , und so wird es auch bleiben , trotz allem Canossa-Gerede . Das Interesse hält immer gleichen Schritt mit der Angst , und Angst ist noch nicht da . Jedenfalls ist es keine Frage , daran die Welt hängt oder auch nur der Staat . Der hängt an was ganz anderem . Die Welt ruht nicht sicherer auf den Schultern des Atlas als der preußische Staut auf den Schultern seiner Armee ... , so lautete das Friderizianische Wort , und das ist die Frage , worauf es ankommt . Da , meine Herrschaften , liegt Tod und Leben . Der Unteroffizier , der Gefreite , die haben eine Bedeutung , nicht der Küster und der Schulmeister ; der Stabsoffizier hat eine Bedeutung , nicht der Konsistorialrat . Und nun sehen Sie sich um , wie man anitzo verfährt und unter welchen Mißgriffen und Schädigungen man zur Besetzung maßgebendster Stellen schreitet . Ich meine vom Generalmajor aufwärts . Alles , was sich dabei höherer Gesichtspunkt nennt , ist Dummheit oder Verranntheit oder Willkür . Und in manchen Fällen auch einfach Klüngel und Clique . « » Sie meinen ... « » Einfach das Cabinet . Ich habe keine Veranlassung , damit zurückzuhalten und aus meinem Herzen eine Mördergrube zu machen . Ich meine das Cabinet , das sich ' s zur Aufgabe zu stellen scheint , mit den Traditionen der Armee zu brechen . Wenn ich von Armee spreche , sprech ich selbstverständlich von der friderizianischen Armee . Was uns heutzutage fehlt und was wir brauchen wie das liebe Brot , das sind alte Familien und alte Namen aus den Stammprovinzen . Aber nicht Fremde ... « Kraczinski , der zwei Brüder in der russischen und einen dritten in der österreichischen Armee hatte , lächelte mit kriegsministerieller Überlegenheit vor sich hin , von Rossow aber fuhr fort : » Der Chef , trotz altem livländischen Adel , der hingehn mag , ist , von meinem Standpunkt aus , ein homo novus , der der unglückseligen Anschauung von der geistigen Bedeutung der Offiziere huldigt . Alles Unsinn . Wissen und Talent ruinieren nur , weil sie bloß den Dünkel großziehen . Derlei Allotria sind gut für Professoren , Advokaten und Zungendrescher , überhaupt für alle die , die sich jetzt Parlamentarier nennen . Aber was soll das dem Staat ? Der verlangt andres . Auf die Gesinnung kommt es an , auf das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit dem Stammlande ,