Band umwundene Rosen- und Myrtenguirlande bildete . Die Frau hielt ja auch ein paar Myrtenzweiglein lässig zwischen den schlanken Fingern - so war sie jedenfalls als Braut gemalt . Das Bild war ein Kniestück , das junge Weib in smaragdfarbener , mit Silberblumen durchwirkter Brokatrobe darstellend - aber was für ein Weib war das ! Margarete hatte oft in kindlicher Neugier zu dem Bilde aufgeblickt ; aber was hatte sie damals von der Beseelung einer Gestalt , von der Darstellungskraft des Pinsels verstanden ? - Es war ihr immer nur aufgefallen , daß die hohe Frisur , die bei all den anderen Lamprechtschen Hausfrauen und Töchtern schneeweißer Puder bestäubte , ihre tiefe Schwärze behauptet hatte . Jetzt kniete das junge Mädchen auf den Dielen vor dem Bilde und sagte sich angesichts dieser erstaunlichen Haarfülle , aus deren nachtdunklem Geschlinge die täuschend gemalten fünf Rubinensterne förmlich glitzerten , und von welchem einzelne gelöste Ringel schlangenhaft weich auch über die zarte Brustwölbung hinabsanken , daß diese Frau sich kühn und energisch gegen die herrschende Mode und die Verunglimpfung ihres stolzesten Schmuckes verwahrt habe . Jetzt war es auch begreiflich , daß ihr der Volksmund das Wandern nach dem Tode angedichtet . Ihre Zeitgenossen , welche das Feuer aus diesen mächtigen dunklen Augen in Wirklichkeit hatten sprühen sehen , und vor welchen die zarte , bis in die graziös gebogenen Fingerspitzen hinein beseelte Erscheinung leibhaftig gewandelt und geatmet , sie hatten an ein wirkliches Sterben und Erlöschen solchen Zaubers nicht glauben können . Es war doch etwas Wunderbares um so ein urdeutsches , altes Haus mit seinen Traditionen , die sich an das altfränkische Gerät knüpften und jeden Winkel belebten ! Nur feierlicher , aber geheimnisvoller gewiß nicht war ihr beim Beschreiten der marmorbelegten Korridore alter venezianischer Paläste zumute gewesen , als jetzt im Vaterhause , wo die Gangdielen unter ihren Tritten seufzten und die Gestalten der alten Leinenhändler die Wand entlang mit gespenstigem Leben aus dem Halbdunkel auftauchten , in ihrer Reihe immer nur von einer der stummen , geschlossenen Thüren unterbrochen , hinter denen so manches Geheimnis schlafen mochte . Wohl hatte der Papa einst das hier seit vielen Jahren herrschende Schweigen gestört und sich in den verrufenen Zimmern einquartiert , um das abergläubische Gesinde von seiner Gespensterfurcht zu kurieren , war auch bei seiner jedesmaligen Heimkehr , die zu jener Zeit stets nur für wenige Wochen seine Reise unterbrach , mit Vorliebe in diesem seinem » Tuskulum « verblieben . Aber schon nach zwei Jahren hatte sich das geändert ; der Ausblick in den stillen Hof mochte ihm doch auf die Dauer nicht behagt haben . Nach einer fast halbjährigen Abwesenheit hatte er eines Tages von der Schweiz aus angeordnet , daß das ehemalige Boudoir seiner verstorbenen Frau wieder für ihn hergerichtet werde . Margarete erinnerte sich noch , daß damals zu ihrer Betrübnis die rosenfarbene Polstereinrichtung , die Aquarellen und Rosenholzmöbel in ein anderes Zimmer geschafft und durch ein dunkles Meublement ersetzt worden waren . Und als er nach Hause gekommen , da hatte er das große Oelbild seiner verstorbenen Frau , das einzige , welches seinen Platz an der Wand behauptet , sofort in den anstoßenden Salon hängen lassen - der Anblick des Bildes , ebenso wie die ganze Einrichtung scheine ihm neuerdings die alte Wunde aufzureißen , hatte die Großmama gemeint und deshalb das Arrangement vollkommen gebilligt . Die Zimmer im Seitenflügel aber waren unter seiner speziellen Aufsicht wieder in den früheren Stand versetzt worden - auch nicht der geringste Gegenstand der modernen Einrichtung war darin verblieben - dann hatte er lüften und scheuern lassen , hatte eigenhändig die Vorhänge zugezogen und den Schlüssel , wie früher auch , an sich genommen . Margarete bückte sich und sah durch das weite Schlüsselloch in das Zimmer mit dem herrlichen Deckengemälde . Wie Kirchenluft wehte es sie an , und die abgeblaßten , transparenten Klatschblumenbouketts der Seidengardinen hauchten drinnen über Dielen und Wände einen schwachrötlichen Schein . - Arme , schöne Dore ! In ihrem kurzen Leben angebetet , auf den Händen getragen , hatte sie ihr ertrotztes Glück mit einem frühen Tode gebüßt ; und nun sollten der Psyche auch noch bis in alle Ewigkeit die Flügel geknebelt sein , auf daß sie immer wieder angstvoll gegen die zwei engen Wände des düsteren Ganges aufflattern müsse ! Wie durch fernes Nebelgewoge dämmerte in dem jungen Mädchen die Erinnerung an die Weißverschleierte auf . Die mächtigen Reiseeindrücke , die sie draußen in der Welt empfangen , das hochgesteigerte geistige Leben im Hause des berühmten Onkels hatten diese Episode ihrer Kinderzeit ziemlich in ihrem Gedächtnis verwischt , so zwar , daß sie schließlich selbst oft gemeint , der ganze seltsame Vorfall sei doch wohl auf den Ausbruch ihrer damaligen schweren Nervenkrankheit zurückzuführen . In diesem Augenblick jedoch , wo sie wieder vor derselben Thüre stand , aus welcher » das Huschende « damals gekommen war , und schräg gegenüber den riesigen Kleiderschrank stehen sah , hinter welchen sie sich versteckt , da gewann der Vorgang wieder schärfere Umrisse , und es war ihr plötzlich , als müsse sie auch jetzt , wie in jenem Moment , das Geklapper der forteilenden kleinen Absätze wieder hören . An dem Schranke steckte der Schlüssel , dem ein mächtiges Schlüsselbund anhing . Margarete öffnete die nur angelehnte Thüre weiter und sah , daß Tante Sophie verschiedenes Gerät auf das obere Regal gestellt hatte , um es während der Zimmerrenovierung in Sicherheit zu wissen . An den Haken aber hingen die kostbaren Brokatschleppen der Urgroßmütter noch in Reih und Glied , wie sie es vor Jahren oft gesehen . Wie auf einem Tulpen- und Hyazinthenbeet flammten da alle starken Farben , und dazwischen funkelte Gold- und Silbergewebe und schweres Borden- und Tressenwerk - ein bedeutendes , totes Kapital , das die Pietät und der Stolz des alten Handelshauses unberührt im Schranke zerbröckeln ließen . Tief in der dunkelsten Ecke schimmerte auch ein Streifen der smaragdfarbenen Schleppe , in welcher sich die schöne Frau Dore hatte malen lassen . Margarete zog das köstliche Fundstück ans Tageslicht . Ja , Tante Sophie hatte recht , wenn sie behauptete , in alten Zeiten habe man für sein Geld solider gekauft . Das echte Silber der eingewebten Blumen schimmerte , das Grün war vollkommen frisch und unverblichen , und nur in den Falten zeigte sich der dicke , starrende Seidenstoff etwas brüchig . Es war ein enges , schmales Mieder , an welches das junge Herz der Frau Dore einst geklopft hatte . Margarete meinte , es müsse auch ihr selbst passen - und da hatte plötzlich » der Kindskopf der lustigen Gretel « die Oberhand . Ganz nahe an der Wand lehnte auch ein hoher Pfeilerspiegel ; er stand den Bildern gegenüber . Es schreckte die junge Uebermütige nicht , daß es just die hohe , stolze Gestalt des Urgroßvaters Justus war , die der Spiegel zurückwarf . Sie löste das lange Kragenband vom Halse und band sich die Lockenfülle hoch über der Stirn zum Toupet . Die sternförmige Brosche , und die dazu gehörigen Ohrringe und Manschettenknöpfe von böhmischen Granaten mußten die Rubinensterne vertreten , und für einen ersten flüchtigen Blick täuschten sie auch hinlänglich . Es war doch wunderlich , daß die Natur noch einmal an Größe und schmächtigem Wuchs genau dieselbe Gestalt geschaffen hatte , wie sie vor fast einem Jahrhundert durch das Lamprechtsche Haus gewandelt war . Das Mieder schmiegte sich glatt und faltenlos an den Leib des jungen Mädchens , und das silberstoffene Tablier des Rockes berührte gerade ihre Fußspitzen . Sie erschrak vor sich selber , als sie die letzte Spange des Brustlatzes festgenestelt hatte und noch einmal vor den Spiegel trat . Sie sah auch ein wenig scheu zur Seite , wo neben ihrer Schulter die Augen des Justus Lamprecht aus dem Düster des Ganges glühten und seine beringte Hand so plastisch dort auf dem großen Folianten lag , als werde sie sich im nächsten Augenblick von der Leinwand lösen und nach der Vermessenen herübergreifen ... Nun , die frevelhafte Maskerade sollte rasch ein Ende haben ; in wenigen Minuten hing das Kleid unversehrt wieder im Schranke , freilich nicht , ohne daß Tante Sophie die moderne Ahnfrau gesehen hatte . Mit unwillkürlich verlangsamten Schritten und Bewegungen trat sie aus dem Gange . Die Schleppe rauschte mit einem förmlichen Getöse über die rauhen Dielen - in diesem panzerartig klirrenden Staatsgewande wäre der schönen Dore das lautlose Huschen freilich nicht möglich gewesen . Der Hausknecht kam eben aus dem großen Salon und schritt durch den Flursaal nach dem Ausgang . Bei dem herankommenden Geräusch wandte er arglos den Kopf zurück und schoß gleich darauf entsetzt mit einem grotesken Sprunge zur Thüre hinaus , die er rasselnd hinter sich zuschlug . Margarete lachte über den Effekt und trat über die Schwelle des großen Salons ; aber sie wich betreten zurück , denn die Tante war nicht allein , Onkel Herbert stand neben ihr am Fenster . Gestern nachmittag um dieselbe Zeit nun wäre es ihr sehr gleichgültig gewesen , ob der Onkel dort gestanden oder nicht . Er hatte ja nie zu denen daheim gehört , an die sie besonders gern oder gar mit Heimweh gedacht , und auch das erste Wiederbegegnen bei ihrer Heimkehr hatte ihr keinerlei Interesse für ihn geweckt . Seit gestern abend jedoch , wo sie einige Stunden droben bei den Großeltern mit ihm zusammen gewesen war , hatte sie ihm gegenüber das seltsame Gefühl eines moralischen Unbehagens . Nicht , daß sie sich durch die enthusiastische Verehrung der Großmama für den wohlgeratenen Herrn Sohn , oder den unverkennbaren Respekt , welchen ihr Vater dem jungen Schwager entgegenbrachte , hätte beeinflussen lassen - sie wußte ja , daß jene beiden leider nur dem Glück huldigten , welches sich an seine Fersen zu hängen schien , und einen Auserwählten in ihm sahen , weil Hochgestellte mit ihm wie mit ihresgleichen verkehrten - das bestach sie nicht ; nur der Großpapa , der sonst so gerade , unbestechliche Charakter hatte sie stutzig gemacht . Es war doch kaum zu glauben , daß er völlig blind sei gegen die Art und Weise , wie sein Sohn Karriere machte , daß er nicht wisse , welche Mächte ihn mühelos über Staffeln hinweghoben , die andere erst nach jahrelanger Aufbietung aller eigenen Kraft zu erringen vermochten . Und doch hatten dem alten Manne gestern inniges Wohlgefallen und väterlicher Stolz frank und frei aus den Augen gestrahlt . Er hatte wiederholt gegen das moderne Strebertum geeifert , das nie nach der Lauterkeit der Mittel frage , um emporzukommen ; Fuchsschwanz und Katzenbuckel und die Tartüffes seien wieder einmal an der Tagesordnung , und der rechtschaffene deutsche Sinn müsse sich vor den » Nachbarsleuten « schämen , die es mit ansähen , wie diese schleichenden und buckeligen Figuren auf dem großen Schachbrett Fuß zu fassen suchten . Fühlte er in verblendeter Vaterliebe den Pfahl im eigenen Fleische nicht , oder verstand es der Herr Landrat , ihm Sand in die Augen zu streuen ? Der hatte so gemütsruhig dabei gesessen , als sei dieses Anathema ganz in der Ordnung . Nicht ein einziges Mal war ihm das Rot der Verlegenheit oder der Beschämung in das Gesicht getreten ; er hatte seine Zigarre geraucht und die feinen blauen Duftringel nachdenklich mit den Augen verfolgt ; wenn er aber gesprochen , dann hatte es stets » Hand und Fuß gehabt « , wie Tante Sophie sich auszudrücken pflegte . Uebrigens mochte doch der wahre Kern dieses Charakters sein wie er wollte , das focht sie nicht weiter an ; es verdroß sie nur , daß er sich im Urteil über die beiden Kinder seiner verstorbenen Schwester so gleich geblieben war - der exemplarisch fleißige Reinhold von ehedem schien für ihn nichts von seinen Tugenden eingebüßt zu haben , während er offenbar der » wilden Hummel « auch heute noch nichts Gutes zutraute . Und hatte er nicht recht ? Reinhold ging in seinem Berufe auf ; er war der kühle Verstand selbst - und in ihrem Kopfe spukten heute noch tolle Fastnachtsscherze , wie Figura zeigte ... Die Glut des Aergers im Gesicht , versuchte sie , sich ungesehen zurückzuziehen . Die beiden dort wendeten ihr den Rücken zu ; sie schienen auf dem Fenstersims liegende Gegenstände zu betrachten , und das Rasseln der draußen zugeschlagenen Thüre mochte für ihr Ohr das Rauschen der Schleppe übertönt haben . Nun aber war es wieder so still , daß die erste Rückwärtsbewegung des jungen Mädchens die am Fenster Stehenden aufmerksam machte . Tante Sophie wandte sich um und schien einen Moment sprachlos ; dann aber schlug sie die Hände zusammen und lachte laut auf . » Beinahe wär ' dir ' s geglückt , Gretel ! Ach ja , gelt , ein Hauptspaß wär ' s gewesen , wenn sich die alte Tante auch einmal gegrault hätte ? Na , damit war ' s nichts ; aber es hat mir doch einen Stich durch und durch gegeben . « Sie drückte unwillkürlich die Rechte auf die Brust . » Lasse dich nur um Gotteswillen vor Bärbe nicht sehen ! ... Nein , wie du doch der armen Dore ähnlich bist in der Tracht , und hast doch kein Tröpfchen Blut von ihr in den Adern ! Hast ja auch sonst ein ganz anderes Gesicht mit deinem schmalen Näschen und den Grübchen in den Backen - « » Gewisse Züge um Mund und Augen und die Haltung des Kopfes machen die Aehnlichkeit , « fiel der Landrat ein . » Die schöne Dorothea hat es in ihrer Oppositionslust kühnlich mit den Vorurteilen der Welt aufgenommen , wie ihr ungepudertes Toupet und ihre Heirat beweisen . Sie muß Eigenwillen und Uebermut in hohem Grade besessen haben , und diese Charaktereigenschaften geben einen besonderen Stempel . « Margarete hob gleichmütig die Augen nach dem gegenüberhängenden Spiegel , der ihre ganze Gestalt zurückwarf . » Ja , wahr ist ' s , es liegt viel kindischer Uebermut in der dummen Maskerade ! Aber Spaß macht sie mir doch , köstlichen Spaß ! - Und wenn alle Welt die Nase darüber rümpft , es war doch wonnig , in das Staatskleid unserer weißen Frau zu schlüpfen ... Und wahr ist ' s auch , daß ich gern mit den Vorurteilen der Welt anbinde - ein Staatsverbrechen , das natürlich gesetzten Leuten die Haare zu Berge treiben muß . Und darum hast du ganz recht , Onkel Herbert , mir den Text zu lesen , wenn auch nur in der verblümten Form der Satire ... « Sie zupfte die schönen Niederländer Spitzen an Brustlatz und Aermeln so ruhig und sorgsam zurecht , als sei sie vorhin nicht einen Augenblick außer Fassung gewesen , und trat tiefer in das Zimmer herein . » Ich fürchte nur , du kommst auch jetzt nicht weiter mit mir , als damals , wo meine Schreibehefte und das Hersagen der französischen Vokabeln dir die Nerven irritierten , « fuhr sie achselzuckend fort . » Ich schreibe nämlich heute noch wie mit dem Zaunpfahl , und vor Pariser Ohren lasse ich mein bißchen Thüringisch-Französisch aus guten Gründen nie laut werden . « » Geh , übertreib ' s nicht ! So schlimm wird ' s nicht sein ! « sagte Tante Sophie lachend . » Da komm einmal her und sieh dir den Schaden an ! « - Sie nahm die Scherben einer antiken Vase vom Fenstersims und legte sie auf den großen Tisch inmitten des Zimmers . » Ich behüte die Sachen hier oben mit Augen und Händen und hab ' auch bis jetzt noch kein Unglück gehabt mit dem zerbrechlichen Zeug ; und nun macht mir der dumme Mensch , der Friedrich , den Streich und wirft die Vase da vom Spiegeltisch ... Und ich konnte nicht einmal zanken ; dem armen Tapps klapperten die Zähne aneinander vor Schreck , und es war fast zum Lachen , wie er seine paar Groschen aus der Tasche holte , um den Schaden zu bezahlen . Ich weiß nicht mehr , wieviel Dukaten die paar Thonscherben da gekostet haben sollen - ein unsinniges Geld war ' s , das ist gewiß . Vetter Gotthelf , dein Großvater , Gretel , hat diese Vase aus Italien mitgebracht . « Margarete war an den Tisch getreten . » Imitation , und noch dazu schlechte ! « sagte sie bestimmt nach kurzer Prüfung . » Der Großpapa hat sich betrügen lassen . - Wirf die Scherben getrost in den Schutt , Tante ! Bärbes geliebter Kaffeetopf ist von ähnlicher Abkunft . « » Das klingt ja so entschieden , als spräche Onkel Theobald selbst , « sagte der Landrat vom Fenster her . » Nun begreife ich , daß er seine Mitarbeiterin bereits schmerzlich vermißt - « » Mitarbeiterin ? ! « Sie lachte amüsiert auf . » Seinen dienstbaren Geist , einen Erdgnomen , willst du sagen ! So eine Art Wichtelmännchen , das geräuschlos den Ofen in der Bibliothek besorgt , was kein Dienstbote kann ; das dann und wann eine Tasse starken Kaffes kocht und unbemerkt hinschiebt , wenn der große Forscher angestrengt arbeitet , und ab und zu eidechsenhaft still die Treppenleiter der Bibliothek hinauf- und hinabgleitet , um ihm mit der pünktlichen Bücherzufuhr die Quellenstudien zu erleichtern - solch ein Wichtelmännchen , ja , das bin ich ! ... Und wenn hier und da etwas an mir hängen bleibt von dem Geist und dem Wissen , das man dort gleichsam mit der Luft atmet , so ist das kein Wunder . Systematisch geordnet und wirklich brauchbar aber ist das kunterbunte Chaos hier nicht « - sie tippte mit dem Finger gegen die Stirn . » Wer verlangt das aber auch von einem Mädchenkopf , gelt , Onkel ? « Lächelnd warf sie das Vasenbruchstück auf den Tisch . » Woher aber weißt du , daß Onkel Theobald meine kleinen Dienste vermißt ? « fragte sie plötzlich lebhaft aufblickend . » Das kannst du erfahren . Meine Mutter hat vorhin einen Brief von Tante Elise erhalten . Du fehlst nicht allein in Onkels Studierstube , auch im Salon der Tante , wo sich die Freunde des Hauses versammeln , wird deine schleunige Rückkehr ersehnt ... Herr von Billingen-Wackewitz ist wohl das enfant gâté in diesem Salon ? « » Aus welchem Grunde glaubst du das ? « - Ein helles jähes Rot stieg ihr in die Wangen , während sie die Brauen leicht zusammenzog . Er wandte den durchdringenden Blick nicht von ihrem Gesicht . » Das will ich dir sagen . Ich möchte wetten , daß der lange , eingehende Bericht der Tante keine fünf Zeilen aufzuweisen hat , in welchem der schöne Mecklenburger nicht figuriert . « » Er ist Tante Elisens Protegé und einer der wenigen Adeligen , die das Haus des Onkels , des alten Freiheitsschwärmers besuchen , « sagte sie , sich von ihm wegwendend , erklärend zu Tante Sophie . Der Landrat lehnte sich mit dem Rücken an Sims und Fensterkreuz . » Also eine politische Inklination , Margarete ? « warf er spöttisch hin . » Tante Elise schreibt anders darüber . « Ihre Augen funkelten in tiefverletztem Mädchenstolz ; aber sie bezwang sich . » Das sieht aus wie der Anfang eines Familienklatsches , und dazu sollte Tante Elise , die geistreiche Frau , ihre Feder hergeben ? « sprach sie mit ungläubigem Achselzucken . Er lachte leise , aber hart auf . » Die Erfahrung lehrt , daß im Punkt des Ehestiftens die Frauen insgesamt - gleichviel ob geistreich oder beschränkt - ein und dieselbe kleine Schwäche haben . « » O , ich bitte mir ' s aus - ich nicht ! « protestierte die Tante energisch . » An solchen heiklen Dingen hab ' ich mir nie die Finger verbrannt . « » Rühmen Sie sich nicht zu früh , Fräulein Sophie - Sie könnten gerade jetzt stark in Versuchung kommen ! « warnte er sarkastisch . » Herr von Billingen soll ein schöner Mann sein - « » Ja , er ist groß von Gestalt und hat ein Gesicht weiß und rot wie eine Apfelblüte , « warf Margarete ein . Er sah nicht auf von seinen Fingernägeln , die er angelegentlich zu betrachten schien . » Vor allem trägt er einen Namen , der hochangesehen und sehr alt ist , « fuhr er unbeirrt fort . » Jawohl , uralt ! « bestätigte Margarete abermals . » Die Heraldiker streiten bis auf den heutigen Tag , ob das seltsame Gebild in einem der Wappenfelder das Feuersteinbeil eines Höhlenbewohners , oder ein Webstuhlfragment aus der späteren Pfahlbauzeit sein soll . « » Potztausend , was für ein Stammbaum ! Davor müssen sich ja unsere dicksten Eichen verkriechen , « meinte Tante Sophie mit schelmischem Augenblinzeln . » Was , so hoch willst du hinaus , Gretel ? « Die Augen des jungen Mädchens sprühten förmlich in Mutwillen . » Mein Gott , warum sollte ich denn nicht ? « fragte sie zurück . » Ist das Hochhinauswollen nicht ein Zug unserer Zeit ? Und ich , ein Mädchen ! ein Mädchen , das acht Lot Gehirn weniger hat , als die Herren der Schöpfung , wie sollte ich mir darüber ein eigenes Urteil bilden und meinen eigenen Weg gehen wollen ! Nein , so vermessen bin ich nicht ! Ich laufe brav mit auf der Heerstraße der Tagesmode und sehe nicht ein , weshalb es mir nicht auch Spaß machen soll , mehr zu werden und den Staub meiner Abkunft von den Füßen zu schütteln . « » Na , das sollten unsere alten Herren da oben hören ! « drohte die Tante und zeigte auf einige noch nicht abgenommene Oelbilder der aus ihrer Allongeperücke stolz und ernsthaft von der Wand herabschauenden Kaufherren . Margarete zuckte lächelnd die Achseln . » Wer weiß , wie sie heutzutage mit ihrem strengen Bürgersinn fertig würden ! Wir sind Kinder unserer Zeit und keine Spartaner ! hörte ich kürzlich sagen ; und so könnte es immerhin sein , daß die alten , mit Bienenfleiß in Kontor und Lagerräumen schaffenden Lamprechts es machten wie so viele jetzt , und sich glücklich schätzten , ihren Honig als Mitgift der Töchter in den leeren Stock irgend eines alten , hochangesehenen Geschlechts gießen zu dürfen ... Das soll der Bürgerstolz heutigestags sein - so sagen die Leute . « » So sagen die Leute , « wiederholte der Landrat kopfnickend . » Selbstverständlich hast du diesen Ausspruch scharfer Zungen auch wieder nur von anderen - « » Natürlicherweise , « bestätigte sie lachend . » Ich mache es genau wie andere junge Mädchen auch - ich plappere nach , Onkel ... Ich höre zu , wenn andere über die heutigen Zustände diskutieren , und manches interessiert mich wirklich . So zum Beispiel die Kletterstange voll wünschenswerter Dinge , die jetzt in der Welt aufgerichtet sein soll - « » Und welcher die Streber in hellen Haufen zuströmen , nicht wahr , Margarete ? « unterbrach sie Herbert mit kaltem Lächeln . Ihr Blick , der dem seinen begegnete , verdunkelte sich . » Jawohl , Onkel ! Solche , denen der ehrliche Heimatboden nicht gut genug , der gerade Weg nicht der beste ist . Manch braves Menschenkind soll bei dem Ansturm zu Boden getreten werden . Sonst soll das Klettern leicht sein , sagen die Leute ; man müsse immer nur auf die äußeren Signale achten , um Gotteswillen aber nie auf irgend eine innere Stimme , wie die des Herzens oder der wahren Ueberzeugung , sonst falle man herab , wie der angerufene Nachtwandler vom Dach . Auch schöne Damenhände sollen manchmal helfen - « » Pst ! « machte Tante Sophie und hob den Zeigefinger in der Richtung des Treppenhauses . Es mochte ihr wohl gelegen kommen , daß draußen Schritte heraufpolterten und das Gespräch unterbrachen , welchem die übermütigen Anspielungen des jungen Mädchens eine peinliche Wendung zu geben drohten . » Lauf und wirf das Kleid ab , Gretel ! « drängte sie . » Dem Schritte nach ist ' s Reinhold , der herauskommt , und der kann selten einen Spaß vertragen , er wird leicht grob ! « Margarete flog nach der Thüre . Sie vermied es ängstlich , mit dem reizbaren Bruder in Kollision zu kommen ; aber schon war es zu spät ; Reinhold kam in Begleitung der Großmama den Flursaal entlang . 12 Die Eintretenden prallten zurück vor der aus dem Rahmen gestiegenen » schönen Dore « , die sich wieder bis an den Tisch inmitten des Salons zurückgezogen hatte , die Stirn gesenkt , als erwarte sie widerspruchslos die Grobheiten , die auf ihr Haupt niederregnen sollten . » Das ist wieder einmal ein verrückter Streich von dir , Grete ! Den Tod könnte man davon haben , « sagte denn auch Herr Lamprecht junior prompt , nachdem er zu Atem gekommen war . » Ja , Holdchen , es war eine grenzenlose Albernheit , « gab sie sanft lächelnd zu . Dabei ging sie von Thüre zu Thüre , um die offenen Flügel zu schließen - für Reinhold war der Zug stets verderblich . » Unsinn ! « murrte er und folgte jeder ihrer Bewegungen mit geärgertem Blick . » Das rauscht und rasselt , und das Silber stäubt ab von den morschen Fäden . Der Papa sollte nur kommen und sehen , wie du das kostbare Inventarstück über die Dielen schleifst ! Da wär ' s aus und vorbei mit seiner Vorliebe , die ihm geradezu über Nacht gekommen sein muß - thut er doch gerade , als hättest du in Berlin die Weisheit mit Löffeln gegessen ! « » Rege dich nicht auf ! « bat sie . » Ich gehe gleich . In wenig Minuten hängt das Kleid an seinem Platze , und ich werde mich nie wieder daran vergreifen . Geh , sei gut ! « Sie legte bittend ihre zarten Fingerspitzen auf seine Hand , die er auf den Tisch stützte ; aber er schob sie weg . » Ach , lasse doch diese Kindereien , Grete ! Ich hab ' s von klein auf nicht leiden können , wenn man mir zu nahe kommt - das weißt du doch ! « Sie nickte lächelnd mit dem Kopfe , nahm vorsichtig das Kleid auf , um das Lärmen beim Hinausgehen zu verhindern und ging zur Mittelthüre . Aber an der Schwelle zögerte sie und wandte sich zurück . » Was sind denn da für Dummheiten geschehen ? « hatte sie Reinhold sagen hören ; und nun sah sie , wie er die Vasenscherben durcheinander warf . » Ja , siehst du , Reinhold , das ist nun so ein kleines Malheur , wie es einem bei einer gründlichen Räumerei leicht passiert , « sagte Tante Sophie achselzuckend . Sie vermied es geflissentlich , den eigentlichen Missethäter , den » armen Tapps « , zu nennen . » Was , ein kleines Malheur ? « wiederholte der junge Mensch ganz empört . » Aber , Tante , du scheinst auch nicht die blasse Ahnung von dem Geldwert zu haben , der dir hier oben anvertraut ist ! Bare zehn Dukaten hat diese Vase gekostet ; ich will es dir aus dem Inventarbuch beweisen - bare zehn Dukaten ! ... Ja , weiß Gott , es ist geradezu haarsträubend , wie oft aus Marotte mit dem Gelde gehaust wird . Der gute Großpapa ist auch so einer gewesen . Tausende stecken in dem Kram aus Olims Zeiten , den er zusammengeschleppt hat . Die Antiquitätenhändler wissen das und klopfen immer wieder an bei uns ; aber der Papa wird allemal grob , und ich würge dann tagelang an dem Aerger über die unverantwortliche Verschwendung ! ... Aber es wird auch einmal anders , und dann weiß ich einen , der aufräumt . Da wird alles versilbert , alles , was nicht absolut nötig ist zum Hausgebrauch . « Er schüttelte den Kopf und warf die Scherbe in seiner Hand auf den Tisch . » Zehn Dukaten ! Ein Pappenstiel natürlicherweise ! Eine Lappalie für alle in unserem Hause , die nicht rechnen können . « » Na , sei nur ruhig ; ich hab ' das Einmaleins gründlich weg und brauche nicht auf euren Kontorstühlen zu sitzen , um zu wissen , was das Geld wert ist , « unterbrach ihn Tante Sophie gleichmütig . » Die zehn Dukaten sind aber schon dazumal zum Fenster hinausgeworfen gewesen . Auch der Klügste läßt sich einmal anführen mit nachgemachtem Zeug , wie das hier ist . « Sie zeigte auf die Scherben . » Wie - nachgemacht ? Wer sagt denn das ? « » Margarete sagt es , « sprach der Landrat , der langsam an den Tisch getreten war . Reinhold lachte laut auf . » Die Grete ? Diese da ? « Er zeigte mit dem Finger nach dem jungen Mädchen . » Ja , deine Schwester , « bestätigte Herbert mit festem verweisendem Blick in das impertinent grinsende Gesicht des Neffen . » Ich möchte dich übrigens bitten , den Ton , welchen du der Tante und deiner Schwester gegenüber noch so jungenhaft unmanierlich anschlägst , nunmehr zu ändern . Es ist dir zeitlebens , deiner reizbaren Nerven wegen , sehr viel nachgesehen worden , allzuviel , wie ich fürchte - aber nun solltest du doch wissen , daß auch du Anstandspflichten hast . « Reinhold hatte den Sprecher anfänglich ganz perplex angestarrt , eine solche ernste Rüge aus diesem Munde war ihm neu ; aber bei all seiner Unverfrorenheit war er doch ein feiger Bursche , der jedem Stärkeren aus dem Wege ging . Er nagte an seiner Unterlippe und wagte kein Wort der Erwiderung . Scheu wegsehend , griff er in die Brusttasche , zog einen Brief heraus und warf ihn so auf den Tisch , daß das sehr