beinahe mehr , als ich konjugiere , woraus mir der Vorteil wird , im Ungrischlernen auch zugleich die katholische Kirche kennenzulernen , von der ich offen gestanden bis dahin sehr unausreichende Begriffe hatte . Neben dem Geistlichen ist es der alte Toldy , der meine Zeit am meisten in Anspruch nimmt . Er lebt mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart , und unter den Gegenständen seiner Adoration steht Comtesse Judith obenan . Ein wahres Kreuz könnte mir sein bei jeder Gelegenheit hervortretendes Magyarentum sein , wenn nicht die Naivität , mit der sich dasselbe gibt , etwas Versöhnendes und oft etwas geradezu Rührendes hätte . So nehm ich ihn denn als Type , folg ihm liebevoll auch in seinen Schwächen und vervollständige durch mein Geplauder mit ihm die Sprachstudien , zu denen der Geistliche von Szegenihaza die Fundamente legt . Meine Fortschritte setzen mich beinahe selbst in Verwunderung , aber mehr noch , als sie mich verwundern , beglücken sie mich . Denn ich gehöre nun diesem Lande mit meinem Herzen , und wenn vielleicht nicht voll mit meinem Herzen , so doch mit meinen Entschlüssen an und will das ganz sein , was zu sein ich mir an jenem mir unvergeßlichen Tage vornahm , der mir zuerst Ihr schönes Herz und Ihre wohlwollenden Gesinnungen für mich offenbarte . Nach dem nur kurzen Diner , sechs Uhr , folgen Fahrten über Land , ein paarmal auch schon über den See . Das schönste Wetter hat uns bis jetzt begünstigt ; nicht einmal ein Gewitter zog in den heißen Tagen herauf . Den Tee nehmen wir abwechselnd auf der Plattform in Front des Schlosses oder auf der obersten Gartenterrasse , die sich mehr und mehr in einen Blumengarten verwandelt hat . Ich erzähle dann , was ich von Josephine gehört oder auch in den Zeitungen gelesen habe , wobei mich immer wieder die schöne Milde des Grafen überrascht und ein Gerechtigkeitssinn , der , so möcht ich annehmen , auch Sie , gnädigste Gräfin , in Erstaunen setzen würde . Denn er ist doch anders , als Sie vermeinen , anders in diesem und manchem andern Punkte . Wohl zeigt er sich unruhig und unbefriedigt und sucht die Ruhe nicht da , wo sie vielleicht einzig und allein zu finden ist , aber er sucht sie doch und nicht bloß in dem , was man Zerstreuungen nennt . Er birgt vielmehr umgekehrt einen Schatz von Gemüt in seinem Herzen , und daß er nur selten und immer nur flüchtig und andeutungsweise davon spricht , ist mir ein Beweis mehr von seiner tiefer angelegten Natur . Erst gestern abend auf unserer Spazierfahrt bei Sonnenuntergang , was er besonders liebt , überraschte mich wieder ein Wort von ihm . Die Sonne stand schon unter dem Horizont , aber in dem zurückgebliebenen Glutscheine spiegelte sich noch von unten her ihr Schattenbild . Er wies darauf hin und sagte : Sieh , Franziska , das ist das Leben oder doch sein Ausgang . Wenn die Sonne fort ist , bleibt uns ihr Bild noch eine Weile zurück , aber ein Schattenbild nur , und auch das ist kurz . In dieser Weise spricht er öfter zu mir und verrät darin einen Anflug von Resignation , der mich betrübt . In allem andern aber bin ich glücklich und unzweifelhaft um vieles glücklicher , als ich zu hoffen wagte . Gute Sterne haben bisher über meinem Leben auf Schloß Arpa gestanden , und von dem , was ich fürchtete , hat sich nichts erfüllt . Ich fürchtete mich vor Unfreiheit , auch vor Unfreiheit in kleinen Dingen , aber in Wahrheit bin ich freier geworden . Wieviel schöner ist dies Leben als das , das abgeschlossen hinter mir liegt und in dem eines war , das mich stets empörte : das Sichbewerbenmüssen um Gunst und Liebe . Hier hab ich beides als ein freies Geschenk . Anfang Dezember will Petöfy wieder nach Wien zurück . Ich freue mich darauf und auch nicht . Das laute , großstädtische Leben hat einen unendlichen Reiz für mich gehabt und hat ihn vielleicht noch , aber ich möchte nur Zuschauer darin sein und nur andere leben und erleben lassen . Selbst wieder eine Rolle darin zu spielen widerstrebt meinem innersten Herzenszuge . Mir will es scheinen , daß ich , wenn nicht für die Stille , so doch für die Kontemplation geboren und in dem , was mir zurückliegt , in einem Irrtum befangen gewesen bin . Ich habe noch eine Sehnsucht , aber diese Sehnsucht ist nicht die Welt . Oder irrt ich auch darin wieder ? Schließen Sie mich in Ihre Gebete ein . Ihre Ihnen dankbar und herzlich ergebene Franziska Petöfy « Zweiundzwanzigstes Kapitel Abermals waren Wochen vergangen , und in Ablösung der sonnigen Tage , die seit Anfang August über Schloß Arpa gestanden , hatten sich Regentage eingestellt . » Es regnet wie auf dem Szekler Landtage « , sagte Franziska scherzhaft , und als der Graf nach der Bedeutung davon fragte , rezitierte sie zu seiner nicht geringen Erheiterung das gleichnamige Chamissosche Gedicht . » Ei , da muß ich aus einem norddeutschen Gedicht erfahren , wie ' s auf dem Szekler Landtag aussieht « , lachte der Graf , und jedesmal , wenn er Franziska begegnete , wies er auf die Wasser , die draußen nach wie vor niederströmten , und wiederholte die Refrainzeile : » Der Regen regnet immer noch . « Als es mit diesem Wetter anfing , versuchten beide zunächst noch ihre Spazierfahrten fortzusetzen , am dritten Tag aber waren die Wege bereits so grundlos geworden , daß man es aufgeben mußte . Nichts blieb ihnen als eine Promenade durch die Gewächshäuser und ein tagtägliches fleißiges Billardspiel , das Franziska wenigstens im Anfang sichtlich bemüht war zu lernen . Aber weder das eine noch das andere konnt ihr eine rechte Freude schaffen , in den Treibhäusern war es zu wasserschwül , und das Billardspiel ärgerte sie , weil es ihr nicht gelang , es im Umsehen zu bemeistern . In allem , was sie tat , wollte sie rasche Resultate sehen . Nichtsdestoweniger hielt man sich bei Stimmung und fand immer neue Mittel , um ein sich anmeldendes Unbehagen aus dem Felde zu schlagen . In allen Kaminen brannten riesige Feuer , der kleine Geistliche , wenn er zur Unterrichtsstunde kam , ward über den halben Tag hin festgehalten , und die kaum dreijährige Marischka , Toldys Jüngste , sah ihren Geburtstag gefeiert , als ob sie wenigstens eine Prinzeß gewesen wäre . Zweimal gab es auch Tanz . Zigeuner , denen man bei dem Unwetter einen Unterschlupf in einer Schloßbaracke gegönnt hatte , spielten zum Dank dafür ihre Czardas ( Hanka selber war mit heraufgekommen ) , und Graf und Gräfin saßen all die Zeit über in der großen Halle , darin sich die Dienstleute versammelt hatten , und sahen dem Treiben zu . Selbst Josephine tanzte mit , unter den Klängen der Musik sich einer Exklusivität entschlagend , auf die sie sonst nur in ihren intimsten Privatverhältnissen zu verzichten pflegte . So ging es anderthalb Wochen , und man hätte sich in neue gute Tage , die doch endlich anbrechen mußten , hinübergerettet , wenn nicht Krankheit gekommen wäre . Erst erkrankte Hannah und den Tag darauf auch der Graf . Franziska nahm es nicht allzu schwer damit oder gab sich wenigstens das Ansehen davon , und als Hannah sie wegen der doppelten Krankenpflege bedauern wollte , sagte sie : » Hannah , ich begreife dich nicht . Wie du nur so töricht sein und alles so falsch ansehen kannst ! Du tust mir leid , und der Graf tut mir leid , aber sprich nur nicht von Mitleid mit mir . Mir konnt eben nichts Besseres geschehen als eure Krankheit . Ich bin doch nun das Billardspiel los und die Promenaden im Treibhaus und kann mich statt dessen mit etwas Vernünftigem beschäftigen , also zum Beispiel , ob eure Zudecke sich verschoben hat oder ob ihr vielleicht heimlich ein Buch habt , aus dem ihr lesen wollt und nicht sollt . Glaube mir , Hannah , ich schwärme geradezu für Barmherzige-Schwesterschaft oder , wenn dir das zu katholisch klingt , für Diakonissentum ; wenigstens hier . Der Graf wollt es mir auch abdisputieren und einige meiner Krankenpflegepflichten in die Küche verweisen , die Kathis und Nanis hätten ohnehin nichts zu tun , aber ich hab ihn bekehrt und ihm rundheraus gesagt , erst käme ich und dann die Kathis , und ich hätte nicht Lust , mir eine so gute Gelegenheit zum Zeitvertreib entgehen zu lassen . Und sieh , Kind , so liegt es wirklich . Ich gönne dir alle mögliche Gesundheit , weil ich weiß , daß du Krankheit nicht leiden kannst , aber wenn ich ein bißchen egoistischer wäre , so wünscht ich dir jeden Tag einen furchtbaren Wadenkrampf , so furchtbar und so heftig , daß ich dich ganz in Senfpflaster einwickeln müßte . Das kenn ich alles noch von meiner seligen Mutter her , und war eigentlich schlimm genug , aber mitunter war es auch eine wahre Wonne , wenn ' s einen so in die Augen biß , bis die Tränen kamen . « » Male den Teufel nicht an die Wand . « » Wegen des Krampfes oder wegen der Tränen ? « » Vielleicht wegen beidem . Ich hab es nicht gern , wenn du so sprichst , Franziska . Bedenke doch , ich kenne dich von klein auf und weiß nur zu gut , daß dir ganz anders ums Herz ist . Es geht etwas in dir vor , und du willst es nur nicht aufkommen lassen . « » Ach , du bist eine Törin . Aber lassen wir ' s. Ich will nun fort und nach deinem Leidensgefährten sehen , er wird sonst ungeduldig . Hier stell ich dir die Medizin her und das abgebrauste Brausepulver . Und nun hast du alles , was du brauchst , zur Hand . Oder soll ich dir lieber noch die Josephine schicken ? « » O nein . « Und nach diesem Zwiegespräch ging sie treppab . In dem Zimmer unten lag der Graf auf einem Feldbett , nur mit einem Militärmantel zugedeckt . Er hatte so seine Vorstellungen von dem , was sich für einen Soldaten gezieme , wohin vor allem auch ein künstlich genährtes Entsetzen vor dem Federbett gehörte . Nichts als das Ticktack der Uhr unterbrach die Stille . Die schweren Damastvorhänge der Fenster waren geschlossen , und nur vom Tisch her , auf dem eine mit einem Schleier verhangene Lampe stand , fiel ein mattes Licht auf das Lager des Kranken . » Ei , das ist hübsch , daß du kommst , Fränzl . Ich habe die Minuten gezählt . Es ist so leer und öde hier , so leer und öde für mich schon , und wie muß es erst für dich sein ! O dieser Regen ! Es regnet , regnet immer noch . Vorzüglich ! Ich kann diese Zeile von eurem französisch-preußischen Dichter gar nicht loswerden . Aber nun setz dich und nimm den Lampenschleier fort , ich will dich deutlicher sehen können . Oder laß ihn doch lieber , ich komme sonst auch in eine helle Beleuchtung , und ein Kranker präsentiert sich am besten im Halbdunkel , wenn er sich überhaupt präsentiert . Ein vermaledeites Wetter ! Und dreimal vermaledeit diese Neuralgie ! Hier in der Hüfte sitzt es . Sie nannten es Ischias , die Herren Doktoren , aber das ist mir gleich , sie könnten es auch Inferno genannt haben oder geradezu Hölle . Judith , wenn sie davon hörte , würde sagen , es spuke vor . Aber es kann nicht jeder in den Himmel kommen . Dazu muß man eben einen Beichtvater haben wie Feßler , der fromm genug ist , einen Luzifer loszubeten . Glaubst du nicht auch ? Apropos , ist ein Brief von Judith gekommen ? « » Nein . « » Ich finde , sie läßt lange damit warten , und doch gibt es Situationen , in denen man umgehend schreiben muß oder doch in derselben Woche noch . Und nun sind es über zwei . « » Die Gräfin kann krank sein wie du . « » Kaum . Wer sich jeden Tag so reinbeichtet wie Judith , bei dem gedeiht keine Neuralgie . Krankheit wächst nur auf dem Beet der Sünde , sagen die Frommen , und vielleicht haben sie recht . Unter allen Umständen halten sie sich dessen gewiß , solange sie nicht persönlich in die Zwickmühle genommen werden , und nur eines ist mir noch gewisser , daß du hier seit vierzehn Tagen ein elendes und tristes Leben führst und daß mit diesem Elend und dieser Tristheit ein Ende gemacht werden muß . Ja , Fränzl , ein Ende gemacht , und wenn ich die Ziegler auf Gastrollen , etwa Medea zweimal täglich , oder euren Bismarck auf eine Bärenjagd in den Karpaten einladen sollte - gleichviel , wir müssen heraus aus dieser Dumpfheit , in die kein Licht und keine Freude dringt . « » Ich bitte dich , Petöfy , denk an dich und nicht an mich . Ich habe gute Tage . « » Gute Tage ? Graue Tage hast du . « » Nein , gute Tage , sag ich . Und wenn sie nebenher grau sind , so laß sie ; die grauen sind nicht die schlimmsten . Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen . « » Ist schon recht . Aber es hat ' s ein Mann gesagt , und ihr , ihr empfindet anders : ihr seid für Gegensätze , könnt Schwarz ertragen , aber nicht Grau , Tod und Unglück , aber nicht Langeweile . Kenne das und habe mir auch schon einen Plan ausgedacht . Sobald ich die Hand wieder rühren kann , schreib ich an Phemi . « » Nein , Petöfy . Das unterlaß . Ich bitte dich darum . « » Aber ihr stimmtet doch so gut zusammen , und so mich nicht alles täuscht , hattest du wirklich ein Herz für sie . « » Hatt ich auch und hab ich noch . Ich bin ihr ganz aufrichtig zugetan , und wenn sie meiner je bedürfen sollte - sie wird es nicht , sie weiß eben für sich selbst zu sorgen - , so werd ich mich vor der Lächerlichkeit und vor der Undankbarkeit hüten , ihr gegenüber die Fremde herauskehren zu wollen oder wohl gar die Gräfin . Ich bin dessen überhaupt nicht fähig . Ich weiß das . Aber ebenso gewiß weiß ich auch , daß ich keine Veranlassung habe , diese Beziehungen ohne Not wieder anzuknüpfen . Ich bin nun aus dem Kreise heraus und wünsche mich nicht wieder hinein . Am wenigsten aber wünsche ich ein zweilebiges Leben zu führen , ein zweilebiges , das nach meiner Meinung nicht viel besser ist als keins . « Er hatte den Kopf anfangs mißmutig hin und her gewiegt , aber diese Mißlaune ging rasch wieder in eine freundlichere Stimmung über . » Und so soll es denn immer Hannah sein ! Hannah und immer wieder Hannah . Weißt du , Fränzl , ich bewundere deine Genügsamkeit und daß ihr euch nicht ausplaudert . « » Oh , wir können uns nicht ausplaudern , weil wir , was dich vielleicht überraschen wird , eigentlich überhaupt wenig plaudern . « » Je nun , was tut ihr denn ? « » Wir verstehen uns . « » Das ist freilich viel . « » Beinahe alles . « » Nun gut . Aber ist sie nicht etwas zu nüchtern oder doch wenigstens nüchtern überhaupt ? « » Immer nur da , wo sie ' s sein darf , wo Nüchternheit ausreicht oder hingehört . Ich möchte sagen : nüchtern für alle Tage . « » Und feiertags ? « » Ist sie voll Mut und Leidenschaft und liebt mich so , daß sie jeden Augenblick für mich sterben würde . « » Das glaubst du ? « » Nein , ich weiß es und weiß es seit lange , seit meinem zehnten Jahr , da fing es an . Und wie sie sich damals gezeigt hat , so zeigt sie sich noch . Ich bin ihrer so sicher , wie daß ich lebe , ja , mein Zutrauen zu ihr ist grenzenlos . Sieh , um dir nur ein Beispiel zu geben , ich ängstige mich beim Gewitter , aber in ihrer Gegenwart fällt alle Furcht von mir ab . Es ist mir dann , als stünde mein Schutzgeist neben mir . Eigentlich könnt ich dir von ihr erzählen , von ihr und meiner Kinderzeit . Aber sage mir , wenn der Anfall kommt und die Schmerzen ; ich weiß , du bist dann am liebsten allein . « » Erzähle nur ; ich höre . Kinderzeit ist ohnehin unsere beste Zeit und die lehrreichste dazu . Da leben wir noch so recht eigentlich und zeigen uns , wie wir sind . In dem , was nachher kommt , ist soviel Zurechtgemachtes . Auch im Guten . « » Avis au lecteur . « » O nicht doch , Fränzl , ich hasse das , ich hasse das Hinterrückssprechen in Winken und Andeutungen . Aber du wolltest mir von Hannah erzählen , und wie sie zuerst dein Champion wurde , dein Ritter ohne Furcht und Tadel . War es nicht so ? « » Ja . Du darfst es so nennen , denn es gab etwas von einer regelrechten Schlacht , und Blut floß . - Aber es ist kalt geworden . Erlaube mir also , daß ich zunächst für Feuer sorge , soweit die paar Kohlen dazu reichen , und vor allem diesen Schirm beiseite schiebe . Das Halbdunkel hier ist nur gut für Gespenstergeschichten , und die wären das letzte , was ich erzählen möchte . « » Gib deiner Geschichte jede Beleuchtung , die du für gut hältst , vor allem aber gib die Geschichte . « » Nun , also Hannahs Vater war Küster an der Kirche , wo der meinige Prediger war ... « » Ich entsinne mich ... « » Er war aber nicht bloß Küster , sondern auch Totengräber , was ihm in meinen Augen noch ein besonderes Ansehen gab . Er hatte langes weißes Haar , viel weißer , als es seinen Jahren nach hätte sein müssen , und sah eigentlich immer aus , als ob er irgendeinem das letzte Gebet sprechen wolle . Trotz allem Grauen aber , das mir sein Ernst und seine Hagerkeit einflößten , hatt ich ihn gern oder doch nicht ungern , weil mir alles an ihm apart vorkam und nicht zum wenigsten seine Wohnung , die dicht neben dem Kirchhofsgitter lag und eigentlich geradeso wirkte wie der alte Stedingk selber . Denn das war sein Name , Tordeson Stedingk , und es hieß , daß er von den schwedischen Stedingks herstamme . Sommers standen immer frisch angestrichene Bahren , die trocknen sollten , um sein Haus her , Grund genug zu Grusel und Angst , am meisten aber ängstigte mich ein kleines Gärtchen , das von Buchsbaum eingefaßt war und darin nur immer Studententblumen blühten . Einmal sah er mich und rief mich heran , um mir eine dieser gelben Blumen zu geben , aber ich war wie starr vor Schreck und schüttelte nur den Kopf . Als ich mich endlich wieder erholt hatte , lief ich fort und hatte dabei das Gefühl , als ob mich irgendwer an den Hacken halte . « » Das wird aber doch eine Gespenstergeschichte . « » Nein , nein . Ich verirre mich bloß und krame mehr aus , als zu meiner Geschichte gehört , alles nur , weil die Bilder von alter Zeit her wieder lebendig werden und so mächtig auf mich einstürmen , daß ich mich ihrer nicht ganz erwehren kann . « Und sie tupfte , während sie so sprach , mit ihrem Taschentuch über die Stirn hin und fuhr dann fort : » Unser eigentlicher Spielplatz war ein großer Grasplatz um die Kirche her , auf dem Bauholz und allerlei Stämme lagen , die , wenn der Herbst kam , geschnitten werden sollten , Kiefern und Tannen und auch wohl Birken- und Eschenholz , in der Mitte des Platzes aber war ein Tümpel , durch den die Jungen , die gute Stelzenläufer waren , immer durchmarschierten , was mich so mit Neid und Entzücken erfüllte , daß ich ' s auch zu lernen anfing und nicht eher zufrieden war , als bis ich mit allen um die Wette mitten im Wasser stehen und auf einer Stelze balancieren und mit der andern präsentieren konnte . Du kannst dir denken , welche Wonne das war . « Petöfy nickte seine Zustimmung . » Aber « , fuhr Franziska fort , » was war der Kirchplatz im Vergleich zu dem Kirchhof , der dicht daneben lag und über dessen niedrige Mauer weg die Hagebuttensträucher bis in die Straße hineinwuchsen . An dem Kirchhofe hing unser ganzes Herz . Eigentlich war es kein rechter Kirchhof mehr , denn was starb , wurde seit Jahr und Tag schon vors Tor hinausgetragen und auf einem abgesteckten und ummauerten Stück Heideland begraben , einzelne Familien in der Stadt aber hatten noch ein Anrecht an den alten Kirchhof , und so kam es , daß immer noch von Zeit zu Zeit auf ihm beerdigt wurde . Das war denn allemal ein Festtag für uns , und wenn am Abend vorher , so gegen Sonnenuntergang , der alte Stedingk aus seiner Hoftür trat und sich ans Graben machte , so fehlte keiner von uns , weil jeder neugierig war , ihn das Grab aufschütten zu sehen . Und einmal hatten wir auch wieder so gestanden und zugesehen und , als er zuletzt fertig war , unser schon draußen auf dem Kirchplatz begonnenes Spiel auf dem Kirchhof drinnen wieder aufgenommen . Es hieß Hirsch und Jäger - ich weiß nicht , ob ihr das Spiel hier auch habt - , der stärkste Junge , wie sich denken läßt , war allemal der Hirsch , der aufgestöbert oder auch in seinem Versteck überrascht , umstellt und zur Kapitulation gezwungen werden mußte . Dieser stärkste Junge nun , der damals mit uns spielte , hieß Willy Thompson und war eines reichen Schiffsreeders Sohn , dessen Familie von Inverness oder Aberdeen herübergekommen war . Denn in der kleinen Stadt war alles schottisch oder schwedisch , weil der Handel dahin ging . Nun , dieser Willy war eigentlich ein blondes Prachtstück , trotzdem er übermütig und hochfahrend und ein vollkommener Tyrann war , der uns in Schrecken und blindem Gehorsam hielt . Wenn ein Streit ausbrach , so stand alles auf seiner Seite , bloß aus Furcht vor ihm , und daß ihm irgendwer widersprochen hätte , kam eigentlich gar nicht vor . « Der alte Graf richtete sich auf , ersichtlich immer interessierter , weil er bei dieser Schilderung die Bilder seiner eigenen Jugend wieder vor sich aufsteigen sah . » Und so war es auch an dem Abend « , fuhr Franziska fort , » von dem ich erzähle . Kaum daß unser blonder Tyrann ausgeflogen und in seinem Versteck untergekrochen war , so war auch schon alles hinter ihm her , hierhin , dorthin , und während er sonst darauf rechnen durfte , nie gefunden zu werden , und dann ganz zuletzt wie gutwillig zum Vorschein kam , um uns zu verhöhnen und auszulachen , so hatten wir ihn heut in fünf Minuten schon . In einer der Kirchhofsecken stand nämlich in schräger Stellung ein gußeisernes Monument , und in dem dreieckigen Winkel , der dadurch gebildet wurde , saß er und war nun gefangen . Unter einem ungeheuren Jubel holten wir ihn hervor , um ihn über den Kirchhof hin bis an die Anschlagstelle zurückzuführen . Als wir aber bis an die frisch gegrabene Grube gekommen waren , riß er sich plötzlich los , packte mich , die ich ihn besonders verhöhnt haben mochte , beim Zopf und schrie : Franze , du bist schuld ; du hast geguckt , du hast mich verraten . Ich sah , wie wütend er war , und legte mich aufs Versichern meiner Unschuld , aber er wurde nur immer wütender und schrie : Bekenn es , sag es , dann schenk ich ' s dir ; sonst , sonst ... , und nun fing er an zu schwören : Sonst werf ich dich hier ins Grab . In meiner namenlosen Angst fiel ich vor ihm aufs Knie , gerad als ob sich ' s um mein Leben gehandelt hätte , und wirklich , ich glaub auch , ich hätt es nicht überlebt . Aber er wollte von nichts hören und wissen und zerrte mich auch wirklich schon auf die Stelle zu , wo mitten in dem eben aufgeworfenen Sandhaufen das große Grabscheit des alten Stedingk wie ein Kreuz im Zwielicht aufragte . Von den anderen Jungen hatte keiner den Mut , für mich einzutreten ; als er jetzt aber oben stand und mich unerbittlich nach sich zog , sprang Hannah vor und sagte : Laß sie los ! Er aber lachte bloß , und es war auch zum Lachen , denn Hannah , die jetzt so derb und gesund aussieht , war damals ein blasses und schwächliches Kind und so mondscheinen , daß man sie durch und durch sehen konnte . Laß sie los ! rief sie noch einmal und legte die Hand auf die Grabscheitkrücke . Dummes Ding , du sollst mit hinein . - Laß sie los ! rief sie zum dritten Mal , während ihr die Augen wie aus dem Kopfe traten , und als er noch immer nicht abließ und mich weiter zerrte , riß sie plötzlich das Grabscheit aus der Erde heraus und stieß es ihm mit solcher Gewalt vor die Brust , daß er rückwärts taumelte . Voll Geistesgegenwart griff er im Fallen noch nach einem Hagebuttenstrauch und hielt sich fest , während ihm zu unser aller Entsetzen das Blut über die Turnjacke floß ; denn das nach oben hin ausgleitende Grabscheit hatte mit einer seiner scharfen Ecken ihm das Kinn bis an die Lippe hin aufgeschnitten . Und so hielt er sich eine Weile noch , bis er zuletzt ohnmächtig vor Schmerz und Blutverlust in denselben Hagebuttenstrauch hineinfiel , der ihn vor dem Niederstürzen ins Grab bewahrt hatte . Blut besiegelt , sagt das Sprichwort , und das Blut , das an diesem Tage floß , Petöfy , hat Hannahs und meine Freundschaft fürs Leben besiegelt . « » Aber was wurd aus dem Jungen , dem zweiten Helden der Geschichte ? « » Nun , den haben wir vor drei Jahren in Leipzig mit dem ganz zerhauenen Gesicht eines alten Korpsburschen wiedergesehen . Er ließ sich bei mir melden , als ich dort zu Gastspiel war , war sans phrase reizend , und als er endlich auch Hannahs ansichtig wurde , brach er in einen wahren Höllenjubel aus und rief einmal über das andere : Sieh , Hannah , es ist immer so weitergegangen . Aber die hier , und dabei wies er auf die Narbe am Kinn , ist doch die beste . « Der Graf war ernst geworden und sagte : » Fränzl , ich könnte dich um deine Hannah beneiden , wenn beneiden meine Sache wär . Aber das ist gewiß , sie ist ein Schatz für dich , den du festhalten mußt . « » Das will ich auch . Aber zunächst will ich nachsehen , ob sie nichts versäumt und keine Torheiten begangen hat . Denn sobald sie krank ist , ist sie , was Medizin angeht , voll Ungehorsam und Unvernunft . « » Ein Beweis mehr für ihre Vernünftigkeit . Ich werde schließlich auch noch ein Hannahschwärmer werden . « Dreiundzwanzigstes Kapitel Hannah schlief fest und atmete ruhig . Das Fieber hatte sichtlich nachgelassen , und leise , wie sie gekommen war , verließ Franziska , die wohl wußte , daß dieser Schlaf die Genesung bedeute , den Alkoven wieder , um in ihrem Wohnzimmer vor dem Kamin Platz zu nehmen . Das Feuer darin war halb niedergebrannt , aber über dem Kamin befand sich ein Ofen , der seine Heizung von außen her empfing und trotz vorgerückter Stunde noch eine behagliche Temperatur ausströmte , was nicht überraschen durfte , denn der erst beim Beginn der Regentage zum Vorschein gekommene schnauzbärtige Slowake , dem das Heizungsdepartement unterstellt war , pflegte lieber zuviel als zuwenig zu tun . Es war noch nicht spät , und Franziska nahm auf gut Glück ein Buch vom Bücherbord . Es war ein Band von Rousseau , die » Confessions « , und sie sah im Durchblättern , daß wenigstens auf den ersten fünfzig Seiten viele dünne Bleistiftstrichelchen an den Rand gemacht worden waren . Die Leserin indes , sehr wahrscheinlich die Mutter des Grafen , schien sich im Weiterlesen immer ablehnender gegen den Autor verhalten zu haben , denn der Strichelchen , die ganz unzweifelhaft Zustimmung ausdrücken sollten , wurden immer weniger und der Fragezeichen immer mehr . In der Mitte des Buches aber lag ein weißes , goldgerändertes Blatt mit einem Spruch darauf , und dieser Spruch selbst lautete : » Vor jedem steht ein Bild des , was er werden soll . Solang er das nicht ist , ist nicht sein Friede voll . « Franziska stutzte . » Wie schlicht « , sagte sie , » wie nüchtern fast ! Und doch bewegt es mich . Und warum ? Ist es , weil ich das Bild dessen , was ich werden soll , ahnungsvoll bereits vor mir sehe , oder ist es umgekehrt , weil ich es nicht sehe ? Sonderbar . «