zu ziehen , wo sie einkaserniert werden sollten . Wenn anders eine ganz unvernünftige Anstrengung der Stimmbänder durch Schreien , Jauchzen und Singen auf eine frohe Seelenstimmung schließen läßt , so waren die jungen Leute , welche da den Ort verließen , die zufriedensten , glücklichsten Menschen . Den Müller Simerl von Schwenkdorf riß vermutlich nur die Fröhlichkeit seiner Kameraden mit , der Anlaß , den diese zur selben hatten , fehlte ihm , seinen Hut zierte kein Sträußchen , denn der Arme hatte sich vier Wochen vor der Stellung auf einer Hochzeit beim Freudenschießen den Daumen der rechten Hand zerschmettert . » So kommt mancher oft ums Schönste « , klagte er seinen scheidenden Freunden . Als der Zug eine Strecke weit außer Ort war , erhob sich unter einem Busche am Wege eine Dirne und erwartete das Herankommen der Rekruten . Toni erkannte Helene . » Du « , sein Nachbar stieß ihn mit dem Ellbogen an , » mir scheint , da kriegst was mit afn Weg , ich glaub aber nit , daß ' s a Bußl sein wird . « Toni zog den Mund breit und blinzte pfiffig dazu . » Ah , was ! « sagte er . » Gehts nur voran , ich hol euch bald ein . « Er blieb ein paar Schritte zurück . Die Voranschreitenden streckten unter Scherzreden die Arme gegen die Dirne , sie am Kinn oder um die Hüfte zu fassen , aber sie lief , an ihnen vorüber , auf Toni zu . Als dieser sie herankommen sah , da fiel ihm doch ihre Schönheit ins Auge und ihr Verlust aufs Herz . Nur die verweinten Augen , das vergrämte Gesicht , das Gejammer und Geklage hatte er gefürchtet und gemieden ; wie sie aber jetzt sich ihm näherte , zwar mit bösem Geschau und zornroten Wangen , doch so stramm und entschlossen , da zuckte es ihm in den Händen , diese ihr entgegenzustrecken , sie an den ihren festzuhalten , zu fragen , ob sie ihm treu bleiben wolle , dieweil er ferne sei , ihr zu sagen , daß nichts vermöge , ihn von ihr abwendig zu machen , und daß alles noch gut werden würde ! Denkend , wie das die Dirne überraschen müsse , die ihm jetzt ganz erregt und wild nahe trat , öffnete er lächelnd die Lippen . Da stand sie hart an ihm . » Schuft ! « schrie sie und spuckte ihm ins Gesicht . Aufstöhnend holte er mit der Faust aus , aber das Mädchen wich flink zurück und lief eilig gegen das Dorf . Er hörte das laute Gelächter seiner Kameraden , die in einiger Entfernung stehengeblieben waren , da fuhr er sich mit dem Ärmel der Jacke über das Gesicht und begann vor Zorn zu weinen , daß es ihn schütterte ; aber bald ermannte er sich und eilte auf die Wartenden zu . » Vorwärts ! « schrie er . » Das wär überstanden ! Lachts nit ! Was will mer denn machen gegn ein Weibsbild ? Das muß mer sich gfallen lassen , und jeder von euch leidet gern , daß so a Saubere ihm darum bös würd , weil s ' ihm vorher z ' gut gwesen war ! « » Recht hast , Toni , neiden tun s ' dir s ' , weiter nix ! « rief der Müller Simerl und stimmte an : » Ei meingerl - sagt ' s Dirndel - bin ich dir hitzt z ' schlecht ? « Hoiöh , hoiöh , hodero ! Und früher , du Rauber , da war ich dir recht ! Hoiöh , hoiöh , hodero ! Der Bub , der sagt drauf : ' s liegt mer hitzt nix mehr dran , Hoiöh , hoiöh , hodero ! Weil ich dich , mein Schatzerl , schon auswendig kann ! Hoiöh , hoiöh , hodero ! « Der Sänger begann nun , sich über die Freuden der Liebe in jener naiven Anschaulichkeit auszulassen , welche man heutzutage nur noch dem unverdorbenen Volke oder einem alttestamentarischen Könige nachsieht . Unter diesem zarten , sinnigen Liede , dessen Jodler die Bursche begeistert unisono grölten und fistelierten , ging es des Weges weiter . Helene war in fliegender Hast durch das ganze Dorf gerannt , bei ihrer Hütte angelangt , warf sie sich auf die Schwelle nieder und lag , unter krampfigem , stoßendem Geschluchze , laut heulend . Die Türe hinter ihr öffnete sich , und die alte Zinshofer flüsterte : » Dummes Ding , komm hrein , komm hrein , mach kein Aufsehen . « Helene schüttelte heftig den Kopf und wehrte mit den Armen ab . Lange lag sie , gerüttelt , das Herz wie unter einem furchtbaren Drucke angstvoll hämmernd , ihrer selbst nicht Herr ; dann setzte sie sich auf und starrte vor sich hin , über den Bach , wo hinter den Weiden die grüne Matte anstieg . Sie hielt den Blick , unter gesenkten Lidern , nach dem Fuße des Hügels gerichtet , keine Wimper zuckte empor , um verstohlen nach dem Kamme zu sehen , ob dort noch das Gehöft stünde . Sie kehrte sich seufzend ab . Flüchtig streifte ihr Auge die Nachbarhütte , dann beschattete es die Hand , mit der sie sich über die Stirne strich . Nachdem sie eine geraume Weile nachsinnend gesessen , hob sie den Kopf und blickte unbefangen wie ein Kind , das eine Züchtigung vom vorigen Tage überschlafen . Sie zog das rechte Bein an sich , lockerte den Schuh und nahm ihn ab . Mit dem Absatze scharrte sie kleine Kiesel aus der Erde und schnellte sie mit der Spitze der Sohle gegen das Vorgärtchen der Nachbarhütte . Sie trieb dieses Spiel mit großem Eifer und sah jedem Steinchen nach , wie nah es fiel oder wie weit es traf , bis es ihr zuletzt gelang , paarmal hintereinander Steine in des Nachbars Garten zu werfen , die sie raschelnd durch die Büsche gleiten hörte ; da paßte sie sich den Schuh wieder an , erhob sich und trat in die Hütte . XII Muckerl war ohne Sträußchen auf dem Hute von der Stellung zurückgekehrt . Obwohl man das allgemein erwartete , so hatten doch die Kleebinderin und die Matzner Sepherl mit nicht geringem Bangen seiner Heimkunft entgegengesehen . Die Angst der alten Frau war übrigens ganz überflüssig , sie hätten ihr den Buben nicht genommen , und wäre der auch ein Riese gewesen , ja , er hätte sich nicht einmal zu stellen brauchen , wenn sie rechtzeitig gehörigen Ortes dagegen eingeschritten wäre , denn als der einzige Sohn einer Witwe , welcher deren Unterhalt bestreitet , war er militärfrei ; aber es nahm sich eben keiner die Mühe , sie darüber zu belehren . Wo es Pflichten zu erfüllen gilt , da weiß die Ortsobrigkeit auf Meilen in der Runde die Armen und Ärmsten zu finden , ihre Rechte - es sind deren nicht allzu viele - lehrt sie niemand suchen . Nach dem lärmenden Abzuge der Rekruten war es ziemlich stille geworden im Dorfe . Die Bauern , deren Söhne fortgezogen waren , fluchten leise , denn der Entgang zweier kräftiger Arme machte sich bald auf den kleinen Wirtschaften allerorten fühlbar ; nun mußten sich die Alten entweder in vermehrter Arbeitsplage selbst hinunterschinden oder in den Beutel langen und einen Knecht dingen ; es bedurfte just keiner besonderen Arbeitsscheu oder Sparsamkeit , um sie auf jene neidisch zu machen , die keine tauglichen Buben , aber dafür augenscheinlich mehr Patriotismus besaßen , indem sie oft nachdrücklichst ihren Söhnen erklärten : » Kerl , mir tut nur leid , daß dich der Kaiser nit gnommen hat , und wann er dich heut noch wollt , gleich könnt er dich habn ! « Ganz anders und , wie sich das bei ihnen von selbst versteht , edler dachten die Weibsleute von der Sache . Mütter und Schwestern bangten und sorgten nur , was aus dem Steffel , Seppel oder Martel würde , » wenn ein Krieg auskäm « , und gar die Dirnen , deren Schatz fortgezogen war , die machten sich über dieses Äußerste hinaus noch herzinnerste Sorgen , was das lustige Soldatenleben an ihrem liebn Bubn verderben könnte ? ! Warum sie sich besagtes Leben gar so lustig dachten , darüber konnten sie sich selbst oder wollten sie anderen nicht Rechenschaft geben ; aber so eine war wirklich gar übel daran ! Für einen Menschen , der mit der Eigenart seines Geschlechtes einigermaßen vertraut ist , hatte es gar nichts Auffälliges , daß die Männer , trotz ihrer rohen Anschauungen , wenig dem Glücke der alten Kleebinderin nachfragten , während diese , gerade der edleren , weiblichen Denkweise zufolge , mit einmal mehr Neiderinnen zählte , als sie je zuvor in ihrem ganzen Leben besessen . Gewöhnliche Naturen ziehen es indes vor , sich beneiden und nicht bedauern zu lassen , und Muckerls Mutter war eine sehr gewöhnliche . Wenn die Sonne über dem Hügel , auf dem der Sternsteinhof stand , heraufkam und das breit einströmende Licht in der kleinen Hütte alles glänzen und gleißen machte , was dazu angetan war , die Werkzeugklingen auf dem Arbeitstische des Burschen , die Bleche und Glasuren der Küchengeschirre , die Bilderrahmen und die Messingbeschläge der Schränke , da dünkte der alten Frau , das liebe Tagesgestirn leuchte wieder so wärmend und erfreuend , wie es das zu ihren besten Zeiten getan , wo sie als sorgenloses Kind , als aufgeweckte Dirn , als junges Weib und Mutter unter seinen Strahlen sich fröhlich tummelte und - bräunte . Am Sonntage , nachmittags , nach dem Segen , gingen die alte Kleebinderin und Muckerl , die alte Matzner und Sepherl zusammen durch das Dorf . Die beiden Alten trippelten nebeneinander her , und die zwei jungen Leute schritten ihnen vorauf . Die drei Frauenzimmer trugen erstaunlich große Gebetbücher in den Händen , es mochte viel Trost und Erbauung in einem solchen Platz haben . Wenn der Bursche an die Dirne ein Wort verlor oder diese eines an ihn , wackelten die zwei alten Weiber mit den Köpfen und sahen sich bedeutungsvoll an . » Du , Sepherl « , sagte Muckerl , » die Muttergottesin , die d ' bei mir bestellt hast , is fertig , der Anstrich is schon trocken , wann du willst , kannst s ' morgen schon in d ' Kirchen tragen . Ich hoff , du wirst zufrieden sein . « Er schmunzelte dazu . » Das mein ich schon auch « , sagte sie ernst . Daheim stellte er die Statuette auf seinen Arbeitstisch und fragte die Dirne , wie sie ihr gefalle . Sepherl stand lange davor mit wundernden Augen , dann sagte sie leise : » Weißt , die Schlange , das muß ich schon sagen , is dir gar gut graten , völlig fürchten könnt mer sich vor dem Vieh . « Muckerl lachte laut auf . » Und von der Heiligen sagst nix ? « » Die is z ' schön « , flüsterte die Dirne . » Gar z ' schön ! « lachte er noch lauter . » Schau , Muckerl « , fuhr die Sepherl fort , » du mußt mer ' s nit übel aufnehmen , ich red nur , wie ich ' s versteh , und ich versteh leicht gar wenig davon , aber schon lang wollt ich dir ' s sagen , deine Heiligen kommen mir doch alle vor wie reicher Leut Heilige . « » Reicher Leut Heilige - was benamst d ' als selbe ? « » Mein Gott , so Bildeln halt , was reicher Leut Augen schmeicheln , als ob gleich ihnen d ' lieben Heiligen ein Ansehn hätten , so füllig und ausgestalt , wie wenn ein gring Sorgen und Mühen dazu gehöret , daß eins sich ' s Himmelreich erstreit ! Zviel weltlich machst d ' Heiligen , und Männer und Weiber machen sich unterm Anschaun leicht andere Gedanken , wie sie sollten . « » Na , wie solln s ' denn deinm Dafürhalten nach nachher ausschaun ? « fragte gereizt der Bursche . » Dös weiß ich nit , dös kann ich nit sagen , aber so nit , Muckerl , wie die dein . So schaut keins aus nach überstandener Qual und Marter und harter Buß und schwerem Lebn , ehnder wie unsereins , hrunterkommen und zerrackert . « » Geh , dalkete Gredl , an meinsgleichen , was sich selber nit z ' helfen weiß , werd ich mich doch nit um Hilf wenden , das tu ich doch nur mit rechtem Vertraun ans ausbündig Schöne und ans alles Überwindsame , dem kein Not und Elend ankann . « » Du hast all dein Lebtag nit verstanden , was beten heißt , wann d ' dich einer Fürbitt wegen ans ausbündig Schöne halten willst und an was kein Not ankann und was auch dein Ungstalt nit begreift und dein Jammer nit versteht . « » Deinm Reden nach müßt mer wohl ' n Teufel schön machen und d ' Heiligen verunziern ? Nit ? Wann d ' dadraufhin noch nit einsiehst , wie d ' dalket daherplauscht und kein Begriff von der Sach hast , tust mer leid ! « » Kann ja sein , daß d ' recht hast , und ich hab ja gleich gsagt , daß ich möglich davon gar nix versteh ; aber dö Muttergottesin da is mein Bestelltes , und das werd ich wohl bereden dürfen , daß die mir nit gfallt , und , frei hraus , dö nimm ich nit , daß d ' es weißt . « » Aber warum denn nit ? « » Weil s ' af a Haar dem heillosen Nachbarsmensch , der Zinshofer Helen , gleicht . « » Gleicht , aber nit is ! « schrie Muckerl , im ganzen Gesichte erglühend . » Weht der Wind über das Eck ? Soll s ' vielleicht nach dir gschnitzt sein , du Hanfputz ? ! « Die Dirne starrte den Burschen mit ihren wundernden Augen ängstlich an , ihr weinerlicher Mund begann zu zucken , sie legte beide Hände vor die Brust und sagte nach einer Weile mit klagend dehnender Stimme : » Das wollt ich nit haben , Muckerl , daß d ' dich über mich erzürnst . So hoffärtig bin ich gar nit , daß ich nur dran denk , du könntst ein Bild nach mir schnitzen ; aber du wärst kein Christ , Muckerl , wann d ' nit einsähest , wie ein große Sünd das wär , wann mer ein solchs in der Kirch zur Andacht aufstellet , das einer gleichschaun möcht , die noch dazu in selbem Ort ' n Leuten unter ' n Augen herumlauft , und wär s ' auch d ' Bravste ; doch mit der hieß ' s d ' Heilig Jungfrau gradzu verschänden . « » Himmelherrgottsakkerment « , fluchte Muckerl , » so soll s ' gleich auch schon der Teufel holn ! « Er schwang das Schnitzmesser . » Jesses und Josef , Muckerl , der Herr verzeih dir dö Sünd ! « kreischte Sepherl und fiel ihm in die Rechte . » Na , laß nur « , sagte er , wieder gutmütig lächelnd . » Ich will ihr nur bissel d ' Nasn zustutzen . Wirst sehen - du weißt gar nit , was d ' Nasn in einm Gsicht bedeut - , wie gschwind sie anders ausschaun und niemand mehr gleichen wird . « Er begann zu schnitzen , während die Dirne mit eingehaltenem Atem über dem Werktische lehnte und ängstlich zusah , immer bereit , ihm das Messer zu entreißen , wenn ihr etwa scheinen sollte , daß es zu tief griffe . Muckerl legte schmunzelnd das Werkzeug weg . Er hatte den zarten Bug der Nase und den feinen Schwung der Nüstern ins Rundliche verschnitzelt , und die Madonna trug nun , obgleich es ihr gar nicht zu Gesichte stand , Sepherls Nase . Davon ahnte die Dirne freilich nichts , sie sah nur , daß die verhaßte und lästernde Ähnlichkeit gänzlich verschwunden war , und klatschte vor Freude in die Hände wie ein überglückliches Kind ; ihr Jubel lockte die beiden alten Frauen herbei , man bestaunte und belobte das Bildwerk nach Gebühr , während Muckerl die durch das Schnitzmesser bloßgelegten Stellen wieder mit Farbe bestrich . Als Sepherl mit ihrer Mutter sich zur Heimkehr anschickte , gab er ihr das Liebfrauenbild mit und schrie ihr , noch von der Schwelle aus , nach , » sie möcht sich wohl im Tragen vor der Himmelmutter ihrer nassen Nasen in acht nehmen « . So schieden sie unter fröhlichem und freudigem Lachen . Die Frauen wähnten die Erfüllung ihrer geheimen Wünsche und Hoffnungen so nahe bevorstehend , daß sie schon in wachen Träumen , hingeworfenen Andeutungen und halben Reden ein Glück vorzukosten begannen , von welchem der , dem sie alle sich dafür verpflichtet fühlten - nicht etwa Gott - , der Kleebinder Muckerl , gar nicht berührt wurde . Am andern Morgen , lange bevor noch die Glocken zur Frühmesse riefen , erwachte Sepherl . Ein feiner Duft von frischer Ölfarbe erfüllte die Stube . Das Mädchen besann sich , warf die Kleider über , schritt auf den großen Wäschschrein zu , auf welchem die Statuette stand , stützte die Ellbogen auf und faltete die Hände . » Allergebenedeiteste Jungfrau ! Weil ich dich noch da bei mir hab , erlaub , daß ich mit dir red ; denn wenn ich dich später zur Kirch bring , hat der Mesner ein Menge z ' fragen und z ' sagen , und die Leut drängen auch zu , so daß sich dort für mich kaum a Glegenheit schicken möcht , mit dir unter vier Augen z ' sein . Gar schön tät ich dich bitten , schenk ' m Kleebinder Muckerl ' n lieben Gsund völlig wieder , daß ihm kein Nachmahnung an sein Siechtum verbleibt , laß ' n gscheit werdn , daß er einsieht , wie ' n d ' Zinshofer Helen eigentlich gar niemal gern ghabt hat und seiner gar nit wert is , und wann dir recht wär , so hätt ich nix dagegn , wann du ihn mir zum Manne gäbst . Ich würd ihm schon treu bleiben und fleißig sein und alles verrichten und erleiden , was halt sonst noch im heiligen Ehstand not tut und sein muß , was du ja selber weißt , hochgebenedeite Gottesmutter und allerreinste Jungfrau ! « Als die Glocken klangen , nahm sie das Bild in ihre Arme und lief damit davon , sie lüpfte es , so schwer es war , küßte es auf die Wange , kurz , hätschelte es wie ein Kind seine Puppe ; plötzlich aber besann sie sich auf das Ungehörige ihres Gebarens und trug die Statuette , aufrecht gehalten und in gemessenen Schritten , nach der Kirche . Später fiel ihr oftmal der Gedanken schwer aufs Herz , ob sie sich nicht etwa durch ihre kindische , » unrespektierliche « Vertraulichkeit die himmlische Fürsprache verscherzt habe . Denn im Laufe desselben Tages noch , während sie am oberen Ende des Dorfes ihrer harten Arbeit nachging , trugen sich am unteren Ende Dinge zu , deren Folgen ihr manchmal den Stoßseufzer erpreßten : » Himmlische Gnadenmutter , ich will nit murren , aber das war damal doch nit schön von dir ! « Die Sonne stand schon ziemlich hoch am klaren Himmel , als der Kleebinder Muckerl in den rückwärtigen Garten trat und dort langsam auf und nieder zu schreiten begann . Die Luft fächelte lind und rein , denn der Bach sammelte in sein Bett den gerinnenden Schnee und wusch es vom Kies bis zum Uferrande ; die Knospen waren geplatzt , und Bäume und Büsche standen in Blüte oder jungem Grün , doch machte diese zarte Zier die Äste und Zweige noch nicht schatten und gab zwischendurch dem Blicke die weiteste Ferne und nächste Nähe frei . Ganz nah , vom verwahrlosten Nachbargarten her , schimmerten drei farbige Flecke , der rote Rock , das graue Linnenhemd und das bunte Kopftuch eines Frauenzimmers , das , am Boden kauernd , mit einem Messer die Erde eines Beetes lockerte und alles , was da schon grün aufgeschossen war , mit Stumpf und Stiel ausjätete . Daneben auf dem Kies lag eine Tüte von grauem , geschöpftem Papier , mit vergilbten Schriftzügen bedeckt , das » Taufzeugnis « eines , der lange nicht mehr lebte ; ein buntes Gemenge von Samenkörnern war daraus hervorgerollt , und über dieses furchtbare Geschütte und Gerölle suchte eben eine kleine Mücke zappelnd den Weg , welche wohl keinen Grund dafür wußte , warum sie sich nicht der Flügel , die ihr am Leibe angewachsen waren , bediente . Das eifrig geschäftige Weib hielt den Kopf tief gebeugt ; daß es jung war , das verrieten die vollen und doch sehnigen Arme , das verriet der runde Nacken , bei dessen wechselnder Bewegung sich das Hemd strammte und zugleich fältelte . Der Muckerl wußte gar wohl , wer das war . Er hatte die drei farbigen Flecke nur so nebenher wahrgenommen , und doch tanzten sie ihm Weges auf und ab vor den Augen . Aber brauchte er die Dirne zu scheuen ? Denk nicht ! Wie sie ihm auch begegnen mag , nicht ! Und wie sie das würd , das möcht ihn schon neugiern - schier - gwaltig auch noch . - Mit eins blieb er hart am Zaune , kaum zwei Schritte von ihr , stehen . Eine geraume Weile starrte er hinüber . Sie mußte wissen , daß und wie nah er zur Stelle sei , auch ohne ihn zu sehen ; sie mußte den Schritt , mit dem er plötzlich herangetreten , gehört haben . Der Schatten vom Rande seines Hutes streifte das Beet , in dem sie grub , aber sie jätete weiter , als hätte sie sonst auf nichts acht . Wollte sie es abwarten , bis er wieder fortginge ? Liegt ihr seine Näh so hart auf ? Schon recht ! Er will doch sehen , wer es eher müde wird . Nun räusperte sie leise und sagte , ohne aufzublicken , halblaut : » Bist du mir bös ? « Als er lange nicht antwortete , wandte sie ihm ihr Gesicht zu . Ihre Lider waren gerötet , die Augen sahen verweint aus . Da schüttelte er traurig den Kopf . Sie stieß das Messer in die Scholle , rückte auf den Knien herzu bis an den Zaun , griff den Saum ihres Rockes auf , reinigte ihre Finger von der Erde und sagte dann : » So gib mir dein Hand . « Er reichte sie ihr dar und sagte mit schluckender Stimme : » Ich bin dir ' s nit . « Sie sah ihn überrascht an : » Ich doch dir nit « , flüsterte sie . Er zog seine Hand zurück und rang sie mit der andern ineinander . » Helen , wie hast mir nur das antun können ? ! « Sie kehrte sich ab und bohrte mit dem Messer , das sie wieder ergriffen hatte , paarmal in die Erde . » Ich weiß ' s selber nit « , brach sie mit rauher Stimme los , es klang hart , fast abstoßend . » Es muß mich rein der Teufel gritten haben . Schad , daß mer ' s beredt ! Gschehens laßt sich nimmer ungschehn machen . « » Aber doch vergessen . « » Das kannst du ja leicht für dein Teil , wie überhaupt d ' Mannleut in denen Stücken besser dran sein . Redn mer von was andern . « Sie erhob sich , warf das Messer hinter sich und trat einen Schritt näher . » Därf mer bald gratuliern ? « » Wem meinst ? Und wozu ? « » Na , euch , dir und der Sepherl , ' m einm zum andern . « Er ward rot und verlegen wie ein Mensch , den eine schamlose Nachrede verwirrt . » Da bist falsch bericht « , stotterte er , » an so was denkt keins von uns zwein . « » Die Sepherl gwiß , das sag ich dir ; ich weiß das seit langem , ohne daß sie mir ' s hätt einzgstehn brauchen , noch von der Zeit her , wo wir miteinander gangen sein . « Muckerl seufzte tief auf . » Sie is wohl a brave Dirn , aber sie möcht mich bedauern , wann ' s so wär , wie du sagst ; an dein Stell kann keine treten . « » Und ich auch nit mehr an selbe zruck . « » Warum ? « fragte er eifrig . » Warum nit ? Warum sollt ' s jetzt , wo der Störenfried fort is , nit zwischen uns wieder werden können , wie es war ? « » Wir hätten uns ja heiraten sollen ! « lachte sie schrill und höhnisch auf . Es war ganz unangenehm anzuhören . Dann fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort : » Nach dem mittlerweil Gschehnen überlegst du dir ' s wohl , was ein andrer übelgmacht hat , gutzmachen , und ich bin zu gewitzt , als daß ich ' s mit einm zweiten noch verschlechter . « Der Bursche sah sie mit großen Augen an . » Ich versteh dich nit « , sagte er , » nur wann d ' meinst , daß ich ' s anders mein als ehrlich , so hast a falsche Meinung . « » Tschapperl « , sagte sie , ihm ganz nahe tretend und fest in die Augen blickend . » Du weißt eben wenig vom Gschehnen . War der Bub vom Sternsteinhof gegen dich grob , so war er gegen mich ein Schuft ! Daß ich dich aufgegeben und mich mit ihm einglassen hab , das muß ich jetzt schwer gnug büßen ; du kannst zfrieden sein ! Er hat versprochen , daß er mich zu seiner Bäuerin macht und ... Was soll ich dir ' s für dein ehrlich Meinen nit gleich da an der Stell sagen , was ich nit lang mehr vor ' n Leuten werd verbergen können ? ... In d ' Schand hat er mich gbracht ! « Der Bursche begann zu zittern , sein Antlitz ward kreidebleich , seine Mundwinkel zuckten , und die Augen , mit denen er die Dirne kläglich anstarrte , füllten sich mit Tränen . Sie wandte das plötzlich erglühende Gesicht von ihm ab , und mit beiden Händen ihn ober den Ellbogen fassend und sachte rüttelnd , raunte sie ihm zu : » Aber - Muckerl - es is ja nit wahr . « Er schüttelte leise . Da drückte sie den Kopf gegen seine Brust und rief schluchzend : » Es is wahr - ja , es is wahr - , ich bin ganz elend und verloren ! Stoß mich weg ! Stoß mich weg von dir ! « Aber er ließ sie gewähren , und nach einer Weile fühlte sie seine Hand ihren Scheitel begütigend streicheln . Und wie sie so an ihn geschmiegt war , mit gesenkten , tropfenden Wimpern , das Ohr an seinem hämmernden Herzen , vergalt sie ihm die Schwäche , die immerhin großmütige Schwäche , mit der er sie eine für ihn herbste Wahrheit nicht entgelten ließ , mit einer überzuckerten Lüge : » Wärst du mir je gekommen « - ihre Stimme stöhnte noch unter einzelnen Nachstößen des verwundenen Schluchzens - , » nur halb so aufdringlich wie der Lump , es könnt heut alls anders sein . « Der Bursche holte so aus dem Tiefinnersten Atem , daß es den Kopf der Dirne von seiner Brust wegstieß . » Helen « , stammelte er , » was will ich machen ? - Ich kann mir nit denken , ohne dich z ' sein . - Wenn ich dich doch nähm - « » Für den Fall - eh d ' weiterredst - laß dich bedeuten ! Wie ich jetzt vor dir steh , als ledige Dirn im Unglück , muß ich wohl dein wie jeds Menschen sein Mitleid dankbar hinnehmen ; nähmst du mich aber zum Weib - « sie richtete sich auf , legte ihre Hand schwer auf seine Schulter und fuhr hart und rücksichtslos fort : - » dann verlanget ich , behandelt zu werdn wie jeds anders solchs , und nachdem ich dir offen alles gebeicht und ehrlich gestanden hab , daß du mich unter dein Dach kriegst nit wie sonst der Brauch und auch nit allein , vertraget ich weder , daß du sagest , du hättst mich nur aus Mitleid gnommen , noch , daß du mir ein Vorwurf ausm Vergangenen machest ! « » Ich machet dir auch kein und tät schon rechtschaffen sorgen für dich und für das - andere . « Sie sah ihn mit großen Augen durchdringend an . » Dein Ernst ? « Er nickte und bot ihr beide Hände . Sie schlug ein und sagte kurz und fest : » Es gilt ! « Da aber überwältigte sie die Rührung über die Gutmütigkeit des Burschen , sie drückte seine Rechte an ihr Herz , dann an die Lippen . » Muckerl « , rief sie , » du bist doch mein wahrhafter Helfer in der Not ! Daß du mich so liebhast und vor der Schand errettst , das vergeß ich dir in alle Ewigkeit nit ! « Sie meinte es in diesem Augenblicke gewiß aufrichtig , aber , ach , die kurzlebigen Menschen denken nicht , wie viel an den Ewigkeiten , mit denen sie um sich werfen , oft eine kleine