liebes Riekchen , meine liebe , alte Freundin ! « Und während sie so sprach , war sie bemüht , ihr beim Ablegen behilflich zu sein und das Seidenmäntelchen an einen Haken zu hängen , an den die Kleine nicht heranreichen konnte . » Meine liebe , alte Freundin « , wiederholte Melanie . » Ja , das warst du , Riekchen , das bist du gewesen . Eine rechte Freundin , die mir immer zum Guten geraten und nie zum Munde gesprochen hat . Aber es hat nicht geholfen , und ich habe nie begriffen , wie man Grundsätze haben kann oder Prinzipien , was eigentlich dasselbe meint , aber mir immer noch schwerer und unnötiger vorgekommen ist . Ich hab immer nur getan , was ich wollte , was mir gefiel , wie mir gerade zumute war . Und ich kann es auch so schrecklich nicht finden . Auch jetzt noch nicht . Aber gefährlich ist es , soviel räum ich ein , und ich will es anders zu machen suchen . Will es lernen . Ganz bestimmt . Und nun erzähle . Mir brennen hundert Fragen auf der Seele . « Riekchen war verlegen eingetreten und auch verlegen geblieben , jetzt aber sagte sie , während sie die Augen niederschlug und dann wieder freundlich und fest auf Melanie richtete : » Habe doch mal sehen wollen ... Und ich bin auch nicht hinter seinem Rücken hier . Er weiß es und hat mir zugeredet . « Melanie flogen die Lippen . » Ist er erbittert ? Sag , ich will es hören . Aus deinem Munde kann ich alles hören . In den Weihnachtstagen war Reiff hier . Da mocht ich es nicht . Es ist doch ein Unterschied , wer spricht . Ob die Neugier oder das Herz . Sag , ist er erbittert ? « Die Kleine bewegte den Kopf hin und her und sagte : » Wie denn ! Erbittert ! Wär er erbittert , so wär ich nicht hier . Er war unglücklich und ist es noch . Und es zehrt und nagt an ihm . Aber seine Ruhe hat er wieder . Das heißt , so vor den Menschen . Und dabei bleibt es , denn er war dir sehr gut , Melanie , so gut er nur einem Menschen sein konnte . Und du warst sein Stolz , und er freute sich , wenn er dich sah . « Melanie nickte . » Sieh , Herzenskind , du hast nicht anders gekonnt , weil du das andre nicht gelernt hattest , das andre , worauf es ankommt , und weil du nicht wußtest , was der Ernst des Lebens ist . Und Anastasia sang wohl immer : Wer nie sein Brot mit Tränen aß , und Elimar drehte dann das Blatt um . Aber singen und erleben ist ein Unterschied . Und du hast das Tränenbrot nicht gegessen , und Anastasia hat es nicht gegessen und Elimar auch nicht . Und so kam es , daß du nur getan hast , was dir gefiel oder wie dir zumute war . Und dann bist du von den Kindern fortgegangen , von den lieben Kindern , die so hübsch und so fein sind , und hast sie nicht einmal sehen wollen . Hast dein eigen Fleisch und Blut verleugnet . Ach , mein armes , liebes Herz , das kannst du vor Gott und Menschen nicht verantworten . « Es war , als ob die Kleine noch weitersprechen wollte . Aber Melanie war aufgesprungen und sagte : » Nein , Riekchen , an dieser Stelle hört es auf . Hier tust du mir unrecht . Sieh , du kennst mich so gut und so lange schon , und fast war ich selber noch ein Kind , als ich ins Haus kam . Aber das eine mußt du mir lassen : ich habe nie gelogen und geheuchelt und hab umgekehrt einen wahren Haß gehabt , mich besser zu machen , als ich bin . Und diesen Haß hab ich noch . Und so sag ich dir denn , das mit den Kindern , mit meiner süßen kleinen Heth , die wie der Vater aussieht und doch gerade so lacht und so fahrig ist wie die Frau Mama , nein , Riekchen , das mit den Kindern , das trifft mich nicht . « » Und bist doch ohne Blick und Abschied gegangen . « » Ja , das bin ich , und ich weiß es wohl , manch andre hätt es nicht getan . Aber wenn man auf etwas an und für sich Trauriges stolz sein darf , so bin ich stolz darauf . Ich wollte gehn , das stand fest . Und wenn ich die Kinder sah , so konnt ich nicht gehn . Und so hatt ich denn meine Wahl zu treffen . Ich mag eine falsche Wahl getroffen haben , in den Augen der Welt hab ich es gewiß , aber es war wenigstens ein klares Spiel und offen und ehrlich . Wer aus der Ehe fortläuft und aus keinem andern Grund als aus Liebe zu einem andern Manne , der begibt sich des Rechts , nebenher auch noch die zärtliche Mutter zu spielen . Und das ist die Wahrheit . Ich bin ohne Blick und ohne Abschied gegangen , weil es mir widerstand , Unheiliges und Heiliges durcheinanderzuwerfen . Ich wollte keine sentimentale Verwirrung . Es steht mir nicht zu , mich meiner Tugend zu berühmen . Aber eines hab ich wenigstens , Riekchen : ich habe feine Nerven für das , was paßt und nicht paßt . « » Und möchtest du jetzt sie sehen ? « » Heute lieber als morgen . Jeden Augenblick . Bringst du sie ? « » Nein , nein , Melanie , du bist zu rasch . Aber ich habe mir einen Plan ausgedacht . Und wenn er glückt , so laß ich wieder von mir hören . Und ich komm entweder , oder ich schreibe , oder Jacobine schreibt . Denn Jacobine muß uns dabei helfen . Und nun Gott befohlen , meine liebe , liebe Melanie . Laß nur die Leute . Du bist doch ein liebes Kind . Leicht , leicht , aber das Herz sitzt an der richtigen Stelle . Und nun Gott befohlen , mein Schatz . « Und sie ging und weigerte sich , das Mäntelchen anzuziehn , weil sie gerne rasch abbrechen wollte . Aber eine Treppe tiefer blieb sie stehn und half sich mit einiger Mühe selbst in die kleinen Ärmel hinein . Melanie war überaus glücklich über diesen Besuch , zugleich sehnsüchtig erwartungsvoll , und mitunter war es ihr , als träte das Kleine , das nebenan in der Wiege lag , neben dieser Sehnsucht zurück . Gehörte sie doch ganz zu jenen Naturen , in deren Herzen eines immer den Vorrang behauptet . Und so vergingen Wochen , und Ostern war schon nahe heran , als endlich ein Billet abgegeben wurde , dem sie ' s ansah , daß es ihr gute Botschaft bringe . Es war von der Schwester , und Jacobine schrieb : » Meine liebe Melanie ! Wir sind allein , und gesegnet seien die Landesvermessungen ! Es sind das , wie Du vielleicht weißt , die hohen , dreibeinigen Gestelle , die man , wenn man mit der Eisenbahn fährt , überall deutlich erkennen kann und wo die Mitfahrenden im Coupe jedesmal fragen : Mein Gott , was ist das ? Und es ist auch nicht zu verwundern , denn es sieht eigentlich aus wie ein Malerstuhl , nur daß der Maler sehr groß sein müßte . Noch größer und langbeiniger als Gabler . Und erst in vierzehn Tagen kommt er zurück , worauf ich mich sehr , sehr freue und eigentlich schon Sehnsucht habe . Denn er hat doch entschieden das , was uns Frauen gefällt . Und früher hat er Dir auch gefallen , ja Herz , das kannst Du nicht leugnen , und ich war mitunter eifersüchtig , weil Du klüger bist als ich , und das haben sie gern . Aber weshalb ich eigentlich schreibe ! Riekchen war hier und hat es mir ans Herz gelegt , und so denk ich , wir säumen keinen Augenblick länger , und Du kommst morgen um die Mittagsstunde . Da werden sie hier sein und Riekchen auch . Aber wir haben nichts gesagt , und sie sollen überrascht werden . Und ich bin glücklich , meine Hand zu so was Rührendem bieten zu können . Denn ich denke mir , Mutterliebe bleibt doch das Schönste ... Ach , meine liebe Melanie ... ! Aber ich schweige , Gryczinskis drittes Wort ist ja , daß es im Leben darauf ankomme , seine Gefühle zu beherrschen ... Ich weiß doch nicht , ob er recht hat . Und nun lebe wohl . Immer Deine J. v. G. « Melanie war nach Empfang dieser Zeilen in einer Aufregung , die sie weder verbergen konnte noch wollte . So fand sie Rubehn und geriet in wirkliche Sorge , weil er aus Erfahrung wußte , daß solchen Überreizungen immer ein Rückschlag und solchen hochgespannten Erwartungen immer eine Enttäuschung zu folgen pflegt . Er suchte sie zu zerstreuen und abzuziehen und war endlich froh , als der andere Morgen da war . Es war ein klarer Tag und eine milde Luft , und nur ein paar weiße Wölkchen schwammen oben im Blau . Melanie verließ das Haus noch vor der verabredeten Stunde , um ihren Weg nach der Alsenstraße hin anzutreten . Ach , wie wohl ihr diese Luft tat ! Und sie blieb öfters stehen , um sie begierig einzusaugen und sich an den stillen Bildern erwachenden Lebens und einer hier und da schon knospenden Natur zu freuen . Alle Hecken zeigten einen grünen Saum , und an den geharkten Stellen , wo man das abgefallene Laub an die Seite gekehrt hatte , keimten bereits die grünen Blättchen des Gundermann , und einmal war es ihr , als schöß eine Schwalbe mit schrillem , aber heiterem Ton an ihr vorüber . Und so passierte sie den Tiergarten in seiner ganzen Breite , bis sie zuletzt den kleinen , der Alsenstraße unmittelbar vorgelegenen Platz erreicht hatte , den sie den » Kleinen Königsplatz « nennen . Hier setzte sie sich auf eine Bank und fächelte sich mit ihrem Tuch und hörte deutlich , wie ihr das Herz schlug . » In welche Wirrnis geraten wir , sowie wir die Straße des Hergebrachten verlassen und abweichen von Regel und Gesetz . Es nutzt uns nichts , daß wir uns selber freisprechen . Die Welt ist doch stärker als wir und besiegt uns schließlich in unserem eigenen Herzen . Ich glaubte recht zu tun , als ich ohne Blick und Abschied von meinen Kindern ging , ich wollte kein Rührspiel ; entweder - oder , dacht ich . Und ich glaub auch noch , daß ich recht gedacht habe . Aber was hilft es mir ? Was ist das Ende ? Eine Mutter , die sich vor ihren Kindern fürchtet . « Dies Wort richtete sie wieder auf . Ein trotziger Stolz , der neben aller Weichheit in ihrer Natur lag , regte sich wieder , und sie ging rasch auf das Gryczinskische Haus zu . Die Portiersleute , Mann und Frau und zwei halberwachsene Töchter , mußten schon auf dem Hintertreppenwege von dem bevorstehenden Ereignisse gehört haben , denn sie hatten sich in die halbgeöffnete Souterraintür postiert und guckten einander über die Köpfe fort . Melanie sah es und sagte vor sich hin : » A nine-days-wonder ! Ich bin eine Sehenswürdigkeit geworden . Es war mir immer das Schrecklichste . « Und nun stieg sie hinauf und klingelte . Riekchen war schon da , die Schwestern küßten sich und sagten sich Freundlichkeiten über ihr gegenseitiges Aussehen . Und alles verriet Aufregung und Freude . Das Wohn- und Empfangzimmer , in das man jetzt eintrat , war ein großer und luftiger , aber im Verhältnis zu seiner Tiefe nur schmaler Raum , dessen zwei große Fenster ( ohne Pfeiler dazwischen ) einen nischenartigen Ausbau bildeten . Etwas Feierliches herrschte vor , und die roten , von beiden Seiten her halb zugezogenen Gardinen gaben ein gedämpftes , wundervolles Licht , das auf den weißen Tapeten reflektierte . Nach hinten zu , der Fensternische gegenüber , bemerkte man eine hohe Tür , die nach dem dahintergelegenen Eßzimmer führte . Melanie nahm auf einem kleinen Sofa neben dem Fenster Platz , die beiden anderen Damen mit ihr , und Jacobine versuchte nach ihrer Art eine Plauderei . Denn sie war ohne jede tiefere Bewegung und betrachtete das Ganze vom Standpunkt einer dramatischen Matinee . Riekchen aber , die wohl wahrnahm , daß die Blicke Melanies immer nur nach der einen Stelle hin gerichtet waren , unterbrach endlich das Gespräch und sagte : » Laß , Binchen . Ich werde sie nun holen . « Eine peinliche Stille trat ein , Jacobine wußte nichts mehr zu sagen und war herzlich froh , als eben jetzt vom Platze her die Musik eines vorüberziehenden Garderegiments hörbar wurde . Sie stand auf , stellte sich zwischen die Gardinen und sah nach rechts hinaus ... » Es sind die Ulanen « , sagte sie . » Willst du nicht auch ... « Aber ehe sie noch ihren Satz beenden konnte , ging die große Flügeltür auf , und Riekchen , mit den beiden Kindern an der Hand , trat ein . Die Musik draußen verklang . Melanie hatte sich rasch erhoben und war den verwundert und beinah erschrocken dastehenden Kindern entgegengegangen . Als sie aber sah , daß Lydia einen Schritt zurücktrat , blieb auch sie stehen , und ein Gefühl ungeheurer Angst überkam sie . Nur mit Mühe brachte sie die Worte heraus : » Heth , mein süßer , kleiner Liebling ... Komm ... Kennst du deine Mutter nicht mehr ? « Und ihre ganze Kraft zusammennehmend , hatte sie sich bis dicht an die Türe vorbewegt und bückte sich , um Heth mit beiden Händen in die Höhe zu heben . Aber Lydia warf ihr einen Blick bitteren Hasses zu , riß das Kind am Achselbande zurück und sagte : » Wir haben keine Mutter mehr . « Und dabei zog und zwang sie die halb widerstrebende Kleine mit sich fort und zu der halb offengebliebenen Tür hinaus . Melanie war ohnmächtig zusammengesunken . Eine halbe Stunde später hatte sie sich so weit wieder erholt , daß sie zurückfahren konnte . Jede Begleitung war von ihr abgelehnt worden . Riekchens Weisheiten und Jacobinens Albernheiten mußten ihr in ihrer Stimmung gleich unerträglich erscheinen . Als sie fort war , sagte Jacobine zu Riekchen : » Es hat doch einen rechten Eindruck auf mich gemacht . Und Gryczinski darf gar nichts davon erfahren . Er ist ohnehin gegen Kinder . Und er würde mir doch nur sagen : Da siehst du , was dabei herauskommt . Undank und Unnatur . « Einundzwanzigstes Kapitel In der Nikolaikirche Es schlug zwei von dem kleinen Hoftürmchen des Nachbarhauses , als Melanie wieder in ihre Wohnung eintrat . Das Herz war ihr zum Zerspringen , und sie sehnte sich nach Aussprache . Dann , das wußte sie , kamen ihr die Tränen und in den Tränen Trost . Aber Rubehn blieb heute länger aus als gewöhnlich , und zu den anderen Ängsten ihres Herzens gesellte sich auch noch das Bangen und Sorgen um den geliebten Mann . Endlich kam er ; es war schon Spätnachmittag , und die drüben hinter dem kahlen Gezweig niedersteigende Sonne warf eine Fülle greller Lichter durch die kleinen Mansardenfenster . Aber es war kalt und unheimlich , und Melanie sagte , während sie dem Eintretenden entgegenging : » Du bringst soviel Kälte mit , Ruben . Ach , und ich sehne mich nach Licht und Wärme . « » Wie du nur bist « , entgegnete Rubehn in sichtlicher Zerstreutheit , während er doch seine gewöhnliche Heiterkeit zu zeigen trachtete . » Wie du nur bist ! Ich sehe nichts als Licht , ein wahrer embarras de richesse , auf jedem Sofakissen und jeder Stuhllehne , und das Ofenblech flimmert und schimmert , als ob es Goldblech wäre . Und du sehnst dich nach Licht ! Ich bitte dich , mich blendet ' s , und ich wollt , es wäre weniger oder wäre fort . « » Du wirst nicht lange darauf zu warten haben . « Er war im Zimmer auf und ab gegangen . Jetzt blieb er stehen und sagte teilnehmend : » Ich vergesse , nach der Hauptsache zu fragen . Verzeihe . Du warst bei Jacobine . Wie lief es ab ? Ich fürchte , nicht gut . Ich lese so was aus deinen Augen . Und ich hatt auch eine Ahnung davon , gleich heute früh , als ich in die Stadt fuhr . Es war kein glücklicher Tag . « » Auch für dich nicht ? « » Nicht der Rede wert . A shadow of a shadow . « Er hatte sich in den zunächststehenden Fauteuil niedergelassen und griff mechanisch nach einem Album , das auf dem Sofatische lag . Seiner oft ausgesprochenen Ansicht nach war dies die niedrigste Form aller geistigen Beschäftigung , und so durft es nicht überraschen , daß er während des Blätterns über das Buch fortsah und wiederholentlich fragte : » Wie war es ? Ich bin begierig , zu hören . « Aber sie konnte nur zu gut erkennen , daß er nicht begierig war , zu hören , und sosehr es sie nach Aussprache verlangt hatte , so schwer wurd es ihr jetzt , ein Wort zu sagen , und sie verwirrte sich mehr als einmal , als sie , um ihm zu willfahren , von der tiefen Demütigung erzählte , die sie von ihrem eigenen Kinde hatte hinnehmen müssen . Rubehn war aufgestanden und versuchte sie durch ein paar hingeworfene Worte zu beruhigen , aber es war nicht anders , wie wenn einer einen Spruch herbetet . » Und das ist alles , was du mir zu sagen hast ? « fragte sie . » Ruben , mein Einziger , soll ich auch dich verlieren ? ! « Und sie stellte sich vor ihn hin und sah ihn starr an . » Oh , sprich nicht so . Verlieren ! Wir können uns nicht verlieren . Nicht wahr , Melanie , wir können uns nicht verlieren ? « Und hierbei wurde seine Stimme momentan inniger und weicher . » Und was die Kinder angeht « , fuhr er nach einer Weile fort , » nun , die Kinder sind eben Kinder . Und eh sie groß sind , ist viel Wasser den Rhein hinuntergelaufen . Und dann darfst du nicht vergessen , es waren nicht gerade die glänzendsten metteurs en scène , die es in die Hand nahmen . Unser Riekchen ist lieb und gut , und du hast sie gern , zu gern vielleicht ; aber auch du wirst nicht behaupten wollen , daß die Stiftsanwärterin auf Kloster Himmelpfort an die Pforten ewiger Weisheit geklopft habe . Jedenfalls ist ihr nicht aufgemacht worden . Und Jacobine ! Pardon , sie hat etwas von einer Prinzessin , aber von einer , die die Lämmer hütet . « » Ach , Ruben « , sagte Melanie , » du sagst so vieles durcheinander . Aber das rechte Wort sagst du nicht . Du sagst nichts , was mich aufrichten , mich vor mir selbst wiederherstellen könnte . Mein eigen Kind hat mir den Rücken gekehrt . Und daß es noch ein Kind ist , das gerade ist das Vernichtende . Das richtet mich . « Er schüttelte den Kopf und sagte : » Du nimmst es zu schwer . Und glaubst du denn , daß Mütter und Väter außerhalb aller Kritik stehen ? « » Wenigstens außerhalb der ihrer Kinder . « » Auch der nicht . Im Gegenteil , die Kinder sitzen überall zu Gericht , still und unerbittlich . Und Lydia war immer ein kleiner Großinquisitor , wenigstens genferischen Schlages , und an ihr läßt sich die Rückschlagstheorie studieren . Ihr Urahne muß mitgestimmt haben , als man Servet verbrannte . Mich hätte sie gern mit auf dem Holzstoß gesehen , soviel steht fest . Und nun laß uns schweigen davon . Ich muß noch in die Stadt . « » Ich bitte dich , was ist ? Was gibt ' s ? « » Eine Konferenz . Und es wird sich nicht vermeiden lassen , daß wir nach ihrem Abschluß zusammenbleiben . Ängstige dich nicht , und vor allem , erwarte mich nicht . Ich hasse junge Frauen , die beständig am Fenster passen , ob er noch nicht kommt , und mit dem Wächter unten auf du und du stehen , nur , um immer eine Heil-Ablieferungs-Garantie zu haben . Ich perhorresziere das . Und das beste wird sein , du gehst früh zu Bett und schläfst es aus . Und wenn wir uns morgen früh wiedersehen , wirst du mir vielleicht zustimmen , daß Lydia Bescheidenheit lernen muß und daß zehnjährige dumme Dinger , Fräulein Liddi mit eingeschlossen , nicht dazu da sind , sich zu Sittenrichterinnen ihrer eigenen Frau Mama aufzuwerfen . « » Ach , Ruben , das sagst du nur so . Du fühlst es anders und bist zu klug und zu gerecht , als daß du nicht wissen solltest , das Kind hat recht . « » Es mag recht haben . Aber ich auch . Und jedenfalls gibt es Ernsteres als das . Und nun Gott befohlen . « Und er nahm seinen Hut und ging . Melanie wachte noch , als Rubehn wieder nach Hause kam . Aber erst am andern Morgen fragte sie nach der Konferenz und bemühte sich , darüber zu scherzen . Er seinerseits antwortete in gleichem Ton und war wie gestern ersichtlich bemüht , mit Hilfe lebhaften Sprechens einen Schirm aufzurichten , hinter dem er , was eigentlich in ihm vorging , verbergen konnte . So vergingen Tage . Seine Lebhaftigkeit wuchs , aber mit ihr auch seine Zerstreutheit , und es kam vor , daß er mehrere Male dasselbe fragte . Melanie schüttelte den Kopf und sagte : » Ich bitte dich , Ruben , wo bist du ? sprich . « Aber er versicherte nur , » es sei nichts , und sie forsche , wo nichts zu forschen sei . Zerstreutheit wäre ein Erbstück in der Familie , kein gutes , aber es sei einmal da , und sie müsse sich damit einleben und daran gewöhnen . « Und dann ging er , und sie fühlte sich freier , wenn er ging . Denn das rechte Wort wurde nicht gesprochen , und er , der die Last ihrer Einsamkeit verringern sollte , verdoppelte sie nur durch seine Gegenwart . Und nun war Ostern . Anastasia sprach am Ostersonntag auf eine halbe Stunde vor , aber Melanie war froh , als das Gespräch ein Ende nahm und die mehr und mehr unbequem werdende Freundin wieder ging . Und so kam auch der zweite Festtag , unfestlich und unfreundlich wie der erste , und als Rubehn über Mittag erklärte , » daß er abermals eine Verabredung habe « , konnte sie ' s in ihrer Herzensangst nicht länger ertragen , und sie beschloß , in die Kirche zu gehn und eine Predigt zu hören . Aber wohin ? Sie kannte Prediger nur von Taufen und Hochzeiten her , wo sie , neben frommen und nichtfrommen , manch liebes Mal bei Tisch gesessen und beim Nachhausekommen immer versichert hatte : » Geht mir doch mit eurem Pfaffenhaß . Ich habe mich mein Lebtag nicht so gut unterhalten wie heute mit Pastor Käpsel . Ist das ein reizender alter Herr ! Und so humoristisch und beinahe witzig . Und schenkt einem immer ein und stößt an und trinkt selber mit und sagt einem verbindliche Sachen . Ich begreif euch nicht . Er ist doch interessanter als Reiff oder gar Duquede . « Aber nun eine Predigt ! Es war seit ihrem Einsegnungstage , daß sie keine mehr gehört hatte . Endlich entsann sie sich , daß ihr Christel von Abendgottesdiensten erzählt hatte . Wo doch ? In der Nikolaikirche . Richtig . Es war weit , aber desto besser . Sie hatte soviel Zeit übrig , und die Bewegung in der frischen Luft war seit Wochen ihr einziges Labsal . So machte sie sich auf den Weg , und als sie die Große Petristraße passierte , sah sie zu den erleuchteten Fenstern des ersten Stockes auf . Aber ihre Fenster waren dunkel und auch keine Blumen davor . Und sie ging rascher und sah sich um , als verfolge sie wer , und bog endlich in den Nikolaikirchhof ein . Und nun in die Kirche selbst . Ein paar Lichter brannten im Mittelschiff , aber Melanie ging an der Schattenseite der Pfeiler hin , bis sie der alten , reichgeschmückten Kanzel gerad gegenüber war . Hier waren Bänke gestellt , nur drei oder vier , und auf den Bänken saßen Waisenhauskinder , lauter Mädchen in blauen Kleidern und weißen Brusttüchern , und dazwischen alte Frauen , das graue Haar unter einer schwarzen Kopfbinde versteckt , und die meisten einen Stock in Händen oder eine Krücke neben sich . Melanie setzte sich auf die letzte Bank und sah , wie die kleinen Mädchen kicherten und sich anstießen und immer nach ihr hinsahen und nicht begreifen konnten , daß eine so feine Dame zu solchem Gottesdienste käme . Denn es war ein Armengottesdienst , und deshalb brannten auch die Lichter so spärlich . Und nun schwieg Lied und Orgel , und ein kleiner Mann erschien auf der Kanzel , dessen sie sich , von ein paar großen und überschwenglichen Bourgeoisbegräbnissen her , sehr wohl entsann und von dem sie mehr als einmal in ihrer übermütigen Laune versichert hatte , » er spräche schon vorweg im Grabstein-Stil . Nur nicht so kurz . « Aber heute sprach er kurz und pries auch keinen , am wenigsten überschwenglich , und war nur müd und angegriffen , denn es war der zweite Feiertagabend . Und so kam es , daß sie nichts Rechtes für ihr Herz finden konnte , bis es zuletzt hieß : » Und nun , andächtige Gemeinde , wollen wir den vorletzten Vers unsres Osterliedes singen . « Und in demselben Augenblicke summte wieder die Orgel und zitterte , wie wenn sie sich erst ein Herz fassen oder einen Anlauf nehmen müsse , und als es endlich voll und mächtig an dem hohen Gewölbe hinklang und die Spittelfrauen mit ihren zittrigen Stimmen einfielen , rückten zwei von den kleinen Mädchen halb schüchtern an Melanie heran und gaben ihr ihr Gesangbuch und zeigten auf die Stelle . Und sie sang mit : » Du lebst , du bist in Nacht mein Licht , Mein Trost in Not und Plagen , Du weißt , was alles mir gebricht , Du wirst mir ' s nicht versagen . « Und bei der letzten Zeile reichte sie den Kindern das Buch zurück und dankte freundlich und wandte sich ab , um ihre Bewegung zu verbergen . Dann aber murmelte sie Worte , die ein Gebet vorstellen sollten und es vor dem Ohre dessen , der die Regungen unseres Herzens hört , auch wohl waren , und verließ die Kirche so still und seitab , wie sie gekommen war . In ihre Wohnung zurückgekehrt , fand sie Rubehn an seinem Arbeitstische vor . Er las einen Brief , den er , als sie eintrat , beiseite schob . Und er ging ihr entgegen und nahm ihre Hand und führte sie nach ihrem Sofaplatz . » Du warst fort ? « sagte er , während er sich wieder setzte . » Ja , Freund . In der Stadt ... In der Kirche . « » In der Kirche ! Was hast du da gesucht ? « » Trost . « Er schwieg und seufzte schwer . Und sie sah nun , daß der Augenblick da war , wo sich ' s entscheiden müsse . Und sie sprang auf und lief auf ihn zu und warf sich vor ihm nieder und legte beide Arme auf seine Knie : » Sage mir , was es ist ! Habe Mitleid mit mir , mit meinem armen Herzen . Sieh , die Menschen haben mich aufgegeben , und meine Kinder haben sich von mir abgewandt . Ach , so schwer es war , ich hätt es tragen können . Aber daß du dich abwendest von mir , das trag ich nicht . « » Ich wende mich nicht ab von dir . « » Nicht mit deinem Auge , wiewohl es mich nicht mehr sieht , aber mit deinem Herzen . Sprich , mein Einziger , was ist es ? Es ist nicht Eifersucht , was mich quält . Ich könnte keine Stunde leben mehr , wär es das . Aber ein anderes ist es , was mich ängstigt , ein anderes , nicht viel Besseres : ich habe deine Liebe nicht mehr . Das ist mir klar , und unklar ist mir nur das eine , wodurch ich sie verscherzt . Ist es der Bann , unter dem ich lebe und den du mit zu tragen hast ? Oder ist es , daß ich sowenig Licht und Sonnenschein in dein Leben gebracht und unsre Einsamkeit auch noch in Betrübsamkeit verwandelt habe ? Oder ist es , daß du mir mißtraust ? Ist es der Gedanke an das alte Heute dir und morgen mir . O sprich . Ich will dich nicht leiden sehen . Ich werde weniger unglücklich sein , wenn ich dich glücklich weiß . Auch getrennt von dir . Ich will gehen , jede Stunde . Verlang es , und ich tu