auch gleich wieder still . Herr Fritz , madame wird sich sehr freuen - freuen . Ich habe ihr gleich erzählt von Ihnen , und daß ich Sie habe gesehen in der Straße . Herr Just , Sie verlassen uns nicht heute abend ! Sie bleiben bei meinem Kind und bei unserem Kinde , wenn kommt die schlimme - terrible - Stunde . Wir brauchen einen guten Mann dann bei uns , Herr Vetter Everstein ! Und nun warten Sie , daß ich es ankündige , daß Sie da sind . « Sie führte uns in ein Nebengemach , und wir hatten nicht lange zu warten , bis man uns winkte . O über die goldengrünen Zweige , in denen wir uns wiegten , unsere Nester bauten und von der Welt träumten und auch als Kinder , nicht als ausgewachsene Leute und große Philosophen , die Welt für ein Spiel nahmen , in welchem wir mitspielen durften ! ... Am Sterbebette ihres Kindes ! Sie saß in dem verdüsterten Raume und hatte den Arm auf das Gitter des kleinen Lagers gestützt , und sie stand auch nicht auf , als wir leise in die Tür traten , sondern reichte uns nur die Hand und hob ihre gleichfalls fieberhaft glänzenden Augen zu uns empor . » O Just « , sagte sie , und dann zu mir gewendet , mit einem ganz anderen Ausdruck : » Schau , auch du , Fritz ! Ich sollte dich eigentlich jetzt wohl Sie nennen , denn wir haben uns so lange nicht gesellen und haben soviel erlebt in der Zeit , daß wir uns nicht gesehen haben . Aber ich hätte dich doch gleich wiedererkannt , Fritz , und ich habe auch keine Zeit , jetzt über das Schickliche nachzudenken . Lassen wir es also beim alten , wenn es dir recht ist , Fritz . « Es war noch die alte Stimme und doch auch eine ganz andere . Mit eisernem Griff drückte mir die Stunde die Kehle zusammen . » O liebe Irene- « Der Vetter Just hatte sich über das kranke Kind gebeugt . » Deine gute Mutter ist auch gestorben « , sagte die Jugendfreundin . » Ich habe mich sehr betrübt , als du mir das schriebest . Sie hat auch viel erlebt . Weißt du wohl noch , wie ihr zuerst nach Schloß Werden kamt ? Aber wir haben nachher doch noch eine glückliche Zeit für uns gehabt . Setze dich doch , Fritz - du mußt nicht gleich wieder fortgehen ; - aus alter Freundschaft , lieber Fritz ! Mein Vater ist gestorben - mein - Mann ist tot - nun stirbt mein Kind , mein armes , kleines , krankes Mädchen ! O Vetter Just , Vetter Just ! « Sie hatte sich mit einem Male rasch erhoben und dem Vetter laut weinend die Arme um den Hals gelegt . Sie schluchzte an seiner breiten , braven Schulter , als könne sie sich nimmer wieder beruhigen . » Das ist gut ; lassen Sie sie so ! « murmelte Mademoiselle Martin , ihr Taschentuch zwischen den Händen zerringend . Da fing das Kind leise an zu wimmern , und der Vetter , die Mutter aufrecht haltend , legte eine Hand auf die kleine Stirn auf dem weißen Kopfkissen . » Vetter Ju ! - Wehweh ! « winselte das Kind . » Herz , mein Herz « , rief Irene . » Wir sind ja alle bei dir ! Mama ist da , und wir bleiben alle bei dir - o großer Gott ! « » So wehweh ! ... Auf Arm , Vetter Ju ! « klagte das Kind von neuem und bat mit herzzerreißenden Schmerzenslauten . Der Vetter Just warf einen fragenden Blick auf Mademoiselle Martin , und sie nickte . Da nahm der Bauer vom Steinhofe sanft die Kleine aus ihrem Bettchen und setzte sich und hielt sie auf einem Kissen und in ihren Decken in seinen guten Armen , und sie wurde allgemach wieder ruhig und schlummerte schmerzloser der letzten , ernsten Stunde zu . O über den Sonnenschein und die goldengrünen Zweige , in denen wir uns wiegten , als wir Kinder waren ! Der Medizinalrat sah seinem Versprechen gemäß gegen Abend noch einmal vor . Er blieb sehr ernsthaft wieder mit seiner Uhr in der Hand eine Viertelstunde und sprach gemessen schickliche und beruhigende Worte zu der Mutter . Aber er war ein » glücklicher « Arzt , ein vielbeschäftigter , und hatte keine Zeit , hier das Ende abzuwarten , denn er hatte noch an verschiedenen anderen Orten dieselben geziemlichen und beruhigenden Worte zu sprechen . Wir aber hatten Zeit dazu : der Vetter Just Everstein und - gottlob ! - ich auch ! Achtzehntes Kapitel Ich habe es wohl vergessen , zu sagen , daß wir damals im März des laufenden Jahres waren . Der Tag war hell und trocken , wenn auch noch immer windig . Auf den verhängten Fenstern lag ein gut Teil des Tages hindurch die Vorfrühlingssonne , und in das Nebenzimmer schien sie voll hinein , bis sie hinter die gegenüberliegenden hohen Häuser hinabglitt . Wir verlebten diesen Tag vom Mittag an in diesen zwei Zimmern , dem verdunkelten und dem hellen , der Vetter Just und ich . Mademoiselle Martin deckte uns sogar in dem hellen Raume ein Tischchen und legte vier Couverts auf und stellte vier Stühle daran . Wir aßen daran zu Mittage , Mademoiselle , der Vetter und ich ; und auch Irene kam und setzte sich einmal zu uns . Da aber hatte der Vetter ihren Platz an dem kleinen Bette eingenommen . Wir gingen ruhelos ab und zu , aus der hellen Stube in die dunkle . Es wurde auch eine Zeitung gebracht , und Mademoiselle Martin reichte mir dieselbe . Ich nahm sie und habe sie bis in die Dämmerung hinein wohl hundertmal hingelegt und von neuem aufgenommen . Wer diese Weise , eine Zeitung , ein Buch oder sonst einen beliebigen Gegenstand in Angst , Herzensweh und - Langerweile , ja Langerweile , hin und her zu wenden durch die kriechenden Stunden , nicht kennt , der preise das Geschick , das ihm solchen Zeitvertreib ersparte , und bitte , daß es ihn auch fernerhin davor bewahre , sich daran halten , im vollsten Sinne des Wortes sich daran halten zu müssen , bis das schlimme , öde , tödliche Warten sein Ende gefunden hat , einerlei welches . So warteten wir an jenem Nachmittage . Das kranke Kind wimmerte und schlief und wimmerte wieder und schlief wieder . Die Mutter sang ihm mit leisester Stimme und kam zu uns und weinte und erzählte auch abgebrochen aus ihrem Leben und fragte nach dem meinigen . Wenn der Vetter Just irgend etwas sagte , so horchten wir alle mit momentan leichterem Atemholen ; aber auch er schwieg oft viel zu lange und wußte nichts zu sagen . Mademoiselle ging ab und zu ; - die war noch am besten dran , denn sie hatte den Haushalt für den kommenden Tag zu besorgen und von uns allen also das meiste um die Hand . Manchmal aber stand auch sie beschäftigungslos am Fenster , und ich bin fest überzeugt , dann haben sich Leute an den Fenstern drüben auf der anderen Seite der Gasse einander heiter auf sie aufmerksam gemacht : » Guck nur die Alte ! Wie in einem Bilde ! ... Die möchte ich mir freilich nicht am frühen Morgen über den Weg laufen lassen ! « » Die könnte Geschichten aus ihrer Seele erzählen , gegen die wir beide , Fritz , alle unsere Erlebnisse still zusammenpacken könnten « , flüsterte mir einmal der Vetter zu , mit dem Daumen über die Schulter auf die soeur ignorantine an dem Fenster hindeutend . » Was meinst du , wenn die am Jüngsten Gericht ihre auf Erden verschluckten Tränen auf einmal fließen läßt ? ! « » Ja , Just « , sagte ich » aber es läuft alles in einen Strom . Ich kann es dir nicht sagen , was für einen Damm das letzte Tribunal dagegen aufbauen wird , um nicht mit Sessel , Bank und grünem Tisch weggeschwemmt zu werden . « » Darf ich Ihnen noch eine Tasse Kaffee einschenken ? « fragte im Augenblick darauf Mademoiselle Martin . » Sie trinken ihn noch immer recht süß ? « Und ich sah in demselben Augenblick wieder vollständig genau die grünlackierte Zuckerdose von Schloß Werden vor mir und fühlte auf meinen Knöcheln den Schlag , mit welchem Mademoiselle meinen verstohlenen Griff in dieselbe zu verhindern gewohnt war , und hörte dazu das vorwurfsvolle Wort meiner Mutter : » Aber Fritz ? ! « und dabei das mutwillig glückselige Kichern der Komtesse Irene , der währenddem der Griff unbeachtet gelungen war . Die schwersten Tage , Stunden und Minuten erzeugen ihre geschwindesten , wunderlichsten und buntesten Phantasmagorien . Wenn wir zusammen sprachen , so sprachen wir sehr häufig von Eva Sixtus . Das Wort des Vetters : » Ach , wenn wir sie doch hier hätten ! « kam zur vollsten Geltung . Jede heller auftauchende Erinnerung an sie , jedes Geschichtchen von ihr aus der Kinderzeit war uns wie ein Trunk aus einer kühlen klaren Quelle an einem schwülen Tage und unter schwerer Mühe . Wir konnten sie uns auch heute noch nicht anders vorstellen als immer noch umgehen von dem alten Zauberreich der Erde , weiterlebend still und freundlich in dem süßen Licht , den Tönen und Düften des von uns verlorenen oder aufgegebenen Paradieses . Der Vetter Just , der natürlich am genauesten über sie Bescheid wußte und sie vor vierzehn Tagen noch gesprochen hatte , sagte : » Das ist auch so mit dem guten Mädchen , und sie verdient es wirklich . Schon die Art anzusehen , wie sie mit ihrem alten Papa und seinen Hunden und seinem kuriosen Papstbuche umgeht , ist ein wahres Vergnügen . Beiläufig , wenn ich an das Papstbuch denke , so fällt mir dabei jetzt immer Freund Ewald in England ein . Seit ich den braven Jungen dort besucht habe , meine ich in plain terms , daß ein gut Stück mehr als genug aus dem Schmöker an ihm hängengeblieben ist . Das hat sich der Papst Sixtus der Fünfte wohl auch nicht träumen lassen , daß man einmal im Königreich Großbritannien und Irland Ingenieurkunst und dergleichen nach seinen Maximen treiben würde . Ich wollte nur , er schriebe häufiger an unser Evchen und den Alten - den Mr. Ewald und nicht Seine Heiligkeit meine ich selbstverständlich . - Ja , das liebe , alte Försterhaus von Werden ! Daß die Regierung was daran gewendet habe , kann keiner behaupten ; aber ungemütlicher ist es darum doch nicht geworden . Im Gegenteil , nur noch gemütlicher hat es sich zwischen seine Lindenbäume , Büsche und Gartenkultur eingenistet - ihr wißt , angenuselt nennen wir das bei uns zu Hause . Über Bodenwerder hinaus ist , während wir anderen sämtliche Münchhausens Abenteuer in der Welt erlebten , weder Eva noch der Förster gekommen . O Irene , wie werden sie demnächst einmal Ohren , Nase und Mund aufsperren , wenn wir ihnen unsere Allerweltshistorien heimbringen ! Das steht fest , diesen Sommer treffen wir uns alle auf dem Steinhofe bei dem Vetter Just ! Wozu bin ich denn der Vetter Just , wenn ich das nicht ganz genau wüßte und dazu , daß es immer wieder Sommer wird , wenn es Winter gewesen ist ? Das steht fest wie der Magister matheseos , Fritze Langreuter ; jaja , Miss Martin , man kann es zu einer ungeheuren Gelehrtheit und Weisheit in der Welt bringen , wenn man nur seinerzeit an nichts denkt und die Leute reden und lachen läßt . Ein Verdienst war das damals aber bei mir nicht , sondern nur Blödigkeit und Schüchternheit und dazu Angst und Verwunderung , weil ich nur der dumme Junge auf dem Steinhofe war und die Welt und der Himmel umher so weit und voll und allmächtig - liebe Irene , bleib sitzen ich sehe schon nach dem Kinde ! « Sie wußte es , daß er ihren Platz an dem kleinen Schmerzenslager ebensogut ausfüllte als sie selber ; sie lief ihm doch vorauf in das verdunkelte Zimmer . Er ging aber dennoch mit ihr ; und Mademoiselle Martin und ich blieben uns an dem Kaffeetische allein gegenüber . » Haben Sie nicht vorhin gesagt , daß Sie an unserer Haustür mit M. le prince de * * zusammengetroffen seien , M. Fritz ? « fragte Mademoiselle . Ich bestätigte das noch einmal . » Sie wissen gar nichts von uns , Frédéric , und wenn Sie etwas sehr verwundert , so behalten Sie auch das für sich . Dies war immer Ihre manière so , schon als Sie noch so groß waren . « Sie zeigte es durch eine Handerhebung , wie hoch ich war , als ich bereits alle meine Verwunderungen für mich selber behielt . » Es tut mir leid , Mademoiselle Martin - « » Oh , es tut Ihnen gar nichts leid , monsieur le docteur , denn sonst hätten Sie sich schon nach vielen Dingen erkundigt . Par exemple : Wie kommen Sie nach Berlin , Mademoiselle ? .... Mais c ' est navrant - ces gémissements de la petite ! Bleiben Sie sitzen . Fritz , wir können doch nichts helfen dort , und der Vetter hilft der Komtesse . - Es ist der Fürst und seine Familie , die uns haben weggeholt von Wien und uns haben leben lassen hier . Das sind sehr gute Leute , und die Väter und Großväter haben sich auch schon geholfen gegenseitig depuis les siècles , und vorzüglich , als der Kaiser Napoleon war in Deutschland der Herr . Damals ist es monsieur le comte d ' Everstein-Werden gewesen , der helfen konnte ; aber das Glücksrad geht herum toujours , toujours , toujours ! Und Seine Durchlaucht ist gekommen und hat gesagt : Sie können nicht bleiben in Wien , madame la baronne . Je suis garçon , sonst sollten Sie wohnen in meinem Hotel in Berlin ; aber ich muß sein Ihr Vormund , das ist mir eine Pflicht . Sie sollen still leben in Berlin und die Vergangenheit vergessen ; ich werde alles besorgen . - Bien , was wäre aus uns geworden ohne ihn ? La grande mer hätte uns übergeschlungen . Voyez par exemple madame de * * und madame de * * und so viele andere arme Frauen dans la rafale de la vie ! So haben wir gelebt hier durch seine Herzensgüte und auf seine Kosten , bis neulich gekommen ist monsieur Just , der Herr Vetter von dem Steinhofe - oh , der Vetter Just , oh , und es ist sehr gut , daß Sie an unserer Tür haben einander vorgestellt den Herrn Fürsten und den Herrn Vetter . Wir hatten noch keine Gelegenheit dazu gehabt , denn Seine Durchlaucht waren verreist bis gestern . « In dem Nebengemache war das leise , klagende Gewimmer wieder still geworden , und der Vetter Just setzte sich wieder zu uns . Es war gegen sechs Uhr am Nachmittage und die Sonne eben dem Untergange nahe . Der Vetter seufzte schwer und gab wortlos der alten soeur ignorantine die Hand . Mademoiselle ließ die Schuhe von den Füßen fallen und ging auf den Strümpfen zu der Tür des Nebenzimmers , kam zurück und fragte : » Schläft sie auch ? Sie hat den Kopf mit auf das Kissen gelegt . « » Weiß nicht « , sagte der Vetter kaum hörbar . » Ich wollte es wohl , aber ich glaube es nicht . Sie horcht nur . « Wir horchten alle ; dann ging Mademoiselle mit ihren Pantoffeln in der Hand von neuem ihren Haushaltungsgeschäften nach , und in der immer mehr über uns hinsinkenden Dämmerung waren jetzt Just Everstein und ich wieder für eine Zeit allein einander gegenüber gelassen . » Es kann noch Stunden dauern . Ich kenne das leider nur zu genau aus mancher Ansiedlerhütte drüben , jenseits des Atlantic . Wir hatten dort immer nur Kalomel und wieder Kalomel ; aber es ist egal , denn es bleibt immer dasselbe , hier und im Hinterwalde . Die Mütter legen dann immer ihren Kopf mit auf das Kissen « , sagte der gelehrte Bauer vom Steinhofe . » Sie machen auch die Augen zu , und wer sonst dabeisitzt , kann nichts tun als stille sein . Wolltest du etwas sagen , Fritz ? « Ich hatte nur einen etwas tieferen Atemzug getan , und so fuhr gottlob der Vetter fort . » Man sitzt da still , wenn das Kind sterben will und die Mutter weiterlebt , und hat doch Zeit , an allerlei anderes zu denken . Von den größten und wirklichsten Wundern spricht , schreibt und druckt kein Mensch und kein Evangelium ! Dies ist nun so eine Stunde , in der man mancher Angelegenheit , welche man sonst nicht so leicht anrühren würde , freimütiger auf den Grund geht , weil alles rundum ernst genug dazu aussieht und selbst der Mißtrauischste nicht an pure Neugier oder albernen , überflüssigen Vorwitz denkt . Fritz Langreuter , unsere Eva Sixtus hatte dich einmal sehr gern . Weshalb hast du das nicht merken wollen ? « Es schwamm mir vor den Augen , die heißesten Blutwellen drängten sich nach dem Herzen und Hirn , es hämmerte sinnbetäubend ; der Boden schwankte unter mir . » Mich ? ... Ich ? ! « stammelte ich , und der Vetter Just ergriff meine Hand und hielt sie während des Folgenden in der seinigen fest . » Natürlich ! « murmelte er . » Er fragt ! Er weiß gar nichts ! Oh , wenn ich nur wüßte , wo ihr Menschenkinder in der besten Zeit eures Lebens eure Augen und Ohren hattet ! ... Dich hatte sie lieb ! « ... » Mich ? « wiederholte ich durch eine See von Wonne und Angst , nach einem unbekannten , noch unsichtbaren Ufer mich durchringend . » Wen denn anders ? « fragte der gelehrte Bauer vom Steinhofe , und ich fühlte , wie seine Hand dabei erzitterte ; und meine Angst , die tödliche Angst in mir , hatte darin ihren Grund , daß ich wußte , was dieses Zittern bedeutete . O Vetter Just ! Vetter Just ! Als ob er mit einem anderen spräche , den Blick in die Weite gerichtet , fuhr Just Everstein fort : » Da saß ich , der dumme , übergeschnappte Bauernjunge , um so manches Jahr älter als ihr , unter der Obhut und Vormundschaft von Jule Grote , zwischen meinen Düngerhaufen und Ackerfeldern , Wiese und Wald , und sah alles wie im Traume und doch ganz klar . Ich will nicht behaupten , daß ich der Gescheiteste von der Gesellschaft war , denn der ist und bleibt Freund Ewald , der ohne allen Traum und Duselei ebenfalls ganz klarsah und ganz genau wußte , wie er zu der Komtesse Irene stand und sie zu ihm . Er ist nicht ohne seine stichhaltenden Gründe in die Welt und nach Irland gegangen und schreibt wenig nach Hause . Wie vieles möchten wir anders haben in der Welt , was doch nicht sein kann ! Da sitzt sie ; - horch , und ihr Kind ist wieder wach , und sie spricht zu ihm , zu ihrem sterbenden Kinde ; und niemand darf sie fragen , ob es nicht doch möglich gewesen wäre , daß dies alles hätte anders sein können ! ... Von ihr und Ewald rede ich auch gar nicht ; da wird noch lange Zeit hingehen , ehe die Menschen es für etwas Selbstverständliches halten werden , auf der Erde zu ihrem Behagen unter dem rechten Dache zu Schauer zu kriechen . Nach deinen Versäumnissen möchte ich dich fragen , Fritz ! Nimm es mir nicht übel - es findet sich aber vielleicht keine bessere Stunde dazu in unserem Leben als diese gegenwärtige sehr melancholische und sehr - ich weiß nicht , wie ich mich darüber ausdrücken soll ! « Er sagte es wirklich , daß er nicht wisse , wie er sich über diese Stunde ausdrücken solle . Hätte er ein Wort dafür gefunden , so würde er freilich die deutsche Sprache für all ihre Zeit dadurch bereichert haben . Was mich anbetraf , so war es nicht nötig , daß er noch ein Wort fand oder erfand für sich . Ich wußte bis in die tiefste Tiefe seiner und meiner Seele hinein , was er mir deutlich zu machen gewünscht hatte . Aber ich ? ! ... In diesem Augenblick rief Irene aus dem Nebenzimmer angstvoll und laut unsere Namen . Der Vetter Just und ich kamen an diesem Abend nicht mehr dazu , unsere Privatangelegenheiten weiterzuerörtern . Gegen Mitternacht starb das Kind . Zweites Buch Erstes Kapitel Es ist nichts leichter , aber auch nichts schwerer , als eine gute Grabrede zu halten . Ich für mein Teil aber bleibe unter allen Umständen gern davon und lasse jedem beliebigen anderen das Wort . In dem vorliegenden Fall sprach der Vetter Just am Grabe , und er hielt seine Rede mit dem Regenschirm als Kanzeldach über sich , und der Regen fiel , während er so vor sich hin brummte , fein und leise nieder auf den kleinen , frischen Hügel zu unseren Füßen . Wir beide , der Vetter Just Everstein und ich , standen noch allein neben diesem Hügel . Die übrigen Trauergäste hatten bereits wieder ihre Kutschen bestiegen und waren abgefahren Durchlaucht , der Herr Vetter * * , unter ihnen . Der gutmütige Mann hatte es sich nicht nehmen lassen , gleichfalls , wenn auch etwas inkognito , seiner kleinen Verwandten das letzte Geleit zu geben . Er und der Vetter Just hatten in dem ersten Wagen den winzigen Sarg auf dem Rücksitz vor sich gehabt , und der Vetter Just konnte späterhin die Bemerkungen , die der andere Vetter während der Fahrt gemacht hatte , nur loben . Das leichte aristokratische Unbehagen darüber , daß die Leiche nicht in dem Erbbegräbnisse zu Dorf Werden beigesetzt werde , hatte der Bauer vom Steinhof ebenso leicht dem illustren Herrn hingehen lassen und das feste Versprechen desselben , auch fernerhin der armen Mutter nach seinen » beschränkten Verhältnissen « ein treuer Freund bleiben zu wollen , durch die Bemerkung , daß man der guten Freunde nie genug haben könne , entschieden gewürdigt . Aber ebenso entschieden hatte er dann seine Meinung dahin ausgesprochen , das beste werde sein , er , der Vetter Just , nehme fürs erste die Frau Baronin mal mit sich nach dem Steinhofe : » Und wenn auch nur , um den Nerven in der Nähe der alten Heimat Zeit zu gönnen , sich zu beruhigen . « - - - Doch nun zu der Grabpredigt , die der Vetter Just der Kleinen hielt . » Müde zu Bette gebracht « , murmelte er . » Keine Mama kann doch die Decke wärmer überlegen als Mutter Erde . Von dir gesagt , Fritz , klänge das gar nicht neu ; aber für mich als Landwirt ist hier das Allerälteste immerdar das Neueste und klingt auch so . Meinst du nicht ? - Nun sagt die Mama : Schlaf wohl und träume einen hübschen Traum , mein Herze ; oder noch besser , träume gar nicht , denn das letztere soll das Gesundeste sein . - Hast du etwas Weiteres bei dieser traurigen Gelegenheit zu bemerken , Doktor ? Wenn die Kinder zu Bette gegangen sind , pflegen doch gewöhnlich die Erwachsenen von ihren wichtigen Geschäften und Angelegenheiten zu reden oder holen die besten Ratschläge für den nächsten Morgen hervor . « » Sage du nur , was du zu sagen hast , Just - sowohl über die Schlafenden wie über die Wachenden . « » Zu sagen habe ich eigentlich nichts « , meinte der Vetter , mehr zu sich selber als zu mir gewendet . » Ich habe nur immer gefunden , daß solch ein Kinderbegräbnis ein eigen Ding ist . Du hast wohl weniger Gelegenheit als ich gehabt , dabei anwesend zu sein ; auf den Zwischenstationen zwischen der Alten und der Neuen Welt , in den jungen Ansiedelungen im Walde und dann und wann auch ein bißchen im Sumpfe hat man freilich mehr dergleichen . Der Mensch muß überall wie jedes andere Gewächs aus dem Boden herauswachsen , um ihn mit der dazu passenden Luft und dem Witterungswechsel von Anfang an gleich vertragen zu können und behaglich drauf zu leben und alt darauf zu werden . Ich habe den Steinhof auch nur deshalb zurückgekauft , und ich nehme unsere Irene einzig und allein aus demselben Grunde mit mir dahin zurück , und - du bist auch auf dem alten Stammgrund willkommen , alter Eingeborener - natürlich , wenn es dir deine Zeit erlaubt und du dich noch nicht bis zum Ekel an unseren früheren Verhältnissen hier akklimatisiert hast . « Da hätten wir denn wohl hiermit eine Grabrede für die Mehrzahl der Erdenbewohner ; denn für wie lange ist es dem Menschen gestattet , in dem Boden zu wurzeln , aus dem er aufwuchs , dachte ich . » Ach , nicht nur um die Kinderbegräbnisse ist es ein eigen Ding , sondern um die Begräbnisse und Grabstätten der Menschheit überhaupt ! Und inmitten der Gespräche , die geführt werden von den Erwachsenen , wenn die Kinder zu Bette gegangen sind , sind wir hiermit auch bereits , Vetter Just . « » So ein armes , geplagtes kleines Wesen ! « brummte Just Everstein kopfschüttelnd . » Es sieht uns in seinen Schmerzen fragend an und sagt : bitte , bitte ! - Ist das nicht wunderbar und schrecklich ? Da stehen wir denn nachher , wie wir beide hier jetzt , und holen aus tiefer Brust Atem , und niemand kann uns das verdenken ! Ich habe solche schlimmen , tiefen Atemzüge wohl hundertmal in Neu-Minden getan , und es war auf dem Nachhausewege doch nur ein leidiger Trost , daß immer noch so viele von ihnen da waren und übrigblieben , daß wir uns sogar wegen eines Schulmeisters für sie Sorgen machen mußten . Und dabei die Mütter , die übriggeblieben sind und bei der leeren Wiege sitzen oder das verlassene Spielzeug und die Schreibbücher in ihrer Schürze zusammentragen ! Sieh , da habe ich es uns denn so zurechtgelegt , daß Frau Irene ihren hiesigen Hausstand ganz aufgibt . Ich habe , wie du weißt , die Kleine in ihren Schmerzen , wenn es niemand anders , und auch die Mutter nicht , vermochte , zur Ruhe gebracht , und ich meine , wenn mir nur Zeit gelassen wird , bringe ich das auch mit der Mutter fertig . Ob ich einmal zu der Familie gehört habe , weiß ich nicht und kümmere mich auch nicht darum ; aber für den letzten männlichen Stammhalter der Eversteins halte ich mich in dieser Zeit doch ! Ein bißchen enge zusammenschachteln werden wir uns auf dem Steinhofe wohl müssen ; aber viel Gepäck nehmen wir ja nicht mit , und jedenfalls halten wir vorher Auktion , und im Notfall baue ich an . Ich bin gottlob drüben oft genug mein eigener Baumeister gewesen , um einen Kostenanschlag aufstellen zu können und mit wenigem einen hinreichenden Unterschlupf herzustellen . Es sind ja auch nur zwei Köpfe mehr , wenngleich freilich zwei Frauenzimmerköpfe . Aber da wollen wir uns dem anderen Geschlechte gegenüber doch auch nicht zuviel auf unsere Praktik zugute tun . Du hast keinen Begriff davon , Fritz , wie es gerade die Weiber sind , die sich in der Not zusammenzudrücken wissen , wenn sie auch sonst noch so viele überflüssige Kisten , Kasten und Hutschachteln mit sich herumschleppen und die Räumlichkeit auf dem Schiff , im Postwagen und auf der Eisenhahn beengen . Mit uns Mannsvolk ist ' s genau das Umgekehrte . Geht es uns gut , so haben wir in einem Winkel mit einer Zigarre genug ; aber geht es uns schlimm , so brauchen wir in unserer Phantasie zum mindesten das halbe Weltall , um Ellbogenraum für neue Dummheiten zu gewinnen . Im Grunde aber ist ' s für alle ein und dasselbige , einerlei , ob wir als Mann oder Weib durch die Welt laufen . Und , Gott sei Dank , die Phantasie ist auch in Irene Everstein noch hellauf - nicht ganz und gar nach der dunkeln Seite hin ! Du , liebster Fritz , kennst die Frau noch nicht lange genug wieder , um dieses beurteilen zu können , denn dazu gehört mehr als ein erster Blick und zwei und drei Besuche im Hause . Und dann - unsere liebe Eva ! Wie wird die mir helfen und beistehen ! Und hätte ich wohl ohne das Zutrauen zu ihr den Mut gehabt , bloß so auf meine eigene Verantwortung in solch ein betrübtes Menschenschicksal mit Rat und mit Tat einzugreifen ? Sie und daß wir den Winter so ziemlich hinter uns haben , das sind die Kerne , aus denen mein Trost aufwächst . Säße das gute Mädchen nicht im Dorfe Werden und würden nicht demnächst die Wälder wieder grün , so hätte die Sache freilich eine ganz andere Farbe . Aber nun geht die Sonne jeden Morgen früher wieder auf und am Abend später unter ; und - ich sehe es kommen ! Fritz , es ist mir eine wahre Beruhigung , daß ich es kommen sehe , und zwar im ganz natürlichen Verlaufe der Tage , von den Wochen und Monaten bis zum Eintritt des nächsten kürzesten Tages gar nicht zu reden ! Die Stunde kitzelt mich schon im voraus , wo Mamsell