ausdrückte . Eben darum begann er sich nun über Nathan , der es ihr ausredete , zu ärgern , hauptsächlich aber deshalb , weil dieser dabei gar so unverständlich sprach . So sprang er denn auch geradezu entzückt auf , als er auf die Worte der Daja stieß : » Wollt Ihr denn Ihr ohnedem schon überspanntes Hirn Durch solcherlei Subtilitäten ganz Zersprengen ? « » Recht hast du « , rief er , » Gottes Recht ! Was Subtilitäten heißt , weiß ich nicht , wahrscheinlich so viel wie Dreh ( talmudische Spitzfindigkeit ) . Ich versteh ' mich doch wahrhaftig auf Chassidim - aber großes Wunder - kleines Wunder - wahres Wunder - allgemeines Wunder - dagegen ist noch unser Rabbi ein Mensch mit einem graden Verstand . Und ich muß sagen , ich hab ' ihm unrecht getan , dem Lessing - er weiß , wie Juden sind ... « » Aber jetzt bin ich ja der Nathan « , unterbrach er sich und sprach die ihm unverständlichen Worte möglichst eindringlich , im Tonfall eines disputierenden Talmudisten und mit den eigentümlichen Handbewegungen , die ihn einst an seinen ersten Lehrern , den » Bachorim « , so belustigt hatten . So näselte er sich bis an den Auftritt mit dem Derwisch durch . Was dieser rätselhafte Name bedeute , verstand er auch nun nicht recht , aber so viel schien ihm gewiß : ein hochmütiger Bursche war er . Und demgemäß las er die Rolle in polterndem , prahlendem Ton , bis zu den Worten : - » gesteht , daß Saladin Mich besser kennt , Schatzmeister bin ich bei Ihm worden - « da richtete er sich noch stolzer auf , kniff die Augen halb zu und mühte sich , ein so hochmütiges Gesicht zu machen , als ihm irgend gelingen wollte . » Bist du verrückt ? « Urplötzlich tönte es ihm ins Ohr . Sender fuhr zusammen , fast hätte er das Büchlein fallen lassen . Es war Fedko ; der Jüngling hatte im Eifer des Lesens seinen Schritt überhört . » Zwei Uhr « , sagte der Alte . Und dann wiederholte er seine Frage : » Bist du verrückt ? « Sender erwiderte nichts . Seufzend schob er das Büchlein an seinen Platz und folgte dem Manne , der ihn fortwährend , wie ängstlich , betrachtete . Als sie unten vor der Pforte standen , sagte Fedko : » Höre , du mußt mir sagen , was du da oben treibst ... « » Ich lese . « Der Alte schüttelte unwirsch den grauen Kopf . » Das ist nicht wahr ! Sag ' die Wahrheit ! Nicht aus Neugierde will ich es wissen , sondern meiner Pflicht gemäß . « » Aber das kann dir doch gleichgültig sein ... « » Oho ! Als du mir gestern deine Bitte sagtest , habe ich mir gedacht : Der Senderko war schon als Kind nicht so , wie die anderen Juden , er ist wahrscheinlich ein gestohlenes Christenkind , und darum liegt es ihm im Blute , daß er sich nicht vor dem Kloster fürchtet . Aber jetzt habe ich dich getroffen , wie du mit den Händen herumwirfst und schreist und ein verzücktes Gesicht machst . Weißt du , wer sich so benimmt ? Entweder ein Verrückter - « » Ich bin bei Vernunft « , beteuerte Sender . » Dann noch schlimmer - ein Zauberer ! « sagte Fedko dumpf und bekreuzte sich . » Und bei einer Zauberei helfe ich nicht mit . Einmal ist keinmal - hoffentlich ist diesmal kein großer Schade geschehen . Aber du kommst nie wieder hinauf ! « Sender seufzte tief auf . Dann begann er zu flehen , seine Unschuld zu beteuern . Der Alte blieb hart . Sender versprach ihm , fortab nicht bloß am Sonntag , sondern auch am Mittwoch ein Fläschchen Slibowitz zu zahlen . Fedko ließ sich nicht rühren . » Du mußt mir sagen , was du oben treibst ? « wiederholte er . » Ich lerne ! « » Ich bin nicht so dumm « , sagte Fedko , » so lernt man nicht ! « So rückte denn Sender endlich mit der vollen Wahrheit heraus , aber es dauerte sehr lange , bis der Alte es annähernd verstand . » Kommedia « , murmelte er . » Was ist das für ein Einfall ! Kommedia machen unsere Bursche , wenn sie um Neujahr als die Drei Könige aus Morgenland von Haus zu Haus ziehen , aber was nützt das einem Juden ? ! « Indes - so viel war ihm nun doch klar : der Bursche war wohl eher verrückt , als ein Zauberer . Und daraufhin ließ es sich doch wieder wagen . » Das eine sage ich dir « , schloß er , » wenn ich im Kloster oder in der Stadt die geringste Verzauberung bemerke , so werde ich wissen , wer sie angestellt hat , und mich darnach benehmen ! « » Ich bin ' s zufrieden « , sagte Sender und eilte in die Werkstätte . Zehntes Kapitel Jossele Alpenroth , sonst ein sanftes , stilles Männchen , empfing ihn heute sehr mürrisch . » Es ist drei Uhr « , sagte er , » du hältst die Arbeitsstunde nicht ein . Auch sonst kann ich unmöglich mit dir zufrieden sein , endlich muß ich es dir doch sagen . Wenn das nicht besser wird , so kannst du gehen . « Das hätte sich Sender sonst wahrlich nicht zu Herzen genommen , das Handwerk war ihm ja in der Tat sehr gleichgültig . Heute traf es ihn hart . Denn weil er bei Jossele weder Kost noch Wohnung hatte , so hatte er sich eben vorgenommen , den Meister um einen kleinen Lohn zu bitten . Nur so konnte es ihm ja möglich werden , die Namenstage seines alten Freundes würdig zu feiern . Nun fand er natürlich nicht den Mut , die Bitte auszusprechen . Betrübt kam er des Abends heim . Es fiel ihm schwer , aber er mußte nun , wohl oder übel , die Mutter darum ersuchen . Frau Rosel hörte ihn nach ihrer Gewohnheit schweigend an , und fragte dann kurz : » Wozu ? « » Nun « , meinte Sender verlegen , » ich bin ja kein Kind mehr . Ein erwachsener Mensch fühlt sich ja wie ein Toter , wenn er so ohne Geld herumgeht . « » Warum verdienst du es nicht ? « » Aber ich bin ja noch Lehrling . « » Warum heiratest du nicht ? « » Hei-ra-ten ! « Sender war ebenso erstaunt wie erschreckt . » Ja , heiraten ! « wiederholte die Frau nachdrücklich . » Glückliche Eltern , die das Geld dazu haben , können schon früh das gottgefällige Werk tun und ihre Söhne im fünfzehnten , sechzehnten Jahre verheiraten . Mir ist dies Glück , dies Verdienst vor Gott nicht beschieden gewesen . Aber nun bist du über zwanzig Jahr ' alt - es ist die höchste Zeit , daran zu denken ! « » Nein ! « rief er heftig . » Wie ? « schrie sie auf . » Um Gotteswillen , Mutter , nein ! « fuhr er flehentlich fort und erhob abwehrend die Hände - an diese Gefahr für seine Pläne hatte er noch gar nicht gedacht ! » Willst du gar nicht heiraten ? « » Nein ! « » Niemals ? ! « schrie sie abermals gellend auf . » Niemals ! « erwiderte er ebenso laut , fast sinnlos vor Erregung . » Warum ? « stieß sie heiser hervor . » Aber was frage ich noch ! « fuhr sie murmelnd fort . » Ich weiß es ja ! « Ihre Stimme brach sich , die Tränen stürzten ihr plötzlich über die Wangen und sie begann krampfhaft zu schluchzen . Das war etwas so Ungewohntes , so Unerhörtes an dieser Frau , daß es dem Jüngling ins tiefste Herz griff . » Um Gotteswillen ! « rief er flehend . » Beruhige dich doch ! Niemals - ich habe es ja nur so gesagt - warum sollt ' ich niemals heiraten ? ! Ich meine nur - jetzt - jetzt könnt ' ich an alles andere eher denken ! Ich hab ' ja noch nichts , ich bin ja noch nichts , wie sollt ' ich ein Weib ernähren ? ! « Er mußte lange fortfahren , bis sie sich wieder gefaßt hatte . » Ist es nur dies ? « fragte sie endlich und blickte ihn scharf an . Er nahm sich zusammen und hielt den Blick aus . » Ja ! « » Dafür kann Rat werden ! « entschied sie . » Du wirst bald dein Brot verdienen . Und bis dahin kannst du ja von dem leben , was die Mitgift deiner Frau trägt oder auch von der Mitgift selbst , das ist auch noch durchaus kein Unglück , kein Leichtsinn . Die meisten heiraten so und es geht gut aus ! Also nächster Tage werde ich mit Itzig Türkischgelb reden . « Das war der geschickteste Heiratsvermittler von Barnow . Sender seufzte tief auf . » Nächster Tage « wiederholte Frau Rosel und strich mit der flachen Hand über die Tischdecke . Sender kannte die Bedeutung dieser Bewegung : die Sache war abgemacht . Es konnte ihn wenig trösten , daß er nun auch das erbetene Geld erhielt mit dem Versprechen , daß es ihm wöchentlich regelmäßig zukommen werde bis zur Vermählung . » Hoffentlich noch in diesem Winter « , schloß die Frau . Sender schlief in jener Nacht etwas später ein als sonst , aber wer so jung ist und so fest an sich selbst glaubt , bringt seine Sorgen leicht zur Ruhe . Bis auf weiteres genügte ihm die Möglichkeit , in der Klosterbibliothek » Weisheit « zu erwerben , und was die angedrohte Braut betraf , so konnte er sich wohl über die Entschlossenheit seiner Mutter keiner Täuschung hingeben , » aber « - dachte er - » ohne mich kann ' s doch eigentlich auch nicht geschehen und obendrein brauche ja nicht bloß ich mich zu entscheiden , sondern auch die Eltern der Braut können Nein ! sagen . Ich kann ja auch etwas dazu tun - umsonst heißen sie mich nicht den Pojaz ! « Seine Pflegemutter aber fand auch der grauende Morgen noch wach . » Er hat vielleicht zuletzt nicht gelogen « , dachte sie , » aber die Sache ist nicht leicht zu nehmen . Denn jenes Niemals hat sein Blut aus ihm herausgerufen , das unselige Blut , das vielleicht stärker ist als seine Liebe zu mir ! « Sie wollte tatkräftig eingreifen , auch diesmal den Kampf mit dem Dämon aufnehmen , aber das Herz war ihr schwer und kummervoll . Nachdem Sender nun das Geld hatte , die vielen Namenstage des Fedko würdig zu begehen , fand er sich wieder regelmäßig in der Bibliothek ein und las das » Spiel vom Juden Nathan « weiter , eifrig , aber mühsam und ohne vollen Erfolg , weil ihm das nötige Wissen zum rechten Verständnis fehlte . Über die unzähligen dunklen Stellen half ihm weder sein scharfer Verstand , noch sein starker dramatischer Instinkt genügend hinweg . Was er verstand , packte ihn freilich mächtig , schon deshalb , weil es ihm so neu war , eine unbekannte , fremde Welt , die Welt der reinen Menschlichkeit . Er war in einem Winkel der Erde geboren und aufgewachsen , wo die Binde des religiösen Vorurteils den armen Menschen so dicht um die Augen liegt , wie selten anderwärts . Als er nun mit ungemeiner Spannung aller Sehnen der Seele , so wie man eine unerhörte Entdeckung vernimmt , das Märchen von den drei Ringen las , da sank ihm diese Binde freilich nicht von den Augen , aber er erkannte doch , daß es Leute gegeben , die sie nicht getragen . Die Stelle beschäftigte ihn auf das Lebhafteste , er las sie immer und immer wieder , obwohl er dabei die Neugierde niederkämpfen mußte , wie » das Spiel ausgehen « werde . Aber wie oft er auch begeistert vor sich hinsprach : » Eine schöne Geschichte , eine wunderschöne ! Ich wollt ' , ich könnt ' sie gleich weitererzählen ! Und so sinnedig ( sinnreich ) ist sie ! « - er selbst vermochte sie nicht recht zu beherzigen , und die Mahnung » Wohlan So eifre jeder seiner unbestochnen Von Vorurteilen freien Liebe nach ! « wäre ihm unerfüllbar gewesen , auch wenn ihm ihr Sinn völlig klar aufgegangen wäre . » Wenn Nathan « , dachte er , » beweisen will , daß auch ein Jud ' , ein Christ , ein Türk ' ein braver Mensch sein kann , daß niemand glauben soll , nur er ist gut - da hat er recht . Aber wenn er vielleicht sagen will : Jeder Glaube ist der richtige - das ist , scheint mir , nicht wahr . Ich hab ' doch gewiß nichts gegen die Polen und bin schon zufrieden , wenn sie mich in Ruh ' lassen , aber daß ihre Religion so gut ist wie die meinige , kann ich nicht glauben . Denn warum bleib ' ich denn ein Jud ' , den alle schimpfen und bedrücken ? Da kann ich mich ja gleich taufen lassen ! Aber daß der Herr Lessing einen Juden so gerecht reden läßt , war doch schön von ihm . Die Leut ' hören es und denken sich dann : Warum sollen wir die Juden hassen ? - sie hassen ja auch uns nicht ... Und das ist gut , sehr gut ! Schad ' ist nur , daß nicht alle Polen Deutsch verstehen ! « Denn daß die Mahnung auch anderwärts nötig sein könnte , fiel ihm nicht bei . Hatte doch auch Nadler gesagt , daß die Juden heutzutage nirgendwo mehr so bedrückt seien , wie in Galizien ! Als er endlich nach mehreren Wochen mit der Dichtung fertig war , legte er sie mit sehr gemischten Empfindungen aus der Hand . Es kränkte sein Selbstgefühl , daß ihm so vieles unverständlich geblieben ; er räumte in Gedanken ein , daß dies nicht des Dichters Schuld sei , aber ärgerlich war es doch und verdarb ihm die Freude an dem Werke . Auch mißfiel ihm , daß die Leute seines Erachtens gar so viel redeten und zu wenig handelten - es ging doch zu wenig vor - kein Kampf , keine Schlacht , nicht einmal eine richtige Liebesgeschichte war darin . Eine Ahnung der sittlichen Größe der Dichtung überkam freilich auch ihn - » Er muß doch wirklich ein feiner Mensch gewesen sein « , urteilte er über den Dichter , » und gegen alle gut , nicht bloß gegen uns Juden . Aber daß er es auch gegen uns war , werd ' ich ihm nie vergessen ! « Darum empfand er es auch peinlich , daß ihm von jenen beiden » Spielen « , die er kannte , der » Nathan « nicht ganz so gut gefiel , als der » Schajelock « , obwohl doch in diesem die Juden nicht so gut wegkommen . Und wenn er gar nachdachte , wen er lieber darstellen wollte , den wilden , rachegierigen » Schajelock « oder den edlen , milden Nathan , so gab er vollends mit aller Entschiedenheit der unedleren Gestalt den Vorzug . » Nathan « , sagte er sich , » ist zwar der Bessere , aber er redet immer ruhige , vernünftige Sachen und hat keine großen Leiden und keine großen Freuden , Schaje aber - der kann immer schreien und herumlaufen und dies und jenes tun . Nathan wäre leichter zu machen , aber Schaje wäre mir doch lieber ! Natürlich aber den Schluß , den müßte ich machen , wie ich will ! « Das nächste , worüber er nun geriet , war » Emilia Galotti « . Aber hier kam kein Jude vor , und in diesem seinen Intriguennetze vermochte sich der arme Sender vollends nicht mehr auszukennen , so peinliche Mühe er sich auch gab . Auch war ihm natürlich die Sprache zu gebildet . Da las er zum Beispiel die Szene zwischen dem Fürsten und dem Maler , las sie wohl an die zehn Male , und begriff noch immer nicht , worüber die Herren sich eigentlich unterhielten . Je weiter er kam , desto dunkler ward es um ihn , und schließlich wurden ihm die feingefügten Szenen zu einem Irrgang , in welchem er nur noch aus Pflichtgefühl umherschlich . Brennend empfand er die Sehnsucht nach einem Lehrer und Rater , und dabei dämmerte ihm auch zuweilen die Erkenntnis auf , daß dieses Lesen von » Spielen « vielleicht doch nicht jenes » Lernen « sei , welches ihm der Direktor in Czernowitz so dringend ans Herz gelegt . Tag für Tag fand er sich ums Mittagsläuten pünktlich an der Tartarenpforte ein , aber von Tag zu Tag zaghafter und betrübter . Hiezu kam noch eine äußere Bedrängnis . Der Winter war hereingebrochen , und das ist ein grimmiger Gast in der großen Ebene , welche schutzlos dem Nord- und Ostwind preisgegeben ist . Im Saale der Bibliothek herrschte die Temperatur eines wohlgepflegten Eiskellers . So oft Sender die Treppe emporstieg , klapperten ihm schon beim bloßen Gedanken an diese Kälte die Zähne , und während der beiden Stunden mußte er wie wahnsinnig auf und ab rennen , stampfen und um sich schlagen , um nicht zu erstarren . Der alte Fedko , der bisher weder im Städtchen noch im Kloster durch eine besondere Zauberei beängstigt worden und daher immer mehr zu der Überzeugung kam , daß sein armer Senderko nur eben ein stiller Wahnsinniger sei , Fedko also fühlte Mitleid mit » diesem merkwürdigen Juden « , und brachte einmal eine wohlgefütterte Kutte herbeigeschleppt . » Da schlüpf ' hinein « , riet er , » die Kutte hat dem Pater Ämilius gehört , er hat sie immer angezogen , wenn er hier in der Bibliothek ein Buch gesucht hat . « Aber Sender sträubte sich lange , das Mönchsgewand anzuziehen , und als er es endlich an einem besonders kalten Tage dennoch tat , da war es ihm , als hätte er eine schwere fast unsühnbare Sünde auf sich genommen . Einige Tage später hatte er eine Unterredung , welche das Maß seiner Sorgen und Bekümmernisse voll machte . Als er nämlich eines Abends heimkam , fand er bei seiner Mutter im warmen Stübchen einen Mann sitzen , den er sonst sehr gern gesehen hatte , seit einigen Wochen aber so ängstlich mied , als wäre es der leibhaftige Teufel . Das war Itzig Türkischgelb , der fröhliche » Marschallik « ( Lustigmacher ) und Heiratsstifter von Barnow , in seiner Art auch ein » Pojaz « und wahrlich nicht der langweiligste , klug und wohlwollend , immer fröhlich , freilich auch immer durstig . Sender war damals vielleicht der einzige Mensch in Barnow , der die Gesellschaft dieses feuchten Greises fürchtete . Denn Itzig Türkischgelb war eine überaus beliebte Persönlichkeit , und verdiente dies auch durch seine Bravheit und ewig muntere Laune . In Häusern , wo sich heiratfähige Kinder fanden , war er besonders wohlgelitten , denn er stand im Rufe , daß er selbst das häßlichste Mädchen , den ungeschicktesten Tölpel anzubringen wisse , sofern er sich nur recht der Sache annehme . Nur die Mädchen liefen vor ihm davon , weil er seinem Witz und seiner Phantasie gern freien , sehr freien Lauf ließ . Aber Sender war kein Mädchen , und darum hatte er bei Gastmählern und Hochzeiten manche fröhliche Stunde mit dem Alten verbracht und so wacker in allerlei Schwänken mit ihm gewetteifert , daß die Leute oft kaum zu sagen wußten , wer sie besser unterhalten habe , ob der gemietete » Marschallik « oder sein freiwilliger Nebenbuhler . Jetzt freilich wurde Sender bleich , als er den alten Kumpan da sitzen sah , und blickte ihn finster an . Aber Itzig bemerkte es nicht , oder tat so , als ob er es nicht bemerkte . » Sender « , rief er ihm fröhlich entgegen , » sei so gut und mach ' den Mund auf und sag ' Ja ! « Aber Sender blieb finster . » Was wollt Ihr ? « fragte er kurz . » Daß du Ja sagst « , erwiderte der Alte freundlich . » Wenn du aber vielleicht müde bist , so brauchst du nur mit dem Kopfe zu nicken , und es ist uns auch genug - nicht wahr , Frau Rosel ? « Die Frau richtete auf ihren Sohn einen Blick , dessen Macht Sender wohl kannte , denn er schlug sofort die Augen nieder . » Wir haben es dir zum Guten ausgedacht « , sagte sie scharf . » Reb Itzig wird dir sagen , um was es sich handelt - « » Ich kann es mir denken « , sagte Sender , » und ich glaube ... « » Höre ! « befahl die Frau kurz . » Redet , Reb Itzig ! « » Es handelt sich « , begann der » Marschallik « behaglich und wiegte sich hin und her , » um eine Blume ! Eine schönere und duftigere Blume ist noch nie in einem Garten gewachsen , seit uns das Paradies verschlossen ist . Es handelt sich um einen Schatz ! Kein Mensch in unserer Gemeinde oder im Barnower Kreis hat noch je einen solchen Schatz besessen . Es handelt sich um einen Diamant ! Ein so kostbarer Diamant ist noch nie gefunden worden , seit die Welt steht , und sogar der Kaiser in seinem goldenen Haus in Wien wünscht sich ihn umsonst ! Es handelt sich - « » Und wie heißt dieser Diamant ? « fragte Sender spöttisch . » Wie soll ein Diamant heißen ? ! « war die Antwort . » Diamant ! « » Wie ? « » Chaje Diamant , die Tochter von Reb Mortche Diamant , dem Uhrmacher von Mielnica . « Darauf folgte eine lange Stille . Sender schwieg und biß sich die Lippen blutig . » Der gute Jung ' ! « rief Türkischgelb . » Auf so ein Glück war er gar nicht gefaßt ! Aber ist das ein Wunder ? Wirklich ! Ein solches Glück kann einem die Red ' verschlagen ! Erstens ist das Mädchen schön wie die Sonne , weiß wie Schnee , rot wie Blut , frisch wie ein Fisch , dick und schwer , daß das ganze Haus zittert , wenn sie auf den Fußspitzen herumschleicht , und gesund ist sie wie das ewige Leben . Eher stürzt der Himmel ein , als daß die auch nur den Schnupfen bekommt . Zweitens ist Reb Mortche der geschickteste Uhrmacher im ganzen Land und sein Geschäft ist das beste Geschäft auf der ganzen Welt , und seinen Schwiegersohn will er in dieses Geschäft aufnehmen und für das ganze Leben versorgen wie einen Herrn , wie einen Baron , wie einen Grafen , wie einen Fürsten , wie einen Kaiser . Drittens ist das Mädchen klug wie der Tag , freundlich und still wie der Mond , und versteht zu kochen , daß alle Weiber von ganz Israel bei ihr lernen sollten . Neulich , wie ich bei Reb Mortche war , hat sie Fische gekocht in der braunen Brühe mit Rosinen - das waren Fische - Sender , Fische waren es - auf Ehre , ich kann nicht weiterreden , wenn ich an diese Fische denke , das Wasser läuft mir im Munde zusammen - ich kann nicht weiterreden - « » Es ist auch nicht nötig « , sagte Sender finster . » Freilich ist es nicht nötig « , erwiderte der Vermittler , » du weißt schon jetzt genug , um gleich Ja ! zu sagen , zu rufen , zu schreien . Aber das Glück , das auf dich wartet , ist noch viel größer ! Denn wer hat eine schönere Ausstattung als deine Chaje ? Auf Ehre - eine Prinzessin könnt ' gleich sterben vor Neid , wenn sie diese Hemden anschaut , diese Röcke , diese Polster , diese Leintücher , diese Tischtücher , diese Handtücher , diese Kleider , diese Hauben , diese Mantillen ! Und dazu Ohrringe und Armbänder und Ketten und Broschen und eine Uhr , man kann blind werden , wenn man es lange anschaut , so groß ist die Pracht . Und dann die Mitgift ! Gott ! hab ' ich zu Reb Mortche gesagt , daß Ihr ein reicher Mann seid , hab ' ich gewußt , wie jeder Mensch im Kreise - aber so ein Vermögen - so ein Vermögen - ich hab ' nicht ausreden können vor Staunen . Denn was meinst du , was deine Braut mitbekommt ? Halt dich an den Tisch oder setz dich hin , sonst fällst du um vor Freud ' ! Sechshundert Gulden , bare sechshundert Gulden ! Nun freilich , es ist ja das einzige Kind - « » Das ist nicht wahr ! « unterbrach ihn Frau Rosel . » Bleibet bei der Wahrheit , Reb Mortche hat andere Töchter . Aber Sender kann dennoch glücklich sein , wenn er ihn zum Schwiegersohn nimmt . « » Warum lasset Ihr mich nicht ausreden ? « fragte Itzig Türkischgelb ohne jede Verlegenheit , » freilich hat er noch eine Tochter , aber die ist doch schon verheiratet , wozu soll ich unserem Sender von ihr erzählen ? ! - Soll er denn die auch nehmen ? ! Wenn ich aber schon von ihr rede , so sollst du auch gleich wissen , wen du zum Schwager bekommst . Der Mann von der Ältesten ist ein Ururenkel vom Rabbi von Mielnica und außerdem der größte Fuhrherr von Czernowitz , Meyer heißt er und mit dem deutschen Namen Strisower ... « » Der ! « lachte Sender höhnisch . » Rot-Meyerl ! Einen Karren hat er und zwei Schindmähren ... « » Soll ein Lohnkutscher vierspännig fahren ? ! « rief Türkischgelb fast entrüstet . » Und was seine Pferde betrifft , der Kaiser hat keine solchen Rappen - « » Da habt Ihr recht ! Solche gewiß nicht ! « » Genug ! « befahl Frau Rosel . » Die Rappen heiratest du nicht ... Übrigens sind noch zwei jüngere Töchter im Hause , aber ... « » Es ist doch das größte Glück « , fiel Türkischgelb ein . » Ich hab ' von den beiden gar nicht gesprochen , vielleicht sind es sogar drei - denn ist es mein Geschäft , mich um Kinder zu kümmern ? Ich kümmere mich um Erwachsene ! Und wie sollen dir diese vier kleinen Kinder im Wege sein und wie sollen sie dir dein Glück stören ? Als guter Mensch , als guter Schwager wirst du sagen : Gott lasse alle fünf gesund aufwachsen und gebe ihnen gute , tüchtige Männer , wie ich bin ! Ja , so wirst du sprechen , Sender , denn ich kenn ' dein gutes Herz ! « » Fünf ? « fragte Frau Rosel sichtlich unangenehm überrascht . » Ich glaube « , sagte Itzig Türkischgelb unbefangen . » Reb Mortche ist auch in dieser Beziehung ein gesegneter Mann . Am Ende sind es gar sechs . Möglich ist es , verschwören will ich es nicht . Denn mich , wie gesagt , kümmert nur mein Geschäft ! Und ob nun zwei kleine Töchterchen im Hause sind oder noch vier andere dazu , ist deshalb diese schöne , kluge , dicke Chaje ... « » Wie viele sind ' s nun aber wirklich ? « unterbrach ihn Frau Rosel mit scharfer Stimme . » Sieben ! « gestand er . » Aber ist deshalb , frag ' ich , diese schöne , kluge , dicke Chaje häßlicher , magerer , dümmer ? ! Kann sie deshalb keine Fisch ' kochen ? Fehlt deshalb etwas an der Aussteuer oder an den baren sechshundert Gulden ? Oder wird Sender deshalb nicht ins Geschäft aufgenommen und ist darum auf Lebenszeit ein versorgter Mann ? ! Und ist dies Geschäft nicht ... « » Auch was das Geschäft betrifft , müßt Ihr ihm die volle Wahrheit sagen « , fiel ihm Frau Rosel ins Wort . » Dein Schwiegervater nimmt dich nur für fünf Jahre ins Haus . Während der Zeit arbeitest du in seiner Werkstätte und bekommst mit deiner Familie freie Kost und Wohnung . Die sechshundert Gulden werden für dich auf Zinsen angelegt . Nach fünf Jahren kannst du dir damit eine andere Werkstätte ankaufen oder selbst einrichten ! « » Nun , was sagst du ? ! « rief Türkischgelb begeistert . » Ist das nicht noch viel schöner , als wenn du etwa immer dort bleiben müßtest und noch zehn Jahre oder zwanzig oder gar vierzig Jahre deinen Schwiegervater als Herrn über dir hättest ? Ist das nicht viel schöner , als wenn du dir dein Leben lang die Nachrede gefallen lassen müßtest : Er hat sein Geschäft vom Schwiegervater geerbt , allein hat er ' s nicht so weit gebracht ? ! Nu , hab ' ich recht oder nicht ? ! « » Darüber läßt sich streiten « , sagte Frau Rosel . » Aber über die Hauptsache nicht : daß diese Partie deshalb doch ein großes Glück für einen Menschen ist , der nichts hat , auch nichts erben wird , der schon vieles versucht hat , eh ' er Uhrmacher geworden ist , und es auch jetzt noch nicht weit in seinem Handwerk gebracht hat . Darum hat mich auch alles andere nicht gestört , was Sender