Hieraus ergab sich als Hauptübel überdies eine ungleiche und unsichere Behandlung der Jugend und die Möglichkeit jener wunderlichen Katastrophen und Abenteuer , deren Opfer bald der Lehrer , bald der Schüler wurde . Es lehrte an unserer Schule ein Mann , welcher mit gutem Willen und ehrlichem Sinn eine große Unerfahrenheit , mit der Jugend umzugehen , und ein schwächliches und seltsames Äußeres verband . Er hatte in dem Kampfe , welcher den Umschwung der Dinge und besonders das erneute Schulwesen herbeiführte , tapfer mitgewirkt und war in der altgesinnten Stadt als ein leidenschaftlicher Liberaler verschrieen . Wir Knaben waren allzumal gute Aristokraten , mit Ausnahme derer , die vom Lande kamen . Auch ich , obgleich meines Ursprunges halber auch ein Landmann , aber in der Stadt geboren , heulte mit den Wölfen und dünkte mich in kindischem Unverstande glücklich , auch ein städtischer Aristokrat zu heißen . Meine Mutter politisierte nicht , und sonst hatte ich kein nahestehendes Vorbild , welches meine unmaßgeblichen Meinungen hätte bestimmen können . Ich wußte nur , daß die neue radikale Regierung einige alte Türme und Mauerlöcher vertilgt hatte , welche Gegenstand unserer besonderen Zuneigung gewesen , und daß sie aus verhaßten Landleuten und Emporkömmlingen bestand . Hätte mein Vater , der zu diesen gehörte , noch gelebt , so wäre ich ohne Zweifel ein ganz liberales Männlein gewesen . Gleich beim Beginne der neuen Schulen , als der ungeschickte Lehrer seine Tätigkeit mit vieler Gemütlichlkeit antrat , brachte ein Schüler , der Sohn eines fanatischen Stadtbürgers , mit wichtigen Worten die Nachricht unter uns , wie der Lehrer geschworen hätte , uns Aristokratenkinder mit eiserner Rute zu bändigen . Er war nämlich in einer Gesellschaft aufmerksam gemacht worden , wie er es teilweise mit einer durch altes Herkommen übermütigen und ausgelassenen Stadtjugend zu tun haben wurde , worauf er antwortete , er werde mit den Bürschlein schon fertig zu werden wissen . Auf obige Weise dargestellt , wurde diese Rede nun , wahrscheinlich nicht ohne Zutun der Alten , unter unsere verstandlose Masse geworfen , und sie begann sogleich zu wirken . Wir nahmen den Handschuh auf ; die Verwegensten eröffneten einen geordneten Widerstand und ein leichtes Geplänkel des Unfuges . Schon dies verwirrte ihn , und anstatt mit Sarkasmen und ruhiger , überlegener Entschiedenheit die Angreifer zurückzuwerfen , rückte er sogleich mit seiner Hauptmacht und dem schweren Geschütze vor , indem er jeden kleinen Mutwillen , auch jede unabsichtliche Tat blindlings mit den schwersten und einflußreichsten Strafen belegte , die ihm zu Gebote standen und welche sonst nur in seltenen Fällen angewandt wurden . Dadurch entzog er sich in unsern Augen den guten Rechtsboden , da wir in der Abschätzung des Verhältnisses zwischen Strafe und Vergehen eine große Übung besaßen . Seine Strafen wurden bald wertlos und zuletzt eine Ehrensache , ein Martyrium . Es entstand offener Lärm in den Stunden , welcher sich auch in die anderen Säle verbreitete , wo der Gehetzte zu erscheinen hatte . Nun beging er einen neuen Fehlgriff statt die Bewegung in sich selbst zerfallen zu lassen und eine Zeitlang ihr zu stehen , fing er an , jeden Schüler aus der Stube zu jagen , der das Geringste verübte . Eine unschuldig gestellte Frage an ihn , das absichtliche oder unabsichtliche Fallenlassen eines Gegenstandes reichte hin , ins Freie befördert zu werden . Wir merkten uns dies , und bald hielt er regelmäßig nur mit zwei oder drei Frommen seinen Unterricht , während der helle Haufen vor der Türe sich auf seine Kosten belustigte . Das Einschreiten oberer Behörden oder auch seine eigene Energie , wenn er , trotz des Verbotes , die Schüler zu schlagen , einige ein einziges Mal bei den Köpfen genommen und tüchtig durchgebleut hätte , würden hingereicht haben , die Ruhe herzustellen . Zu letzterm besaß er nicht die geeignete Persönlichkeit ; das erstere unterblieb , da die unmittelbar folgende Instanz aus Pflegern bestand , welche dem Verfolgten abgeneigt waren und so lang als möglich die Vorfälle nicht zu bemerken schienen . Die Schüler erzählten in ihren Familien mit Ruhmredigkeit ihre Taten , wobei sie nicht unterließen , den Lehrer als den schreckbarsten Popanz darzustellen . Die behäbigen Bürger , sich mit Wohlgefallen ihrer eigenen Knabenstreiche erinnernd und in der Erfahrung der alten Zeit aufgewachsen , daß die Schule nur eine Art Unterkommen bilde , bis das würdige Bürgerkind , ohne sich den Kopf zerbrechen zu müssen , in das behagliche Privilegien- und Zunftwesen der guten alten Stadt aufgenommen würde , bestärkten ihre Söhnlein durch unverhohlenes Lächeln , wo nicht durch direkte Aufreizung , in ihrem Treiben . Obgleich die Sache längst Aufsehen gemacht hatte , wurde sie nach oben hin stets so geschildert , als ob alle Schuld an dem Verfolgten läge ; es kam etwa ein Herr in die Stunde , um selbst zu sehen ; dann hüteten wir uns aber wohl , etwas zu beginnen , so wie wir auch in den Stunden der übrigen Lehrer uns doppelt ruhig verhielten . Der Unglückliche war ein Ableiter für allen bösen Stoff , welcher in der Schule steckte . So schleppte er sich beinahe ein Jahr lang hin , bis er endlich für eine Zeitlang suspendiert wurde . Er wäre so gerne ganz weggeblieben , indem er Schaden an seiner Gesundheit litt und ganz abmagerte ; aber eine zahlreiche Familie schrie nach Brot , und er war auf diesen Beruf angewiesen . So trat er eines Tages seinen Leidensweg wieder an , so versöhnlich und bescheiden als möglich ; allein er fand keine Barmherzigkeit ; ein wilder Jubel brach los , das alte Unwesen wiederholte sich , und er mußte nach wenigen Tagen gänzlich entlassen werden . Ich hatte mich lange Zeit ziemlich ruhig verhalten und nur den zahlreichen Auftritten behaglich zugesehen . Gegen den Mann selbst verging ich mich nicht ein einziges Mal , da es mir widerstrebte , einem Erwachsenen gegenüber aufzutreten . Erst als das Hinausschieben der ganzen Klasse begann , suchte ich auch teilzunehmen und bewerkstelligte dies durch kleine Streiche oder wischte auch so mit hinaus ; denn erstens ging es sehr lustig her draußen , und zweitens hätte ich um keinen Preis bei den wenigen verpönten Gerechten bleiben mögen , welche in der Stube saßen . Desto lauter wurde ich , wenn ich einmal draußen war , half Aufzüge und Umgänge anordnen und überließ mich , nach langer Zurückgezogenheit , einer so wilden Freude , daß mir das Herz heftig klopfte und mein Blut ganz in Wallung war , wenn wir bei dem folgenden Lehrer wieder an unseren Plätzen saßen . Ich kann mir fest gestehen , daß ich mich damals über die Freude selbst freute und keinerlei Bosheit in mir trug . Vielmehr empfand ich ein heimliches Mitleid mit dem Armen , welches ich zu äußern aber unterließ , um nicht lächerlich zu werden . Einst traf ich ihn ganz allein auf einem Feldwege ; er schien einen Erholungsgang zu machen ; unwillkürlich zog ich ehrerbietig meine Mütze , was ihn so freute , daß er mir zuvorkommend dankte und mich dabei so märterlich ansah , als ob er um Barmherzigkeit flehte . Ich wurde gerührt und dachte , daß es anders werden müsse . Gleich am nächsten Tage trat ich zu einer Gruppe der wildesten Mitschüler , um geradezu am rechten Flecke anzugreifen und ein Wort des Mitgefühls , des Nachdenkens unter sie zu werfen ; ich hatte den richtigen Instinkt , daß dieses gewiß , wenn auch nicht augenblicklich , weiterwirken und die Laune der Menge anziehen würde . Sie sprachen eben von dem Lehrer , hatten eben einen neuen Spitznamen erfunden , der so komisch klang , daß alles bester Laune war und auflachte ; die vorbedachten Worte verdrehten sich mir auf der Zunge , und anstatt meine Pflicht zu tun , verriet ich ihn und mein besseres Selbst , indem ich das gestrige Abenteuer auf eine Weise vortrug , die der gegenwärtigen Stimmung vollkommen entsprach und dieselbe erhöhte ! Nach seiner Entfernung wurde es still unter uns ; die Lärmbedürftigen und Schlimmgesinnten wandten sich unbehaglich hin und her , zehrten von der Erinnerung und konnten sich nicht zurechtfinden . Eines Abends , nach dem Schlusse des Unterrichts , ging ich ruhig meiner Wege und näherte mich meiner Wohnung , als ich rufen hörte : » Grüner Heinrich ! hierher ! « Ich kehrte mich um und erblickte in einer anderen Straße eine ansehnliche Schar Schüler , welche durcheinandertrieben wie ein Ameisenhaufen und sehr geschäftig schienen . Ich erreichte sie , man teilte mir mit , daß man in Gesamtheit dem verabschiedeten Lehrer noch einen Besuch abstatten und ein rechtes Schlußvergnügen veranstalten wolle , und forderte mich auf teilzunehmen . Der Plan wollte mir gar nicht einleuchten , ich lehnte kurz ab und ging weg . Jedoch die Neugier drehte mich , daß ich von ferne nachzog und sehen wollte , wie es abliefe . Der Haufen bewegte sich vorwärts ; andere Schulen , deren Bestandteile um diese Zeit alle in den Gassen wimmelten , wurden angeworben , daß bald ein Zug von hundert Jungen aller Art sich fortwälzte . Die Bürger standen unter den Türen und betrachteten mit Verwunderung das Tun , ich hörte einen sagen : » Was mögen die Teufelsbuben nur wieder vorhaben ? Die sind bei Gott fast so munter , als wir gewesen sind ! « Diese Worte klangen in meinen Ohren wie Kriegsdrometen , meine Füße wurden lebendiger , und schon trat ich dem letzten Manne des Zuges auf die Fersen . Es war ein unsägliches Vergnügen in der Menge , hervorgerufen durch das improvisierte Beisammensein aus eigener Machtvollkommenheit . Ich wurde immer wärmer , schob mich vorwärts und sah mich plötzlich bei der Spitze angelangt , wo die hohen Häupter gingen und mich begrüßten . » Der grüne Heinrich ist doch noch gekommen ! « hieß es , der Name erschallte längs des ganzen Zuges und vermehrte den Stoff zu Geräusch und spielerischer Freude . Mir schwebten sogleich gelesene Volksbewegungen und Revolutionsszenen vor . » Wir müssen uns in gleichmäßigere Glieder abteilen « , sagte ich zu den Rädelsführern , » und in ernstem Zuge ein Vaterlandslied singen ! « Dieser Vorschlag wurde beliebt und sogleich ausgeführt ; so durchzogen wir mehrere Straßen , die Leute sahen uns mit Staunen nach ; ich schlug vor , noch einen Umweg zu machen und dies Vergnügen so lange als möglich andauern zu lassen . Auch dies geschah , allein zuletzt langten wir doch am Ziele an . » Was wollen wir nun eigentlich beginnen ? « fragte ich , » ich dächte , wir sängen hier ein Lied und zögen dann wieder mit einem Hurra davon ! « - » ins Haus , ins Haus ! « tönte es zur Antwort , » wir wollen ihm eine Dankrede für sein Wirken abstatten ! « - » So sollen wenigstens alle für einen stehen und keiner davonlaufen , damit alle die gleiche Strafe tragen , wenn es etwas absetzt ! « rief ich , worauf der ganze Schwarm in das kleine enge Haus einströmte und die Treppen hinantobte . Ich blieb an der Haustüre stehen , um die vorzeitige Flucht einzelner Mitschuldiger zu verhindern . Es tönte ein furchtbarer Lärm im Innern , die Knaben waren ganz berauscht von ihrer eigenen Aufregung ; der Gesuchte lag krank in einem verschlossenen Zimmer , die Frauen suchten erschrocken die übrigen Türen zu verschließen und sahen sich aus den Fenstern nach Hilfe um . Doch schämten sie sich zu rufen ; die Nachbaren wußten nicht , was alles zu bedeuten hätte , und sahen höchst verwundert zu ; ich blieb mit nichts weniger als heiteren Gedanken auf meinem Posten . Das Haus war von unten bis oben angefüllt , die Lärmenden erschienen unter den Dachluken , warfen alte Körbe heraus und stiegen sogar auf das Dach , die Luft mit ihrem Geschrei erfüllend . Ein altes Weib brach endlich beherzt aus einem Kämmerchen hervor und trieb den ganzen Schwarm mit einem Besen allmählich aus dem Hause . Dies Attentat war denn doch zu auffällig gewesen , als daß die oberen Behörden länger hätten zusehen können . Sie verlangten eine strenge Untersuchung . Wir wurden in einem Saale versammelt und einzeln aufgerufen , um vor ein Tribunal zu treten , welches in einer Nebenstube saß . Das Verhör dauerte einige Stunden , die Zurückkehrenden gingen sogleich weg , ohne Bericht zu geben ; zwei Dritteile der Versammelten waren schon fort , und noch wurde ich nicht aufgerufen ; dagegen bemerkte ich , daß zuletzt alle , welche aus der Verhörstube kamen , mich ansahen , ehe sie weggingen . Zuletzt hieß es , der ganze Rest solle hereinkommen mit Ausnahme des grünen Heinrich . Endlich kam die Reihe an mich ; der letzte Trupp erschien wieder und hieß mich hineingehen . Ich wollte fragen , was denn vorginge , erhielt aber keine Antwort ; vielmehr sputeten sie sich ängstlich von hinnen . So trat ich in die Nebenstube , halb von Neugierde vorwärtsgedrängt , halb von jener beklemmenden Furcht zurückgehalten , welche die Jugend vor den Alten empfindet , wenn sie in ihnen an Verstand überlegene und allmächtige Wesen voraussetzt . Es saßen zwei Herren am obern Ende eines langen Tisches , an dessen Fuß ich stand , einige Stücke Papier und ein Schreibzeug vor sich . Der eine war der nächste Vorsteher der Schule , der auch selbst Unterricht erteilte und mich kannte , der andere ein höherer gelehrter Herr , welcher wenig sagte . Zu jenem stand ich in einem eigentümlichen Verhältnisse er war ein gemütlicher Poltron , gern viele Worte machend und froh , wenn ein Schüler durch bescheidene Widerrede ihm Gelegenheit gab , sich gründlich über ein Faktum zu verbreiten . Im Anfange hatte er mir wohlgewollt , da ich gerade bei ihm mich ziemlich gut aufführte ; aber meine Eigenschaft , den Vorwürfen , Ermahnungen und Strafen bei vorkommenden Fällen ein unwandelbares Schweigen entgegenzusetzen , hatte mir seine Abneigung zugezogen . Das ängstliche Leugnen , die Zungengeläufigkeit , Strafe von sich abzuwenden , das hartnäckige Feilschen um dieselbe waren mir unmöglich ; glaubte ich eine solche verdient zu haben , so nahm ich sie schweigend hin ; schien sie mir zu ungerecht , so schwieg ich ebenfalls , und nicht aus Trotz , sondern ich lachte innerlich ganz frohmütig darüber und dachte , der Richter hätte das Pulver auch nicht erfunden . Darum hielt mich der Herr für einen unbrauchbaren , bedenklichen Burschen und fuhr mich nun mit drohender Miene an : » Hast du an dem Skandale teilgenommen ? Schweig ! leugne nicht , es wird nichts helfen ! « Ich brachte ein leises Ja hervor , der weiteren Dinge gewärtig . Doch wie um mich in seinen Augen , da ihm einmal zur Weckung guter Laune durchaus ein gründlicher Wortwechsel nötig war , noch zu retten , tat er , als ob er ein Nein vernommen hätte , und schrie : » Wie , was ? Heraus mit der Wahrheit ! « - » Ja ! « wiederholte ich etwas lauter . » Gut , gut , gut ! « sagte er , » du wirst gewiß noch einen finden , der dir gewachsen ist , einen Stein , der eine Beule in deine eiserne Stirne schlägt ! « Diese Worte beleidigten mich und taten mir weh ; denn sie schienen nicht nur eine arge Verkennung zu enthalten , sondern auch eine ungehörige Voraussagung der Zukunft , eine persönliche Bitterkeit zu sein . Er fuhr fort : » Hast du auf dem Wege vorgeschlagen , einen förmlichen Zug zu ordnen und ein Lied zu singen ? « Diese Frage machte mich stutzen ; meine Genossen hatten also mich verraten und deshalb ohne Zweifel sich reingewaschen ; ich schwankte , ob ich nicht leugnen könne , aber es kam wieder ein Ja hervor . » Hast du am Hause erklärt , daß keiner sich zurückziehen dürfe , und dieser Erklärung durch Bewachung der Tür Folge gegeben ? « Das bejahte ich unbedenklich , da es mir weder eine Schande noch ein besonderes Vergehen zu sein schien . Diese beiden Momente , aus den ersten Fragen an die Mitschuldigen schon zutage getreten , schienen dem Herrn auf den Haupturheber hinzudeuten ; sie ragten auch wohl am faßbarsten aus all dem wirren Treiben hervor , und er hatte allein auf sie hin verhört . Jeder bejahte regelmäßig die Frage darnach und war froh , nicht über sich selbst sprechen zu müssen . Ich wurde entlassen und ging etwas bewegt , doch gemächlich nach Hause ; das Ganze schien mir nicht sehr würdig zu verlaufen Zwar fühlte ich eine tiefe Reue , aber nur gegen den mißhandelten Lehrer . Zu Hause erzählte ich der Mutter den ganzen Vorgang , worauf sie mir eben eine Strafrede halten wollte , als ein Amtsdiener hereintrat mit einem großen Briefe . Dieser enthielt die Nachricht , daß ich von Stund an und für immer von dem Besuche der Schule ausgeschlossen sei . Das Gefühl des Unwillens und erlittener Ungerechtigkeit , welches sich sogleich in mir äußerte , war so überzeugend , daß meine Mutter nicht länger bei meiner Schuld verweilte , sondern sich ihren eigenen bekümmerten Gefühlen überließ , da der große und allmächtige Staat einer hilflosen Witwe das einzige Kind vor die Türe gestellt hatte mit den Worten Es ist nicht zu brauchen ! Wenn über die Rechtmäßigkeit der Todesstrafe ein tiefer und anhaltender Streit obwaltet , so kann man füglich die Frage , ob der Staat das Recht hat , ein Kind oder einen jungen Menschen , die gerade nicht tobsüchtig sind , von seinem Erziehungssysteme auszuschließen , zugleich mit in den Kauf nehmen . Gemäß jenem Vorgange wird man mir , wenn ich im spätern Leben in eine ähnliche ernstere Verwicklung gerate , bei gleichen Verhältnissen und Richtern wahrscheinlich den Kopf abschneiden ; denn ein Kind von der allgemeinen Erziehung ausschließen heißt nichts anderes , als seine innere Entwicklung , sein geistiges Leben köpfen . In der Tat haben auch häufig die öffentlichen Bewegungen der Erwachsenen , von welchen solche Kinderaufläufe ein Abbild genannt werden können , mit Enthauptungen geendigt . Der Staat hat nicht darnach zu fragen , ob die Bedingungen zu einer weiteren Privatausbildung vorhanden seien oder ob trotz seines Aufgebens das Leben den Aufgegebenen doch nicht fallenlasse , sondern manchmal noch etwas Rechtes aus ihm mache er hat sich nur an seine Pflicht zu erinnern , die Erziehung jedes seiner Kinder zu überwachen und weiterzuführen . Auch , ist am Ende diese Erscheinung weniger wichtig in bezug auf das Schicksal solcher Ausgeschlossenen , als daß sie den wunden Fleck auch der besten unserer Einrichtungen bezeichnet , die Trägheit nämlich und Bequemlichkeit der mit diesen Dingen Beauftragten , welche sich für Erzieher ausgeben . Siebzehntes Kapitel Flucht zur Mutter Natur Der Kummer und die Niedergeschlagenheit meinerseits waren nicht allzu groß ; ich hatte dem Lehrer des Französischen einige Bücher zurückzustellen , da er mir mit Wohlwollen ehrwürdige Franzbände französischer Klassiker zu leihen pflegte . Auch führte er mich einige Male in einer großen Bibliothek umher , mir respektvolle Vorbegriffe vom Bücherwesen beibringend . Als ich zu ihm kam , drückte er mir sein Bedauern über das Geschehene aus und gab mir zu verstehen , wie ich es nicht allzu hoch aufzunehmen hätte , da seines Wissens die Mehrzahl der Lehrer , gleich ihm , nicht unzufrieden mit mir wären . Ferner lud er mich ein , ihn zu besuchen und seinen Rat zu holen , wenn ich Lust hätte , das Französische weiter zu betreiben . Ich sah ihn zwar nicht wieder im Wechsel der Zeit ; aber seine Worte gaben mir eine gewisse Genugtuung , daß ich mich nun frei fühlte wie der Vogel in der Luft , zumal ich die Bedeutung des Augenblickes und die Wichtigkeit der Zukunft nicht zu übersehen vermochte . Meine Mutter hingegen befand sich in großer Bedrängnis ; sie konnte bestimmt annehmen , daß der Vater meine Schulbildung jetzt noch nicht abgeschlossen haben würde , wenn er noch lebte , und doch sah sie bei ihren beschränkten Mitteln keine Möglichkeit , mir Privatlehrer zu halten oder mich auf eine auswärtige Schule zu schicken , noch konnte sie sich den Beruf denken , welchen ich nun am besten ergriffe , da gerade für eine einsichtvollere Selbstbestimmung der erweiterte Gesichtskreis der nun verschlossenen höheren Klassen hätte Gelegenheit bieten sollen . Meine häusliche Beschäftigung hatte in letzter Zeit beinahe ausschließlich in Zeichnen und Malen bestanden , und auch in dieser Hinsicht befand ich mich in einem sonderbaren Verhältnis zur Schule . Dort galt ich für nichts weniger als für einen talentvollen Zeichner . Monatelang klebte der gleiche Bogen auf meinem Reißbrette ; ich quälte mich verdrossen ab , einen kolossalen Kopf oder ein Ornament mit dem magern Bleistifte zu kopieren ; Dutzende von Linien wurden ausgelöscht , bis die richtige stehenblieb , das Papier wurde beschmutzt und durchgerieben und verkündete einen faulen und verdrießlichen Zeichner . Sobald ich aber nach Hause kam , warf ich diese Schulkunst beiseite und machte mich mit eifrigem Fleiße hinter meine Hauskunst . Nach jenem ersten Versuche , eine gemalte Landschaft zu kopieren , hatte ich fortgefahren , dergleichen Gebilde in Wasserfarben hervorzubringen ; da ich nun aber weiter keine Vorbilder besaß , mußte ich sie auf eigene Faust ins Leben rufen und tat dieses mit anhaltendem Fleiße . Der gemalte Ofen unserer Stube enthielt eine Menge kleiner Landschaftsmotive , eine Burg , eine Brücke , einige Säulen an einem See und solches mehr ; ein altes Stammbuch der Mutter sowie eine kleine Bibliothek verjährter Damenkalender aus ihrer Jugend bargen einen Schatz sentimentaler Landschaftsbilder , dem lyrischen Texte entsprechend , mit Tempeln , Altären und Schwänen auf Teichen , mit Liebespaaren , in Kähnen sitzend , und dunklen Hainen , deren Bäume mir unvergleichlich gestochen schienen . Aus allem diesem zusammen bildete sich eine höchst unschuldige und sozusagen elementare Poesie , welche meinem eifrigen Machen zugrunde lag und mich während desselben beglückte . Ich erfand eigene Landschaften , worin ich alle poetischen Motive reichlich zusammenhäufte , und ging von diesen auf solche über , in denen ein einzelnes vorherrschte , zu welchem ich immer den gleichen Wanderer in Beziehung brachte , mit welchem ich , halb bewußt , mein eigenes Wesen ausdrückte . Denn nach dem immerwährenden Mißlingen meines Zusammentreffens mit der übrigen Welt hatte eine ungebührliche Selbstbeschauung und Eigenliebe angefangen mich zu beschleichen ; ich fühlte ein weichliches Mitleid mit mir selbst und liebte es , meine Person symbolisch in die interessanten Szenen zu versetzen , welche ich erfand . Diese Figur , in einem grünen , romantisch geschnittenen Kleide , eine Reisetasche auf dem Rücken , starrte in Abendröten und Regenbogen , ging auf Kirchhöfen oder im Walde oder wandelte auch wohl in glückseligen Gärten voll Blumen und bunter Vögel . Das Machwerk an der beträchtlichen Sammlung solcher Bilder , welche sich bereits angehäuft hatte , blieb immer auf dem nämlichen Standpunkte gänzlicher Erfahrungs- und Unterrichtslosigkeit ; nur eine gewisse Keckheit und Fertigkeit im Auftragen der grellen Farben , welche ich durch die unablässige Übung erwarb , verbunden mit der kühnen Absicht meiner Unternehmungen überhaupt , unterschied mein Treiben einigermaßen von sonstigen knabenhaften Spielen mit Bleistift und Farbe und mochte meinen vorläufigen Ausspruch , daß ich ein Maler werden wolle , veranlassen . Doch wurde jetzt nicht näher darauf eingegangen , sondern bestimmt , daß ich einige Zeit in dem ländlichen Pfarrhause bei dem Bruder der Mutter zubringen sollte , um über die nächsten Monate meines Ungemaches auf gute Weise hinwegzukommen , indessen eine taugliche Zukunft für mich ermittelt würde . Das Heimatdorf lag in einem äußersten Winkel des Landes ; ich war noch nie dort gewesen , so wie auch die Mutter seit manchen Jahren es nicht mehr besucht hatte und die dortigen Verwandten , mit seltenen Ausnahmen , nie in der Stadt erschienen . Nur der Oheim Pfarrer kam jedes Jahr einmal auf seinem Klepper geritten , um an einer Kirchenversammlung teilzunehmen , und schied immer mit kordialen Einladungen , endlich einmal hinauszuwandern . Er erfreute sich eines halben Dutzends Söhne und Töchter , welche mir noch so unbekannt waren wie ihre Mutter , meine rüstige Muhme und geistliche Bäuerin . Außerdem lebten dort zahlreiche Verwandte des Vaters , vor allen auch seine leibliche Mutter , eine hochbejahrte Frau , welche , schon längst an einen zweiten , reichen und finstern Mann verheiratet , unter dessen harter Herrschaft in tiefer Zurückgezogenheit lebte und nur selten mit den Hinterlassenen ihres früh gestorbenen Sohnes einen sehnsüchtigen Gruß aus der Ferne wechselte . Das Volk lebte noch in der stillen Einschränkung und Entsagung vergangener Jahrhunderte , wo besonders die Frauen , wenn sie einmal durch einige Meilen getrennt waren , einander nicht wieder oder nur bei seltenen , hochwichtigen Ereignissen sahen , bei welchen es alsdann wahrhaft episch herging und Tränen der Rührung und schmerzlicher oder froher Erinnerung ihren Augen entflossen , während die Männer wohl sich vom Orte bewegten , aber in ernstem Geschäftssinne an den Türen halbverschollener Verwandter vorübergingen , wenn sie keinen Rat zu bringen oder zu holen hatten . Jetzt ist das Volk wieder lebendiger geworden ; durch die erleichterten Verkehrsmittel , durch das wiedererstandene öffentliche Leben und zahlreiche Volksfeste veranlaßt , bewegt es sich fröhlich von der Stelle und macht damit zugleich seinen Geist wieder jung und fruchtbar , und nur beschränkte Eiferer predigen noch gegen die festliche Wanderlust derer , die den Pflug führen , und ihrer Kinder . Meine Mutter befahl mir , insbesondere der einsamen überlebenden Großmutter so viele Zeit als möglich zu widmen und in Ehrerbietung und Liebe bei ihr auszuharren , solange es ihr gefiele , mich um sich zu haben und von meinem Vater , ihrem Sohne , zu reden . So machte ich mich eines Morgens vor Sonnenaufgang auf die Füße und trat den weitesten Weg an , den ich bis dahin unternommen hatte . Ich genoß zum ersten Male das Morgengrauen im Freien und sah die Sonne über nachtfeuchten Waldkämmen aufgehen . Ich wanderte den ganzen Tag , ohne müde zu werden , kam durch viele Dörfer und war wieder stundenlang allein in gedehnten Waldungen oder auf freien heißen Höhen , mich oft verirrend , aber die verlorene Zeit nicht bereuend , weil ich fortwährend in meinen Gedanken beschäftigt war und zum ersten Mal , durch mein stilles Wandern bewegt , von der ernsten Betrachtung des Schicksals und der Zukunft erfüllt wurde . Kornblumen und roter Mohn und in den Wäldern bunte Pilze begleiteten mich längs der ganzen Straße ; wunderschöne Wolken bildeten sich unablässig und zogen am tiefen stillen Himmel dahin ; ich ging immerzu , indessen mich das selbstgefällige Mitleid mit mir selbst , welches mir die Welt aufgedrängt hatte , wieder überkam , bis ich gegen alle Gewohnheit bitterlich weinte . Ich wußte mich vor Betrübnis nicht zu lassen und saß an einer schattigen Quelle nieder , immer schluchzend , bis ich mich schämte , mein Gesicht wusch und über mich selbst erbost den Rest des Weges zurücklegte . Endlich sah ich das Dorf zu meinen Füßen liegen in einem grünen Wiesentale , welches von den Krümmungen eines leuchtenden kleinen Flusses durchzogen und von belaubten Bergen umgeben war . Die Abendsonne lag warm auf dem Tale , die Kamine rauchten freundlich , einzelne Rufe klangen herüber . Bald befand ich mich bei den ersten Häusern , ich fragte nach dem Pfarrhofe , und die Leute , welche an meinen Augen und meiner Nase erkannten , daß ich zu dem Geschlechte der Lee gehöre , fragten mich , ob ich vielleicht ein Sohn des verstorbenen Baumeisters sei ? So gelangte ich zu der Wohnung meines Oheims , welche von dem rauschenden Flüßchen bespült und mit großen Nußbäumen und einigen hohen Eschen umgeben war ; die Fenster blinkten zwischen dichtem Aprikosen- und Weinlaube hervor , und unter einem derselben stand mein dicker Oheim in grüner Jacke , ein silbernes Waldhörnchen , in welchem eine Zigarre rauchte , im Munde und eine Doppelflinte in der Hand . Ein Flug Tauben flatterte ängstlich über dem Hause und drängte sich um den Schlag , mein Oheim sah mich und rief sogleich : » Haha , da kommt unser Neveu ! das ist gut , daß du da bist , schnell heraufspaziert ! « Dann sah er plötzlich in die Höhe , schoß in die Luft , und ein schöner Raubvogel , welcher über den Tauben gekreist hatte , fiel tot zu meinen Füßen . Ich hob ihn auf und trug ihn , durch diesen tüchtigen Empfang angenehm begrüßt , meinem Oheim entgegen . In der Stube fand ich ihn allein neben einer langen Tafel , die für viele Personen gedeckt war . » Eben kommst du recht ! « rief er , » wir halten heute das Erntefest , gleich wird das Volk dasein ! « Dann schrie er nach seiner Frau , sie erschien mit zwei mächtigen Weingefäßen , stellte sie ab und rief : » Ei , ei , was ist das für ein Bleichschnabel , für ein Milchgesicht ? Warte , du sollst nicht mehr fort , bis du so rote Backen hast wie dein seliger Vater ! Wie geht ' s der Mutter , was ist das , warum kommt sie nicht mit ? « Sogleich richtete sie mir an der Tafel ein vorläufiges Mahl zu und schob mich , als ich zögerte , ohne weiteres auf den Stuhl und befahl mir , stracks zu essen und zu trinken . Indessen näherte sich Geräusch dem Hause , der hohe Garbenwagen schwankte unter den Nußbäumen heran , daß er die untersten Äste streifte , die Söhne und Töchter mit einer Menge anderer Schnitter und Schnitterinnen gingen nebenher unter Gelächter und Gesang ; der Oheim , seine Flinte reinigend , schrie ihnen zu , ich wäre da , und bald fand ich mich mitten im fröhlichen Getümmel . Erst spät in der Nacht