den Inhalt des Bulletins ; wir vermieden ein Gespräch darüber , um ihn nicht zu verletzen . Unter diesen Umständen war es fast wie Erlösung , als ein lose zusammengeschürzter Zettel an mich abgegeben wurde , der in der lapidaren Schreibweise unseres Jürgaß lautete : Heute , Donnerstag , den 24. , Weihnachtsbowle . Mundts Weinkeller , Königsbrücke 3. Neun Uhr ; besser spät als gar nicht . Gäste willkommen . v. J. Ich reichte dem Grafen , der erst tags vorher den Wunsch geäußert hatte , unseren Klub kennenzulernen , den Zettel hin , wies auf die beiden Schlußworte und fragte ihn , ob es ihm genehm sein würde , mich zu begleiten . Er sagte zu , fast zu meiner Überraschung , da seine Stimmung wenig gesellig schien . Übrigens hatte ich später keine Ursache , seine Zusage zu bedauern . Bald nach neun Uhr waren wir am Rendezvous , das nicht glücklicher gewählt sein konnte . In solchen Sachen kann man sich auf Jürgaß verlassen . Du entsinnst Dich , daß die Flußufer der Königsbrücke zu beiden Seiten einen hohen Quai bilden , auf dem die Giebel und Seitenflügel einzelner alter Gebäude stehen . So auch das Mundtsche Haus . Wir stiegen , von der Straße her , in den Weinkeller hinunter , tappten uns in einem dunklen Gange vorwärts und traten endlich in einen großen , aber niedrigen und holzgetäfelten Salon , der , alte Bilder in mir weckend , mich lebhaft an die Kajüten englischer Kriegsschiffe erinnerte . Einige Freunde waren schon versammelt : v. Schach , Bummcke , Dr. Saßnitz und Buchhändler Rabatzki . Jürgaß fehlte noch . Ich stellte Bninski vor ; dann nahmen wir Platz . Ich hatte nun erst den vollen Eindruck von dem Anheimelnden des Lokales , eine gute Beleuchtung , ein Feuer im Ofen , ein langer , weißgedeckter Tisch , dessen Plätze so gelegt waren , daß sie den Gästen einen freien Blick auf die Spree gönnten . An den Fenstern vorbei , die fast die ganze Höhe des Zimmers hatten und bis auf den Fußboden niedergingen , bewegte sich ein bunter Weihnachtsverkehr , eine Art Newamesse . Schlittschuhläufer mit Stocklaternen , Waldteufeljungen , kleine Mädchen mit Wachsengeln , alles zog wie eine Erscheinung , mal hell , mal dunkel , an unseren Fenstern vorüber , und von der Königsbrücke her klang das Schellengeläute der Schlitten und der gedämpfte Lärm der Stadt . Endlich kam Jürgaß ; in der Hand hielt er eine große blaue Tüte . Hier bring ich Weihnachten ; die Hauptsache aber , die ich meinen Gästen bringe - denn ich bitte , Sie heut als solche betrachten zu dürfen - , ist selber ein Gast . Versteht sich , ein Poet . Damit wies er auf einen Herrn , der mit ihm zugleich eingetreten war . Ehe ich noch Zeit hatte , Bninski und Jürgaß miteinander bekannt zu machen , fuhr dieser fort : Ich habe die Ehre , Ihnen hier Herrn Grell oder , mit seinem vollen Rang und Namen , den Theologie-Kandidaten Herrn Detleff Hansen-Grell vorzustellen , eine Art Hintersassen von mir , einen Hörigen derer von Jürgaß auf Gantzer . Genealogisches über die Grells , beziehungsweise über die Hansen-Grells , behalte ich mir vor . Alles sah lachend , wenn auch einigermaßen überrascht , auf Jürgaß , der , ohne eine Antwort abzuwarten , in demselben Tone fortfuhr : Unsere Kastalia vertrocknet ; es fehlt ihr frisches Blut . Man könnte die Herren Poeten unseres Kreises in Verdacht haben , sie scheuten die Rivalität neu auftretender Kräfte . Wenn ich nicht wäre und Bummcke und hier unser Freund Rabatzki , der , um die letzte Spalte seines Sonntagsblatts zu füllen , dann und wann einen jungen Lyriker einfängt , so wär es mit dem Sprudeln unseres Musenquells , trotz seines hochtönenden Namens , bald vorbei . Ist es nicht unerhört , daß ich , um die drohendste Gefahr abzuwenden , von meines Vaters Gütern einen lyrischen Sukkurs verschreiben muß ? Das Eintreten eines Küfers , in vorschriftsmäßiger Lederschürze , unterbrach die Rede . Er trug eine Bowle auf , und die große Weihnachtstüte begann zu kursieren , die , neben rheinischen Walnüssen , einige Pakete französischer Pfefferkuchen enthielt . Jürgaß hatte den Vorsitz . Ich heiße Sie willkommen , nahm er abermals das Wort . Hinsichtlich der Tüte empfehl ich weise Sparsamkeit ; ihr Inhalt ist momentan unersetzlich . Aber die Bowle hat einen Zuschuß zu gewärtigen , eventuell mehrere . Die Gläser klangen zur Begrüßung zusammen . Ich hatte gleich bei unserem Eintritt an einer der Schmalseiten des Tisches Platz genommen ; Bninski mir gegenüber . Dieser Platz gestattete mir , den lyrischen Sukkurs , der unserer Kastalia wieder aufhelfen sollte , ohne Auffälligkeit zu beobachten . Er war , trotz eines guten Profils , eher häßlich als hübsch . Das Haar strohern , die blassen Augen vorstehend , und wenig Wimpern . Dabei die Lider leicht gerötet und etwas Stoppelbart . Sein Schlimmstes war der Teint . Gesamteindruck : alltäglich . Mein Auge glitt zu Bninski hinüber , der ihn auch gemustert haben mochte . Ich erriet seine Gedanken . Wir hatten leichte Konversation . Bummcke beklagte lebhaft , daß Du fehltest ; außerdem wurde Kandidat Himmerlich am meisten vermißt ; aus welchem Grunde , konnt ich nicht erraten . Vielleicht glaubte man , daß einem Kandidaten der Theologie wie Grell nichts Besseres vorgesetzt werden könne als seinesgleichen . Ich bezweifle aber , daß dieser Satz richtig ist . Es war wohl elf Uhr , und das Schellengeläute von Brücke und Straße her schwieg bereits ganz , als Jürgaß anhob : Ich denke , wir improvisieren eine Kastalia-Sitzung . Herr Hansen-Grell wird die Güte haben , uns einiges vorzulesen . Diese Mitteilung wurde mit bemerkenswerter , aber freilich auch verzeihlicher Kühle aufgenommen . Der Gast sah so unpoetisch wie möglich aus , und die Empfehlung unsers Jürgaß , wie Du nachempfinden wirst , war nicht eben dazu angetan , ihm Vorschub zu leisten . Er zog nun ein Manuskript von bedenklichem Umfang aus der Tasche ; ich glaube , daß ein Bangen durch alle Herzen ging . Aber wir sollten bald anderen Sinnes werden . Er bat unbefangen um die Erlaubnis , uns eine Ballade : die einen norwegischen Sagen- oder Märchenstoff behandle , vorlesen zu dürfen : Hakon Borkenbart . Du mußt nämlich wissen , er hat eine Zeitlang in Kopenhagen gelebt . Wie das so gekommen , das erfährst Du , neben manchem anderen , zu anderer Zeit . Er hob nun an und las ausdrucksvoll , fest , mit wohltönender Stimme und wachsendem Feuer . Es waren wohl an zwanzig Strophen . Gleich die erste , die bei der Debatte wiederholt wurde , ist mir im Gedächtnis geblieben : Der König Hakon Borkenbart Hat Roß und Ruhm , hat Waff ' und Wehr , Und hat allzeit zu Krieg und Fahrt Viel hohe Schiff auf hohem Meer , Es prangt sein Feld in Garben , Er aber prangt in Narben , In Narben von den Dänen her . In der zweiten Strophe zieht Hakon aus , um , trotz seiner fünfzig Jahre , um Schön-Ingeborg zu freien . Ich mühe mich vergeblich , die Reime zusammenzufinden , aber mit der dritten Strophe , die mir besonders zusagte , wird es mir wieder gelingen . Wenigstens ungefähr . Schon grüßt ihn fern so Turm wie Schloß , Und stolz und lächelnd blickt er drein ; Er spricht herab von seinem Roß : Und bin ich alt , so mag ich ' s sein ! Und wär ich alt zum Sterben , Auch Ruhm und Narben werben , Und werben gut wie Jugendschein . An dieser Stelle , wie Du Dir denken kannst , brach unser alter Bummcke in lautes Entzücken aus . Ich bin ganz sicher , daß er sich in dem Augenblicke als Hakon Borkenbart fühlte . Das Gedicht verläuft nun so , daß die schöne Ingeborg ihn abweist , wofür er Rache gelobt . Er verkleidet sich als Bettler und setzt sich mit einer goldenen Spindel vor Ingeborgs Schloß . Sie begehrt die Spindel ; er verweigert sie ihr . Ihre Begierde entbrennt so heftig , daß sie sich dem Bettler hingibt , um die Spindel zu besitzen . Nun kommen die bekannten Konflikte ; der Vater in Zorn ; Verstoßung . Zuletzt entpuppt sich der Bettler als Hakon Borkenbart , und alles gelangt zu einem glücklichen Schluß . Es war mir ein Genuß gewesen , dem Gedicht zu folgen , und ich darf sagen , uns allen . Neben dem Dichter selbst interessierte mich Bninski am meisten . Er wurde immer ernster . Seltsam , so las ich auf seiner Stirn , welche Prosa der Erscheinung und dahinter welch heiliges Feuer ! Dies Feuer war nun in der Tat der Zauber des Gedichts und des Vortrags . Sonst bot es angreifbare Punkte die Menge . Doktor Saßnitz , auch an diesem Abend der Avantgardenführer unserer Kritik , nahm zuerst das Wort . Er hob mit Recht hervor , daß unser verehrter Gast sein großes Darstellungsvermögen an einen Gegenstand gesetzt habe , dem mit einem geringeren Kraftaufwand mehr gedient gewesen wäre . Das Ganze sei , wie er selber bemerkt habe , ein Märchenstoff . Ein solcher aber müsse in der Schlichtheit , die seinen Reiz bilde , nicht durch Pracht des Ausdrucks gestört werden . Das Gedicht , bei unbestreitbaren Vorzügen , sei zu lang und namentlich zu schwer . Hätte unser Gast in unser aller Augen noch gewinnen können , so wär es durch die Art gewesen , wie er den Tadel aufnahm . Er nickte zustimmend und sagte dann zu Saßnitz : Ich danke Ihnen sehr ; Ihre Ausstellungen haben es getroffen . Ich wußte nicht , woran es lag , daß mich die eigene Arbeit nicht befriedigte ; nun weiß ich es . Das Gespräch setzte sich fort . Bald danach war die Bowle geleert , und Jürgaß , der wenigstens des Ausharrens von Bummcke sicher war , befahl eine zweite . Bninski und ich aber warteten ihr Erscheinen nicht ab ; Mitternacht war ohnehin bald heran . Als wir auf den stillen Platz hinaustraten , lag der Sternenschein fast wie Tageslicht auf den Straßen . Ich sah hin auf ; mir war zu Sinn , als stiege das Christkind aus diesem Sternenglanz in mein armes Herz hernieder . Bninski begleitete mich ; wir sprachen kein Wort . Beim Abschied sagte er mit einem Ton , den ich bis dahin nicht an ihm gekannt hatte : Ich danke Ihnen , Tubal , für diesen Abend ; es würde mich freuen , Ihre Freunde öfter zu sehen . Da hast Du die jüngste Sitzung der Kastalia , noch dazu eine improvisierte . Und nun lebe wohl . Renate sei mit Dir . Die Form dieses Glückwunsches wiegt hoffentlich tausend Grüße an meine schöne Cousine auf . Dein Tubal Nachschrift . Eben ist Dein Papa bei dem meinigen . Sie politisieren viel , vielleicht zu viel . Er grüßt und hofft , wie er Dir schon geschrieben habe , morgen abend auf Schloß Guse zu sein . Einen Platz in seinem Wagen , den er mir angeboten , habe ich abgelehnt . Es ist mir zuviel Freundschaft um Tante Amelie versammelt . Aber ich sehne mich nach Hohen-Vietz und seiner Stille . Kann ich Kathinka bestimmen , mich zu begleiten , so dürft Ihr uns ehestens erwarten . Dein T. « Zweiter Band Schloß Guse Erstes Kapitel Schloß Guse Der Lauf unserer Erzählung führt uns während der nächsten Kapitel von Hohen-Vietz und dem östlichen Teile des Oderbruchs an den westlicher Höhenzug desselben , zu dessen Füßen , heute wie damals , die historischen Dörfer dieser Gegenden gelegen sind , altadelige Güter , deren meist wendische Namen sich schon in unseren ältesten Urkunden finden . Hier saßen , um Wrietzen und Freienwalde herum , die Sparrs und Uchtenhagens , von denen noch jetzt die Lieder und Sagen erzählen , hier hatten zur Reformations- und Schwedenzeit die Barfus , die Pfuels , die Ihlows ihre Sitze , und hier , in den Tagen , die dem Siebenjährigen Kriege unmittelbar folgten , lebten die Lestwitz und Prittwitz freundnachbarlich beieinander ; Prittwitz , der bei Kunersdorf den König , Lestwitz , der bei Torgau das Vaterland gerettet hatte . Oder wie es damals in einem Kurrentausdruck des wenigstens sprachlich französierten Hofes hieß : » Prittwitz a sauvé le roi , Lestwitz a sauvé l ' état . « Alle diese Güter begannen bald nach der Trockenlegung des Oderbruchs , also etwa dreißig Jahre vor Beginn unserer Erzählung , zu ihren sonstigen Vorzügen auch noch den landschaftlicher Schönheit zu gesellen . Wer hier um die Pfingstzeit seines Weges kam , wenn die Rapsfelder in Blüte standen und ihr Gold und ihren Duft über das Bruchland ausstreuten , der mußte sich , weit aus der Mark fort , in ferne , beglücktere Reichtumländer versetzt fühlen . Die Triebkraft des jungfräulichen Bodens berührte hier das Herz mit einer dankgestimmten Freude , wie sie die Patriarchen empfinden mochten , wenn sie , inmitten menschenleerer Gegenden , den gottgeschenkten Segen ihres Hauses und ihrer Herden zählten . Denn nur da , wo die Hand des Menschen in harter , nie rastender Arbeit der ärmlichen Scholle ein paar ärmliche Halme abgewinnt , kann die Vorstellung Platz greifen , daß er es sei , der diesen armen Segen geschaffen habe ; wo aber die Erde hundertfältige Frucht treibt und aus jedem eingestreuten Korn einen Reichtum schafft , da fühlt sich das Menschenherz der Gnade Gottes unmittelbar gegenüber und begibt sich aller Selbstgenügsamkeit . Es war an diesem westlichen Höhenrande des Bruches , daß der große König , über die goldenen Felder hinblickend , die Worte sprach : » Hier habe ich in Frieden eine Provinz gewonnen . « Ein Bild , das diesen Ausruf gerechtfertigt hätte , bot die Niederung am dritten Weihnachtstage 1812 freilich nicht . Alles lag begraben im Schnee . Aber auch heute noch war ein Blick von der das Bruch beherrschenden » Seelower Höhe « aus nicht ohne Reiz ; über den zahlreichen ausgebauten Höfen und Weilern zog ein Rauch , die Stelle menschlicher Wohnstätten verkündend , während auf Meilen hin die nur halbverschneiten Kirchtürme der größeren Dörfer im hellen Sonnenschein blitzten . Einer dieser Kirchtürme , der nächste , zeigte sich in kaum Büchsenschußentfernung von der ebengenannten Höhe , und eine Allee alter Eichen , deren braunes Laub , wo der Wind den Schnee abgeschüttelt hatte , klar zu erkennen war , lief in gerader Richtung auf die Kirche zu . Neben dieser , weit über den Wetterhahn der Turmspitze hinaus , erhoben sich mächtige , zum Teil fremdartig aussehende Bäume , allem Anscheine nach einem großen Parke zugehörig , der von links her das Dorf umfaßte . Dieses Dorf war Guse . Wie sein Name bekundet , wendischen Ursprungs , führten es doch erst begleitende Vorgänge des Dreißigjährigen Krieges , um welche Zeit die Schaplows hier ansässig waren , in unsere Landesgeschichte ein . Zwei Jahre vor Abschluß des Osnabrücker Friedens vermählte sich Georg von Derfflinger , damals noch General in schwedischen Diensten , mit Margarethe Tugendreich von Schaplow und übernahm das Gut . Nicht als Frauenerbe , sondern gegen Kauf ; die verschuldeten Minorennen konnten es nicht halten . Zunächst war die Erstehung des Gutes wenig mehr als eine Kapitalsanlage , vielleicht auch ein Versuch , sich im Brandenburgischen territorial und politisch festzusetzen ; aber schon in den sechziger Jahren , lange bevor der Tag von Fehrbellin , der pommersche und der ostpreußische Feldzug den Ruhm Derfflingers auf seine Höhe gehoben hatten , sehen wir den Alten beflissen , hier nicht nur die Schäden vieljähriger Verwahrlosung auszugleichen , sondern auch durch Bauten und Anlagen - in allem dem Beispiele seines kurfürstlichen Herren folgend - eine Musterwirtschaft herzustellen . Abzugsgräben wurden gezogen , Dämme und Wege durch den Sumpf gelegt , das Schloß entstand ; die Kirche , zunächst erweitert , erhielt eine Gruft , und ein Kasernenbau , bis diesen Tag erkennbar , nahm die Dragonerabteilung auf , die zu täglichem Dienst bei ihrem Chef und General aus dem benachbarten Garnisonsort nach Guse hinbeordert war . Das eigentlichste Augenmerk des Alten war aber der Park , der ihn bald glücklicher machte als der Ruhm seiner Taten . Ein guter Wirt und Haushalter , wie fast alle diejenigen , die das Schwert mit der Pflugschar vertauschen , war er doch freigebig , wenn es die Beschaffung schöner Bäume galt . Zypressen und Magnolien wurden unter großen Kosten herbeigeschafft , und noch jetzt führt ein Zedernhain des Parkes den Namen » Neulibanon « . In Zurückgezogenheit zu leben und sich seiner Anlagen zu freuen wurde mehr und mehr das einzige Verlangen des nun achtzigjährigen Feldmarschalls , der , wie er sich selber ausdrückte , bei Hofe » viel Saures und Süßes « gekostet hatte , » aber des Sauren mehr « . Die Zeiten , wo er seinem Freunde , dem Grafen Baudissin , ins Stammbuch schreiben konnte : Wind und Regen Sind mir oft entgegen ; Ich ducke mich , laß es vorübergahn , Das Wetter will seinen Willen han , diese Tage beinahe heiterer Resignation lagen für ihn weit zurück , und er war versteift , eckig und reizbar geworden . Endlich gab der Kurfürst , der ihn trotz seiner hohen Jahre im Dienste festhalten wollte , nach , und der Alte hatte nun seinen Willen und seine Freiheit ; er gab die Stadt auf und ging nach Guse . Hier , eine kleine Weile noch , sah er auf alles , was er geschaffen , und freute sich des Segens in Feld und Haus . Aber er war müde , müde auch seines Glückes . Noch vor Ablauf des Jahrhunderts schloß sich sein reiches Leben . Er wurde , wie er es angeordnet , ohne Gepränge beigesetzt , in der Gruft , die er selbst gebaut hatte . Auch der Geistliche mußte sich auf den Nachruf beschränken » Gott habe den Entschlafenen innerhalb des Kriegsdienstes von der niedersten bis zur höchsten Stufe gelangen lassen « . Der Alte hatte Ruhmes genug im Leben erfahren , um den Klang desselben im Tode entbehren zu können . Sein einziger überlebender Sohn , Friedrich von Derfflinger , trat die reiche Erbschaft an , die außer Dorf und Schloß Guse noch fünf andere Oderbruchgüter umfaßte . Er war Reiterführer und Chef eines Dragonerregiments wie sein Vater ; aber nur in Rang und äußerer Stellung ihm verwandt , besaß er wenig von dem kriegerischen Sinn und der feldherrlichen Einsicht , die den Vater zu so hohen Ehren gebracht hatten . Der Wechsel der Zeiten konnte nicht wohl die Ursache davon sein , denn das neue Jahrhundert , nach einer kurzen Epoche des Friedens , begann mit einem der schlachtenreichsten Kriege , und bei Turin und Malplaquet lagen die Brandenburger gehäuft unter den Toten . Aber wenn die Kriegsannalen nicht von ihm sprechen , so doch Guse , wo er nicht nur die Schöpfungen seines Vaters fortzusetzen , sondern auch diesen Vater selbst zu ehren vom ersten Augenblick an beflissen war . Er erweiterte den Park , er verschönte das Schloß , vor allem aber ließ er dem Toten ein Monument errichten . Die besten Kräfte , wie sie das Berlin der Schlüterzeit aufwies , waren bei Ausführung dieses Denkmals tätig . Über einem offenen Steinsarkophag , in den die Hand des Sohnes den Feldmarschallstab legte , wurde die Büste des Vaters aufgestellt , eine Fama blies in die Posaune , und zwei Derfflingerstandarten mit blauseidenen Fahnentüchern und der Inschrift » agere aut pati fortiora « kreuzten sich zu einer Waffentrophäe . Bis diesen Tag ist der Guser Kirche dieses Denkmal erhalten geblieben . Drei Jahrzehnte nach dem Tode des Vaters starb auch Friedrich von Derfflinger , und mit ihm erlosch der berühmte Name , der kaum länger als ein halbes Jahrhundert geglänzt hatte , aber während dieser kurzen Dauer hell genug , um auch den Namen Dorf Guses für immer der Dunkelheit zu entreißen . Das alte Derfflingererbe ging durch verschiedene Hände , bis es in Besitz des Grafen von Pudagla kam . Der Graf ließ es zunächst verwalten , und um diese Zeit , wo sich zuerst wieder das Nationale zu regen begann , war es auch , daß die Wallfahrten nach der Derfflingergruft ihren Anfang nahmen . Nicht zum Vorteil dessen , der in ihr ruhte . Jeder , nach einem Andenken lüstern und seine Pietätslosigkeit mit der Vorgabe historischen Interesses deckend , vergriff sich an der Kleidung des Toten , so daß dieser , vor Ablauf eines Jahrzehntes , wie ein nackt Ausgeplünderter in seinem Sarge lag , nur noch mit dem angeschnallten Brustharnisch und seinen hohen Reiterstiefeln bekleidet . So kam das Jahr 1790 . Graf Pudagla starb , und seine Witwe , das Gut übernehmend , machte dem Unfug ein Ende . Diese Witwe war Tante Amelie . Zweites Kapitel Tante Amelie Tante Amelie war die ältere Schwester Berndts von Vitzewitz . Um die Mitte des Jahrhunderts , also zu einer Zeit geboren , wo der Einfluß des Friderizianischen Hofes sich bereits in den Adelskreisen geltend zu machen begann , empfing sie eine französische Erziehung und konnte lange Passagen der » Henriade « auswendig , ehe sie wußte , daß eine » Messiade « überhaupt existiere . Übrigens würde schon der Name ihres Verfassers sie an der Kenntnisnahme des Inhalts gehindert haben . Sie war ein sehr schönes Kind , früh reif , der Schrecken aller nachbarlichen , in Wichtigkeit und Unbildung aufgebauschten Damen und erfüllte mit zwanzig Jahren die auf eine glänzende Partie gerichteten Hoffnungen beider Eltern : im Herbst 1770 wurde sie Gräfin Pudagla . Graf Pudagla , ein Vierziger , hatte die Feldzüge mitgemacht , am Tage von Leuthen sich ausgezeichnet und stand bei Schluß des Krieges als Rittmeister im Dragonerregiment Anspach und Bayreuth . Eine glänzende militärische Laufbahn schien ihm gesichert . Bei der zweitfolgenden Revue aber sah er sich vom König , der einen groben Fehler wahrgenommen zu haben glaubte , mit harten Worten überhäuft , in Folge dessen der Graf den Abschied nahm . Er zog sich auf seine reichen , die halbe Insel Usedom einnehmenden Besitzungen zurück , besuchte während mehrerer Jahre die westeuropäischen Hauptstädte und gab bei seiner Rückkehr , durch Annahme eines Prinz Heinrichschen Kammerherrntitels , seiner Unzufriedenheit einen offenen Ausdruck . Er wollte zu den » Frondeurs « gezählt sein , die der Prinz bekanntermaßen um sich versammelte . Einige Wochen später vermählte er sich mit der schönen Amelie von Vitzewitz , woran sich nach einem kurzen Aufenthalt auf den pommerschen Gütern die Übersiedelung nach Rheinsberg schloß . Die Vorteile , die der kleine Hof aus der Anwesenheit des Grafen zog , waren , soweit seine eigene Person in Betracht kam , gering . Er hatte , wie seine Gemahlin ihm gelegentlich vorwarf , » au fond du coeur « eine Abneigung gegen den Prinzen , nahm Anstoß an den Sitten , an dem Schmeichelkultus und der hochmütigen Kritik , die hier ihre Stätte hatten , und war jedesmal froh , wenn er nach Wochen kurzen Dienstes wieder auf seine heimatliche Insel zurückkehren , der paterna rura sich erfreuen und in die englischen Parlamentskämpfe sich vertiefen konnte . Denn er liebte England und sah in seinem Volk seiner Freiheit , seiner Gesetzlichkeit das einzige Staatenvorbild , dem nachzueifern sei . Aber soviel an Anregung und Huldigung der Graf versäumen mochte , die Gräfin glich diese Versäumnisse mehr als aus . Sie war in kürzester Frist die Seele der Gesellschaft und beherrschte wie den Hof , so auch die Spitze desselben , den Prinzen , eine Erscheinung , die nur diejenigen überraschen konnte , die den gefeierten Bruder des großen Königs einseitiger und äußerlicher nahmen , als er zu nehmen war . Denn während er die Frauen haßte , fühlte er sich doch ebenso zu ihnen hingezogen . Voll Abneigung gegen das Geschlecht als solches , sobald es allerhand ihm unbequeme Forderungen stellte , war er doch ästhetisch geschult und feinsinnig genug , um die eigentümlichen Vorzüge des weiblichen Geistes : Unmittelbarkeit , Witz und gute Laune , Schärfe und Treffendheit des Ausdruckes , herauszufühlen . So vollzog sich das Widerspruchsvolle , daß an einem Hofe , der die Frauen als Frauen negierte , eben diese Frauen doch herrschten , und zwar herrschten , ohne auch nur einen Augenblick auf ihre allerweiblichsten Eigenarten und Unarten verzichten zu müssen . Der Prinz hatte nur das Bedürfnis persönlichen Verschontbleibens ; im übrigen tolerierte er alle den Sittenpunkt nicht ängstlich wägenden Lebens- und Umgangsformen , die ihm , weil einen unerschöpflichen Stoff für seine sarkastische Laune , eben deshalb einen bevorzugten Gegenstand der Unterhaltung boten . Die Liebesintrige stand in Blüte ; an unsere junge Gräfin aber knüpfte ihn neben manchem anderen auch die Wahrnehmung , daß sie , an Kühnheit der Anschauungen mit ihm wetteifernd , auf die Betätigung dieser Anschauungen verzichtete und keinen Augenblick dem Verdachte Nahrung gab , ihre Grundsätze nach ihrer Lebensbequemlichkeit gemodelt zu haben . Denn wie alle außerhalb des sittlichen Herkommens Stehende barg auch der Prinz , hinter dem Unglauben an einen reinen Wandel , doch schließlich nur den im tiefsten ruhenden Respekt vor demselben . Unerschüttert in seinen Allgemeinanschauungen , sah er in der Gräfin » den Ausnahmefall , der ihm die Regel bestätigte « , und beglückwünschte sich , weit über landläufig-kleine Verhältnisse hinaus , intimste Beziehungen zu einer Frau unterhalten zu dürfen , die , mit allen Vorzügen der weiblichen Natur ausgestattet , zugleich frei von allen Schwächen derselben war . Eine Spezialfreude gewährte ihm die Gräfin noch dadurch , daß sie für ihren Gemahl dieselbe heitere Kühle hatte wie für alle andern Mitglieder des Rheinsberger Hofes und die Frage nach der Fortdauer des Hauses Pudagla mit nie gestörter Gleichgiltigkeit behandelte . Einer ihrer hervorstechendsten Züge war die Offenheit . Sie wußte , daß sie mehr sagen durfte als andere , und sie bediente sich dieses Vorrechts . Eine Mischung von Pikanterie und Grazie , über die sie Verfügung hatte , gestattete ihr Gewagtheiten , die vielleicht keinem anderen Mitgliede des Hofes mit gleicher Bereitwilligkeit verziehen worden wären ; das eigentliche Geheimnis ihrer andauernden Gunst aber war , daß sie die verschiedenen Gebiete der Unterhaltung auch verschieden zu behandeln und genau zu unterscheiden wußte , wo Gewagtheiten allenfalls noch am Platze waren und wo nicht . Wenn ihre Offenheit groß war , so war ihre Klugheit doch noch größer . Das philosophische Gebiet , die Kirche , die Moral bildeten einen weiten , nirgends durch Schnurleinen eingeengten Tummelplatz , während die Politik bereits einzelne , das militärische Gebiet aber , weil mit den Eitelkeiten des Prinzen zusammenhängend , eine ganze Anzahl von mit » Défendu « bezeichnete Partien hatte . Dieser Unterschiede war sich die Gräfin jederzeit bewußt , und während sie vielleicht eben noch in Beurteilung einer voltairisch aufgefaßten Jeanne d ' Arc bis an die Grenze des Möglichen gegangen war , unterließ sie doch nicht , bei diskursiver Behandlung irgendeiner prinzlichen Schlachtengroßtat sofort den Ton zu wechseln und an die Stelle unerschrockenster Behauptungen die allerloyalsten Huldigungen treten zu lassen . Im Darbringen solcher Huldigungen - sei es von ungefähr im Gespräch oder sei es vorbereitet in großen Festlichkeiten - war sie unerschöpflich , und wenn sich der Prinz selbst nach eben dieser Seite hin eines wohlverdienten Rufes erfreute , so zeigte sie sich mindestens als seine gelehrige Schülerin . Ihre vollkommene Gleichgiltigkeit gegen militärische Schaustellungen und kriegerische Aktionen besaß sie Kraft genug hinter einem erheuchelten und deshalb um so lebhafter sich gebärdenden Interesse zu verbergen . Sie wußte , daß , wer den Zweck wollte , auch die Mittel wollen mußte , und so waren denn die Prinzenschlachten ihrem Gedächtnisse bald sicherer eingeprägt als die Feste des christlichen Kalenders . Nie verging der sechste Mai , der Jahrestag der Prager Affaire , ohne irgendeine solenne Bezugnahme darauf . Da gab es immer neue Überraschungen : gestickte Teppiche mit dem Hradschin und der Moldaubrücke , samt vier Grenadiermützen in den Ecken ; Tableaux vivants , in denen Mars und Minerva , sich überholt fühlend , vor der höheren Rheinsberger Gottheit ihr Knie beugt ; Dialoge , ganze Stücke , mit Griechen- und Römerhelden , mit Myrmidonen und Legionen , die sich dann schließlich immer als Prinz Heinrich und das die Prager Höhen erstürmende Regiment Itzenplitz entpuppten . Sprach sich in diesem allen eine Kunst der Erfindung aus , so war die Kunst des Schweigens , des Unterdrückens und Verleugnens , die beständig geübt werden mußte , kaum geringer . » Schwerins mit der Fahne « durfte nie gedacht werden ; ein Hinweis auf diesen großen Prager Rivalen würde nur zu den ernstesten Verstimmungen geführt haben , und der Prinz , von dem Wunsche erfüllt , einen solchen störenden Zwischenfall von vornherein ausgeschlossen zu sehen , hatte nicht Anstand genommen , » den auf allen Jahrmärkten besungenen Heldentod « einfach als eine » Bêtise « zu bezeichnen . All diesen Eigenarten , auch wo sie sich bis zur Laune und Ungerechtigkeit steigerten , wußte sich die Gräfin zu bequemen , und ihrer Mühen Lohn war eine sechzehnjährige Herrschaft . Erst das Jahr 1786 , ohne diese Herrschaft zu beseitigen , schuf doch einen Wandel der Verhältnisse überhaupt . Der große König starb , und sein Hinscheiden ermangelte nicht , auch das Rheinsberger Leben empfindlich zu berühren . Der kleine Hof wurde wie auseinandergesprengt ; alle freieren Elemente desselben , die großenteils mehr aus Opposition gegen den König als aus Liebe zum Prinzen sich um diesen geschart hatten , schlossen wieder ihren Frieden mit der Staatsautorität und waren froh , aus einem engen und aussichtslosen Kreis in den öffentlichen Dienst zurücktreten zu können . Unter diesen war auch Graf Pudagla . Er ging in demselben Herbst noch nach England , wozu ihn , neben seiner Vertrautheit mit Politik und Sprache , seine