das Herz schwer . Ich habe ja auch zu Hause solche Hänsel und Gretel , die auf den Vater warten , daß er ihnen Brot bringt . Wenn wir nun niemals von hier erlöst würden , oder wenn wir ganz mit leeren Händen irgendwo an Land kämen , ohne Geld , ohne Kleidung , ohne Heuer ! « - Keiner antwortete ihm , aber die gute Laune war verscheucht , selbst bei Robert . Er ging voran durch das blühende , duftende Gewirr von Pflanzen und Blumen , durch das Gras und das weiche grüne Moos . Er war ganz still geworden , seit der Matrose von der Heimat gesprochen hatte . Jetzt war es zu Hause Abend , und die alte Mutter betete vielleicht in diesem Augenblick , daß Gott ihr Kind beschützen möge , daß er es erhalte und vor Gefahren behüte . - - Lautlos gingen sie weiter . Jeder hatte ja daheim seine Lieben , jeder fragte sich , ob er sie wiedersehen werde . So waren sie etwa eine Viertelstunde gegangen , als sich der Boden zu erhöhen begann und der Pflanzenwuchs weniger üppig schien . Dafür aber entdeckten die Matrosen einen überhängenden , ziemlich breiten Felsvorsprung , auf dessen Kuppe das Moos in langen Flechten wucherte und der unter seiner gewölbten Decke der kostbaren Ladung des gestrandeten Schiffes guten Schutz bieten konnte . Von allen Seiten offen , hatte die Stelle nur ein Dach , aber das war auch alles , was man brauchte , und sofort wurde der Rückweg angetreten . Jetzt hob sich die Stimmung der Leute . An Bord waren Lebensmittel für viele Wochen , für Monate sogar , und wenn einige Tage an dem überhängenden Felsen gezimmert wurde , so hatte man gegen den Regen hinlänglichen Schutz . Einmal mußte ja auch ein Schiff in Sicht kommen . » Holla Jungens « , rief der große Russe , » nun laßt uns alle Segel setzen , daß wir die Ladung erst einmal hier verstauen . Zuerst die Lebensmittel . « » Frisches Wasser fließt an unserem zukünftigen Hotel unmittelbar vorüber « , sagte der Speckesser , » wir werden also Herrentage haben , besonders , wenn auch ein bißchen Jagd betrieben werden kann . Diese weißen und blauen Vögel scheinen mir zum Fasanengeschlecht zu gehören . « » Und Fische gibt es auch ! « fügte Robert hinzu . » Wenn wir nur erst alles hier hätten . Sechs Mann müssen ja ununterbochen bei den Pumpen bleiben . « » Der Zimmermann soll Flöße zusammenschlagen , dann geht es . « Man hatte sich der Küste wieder genähert , doch plötzlich legte Robert den Arm auf die Schulter des Speckessers . » Was ist das ? - Ein fremdes Boot am Schiff ! « Alle sahen hinüber . Wirklich lag seitwärts der Galliot ein großes Fischerboot , und an Deck standen mehrere Männer in roten Flanelljacken . Van Swieten und Renefier sprachen mit den Leuten . » Wo kommen die Kerle her ? « » Wer sind sie und was wollen sie auf der Galliot ? Das scheint mir viel wichtiger . « » Ob wir uns zu der Beratung melden ? « » Wollen wir etwa die Kameraden im Stich lassen ? « Ohne länger zu zögern , drangen die fünf zu ihrem Boot vor und ruderten so schnell wie möglich an das gestrandete Schiff heran . Als sie das Deck betraten , gab ihnen Renefier heimlich ein Zeichen zu schweigen , worauf der Speckesser in gleichgültigem Ton sagte : » Wir haben Wasser gefunden , Herr Obersteuermann . « » Es ist gut . Ich werde später weitere Anweisungen geben . « Dann setzte er seine Unterhaltung mit den Fischern wieder fort . Robert verstand natürlich davon keine Silbe , aber später erfuhr er durch den Kapitän selbst , um was es sich handelte . Die Fischer hatten angefragt , welche Ladung im Raum der Galliot verstaut sei und was man bezahlen wolle , wenn sie mit ihrer Bark , die an einer entfernten Stelle vor Anker lag , sämtliche Waren nach Havanna beförderten . Van Swieten besann sich nicht lange . Sein Plan war bald gemacht . Er bewies durch die Schiffspapiere , daß sich Mehl und Fleisch an Bord befanden , daß er also bei einer so wenig wertvollen Ladung für den angebotenen Transport höchstens zweihundert Dollar zahlen könne . Darauf gingen die Fischer nach einigem Handeln ein und versprachen , am folgenden Morgen mit ihrer Bark zur Stelle zu sein . Nachdem die beiderseitigen Bedingungen zu Papier gebracht waren , zogen die Spanier ab . Van Swieten hatte kaum die nötigen Abschiedsgrüße gewechselt , als er sich händereibend zu den Matrosen wandte . » Kinder « , sagte er , » das geht bei allem Unglück noch besser als ich dachte . Nun zeigt , daß ihr Kerle seid , und es soll euer Schade nicht sein . Wir müssen alle wertvollen Waren hier auf der Insel unterbringen , um sie den Spaniern zu entziehen , sonst fordern die Kerle mindestens das Sechsfache für die Überfahrt . Bin ich erst einmal in Havanna , so habe ich Freunde genug , um die Sachen hinüberzuschaffen . « Die fünf Abgesandten berichteten nun , was sie gefunden hatten , und sowohl van Swieten als auch Renefier schienen zufrieden zu sein . Es wurden in größter Eile Vorbereitungen getroffen , um die Schmuggelwaren an Land zu verstecken . Von den vierzehn Mann an Bord der Galliot mußten sechs die beiden Boote mit den erforderlichen Lebensmitteln , mit Werkzeugen und Geräten beladen , dann , nachdem diese Dinge hinübergeschafft waren , folgten die Waren , und ehe es Abend wurde , hatten die Matrosen fast alles geborgen , was dem Kapitän besonders wertvoll oder wichtig erschien . » Morgen mit Tagesanbruch fahren wir noch einmal « , bestimmte der Kapitän , » und dann bleiben drei von euch auf der Insel als Wache zurück . Wer dazu Lust hat , kann sich melden . Ich verpflichte mich , euch innerhalb acht Tagen abzuholen und gebe Verpflegung und Wein , soviel ihr wollt , nur dürft ihr das Versteck der Waren nicht verraten , sondern müßt , wenn euch die Fischer aufspüren sollten , irgendein Märchen erfinden . Nun , wer will ? « Robert trat mit der Mütze in der Hand vor . Seine Augen baten so eindringlich , daß Worte gar nicht nötig waren . » Herr Kapitän , bitte lassen Sie mich mitgehen ! « Van Swieten lächelte . » Meinetwegen , du Schlingel . Willst gern ein bißchen Robinson spielen , nicht wahr ? Na , geh nur mit . In Havanna finden wir uns hoffentlich auf einem neuen Schiff wieder zusammen , wenn es auch nicht die arme brave Antje Marie ist , und wenn wir auch den alten Geisterseher nicht mehr bei uns haben . Gott gebe ihm die ewige Ruhe , amen ! « Dann wurden die beiden zum Bleiben auf der Insel bestimmten Matrosen ausgewählt ; Mohrs Seekiste kam als Roberts Eigentum in die Kapitänskajüte , um zunächst der Gefahr entzogen zu werden , man peilte nochmals und fand , daß das Wasser im Raum nicht gestiegen war - dann ging die Mannschaft zur Koje . Robert schlief nicht . Zuviel stürmte auf ihn ein , zu viele Gedanken , frohe und traurige , beschäftigten ihn . Die acht Tage auf der Insel sollten ihm zu einem einzigen Freudentag werden ! Was er sich jemals Märchenhaftes und Abenteuerliches ausgedacht hatte , sollte jetzt Wirklichkeit werden ! In Pinneberg veranstalteten ja schon die größeren Jungen so gern allerlei Räuberspiele ; sie führten untereinander Krieg auf den Inseln im Mühlenteich und in der Aue , wobei Robert jedesmal der Anführer gewesen war , - aber was war das gegen die Freude , in einer wirklichen Wildnis zu leben , in unbekannte Gegenden vorzudringen und Neues , immer Neues zu sehen ? Sein Herz hüpfte vor Freude , und wäre es nicht das Bild des alten Mohr gewesen , das zuweilen wie ein Schatten auftauchte , so würde der Junge heimlich den Schiffbruch der Galliot als ein sehr frohes Ereignis bezeichnet haben . Aber die Erinnerung an den verlorenen Freund kam immer wieder zurück , mischte sich in jede Hoffnung , jede Freude - er konnte sie nicht zurückdrängen , sooft er es auch versuchte . Wo mochte jetzt die Leiche sein ? Vielleicht von den Haien gefressen , vielleicht treibend im weiten Weltmeer . Roberts Augen wurden feucht , als er an den Alten dachte . Ja , sein Wunsch sollte erfüllt werden , in Havanna wollte er nach Hamburg anmustern und mit den Ersparnissen des unglücklichen Menschen nach Hause zurückkehren . Er wollte später von Mohrs Erbe das Steuermannsexamen machen , ja , und wenn er einmal ein Schiff besaß , so sollte es » Der Geisterseher « heißen , zum Andenken an den verlorenen Freund . Allmählich schlief er ein . Wunderbar ruhig und still war die Tropennacht . Kein Hauch , keine Welle bewegte das Wasser . Hoch oben am Himmel glänzte der Vollmond , und im Meer spiegelte sich sein helles , lächelndes Rund . Träumte Robert oder wachte er , als er zu hören glaubte , daß sich das Deck mit Männern anfüllte , daß ein Ringen und Stampfen , ein Ächzen und Fluchen die Stille der Mitternachtsstunde unterbrach ? - - War es Wirklichkeit , daß er die Männer an den Pumpen gefesselt an Deck liegen sah , und daß die fremden Gestalten ihre Arbeit übernommen hatten , während andere den Kapitän und den Obersteuermann gebunden in ein Boot schleppten ? Robert fuhr auf und sah hart neben sich das braune , bärtige Gesicht eines der Fischer . Noch war er selbst nicht bemerkt worden , und sein Verstand riet ihm , sich vollkommen regungslos zu verhalten . Was konnte der Überfall bedeuten ? Das Rätsel sollte bald gelöst werden . Er hörte , wie van Swieten und Renefier in deutscher Sprache miteinander verhandelten . » Die Schurken « , knirschte der Kapitän , » die verfluchten Schurken ! « Renefier seufzte . » Du bist an allem schuld ! « gab er zurück . Ein lautes Rufen der Spanier übertönte seine Worte . Sie schnatterten durcheinander und begannen im Logis und in der Kajüte zu suchen . Robert horchte angestrengt . » Sie können den Jungen nicht finden « , sagte van Swieten . » Ich wollte wünschen , daß er entkäme . « Es rann heiß und kalt durch Roberts Adern . Auf dem Bündel alter Segel , das er sich hinter der Kombüse als Lager eingerichtet hatte , war er bis jetzt den Räubern entgangen , aber wie lange würde es dauern , bis man ihn entdeckt haben und mit den andern gefesselt in das Boot schaffen würde ? Er durfte nicht zögern . Auf der Insel befand sich alles , was man für mehrere Wochen zum Leben brauchte , an Bord dagegen kam er in die Gefangenschaft einer Verbrecherbande . Schnell entschlossen ergriff er ein starkes Tau , zog es durch einen eisernen Ring der Bordwand und ließ sich geräuschlos daran hinabgleiten in das Wasser . Dann zog er , um seine Flucht gänzlich zu verbergen , das Tau schleunigst nach und schwamm in langen Zügen der Insel zu . Niemand entdeckte ihn , keiner der Räuber ahnte etwas . Das Boot mit der gefangenen Mannschaft stieß ab , als der Junge das Ufer erkletterte . Durchnäßt bis auf die Haut , allein in der weglosen Wildnis , zitternd vor Schwäche und Anstrengung sah er , wie auf dem Schiff die Piraten das Kommando ergriffen hatten und die Ladung als ihr Eigentum in Besitz nahmen . Als Robert den letzten Schatten des Bootes aus den Augen verloren hatte , sank er , von der Aufregung betäubt , ohnmächtig zu Boden . Allein Die Nacht verging , und die Räuber arbeiteten eifrig . Sie schafften von der Ladung soviel heraus , daß gegen Morgen ihre Bark das fast leergewordene Fahrzeug ins Schlepptau nehmen konnte . Als die Sonne hoch am Himmel stand , war von der » Antje Marie « nichts mehr zu sehen . Robert erhob sich und nahm alle seine Kräfte zusammen . Jetzt war er allein , niemand konnte ihm raten oder helfen , niemand hörte ihn , er mochte rufen sooft er wollte . Im Anfang erdrückte ihn der trostlose Gedanke , machte ihn unfähig seine Lage ruhig zu überblicken oder für die nächste Zukunft irgendeinen Entschluß zu fassen , dann aber raffte er sich auf , um wenigstens etwas zu essen . Der Magen verlangte sein Recht . Mit langsamen Schritten wanderte er am Strand entlang . Es war ihm , als könne er dem Meer nicht den Rücken kehren , als sei er ganz verlassen , wenn erst das dichte Gebüsch ihn umgab . Und vielleicht - vielleicht kam ja auch ein Schiff . Er ging weiter und weiter , aber nichts zeigte sich . Die Küste wurde immer unwegsamer , der Pflanzenwuchs spärlicher , je weiter er vordrang ; auch der Hunger quälte ihn stärker , und der Durst trocknete seine Kehle aus . Zahlreiche Möwen kreuzten über dem Wasser in der heißen Luft , Krebse und Krabben bewegten sich am Ufer , sonst war alles öde und totenstill . Robert fühlte es , er mußte jetzt essen , oder er würde ohnmächtig werden . Schnell entschlossen wandte er sich und ging zurück zu dem ersten Ankerplatz des Bootes , um von dort aus die Stelle zu erreichen , wo er Wasser und Nahrungsmittel finden konnte . Wohnten die Räuber auf dieser Insel und hatten sie das Versteck der Strandgüter schon entdeckt , so war er verloren , aber Robert ergab sich in das Unvermeidliche . Er hatte alle Hoffnung fallen lassen . Mit brennendem Kopf beugte er sich über die Quelle , die er schon am Vortage entdeckt hatte , und trank in langen , durstigen Zügen . Er wusch erst Gesicht und Hände , dann aber zog er sich aus und sprang ganz ins Wasser . Es war , als ob er plötzlich von einem Teil seiner Sorgen und Befürchtungen befreit sei . Er schwamm bald auf dem Rücken , bald mit den zahlreichen langbeinigen Wasserspinnen lustig um die Wette , obwohl dabei der Hunger nur immer grimmiger zu toben begann . Aber das schadete ja nicht ; er besaß zu Essen genug , um den knurrenden Gesellen zu befriedigen , und daher gab er sich dem Vergnügen des Badens erst einmal ungestört hin . Dann schüttelte er den Staub aus seinen Sachen , rieb und reinigte sie so gut wie möglich und lief neu gestärkt auf dem gestern bezeichneten Pfad durch das Gebüsch , um zu dem Stapelplatz der Waren zu kommen . Etwas schlug ihm aber doch das Herz , als er näher kam . Wenn vor ihm die Räuber dagewesen waren und alles weggenommen hatten ? - Dann konnte er Melonen essen , Ananas , Bananen , rohe Krabben und verschiedene kleine Beeren , die an den Büschen wuchsen - weiter blieb ihm nichts übrig . Wenn sich der Magen gegen diese Kost sträubte , so kamen Krankheit und Tod und deckten alles zu , Vergangenheit und Zukunft . Er schlich und lauschte , er spähte durch die Zweige , angstvoll und hoffend zugleich . Aber es war zum Glück kein Mensch dagewesen . Alles lag und stand , wie es gestern die Matrosen übereinandergestapelt hatten ; tiefer Friede ruhte auf der ganzen Umgebung . Robert nahm mit erleichtertem Herzen von seiner künftigen Wohnung Besitz . Er mußte sich einrichten , mußte sich den Verhältnissen anpassen und wie ein Geizhals den vorhandenen Vorrat verwalten , das wußte er . Aber noch hatte es keine Not . Da waren Erbsen , Reis , Bohnen , Pökelfleisch , Speck und Mehl . Ferner fand er mehrere Angeln , einen Spaten , ein Fäßchen Salz , eine kleine Kiste mit Zündhölzern und Kochgeräte , also schien für den Magen gut gesorgt . Bei näherer Umschau entdeckte er noch eine Kiste mit Schiffsbrot , und als seine Zähne tapfer das harte Gebäck zerbissen , wunderte er sich , wie ausgezeichnet es schmeckte . Ein tüchtiges Stück Speck , eine halbe Ananas und ein Glas Wein vollendeten das sonderbar zusammengesetzte Frühstück , dann stützte Robert den Kopf in die Hand und fing an nachzudenken . Wo mochten jetzt seine Kameraden sein ? Lebten sie überhaupt noch ? Wahrscheinlich lagen alle gefesselt auf dem Boden des Meeres , wahrscheinlich waren alle tot , die Männer , in deren Mitte er die Heimat verlassen hatte . Ganz allein hatte ihn das Schicksal dem Strand der unbewohnten Insel zugeführt , ganz allein war er zurückgeblieben , ohne einen Freund , einen Menschen , mit dem er sprechen konnte . So hatte er die alten Eltern zurückgelassen , so verließen ihn die Menschen . Er sprang auf und ging ins Freie . Krank durfte er nicht werden , dann war alles verloren . Er mußte wieder an den Strand gehen und nach Rettung Ausschau halten , darin lag seine einzige Hoffnung . Es graute ihn , sooft er das Gebüsch und die aufgestapelten Vorräte erblickte . Wenn das alles verzehrt war und noch kein Schiff ihn bemerkt hatte , was dann ? Er ergriff eine große Wolldecke und wickelte sie zusammen . Zwischen zwei Bäumen am Ufer ausgespannt , konnte sie vielleicht als Notzeichen dienen , vielleicht führte sie ein Schiff an die Küste , das ihn aufnahm . Er dachte nicht daran , daß auch die Räuber so sein Versteck finden und ihn plötzlich überfallen konnten . Das Gefühl des Verlassenseins ließ ihn noch zu keiner klaren Überlegung kommen . Beladen mit der Decke , einem großen Stück Segeltuch , einer Rolle Garn und etwas Mundvorrat machte er sich auf den Weg , um den Strand wieder zu erreichen . Das brandende Meer war doch nicht so entsetzlich einsam wie der schweigende Wald . Aber er ging diesmal einen andern Weg . Anstatt sich ganz links zu halten , bog er rechts ab und brauchte etwas mehr Zeit , bevor er ans Ufer kam . Hier spülten die Fluten in tiefe Buchten hinein , und die Gegend wurde mit jedem Schritt schöner . War an der entgegengesetzten Seite der Insel das Meer von großartiger , überwältigender Schönheit , brach dort donnernd die Brandung an die höhergelegene Küste , - so spielte es hier murmelnd und flüsternd wie ein stiller träumender See unter dem Schatten uralter , tief herabhängender Baumzweige , rings umgeben von weiten , duftenden Blütenfeldern . Schmale Landzungen liefen zu beiden Seiten langgestreckt bis tief in das Meer hinaus , daher war es so still und friedlich am Strand , daher verloren sich die letzten Wellen des Ozeans hier still unter den Zweigen der Bäume . Robert sah auf . Über der schmalen Bucht wölbten sich verschlungene Ranken zu einer Kuppel . Einzelne Sonnenstrahlen durchdrangen das dichte Gewinde , leichter , spielender Südwind bewegte die weißen und purpurnen Blüten , und die Vögel sangen . Robert ging mit leisen Schritten durch das Gras . Es war ihm wie in einer Kirche , wie damals , als er in dem weltabgelegenen kleinen Heimatdörfchen Rellingen vor dem Altar stand und eingesegnet wurde . Der Pfarrer hatte ihn gefragt , ob er ein guter , wahrhafter und ehrlicher Mensch bleiben wolle . - Sonderbar , auch diese Baumwipfel , diese hüpfenden Sonnenstrahlen , diese Urwaldstille schienen dasselbe zu fragen . Robert legte das Gesicht an den schlanken Stamm einer Palme und umfaßte das Holz , als sei es ein lebendes fühlendes Wesen . Er dachte an Mohr , an den toten geliebten Freund , dessen Augen er immer vor sich sah . Armer , alter Mann , wie glücklich war dein Sterben gegen das deiner ermordeten Kameraden ! Robert erinnerte sich so lebhaft des Toten , daß er ihn zu sehen glaubte . Dort unten , wo die Schatten tiefer fielen , im grünen Blattwerk der Schlingpflanzen , von Orangen und Palmen überragt - - - war es nicht des alten Freundes ernstes Gesicht ? - Roberts Knie zitterten . Er bog das Gebüsch zur Seite und schlich näher , mit pochendem Herzen , leise als beträte er einen Tempel . Ja , es war Mohr , dessen Leiche der Tod an die Erde verzeihend zurückgab , nachdem er um seiner Tat willen sein ganzes Leben die Menschen geflohen hatte . Robert trat ganz nahe an die Leiche heran und zog sie mit Aufbietung aller seiner Kräfte ganz auf den Strand . Er sah voll Rührung in das stille Gesicht des Toten ; ein Gefühl , als sei er nicht mehr so ganz verlassen und allein , bemächtigte sich seiner . Nun konnte er von dem Freund Abschied nehmen . Robert hatte nie eine Leiche gesehen . Er handelte wie unter dem Einfluß einer höheren Gewalt , wusch und reinigte zuerst das Gesicht seines alten Freundes von Blättern und Fasern , dann legte er den Kopf auf ein Polster aus dichtem blühenden Moos und faltete des Toten Hände . Obwohl er nie gesehen hatte , wie man eine Leiche bettet , so sagte ihm doch das natürliche Gefühl , was hier im Augenblick richtig und der Würde des Toten angemessen sei . Nach dreißig Jahren zum erstenmal wieder an Land , auf dem festen Boden der Erde , aber nur - um ein Grab zu finden ! Er streichelte das kalte Gesicht , er sprach in Gedanken mit dem teuren alten Mann und vergaß während dieser stillen Feier des letzten Abschieds , daß er ganz allein auf einer unbewohnten Insel im Weltmeer war . Er verstand jetzt , weshalb sich der Alte zu ihm so besonders hingezogen fühlte , er sah mit hellerem Blick in seine und in die eigene Vergangenheit . Ernster wurden seine Gedanken , immer klarer die Erkenntnis seiner Schuld . Vielleicht sah er Vater und Mutter nie wieder , vielleicht war der Wind , der spielend die Zweige und das Wasser bewegte , auch über ihre Gräber dahingeweht - sie hatten es nicht ertragen können , daß ihr einziges Kind so lieblos gehandelt hatte . Und dann - ja dann war er ihr Mörder , wie der alte Mann , dem ein einziger Augenblick der Leidenschaft die Waffe in die Hand gedrückt hatte . Der Gedanke war schrecklich . Und ohne zu wissen , was er tat , ohne zu wollen oder zu überlegen , beugte Robert die Knie und betete : » O Gott im Himmel , gib , daß dies nicht geschehe ! « Die Sonne stand schon hoch am Himmel , es wurde Zeit , das schwierige Werk zu beginnen . Robert entkleidete den Toten , wusch ihn und hüllte ihn in die Tücher , die er zu ganz anderem Zweck mitgebracht hatte . Dann ging er auf dem kürzesten Weg zu seiner Niederlassung zurück und holte einen Spaten , um das Grab auszuheben . Die Arbeit war nicht leicht , aber Robert hätte um keinen Preis den toten Körper seines alten Freundes unbeerdigt gelassen . Er grub und grub , bis sich der Tag neigte und bis ihm die Hände bluteten , dann legte er mit großer Anstrengung , so gut es ging , die Leiche in ihr letztes Bett . Das Grauen überwindend , sprang er in die Grube und brachte den Körper in die richtige Lage . Noch einmal suchte seine Hand die Rechte des Toten . » Schlaf wohl , lieber alter Freund ! « Und dann begann er das Grab zu füllen . Schaufel auf Schaufel fiel hinunter , und endlich war es getan . Robert wünschte sehnlichst , irgendein Andenken , ein Erinnerungszeichen anzubringen , aber nach längerem Überlegen ließ er den Plan fallen . Kamen die Räuber an den Strand , so konnten sie durch den Anblick des frischen Grabes sehr leicht veranlaßt werden , die ganze Insel zu durchsuchen , und was noch weit schlimmer war , sie konnten das Grab selbst durchwühlen , um sein Geheimnis zu erforschen . Nein , ein Kreuz durfte Robert nicht befestigen , das sah er ein . Er trat die aufgeworfene Erde herunter und legte Moos auf die Stelle ; dann ging er langsam durch das Gebüsch zurück , oft nur mit Mühe die eingeknickten oder quer über den Weg gelegten . Zweige wiederfindend , an denen er sich vorwärts tastete . Es war fast dunkel , als er sich im Hintergrund der Höhle aus Wolldecken und Segeln ein Lager bereitete , sich darauf ausstreckte und sofort einschlief . Am folgenden Morgen begann er sich einzurichten und einen festen Tagesplan zu entwerfen . Bevor er seine Lage überdachte und seinen Tag , den Verhältnissen gemäß , einteilte , wollte er erst seine Wohnung gemütlich herrichten , erst Ordnung schaffen und aufräumen . Wie lange er die Gastfreundschaft dieser Insel noch in Anspruch nehmen mußte , das ließ sich ja nicht voraussehen , vielleicht war es für sehr lange Zeit , und so wollte sich der Junge auf den schlimmsten Fall vorbereiten . Mohrs Beispiel stand hell vor ihm . Was hatte dieser unglückliche , immer einsame , immer seinen furchtbaren Erinnerungen überlassene Mann mit wahrhaft unerschütterlichem Mut so lange ertragen ! Robert sprach in Gedanken mit ihm . Er wußte , was Mohr gesagt haben würde . » Du bist in diese schwierige Lage ohne dein Verschulden hineingeraten , mein Junge , nun ertrage das Übel wie ein Mann und versuche die beste Seite zu sehen . Darin liegt alle Lebensweisheit , darauf ruht alles Glück und Gelingen . Verzweifle nicht an dem Unabwendbaren , sondern sei immer bemüht , dich den Gegebenheiten anzupassen , - - dann wird alles gut ausgehen . « Mohr hatte während mancher Freiwache , wenn die andern würfelten und Karten spielten , mit dem Jungen über ernste Fragen gesprochen , hatte so manches Gute in Roberts empfängliches Herz gepflanzt , und das alles trug schon jetzt seine ersten Früchte . Ein kurzer Rundblick genügte ihm , sich über seine nächsten Pflichten Klarheit zu schaffen . Nachdem er gefrühstückt und für das Mittagessen ein gehöriges Stück Pökelfleisch in kaltes Wasser gelegt hatte , begann er die Kisten auszupacken und von den Brettern eine feste Wand herzustellen . Nägel und anderes Gerät besaß er ja , ebenso Bindgarn und Segeltuch , daher war die Sache gar nicht so schwierig , besonders weil er sich weder gegen Kälte noch gegen Feinde zu schützen brauchte , sondern nur gegen Regen und Insekten . Robert zimmerte und übernagelte alle Fugen mit Streifen geteerten Segeltuches ; dann machte er auf gleiche Weise eine Tür , die aber nur kriechend zu passieren war und außerordentlich vorsichtig behandelt werden mußte , weil ihr der nötige Eisenbeschlag fehlte . Vor Mittag hatte er diese Arbeit beendet und konnte sich nun als Besitzer eines kleinen , lichtlosen , aber gegen Wind und Wetter geschützten Raumes betrachten . Sinnend und ausruhend saß er vor dem brodelnden Kochtopf , legte sein Gesicht in beide Hände und wartete auf das Garwerden seines selbstbereiteten Mahles , über das er sich dann mit regem Appetit hermachte . Nachdem er gegessen hatte , wählte er sorgfältig aus dem ganzen Vorrat das aus , was gegen Feuchtigkeit am notwendigsten geschützt werden mußte , nämlich Waffen und Pulver , die unentbehrlichen Zündhölzer , Salz , Zucker und Kaffee . Dies alles brachte er in die Höhle , bedeckte es mit mehreren Segeltüchern und baute dann für die Lebensmittel einen zweiten , kleineren Verschlag , den er mit seinen Vorräten füllte und außerdem mit großen Steinen für etwaige Angriffe hungriger Tiere unzugänglich machte . Das Fleisch in der Tonne bedeckte er mit einem Haufen frischer grüner Zweige , um es möglichst lange genießbar zu erhalten . So war gegen Abend für das Notwendigste einstweilen gesorgt , und als sich Robert noch aus Moos und Decken ein bequemes Lager gebaut hatte , setzte er sich vor seiner Hütte auf eine übriggebliebene Kiste und überließ sich seinen Gedanken . Er wollte in Zukunft die erste Hälfte jedes Tages den häuslichen Arbeiten widmen und während der zweiten am Strand Ausguck halten oder die Insel ringsumher untersuchen , um festzustellen , wie groß sie sei , welche Früchte sie trug und was sich von der Jagd erwarten ließ , ebenso wollte er fischen und Krebse fangen , da doch sein Fleischvorrat schon sehr bald der Hitze erliegen würde . Er untersuchte auch das Kistchen mit Pulver und Blei und überzeugte sich , daß für wenigstens hundert Schüsse gesorgt war . Nur eins beunruhigte ihn . Sollte er am Strand ein Notsignal befestigen oder nicht ? - Die spanischen Bukanier , ohne Zweifel Räuber , die unter der Maske harmloser Fischer die gefährlichsten Eigenschaften verbargen , wohnten jedenfalls in der Nähe und mußten schon sehr bald seine Flagge bemerken . Was dann geschah , ließ sich mit ziemlicher Gewißheit voraussehen . Und doch war für ihn auch wieder dieses gefährliche Notzeichen die einzige Hoffnung , von der Insel erlöst zu werden . Hier landete kein Schiff , hierher kam niemand freiwillig , das wußte er recht gut . Aber wenn er eine der höchsten Königspalmen erkletterte - und er hatte es bereits versucht , es gab schlanke Stämme , die er umfassen konnte - dann ließ sich das Zeichen noch immer geben , sobald ein Schiff in die Nähe kam . Es fanden sich unter den Waffen zwei sechsläufige Revolver , mit denen jedenfalls die Aufmerksamkeit vorüberfahrender Schiffe leicht zu erwecken war ; das tröstete ihn sehr . Nachdem er den Entschluß , keine Notflagge zu setzen , einmal gefaßt hatte , wurde ihm leichter ums Herz . Er wußte nun , was jeder Tag bringen würde , und nahm sich vor , schon morgen einen größeren Ausflug zu machen . Vorher aber wählte er in nächster Nähe