Hanna gehörten zu keiner Art von Hautevolee , leider ja nicht einmal zu der des Kirchentums ; sie waren in der neuen Provinz niemals über ihre beiden kleinen Nachbarstädte hinausgekommen , hatten niemals ein Exemplar der Abendzeitung oder Eleganten Welt in der Hand gehalten , und da weder die preußische Staatszeitung noch ein theologisches Fachblatt der Harfenkönigin Thusnelda von Werben jemals Erwähnung getan , gutsherrliche Traditionen aber seit einem Menschenalter in der Gemeinde erloschen waren , war nicht bloß die Bedeutung , sondern sogar die Existenz einer noch lebenden Werbenschen Schwester neben den beiden verblichenen dem Pfarrerpaar eine absolute Neuigkeit ; um so lebhafter aber auch das Interesse an dem , was der bisherige Patron mit bravem Reiterhumor von der gegenwärtigen Patronin berichtete . Eingängliches war es just nicht , und eine Besserung der Patronatszustände deutete es leider auch nicht an . Ein geistreiches Weltkind , das in der Jugend , wenngleich reich und schön , den Dienst der Musen dem der Laren vorgezogen , nach dem Verlust einer trefflichen Singstimme es im Harfenspiel zu ungewöhnlicher Virtuosität gebracht und den Mittelpunkt eines großen geselligen Kreises gebildet hatte , darauf beschränkte sich ungefähr , was der Schwager von der Schwägerin wußte oder mitzuteilen beliebte . Die Dame war überdies - keineswegs aus religiösem Drang , sondern lediglich weil das Vaterland ihren gesteigerten ästhetischen Bedürfnissen Gnügendes nicht mehr bot - in alten Tagen noch gen Rom gepilgert , mit der noch kürzlich ausgesprochenen Absicht , bei Lebzeiten nicht in die Heimat zurückzukehren , dahingegen dereinst ihre Gebeine , statt unter der Pyramide des Cestius , in der Werbenschen Erbgruft eine Ruhestatt finden zu lassen . » Ein Indizium , « so meinte der alte Herr , » daß auch in der verdrehtesten aller schöngeistigen und freigeistigen Schrauben eine patriarchalische Erbader nicht zu verwüsten ist . « » Meiner Person « , so erklärte er weiterhin , » war die Harfenistin , wie man so sagt , spinnefeind . Nicht sowohl aus königlich sächsischem Patriotismus , denn die Musen und ihre Jünger sollen ja Kosmopoliten sein ; vielmehr aus Verdruß , weil ihr Vater meiner Frau und nicht ihr , der ältesten Tochter , die Werbenschen Erbgüter hinterlassen hatte . Zugegeben , daß sie diese standhafter als meine gute Sidonie behauptet haben würde . Die Harfenistin hat ihre bare Abfindung zwischen ihren geschmeidigen Fingern nicht nur wacker zusammengehalten , sondern noch klüglich vermehrt ; auch von anderer Seite ist ihr eine Erbschaft zugefallen , sie gilt für eine sehr reiche Person und hatte das Zeug dazu , es zu werden . Aber was wollen Sie ? Zum Erben von Land und Leuten sucht ein Mann sich einen Mann , und wenn Künstlerinnen auch nicht altern , der Vater rechnete nicht nach dem Genie , sondern nach dem Kalender und dachte : immer noch besser ein preußischer , mit einem Sohne gesegneter Oberst , als eine sächsische alte Jungfer . Kurz und gut : Sidonie erhielt die Güter , und die Fäden zwischen der Harfenkönigin und der Soldatenfrau rissen seitdem kurz und klein . Ich tat daher schlechthin einen Schuß ins Blaue - auch , weiß Gott ! nicht mit vergnüglichem Herzen ! - , als ich ihr vor einiger Zeit den Vorschlag machte , das letzte Familiengut den Krallen dieses Mehlwurm zu entwinden , will sagen , es mir zu einem zivilen Preise abzukaufen , und seit dem Abschied von meinem armen Jungen hat mir zum ersten Male wieder ein Tropfen geschmeckt , als sie umgehend , kurz und bündig , meinen Vorschlag akzeptierte und eine Kaufsumme bewilligte , just hinreichend , daß kein Schmuhl und kein Mehlborn sagen sollen , sie seien durch die Hartenstein Vater und Sohn um eines Deutes Wert zu kurz gekommen . Für die Enkel mag einer sorgen , dem Sorgen leichter wird als den Hartenstein . Eingebüßt haben sie durch den Handel nichts , - der alte Bauer wird das ausgezahlte Kapital nicht zum Fenster hinauswerfen ; - leicht aber könnten sie nach anderer Seite einer Erbaussicht näher gerückt worden sein . Mein Sohn und Ottilie sind Thusneldens nächste Blutsverwandte , und wird sie den alten Stammsitz nicht , wie vielleicht ihr bewegliches Vermögen , in fremde Hände kommen lassen . Blieb also nur die Rücksicht auf Brigitte - - « » Die , « fiel die Pastorin ein , » dafür bürge ich , Exzellenz , aus der Entäußerung weder Ihnen einen Vorwurf machen noch auf einen Vorteil für die Zukunft rechnen wird . « » Nun , um so besser ! « versetzte gutmütig der alte Herr . » Ich will kein Vatergefühl für diese Tochter heucheln , kann ihrerseits mich auch keiner Tochterzärtlichkeiten rühmen . Allein auf Rosen ist sie in meiner Familie nicht gebettet gewesen , und sie zu guter Letzt noch mit einem Dorne ritzen zu müssen , würde mir wahrlich den sonst so erwünschten Handel verleidet haben . « Der alte Herr machte von neuem eine Pause ; auch das Pfarrerpaar schwieg . Er wie sie legten nach ihrer Art sich die Veränderungen zurecht , die urplötzlich über eine liebe Heimat gekommen waren . » Nach dieser Eröffnung « , hob Herr von Hartenstein wieder an , » bin ich noch mit einer zweiten im Rest , die Sie , Freund , als Ortspfarrer nicht sonderlich anmuten , Ihr gutes Herz aber , denkich , mit mir altem Schadenfroheinigermaßen aussöhnen wird , da dieses Anliegen weit mehr als der Mehlbornsche Kitzel es war , das mich bewogen hat , in den sauren Apfel der Unterhandlung mit meiner feindlichen Schwägerin zu beißen . Es handelt sich um meinen Bruder , den Propst . Sie kennen ihn und wissen , wie er sich gegen die Auslegung dreier Buchstaben gebäumt , Amt und Brot dafür in die Schanze geschlagen und , wie billig , den kürzeren gezogen hat . Sie werden vielleicht auch gehört haben , in welcher Weise er es seitdem unter den Getreuen seiner alten Gemeinde getrieben , dem Anschein nach als Privatmann , in Wahrheit als geistliches Parteihaupt , kurz und bündig : als konservativer Revolutionär . Der Name Hartenstein hat ihn bisher geschützt ; aber die Allerhöchste Langmut ist erschöpft . So oder so : er muß zur Ruhe gebracht werden . Sehr möglich , daß es dem Starrkopf gar nicht unerwünscht gewesen wäre , hinter Schloß und Riegel mit einer bescheidenen Märtyrerkrone verehrt zu werden und bei einem Umschlag im Regiment - wie er sich fest überzeugt hält - mit einer Siegerkrone um so strahlender zu leuchten . Zu seinem Glück oder Unglück ist er seinem Helden Luther aber auch in den heiligen Ehestand gefolgt , und hat die Familiensorge , zumal bei seiner Kränklichkeit , ihn mürbe gemacht . Was soll ich weiter sagen ? Er ist ein Hartenstein ; das heißt ein unbesonnener Haushalter und ein Stümper in allem , was die Welt Geschäfte nennt . Schon als er die reichste Pfründe der Provinz innehielt , kam er niemals aus . Seitdem er sie verscherzt hatte , seitdem es obendrein galt , abgesetzte Amtsbrüder , bedürftige Glaubensgenossen , Schüler und Konventikel zu unterstützen , Traktate auf eigene Kosten drucken zu lassen , lebte er von der Schnur . Allerwege offenes Haus und offene Hand , allerwege wie ein Prälat im guten Glauben apostolischer Einfachheit ; dazu unkluge Anlagen und superkluge Anwälte , insolvente Schuldner und insolente Gläubiger , wer , der ein Hartenstein ist , wüßte nicht ein Lied über diesen Text zu singen ? Wenn uns die Schuppen von den Augen fallen , ist es regelmäßig zu spät . Enfin : Not bricht Eisen ; er geht ins Exil , will sagen : nach Werben ! « » Nach Werben ? « rief das Pfarrerpaar aus einem Mund . » Nach Werben ! In das Bereich der alten Heidin Thusnelda , die er mit Augen zwar niemals gesehen , mit Worten jedoch um so öfter in den Bann getan hat . Sauer genug mag es ihm ankommen . Aber der Blöße mußte ein Anstandsmäntelchen umgehangen werden . Er ist trotz allem und allem ein Hartenstein und die Heidin trotz allem und allem eine Blutsverwandte . Wo würde er einen schicklicheren Ruheplatz gefunden haben ? Das Schloß wird restauriert ; nicht , wie mir die alte Kunstseele schreibt , weil sie selbst es jemals zu bewohnen gedächte , sondern weil sie sogar in Rom keine Freundin von Ruinen geworden sei , am wenigsten von modernen . Da aber bewohnte Räume sich besser als unbewohnte erhalten , könne es ihr nur erwünscht sein , wenn dieser posthume Kirchenvater sich in den ihren einen Familientempel errichten wolle . Nun , ich sollte denken , Freund , daß man weniger demütigend keine Nothilfe leisten könne . « » Aber , Exzellenz , « entgegnete Pastor Blümel , » eine Gemeinde , eine Landschaft , in welcher der eiferartige Herr weit und breit keinen Gesinnungsgenossen treffen wird - - « » Sind eben darum die geeigneten für den eiferartigen Herrn , « versetzte der General . » Die Isolierhaft auf einem Familiengute , das binnen kurzem voraussichtlich sein Erbe sein wird - denn die Mehlbornsche Kreuzung in meinem Nachwuchs wird , fürchte ich , der Letzten der Werben nicht sonderlich anziehend sein - , in lachender , wohlhäbiger Umgegend kann sich ein Märtyrer schon gefallen lassen . Dieser Blick in das Tal - - ich hätte hier wohl meine Tage beschließen mögen . Vorbei , vorbei ! Ich sterbe , wie ich gelebt , als ein Hartenstein , als Soldat ! « Der alte Herr sprang auf und machte einen Gang durch das Zimmer . » Uff ! « rief er , » solch ein Vortrag strapaziert ärger als ein Gefecht . Ein Glas Wasser , bitte , liebe , freundliche Frau ! « » Eine Flasche Wein , Hanna ! « verbesserte ihr Konstantin . Frau Hanna holte und kredenzte den Labetrunk . Der alte Herr küßte ihr dankbar die Hand und fuhr , nachdem er sich zu einer abschließenden Anstrengung gestärkt hatte , also fort : » Sie werden die Beweggründe einsehen , aus welchen ein kaum Gekannter mit dem Vertrauen eines alten Freundes diese Intimitäten vor Ihnen enthüllt hat ! werden den Mann , der Ihr nächster Nachbar , wenn auch nimmer Ihr Beichtsohn werden wird , aus seiner Lage heraus beurteilen , und wenn seine Familie in ihrer völligen Fremde Rat und Hülfe von Ihnen erbittet , werden Sie raten und helfen . In diesem guten Glauben wende ich mich zunächst an Sie , Frau Pfarrerin . Ich denke morgen in X. einen Bauverständigen für die Restauration des Schlosses anzuwerben . Raum und Komfort für eine Familie der höheren Stände , nicht mehr , nicht weniger fordert meine Mandatarin . Da ich selbst indessen zu häuslichen Anordnungen tauge wie jener Wohlbekannte zum Lautenschlagen , habe ich mir als Adjutanten mein Nichtchen mitgebracht . « » Das Kind , Exzellenz ? « » Ja , lächeln Sie immerhin , werte Frau : die Lydia ist nur den Jahren nach ein Kind . Um ehrlich zu sein , ich , für meine Person , wüßte mit solchem Dämchen Heiligkeit nicht etwas Rechtes anzufangen . So wie Ihre Kleine wünschte ich mir meine Enkelin . Haben Sie sie kürzlich gesehen , Frau Pfarrerin ? « Frau Hanna verneinte , und Herr von Hartenstein meinte , halb mißgestimmt und halb galant , er fürchte , seine Sidi sei zu sehr ihrer Mutter Kind , um mit Frau Hanna Blümels Sprößlingen Ähnlichkeit zu haben . » Abgesehen davon , « setzte er mit einem Anflug von Bitternis hinzu , indem er die rechte Schulter in bedeutungsvoller Weise in die Höhe zog . » Still davon ! Ich weiß nicht , ob viele Kinder aus der Wiege fallen , aber das weiß ich , ein Kind Ottiliens würde nicht aus der Wiege gefallen sein . Die arme Kleine ! Still , still ! Wir sprachen ja von Lydia . Wollen Sie glauben , daß das Mädchen bei seinen zehn Jahren die Seele des Hauses ist ? Dem lässigen älteren Bruder eine anspornende Lerngenossin , den jüngeren Schwestern eine Art von Gouvernante und dem Vater schon nahezu eine Freundin . « » Aber der Mutter , Exzellenz ? « rief Frau Hanna schier beängstet . » Ums Himmels willen , was ist sie der Mutter , und - verzeihen Sie - , aber was ist die Mutter ? « » Die Mutter , « antwortete der alte Herr herzlich lachend , » ei nun , die Mutter ist eben das Mütterchen in der Kinderstube , und die Tochter wird ihr , denke ich , eine dienstwillige Pflegerin sein , so eine Art barmherzigen Schwesterleins , wenn sie , wie zur Stunde , wieder einmal eine ihrer Heldentaten - Sie verstehen mich , Frau Pfarrerin - glorreich vollbracht hat . Die Ottilie gehört zu der schwerlich stark vertretenen Spezies Ihres Geschlechts , die nur die Augen aufzuschlagen wagt , wenn sie eine Wiege an ihrer Bettseite stehen sieht . Jenseit der Kinderstube hört ihr Anspruch an die Welt , wie der an sich selber auf . Nun , Sie werden ja bald genug diese absonderlichen Kostgänger an unseres Herrgotts Speisetische kennen und zutreffender als ich alter Haudegen beurteilen lernen . Was ich zunächst noch auf dem Herzen habe , Frau Pfarrerin , ist die Bitte , meine Kleine nach dem Schlosse zu begleiten und ihr eine zweckmäßige häusliche Einrichtung an die Hand zu geben . Lydia weiß und erklärt , was die Familie nach ihrer bisherigen Gewöhnung bedarf ; Sie sehen zu , wie sich diesem Bedürfen in den vorhandenen Räumen ungefähr gnügen läßt . Ich übermittele Ihre Vorschläge an den Bauverständigen und verweise ihn auf Ihre fernerweitigen Anordnungen . Schlagen Sie ein , liebe , freundliche Frau ? « Die liebe , freundliche Frau schlug in die dargereichte Hand , und der alte Herr atmete auf wie erlöst von schwerer Last . Bald danach stellte , von ihm entboten , Justizrat Hecht , der Patrimonialrichter beider Werben , sich ein , mit welchem der General sich zu einer privaten Unterredung zurückzog . Als der Rat , der muntere Gesellschaft und Tafelfreuden liebte , dringende Geschäfte an Gerichtstagen daher immer zu verschieben gewußt hatte , heute , am Sonntag , » dringender Geschäfte halber « die Tischeinladung der Pfarrfreunde ablehnte und nach der Stadt zurückkehrte , um erst am Nachmittage auf dem Talgute mit seinem bisherigen Patron wieder zusammenzutreffen , sagte die kluge Frau Hanna : » So wahr ich lebe , Konstantin , der alte Fuchs hat bei dem Gutskauf die Hand im Spiel gehabt . Um es aber mit dem Amtmann nicht zu verderben , stellt er sich als Überrumpelten . Die Exzellenz ist ausgeschröpft , vivat der Bauer ! Wo wäre der Advokat , dem selber ein Mehlborn das Kraut nicht ein bißchen fetter schmalzen müßte ! « Im Lichte gestanden hatte der schlaue Rat sich indessen stark , denn an der Pfarrtafel ging es nicht nur munter , sondern auch hoch heute her . Wäre statt der Waffeln in der Eile ein Staatskuchen herzustellen gewesen , es hätte Hochzeit oder Kindtaufe gefeiert werden können . Sämtliche Schüsseln waren erzdelikat , und der Bowle , welche die ersten Pfirsich des Pfarrgartens würzten , sprach nicht nur der weinkundige preußische General wacker zu , sondern auch das weiße Fräulein nippte wie ein Bienchen von dem süßen Trank . Dem Dezem kam überhaupt das weiße Fräulein gar nicht mehr so überirdisch vor , seit es auf dem Bleichplatze , anfänglich ein wenig ungelenk , dann aber so gewandt wie die Pfarrschwestern groß und klein , Kämmerchenvermieten und Reifchenwerfen mitgespielt und später bei Tische die lachende , schwatzende Gesellschaft zwar erst mit großen Augen angestaunt , dann aber ganz herzhaft mitgelacht und mitgeschwatzt hatte . » Wie meine Lydia auftaut ! « rief der alte Herr , und Pastor Blümel nannte die rosige Färbung ihrer Wangen einen Anemonenhauch . Er verwendete kaum die Blicke von dem fremden , eigenartigen Kinde . Als der verehrte Held und Gast das letzte Glas mit einem Hoch auf » Kleinröschen « , das er sich zur Tischnachbarschaft erbeten , geleert hatte , sprang er auf und rief : » So , nun bin ich in der Stimmung ! « » Eine Tasse Kaffee , Exzellenz ? « » Danke verbindlichst . Kaffee schlägt nieder . Jetzt rasch hinüber zum herzallerliebsten Herrn Bruder ! « Das Talgut lag nur ein paar Büchsenschüsse unterhalb Hochwerbens , weil aber jenseit des Flusses , konnte es zu Wagen nur in weitem Bogen über die städtische Brücke erreicht werden . Fußgänger benutzten den Fährkahn , der dicht unter dem Pfarrweinberge jederzeit bereitstand und den daher auch Herr von Hartenstein dem städtischen Umwegevorzog . Die Begleitung seines Wirtes lehnte er jedoch mit den Worten ab : » Das fromme Freundesgesicht würde mir die Bataillenlaune dämpfen . Der Königspate soll mich hinüber führen . « Der Königspate ist sich in keinem seiner Stufenjahre einer Bataillenlaune bewußt geworden . Im Beginn seines zweiten schlug er schüchtern einen Haken , sooft er den widerborstigen Amtmann von weitem kommen sah , und heute hätte er hundertmal lieber als den tapferen General vor den Feind das weiße Fräulein auf das Schloß geleitet , um , wie seine Pastormutter ihm geheißen , bei der Vermessung Dienst zu leisten . Aber was halfs ? Seufzend legte er Zollstock und Bindfaden , Papier und Bleistift beiseite und schritt dem alten Herrn voran , indem er ihm auf den steilen Bergstufen seine stämmigen Schultern als Stütze dienen ließ . Im Hofe angelangt , setzte er sich dann ruhig wartend auf eine Bank vor der Haustür , während der fehdelustige General sonder Präliminarien den Gegner wie Zieten aus dem Busche überfiel . Sein rechtskundiger Beistand traf erst eine gute Weile nach der festgesetzten Stunde ein , außer Atem zwar , aber leider zu spät , um der Katastrophe Zeuge und Meister zu werden . Ein Gewitter hatte am Morgen vor der Sonne gestanden , seinen Ausbruch für die Nacht oder den nächsten Tag ankündigend ; die Gerstenernte war noch nicht eingefahren , daher , trotz des Sonntags , Gesinde und Zugvieh draußen auf dem Felde und im Hofe Seelenstille . Der rüstige Amtmann gönnte sich , nachdem er zehn Stunden auf den Beinen gewesen , eine späte Mittagsruhe . Schwerlich daß ihn ein Bombenschlag erweckt hätte ; aber nur eine Milchkuh brummte dann und wann im Stall , und der Kettenhund bellte kurz auf , wenn die Augustfliegen ihm gar zu schamlos die Nase kitzelten . Dezimus konnte hinter Bauten und Bäumen den Tiefgang der Sonne nicht beobachten ; er wußte daher nicht , wie lange er auf der Bank gewartet hatte ; vielleicht ist es keine Viertelstunde gewesen , wenn es aber auch Stunden gewesen wären , die Zeit würde ihm nicht lang geworden sein . Die Tafelgenüsse und die Hundstagshitze hatten ihn halb betäubt . Er drückte seine Augen zu ; es war ihm wie mitten in der Nacht . Er stand auf einer hohen Warte an des weißen Fräuleins Seite und schaute die Berge im Mond und Millionen von Sternen hellglänzend wie das liebe Siebenschwesternbild . Die Himmelslichter verschwammen in eins mit den Menschen , welche er im Herzen trug , und ganz von selbst fand auch das weiße Fräulein den gebührenden Platz in der Höh . » Lydia « nannte er den schönen stilleuchtenden Stern , den er in dieser Sommerzeit jeden Abend zuerst der Sonne folgen sah , ohne zu ahnen , daß es der nämliche treue Begleiter sei , den er im Winter morgens als seinen Röschenstern ihr hatte vorangehen sehen . Jach fuhr er wie aus einem Traume empor . Die Haustür war hastig aufgerissen worden und der General auf die Rampe getreten , Hut und Stock in der Hand und das Gesicht noch eine Schattierung höher gerötet , als da er vorhin sagte : » So , nun bin ich in der Stimmung ! « Ihm auf dem Fuße folgte der Amtmann . Wirklich der Amtmann ? Der arme Dezem erschrak wie vor einem Gespenst . Erdenfahl das braune Gesicht , die Knie schlotternd unter den schäbigen Lederhosen , die geballten Fäuste in die Höhe gereckt . Er rang nach Atem zu einem Wort und brachte es nicht über die Lippen , die ein weißer Schaum bedeckte . » Komm , mein Junge ! « rief der General , indem er flink wie ein Jüngling die Rampe hinabsprang und sich den Schweiß von der Stirn trocknete . Des Stillwütigen Augen fielen bei diesem Rufe auf den Paten , der starr an seiner Seite stand , - ach ! und seine Augen nicht allein ! Was schießen doch für Funken durch ein Menschenhirn , wenn die Leidenschaft ihren Siedepunkt erreicht ! Lichtblitze und Irrwische ! Heldenopfer fallen , oder Sündenböcke , der nämliche Zünder hat einen wie den anderen zu Boden gestreckt . Friedfertiges Hirtenlamm , armer Sündenbock ! Die Fäuste stürzen nieder auf dein sternenträumendes Haupt ; deine roten Backen schwellen , und die blauen Augen laufen über wie Wasserbäche , - um dein junges Leben , ach , da ist es geschehen ! - Nein , Dezimus , nein : der Todesstreich , auf den du gefaßt bist , er wird von dir abgewehrt , und tapfer gerächt , wie es einem Königspaten gebührt , wirst du auch . Aber das Leben ist dir nicht mehr eine Lust und die Rache kein Schmerzensgeld . Vor Scham und Tränen gewahrst du es nicht einmal , wie glorreich deine Unschuld triumphiert . Ja , solch ein Stock , solch ein alter preußischer Heldenstock , wie Vater Blücher ihn wahrlich nicht für die Langeweile an seinem Sattelknopfe getragen hat ! rechts und links fuchtelt er deinem Missetäter um die Ohren , Hieb um Hieb bläut er ihm den Rücken , bis er zusammenbrechend am Boden ächzt . Zu guter Letzt noch einen Fußtritt , und : » Komm , mein Junge ! « ruft der alte Herr zum zweiten Male und lacht dabei , daß ihm wie dir , armer Schelm , die Tränen über die Backen laufen . Mit solchem Bravourstück den Mehlstaub von seinen Sohlen schütteln zu dürfen , hätte der Tapfere vor zehn Minuten noch nicht sich träumen lassen . Sobald er den Rücken gewendet hat , streckt der weiseste aller Räte sein Haupt zwischen dem Rahmen der Haustür hervor . Auch dieser Ehrenmann lacht , aber nur in den Bart. » O weh ! Herr Amtmann , « schreit er , » Sie sind die Treppe heruntergestolpert . Ja , diese verflixten Holzpantoffeln ! « Und er hilft seinem Gerichtsherrn auf die Beine , während die Exzellenz lachend durch das Hoftor schreitet und der Königspate bitterlich weinend hinter ihm drein schleicht . Sehr möglich , daß es im deutschen Vaterlande jener Zeit noch keinen Hutmannssohn gegeben , mindestens keinen zehnten , der wie gegenwärtiger in seinem zweiten Stufenjahre noch nie einen Hieb empfangen hatte und , wie hinzugesetzt werden darf , auch nicht herausgefordert . Selber Kantor Beyfuß , der handfeste Bakelmeister , senkte vor dem Quatermillionenschüler sänftiglich sein Instrument . » Leibesstrafen schänden « , war eine von Konstantin Blümels pädagogischen Maximen , und seinem Pastorvater keine Schande zu machen das oberste Gebot , das auf der Tafel dieses Kinderherzens von unsichtbarer Hand geschrieben stand . Und nun war er geschändet , und die Schmach brannte ihn wie eine glühende Kohle . Die Mutter würde ihn freilich liebhaben wie bisher und der Vater ihm vorhalten , daß auch sein Heiland einen Backenstreich erduldet habe : so weit tröstete ihn sein schuldloses Gewissen während des mählichen Dorfweges , welchen er die Exzellenz anstatt der steilen Weinbergsstufen zurückführte . Wie aber würde sein Röschen ihn auslachen und necken ! und wie sollte er dem weißen Fräulein , das er vor wenig Minuten als schönsten Stern an den Himmel versetzt hatte , mit der verräterisch flammenden Backe und den verschwollenen Lidern unter die Augen treten ? Er sprach auf dem Wege nicht ein Wort , und da er kein Feigenblatt , sein Brandmal zu verhüllen , entdecken konnte , gelangte er zu dem Ausweg , sich heimlich um den Pfarrgarten herumzuschleichen und hinter dem Hünengrabe zu verstecken , bis das weiße Fräulein auf Nimmerwiedersehen über alle Berge sei . Aber die junge Gesellschaft , welche sein Kommen von der Laube aus wahrgenommen hatte , vertrat ihm den Weg , umringte ihn und zog ihn in ihr munteres Spiel . Die rote Backenschwulst mochte wohl auf den Sonnenbrand geschoben werden , wenn sie nicht gar samt der Tränenspur auf dem Wege verschwunden war , denn weder Röschen noch das weiße Fräulein merkte das Brandmal ihm an . Auch weder Vater noch Mutter schien um die Schändung zu wissen , heute nicht und späterhin auch nicht ; den schlimmen Paten sah er in Jahren nicht wieder ; und so wurde die schmähliche Erfahrung zwar noch lange Zeit im Gemüte gehegt , dem Skelette gleich , das einem fremden Sprichworte gemäß auch das reinlichste Menschenhaus in einem Winkel bergen soll ; allmählich aber zerrann das Skelett in Nebelduft zu einem Schemen . In dem Alter aber , wo schon mancher Mann die verdiente Birkenrute gesegnet hat , da schätzte das glückliche Johanniskind den unverdienten Denkzettel seines Vizepaten als einen Treffer in der Lebenslotterie . Daß der rächende Held nicht ängstlich wie die gekränkte Unschuld mit den Ritterstreichen , die auf Amtmann Mehlborns Edelhofe gefallen waren , hinter dem Berge hielt , wird von keinem Menschenkenner bezweifelt werden . » Mir galt die Faust , « rief der alte Herr , nachdem er den Pfarrfreunden den vergnüglichen Abschluß eines verdrießlichen Handels mit satten Farben geschildert hatte . » Ich sage Ihnen , der alte Knabe glich einem wütigen Trakehner Bullen . Mit den Hörnern hätte er den herzallerliebsten Herrn Bruder aufspießen , in Grund und Boden hätte er ihn stampfen mögen . Da dieser Scherz aber nicht so ohne weiteres ausführbar war , kühlte er sein Mütchen an dem ersten Besten , der ihm im Wege stand ; wie ich selber im Ärger schon manchmal einen Spiegel oder dergleichen zerschlagen habe , wenn mein Bursche für einen Jagdhieb nicht gleich bei der Hand war . « » Sie irren , Exzellenz , « entgegnete Frau Hanna in geteilter Stimmung von Zorn , Belustigung , Mitleid und Schadenfreude , » nicht Sie , uns , Konstantin und mich meinte das Ungetüm , als er unseren Pflegesohn mißhandelte . Pudelnaß von dem Sturzbad , das die Spekulation seines ganzen Lebens verschwemmte , durchschießt ihn beim Anblick des armen Jungen der Argwohn eines von langer Hand zwischen Ihnen und uns abgekarteten Spiels , und wird er nunmehr seine wohlverdiente Züchtigung meinem braven Dezem lebenslang entgelten lassen . « » So wollen wir uns denn beiderseitig unserem Prügelknaben verpflichtet fühlen , « versetzte heiter die Exzellenz , » und uns zu einer Schadloshaltung zusammentun . Schon dem Herrn Paten zur Ranküne müssen wir ihn jetzt höher avancieren lassen als zu dem Verwalterposten , um den mein spanisches Rohr ihn gebracht hat . Und es steckt etwas in diesem Hirtenjungen . Ich rühme mich nicht , ein Psycholog zu sein , aber es steckt ein Element in ihm , das sich entwickeln läßt . Was für eins , ist mir freilich dunkel . Soldatenblut ist es leider nicht . Mein Hilmar in dem Alter würde die Hand , die sich an ihm vergriff , gebissen haben , wie eine wilde Katze würde er dem Stier in das Genick gesprungen sein , ihm die Augen ausgekratzt haben , und Hilmars Sohn täte es , trotz des Bauernblutes in seinen Adern , wills Gott ! auch . Ihr Dezem stand still wie ein Ölgötze . Wie wärs , wenn wir ihn Theologie studieren ließen ? Was meinen Sie , Herr Pfarrer , zu einem Substituten in alten Tagen , wenn der Mensch sich nach Ruhe sehnt , nehmen wir einmal an in zwanzig Jahren ? « Mutter Hannas Augen leuchteten auf , da plötzlich ihr heimlichster , kühnster Herzenswunsch als etwas leicht Erfüllbares vorgebracht , ja gleichsam als etwas Gebührendes gefordert wurde . Um so bedenklicher überrascht schaute ihr Konstantin drein . Er saß eine lange Weile schweigend und schüttelte den Kopf . » Der Knabe hat bisher , eine unwesentliche Rechenfertigkeit ausgenommen , weder eine entscheidende Gabe noch ein entscheidendes Verlangen nach wissenschaftlicher Ausbildung offenbart , « wendete er endlich ein ; worauf der General erwiderte : » Zum Henker auch ! Gehört denn zu einem Landpastor so etwas ganz Besonderes ? Nichts für ungut , Freund ; aber wie viele dumme Jungen haben einer Gemeinde schon die Köpfe weidlich heiß gemacht ! Und ein dummer Junge ist Ihr Dezem keineswegs . Er hat seinen gesunden Bauernkrips . Wissen Sie , wie unser geistlicher Minister Seiner Majestät einmal den Einfluß der katholischen Landpfarrer auf ihre Gemeinden erklärt hat ? Nicht weil sie ledige Männer , sondern weil sie der Mehrzahl nach Bauernsöhne sind , wirken sie mehr als die unseren , sagte er . « Pastor Blümel pflichtete der Erklärung bei . Der städtische Bürgerstand , aus welchem das Amt der Evangelischen sich vorzugsweise rekrutiere , weiche , und wäre es selbst der niedere , in Sitte und Anschauung von denen des platten Landes vielfach ab . » Die universellere Bildung , die wir vor unseren katholischen Amtsbrüdern vielleicht voraus haben , « setzte er mit einem Seufzer hinzu , » bewirkt leider allzu häufig mehr eine Kluft als eine Brücke . « » Nun da hätten wir ja just , was wir brauchen , « rief der General . » Was Sie mit Ihrer importierten Bildung vermutlich nicht fertig bringen , der heimische Hirtenjunge wird es . Und nun malen Sie sich einmal recht lebhaft den Heidenspaß aus , wenn das ärmste , niedrigste Werbener Kind , Ihr mißhandelter Dezem , diesem Protzen von Mehlborn -