einige unverständliche Worte murmelnd , entließ sie ihre Magd . Bozena sorgte dafür , daß die Schranke , welche das Fräulein zwischen sich und ihr aufgerichtet hatte , niemals überschritten wurde . Ihr ganzes Benehmen gegen die Herrin sagte deutlich : Du hüben - ich drüben . Du hast mit mir nichts gemein . Die Besorgnis jedoch , die Regula vor dem schädigenden Einfluß der Gefallenen empfand , beschränkte sich auf ihre eigene Person ; für ihre Nichte schien sie von ihm nichts zu befürchten . Das Kind befand sich nach wie vor unter Bozenas Obhut . Regula war eine eifrige Besucherin des Theaters , und sobald sie sich , von Herrn oder Frau Wenzel geleitet , dahin begeben hatte , erschien Mansuet , um Bozena und Röschen nach seinen Gemächern abzuholen . Der Alte war zu der Überzeugung gelangt , daß der Unterricht , den Professor Bauer dem Kinde erteilte , eigentlich gar kein Unterricht zu nennen war . Und das Mädchen wächst heran , soll etwas lernen , soll auch Begriffe kriegen von Literatur . Er holte alte Hefte herbei , in die er vor Zeiten Gedichte und Lieblingsstellen aus den Werken vaterländischer Autoren eingeschrieben hatte . Und während Bozena nähte und Röschen eine Strickerei in den Händen hielt , die schon ganz grau aussah , aber durchaus nicht wachsen wollte , las er den beiden Damen vor . Zu den köstlichsten Bissen von Mansuets poetischem Schmause gehörte » Herkules am Scheidewege « , » Psychens Klagen « und » Amors Klage « von Bergel , » Die ersten Genien der Menschen « ( liebenden Eltern geweiht ) von Paul Lamatsch von Warnemünde , » Trinklied im Frühling « ( nach Höltys Trinklied im Winter ) : Das Glas gefüllt ! Kein Nord mehr brüllt - und so weiter . » Letzter Wunsch « von Charlemont , das so wunderschön begann : Wenn sie einst naht , die düstre Abschiedsstunde , Das Aug sich trübt und leise pocht das Herz , Wenn banges Weh entschwebt dem starren Munde Und jede Lust verdrungen hat der Schmerz ... und so weiter . Oder gar » Der Berggeist des weißen Gebirges « , Röschens Lieblingsballade , bei welcher ihr so köstlich gruselte und bei deren letzten Strophen ihr kleines Herz so laut pochte ! - Sie rückte jedesmal ganz dicht an Bozenas Seite , wenn Mansuet las : Und die Sonne , blutig scheidend , Sinket in der Berge Schoß , Und von wilden Peitschenschlägen Widerhallt das ganze Schloß . Da erbraust ' s wie Sturmestoben , Rings erregend Angst und Graus , Von vier Rossen fortgezogen , Fährt der Geist zum Schloß hinaus ! Hieß es dann dem alten Freunde eine Freude machen , so deklamierte Röschen in voller Begeisterung und mit merkwürdigem Tonfalle » Osterreichs Thermopylen ( 1809 ) « von Charlemont . Wie glühten dabei ihre Wangen , wie glänzten die Tränen in seinen Augen ! Wie befriedigend endete nach einem solchen Hochgenuß der Tag für den Greis und für das Kind ! Andere Male wieder wurde der historischen Überlieferung ihr Recht . Mansuet machte sein kleines Auditorium mit der ereignisreichen Geschichte der Kostka von Postupitz bekannt . Er erzählte , um in Röschen die Liebe zu den Wissenschaften zu wecken und ihr einen Begriff zu geben von den Ehren , zu denen man durch sie gelangen könne , von Johanna von Boskowitz , der berühmten Äbtissin des Zisterzienserinnenstiftes Maria Saal in Altbrünn . Im 16. Jahrhundert lebte sie und war so gelehrt , daß ihr die Philologen Opat und Kzel ihre Übersetzung des Neuen Testamentes widmeten . Auch Nachrichten aus dem Leben des großen Kremsierers Johannes Benedikti , des weisen Bertholdus de Wischaw und des Meistersängers Bliczkowsky wußte Mansuet mitzuteilen . Ereignete es sich , daß Röschen dabei ein klein wenig schläfrig wurde , so beeilte sich der Alte , etwas Lustigeres vorzubringen . Mit einem Sprunge versetzte er sich in das königlich städtische Nationaltheater zu Brünn und zauberte » Die Fee aus Frankreich « , » Die Grafen Mombelli « oder den » Schwarzen Wundermann « herbei , um seinen Liebling zu ermuntern . Es waren köstliche Abende , diese bei Mansuet , am schönsten aber wurden sie , wenn Bozena das Wort ergriff . So wie Bozena , meinte Röschen , könne niemand sprechen , denn sie sprach ihr von ihren Eltern . Und auch Mansuet hörte sich niemals satt an ihren Mitteilungen über das geliebte Paar . » Sagen Sie mir nur « , fragte der Alte , » wie war das , als der Herr Leutnant fort mußte ins Feld ? « » Wie ich schon oft erzählt habe : traurig war ' s « , erwiderte Bozena . » Der Doktor hat es dem Herrn Leutnant schon gesagt gehabt : Sie muß sterben , und ich hab es von selbst gewußt ... Der Herr Leutnant hat sich beim Abschied sehr zusammengenommen . « » Freilich , ein Soldat ! « murmelte Mansuet . » Er hat sie ganz sanft geküßt und nur gesagt : Leb wohl und schone dich . Sie hat ihm auch das Herz nicht schwer machen wollen und von nichts gesprochen als vom Wiedersehen . In ihm war alles wie eingefroren . Doch als er gehen will , streckt sie auf einmal die Arme nach ihm aus , und da verliert er seine Fassung . « Bozena hielt inne , machte eine Bewegung mit der Hand , als ob sie etwas von sich abwehren wollte , und fuhr aufatmend fort : » Ich meinte schon , sie könne ihn nimmermehr lassen , er könne sich nimmermehr losreißen ... Sie waren wie die Kinder . Ach - so jung - so schön - so gut - und beide nur einen Schritt vom Grabe ! « Röschen hatte ihren Kopf in Bozenas Schoß gelegt , jetzt erhob sie ihn und sagte mit seligem Lächeln : » So gut waren sie , Bozena ? « » Und dann ? « fragte Mansuet . » Dann nichts mehr . Diese da « - die Magd streichelte das Gesicht des Kindes - » hat er auf den Arm genommen und sie zärtlich geküßt ... « » Weil er mich so liebgehabt hat ! « warf das Kind voll stolzer Zuversicht ein . » Und sie mir zurückgegeben « , schloß die Erzählerin , » und gesagt : Bozena - du wirst sorgen ! « Ein langes Schweigen trat ein . Röschen schien eingeschlummert . Plötzlich aber öffnete sie die schlaftrunkenen Augen und sprach , zu Bozena emporblickend : » Bei der Hochzeit meiner Eltern warst du gewiß Brautjungfer ! « Mansuet und Bozena tauschten einen raschen Blick ; der seine hatte den Ausdruck der Bestürzung , der ihre war finster und verwirrt . » Nicht wahr ? « lallte Röschen mit schwerer Zunge und senkte die müden Lider . Bozena beugte sich über sie : » Nein , Kind - nein . « » Warum nicht ? « » Es hätte sich nicht geschickt . « Das Kind hauchte leise ein zweites » Warum ? « und schlief schon fest , als es kaum ausgesprochen war . » O Herr Mansuet ! « begann Bozena nach einer Weile und öffnete dem Getreuen zum erstenmal ihr verschlossenes Herz . - » In der Nacht meine ich oft , die Worte meines Herrn zu hören : Bozena , du wirst sorgen . Damals , wie er sie gesprochen hat , da habe ich nur gedacht : Natürlich . - Und jetzt sind mir die Hände gebunden , jetzt ist alles verloren , ich kann für niemand mehr sorgen , keinem mehr helfen ; denn ich bin - verachtet ! « » Sie ? « rief Mansuet . » Ja , ja , ich bin ' s ! Wenn eines noch so hart ist gegen sich selbst - das fühlt ' s doch ! ... Ich hab das Unglück der Mutter auf dem Gewissen und das Unglück des Kindes dazu ! ... Ich kann nichts mehr tun für das Kind ... « » Was wollten Sie denn tun , Bozena ? « » Ihm helfen zu seinem Recht - was sonst ? « » Wie ? ... dem Fräulein zum Trotz ... « » Nicht ihr zum Trotz ! Mit ihrem Willen . Ich hätt ' s von ihr erlangt ... Noch ein paar Jahre , Herr Mansuet , und was ich ihr geraten hätt , das hätte sie getan . Glauben Sie ' s oder nicht - noch ein paar Jahre , und geführt hätt ich sie an einem Haar ! ... Gott straft mich schwer - ich bin hilflos und gebrochen und werde zu dem Kinde meiner Rosa niemals sagen können an der Schwelle des Vaterhauses : Tritt ein , du bist daheim . « Mansuet betrachtete sie staunend . Das also hatte sie sich zugetraut ? Darum also die schweigende Unterwerfung , der widerspruchslose Gehorsam , die stündliche Selbstverleugnung ? ... Das alles war bewußt , gewollt - war die Frucht ihrer großen Liebe und ihrer großen Reue . Nein , denkt er , die Bozena lernt man nicht aus . Der alte Mansuet drückt die Hand an seine Stirn und spricht : » Wer weiß ! ... Wer weiß ! ... « 15 Jahr um Jahr verging . Röschen wuchs heran , körperlich und geistig gar seltsam ausstaffiert - mit Regulas abgelegten Kleidern , mit Mansuets wunderlichem Wissenskrame . Die ärmste Genossin eines reichen Hauses , besaß sie nichts zu eigen ; als Kind auch nicht ein Spielzeug , später keine von all den kleinen Herrlichkeiten , die , so wertlos und so wert gehalten , ein Mädchenzimmer schmücken und ein Mädchenherz erfreuen . Mansuet sparte wie ein Hamster : » Für ihre Zukunft . « Jetzt , meinte er , brauche sie nichts . Und Bozena gab ihm von ganzem Herzen recht . » Man tut ihr nichts Gutes . Sie soll sich nur gewöhnen zu entbehren . « Aber Röschen entbehrte nichts , weil sie niemals etwas besessen hatte und weil ihr jede Gelegenheit zum Vergleiche mit andern fehlte . Sie hatte nur eine Sehnsucht und auch diese halb unbewußt : die Sehnsucht nach mehr Luft , mehr Sonnenschein , als sie im düstern Hause genoß . Bozena fand nie Zeit , sie spazierenzuführen , und Mansuet konnte sich nachgerade nicht mehr entschließen , seine Stube zu verlassen . Er wurde sehr alt und etwas geschwätzig und wiederholte täglich dieselben Späße . Das Fräulein konnte nicht im Seidenkleide vorüberrauschen , ohne daß er sang : » Das Schiff streicht durch die Wellen : Fidolin ! Fidolin ! « , Schimmelreiter nicht über den Platz schreiten , ohne daß Mansuet deklamierte : » Guter Mond , du gehst so stille « , und so weiter . Der Sekretär hingegen blühte wie ein Jüngling . Er war unbeschreiblich glücklich mit seiner Kathi und sang ihr Lob vor jedem , der es hören , und vor jedem , der es nicht hören wollte . Fräulein Regula veränderte sich wenig ; nur die Haut ihres Gesichtes wurde etwas gespannter , nur ihre Zähne wurden noch etwas länger . Wenn auch die Zahl ihrer Jahre zunahm , die Zahl ihrer Verehrer nahm nicht ab , denn der Reichtum , besonders wenn er in stetem Wachsen begriffen ist , erhält immer jung . Die Stadt Weinberg hatte indessen teilgenommen an den Segnungen des aufblühenden Verkehrs . Seitdem ein stattlicher Bahnhof sich dicht vor den Anlagen erhob , seitdem der Eisenstrang die Stadt im Halbbogen umkreiste , seitdem Telegraphendrähte Nachrichten aus allen Richtungen der Windrose über die Köpfe der guten Weinberger hinübertrugen , war ein gewaltiger Andrang von fremden Zuzüglern entstanden , von unternehmenden Leuten , die ihr Glück versuchen wollten in der im Aufschwunge begriffenen Stadt . Neue Häuser wuchsen wie Pilze aus dem Boden , Regula hatte drei bauen lassen , und im Gemeinderat wurde der Beschluß gefaßt , die Gasse , in der sie sich - weiß und glatt wie ungeheure Bogen Papiers - erhoben , Heißensteingasse zu nennen . Sooft Regula an diesen ihren Schöpfungen vorbeiging , tat es ihr jedesmal leid , daß die Pietät ihr verbot , in einer derselben ihren Wohnsitz aufzuschlagen . Wie stimmten die scharfen Ecken , die geraden Stiegen , die getünchten Gänge dieser Bauwerke mit ihrem Geschmacke überein ! Im alten Hause hatte sie sich gefürchtet von Kindheit an . Es knisterte so seltsam in seinem Holzgetäfel , es war immer etwas laut in den Dielen , in den Decken . - Als hätten die grauen Wände von dem Leben der Menschen , dessen jahrhundertlange Zeugen sie waren , einiges in sich gesogen , vernahm man darin jene geheimnisvollen Stimmen des Leblosen , welche die bang lauschende Seele mit leisem Grauen erfüllen . Aber wie gern sie es auch getan hätte , Regula verließ das Haus ihrer Väter doch nicht , die Leute hätten sie vielleicht deshalb tadeln , sie für frivol oder pietätlos halten können . Übrigens , was dereinst geschieht , kann niemand wissen ; vorläufig ist sie entschlossen , aus dem Familienhause erst zu scheiden - als verheiratete Frau . Daß der Augenblick , in dem sie eine solche werden sollte , sehr nahe bevorstehe , versichern der Direktor und der Sekretär auf das bestimmteste . Dem Grafen Ronald liefe , wie man zu sagen pflegt , das Wasser bereits in den Mund , erklärte der erste , er wisse nicht mehr , wo aus noch ein ; die größte Wohltat würde ihm der erweisen , der ihn aufmerksam machte , wie nah die schönste Rettung liegt . Schimmelreiter fragte ihn , ob er sich nicht selbst dieses Verdienst erwerben wolle ? ... Aber der Direktor bemerkte mit Feinheit , einen solchen Eingriff in ihre Rechte dürfte ihm die Freifrau von Waffenau füglich übelnehmen . Der Verkehr zwischen Regula und jener vielbeschäftigten Dame war nicht besonders lebhaft . Man sah einander zweimal im Jahre . Im Frühling machte das Fräulein einen Besuch in Haluschka , im Spätsommer erwiderte ihn die Baronin . Da kam sie mit ihrem Manne und mit zweien ihrer Söhne - sie hatten deren sechs - nach Weinberg . Alljährlich wurden nämlich ein paar andere dieser Jünglinge auf das Gymnasium geführt , um dort ihre Maturitätsprüfung zu machen . Sie fielen regelmäßig durch . Die Freifrau sagte : » Ei , ei , welche Schande ! « Der Freiherr sagte : » Zum Gelehrten muß man halt geboren sein « , die Weinberger wiederholten ihren alten Witz , der Baron Waffenau sei mit vier Pferden nach Weinberg gekommen und mit zwei Eseln abgefahren - und alles war gut . Die Stunden , die der Vater mit seinen Söhnen in dem Tempel der Wissenschaften zubrachte , benützte die Mutter , um ihre Vorräte an Zucker und Kaffee einzukaufen und einen Besuch bei Regula abzustatten . Die Baronin war eine mittelgroße Frau mit feinen Zügen , mit dunklen , immer noch feurigen Augen und Leberflecken auf dem Gesichte ; eine unvergleichliche Hausfrau und Gattin und eine schwache Mutter . Sie war einst sehr schön gewesen , hatte aber keinen Wert darauf gelegt . Die Sorgen für ihren eigenen Herd nahmen sie völlig in Anspruch ; fremdes Elend fand , soweit ihre beschränkten Mittel es erlaubten , bei ihr Hilfe , aber kein Mitleid , nie war über ihre Lippen ein anderes Trostwort gekommen als : » Es ist einmal so « , und - je nachdem es paßte : » Sie sind selbst schuld « , oder : » Wer kann dafür ? « Gar nicht zu begreifen , ja völlig unnatürlich schien es ihr , daß eine Frau sich für anderes lebhaft interessieren könne als für ihren Mann , ihre Kinder und ihren Haushalt . Sogar ihren Eltern hatte sie sich allmählich entfremdet . Von Rondsperg sprach sie nur , um zu sagen , daß sich dort alles wohlbefinde . Wenn Regula sich die Bemerkung erlaubte , sie habe gehört , » Frau Gräfin Mutter « seien unwohl gewesen , antwortete sie : » Meine Mutter hat eben wieder einen ihrer gewöhnlichen Anfälle von Schwäche gehabt . Das hat nichts zu bedeuten . « Und im stillen dachte sie : Was kümmert ' s dich , neugierige alte Jungfer ! Einige Tage nach dem Gespräche zwischen Schimmelreiter und dem Direktor kam die Baronin , diesmal zweispännig und allein , beim » Grünen Baum « angefahren . Sie ließ dort ihre Equipage einstellen , trug dem Kutscher auf , sich nicht zu betrinken , die Pferde gut zu versorgen und für drei Uhr nachmittags alles zur Abfahrt bereit zu halten . Sodann begab sie sich zu Fuße nach dem Heißensteinschen Hause . Als sie bei dem Fräulein eintrat , befand sich die Baronin in großer Aufregung und gab sich keine Mühe , sie zu verbergen . Sie wisse wohl längst , sagte sie gleich nach den ersten Begrüßungen zu Regula , und es sei ja ein öffentliches Geheimnis , daß die pekuniären Verhältnisse ihrer Eltern nichts weniger als glänzend sind . Dennoch habe die Mitteilung , die Ronald ihr gestern gemacht , sie traurig überrascht - : Rondsperg muß verkauft werden , und zwar so bald als möglich , es gibt kein Mittel , der Familie das Gut zu erhalten . Regula neigte ihr Haupt und sprach : » Das ist ja schrecklich . « » Wohl ! « rief die Baronin , und ihre Stimme verriet eine tiefe Erschütterung , » besonders wenn man an unsere alten Eltern denkt ... Aber - was ist zu tun ? - Sie glauben mir , liebe Regula , wenn ich Ihnen sage , daß ich nicht gekommen bin , Ihnen vorzuklagen . « Regula versicherte , sie sei davon überzeugt , und die Baronin fuhr fort : » Sondern vielmehr , um Ihnen einen Vorschlag zu machen , zu dem die Lage der Dinge meinen Bruder zwingt : Wollen Sie Rondsperg kaufen , liebe Regula ? « Das Gesicht des Fräuleins leuchtete auf im Triumph glücklich erfüllter Erwartung , und die Baronin beeilte sich hinzuzusetzen : » Nämlich - unter einer Bedingung ! « Hastig fiel ihr Regula ins Wort und meinte , bevor von Bedingungen die Rede sein könne , müßte man ihr Zeit lassen , den so unerwarteten Antrag in reifliche Erwägung zu ziehen . Noch wisse sie nicht , ob sie überhaupt imstande sei , darauf einzugehen . Ei ! dachte die Baronin , willst du uns zappeln lassen - willst du uns in der Kühlwanne halten , mein Schatz ? und sagte mit einem scharfen Blicke und mit ganz verändertem Tone : » Das versteht sich von selbst , einen solchen Entschluß faßt man nicht von heut auf morgen . Und jetzt sagen Sie mir - wo kaufen Sie Ihren Kaffee ? Ich war mit meinem letzten Gold-Java äußerst unzufrieden ! « Die Baronin erwähnte der Angelegenheit , die sie nach Weinberg geführt hatte , mit keinem Worte mehr , aber Regula kam darauf zurück . Dies geschah auf dem Wege zum Gasthofe , wohin sie die Baronin begleitete . Beide Damen traten nun aus ihrer Reserve und verständigten sich bald so weit , daß die Baronin sagen konnte , ihr Bruder werde in den nächsten Tagen kommen , um mit Regula zu sprechen . Das Fräulein erwiderte , es werde sie freuen , obwohl sie » eigentlich « Herrenbesuche nicht empfange . Die Freifrau blieb voll Verwunderung stehen und wollte in ihrer Aufrichtigkeit schon ausrufen : Tun Sie ' s getrost ! Aber sie besann sich ; Regulas Miene und affektierte Befangenheit machten einen befremdenden Eindruck auf sie . Wie ein Blitz durchzuckte sie der Gedanke : Die Weinhändlerin hält sich für gefährlich ! - und forschend betrachtete sie das gelbe Fräulein ... Ihr Reichtum hat vielleicht doch schon einen oder den andern in Versuchung geführt . Ja , ja , Geld beherrscht die Welt . Wäre sie nur nicht gar so reizlos - die einfachste Lösung all der Verlegenheiten läge nahe . Der arme Ronald darf im Grunde weniger Ansprüche machen als sie , und ein Ertrinkender greift sogar nach einer - Regula . Schweigend erreichte man das Tor des Gasthofes . Der Wagen der Baronin war bereits angespannt , sie bezahlte ihre Rechnung , wechselte einige Worte mit dem Wirte und wandte sich abschiednehmend zu Regula , der sie beide Hände entgegenstreckte . Das Fräulein legte die Fingerspitzen hinein : die leichte , aber nicht erlernbare Kunst , einem Menschen warm und herzlich die Hand zu drücken , verstand sie nicht . » Montag also kommt Ronald « , sprach die Baronin . Helle Tränen standen ihr in den Augen , als sie davonfuhr . Seit der Todeskrankheit ihres ältesten Sohnes hatte sie nicht mehr geweint . » Armer Ronald ! « seufzte sie , » das Elend , nicht das deine - das trügest du - , aber das Elend deiner Eltern oder - diese Frau ! - Armer Ronald - welche Wahl ! « Ihr schwesterliches Herz , das lange geschlafen hatte , war plötzlich erwacht . Die Zeit , die so vieles vollbringt , hatte dem Professor Bauer im Hause Regulas die Stellung eines Hausfreundes gesichert , das heißt , er brauchte sich nicht mehr immer mißhandeln zu lassen , er durfte manchmal selbst mißhandeln . Die schüchternen Tage kamen bei ihm seltener , um so häufiger die melancholischen und die rabiaten . Er quälte Regula oft mit seiner Eifersucht . Sie jedoch hatte sich an seine bärbeißige Anbetung gewöhnt und hätte sie nicht mehr entbehren mögen . Es ist doch sehr schmeichelhaft , einen Menschen nach Willkür froh oder traurig machen , sein Herz stellen zu können wie eine Uhr , zu wissen : Diese Anhänglichkeit ist wie ein gutes Gewehr , sie versagt nie . Der Professor schmollte , zürnte , verlor tausendmal die Geduld , aber er fand sie immer wieder , denn er liebte und war treu . Zur Verzweiflung brachte ihn Regula , wenn sie ihm ihre Freundschaft anbot und sagte , sie wolle leben und sterben wie ihre Ideale : die Königinnen Elisabeth von England und Christine von Schweden . Der Professor schüttelte grimmig sein Haupt und erinnerte an die Grafen Essex und Monaldeschi . Das Fräulein wurde ernstlich böse und erklärte diese beiden Herren für Lügen der Geschichte . Hierauf entbrannte regelmäßig ein heißer Kampf ; Ludwig Bauer schleppte alle möglichen Geschichtswerke herbei , die Zeugnis für die in Frage gestellten Existenzen ablegen sollten . Regula wies die Zumutung von sich , dergleichen zu lesen ; man schied voll gegenseitigen Unwillens , und es war vorgekommen , daß Professor Bauer sich durch volle drei Tage im alten Hause nicht blicken ließ wegen der Grafen Essex und Monaldeschi . Als er von dem bevorstehenden Besuche des Grafen Ronald hörte , geriet er in große Unruhe . Er fragte so lange : » Was will er ? Was hat er hier zu suchen ? « bis Regula abweisend sprach : » Vous m ' ennuyez , cher professeur ! « Die Vorbereitungen , die zu dem Empfange des seltenen Gastes getroffen wurden , schmerzten den täglichen auf das tiefste . Er ging , wie er pflegte , wenn ihm das Herz gar zu schwer war , zu Bozena und sprach : » Ich bitte Sie - was fällt ihr ein ? Jetzt wird das Silbergeschirr auf der Kredenz aufgestellt ... Eben bin ich dem Hausknechte begegnet , der Teppiche aus dem Keller herauftrug ... Und die Überzüge werden von den Kronleuchtern herabgenommen ... Hat man je dergleichen gesehen ? ... Was soll das alles heißen , sagen Sie mir um Gottes willen ? ! « Regula wußte sehr gut , daß der Professor bei Bozena über sie klagen ging , aber das kümmerte sie gar nicht , obwohl es ihr sonst schrecklich war , wenn auch nur eine Grille etwas anderes zirpte als ihr Lob . Sie war überzeugt , diese Klagen spricht die Liebe , und die Verschwiegenheit hört sie an ; sie sterben innerhalb der vier Mauern der Stube Bozenas . Bei der ist ihre Herrin in guten Händen , niemals wird die Dankbarkeit dieses Weibes gegen sie erlöschen . Bozena würde sich Lieber die Zunge abbeißen als ein Wort des Tadels gegen sie aussprechen , eher zugrunde gehen als nicken , wenn jemand ein ungünstiges Urteil über sie fällt : Regula hatte ihre Verläßlichkeit hundertmal erprobt . Der Tag , an dem Graf Ronald in Weinberg eintreffen sollte , erschien , und Fräulein » von « Heißenstein , wie die Höflichkeit ihrer Mitbürger sie nannte , empfing zur festgesetzten Stunde ihren Gast im roten Salon . » Sehr willkommen , Graf Rondsperg « , sprach sie und verfertigte eine ihrer vortrefflichen Verbeugungen , durch welche sie Ehrfurcht vor dem Begrüßten und Selbstgefühl , gemildert durch mädchenhafte Bescheidenheit , auszudrücken wußte . Wie schön er geworden ist ! dachte sie dabei fast bestürzt und lud ihn mit einer steifen Bewegung zum Sitzen ein . In der Tat , er hatte sich in den Jahren völliger männlicher Reife gar herrlich entwickelt . Noch lag der Hauch der Jugend auf seinem Angesichte , aber aus seinem ganzen Wesen sprach energische Entschlossenheit und die Ruhe selbstbewußter Kraft . Vollkommene Unbefangenheit vermag in vielen Fällen auch die erfahrenste Weltläufigkeit zu ersetzen . Unbeirrt durch Regulas Zierereien , verstand es der einfache Ronald , das Gespräch allmählich auf das zu lenken , was ihm so wichtig und so schmerzlich war : auf die Ursachen , die ihn zwangen , sich seines Gutes zu entäußern . Sodann setzte er dem Fräulein die Vor-und Nachteile auseinander , die ihr aus der Erwerbung Rondspergs erwachsen würden . Er wies ihr nach , wie die für den Kauf verwendete Summe sich erst in Jahren , dann aber sicher und reichlich verzinsen würde . Regula war ihm mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt . » Erlauben Sie ! « fiel sie ihm jetzt in das Wort , » wenn ich die beiden nach Ihrer Angabe zur Entlastung und Instruierung Rondspergs erforderlichen Summen addiere , so ergibt sich der Preis , den Sie für das Gut fordern . Gesetzt , ich schlösse den Kauf , was bliebe dann Ihnen ? « » Nichts « , sagte Ronald mit großer Gelassenheit , » aber glauben Sie nicht , daß ich Ihnen Rondsperg ohne Ursache so wohlfeil überließe . Meine Uneigennützigkeit ist eine scheinbare . Man muß dem allzu billigen Verkäufer mißtrauen , er beabsichtigt vielleicht , sich bezahlt zu machen durch - Unbezahlbares . « Regula war im Begriffe auszurufen : Zu rasch ! das kommt zu rasch ! als ein verstohlener Blick auf Ronald sie veranlaßte , diese Worte vorläufig noch zu unterdrücken . Auf seinen Lippen schwebte ein trauriges Lächeln , das sie befremdete . Sie schwieg und war in Verlegenheit und hatte sonderbarerweise den Wunsch , noch verlegener werden zu müssen . Ronald fuhr fort : » Sehen Sie , verehrtes Fräulein , als mir mein Vater vor sechs Jahren Rondsperg übergab , tat er ' s im Glauben , damit ein unschätzbares Geschenk zu machen , und als ein solches nahm ich es an . Hätte ich dem alten Manne sagen sollen : Du gibst , was dir kaum mehr gehört , dein Eigentum ist dir unter den Händen zerronnen . Dein Geschenk ist eine Last ; bürde sie mir nicht auf ? « » Konflikt der Pflichten « , murmelte Regula und bemühte sich , einen tiefsinnigen Ausdruck anzunehmen . » Auch Sie haben Ihren Vater geliebt ! « rief Ronald treuherzig , » hätten Sie vermocht , ihn aus einer beglückenden Täuschung zu reißen ? ... Einen Greis , der , in seinen Anschauungen befangen , die Wahrheit kaum mehr zu fassen vermöchte oder , wenn er es vermöchte , unter ihrer Wucht zusammenbräche ? « Regula schlug die Augen nieder und seufzte : » Was ist Wahrheit ? « Ronald hatte sich nicht unterbrechen lassen , er sprach weiter : » Nein , dacht ich ; bleib in deinem Wahn und sinke sanft von ihm gewiegt in den Schoß der ewigen Ruhe , dem du so nahe stehst ... Ich meinte es durchsetzen und ihm Rondsperg noch erhalten zu können bis an sein Ende - ich habe mich getäuscht . Es ist unmöglich , das Gut zu behaupten , ohne meine Schwestern , ohne Menschen , die uns Vertrauen geschenkt haben , zu benachteiligen ... So suche ich denn einen Käufer für Rondsperg , und da ich einen edlen Käufer brauche , bin ich gekommen , um es Ihnen anzubieten . « Edel muß seine Gattin sein , sagte Regula bei sich . Sie zog ihr Taschentuch hervor , um nur irgend etwas zu tun ; sie richtete ihren Blick auf das schön gestickte R.H. in der Ecke desselben und sah im Geiste eine Grafenkrone sich neunzackig darüber erheben . Ronald schien eine Antwort zu erwarten , ein Zeichen der Aufmunterung , und Regula fragte endlich : » Inwiefern brauchen Sie ihn edel ? « » Weil ich ihm zumute « , erwiderte Ronald , » einen Besitz zu erwerben , den er nicht antreten dürfte , solange meine Eltern leben . Mein Vorschlag lautet : Sie kaufen Rondsperg , lassen aber den Kaufvertrag ein Geheimnis bleiben zwischen uns und den von uns bestellten Zeugen . Ich verwalte vorläufig den Besitz für Sie und übergebe Ihnen dereinst statt des verwahrlosten ein wohlgeordnetes Gut ... Sie werden nicht viele Jahre warten ... Ich würde Ihnen ein treuer Verweser sein - es gibt nichts , das ich nicht für die tun möchte , der meine Eltern es verdanken , daß sie sterben dürfen auf ihrer heimatlichen Scholle . « Regula fragte sich , ob diese letzten Worte nicht beinahe ein Eheversprechen enthielten - wenn man es so nehmen wollte ? Sie sann und sann . Ganz so , wie sie sich ' s gedacht , war die