Knaben als ich . Wo ist die Königin ? « - » Am offenen Sarge ihres Sohnes sitzt sie , sprachlos ! Die ganze Nacht . « Cethegus sprang auf : » das darf nicht sein , « rief er . » Das tut nicht gut . Sie gehört dem Staat , nicht dieser Leiche . Um so weniger , als ich von Gift flüstern hörte . Der junge Tyrann hatte viele Feinde . Wie steht es damit ? « » Sehr ungewiß . Der griechische Arzt Elpidios , der die Leiche untersuchte , sprach zwar von einigen auffallenden Erscheinungen . Aber , wenn Gift gebraucht worden , meinte er , müßte es ein sehr geheimes , ihm völlig fremdes sein . In dem Becher , daraus der Arme den letzten Trunk getan , fand sich nicht die leiseste Spur verdächtigen Inhalts . So glaubt man allgemein , die Aufregung habe das alte Herzleiden zurückgerufen und dieses ihn getötet . Aber doch ist es gut , daß man dich von dem Augenblick , da du die Versammlung verließest , immer vor Zeugen gesehen : der Schmerz macht argwöhnisch . « » Wie steht es um Kamilla ? « forschte der Präfekt weiter . - » Sie soll von ihrer Betäubung noch gar nicht erwacht sein ; die Ärzte fürchten das Schlimmste . - Aber ich kam , dich zu fragen : Was soll nun weiter geschehen ? Die Regentin sprach davon , die Untersuchung gegen dich niederzuschlagen . « - » Das darf nicht sein ! « rief Cethegus . » Ich fordre die Durchführung . Eilen wir zu ihr . « - » Willst du sie am Sarge ihres Sohnes stören ? « - » Ja , das will ich ! Deine zarte Rücksicht bebt davor zurück ? Gut , komme du nach , wenn ich das Eis gebrochen . « Er verabschiedete den Besuch und rief seine Sklaven , ihn anzukleiden . Bald darauf schritt er , in dunkelgraues Trauergewand gehüllt , hinab zu dem Gewölbe , wo die Leiche ausgestellt lag . Gebieterisch wies er die Wachen und die Frauen Amalaswinthens hinweg , die den Eingang hüteten und trat geräuschlos ein . Es war die niedrig gewölbte Halle , in der ehedem die Leichen der Kaiser mit Salben und Brennstoffen waren für den Scheiterhaufen bereitet worden . Das schweigende Gelaß , mit dunkelgrünen Serpentin getäfelt , von kurzen dorischen Säulen aus schwarzem Marmor getragen , war nie von der Tageshelle beleuchtet ; auch jetzt fiel auf die düstern byzantinischen Mosaiken auf dem Goldgrund der Wandplatten kein andres Licht als von den vier Pechfackeln , die an dem Steinsarkophag des jungen Königs mit unstetem Schimmer flackerten . Dort lag er , auf einem tiefroten Purpurmantel , Helm , Schwert und Schild zu seinen Häupten . Der alte Hildebrand hatte ihm einen Eichenkranz um die dunkeln Locken gewunden . Die edeln Züge ruhten in ernster , bleicher Schöne . Zu seinen Füßen saß in langem Trauerschleier die hohe Gestalt der Regentin , das Haupt auf den linken Arm gestützt , der auf dem Sarkophage ruhte : der rechte hing erschlafft herab . Sie konnte nicht mehr weinen . Das Knistern der Pechflammen war das einzige Geräusch in dieser Grabesstille . - Lautlos trat Cethegus ein , nicht unbewegt von der Poesie des Anblicks . Aber mit einem Zusammenziehen der Brauen war dies Gefühl wie ein Anflug von Mitleid erstickt . Klarheit gilt es , sprach er zu sich selbst , und Ruhe . Leise trat er näher und ergriff die herabgesunkene Hand Amalaswinthens . » Erhebe dich , hohe Frau , du gehörst den Lebendigen , nicht den Toten . « Erschrocken sah sie auf : » Du hier , Cethegus ? Was suchst du hier ? « » Eine Königin . « » O , du findest nur eine weinende Mutter ! « rief sie schluchzend . - » Das kann ich nicht glauben . Das Reich ist in Gefahr und Amalaswintha wird zeigen , daß auch ein Weib dem Vaterland den eignen Schmerz opfern kann . « » Das kann sie , « sagte sie , sich aufrichtend : » Aber sieh auf ihn hin . - Wie jung , wie schön - ! Wie konnte der Himmel so grausam sein . « - » Jetzt oder nie , « dachte Cethegus . » Der Himmel ist gerecht , streng , nicht grausam . « » Wie redest du ? was hatte mein edler Sohn verschuldet ? Wagst du ihn anzuklagen ? « - » Nicht ich ! Doch eine Stelle der heiligen Schrift hat sich erfüllt an ihm : Ehre Vater und Mutter , auf daß du lang lebest auf Erden . Die Verheißung ist auch eine Drohung . Gestern hat er gefrevelt gegen seine Mutter und sie verunehrt in trotziger Empörung : - heute liegt er hier . Ich sehe darin den Finger Gottes . « Amalaswintha verhüllte ihr Antlitz . Sie hatte dem Sohn an seinem Sarge seine Auflehnung herzlich vergeben . Aber diese Auffassung , diese Worte ergriffen sie doch mächtig und zogen sie ab von ihrem Schmerz zur liebgewordenen Gewohnheit des Herrschens . » Du hast , o Königin , die Untersuchung gegen mich niederschlagen wollen und Witichis zurückberufen . Letzteres mag sein . Aber ich fordere die Durchführung des Prozesses und feierliche Freisprechung als mein Recht . « » Ich habe nie an deiner Treue gezweifelt . Weh mir , wenn ich es jemals müßte . Sage mir : ich weiß von keiner Verschwörung ! und alles ist abgetan . « - Sie schien seine Beteurung zu erwarten . Cethegus schwieg eine Weile . Dann sagte er ruhig : » Königin , ich weiß von einer Verschwörung . « » Was ist das ? « rief die Regentin und sah ihn drohend an . - » Ich habe diese Stunde , diesen Ort gewählt , « fuhr Cethegus mit einem Blick auf die Leiche fort , » dir meine Treue entscheidend zu besiegeln , daß sie dir unauslöschlich möge ins Herz geschrieben sein . Höre und richte mich . « - » Was werd ' ich hören ? « sprach die Königin wachsam und fest entschlossen , sich weder täuschen noch erweichen zu lassen . » Ich wär ' ein schlechter Römer , Königin , und du müßtest mich verachten , liebte ich nicht vor allem andern mein Volk . Dies stolze Volk , das selbst du , die Fremde , liebst . Ich wußte , wie du es weißt - daß der Haß gegen euch als Ketzer , als Barbaren in den Herzen fortglimmt . Die letzten strengen Taten deines Vaters hatten ihn geschürt . Ich ahnte eine Verschwörung . Ich suchte , ich entdeckte sie . « - » Und verschwiegst sie ! « sprach die Regentin , zürnend sich erhebend . - » Und verschwieg sie . Bis heute . Die Verblendeten wollten die Griechen herbeirufen und nach Vernichtung der Goten sich dem Kaiser unterwerfen . « - » Die Schändlichen ! « rief Amalaswintha heftig . - » Die Toren ! Sie waren schon soweit gegangen , daß nur Ein Mittel blieb , sie zurückzuhalten : ich trat an ihre Spitze , ich ward ihr Haupt . « - » Cethegus ! « - » Dadurch gewann ich Zeit und konnte edle , wenn auch verblendete Männer von dem Verderben zurückhalten . Allgemach konnte ich ihnen die Augen darüber öffnen , daß ihr Plan , wenn er gelänge , nur eine milde mit einer despotischen Herrschaft vertauschen würde . Sie sahen es ein , sie folgten mir , und kein Byzantiner wird diesen Boden betreten bis ich ihn rufe , ich - oder du . « » Ich ! rasest du ? « - » Nichts ist den Menschen zu verschwören ! sagt Sophokles , dein Liebling . Laß dich warnen , Königin , die du die dringendste Gefahr nicht siehst . Eine andre Verschwörung , viel gefährlicher als jene römische Schwärmerei , bedroht dich , deine Freiheit , das Herrschaftsrecht der Amaler , in nächster Nähe - eine Verschwörung der Goten . « Amalaswintha erbleichte . » Du hast gestern zu deinem Schrecken ersehn , daß nicht deine Hand mehr das Ruder dieses Reiches führt . Ebensowenig dieser edle Tote , der nur ein Werkzeug deiner Feinde war . Du weißt es , Königin , viele in deinem Volk sind blutdürstende Barbaren , raubgierig , roh : sie möchten dies Land brandschatzen , wo Vergil und Tullius gewandelt . Du weißt , dein trotziger Adel haßt die Übermacht des Königshauses und will sich ihm wieder gleichstellen . Du weißt , die rauhen Goten denken nicht würdig von dem Beruf des Weibes zur Herrschaft . « - » Ich weiß es , « sprach sie stolz und zornig . - » Aber nicht weißt du , daß alle diese Parteien sich geeinigt haben . Geeinigt gegen dich und dein römerfreundlich Regiment . Dich wollen sie stürzen oder zu ihrem Willen zwingen . Cassiodor und ich , wir sollen von deiner Seite fort . Unser Senat , unsre Rechte sollen fallen , das Königtum ein Schatte werden . Krieg mit dem Kaiser soll entbrennen . Und Gewalt , Erpressung , Raub über uns Römer hereinbrechen . « - » Du malst eitle Schreckbilder ! « - » War ein eitles Schreckbild , was gestern geschah ? Wenn nicht der Arm des Himmels eingriff , warst nicht du selbst wie ich der Macht beraubt ? Warst du denn noch Herrin in deinem Reich , in deinem Hause ? Sind sie nicht schon so mächtig , daß der heidnische Hildebrand , der bäuerische Witichis , der finstre Teja in deines betörten Sohnes Namen offen deinem Willen trotzen ? Haben sie nicht jene rebellischen drei Herzoge zurückberufen ? Und deine widerspenstige Tochter und - « - » Wahr , zu wahr ! « seufzte die Königin . » Wenn diese Männer herrschen - dann lebt wohl Wissenschaft und Kunst und edle Bildung ! Leb wohl , Italia , Mutter der Menschlichkeit ! Dann lodert in Flammen auf , ihr weißen Pergamente , brecht in Trümmer , schöne Statuen . Gewalt und Blut wird diese Fluren erfüllen , und späte Enkel werden bezeugen : solches geschah unter Amalaswintha , der Tochter Theoderichs . « » Nie , niemals soll das geschehen ! Aber - « » Du willst Beweise ? Ich fürchte , nur zu bald wirst du sie haben . Du siehst jedoch schon jetzt : auf die Goten kannst du dich nicht stützen , wenn du jene Greuel verhindern willst . Gegen sie schützen nur wir dich , wir denen du ohnehin angehörst nach Geist und Bildung , wir Römer . Dann , wenn jene Barbaren lärmend deinen Thron umdrängen , dann laß mich jene Männer um dich scharen , die sich einst gegen dich verschworen , die Patrioten Roms : sie schützen dich und sich selbst zugleich . « » Cethegus , « sprach die bedrängte Frau , » du beherrschest die Menschen leicht ! Wer , sage mir , wer bürgt mir für die Patrioten , für deine Treue ? « » Dies Blatt , Königin , und dieses ! Jenes enthält eine genaue Liste der römischen Verschwornen - du siehst , es sind viele hundert Namen : dies die Glieder des gotischen Bundes , die ich freilich nur erraten konnte . Aber ich rate gut . Mit diesen beiden Blättern geb ' ich die beiden Parteien , geb ' ich mich selbst ganz in deine Hand . Du kannst mich jeden Augenblick bei den Meinen selbst als Verräter entlarven , der vor allem deine Gunst gesucht , kannst mich preisgeben dem Haß der Goten - ich habe jetzt keinen Anhang mehr , sobald du willst : ich stehe allein , allein auf dem Boden deiner Gunst . « Die Königin hatte die Rollen mit leuchtenden Augen durchflogen . » Cethegus , « rief sie jetzt , » ich will deiner Treue gedenken und dieser Stunde ! « Und sie reichte ihm gerührt die Hand . Cethegus neigte leise das Haupt . » Noch eins , o Königin . Die Patrioten , fortan deine Freunde wie die meinen , wissen das Schwert des Verderbens , des Hasses der Barbaren über ihren Häuptern hangen . Die Erschrocknen bedürfen der Aufrichtung . Laß sie mich deines hohen Schutzes versichern : stelle deinen Namen an die Spitze dieses Blattes und laß mich ihnen dadurch ein sichtbar Zeichen deiner Gnade geben . « Sie nahm den goldnen Stift und die Wachstafel , die er ihr reichte . Einen Augenblick noch zögerte sie nachdenklich : dann aber schrieb sie rasch ihren Namen und gab ihm Griffel und Tafel zurück : » Hier , sie sollen mir treu bleiben , treu wie du . « Da trat Cassiodorus ein : » o Königin , die gotischen Großen harren dein . Sie begehren dich zu sprechen . « » Ich komme ! Sie sollen meinen Willen vernehmen , « sprach sie heftig : » du aber , Cassiodor , sei der erste Zeuge des Beschlusses , den diese ernste Stunde in mir gereift , den bald mein ganzes Reich vernehmen soll : hier der Präfekt von Rom ist hinfort der erste meiner Diener , wie er der treuste ist : sein ist der Ehrenplatz in meinem Vertrauen und an meinem Thron . « Staunend führte Cassiodor die Regentin die dunkeln Stufen hinan . Langsam folgte Cethegus . er hob die Wachstafel in die Höhe und sprach zu sich selbst : » Jetzt bist du mein , Tochter Theoderichs . Dein Name auf dieser Liste trennt dich auf immer von deinem Volk . « - - Zweites Kapitel . Als Cethegus aus dem unterirdischen Gewölbe wieder zu dem Erdgeschoß des Palastes aufgetaucht war und sich anschickte , der Regentin zu folgen , ward sein Ohr berührt und sein Schritt gefesselt durch feierliche , klagende Flötentöne . Er erriet , was sie bedeuteten . Sein erster Antrieb war , auszuweichen . Aber alsbald entschloß er sich zu bleiben . » Einmal muß es doch geschehen , also am besten gleich , « dachte er . » Man muß prüfen , wie weit sie unterrichtet ist . « Immer näher kamen die Flöten , wechselnd mit eintönigen Klagegesängen . Cethegus trat in eine breite Nische des dunklen Ganges , in welchen schon die Spitze des kleinen Zuges einbog . Voran schritten paarweise sechs edle römische Jungfrauen in grauen Klageschleiern , gesenkte Fackeln in den Händen . Darauf folgte ein Priester , dem eine hohe Kreuzesfahne mit langen Wimpeln vorangetragen wurde . Hierauf eine Schar von Freigelassenen der Familie , angeführt von Corbulo , und die Flötenbläser . Dann erschien von vier römischen Mädchen getragen , ein offener , blumenüberschütteter Sarg : da lag auf weißem Linnentuch die tote Kamilla , in bräutlichem Schmuck , einen Kranz von weißen Rosen um das schwarze Haar : ein Zug lächelnden Friedens spielte um den leicht geöffneten Mund . Hinter dem Sarg aber wankte , mit gelöstem Haar , stier vor sich hinblickend , die unselige Mutter , von Matronen umgeben , welche die Sinkende stützten . Eine Reihe von Sklavinnen schloß den Zug , der sich langsam in das Totengewölbe verlor . Cethegus erkannte die schluchzende Daphnidion und hielt sie an . » Wann starb sie ? « fragte er ruhig . - » Ach , Herr , vor wenigen Stunden ! O die gute , schöne freundliche Domna ! « - » Ist sie noch einmal erwacht zu vollem Bewußtsein ? « » Nein , Herr , nicht mehr . Nur ganz zuletzt schlug sie die großen Augen nochmal auf und schien rings umher zu suchen « . » Wo ist er hin ? « fragte sie die Mutter . » Ach , ich sehe ihn , « rief sie dann und hob sich aus den Kissen . » Kind , mein Kind , wo willst du hin ? « weinte die Herrin . » Nun , dorthin , « sagte sie mit verklärtem Lächeln : » nach den Inseln der Seligen ! « und sie schloß die Augen und sank zurück auf das Lager und jenes holde Lächeln blieb stehen auf ihrem Mund - und sie war dahin , dahin auf ewig ! - » Wer hat sie hier herabbringen lassen ? « - » Die Königin . Sie erfuhr alles und befahl , die Tote als die Braut ihres Sohnes neben ihm auszustellen und zu bestatten . « » Aber was sagt der Arzt ? wie konnte sie so plötzlich sterben ? « - » Ach der Arzt sah sie nur flüchtig ; er hatte alle Gedanken bei der Königsleiche und die Herrin litt ja gar nicht , daß der fremde Mann ihre Tochter berühre . Das Herz ist ihr eben gebrochen : daran mag man wohl sterben ! Aber still , sie kommen . « Der Zug ging in derselben Ordnung ohne den Sarg , zurück . Daphnidion schloß sich an . Nur Rusticiana fehlte . Ruhig schritt Cethegus den einsamen Gang auf und nieder , sie zu erwarten . Endlich stieg die gebrochne Gestalt die Stufen herauf . Sie wankte und drohte zu fallen . Da ergriff er rasch ihren Arm . » Rusticiana , fasse dich ! « » Du hier ? O Gott , du hast sie auch geliebt ! Und wir , wir beide haben sie ermordet ! « Und sie brach auf seine Schulter zusammen . » Schweig , Unselige ! « flüsterte er , sich umsehend . » Ach , ich , die eigne Mutter , habe sie getötet . Ich habe den Trank gemischt , der ihm den Tod gebracht . « Gut , dachte er , sie ahnt also nicht , daß sie getrunken , geschweige , daß ich sie trinken sah . » Es ist ein grausamer Streich des Geschicks , « sagte er laut ; » aber bedenke , was sollte werden , wenn sie lebte ? Sie liebte ihn ! « - » Was werden sollte ? « rief Rusticiana , von ihm zurücktretend . » O , wenn sie nur lebte ! Wer kann wider die Liebe ? Wäre sie sein geworden , sein Weib - seine Geliebte , wenn sie nur lebte ! « - » Aber du vergißt , daß er sterben mußte . « - » Mußte ? warum mußte er sterben ? auf daß du deine stolzen Pläne hinausführst ! O Selbstsucht ohnegleichen ! « - » Es sind deine Pläne , die ich ausführe , nicht die meinen ; wie oft muß ich dir ' s wiederholen ? Du hast den Gott der Rache heraufbeschworen , nicht ich : was klagst du mich an , wenn er Opfer von dir fordert ? Besinne dich besser . Lebe wohl . « Aber Rusticiana faßte heftig seinen Arm : » Und das ist alles ? Und weiter hast du nichts , kein Wort , keine Träne für mein Kind ? Und du willst mich glauben machen , um sie , um mich zu rächen habest du gehandelt ? Du hast nie ein Herz gehabt . Du hast auch sie nicht geliebt - kalten Blutes siehst du sie sterben - ha , Fluch - Fluch über dich . « - » Schweig , Unsinnige . « - » Schweigen ? nein , reden will ich und dir fluchen . O , wüßt ' ich etwas , das dir wäre , was mir Kamilla war ! O , müßtest du , wie ich , deines ganzen Lebens letzte , einzige Freude fallen sehen , fallen sehen und verzweifeln . Wenn ein Gott ist im Himmel , wirst du das erleben . « Cethegus lächelte . » Du glaubst an keine Macht im Himmel , die vergelte ? wohlan , glaub ' an die Rache einer jammervollen Mutter ! Du sollst erzittern ! ich eile zur Regentin und entdecke ihr alles ! Du sollst sterben ! « - » Und du stirbst mit mir . « » Mit lachenden Augen , wenn ich dich verderben sehe . « Und sie wollte hinweg . Aber Cethegus ergriff sie mit starkem Arm . » Halt , Weib . Glaubst du , man sieht sich nicht vor mit deinesgleichen ? Deine Söhne , Anicius und Severinus , die Verbannten , sind heimlich in Italien , in Rom , in meinem Hause . Du weißt , auf ihrer Rückkehr steht der Tod . Ein Wort - und sie sterben mit uns : dann magst du deinem Gatten auch die Söhne , wie die Tochter , als durch dich gefallen zuführen . Ihr Blut über dein Haupt . « Und rasch war er um die Ecke des Ganges biegend verschwunden . » Meine Söhne ! « rief Rusticiana und brach auf dem Marmorestrich zusammen . - Wenige Tage darauf verließ die Witwe des Boëthius mit Corbulo und Daphnidion den Königshof für immer . Vergebens suchte die Regentin sie zu halten . Der treue Freigelassene führte sie zurück auf die verborgne Villa bei Tifernum , die je verlassen zu haben sie jetzt tief betrauerte . Sie baute daselbst , an der Stelle des kleinen Venustempels , eine Basilika , in deren Krypta eine Urne mit den Herzen der beiden Liebenden beigesetzt wurde . Ihre leidenschaftliche Seele verband mit dem Gebet für das Heil ihres Kindes unzertrennlich die Bitte der Rache an Cethegus , dessen wahre Beteiligung an Kamillens Tod sie nicht einmal ahnte : nur das durchschaute sie , daß er Mutter und Tochter als Werkzeuge seiner Pläne gebraucht und in herzloser Kälte des Mädchens Glück und Leben aufs Spiel gesetzt hatte . Und kaum minder unablässig als das Licht der daselbst gestifteten ewigen Lampe stieg das Gebet und der Fluch der vereinsamten Mutter zum Himmel empor . Die Stunde sollte nicht ausbleiben , die ihr die Schuld des Präfekten ganz enthüllte und auch die Rache nicht , die sie dafür vom Himmel niederrief . Drittes Kapitel . Am Hofe von Ravenna aber wurde ein zäher und grimmiger Kampf geführt . Die gotischen Patrioten , obwohl durch den plötzlichen Untergang ihres jugendlichen Königs schwer betrübt und für den Augenblick überwunden , wurden doch von ihren unermüdlichen Führern bald wieder aufgerafft . Das hohe Ansehen des alten Hildebrand , die ruhige Kraft des zurückberufenen Witichis und Tejas wachsamer Eifer wirkten unablässig . Wir haben gesehen , wie es diesen Männern gelungen war , Athalarich zur Abschüttelung der Oberleitung seiner Mutter zu verhelfen . Jetzt gelang es ihnen leicht , unter den Goten immer mehr Anhang zu finden gegen eine Regentschaft , in welcher der ihnen als Hochverräter verhaßte Cethegus mehr als je in den Vordergrund trat . Die Stimmung im Heer , in der germanischen Bevölkerung von Ravenna war genügend zu einem entscheidenden Schlage vorbereitet . Mit Mühe hielt der alte Waffenmeister die Unzufriedenen zurück , bis sie , durch wichtige Bundesgenossen verstärkt , desto sicherer siegen könnten . Diese Bundesgenossen waren die drei Herzoge Thulun , Ibba und Pitza , die Amalaswintha vom Hofe verscheucht und ihr Sohn soeben zurückberufen hatte . Thulun und Ibba waren Brüder , Pitza ihr Vetter . Ein andrer Bruder der ersteren , Herzog Alarich , war vor Jahren wegen angeblicher Verschwörung zum Tode verurteilt und seit seiner Flucht verschollen . Sie stammten aus dem berühmten Geschlecht der Balten , das bei den Westgoten die Königskrone getragen hatte und den Amalungen kaum nachstand an Alter und Ansehn . Ihr Stammbaum führte , wie der des Königshauses , bis zu den Göttern hinauf . Ihr Reichtum an Grundbesitz und abhängigen Colonen und der Ruhm ihrer Kriegstaten erhöhten Macht und Glanz ihres Hauses . Man sagte im Volk , Theoderich habe eine Zeitlang daran gedacht , mit Übergehung seiner Tochter und ihres unmündigen Knaben , zum Heile des Reiches den kräftigen Herzog Thulun zu seinem Nachfolger zu bestellen . Und die Patrioten waren jetzt , nach dem Tode Athalarichs , entschlossen , für den äußersten Fall , das heißt , wenn die Regentin von ihrem System nicht abzubringen sei , jene Gedanken wieder aufzunehmen . Cethegus sah das Gewitter heranziehen : er sah , wie das gotische Volksbewußtsein , von Hildebrand und seinen Freunden wachgerufen , sich immer heftiger gegen die romanisierende Regentschaft sträubte . Mit Unmut gestand er sich , daß es ihm an wirklicher Macht fehle , diese Unzufriedenheit niederzuhalten . Ravenna war nicht sein Rom , wo er die Werke beherrschte , wo er die Bürger wieder an die Waffen gewöhnt und an seine Person gefesselt hatte ; hier waren alle Truppen Goten , und er mußte fürchten , daß sie einen Haftbefehl gegen Hildebrand oder Witichis mit offnem Aufruhr beantworten würden . So faßte er den kühnen Gedanken , mit Einem Zug sich aus den Netzen , die ihn zu Ravenna umstrickten , herauszureißen : er beschloß , die Regentin , nötigenfalls mit Gewalt , nach Rom zu bringen , nach seinem Rom : dort hatte er Waffen , Anhang , Macht . Dort war Amalaswintha ausschließlich in seiner Gewalt und die Goten hatten das Nachsehen . Zu seiner Freude ging die Regentin lebhaft auf seinen Plan ein . Sie sehnte sich hinweg aus diesen Mauern , wo sie mehr eine Gefangene als eine Herrscherin erschien . Sie verlangte nach Rom , nach Freiheit und Macht . Rasch wie immer traf Cethegus seine Maßregeln . Auf den kürzern Weg zu Lande mußte er verzichten , da die große Via flaminia sowohl als die andern Straßen von Ravenna nach Rom durch gotische Scharen , die Witichis befehligte , bedeckt waren und daher zu fürchten stand , daß ihre Flucht auf diesem Wege zu früh entdeckt und vielleicht verhindert würde . So mußte er sich entschließen , einen Teil des Weges zur See zurückzulegen : aber auf die gotischen Schiffe im Hafen von Ravenna konnte man zu einem solchen Zweck nicht zählen . Zum Glück erinnerte sich der Präfekt , daß der Nauarch Pomponius , einer der Verschwornen , mit drei Trieren zuverlässiger , d.h. römischer Bemannung an der Ostküste des Adriatischen Meeres , zwischen Ancona und Teate , auf afrikanische Seeräuber Jagd machend , kreuzte . Diesem sandte er Befehl , in der Nacht des Epiphaniasfestes in der Bucht von Ravenna zu erscheinen . Er hoffte vom Garten des Palastes aus , unter dem Schutz der Dunkelheit und während kirchliche und weltliche Festfeier die Stadt beschäftigte , leicht und sicher mit Amalaswintha die Schiffe zu erreichen , die sie zur See über die gotischen Stellungen hinaus bis nach Teate bringen sollten : von da aus war der Weg nach Rom kurz und ungefährdet . Diesen Plan im Bewußtsein - sein Bote kam glücklich hin und zurück mit dem Versprechen des Pomponius , pünktlich einzutreffen - lächelte der Präfekt zu dem täglich wachsenden , trotzigen Haß der Goten , die seine Günstlingsstellung bei Amalaswintha mit Ingrimm betrachteten . Er ermahnte diese , geduldig auszuharren und nicht durch einen Ausbruch ihres königlichen Zornes über die » Rebellen « vor dem Tag der Befreiung einen Zusammenstoß herbeizuführen , der leicht alle Pläne der Rettung vereiteln konnte . Das Epiphaniasfest war gekommen : das Volk wogte in dichten Massen in den Basiliken , auf den Plätzen der Stadt . Die Kleinodien des Schatzes lagen geordnet und gepackt bereit , ebenso die wichtigsten Urkunden des Archivs . Es war Mittag . Amalaswintha und der Präfekt hatten soeben ihren Freund Cassiodor von dem Plan unterrichtet , dessen Kühnheit ihn anfangs erschreckte , dessen Klugheit ihn alsbald gewann . Sie wollten gerade aus dem Gemach der Beratung aufbrechen , als plötzlich der Lärm des Volkes , das vor dem Palast auf und nieder flutete , lauter und heftiger anschwoll : Drohungen , Jubelrufe , Waffenklirren wild durcheinander . Cethegus schlug den Vorhang des großen Rundbogenfensters zurück : doch er sah nur noch die letzten Reihen der Menge nachdrängen in die offenen Tore des Palastes . Die Ursache der Aufregung war nicht zu entdecken . Aber schon stieg im Palatium das Getöse die Treppen hinan , Zank mit der Dienerschaft wurde hörbar , einzelne Waffenschläge , bald nahe , schwere Tritte . Amalaswintha bebte nicht : fest hielt sie den Drachenknauf des Thronstuhls , auf den Cassiodor sie zurückgeführt . Cethegus warf sich indessen den Andringenden entgegen . » Halt , « rief er , unter der Türe des Gemaches hinaus , » die Königin ist für niemand sichtbar . « Einen Augenblick lautlose Stille . Dann rief eine kräftige Stimme : » Wenn für dich Römer , auch für uns , für ihre gotischen Brüder . Vorwärts ! « Und wieder erhob sich das Brausen der Stimmen und im Augenblick war Cethegus , ohne Anwendung bestimmter Gewalt , von dem Andrang der Masse wie von unwiderstehlicher Meeresflut bis weit in den Hintergrund des Saales zurückgeschoben , und die Vordersten im Zuge standen dicht vor dem Thron . Es waren Hildebrand , Witichis , Teja , ein baumlanger Gote , den Cethegus nicht kannte , und neben ihm - es litt keinen Zweifel - die drei Herzoge Thulun , Ibba und Pitza , in voller Rüstung , drei prachtvolle Kriegergestalten . Die Eingedrungnen neigten sich vor dem Thron . Dann rief Herzog Thulun nach rückwärts gewendet mit der Handbewegung eines gebornen Herrschers : » Ihr , gotische Männer , harret noch draußen eine kurze Weile ; wir wollen ' s in eurem Namen mit der Regentin zu schlichten suchen . Gelingt es nicht - so rufen wir euch auf zur Tat - ihr wißt , zu welcher . « Willig und mit Jubelrufen zogen sich die Scharen hinter ihm zurück und verloren sich bald in den Gängen und Hallen des Schlosses . » Tochter Theoderichs , « hob Herzog Thulun an , das Haupt zurückwerfend , » wir sind gekommen , weil uns dein Sohn , der König , zurückberufen . Leider finden wir ihn nicht mehr am Leben . Wir wissen ,