? « » Was mir fehlt ? Ich glaube nichts . Ein wenig Freude vielleicht . Aber ich weiß es nicht . Sie haben ja auch keine Freude , Fräulein Hardine . « » Du beschäftigst dich nicht genügend , Kind , « mahnte ich . » Mit was soll ich mich denn beschäftigen ? « versetzte sie , » ich tue , was ich kann . « Ich mußte schweigen . In der Tat , was sollte sie tun in ihrer bräutlichen Freiheit und Beschränkung ? Undeutlich ahnte ich auch , daß Arbeit nicht das Mittel sein würde , um dieses Dasein auszufüllen . » Aber was möchtest du denn , Liebe ? « fragte ich nach einer Pause . » Ich möchte leben ! « rief sie mit jenem unbeschreiblichen Impuls , mit welchem sie damals im Garten : » Gut sein , Hardine , heißt Gottes Kind sein ! « gerufen hatte . Und wie sie damals in rascher Wandlung sich auf die ersten Veilchen stürzte , um die Freundin mit ihnen zu schmücken , so stürzte sie sich heute auf deren Hände , drückte sie an ihr Herz und frohlockte : » O aber nun habe ich Sie wieder , Fräulein Hardine , nun bin ich nicht mehr allein , nun bin ich vergnügt und glücklich wie sonst ! « Gleichwohl verließ ich sie mit dem Vorgefühl nahender Schmerzen . » Dörtchen sieht nicht mehr so frisch aus wie im Herbst , « sagte ich , als ich zu den Eltern zurückkehrte , und der Vater entgegnete : » Kein Wunder ! Sie langweilt sich , die arme kleine Dorl . Schön wie ein Bild , siebzehn Jahre und immer das nämliche , freudlose Einerlei ! « » Hat unsere Tochter etwa mehr Freude von ihrer Jugend , Eberhard ? « fragte die Mutter scharf . Der Vater streichelte meine Backen , und ich sah es wie einen Nebel über seine Augen fliegen . » Unsere Dine , unsere brave , gute Dine ! « sagte er bekümmert . » Verdammtes altes Hexennest ! Gings nach mir - - « Er vollendete den Satz nicht , denn Frau Adelheid hatte ein warnendes Räuspern hören lassen . Nach einer Pause aber fuhr er , sich vergnügt die Hände reibend , fort : » Nun gottlob , nächsten Donnerstag kommt ja die Gelegenheit , wo Jungfer Eberhardine auch einmal das Kittelchen schwenken darf , wie es ihrer Jugend gebührt ! « Am anderen Tage war unsere kleine Wirtin wieder die alte , muntere Dorl und Feuer und Flamme bei der großen Toilettenangelegenheit . Der Karton der Gräfin wurde geöffnet , und wir musterten mit wohlgefälligen Blicken eine Robe - kein Zweifel , daß es die für die Einzugstafel in Reckenburg bestimmte gewesen ist - nun , eine Robe , die vor fünfzig Jahren vor einer glänzenden Hofgesellschaft Parade machen , die aber heute noch in unserer kleinen Exresidenz hinlänglich modisch und überreich erscheinen durfte . Ein meergrüner Damast , mit leichten Silberfäden durchwoben , Ärmel und Ausschnitt mit einem Spitzenhauche garniert . Die Mama wiegte den Kopf mit dem Ausdruck höchster Befriedigung . » Der Rock ist zu kurz , « meinte sie , » kann aber durch den entbehrlichen Manteau verlängert , auch die Corsage paßlich dadurch hergestellt werden . Feinere Applikation sah ich nie . Ihr Kaffeegelb hebt den brünetten Teint , zumal bei gepuderter Frisur und echten Perlen im Toupet . Eine fürstliche Toilette , liebe Tochter ! « Ich pflichtete dem bei . Die Dorl aber zog ein Mäulchen wie ein schmollendes Kind . » Beileibe nicht Puder , Fräulein Hardine ! « raunte sie mir ins Ohr . » Keine Pariserin trägt noch Puder und Toupet . Und um Gottes willen nicht diese standfeste Robe mit der quittengelben Garnitur ! Sie nehmen sich ja aus wie Ihre Großmutter , Fräulein Hardine . Ein Kleid von weißem Nessel , rote Schleifen und eine frische Rose - meine Stöcke blühen herrlich ! - , eine Rose im gekräuselten schwarzen Haar , so möchte ich Sie sehen auf Ihrem ersten Ball ! « Der Tausend , ich war auch einmal siebzehn Jahr ! Im weißen Kleide , eine Rose in den Locken , auf dem ersten Ball , zum erstenmal unter den Augen von - Kinder , das Herz zitterte mir im Leibe vor heller Lust . Aber nur einen Augenblick , denn die Mama , welche dem ungewohnten , halblauten Widerspruch mit sichtlichem Mißfallen gelauscht hatte , versetzte : » Es ist kein Ball , mindestens nicht seinem ersten Zwecke nach . Es ist ein Cercle , eine Präsentation . Mögen die Amtmannsjungfern in Schäferröckchen einen Prinzen von Geblüt umtänzeln : wir sind nicht des Schlags , der den Braten von einem Kompottellerchen genießt . Was aber den Puder anbelangt : haben die Jakobinerinnen in Paris ihn abgelegt , der beste Grund für uns , ihn beizubehalten . « Fahre wohl , du leichter Nesseltraum ! Noblesse oblige . Die letzte Reckenburgerin hat ihren Puder so lange wie eine und nie im Leben Rosen getragen . Der Donnerstagmorgen brach an und noch herrschte in der Gesellschaft die bänglichste Spannung . War der Prinz über Nacht angelangt ? War ers immer noch nicht ? Was sollte bei dem weichen Wetter aus Amtmanns Truthahn , was aus dem wilden Schweinskopf der Frau Oberforstmeisterin werden ? Durfte die Freifrau von Reckenburg den Teig zum Spritzgebackenen einrühren ? Sie durfte ihn einrühren ! Der Papa war es , der atemlos die frohe Botschaft brachte ; der herzensgute Papa , der mit Freuden den sauren Posten eines maître de plaisir und Vortänzers wieder übernommen hatte , heute , wo es galt , seinem prinzlichen Kommandeur einen würdigen Empfang und seiner Tochter ein erstes Jugendfest zu bereiten . Der Prinz war in der Nacht angelangt und hatte die Einladung des Komitees huldreichst akzeptiert . » Ein Mann wie ein Bild ! « sagte der Vater , » sähe ihn deine Gnädige , meine Dine , sie bezahlte mit Zuckerlecken seine Schulden . « Nun hieß es alle Hände rühren . Schon früh um neun erschien der Friseur . Kaum war der kunstvolle Turmbau mit erster Kraft und Laune vollendet , stellte auch schon Dörtchen sich ein , um die Taille zu schnüren und die Points vor dem Busen festzuheften . » O das hat ja noch Zeit ! « sagte ich abwehrend . » Ich muß mich doch aber auch anziehen , Fräulein Hardine , « entgegnete die Kleine » und noch früher oben sein als Sie . « » Du ? « fragte ich verwundert . » Ich helfe dem Vater nur ein wenig ; der arme Mann weiß nicht , wo ihm der Kopf steht , Fräulein Hardine . « Dawider konnte nun im Grunde nichts eingewendet werden . Ich ließ mich daher zur Wespe zusammenpressen und saß viele Stunden beklemmt und mit noch röterem Angesicht denn sonst im väterlichen Lehnstuhl . Die Mama huschte zwischen Backofen und Toilettentisch hin und wieder ; der Papa hatte Not , sich in die alte Galamontur zu zwängen . Zwischen Stück und Stück probierte er ein Entrechat , um die Glieder für die große Abendaufgabe gelenk zu machen . An ein Mittagbrot dachte von der gesamten Donnerstagsgesellschaft heute schwerlich ein Mensch . Endlich , endlich schlug es vier . Die amtmännliche Karosse rollte vorüber , und die Familie Reckenburg schlüpfte durch das Pförtchen des seligen Leibbarbiers auf die Schloßterrasse und in den Pavillon . Sie war die erste auf dem Platz . Einem Prinzen von Geblüt darf man nicht nur , man muß ihm zuvorkommen . Das Wetter war sommermild ; Bäume und Sträucher blühten . Man hätte Ende April keinen günstigeren Nachmittag treffen können , wenn es auf eine fête champêtre abgesehen gewesen wäre . Da es aber auf die Präsentation eines Fürstensohnes abgesehen war , hatte man sich anstandshalber für das herzogliche Lusthaus entschieden , wie Mutter Reckenburg für die Robe von drap d ' argent . Das Lusthaus bestand allerdings nur aus einem einzigen Saal , war aber für den heutigen komplizierten Zweck mit Hilfe einer Draperie in zwei Hälften geteilt worden . Die vordere diente zum Empfang und darauffolgendem Tanz , die hintere passierte als Speisesaal . Die vorausgesendeten Gerichte gewährten eine verlockende Dekoration wie auch , gemischt mit den vom Garten hereindringenden Frühlingsdüften , einen gar würzigen Parfüm . Unter der Draperie , zwischen beiden Abteilungen , stand Meister Müllers Büfett , und seine behäbige Gestalt lehnte in der Tür , die zur Seite in Küche und Keller führte . Dorothee verhielt sich natürlich hinter der Szene . In diesem Raume , der übrigens sein fürstliches Ansehen leidlich bewahrt hatte , harrte die vollzählig versammelte Gesellschaft eine Stunde lang , zwei Stunden , noch länger auf den Ersehnten , der - nicht kam . Keiner setzte sich , keiner hatte die Geduld , ein Gespräch fortzuführen . Aller Blicke hingen gespannt an der geöffneten Tür . Es war so stumm in dem gefüllten Saale , daß man die Vögel draußen zwitschern hörte . Auf der Tribüne hielt die Regimentsmusik standhaft die Trompeten am Munde , um den Bewillkommnungstusch nicht zu versäumen . Unter dem Eingange stand im Prallsonnenscheine , chapeau bas , das Komitee , an seiner Spitze mit zum Tubus gehöhlter Hand der Rittmeister von Reckenburg . Alles lauschte , lugte , lauerte - kein Prinz kam . Absichtliche Unpünktlichkeit von seiten eines kursächsischen Blutsverwandten konnte nicht angenommen werden ; es mußte ein Mißverständnis obwalten oder ein Unfall eingetreten sein . Nach langer Deliberation setzte sich der Chef des Komitees zu einer untertänigen Anfrage in Bewegung , und hat die Familie dieses Chefs späterhin vertraulich in Erfahrung gebracht , daß es mit der unannehmbaren fürstlichen Unhöflichkeit doch nicht so ganz ohne gewesen sei . Als der Abgesandte vor dem hohen Gaste erschien , lag derselbe gemächlich im Schlafrock auf der Causeuse ausgestreckt , eine lange Türkenpfeife im Munde und den Hamburger Korrespondenten in der Hand . » Schon ? « fragte er gähnend . » Sind die Schönen ihrer Reize so sicher , um sie bei Sonnenschein preiszugeben ? « Doch verhieß er sein Erscheinen , sobald Zeitung und Toilette vollendet sein würden . Es dämmerte bereits , als der Abgesandte mit dieser Botschaft zurückkehrte . Flugs wurden die Fensterläden geschlossen , die Kronleuchter angezündet . Die Gesellschaft rangierte sich in zwei Heckenwände , zwischen denen der erlauchte Gast seinen Durchgang nehmen sollte . Obenan die Gemahlinnen des Adels , dann die bürgerlichen ; nunmehr die Fräulein , neben ihnen die Demoiselles und endlich die Herren in gleicher Rangordnung . Noch dauerte es eine gute Weile , ehe der lange gehegte Tusch und gleich darauf die vorstellende Stimme des maître de plaisir am oberen Ende erschallten . Ich hatte mich nicht umgeblickt und mein Haupt in stolzester Haltung aufgerichtet , um das schlagende Herz vor mir selber Lügen zu strafen . Erst als ich meinen Vater den Namen : » Freifräulein Eberhardine von Reckenburg « nennen hörte , und während ich mich zu der bewährten Menuettsenkung niederließ , hob ich das Auge , so ruhig ich vermochte , zu dem Vorüberstreifenden empor . Ich war auf einen schönen Mann vorbereitet ; der aber , meine Freunde , welcher meinem Blick begegnete , er war nicht nur der schönste Mann , den ich bis dahin gesehen - denn das würde nicht viel bedeuten - , aber es war und blieb , ich weiß keinen bezeichnenderen Ausdruck als : der anmutvollste Jüngling , den das Leben mir vorgeführt hat . Hatte er in seine Jugend gestürmt , das Äußere wenigstens trug von diesen Stürmen keine Spur , nicht die schlanke , geschmeidige Gestalt , nicht die rosige Farbe von fast mädchenhafter Transparenz , nicht die Züge , welche vielleicht zu weich und fein erschienen sein würden ohne das große , schwarzblaue Auge , das mit kühnem Feuer das Antlitz beherrschte . Dazu das lichtblonde Bärtchen über der heiter gekräuselten Oberlippe , die üppige Lockenwelle , welche dem steifen Zopfband widerstrebte , und endlich jene sichere Lässigkeit in Tracht und Haltung , die nur denen natürlich ist , deren Herablassung als Huld betrachtet wird . Mein biederer Vater in seiner Zwangsjacke und standfesten Würde spielte in meinen Augen eine ärgerlich komische Figur neben diesem Liebling der Grazien im bequemen , halbgeöffneten Kollett . Es war der erste Blick , mit dem ich diesen vollen Eindruck erfaßte , und ich begriff während dieses ersten Blicks die Erinnerungslust meiner achtzigjährigen Reckenburgerin , wenn der Sohn ihres Ungetreuen seinem Vater ähnlich sah : aber seltsam - sollte es ein Ahnen der Zukunft gewesen sein ? - , während dieses ersten , kurzen Blickes surrte es vor meinen Ohren wie die Totenklage des Hadrian , die mir der Prediger neulich so beweglich geschildert hatte , denn ein Schönerer als dieser Antinous konnte das kaiserliche Künstlerauge nicht erquickt haben . Als der Vater meinen Namen nannte , stutzte der Prinz , der noch eben , nachlässig mit dem Spitzentuche grüßend , an meiner Nachbarin vorübergeglitten war . Er pausierte einen Moment , ein vertrauliches Lächeln auf den Lippen , so , als ob er einem alten Bekannten begegnet sei ; dann ging er weiter , vorstellend und sich neigend , die Reihe entlang . Die Polonäse hob an . Der Prinz führte meine Mutter durch den Saal , bei weitem zu kurz und kunstlos für die Mode der Zeit . Jetzt entstand eine Pause ; die Großwürdenträgerinnen erwarteten gespannt eine Näherung des gefeierten Gastes und zuckten unverhohlen die Achseln , als sie ihn , nachdem er bereits der verwitweten Exzellenz vom Hofmarschallamt die Gattin seines Rittmeisters vorgezogen hatte , jetzt raschen Schrittes sich deren Tochter zuwenden sahen . » Sie kommen von Reckenburg , Gnädigste ? « so redete er mich mit dem vorigen vertraulichen Lächeln an . » Wie geht es meiner Exmama ? Unsterblich , so sagt man - - « » Unentkräftet mindestens , Durchlaucht , und unermüdet , « antwortete ich . » Auch unersättlich , gelt , und unerbittlich über ihren lydischen Schätzen ! Nun , auch Krösus hat ja endlich seinen Solon gefunden . Wollen Sie nicht Ihre Weisheit geltend machen , Gnädigste , um wenigstens einen armen Schuldner von seiner Sklavenkette zu befreien ? « Ich kann nicht sagen , daß diese kameradschaftliche Einführung besonders nach meinem Geschmack gewesen wäre . Aber ich merkte kaum auf den Sinn der leichtfertigen Plauderei ; ich lauschte nur dem musikalischen Klang , der biegsamen , impulsiven Melodie der Stimme , die gleich einem Zauber das Herz umspann . Das Orchester hob während der letzten Worte die Weise eines Wiener Walzers an , und ich las in den neidischen Blicken meiner Mitschwestern , daß man den Prinzen für meinen Partner hielt . Der brave Vortänzer stürzte sich heldenmütig auf die beleidigte Frau Amtmännin , um sie für diese neue Bevorzugung seiner Familie nach Leibeskräften zu entschädigen . Auch ich erwartete , daß mich der Prinz in die Reihe führen werde , und ich erwartete es mit zitternder Lust . Da er aber keine Miene machte , sich vom Platze zu rühren , ließ ich mich ruhig in einer Sofaecke nieder . » Sie tanzen nicht ? « sagte der Prinz , indem er sich an meine Seite setzte . » Desto besser . So plaudern wir und machen unsere Glossen . « Die Paare drehten und wiegten sich an uns vorüber ; keines entging dem prinzlichen Spott . » Nicht eine Physiognomie ! nicht eine frische Natur ! « rief er endlich verdrossen . » Und alles das rühmt sich , nach Gott-Vaters Ebenbilde geschaffen zu sein . Wie haben Sie es fertiggebracht , Fräulein von Reckenburg , inmitten dieser Larven , unter diesen platten , toten Herkömmlichkeiten Sie selbst zu bleiben ? « » Ich bin zum erstenmal in Gesellschaft , « konnte ich zu antworten mich nicht enthalten . Aber ich tat es mit leidlichem Humor , denn ich saß einem Spiegel gegenüber und begriff , wie viele Sommer er der meergrünen Brokatträgerin zusprechen mochte . » Oder wie werden Sie es fertigbringen ? « verbesserte er sich . » Nun , auch Durchlaucht werden es ja fertigbringen müssen , « sagte ich lächelnd . » Ich ? Nein , beim Zeus , ich wahrlich nicht ! « rief er aus . » Man hat mich hier an die Kette gelegt . Aber wähnt mein würdiger Vormund von Sachsen , daß der erste Kanonenschuß am Rhein diese Kette nicht sprengen wird ? Endlich , endlich ist es ja so weit ! O der Schmach , daß Franz von Österreich nach väterlichem Exempel zögern konnte , bis sein unglücklicher Ohm unter der Tortur seiner jakobinischen Häscher ihm seine Horden entgegentreibt ! Schmach , ewige Schmach , daß dieser , unser baldiger Kaiser , heute noch sich windet und krümmt wie ein Aal . Aber gottlob ! König Friedrich Wilhelm ist Feuer und Flamme , jenen Häschern die Daumschrauben anzusetzen . Stelle er sich an die Spitze der Armee , rufe er sein Vorwärts , und wenigstens wir , das heißt die Legion deutscher Fürsten ohne Land , werden nicht säumen , um unter Friedrichs Banner dem Erben des heiligen Ludwig seine königliche Freiheit zurückzuerobern . « Auf diese Weise zwischen Scherz und Pathos plauderte mein junger Held unter dem Rauschen des Wiener Walzers harmlos seine Zukunftspläne aus . Ich wußte ja , wie kriegerisch sein Sinn gestellt sei . Nur daß er damit umgehe , in preußische Dienste zu desertieren , mußte mich wundernehmen . Und so entblödete ich mich denn auch nicht , ihn daran zu erinnern , daß eine Schwenkung just in dieses Lager wenig Anklang in sächsischen Herzen finden werde . » Habe ich eine eigene Armee ins Feld zu führen ? « versetzte er lachend . » Oder soll ich darauf warten , bis das heilige römische Reich deutscher Nation sich auf seine Pflicht - bah ! nur auf seine Notwehr besonnen hat ? Bis am Ende auch der obersächsische Kreis sein Fähnlein aufgeboten ? O ! nur die Subsidien Ihrer Reckenburg , Gnädigste , « setzte er mit einem schelmischen Augenblinzeln hinzu , » nur die Subsidien Ihrer Reckenburg , und ich lege den ersten Lorbeerkranz zu Ihren Füßen , den ich , wie mein braver Vetter von Weimar , als preußischer Soldat errungen haben werde . « Der Tanz ging während dieser Tirade zu Ende , und ich erhob mich , um mich vor den ärgerlichen Blicken der Gesellschaft unter die Flügel meiner Mutter zurückzuziehen . Der Prinz folgte mir . Das erste Menuett wurde eben angestimmt . » Sie scheinen eine Virtuosin in der Kunst , sich mit Anstand zu ennuyieren , « sagte er , » wollen Sie mir Stümper in derselben noch diesen Tanz hindurch als guter Kamerad zur Seite stehen ? « Freilich wäre ich lieber im Rundtanz als flotte Partnerin in seinen Armen durch den Saal gewirbelt ; aber auch nur als guter Kamerad eine Viertelstunde länger ihm vis-a-vis dünkte mich eine Herzenslust . Als wir nach vollbrachter Tour am Ende der Kolonne anlangten , seufzte mein Chapeau so herzbeweglich , daß ich die Ungalanterie mit einem Lächeln zu beantworten vermochte . Auch er lachte . » Diese feierliche Strapaze nennt der Deutsche Vergnügen , « rief er aus . » Beim Zeus ! mit Wollust reichte ich meinen Herrn Jakobinern die Hand zu einer ehrlichen Carmagnole ! « Ich erlaubte mir zu bemerken , daß ein lustiger deutscher Ländler vielleicht dieselben Dienste leisten werde , und daß Durchlaucht ihn nur zu befehlen brauche , um sich für die Strapaze einer Anstandspflicht zu entschädigen . » Zum Lustigsein gehören mindestens zwei , « erwiderte er , indem er die Blicke spöttisch über unsere stolze Gesellschaft schweifen ließ . Jählings aber stockte er . » Himmel , wer ist das ? « rief er mit Entzücken ; » wer ist das ? « Mir war , als ob ich den Blitz in einer Pulvermine zünden sähe , denn meine Augen waren den seinigen gefolgt . Wären sie aber auch plötzlich mit Blindheit geschlagen worden , wessen Anblick hätte denn eine so jähe Bezauberung wirken können als der meiner eigenen , einzigen Schönen , als - Dorothees ? Die Tanzmusik hatte sie aus ihrem Versteck hervorgelockt . Sie stand einen Schritt vor dem Büfett , mit leuchtenden Augen , verlangend wie ein Kind , das die ersehnte Frucht unerreichbar am Baume hängen sieht . Die leibhaftige Eva ! Die Arme waren leise gehoben , der Körper vorgeneigt , in der Hand hielt sie ein Körbchen , mit Blumen umwunden und gefüllt mit dem Zuckerbrot , das sie so zierlich zu formen verstand . Der lichtblaue Saum des weißen Nesselrocks reichte knapp bis zum Knöchel ; die Füßchen in den flitternden Kinderschuhen trippelten den Takt der Musik ; das goldene Gelock wogte unter dem blauen Bande , das es lose zusammenhielt , und der Rosenstrauß , den sie für mich gezogen hatte , bebte unter den raschen Schlägen des Herzens . So reizend wie in diesem Augenblick sah ich die reizende Dorl niemals vor und niemals nach der Zeit . Als ihr Auge dem unseren begegnete , schlug sie es dunkel errötend zu Boden und entschlüpfte durch die Seitentür . » Wer ist diese Hebe ? « wiederholte der Prinz . » Die Tochter des Schenkwirts , « antwortete ich , verbeugte mich und setzte mich neben meine Mutter . Es folgten verschiedene Tänze , die ich in den Armen dieses und jenes jugendlichen Springinsfelds abhaspelte , so seufzend wie vorhin mein Prinz die Anstandsstrapaze des Menuetts . Er selber tanzte nicht wieder . Unbekümmert , wie im Wirtshaus , saß er neben dem Büfett in einem Kreise von Offizieren , mit denen er tapferlich zechte . Aber nicht etwa von Meister Müllers landwüchsigem Produkt , auch nicht von den edelsten Sorten , welche die festgebende Gesellschaft zu liefern vermocht hatte ; nein , schäumenden Cliquot , den er , » als Scherflein zum Picknick « , aus seinem eigenen Keller holen ließ . So häufte er Beleidigung auf Beleidigung . Mit jedem springenden Pfropfen aber suchten seine Augen flammender nach der lieblichen Schenkin , die , sooft eine neue Tanzweise anhob , wie von Hüons Horn gelockt , in der Tür erschien , bis unter den Vorhang schlüpfte und mit Sehnsucht die wirbelnden Paare verfolgte . Daß während dieser Wanderung ihre Blicke manches Mal den suchenden am Zechtische begegneten , daß sie dem zürnenden Mienenspiel Jungfer Ehrenhardines gar behende auszuweichen verstanden , das erscheint Jungfer Ehrenhardine heute freilich verzeihlicher , als es ihr Anno 92 erschienen ist . Endlich verkündete ein Trompetenstoß das Souper . Nun mußte das frevelhafte Intermezzo doch ein Ende nehmen ! Die Gesellschaft verfügte sich in das zweite Kompartiment , allwo an kleinen Tischen rings um die Mitteltafel das schöne Geschlecht von den Kavalieren bedient werden sollte . Innerhalb jeder dieser Gruppen war mit List und Gewalt ein Platz offen gehalten worden , in der Hoffnung , daß der gefeierte Gast ihn zu dem seinigen erkiesen werde . Aber die schon so vielfältig herausgeforderte Entrüstung schwoll zur Empörung , als der schnöde junge Herr keine der heimlich Erwartenden befriedigte und alle enttäuschte , indem er einfach inmitten seiner Zechgesellschaft sitzenblieb ; als er von keinem der mit so viel Kunst und Aufwand hergestellten Leckerbissen auch nur kostete , sondern sich mit einem Kringelchen begnügte , welches Hebe Dorl , auf einen Wink Meister Müllers , ihm in ihrem Blumenkörbchen präsentierte . Wie ich die Errötende mit einer unbeschreiblichen Neigung vor ihn treten sah , wie er aufsprang , sein Glas gegen sie hob und es in einem Zuge bis auf die Nagelprobe leerte - Freunde , der Bissen im Munde stockte mir , der Tropfen , mit dem ich ihn hinunterspülen wollte , brannte mich wie Gift ; aber es war ein Bild , vor welchem selber das zornsprühende Naturkind die Lust eines Künstlerauges begreifen mußte . Programmgemäß sollte das Fest mit dem Souper zu Ende gehen . Alles rüstete sich zum Aufbruch . Unser bisher so lässiger Held jedoch fuhr plötzlich in die Höhe und forderte mit lauter Stimme den Kehraus . So stark der Unwille gewesen , die Großmut gegen einen Gast von Geblüt war stärker . Lag doch an sich auch für die Donnerstagsgesellschaft nichts Ungebührliches in der Aufführung eines gewohnten Schlußtanzes , dessen bäuerische Weise und buntscheckiger Wechsel nach dem Souper erst den rechten Humor zur Geltung brachten . Alt und jung reihte sich zu Paaren , nur der Festordner stand noch auf der Lauer , um , nach dem sein hoher Chef sich entschieden , aus der Überzahl der Schönen die Würdigste als Anführerin zu erküren . Jetzt aber , da Prinz Sansfasson der verehelichten Gruppe gleichgültig den Rücken kehrt , schießt der Ordner auf die Frau Amtmännin zu , bietet ihr begütigend die Hand und ist im Begriffe , mit ihr an die Spitze der Kolonne zu treten , als - o wehe , dreimal wehe unserer adligen Reunion ! - er den Prinzen an den Schenktisch stürzen und Kellermeisters kleine Dorl in die Reihe ziehen sieht . Ein Donnerschlag hätte nicht vernichtender zünden können . Einen Augenblick stand alles starr und stumm , dann helle Revolution ! Die Frau Amtmännin kehrte mit einem kopfnickenden » Bedanke mich « wiederum ; sämtliche Frauen und Fräulein von Adel traten aus der Reihe und eilten nach der Tür , hinter deren Säulen verborgen sie den unberechenbaren Ausgang erwarteten . » Glauben Seine Durchlaucht zu einer Kirmeß geladen zu sein ? « hörte ich hinter mir die von dannen rauschende verwitwete Exzellenz vom Hofmarschallamte höhnen . Ich mit einem blutjungen Junkerchen , das ich auf dem Präsentierteller hätte schwenken können , hatte von der flüchtigen adligen Spitze den Übergang zu dem bis jetzt standfesten bürgerlichen Gefolge gebildet . Dachte ich daran , dem von oben herab gegebenen Signale der Desertion zu folgen ? Doch wohl nicht . Denn warum sonst vermied ich den ratgebenden mütterlichen Blick ? Meine Augen hingen an dem anstößigen Paare , das jetzt in der entstandenen Leere an meine Seite trat . Ich sah Dorothees flehende Angst und Lust , sah des Prinzen vertraulichen Wink , der zu sagen schien : » Du bist keine Närrin , du bleibst ! « Kurzum ich blieb . Die Bourgeoisie folgte meinem Exempel und der Tanz hob an . Das war freilich ein anderes Treiben als die Strapaze , welche der Deutsche sonsthin Vergnügen nennt ! Wie rasch und lustig die Gefüge wechselten , die Paare sich verschlangen und ineinanderschoben ! Wie die rosige Hebe im Arme des Götterjünglings den Saal durchkreiselte , wenn jede Tour beim Schlusse in eine Galoppade überging ! Wie nun in den Wirbel der Glieder auch der der Kehlen sich mischte , der prinzliche Vortänzer unter Händeklatschen und jauchzendem Chorus die alte Sangesmär von » dem Großvater , der die Großmutter nahm « , intonierte , und endlich nichts Altes und Neues mehr übrigblieb als - der Kuß ! Zeitlich , sittlich , meine Freunde ! Wir schrieben zweiundneunzig , und ein Küßchen im Tanze dünkte uns dazumal beileibe nicht ein Raub . Manchmal wurde gleich die Polonäse mit ihm eingeleitet , oder man verlegte es in eine Tour des Englischen ; keinesfalls fehlte es im biederen vaterländischen Großvater , und nicht etwa bloß beim Mannschießen oder auf der Kirmeß . Meine Mitschwestern von der Montagsgesellschaft waren es gewohnt , die Bäckchen ihrem Partner darzureichen und nach dem Partner jedem anderen , mit dem die Verschiebung sie zusammenführte . So ein halbes Hundert Mäulchen in einer Tour - es war kein berauschendes Gewürz , aber es würzte doch . Unsere vornehme Reunion , mit den Reminiszenzen des weiland Herzogshofs , war allerdings zu nobel konstituiert , um derlei naturalistische Ausschweifungen zu vertragen . Nun aber an ihrem stolzesten Tage einen Prinzen von Geblüt die Lippen auf einer Schenkdirne Lippen drücken zu sehen , und wie drücken - so sonder Kunst und Methode ! - , sie hat sich von diesem schauderhaften Anblick niemals erholt ; es war der Todesstreich , der sie getroffen . Er küßt ihren Mund , umschlingt sie , preßt sie an seine Brust und jagt mit ihr durch den Saal . Im rasenden Tempo löst sich die blaue Schleife aus ihrem Haar ; er reißt sie an sich und birgt sie an seinem Herzen . Das goldene Gelock wallt und weht im Wirbel bis zu den Knien hinab . Die Ordnung ist zerstört . Singend , jauchzend , atemlos stürmen die Paare wirr durcheinander hinter dem ersten drein . Ganz zuletzt auch Jungfer Ehrenhardine nach einem züchtigen Handkuß ihres Junkerchens . Da jählings - halt ! Der Festordner hat Trompeten und Pauken das Schweigesignal zugewinkt . Noch sehe ich , wie Dorothee , gleich einem gescheuchten Reh , durch die Seitentür verschwindet , wie der Prinz ein schäumendes Glas hinunterstürzt . Dann wirft mir die Mutter die eigene Saloppe über den Kopf . Wirr und jäh drängt alles nach dem Ausgang . Und so in einem bacchantischen Taumel , mit einem haarsträubenden Ärgernis endete das Prinzenfest der adeligen Donnerstagsgesellschaft Anno 92 , dem großen Jahre der Revolution . Ich habe ihm ein langes Kapitel in meiner Lebensgeschichte gewidmet : es war ja das einzige Mal , daß ich beinahe Rosen getragen hätte . Sechstes Kapitel Die Brautlaube » Ein höchst verdrießlicher Eklat ! « so unterbrach die Mutter unser allseitiges Schweigen , nachdem des Leibbaders Pförtchen sich hinter uns geschlossen hatte . » Nach Lage der Dinge aber , Eberhard , muß ich sagen , daß unsere Tochter sich taktvoll benommen hat . « » Brav , recht brav , meine Dine ! « sagte der Vater , als ob ihm ein Stein vom Herzen fiele . » Die Kleine wurde mit Gewalt in den Tanz gezogen ; sie war Dines Gespielin , ist