, daß es nicht anders geht , und daß einem die Kerle das Haus über dem Kopf und den Hof an allen vier Ecken anzünden würden , wollte man nicht durch die Finger sehen oder ihnen nicht auf alle Weise Vorschub leisten . Erst vorgestern , als ich an meiner Gartenmauer stehe , kommt ein Kerl über die Wiese her und sagt , ich müsse ihn verstecken ; ein Gensdarm sei hinter ihm her . Nun , auf Ehre , ich habe ihn in den Backofen kriechen lassen , weil kein anderer Versteck in der Nähe war , und habe selbst eine Schütte Stroh vor die Thür geworfen , und als fünf Minuten später der Gensdarm kam , gesagt , ich hätte den Kerl nach dem Walde laufen sehen . Auf Ehre , ich habe mich geschämt , aber was soll man thun ? Und so wollte ich auch nichts gegen Ihren Alten sagen , wenn er es nur nicht zu toll machte . Er treibt es zu arg , sage ich Ihnen , er treibt es zu arg ; es muß ein schlechtes Ende nehmen ; darüber herrscht nur Eine Stimme . « » Aber « , sagte ich , und gab mir die größte Mühe , so ruhig zu sprechen als möglich , » ich bin doch nun beinahe schon drei Wochen hier , und auf Ehre - ich hatte diese Redensart jetzt zu oft gehört , um sie nicht gelegentlich anwenden zu können - es soll noch immer das Geringste geschehen , was den Ruf , in welchem , wie ich zu meinem Schrecken höre , Herr von Zehren selbst bei seinen Freunden steht , irgend bestätigt . Ja , ich will es Ihnen gestehen : mir selbst sind in den ersten Tagen , ich weiß nicht mehr warum , ähnliche Gedanken gekommen ; aber ich habe ihm längst in meinem Herzen einen so schändlichen Verdacht abgebeten . « » Verdacht « , sagte der Kleine , immer eifriger sprechend und dabei immer kleinere und raschere Schritte machend , » wer spricht von Verdacht ? Die Sache ist so gewiß wie Amen in der Kirche . Wenn Sie nichts gemerkt haben - was mich übrigens Wunder nimmt , aber Ihr Wort in Ehren ! - so kommt das , weil das Wetter noch zu gut war . Uebrigens , so ganz stockt der Handel auch nicht , wie Sie eben selbst gesehen haben . Weiß Gott , es kann Einem ganz wunderlich dabei werden , wenn man bedenkt , daß man so mitten drin sitzt . Und ich habe ihm erst am Donnerstag eine Partie Rothwein und Cognac abnehmen müssen , und Trantow ein paar Tage vorher ebenso viel , und Sylow , der es aber , glaube ich , mit Einem theilt , noch mehr . « » Und weshalb sollte Herr von Zehren nicht von seinen Vorräthen an gute Freunde abgeben ? « sagte ich hartnäckig . » Von seinen Vorräthen ? « rief Herr von Granow . » Ja , ja , es soll vom vorigen Herbst viel übrig geblieben sein ; er soll noch so viel in seinen Kellern haben , um die halbe Insel damit versorgen zu können . Das liegt ihm schwer auf der Tasche ; denn er muß den Schmugglerkapitänen baar zahlen , und der Absatz nach Uselin ist , wie ich höre , sehr schlecht gewesen . Man soll dort in jüngster Zeit verteufelt scheu geworden sein . Seitdem so Viele in das Handwerk pfuschen , traut Keiner mehr recht dem Andern . Früher sind es nur , höre ich , ein paar respectable Firmen gewesen . Aber das müssen Sie ja Alles viel besser wissen als ich . Ihr Vater ist ja wohl selbst Steuerbeamter ? « » Ja , « sagte ich , » und um so mehr müßte ich mich wundern , daß ich Herrn von Zehrens Namen unter so manchen andern niemals habe nennen hören , im Falle Ihr Verdacht wirklich begründet wäre . « » Aber so sprechen Sie doch nicht immer von Verdacht , « schrie der Kleine ganz ärgerlich . » Es ist da wie überall : man hängt die kleinen Diebe und läßt die großen laufen . Die Herren vom Amt wissen auch , was sie thun ; ein paar Thaler oder Louisd ' or zur rechten Zeit halten schon eine Zeit lang vor , und wenn einer gar , wie der Alte , einen Steuerrath zum Bruder hat , wird der Herr Steueraufseher nicht so unhöflich sein , des Herrn Steuerraths Bruder abzufassen . « » Das ist eine Beleidigung , Herr von Granow « , rief ich wüthend ; » ich habe Ihnen schon gesagt , daß mein eigener Vater Steuerbeamter ist . « » Nun , nun , « sagte Herr von Granow , » ich denke , Sie leben mit Ihrem Vater auch nicht auf dem besten Fuß . Und wenn Ihr Vater Sie weggejagt hat , so - « » So geht das Niemand etwas an , « rief ich , » als Herrn von Zehren , der mich in sein Haus genommen hat und gut und freundlich zu mir gewesen ist die ganze Zeit . Hat mein Vater mich fortgeschickt oder meinetwegen : fortgejagt , so habe ich ihm Ursache genug dazu gegeben , aber das hat mit seiner Ehrenhaftigkeit nichts zu thun , und den schlage ich todt wie einen Hund , der meinem Vater die Ehre abschneiden will . « Da Herr von Granow nicht wußte und nicht wissen konnte , wie tausendfältig er durch Alles , was er gesagt , mein Herz zerrissen hatte , mußte ihm meine Wuth , die nur nach einer Gelegenheit gesucht hatte , um loszubrechen , unbegreiflich und schrecklich sein . Ein junger , ihm wahrscheinlich immer und jetzt doppelt verdächtiger Mensch , von dessen Körperkraft er mehr als eine erstaunliche Probe gesehen hatte , und der mit dieser Stimme von Todtschlagen sprach - dazu die öde Haide , auf der jetzt fast vollkommene Nacht lag , - der kleine Mann murmelte unverständliche Worte , indem er sich möglichst weit von mir entfernte und dann , vermuthlich aus Furcht vor meiner geladenen Flinte , wieder herankam und ganz demüthig erklärte , daß er keineswegs die Absicht gehabt habe , mich zu beleidigen , daß es ja auch ganz undenkbar sei , ein ehrenwerther Steuerbeamter , wie mein Vater , habe seinen Sohn wissentlich zu einem notorischen Schmuggler gethan ; daß auf der andern Seite der Verdacht , ich sei ein Spion im Dienste der Behörden , mit meinem ehrlichen Gesicht und meinem sonstigen loyalen Wesen gänzlich unvereinbar und vollkommen lächerlich sei ; daß er übrigens ja auch herzlich gern zugebe , Alles , was man gegen Herrn von Zehren vorbringe , sei vollkommen aus der Luft gegriffen - die Leute schwatzten ja so vieles , nur , um zu schwatzen ; und er , der sich erst so kurze Zeit in der Gegend aufhalte , könne am wenigsten wissen , was daran sei ; und daß er es sich schließlich als eine Ehre anrechnen werde und sich herzlich freue , mich als Gast auf seinem Hofe , dessen Lichter eben vor uns aufblitzten , und wo die Andern mittlerweile längst angekommen sein müßten , zu begrüßen und eine Flasche Wein mit mir zu trinken . Ich vernahm kaum , was der Mann sagte ; in meiner Seele stürmte es zu gewaltig . Ich erwiederte nur kurz , es sei gut , und ich glaube nicht , daß er es böse gemeint habe . Dann bat ich ihn , mich bei Herrn von Zehren zu entschuldigen , und schritt über die Haide davon , in der Richtung des nun nahen , mir wohlbekannten Weges , der von Melchow , dem Granow ' schen Gut , nach Zehrendorf führte . Elftes Capitel . Der nächste Morgen war so glorreich , daß er auch wohl ein noch schwerer verdüstertes Herz als das meinige hätte aufhellen können . Ueberdies war ich , müde wie ich war , so schnell entschlummert , nachdem ich kaum mein junges , sorgenvolles Haupt auf ' s Kissen gelegt , und hatte so fest geschlafen , ich mußte mich ordentlich erst darauf besinnen , was mich denn gestern Abend nur so außer mir gebracht hatte . Nach und nach fiel es mir freilich wieder ein , und da wurde mir die Stirn heiß , das weite Zimmer zu eng , es litt mich nicht mehr zwischen den Wänden , ich hatte , wie immer in meinen Nöthen , das Gefühl , daß draußen unter dem blauen Himmel Alles besser werden müsse , und ich eilte die steile Hintertreppe hinab in den Park . Nun irrte ich unter den im Morgenwinde leise wehenden Zweigen der hohen Bäume , zwischen den sonnebeglänzten Büschen auf den wildverwachsenen Wegen , bald zum Himmel schauend , bald mit verschränkten Armen düster auf den Boden starrend , zwischendurch einem Vogel lauschend , der unaufhörlich sein monotones kleines Herbstlied zirpte , oder eine Raupe beobachtend , die an einem klafterlangen Faden von einem Zweige herabhängend hin und her schaukelte , und versuchte , jene für einen jungen Menschen so überaus schwierige Aufgabe zu lösen , versuchte , mir meine Situation klar zu machen . Ich hatte gestern Herrn von Granow die Wahrheit gesagt : es hatte sich , seitdem ich auf dem Gute war , nichts ereignet , was jenen Verdacht bestätigt hätte ? Ich war ja kaum von seiner Seite gekommen während dieser ganzen Zeit ! Keine fremden Leute waren auf dem Hofe erschienen , keine verdächtigen Zusammenkünfte hatten stattgefunden ; es waren keine Waaren eingeliefert und außer jenen paar Fässern Wein an die Nachbarn meines Wissens auch keine ausgeliefert worden . Die Leute , die zum Gute gehörten , sahen allerdings aus , als ob sie zu jedem andern Geschäft mehr aufgelegt seien , als zu einer ehrlichen Hantierung , und besonders mein langer geprügelter Freund Jochen hatte unmöglich ein reines Gewissen ; aber die Kathenleute rings herum auf den andern Gütern , in der Nähe des Strandes , waren sämmtlich zum Theil verkommenes , zum Theil verwegenes , seeräubermäßig aussehendes Gesindel , wie denn auch gar viele Fischer und Schiffer gewesen und gelegentlich noch waren . Daß aber die Bande , der wir gestern begegnet , nicht aus unsern Leuten bestanden hatte , davon glaubte ich mich überzeugt zu haben , als ich bei den Tagelöhnerwohnungen vorüber kam und Jochen nebst ein paar Andern wie gewöhnlich vor den Thüren sitzen sah . Und dann ! zugegeben : Herr von Zehren war in Wirklichkeit , wozu ihn der böse Leumund machte ; nun , so trieb er es am Ende nicht schlimmer , als die Andern auch . Ein wenig paschten sie Alle - das hatte ich aus Granow ' s Munde ; und wenn alle diese adeligen Herren sich nicht genirten , ihre Keller mit Wein zu füllen , von dem sie wußten , daß er geschmuggelt war , - der Hehler war so gut wie der Stehler , und Herr von Zehren nur vielleicht hier , wie überall und immer , der kühnere Mann , der den Muth hatte , zu thun , was die Andern gern gethan hätten . Und endlich ! ich war ihm zum tiefsten Dank verpflichtet ! Sollte ich auf einen Verdacht hin , auf die Klatschereien eines Schwätzers hin , ihn verlassen , der immer so gütig , so freundlich zu mir gewesen ? der mir seinen besten Hund und seine beste Flinte , nein ! - seinen zweitbesten Hund und seine zweitbeste Flinte geschenkt , dessen Börse , dessen Cigarrenkiste ( ach ! und welche köstlichen Cigarren führte er - ich hatte nie geglaubt , daß es solche Cigarren gebe ! ) mir alle Zeit offen gestanden ! Nein und abermals nein ! Und wenn er wirklich ein Schmuggler , ein Schmugler von Profession wäre ! - aber wie konnte ich erfahren , daß er einer war ! Doch am einfachsten , wenn ich mich an ihn selbst wandte ; ich hatte ein Recht dazu . Man zweifelte in der Gesellschaft an meiner Ehrenhaftigkeit ; man wußte nicht , was man aus mir machen sollte : das konnte ich mir nicht gefallen lassen . Herr von Zehren konnte nicht verlangen , daß ich mich seinetwegen dem schmählichen Verdachte aussetzte , entweder ein Spion oder sein Helfershelfer zu sein . Aber wenn er dann sagte : so gehen Sie ! ich halte Sie nicht ! Ich setzte mich an dem Rande des Parkwaldes auf die steinerne Bank , welche dort unter einem breitastigen Ahorn angebracht war , und starrte , den Ellnbogen auf den halb umgesunkenen Tisch stemmend und meine Stirn in die Hand legend , nach dem Schlosse , das seinen Schatten weit hinein über die in der Morgensonne goldig schimmernde Wiese warf . Wie hatte ich das alte verfallene Haus doch so lieb gewonnen ! Wie gut kannte ich jeden der hohen Schornsteine ! jeden Grasbüschel , der aus dem altersgrauen , moosüberwucherten Ziegeldache wuchs ! die drei Balkone , - zwei kleinere freischwebende rechts und links und in der Mitte den großen , zu welchem aus dem obern Saal die Glasthüren führten , und der auf den plumpen Säulen mit den seltsam verschnörkelten Capitälen ruhte ! Wie kannte ich jedes der zahlreichen Fenster mit den verwitterten , verwaschenen Holzjalousien , die nie geschlossen wurden , von denen die meisten auch nicht mehr geschlossen werden konnten ! Einige hingen nur noch in einer Angel , und die am dritten Fenster von rechts klappte in der Nacht immer , wenn der Wind von Westen kam - ich hatte sie schon oft befestigen wollen und es immer wieder vergessen . Dort die zwei Fenster an der Ecke links waren mein Zimmer , mein poetisches Zimmer mit den köstlichen alten Meubeln , die mir noch immer so sehr imponirten , daß ich mir zwischen ihnen wie ein junger Königssohn vorkam . Welche glücklichen Stunden hatte ich in der kurzen Zeit schon in dem Zimmer verlebt ! Des Morgens in der Frühe , wenn ich mich , froh der in Aussicht stehenden Jagd , trällernd ankleidete und meine Patronen in Ordnung brachte , des Abends spät , wenn ich mit meinem Freunde nach Hause gekommen war , erhitzt vom Spiel und Wein und lustigem Geschwätz , und mich dann hinauslehnte , eine Cigarre dampfend und zwischendurch die kühle Nachtluft mit vollen Zügen einsaugend , während der Gedanken gar viele durch meine Seele gingen , närrische und sentimentale Gedanken , die sich schließlich alle auf das schöne Mädchen bezogen , das da unter mir in dem Zimmer hinter der Terrasse nun wohl schon seit mancher Stunde schlummerte . Was hatte der abscheuliche Mensch gestern von ihr gesagt ? Ich wagte die Lästerungen kaum in Gedanken zu wiederholen ; ich begriff nicht , wie ich es nur hatte anhören können , oder wie ich ihn mit heiler Haut hatte davon kommen lassen , nachdem ich es gehört , nachdem er mein Heiligenbild so entweiht ! Der elende , erbärmliche Mensch ! der dünkelhafte , aufgeblasene , neidische kleine Molch ! Freilich ! es war ein großes Verbrechen , daß sie von einem solchen Liebhaber nichts wissen wollte ! daß sie von den andern Krautjunkern nichts wissen wollte ! Und dafür schmähten sie sie nun ; behaupteten , sie habe sich verkaufen lassen wollen , sie , die Edle , Reine , Schöne , für die ein Königsthron noch zu niedrig gewesen wäre . Oder gab es einen Kopf , würdiger eines Diadems ? Gab es eine Gestalt , die mehr verdiente , von einem Purpurmantel umwallt zu werden ! Mein Gott ! ich verlangte ja nichts für mich ! ich war es ja zufrieden , wenn ich an den Saum ihres Kleides rühren durfte ! Aber die Andern sollten sie ebenso ehren wie ich ; Keiner , und wenn er ein Fürst , und wenn er ein König wäre , sollte wagen , sich , ohne daß sie es erlaubt , ihr zu nahen . Wenn sie mich doch nur , wie sie es an jenem Abend scherzend gesagt , Wache halten lassen wollte auf ihrer Schwelle ! So demüthigte ich mein volles , junges Herz , das vor Sehnsucht und Verlangen schier zersprungen wäre . Und ich that es aus innigster Ueberzeugung , in felsenfestem Glauben an die Hoheit und Reinheit der so heiß Geliebten . Ich darf es sagen : es war kein Blutstropfen in mir , der nicht ihr gehörte ; ich würde mein Leben geopfert haben , ihr zu dienen , hätte sie es von mir verlangt , hätte sie mich für die treue Seele genommen , die ich war ; hätte sie offen mit mir gesprochen . War es das Vorgefühl der kurzen Spanne Zeit , die ich mich noch in diesem treuen , ungebrochenen Glauben an ein unverletzlich Heiliges in der Menschenbrust wiegen sollte , was mich jetzt den Kopf tiefer auf die Hände beugen und so heiße Thränen vergießen ließ ? Ich richtete mich schnell empor ; denn ich glaubte dicht hinter mir ein Rauschen gehört zu haben , und ich hatte mich nicht getäuscht . Aus den Büschen hervor , zwischen denen der Weg weiter in den Buchwald führte , trat Konstanze . Hatte sie mich hier sitzen sehen ? Ich sprang in großer Verwirrung von meiner Bank auf und stand vor ihr , ohne daß ich Zeit gehabt hätte , die Spur der Thränen von meinen brennenden Wangen zu verwischen . » Guter Georg , « sagte sie , indem sie mir die Hand mit mildem Lächeln entgegenstreckte , » nicht wahr , Sie meinen es gut mit mir ? « Ich murmelte etwas , das als Antwort gelten sollte . » Lassen Sie mich ein wenig hier bei Ihnen Platz nehmen , sagte sie , ich fühle mich etwas ermüdet ; ich bin schon so lange auf . Wissen Sie , wo ich gewesen bin ? Im Walde bei dem Weiher und hernach oben auf der Ruine . Wissen Sie , daß wir nicht wieder zusammen dort gewesen sind ? Ich habe heute Morgen daran gedacht , und wie schade es ist . Es ist so schön auf der Uferhöhe , und es wandert sich mit Ihnen so gut . Warum kommen Sie nie , mich abzuholen ? Wissen Sie noch , was Sie mir versprachen : Sie wollten mein treuer Georg sein und alle Drachen auf meinem Wege tödten . Wie viel haben Sie schon todt ? « Sie blickte unter den langen Wimpern hervor mich mit den braunen Augen an , deren Tiefe für mich unergründlich war , in meine Augen , die ich in Verwirrung senkte . » Warum antworten Sie nicht ? « sagte sie . » Hat es Ihnen mein Vater verboten ? « » Nein , « erwiederte ich , » aber ich weiß nicht , ob Sie meiner spotten . Sie sind die ganze letzte Zeit so wenig gütig zu mir gewesen ; ich habe mir zuletzt nicht mehr getraut , Sie anzureden , kaum Sie anzusehen . « » Und Sie ahnen nicht , weshalb ich in letzter Zeit weniger freundlich gegen Sie gewesen bin ? « » Nein , « sagte ich , und setzte dann kleinlaut hinzu : » es müßte denn sein , weil ich so viel von Ihrem Vater halte ; aber wie kann ich das anders ? « Eine Wolke zog über ihre Stirn . » Und wenn es deshalb wäre , « sagte sie , » könnten Sie es mir verdenken ? Mein Vater liebt mich nicht ; er hat mir schon zu viele Beweise davon gegeben . Wie kann mich Jemand lieben , der so viel von meinem Vater hält « - sie sprach die letzteren Worte in bitterm Ton - » der ihm vielleicht jede Sylbe wieder erzählt , die ich sage , und so zu den Geschichtenträgern und Geberdespähern , mit denen ich bereits umgeben bin , einen neuen zugesellt , einen um so gefährlicheren , als ich von ihm alles Andere eher erwartet hätte , als verrathen zu werden . « » Verrathen , und verrathen von mir , « rief ich erschrocken . » Verrathen , ja , « sagte sie , leiser , schneller , leidenschaftlicher sprechend . » Ich weiß , daß der alte Christian , der Tag und Nacht herumstreicht , mich wie eine Gefangene bewacht ; ich bin keineswegs sicher , ob Pahlen , die mir Ergebenheit zeigt , mich nicht für eine Hand voll Thaler verkauft . Ja , verrathen bin ich , verrathen von allen Seiten , ob von Ihnen - ich will um Ihrer guten blauen Augen willen annehmen , daß ich mich geirrt habe , obgleich ich wahrlich triftigen Grund hätte , Sie zu beargwöhnen . « Ich war außer mir , Konstanze so sprechen zu hören ; ich bat sie , ich beschwor sie , mir zu sagen , was sie gegen mich habe , welcher abscheuliche Schein gegen mich spräche ; denn daß es nur ein Schein sei , wolle ich ihr beweisen . Sie solle mir Alles sagen , sie müsse mir Alles sagen . » Nun denn , « sagte sie , » ist es Schein oder Wahrheit , daß Sie gleich an dem ersten Abend Ihres Hierseins auf Befehl meines Vaters , der Sie jedenfalls zu dem Zweck mitgebracht hat , Wache gestanden haben unter meinem Fenster , während Sie mir weismachen wollten , mein Spiel habe Sie herbeigelockt ? « Ich erschrak heftig über diese letzten Worte , die sie mit einem finstern , lauernden Blick begleitet hatte , der noch deutlicher sprach als die Worte . Also war jene dunkle Gestalt doch um ihretwillen dagewesen und war seitdem wieder dagewesen ; denn wie hätte sie sonst von der Begegnung unterrichtet sein können ? » Sie brauchen es nicht mehr einzugestehen , « sagte Konstanze im bittern Ton , » Sie haben noch nicht ausreichend gelernt , sich zu verstellen . Und ich gutmüthige Thörin glaubte , Sie wären mein treuer Georg ! « Ich war nahe daran , vor Zorn und Schmerz zu weinen . » Um Gottes willen , « rief ich , » verdammen Sie mich nicht , ohne mich gehört zu haben . Ich bin in den Park gegangen ohne eine bestimmte Absicht , ohne eine Ahnung , daß ich - ihm , daß ich Jemand begegnen würde . Hätte ich gewußt , daß der Mann , den ich von dieser Stelle dort aus dem Bosket auftauchen sah , nicht ohne Ihre Erlaubniß kam , ich würde ihm nicht in den Weg getreten sein , würde ihn ruhig dahin haben gehen lassen , wo man ihn , wie es scheint , erwartete . « » Wer sagt Ihnen , daß er nicht ohne meine Erlaubniß kam , daß er erwartet wurde ? « fragte Konstanze nicht ohne Heftigkeit . » Sie selbst ; « erwiederte ich schnell , » der Umstand , daß Sie von etwas wissen , was doch nur er und ich wissen könnten . « Konstanze blickte mich an und lächelte flüchtig . - » Ei , « sagte sie , » wie geschickt wir zu combiniren verstehen ; wer hätte uns das zugetraut ! Aber Sie irren sich . Ich weiß es von ihm , gewiß ; und doch hatte ich ihn nicht erwartet und doch hatte ich ihm keine Erlaubniß gegeben . Ja , noch mehr , ich schwöre Ihnen : ich hatte keine Ahnung , daß er mir so nahe war . Und jetzt ? fragt mich Ihr Blick . Jetzt ist er mir so fern wie je . Er hat mir auf einem Wege , der nichts zur Sache thut , geschrieben , daß er in der That an jenem Abend versucht habe , mich zu sehen , mir eine Mittheilung zu machen , von der er nicht wünschte , daß ich sie durch einen Andern erführe ; ich habe ihm auf demselben Wege geantwortet , daß ich es nun doch bereits durch einen Andern erfahren habe und daß ich ihn um seiner und um meiner Ruhe willen bitte , keinen Versuch zu machen , sich mir zu nähern . Dies ist Alles und wird für immer Alles sein . Ich habe nicht die Gewohnheit , von denen , welche mich lieben , zu verlangen , daß sie mir ihre Zukunft , ihre Existenz zum Opfer bringen . Und das wäre hier der Fall . Jener Mann kann ohne Einwilligung seines Vaters keine Verbindung eingehen , und mein Vater hat dafür gesorgt , daß diese Einwilligung nie erfolgt . Er ist erst frei nach seines Vaters Tode . Darüber können Jahre vergehen . Er soll mir nicht einmal diese Jahre zum Opfer bringen . « » Und er nimmt das Alles an , « rief ich empört ; » er entsagt nicht lieber seinem Titel und seinem Erbe , als daß er auf Sie verzichtet ? Er läßt sich nicht eher in Stücke zerreißen , als daß er Ihnen entsagte ? Und dieser Mensch besitzt Millionen und nennt sich ein Fürst ! « » So wissen Sie , wer er war ? « sagte Konstanze , indem sie , wie es schien , heftig erschrak ; und dann setzte sie mit Bitterkeit hinzu : » Aber freilich , wie sollten Sie nicht ! Sie sind ja der Vertraute meines Vaters , dem Sie jedenfalls das Abenteuer sogleich pflichtschuldigst berichtet haben . « » Ich habe gegen Niemand jenes Vorfalls Erwähnung gethan , « rief ich , » ebenso wenig , wie Herr von Zehren jemals den Namen des Fürsten in meinem Beisein über die Lippen gebracht hat . « » Bedarf es denn des Namens ? « sagte Konstanze . » Man kann ja wohl auch , ohne Namen zu nennen , sehr deutlich sein . Aber , was er Ihnen auch gesagt haben mag , das hat er Ihnen gewiß nicht gesagt , daß Carlo und ich uns verlobt hatten , daß die Verbindung einzig und allein durch seine Schuld nicht zu Stande gekommen ist , daß er mein Glück rücksichtslos geopfert hat , um einer hochmüthigen Laune willen , um sich an dem Vater meines Verlobten auf unsere Kosten rächen zu können ; und daß er , weit entfernt , mir für die glänzende Zukunft , um die er mich betrog , eine auch nur erträgliche Gegenwart zu bieten , das Leben mir täglich und stündlich zu einer Qual macht . Er hat meine Mutter getödtet , er wird mich auch tödten . « » Um Gottes willen , sprechen Sie nicht so , « rief ich . » Dies Leben ist kein Leben , ist schon Tod , schlimmer als der Tod ; « murmelte sie , indem sie den Kopf auf die Platte des Tisches sinken ließ . » So lieben Sie ihn immer noch , der Sie verrathen hat , « sagte ich . » Nein , « erwiederte sie , indem sie sich aufrichtete , » nein ! ich sagte Ihnen schon : so ist es und so muß es für immer bleiben . Ich habe frei und ganz verzichtet . Ich bin zu stolz , mein Herz - das ist Alles , was ich habe - hinzugeben , wo man mir nicht sein Alles giebt . Und , Georg , kann man mehr geben , als sein Herz ! « Ich wollte erwiedern : » Dann haben Sie mein Alles , Konstanze ; « aber ich konnte keinen Laut über die zuckenden Lippen bringen , konnte sie nur ansehen mit einem Blicke , in welchem gewiß mein ganzes Herz lag - das volle , thörichte , von guter , närrischer , treuer Liebe überfließende Herz eines Neunzehnjährigen . So drückte sie denn meine Hand und sagte : » Guter Georg . Ja , ja , ich will , ich muß es glauben , daß Sie es gut meinen . Und nun , da wir uns ausgesprochen haben und wieder gute Freunde sind , lassen Sie uns nach dem Hause gehen , wo meine alte Pahlen mich mit dem Frühstück erwartet . « Sie war auf einmal wieder in den Ton gefallen , mit welchem sie die Unterredung begonnen hatte , und in demselben Tone fuhr sie fort : » Gehen Sie heute auf die Jagd ? Gehen Sie gern auf die Jagd ? Ich bin früher auch wohl einmal mit gewesen , aber das ist lange , undenklich lange her . Ich soll früher eine gute Reiterin gewesen sein und glaube , ich könnte nicht mehr im Sattel sitzen . Ich habe Alles verlernt , besonders , wie man es anfängt lustig zu sein . Sind Sie immer lustig , Georg ? Ich höre Sie manchmal des Morgens so prächtige , muntere Lieder singen ; Sie haben eine schöne Stimme . Sie sollten mich Ihre Lieder lehren ; ich weiß nur traurige Lieder . « Wie reizend ich dies Geplauder fand ! Aber wie mich in der letzten Zeit ihre Ungnade stumm und scheu gemacht hatte , so übte jetzt die unerwartete Güte , mit der sie mich überschüttete , dieselbe Wirkung aus . Ich ging mit einem halb verlegenen , halb glücklichen Lächeln neben ihr her um den großen Wiesenplatz herum nach dem Hause zu , wo wir uns , an ihrer Terrasse angelangt , trennten , nachdem sie mir nochmals die Hand gedrückt hatte . Mit drei Sätzen sprang ich die steile Treppe hinauf , öffnete mit Ungestüm die Thür zu meinem Zimmer und blieb einigermaßen erschrocken auf der Schwelle stehen , als ich Herrn von Zehren in dem großen Lehnstuhl am Fenster sitzend fand . Er wandte den Kopf halb um und sagte : » Sie haben mich lange warten lassen , ich sitze hier schon eine gute Stunde . « Das war nicht