Gemütszustand ließ vieles zu wünschen übrig , und daß auch ihm dann und wann vom Fräulein Adelaide von Saint-Trouin träumte , war noch das wenigste ; denn er hatte die wohlmeinende Dame auch im Wachen um sich , und da ließ sie sich keineswegs abschütteln wie ein Traum . Nachdem der Metzger vom Hofe war , hatte sich der ruhige Moment zur » freundschaftlichen Erörterung « in der Tat bald gefunden , und das darauf folgende Geschrei war freilich entsetzlich gewesen . Während der Chevalier mit billigend erhobenen Augenbrauen und zustimmendem Kopfnicken eine stumme Prise nach der andern nahm , hatte die Enkelin Jehans de Brienne gleichfalls eine Prise nach der andern genommen , nachdem der erste Stupor vorüber war , jedoch nicht stumm . Keine tragische » Madame « ihrer klassischen Landsleute erhob je den Dolch der Verzweiflung oder den Giftbecher der Rache mit furchtbarerem Pathos ; die Frau Adelheid hatte - so was in ihrem Leben noch nicht gesehen . Das sei zu arg , rief Adelaide von Saint-Trouin - das habe sie nicht um den Lauenhof verdient . Sie ging so weit , als eine zimpferliche alte Jungfer nur irgend gehen kann , und behauptete , sie habe dieses Kind geliebt , als ob sie es selber geboren und gesäugt habe . Ja , sie sagte » gesäugt « und rührte selbst den jüngsten Verwalter dadurch zu Tränen ! Sie behauptete : Da sie es - das Kind - in einer andern und bessern Weise als sonst jemand unter den Barbaren des Lauenhofes gebildet habe , so habe sie auch ihre Meinung über dasselbe , und ihre Meinung sei , daß man dieses Kind , bloß um sie - Adelaide Klotilde Paula - zu ärgern , auf den Pfad des Verderbens hinausstoße . Sie wußte fest , daß es sich hier gar nicht um die Sorge für die Edukation des Junkers handle , sondern einzig und allein um eine giftige , heimtückische , boshafte Verschwörung und Verabredung gegen eine unglückliche , hülflose Persönlichkeit , deren Namen sie nicht nennen wolle , da es doch nichts helfe . Wie die eben versteinernde Niobe ihr Jüngstes , umfaßte sie den zerknirschten Hennig und fand ebensowenig Erbarmen als jene , obgleich sie jedesmal , ehe sie in Krämpfe verfiel , außer sich vor tragischem Weh , schrie : noch nie sei für einen echten Kavalier etwas Gutes und Anständiges aus diesem In-und Auf-Schulen-Gehen zum Vorschein gekommen , und durch hundert traurige Beispiele aus der Geschichte des hohen und niedern europäischen Adels wolle sie das beweisen und belegen . Wenn sie dabei auf den Chevalier von Glaubigern sah wie die Gemahlin Amphions auf den hochgebildeten , aber rachgierigen Gott Apollo , so hatte das weiter keine Folgen , als daß der erstere alte Herr im Innersten seiner Seele wehmütig sagte : » Ach du lieber Gott , das wird eine schöne Zeit werden ! « Die gnädige Frau erwiderte auf alles , was das gnädige Fräulein vorbrachte , einfach : » Liebste Seele , daß Sie ein arges Lamento erheben würden , das hab ich im voraus gewußt , und daß ich mich sehr davor gefürchtet habe , das können Sie mir auf mein Wort glauben . Aber was hilft ' s ? Die Sache ist einmal beschlossen , und ich meine , Sie kennen mich gut genug , um zu wissen , daß sie nicht übers Knie abgebrochen wurde . Daß ich auf Ihre Meinung viel halte , Frölen , wissen Sie gleichfalls , wenn Sie ' s auch nicht zugestehen werden ; aber mein Seliger hat doch auch ein Wort mitzureden , und dessen Meinung war ' s item , daß der Junge nicht gänzlich unter uns Mistfinken hocken bleibe und ebenfalls zu einem werde . « Mistfinke ! ... Wir müssen leider das scheußliche Wort noch einmal hinschreiben ; denn seine Wirkung auf die Erbin von Byzanz war zu fürchterlich und wirkte wie ein Topf voll griechischen Feuers von den Mauern Konstantinopels auf ein sarazenisches Admiralschiff . Es hob die Versteinerung der Tochter des Tantalus vollständig auf ; Fräulein Adelaide ließ den Junker frei aus den Falten ihres Gewandes , richtete sich zur vollen Höhe ihrer majestätischen Erscheinung empor , sprach : » Ich habe keine Macht , mir das zu verbitten ; aber ich verbitte es mir doch ! « , wandte sich , ging die Treppe hinauf und ließ sich acht Tage lang das Essen auf ihr Zimmer schicken ! Den Junker nahm dann der Ritter von Glaubigern mit auf seine Stube und wendete sich in langer , wohlgesetzter Rede erst an seine Vernunft sowie seinen Verstand , und als dieses nichts half , an sein Ehrgefühl , was von besserer Wirkung war . Die gnädige Frau , welche nicht die Zeit hatte , um , wie sie sagte , abgetane Geschichten noch einmal breitzutreten , ging ihren Geschäften mit gewohnter energischer Gemütsruhe nach und machte sich ein Vergnügen daraus , das Fräulein in seiner grämlichen und gramvollen Abgeschlossenheit mit den lieblichsten Delikatessen der Jahreszeit zu versorgen . Um Weihnachten machte das Schicksal den letzten Schwankungen im Busen Hennigs dadurch ein Ende , daß es den Sohn des Pastors von Krodebeck , den lieben Franz Buschmann , zum erstenmal als Unterquartaner mit einer roten Mütze von Halberstadt nach Hause führte . Der liebe Franz , sonst ein blöder , etwas heimtückischer Knabe , trat jetzt stolz und überlegen dem frühern Spielkameraden entgegen und fand selbstverständlich einen großen Reiz darin , ihn durch seine Würde und Welterfahrung niederzudrücken . Hennig prügelte ihn zwar hinter der Pfarrscheune jämmerlich durch und warf die rote Mütze in die nächste Pferdeschwemme ; allein moralisch erlag er jedoch vollständig gegen den Pastorenfranz . Dieses zeigte sich vorzüglich daran , daß er eine halbe Stunde nach dem Kampfe gegen seine kleine Freundin im Siechenhause in ganz derselben Art und Weise renommierte , wie Franz gegen ihn geprahlt hatte , und sich in den glorreichsten Phantasien darüber erging , wie er nun ebenfalls in nicht gar langer Zeit mit einer roten Mütze von Halberstadt nach Krodebeck heimkehren werde . Daraus wieder geht für den Leser hervor , daß das mit dem Siechenhause angeknüpfte Verhältnis in vertraulichster Weise fortdauerte . Das Fräulein von Saint-Trouin hatte sich auch darein finden müssen . Es kann leider nicht länger verhehlt werden , daß das so vielfarbig leuchtende Gestirn Adelaides immer tiefer am Horizont des Knaben sank , während der Ritter von Glaubigern mit seiner ganz gewöhnlichen Laterne sich immer höher erhob . Seit der Chevalier seinen Zögling auf die Hintertüren des Hauses und des Lebens aufmerksam gemacht hatte , hatte er seine Stellung ihm gegenüber merklich verbessert , allein ihn zugleich auf Wege und Gänge hingewiesen , die jedermann leider nur zu bald von selber findet und die nur von so ganz gewöhnlichem Mittelgut , wie der Junker Hennig von Lauen , ohne weitere Gefahr beschritten werden . Ungehindert trug der Knabe die Subsidien jeglicher Art , welche der nahrhafte Edelhof der alten Bewohnerin des Armenhauses fast gegen ihren Willen zukommen ließ , hinüber und den Dank in ebenso mannigfachen Gaben zurück . Die Welt nahm allmählich eine andere Form und Farbe für ihn an , und immer neue Elemente mischten sich in die phantastischen Anschauungen , die eine Folge seiner bisherigen wunderlichen Erziehung waren . Als mit abziehendem Winter die wandernde Frau Jane Warwolf von neuem in Krodebeck vorsprach , da fand sie im Äußern alles beim alten , allein im Innern doch manches verändert , und zwar nicht zum Nachteil weder des Ganzen noch des einzelnen . Auf dem Lauenhofe stellte die scharfe Frau Jane den Junker nach ihrer Art zwischen ihre Knie , tat ganz verwundert über ihn , als ob sie jetzt erst merke , was für ein merkwürdiger Bursche er eigentlich und unwissentlich sei , und erquickte ihn sehr durch das Gelöbnis , ihn auch in Halberstadt auf dem hochedeln und hochberühmten Gymnasium nicht verlassen , sondern ihn auch dort mit ihrem besten Rat und Trost unterstützen zu wollen . Als der Chevalier hierzu ein wenig lächelte , wurde sie ziemlich grob und versicherte ihn ; sie wisse , was sie sage , mit ihrem Vater seliger habe sie das weltberühmte Bergwerk bis in die höchsten Klassen produziert , und ihr seliger Mann habe mit Stieglitzen , Dompfaffen und Kanarienvögeln in alle vier Winde hinein gehandelt . Sie habe sich mit den Herren Primanern und Sekundanern um manchen lieben Groschen geschlagen - rief sie - , und was die Herren Präzeptors und Klabberaters betreffe , so müsse es keine Botanik und Apothekerwirtschaft mehr auf Erden geben und kein kurios Kraut mehr rechts und links vom Brocken wachsen , wenn ihr die nicht grün wären bis in die äußersten Zweige . » Nur stille , stille , ich glaube alles ! « ächzte der Ritter mit beiden Händen vor den Ohren , und der Junker Hennig glaubte gleichfalls alles und noch mehr ; denn vor der Tür teilte ihm die Frau Jane noch im höchsten Vertrauen mit : Was den Pastorenfranz angehe , so möge er sich um das » Trübsal « keine grauen Haare wachsen lassen ; denn das Geschöpf sei froh , wenn es unter den jungen halberstädtischen Herren nicht selber Haare lassen müsse ; seine Stellung im dortigen sozialen Leben sei nicht sehr bedeutend , und von seinen wissenschaftlichen Leistungen verstehe sie - Jane Warwolf - zwar wenig , allein reden habe sie noch gar nicht davon gehört ; Prügel seien unter allen Umständen das Beste für den jungen Heiligen , und wenn sein Herr Vater - Hier nieste sie glücklicherweise und nahm , ohne den Satz zu vollenden , mit dem gewohnten helltonigen Glückauf für diesmal Abschied vom Lauenhofe . Im Siechenhause zog sie darauf die kleine Antonie Häußler ebenfalls zwischen ihre Knie . Sie betrachtete sie dann eine geraume Weile wirklich in stiller Verwunderung und ließ sie frei , nachdem sie ihr mit leiser Hand über Stirn und Haare gestrichen hatte , ohne ein Wort zu sagen und ohne ein Gelöbnis zu tun . Als das Kind jedoch die Stube verlassen hatte , faßte sie schnell die Freundin Hanne am Oberarm , schüttelte sie ziemlich energisch und rief : » Du , du , was hast du mit der Kreatur angefangen ? O Hanne Allmann , sag , was für ein Vogel wird aus dem Ei , das dir der Kuckuck ins Nest legte ? Herrje , willst du das Geheimnis und Rezept zu der Zucht nicht verkaufen ? Damit ließe sich ein schön Stück Geld verdienen ! « » Ich habe viel Freude von dem Kinde , Jane « , sagte Hanne . » Und Schade , was beizu fällt ! « lachte Jane . » Ja ! « sagte Hanne Allmann , aber fügte leise hinzu : » Ich wollte freilich , das Kind wäre früher zu mir gekommen ; jetzt fällt mir sicher der schönste Sonnenschein auf mein Grab ; aber es ist auch so gut , und ich bin zufrieden . « » Unsinn ! « rief die Warwölfin ärgerlich . » Willst du junge Dirne vom Sterben sprechen , während ich eben das Maul auftue , um dir mein Kompliment über dein frivol und frisch Ansehen zu machen ? Die Sonne wird freilich manch liebes Jahr auf deinen und meinen Hügel schauen , und daß wir manches Pläsier verpaßt haben , das steht auch fest , aber weshalb du anjetzo damit angerückt kommst , das begreife ein anderer . « » Das Kind ist so jung - und die Welt ist so jung , und ich bin so alt , so alt ! « rief Hanne Allmann weinerlich . » Schön , sehr schön ! Ei herrje , was man doch für Neuigkeiten erfahren kann , wenn man am Wege vorspricht ! « » Ja , du auf deiner Landstraße erfährst natürlich nichts davon , wie man alt werden kann ; aber ich , ich spur ' s in allen Knochen , und es tut mir so leid , es tut mir jetzt so leid , und davon sprech ich heut zum ersten Male zu einem andern Menschen . Mir ist so weh , wenn ich das Kind ansehe , und ich bin doch so glücklich mit ihm . Auch Zorn ist dabei und Angst ist dabei , aber wie ich es auch sage , ich kann es doch niemandem recht sagen , wie es mir zumute ist um mich und um das Kind ! « » Dann halte den Mund ; - andere Leute müssen es auch tun . Was weißt du von meiner Landstraße ? Was weißt du , was ich erfahren und nicht erfahren , bedenken und nicht bedenken kann ? Hanne Allmann , ich habe dich lieb , und du bist mein einziger Freund in der ganzen weiten Welt ; aber ich kenne dich auch durch und durch , und was kein anderer verrichtet hat , das wirst auch du nicht verrichten : wirr und blöde laß ich mich nicht machen . Glück auf ! Ich meine , einmal sehen wir uns doch noch wieder und mögen die angenehme Unterhaltung weiterspinnen . Glück auf ! « » Glück auf und lebe wohl , Jane Warwolf ! « sagte Hanne und reichte der Freundin abgewendet die Hand . Jane hob ihren Tragkorb wieder auf den Rücken , schüttelte die dargebotene Hand und schritt von dannen , wie immer mit einer Miene , als ob sie Indien erobert und nun des Spaßes halber das Dorf Krodebeck noch nachgeholt habe . Sie schritt sogar noch straffer und sieghafter als gewöhnlich einher ; aber nur so lange , als ihr Weg vom Siechenhause her zu überblicken war . Sobald sie den traurigen winterlichen Wald erreicht hatte , sank ihr Kopf herab und ging sie tief gebückt unter der Last auf ihrem Rücken . Die dichten , alten , borstigen Augenbrauen zogen sich finster zusammen , sie schlug mit ihrem Wanderstabe zornig in die Pfützen und nach den Steinhaufen an ihrem Wege und hub an , in einer ganz andern , unmutigen und zornigen Weise als die melancholische Freundin mit den Göttern und Menschen zu hadern . » Sie hat recht ; wir leben ein Hundeleben und sterben einen Hundetod ! Sie weint darüber , und ich lache darüber ; aber es kommt auf dasselbe hinaus , und niederträchtig ist ' s ! Der alte Herr vom Lauenhof weiß auch davon zu sagen - ein Hundeleben , ein Hundeleben ! Ja , wie viele Jahre Zuchthaus hätt ' s gekostet , wenn die schöne Marie das Kleine mit einem Stein am Halse in den Bach geworfen hätte ? Hui , da ist der Wind wieder ! Da jagt er die Schneewolken über die Tannen herauf . Nun hab ich ihn wieder bis in die Nacht im Gesicht ; - Sackerment , die sitzt und jammert über den letzten Sonnenstrahl , der in ihren Jammerwinkel fällt ; - Sackerment , ein Hundeleben und ein Hundetod , und das letzte ist das Beste ; - Glück auf , Jane Warwolf ! « Fünfzehntes Kapitel Der alte Herr auf dem Lauenhofe litt in der Tat am Leben , und zwar in zwiefacher Beziehung . Erstens im allgemeinen , wie Frau Jane Warwolf aus Hüttenrode das ganz richtig aufgefaßt hatte , und zweitens im besondern , wie davon selbst dem Junker Hennig von Zeit zu Zeit eine dumpfe Ahnung aufging . Es war ein schwerer Winter für den Chevalier , denn erstens war ' s auch für ihn keine Kleinigkeit , sich von seinem Zögling trennen zu müssen , und zweitens wurde , je näher diese Trennung rückte , seine Stellung gegen das Fräulein immer mißlicher und verdrießlicher . Noch einmal hatte Adelaide von Saint-Trouin , Chevalière , Haute-Justicière usw. usw. , sich gerüstet de cap en pied erhoben zum Kampf für ihren Zögling . Konnte sie auch das Verderben nicht vollständig von ihm abwehren , so trat sie doch noch einmal für sein besseres Bewußtsein ein , indem sie dasselbe vor der Abreise des Schlingels mit allem Hohen und Feinen bis zum Rande zu füllen strebte . » Was wird der arme Junge in Halberstadt auszustehen haben , bis sie ihm das wieder aus dem Leibe und der Seele gedroschen haben ! « stöhnte die gnädige Frau , und der Ritter von Glaubigern hielt es für seine Pflicht , ein ernstes Wort mit dem gnädigen Fräulein zu sprechen . Ein grades ernstes Wort ließ sich jedoch sehr übel mit dem Fräulein reden ; denn sie nahm es stets krumm , und in ihrer jetzigen Stimmung nahm sie es natürlich außergewöhnlich krumm . » Mein Gnädiges , wenn ein Mensch von dem hohen Verdienst , welches Sie sich um unsern Knaben erworben , überzeugt ist , so bin ich dieser « , sprach der Chevalier . » Aber , mein Gnädiges , wenn ich mir je erlauben würde , Ihnen gegenüber von einer Danaidenarbeit zu reden , so würde ich es jetzo tun müssen . Ich bin der bescheidentlich anheimgegebenen Meinung , daß in Halberstadt alles wieder auslaufe . « » Und ich , mein lieber Herr von Glaubigern , ich bin der Meinung , daß Sie seit längerer Zeit einen Ton gegen mich angenommen haben , den ich ignorieren muß , aber nie verzeihen werde « , erwiderte das Fräulein mit einem Lächeln süß wie Essig und fügte hinzu : » Ich fühle mich allen Anfechtungen gegenüber stark genug , meine Pflicht bis zum Äußersten zu tun , und ich werde sie tun , mein Herr Leutnant . Daß ich freilich auf jede Höflichkeit Ihrerseits , mein Herr von Glaubigern , zu verzichten habe , ist mir schmerzhaft , kann mich jedoch in meinen Vorsätzen nur bestärken . Ich bitte , sich also fernerhin nicht mehr durch mich und mein armes Kind irgendeinen Chagrin machen zu lassen ; bitte übrigens auch , bei Gelegenheit an einem andern Orte diese meine Sentiments zu kommunizieren . « Als der Ritter diese Sentiments wirklich andernorts mitteilte , ächzte die Frau Adelheid : » Ich sage Ihnen , Alter , in meinem ganzen Leben nicht habe ich das heilige Osterfest so inbrünstig herbeigewünscht als diesmal . Ich habe den Jungen herzlich lieb , und es geht mir schwer ab , ihn in die Welt hinauszuschicken , aber ich will meinem Schöpfer auf den Knien danken , wenn er glücklich vom Hofe ist . Ich fange jedesmal an zu schwitzen , wenn er mir vor die Augen kommt , und nachher ist mir das Frölen mit seinem Wassereimer mehr als ungesund . O liebster Alter , machen Sie es wie ich und gehen Sie beiden soviel als möglich aus dem Wege ! Ich versichere Sie , Ostern muß kommen ! Und was man mit Geduld ausrichtet , das können Sie tagtäglich an mir lernen ! « Und endlich kam Ostern wirklich ! Gleich einem zweiten jungen Ritter Sankt Georg zog der Junker zum Kampf mit dem nichtswürdigsten aller Drachen , nämlich der » erbärmlichen Gegenwart « , aus . » Und das will mein Junge sein ! Und das schneidet Gesichter , wenn es in die weite Welt hinausgeht ! « sprach die Frau Adelheid beim Abschiednehmen mit ziemlicher Entrüstung . » Ich schneide keine Gesichter « , greinte der Junker Hennig ; » aber mir sind genug geschnitten worden die letzte Zeit hindurch . Kein Mensch weiß , wie ich heimkommen werde , sagt das Frölen ; aber mir ist zuletzt alles einerlei ! « » Der Junge könnte einen um den letzten Rest natürlicher Abschiedsrührung bringen ! « stöhnte die gnädige Frau mit erhobenen Augen und Händen . » Jetzt trolle dich - der Wagen wartet - bleib gesund , sei brav und lerne was , auf daß du deinen Vorfahren einmal einen wirklichen richtigen Grund zur Verwunderung gibst ! « Was das Fräulein noch am Hoftor sprach , ist durch keine Feder dem vollen Wert und Inhalt nach wiederzugeben ; der Chevalier sagte wenig oder eigentlich gar nichts ; wir aber benutzen die hoffentlich im Leser durch diese Abschiedsszene hervorgerufene Beklemmung , um ihn zu versichern , daß wir im folgenden ihn nicht mit den Leiden und Freuden der sehr dankbaren , jedoch auch recht bekannten Schulgeschichten behelligen werden . Der Junker Hennig von Lauen zeigte sich in den jetzt folgenden Jahren nicht besser und nicht schlimmer als die Millionen guter Jungen , die vor ihm diese Wege beschritten und denen man am Schluß ihrer irdischen Laufbahn das Lob mit in die Grube gab : Kein Licht , aber ein braver Kerl . Daß er seine Ahnen durch außergewöhnliche Gelehrtheit nicht in Verwunderung setzen würde , war seinen Lehrern bald klar ; aber daß er ein wackrer Bursch sei , wurde ihnen ebenso schnell kund , und so rechneten sie , wie solches ebenfalls seit Jahrhunderten geschieht , eins ins andere und hielten ihn wert , wie es sich gebührte . Daß die Frau Jane Warwolf ihr Wort einlöste und ihn ihrerseits in die große Welt einführte , gereichte ihm sehr zum Vorteil . Die Frau Jane kannte die große und die kleine Welt , und viele der Mitschüler des Junkers beneideten ihn nicht wenig um diese Bekanntschaft und Freundschaft , obgleich er auch viel Hohn und Spott darum zu leiden hatte . Der Oberlehrer Krummholz , bei welchem dem Junker außer der körperlichen auch noch einige geistige Pflege kontraktlich ausgemacht worden war und der beim ersten Auftreten der würdigen Frau ziemlich bedenklich dreinsah , hatte bald nichts mehr gegen ihre Besuche einzuwenden und trat sogar , im Laufe der Zeit , selbst in ein freundschaftliches Verhältnis zu ihr . Als der Knabe in den Sommerferien zum erstenmal nach Haus zurückkehrte , fand er sich in der schönsten Blüte der Flegeljahre dem Faktum gegenüber , das von jetzt an die Farbe und den Lauf unseres Berichtes bestimmt . Und daß er dasselbe unbefangen hinnahm , ohne es in seiner ganzen Bedeutung zu verstehen und ohne weiter darüber nachzudenken , versteht sich wohl von selber . Er kam nach Haus und fand die kleine Antonie Häußler in das tiefste Vertrauen und die innigste Zuneigung des Fräuleins Adelaide von Saint-Trouin aufgenommen ! - - - Die Sache aber war in der Art zugegangen , daß selbst der Chevalier und die gnädige Frau , obgleich sie in mancher stillen Stunde den Kopf darob schüttelten und die Stirn rieben , nicht einen einzigen wirklichen Grund zur Verwunderung auffinden konnten . Überreich an den schönsten Verheißungen war der Frühling am Fuße der Harzberge erschienen ; und was der Frühling versprochen hatte , das erfüllte der Sommer im reichsten Maße . Wir haben bereits im vorigen Kapitel erzählt , in welcher Weise das Kind im Siechenhause die düstern wie die sonnenhellen Tage zu benutzen wußte und welche Schätze es von jedem Streifzug der alten Pflegemutter heimbrachte ; so voll von Blumen , Licht und Wohlduft war die elende Hütte seit Menschenaltern nicht gewesen ! Mit rührend listigen Sprüngen folgte das Kind dem leise lachenden Wandel der Natur , und keine Knospe konnte sich entfalten am Bach , am Waldrande , im Gebüsch und auf den Wiesen von Krodebeck , die es nicht vorausahnte , im Traume sah und am Tag pflückte , am sie liebkosend der Greisin in den Schoß zu werfen . Alles freudige Leben des Jahres schien sich dichter an das alte verwahrloste Haus zu drängen . Über den Zaun des Kirchhofs quollen die Blüten der Holunder-und Goldregenbüsche auf das morsche Dach . Dem Efeu und dem wilden Wein ließ sich nicht wehren , und die Vögel sangen zu Scharen auf dem First , setzten sich auf die Fensterbrüstung und hüpften vertrauter als je über die Türschwelle . » Es ist ein Wunder , wie schön es auf der Erde ist ! « sagte Hanne Allmann an jedem neuen Morgen . » Ach , ich habe nicht gewußt , wie leid es einem ums Fortgehen sein könne . Ja , das klingt im Sinn und flimmert vor den Augen und summt im Ohr ; - wüßt ich nur , was mir noch im Ohr poltert - das ist , als schaufelten sie die ersten Schollen auf einen Sarg , als polterte ein Karren über den Knüppeldamm ! Ja , wäre die Jane hier , die könnt ich fragen , denn sie hat manch ein gutes Mittel gegen mancherlei Gebresten ; aber den Ton könnt sie doch nicht bannen . Da kommt das Kind aus der Schule mit den hellen Schweißtropfen vor der Stirn . Es sagt , und die Leute sagen , es sei ein heißer Sommer ; aber die alte Hanne friert ' s bis tief in die Knochen . Freilich , die Jungen haben eine Sonne , und die Alten haben eine , und es bleibt doch ein und dieselbe . Die Reichen haben ein Leben , und die Armen haben ein Leben , und es ist doch ein und dasselbe ; - o wieviel hat der Mensch zu bedenken , wenn er so alt geworden ist wie ich und in der letzten Stunde eine Hand einen Laden aufwirft wie in einer dunkeln Kammer ! Ach , die Sonne , die Sonne ! Ich hab sie so lange , lange vor der Tür , und nun ist ' s mir , als hätt ich niemals darauf geachtet ! « » Du « , sagte das Kind , » der Schulmeister hat gesagt , hier hätten blinde Heiden gewohnt , wo wir jetzt wohnen ; blinde Heiden , arme Leute vor tausend Jahren ! « » Davon hab ich auch vernommen , aber es ist lange vor meiner Zeit gewesen . « » Und nachher haben große Könige regiert , die hat man Kaiser genannt , und Sachsen hat man sie genannt . So stehen sie aufgeschrieben . Sie haben ihre Burg dort an den Bergen gehabt ; aber sie haben bis nach Rom hinunter regiert . Das ist ein Land , da ist immer Sommer . « » O Herrgott ! « seufzte die Alte . » Jawohl ! Und die Apfelsinen wachsen da . Die hab ich in Hamburg gesehen , aber der Schullehrer weiß nichts ; wäre Hennig hier , der sollte uns mehr von den Kaisern und dem Römerland und den Apfelsinen sagen . « » Tonie , ich bin gar nicht zur Schule gegangen . Das war zu meiner Zeit noch nicht . Ich bin auch hier gesessen wie ein blinder Heide und weiß von nichts . Ja , die Jane Warwolf , die ist in der Welt herumgekommen , doch nicht bis in die Sommerländer , und die sagt , ich hab ' s gut gehabt ! Gut gehabt ! Und vielleicht ist ' s so , wenn ich es nur recht verstände . Ich verstehe nichts , und nun bist du gekommen , mein Kind ; das Jahr ist so schön , und ich hab eine so große Freude und eine so große Angst ; weißt du denn , wie ich ' s meine ? « » Ach ja ! Das ist , wie wenn mir der gute Herr vom Hofe und das gnädige Fräulein begegnen . Da habe ich auch Freude und Angst zugleich . Heute aber ist mir das gnädige Fräulein allein begegnet und hat mich am Ohr gezogen . Da bin ich ausgerissen , und deshalb bin ich so heiß . Wenn ich dem guten Herrn begegne , will ich ' s ihm klagen . « » O Himmel , tu das nicht , Kind ! Hast du denn gar keine Furcht ? « » Nein ! Weshalb sollte ich mich fürchten ? « fragte Antonie dagegen . » Ich habe immer Furcht gehabt ! Mein ganzes Leben lang . « » Jetzt bin ich bei dir ; nun ist das andere alles vorbei . Hast du mich lieb ? Ich habe dich sehr lieb , deshalb fürchte ich mich nicht ; denn ich weiß , wohin ich laufen kann , wenn man mir nachspringt . « Die Alte bedeckte die Augen mit beiden dürren Händen und sank kümmerlich in sich zusammen . Sie vernahm das Poltern und Rollen deutlicher als je , und als sie die Hände sinken ließ , murmelte sie schreckhaft : » Tonie , und wenn ich jetzt auch fortginge ? « » Das tust du nicht ! « » Doch . « » Wohin ? « » Hinaus - hinunter - fort - zu deiner Mutter ! « » Nein « , rief das Kind mit vollster , lachendster Überzeugung , » das tust du nicht ! Über dich sprechen sie lange nicht so schlimm im Dorfe wie über meine Mutter ! « Das seltsame Gespräch fand gegen Ende Mai statt ; in den ersten Tagen des Juni wurde Hanne Allmann von einer großen Schwäche , verbunden mit leisem Fieber und starker Schlafsucht , befallen , und schon am vierten Juni konnte sie sich nicht mehr in der gewohnten Weise erheben , um für sich und das Pflegekind den kleinen Haushalt weiterzuführen . Nun hätte es unter anderen Umständen wieder lange Zeit währen können , ehe das gute Dorf Krodebeck und selbst der Lauenhof von diesen Umständen Kenntnis erhalten hätte ; denn die Greisin war schon häufiger schwach und krank gewesen und verlassen geblieben - man braucht eben nicht auf die Insel Juan Fernandez verschlagen zu werden und dort das Nervenfieber bekommen , um solche Erfahrungen zu machen . Die Frau Adelheid war ein sehr beschäftigtes Weib , und den Herrn Ritter von Glaubigern führte sein Spaziergang doch nicht immer unter dem Fenster des Siechenhauses vorüber . Ohne die Gegenwart des Kindes in der Hütte würde man vielleicht auch diesmal die alte Frau wochenlang nicht an der Tür oder am Fenster derselben vermißt haben , und diesmal nicht , um ein vergnügtes Wiedersehen mit Hm und Ha und einigem bedächtigen Kopfschütteln zu feiern . Diesmal würde man zu großem Aufsehen und unter noch größerem Geschrei die Alte ,