standen einen Augenblick , als ob ihre Beine sie nicht mehr tragen wollten , und eilten dann wieder zu dem Unglücklichen , um den sich bald noch ein dichterer Kreis gebildet hatte als vorher . Und nun regte sich in dem Unglücklichen wieder der frühere Trotz , der für das bestgemeinte Wort im besten Falle nur ein bitteres Lächeln zur Antwort hatte . Das wurde nicht anders , bis Jos die Stimme Dorotheens hörte , welche sich mit Gewalt durch die müßigen Zuschauer zu ihm hinarbeitete . » Wie ist ' s doch gegangen ? Was fehlt ihm ? Kann er wirklich gar nicht mehr gehen ? Ist denn um Gottes willen noch kein Doktor da ? « So fragte das Mädchen so schnell nacheinander , daß kein Mensch zum Antworten kommen konnte . Jos strengte noch einmal alle seine Kräfte zum Aufstehen an . Es war vergebens ; er mußte sich ins Unabänderliche fügen , mußte leiden , wie er noch niemals litt , an Leib und Seele zugleich . Nichts ist so herb , nichts so beinahe unerträglich , als wenn man auf einmal seine liebsten Pläne und Hoffnungen als tote Last auf dem Gewissen fühlt , wenn man sich sagen muß , daß man sich selbst aus seinem Glückshimmel stürzte . Jos schien ein ganz anderer geworden , seit er Dorotheens auch in der Aufregung noch so leicht erkennbare Stimme hörte . Bisher hatte jede leise Bewegung nur die in seinem Innern kochende Wut verraten , so daß den Umstehenden immer doppelt weh und bange war ; jetzt aber begann sein ganzer Körper zu beben , wie vom Frost des Fiebers geschüttelt , und die zitternden Hände suchten umsonst die aus den halbgeschlossenen Augen hervorquellenden Tränen zu verbergen . Dorotheens fortgesetzte Fragen , noch viel dringlicher als die früher von den anderen an ihn gerichteten , die er nur trotzig zurückwies , machten ihn ganz weich , und nur vor Weinen war er nicht imstande , sie so schnell zu beantworten , als sie an ihn gerichtet wurden . Jetzt erst dachte er auch an seine gute Mutter . Sie hatte doch wahrlich nicht verdient , auch das noch an ihm zu erleben . Ach , die lieben Bilder aus vergangenen Tagen , das schöne Leben neben Dorotheen auf dem Stighof , es war nicht etwa nur einfach dahin , verschwunden und verloren , sondern war ihm zur drückenden Last , und alle Rosen , die ihm auf seinem Lebenswege jemals blühten , hatten sich in schmerzlich stechende Dornen verwandelt . Er hatte geglaubt , Dorotheen verachten , hassen zu können als die Gefühllose , die berechnende Geliebte des reichen Bauern , nun aber lag er wehrlos und unfähig zu Spott und Trotz . Nur noch weinen konnte er , und weinen mußte er , wenn ihm auch mit verhaltenen Augen die Anwesenheit der vielen Neugierigen schmerzlich gegenwärtig blieb . Dorotheens Erscheinen und ihre Fragen brachten etwas Leben in die Menge , die vorher wie erstarrt um den Leidenden herumstand . Vielleicht mochten die von der Magd gestellten Fragen an manches Versäumnis erinnern , und dazu kam noch , daß die Veränderung im Wesen des Unglücklichen keinem einzigen ganz entging und alle etwas weicher stimmte . Jedermann wollte nun gleich etwas für ihn tun . Während viele , ohne noch Regenschirme mitzunehmen , forteilten , um den Doktor zugleich daheim und in allen Wirtshäusern zu suchen , brachten die Zurückgebliebenen Salben und Wein , Binden und Tücher aus dem Hause oder trugen aus der Nachbarschaft herbei , was in Hausarzneibüchern belesene Mütterchen nur immer wünschen und empfehlen mochten . Als Dorotheens weiche , jetzt leise zitternde Hand das Haupt des Verwundeten berührte - sie tat das so leise , daß man glauben mußte , er werde es gar nicht merken - , da öffnete er die Augen wieder und schaute zu ihr empor , so freudig stolz und doch auch wieder so demütig bittend , daß das Mädchen erbebte vor dem Blicke , in welchem des guten Burschen ganze Seele lag . Ja , sie , die bisher sich so tapfer gehalten , wurde jetzt schwach und vergaß in der Verwirrung die Umstehenden und was sie eigentlich wollte . Zitternd stand sie da und wurde bald blaß , bald rot , bis ihr endlich die Wirtin ungeduldig das Wasserglas abnahm und den Kopf des Jos zu waschen begann . Erst als der Unglückliche auf die in der Eile zusammengeflickte Tragbahre gelegt und heimgebracht werden sollte , kam Dorothee wieder vollkommen zu sich selbst , und während sie sich umsah , ob nicht auch etwa einem anderen Mädchen beim Anblicke des Blutenden beinahe übel geworden sei - wie ihr - , befahl sie den Trägern die größte Sorgfalt , damit nicht am Ende das Unglück durch ihre Schuld noch größer werde . Während sie nun mit der kleinen , stillen Gesellschaft das Haus verließ , wurde droben getanzt und gejubelt , daß die Fluh drüben über der Ach die frohen Töne auch da noch wiedergab , als sie schon zu weit ins Argenauer Dörflein hineingekommen waren , um aus dem Wirtshause selbst noch etwas hören zu können . Dorotheen kam das jetzt ganz verrückt , ja unmenschlich herzlos und grausam vor , so daß in ihr der Vorsatz erwachte , ihr Lebtag keine Tanzmusik mehr zu besuchen . » Kann man « , mußte sie sich fragen , » so fröhlich sein , nachdem man so kalt und lieblos war ? Sieht niemand die Lücke , die das Unglück in dem frohen Kreise riß ? « Allerdings lärmte die Fluh herüber , daß man das könne , und von dem , der sich da seufzend zum armen Mütterlein tragen lassen mußte , sagte sie nichts . Aber war ' s denn am Ende nicht mit jedem Vergnügen so , wenn auch der Leidende nicht so hart daneben und für sie so hörbar ächzte ? Was mochte nicht schon vielleicht beim nächsten Nachbar alles vorgefallen sein , während ihr die Stunde in der besten Unterhaltung unerwünscht rasch verging ! Es hatte aufgehört zu regnen , aber noch war der Himmel benebelt , und auf die Tannen herab hingen gewaltige Wolken , von denen der Kalendermacher , nach der für heute angegebenen Tageslänge zu urteilen , durchaus keine Ahnung gehabt haben mußte . Schon lange vor sieben Uhr war es fast plötzlich Nacht und so dunkel , daß die Freunde des unglücklichen Jos , sich mehr auf das Gehör als das Gesicht verlassend , den Weg zwischen den rechts und links noch niederplätschernden Dachtraufen suchen mußten . Es war Dorotheen immer noch gewesen , als ob sie in recht kurzweilige Gesellschaft komme , wenn sie zwischen den ihr so wohlbekannten Häusern dahinschritt . Heute aber konnte sie sich keinen frohen , glücklichen Kreis um die wenigen Lichter herum denken , die sie auf ihrer Wanderung erblickte . Da saß wohl das arme Mütterlein mit dem Rosenkranz in der Hand auf der breiten Ofenbank und erwartete , von Zeit zu Zeit nach dem schwarzen Zifferblatte der alten Schwarzwälderuhr blickend , ungeduldig den einzigen Sohn , der noch im Wirtshaus saß und wohl den halben Sommerlohn verjubelte . Dort am Fenster lehnte die arme Therese , die heute hart neben der Zusel auf dem Brückeneingang den Geliebten erwartete , bis dieser mit einer Angeseheneren , Reicheren , ohne sie noch zu beachten , an ihr vorüberschritt . Hier saßen hungrige Kinder mit der traurigen Mutter bei den ersten Erdäpfeln dieses Jahrganges , die gestern so fröhlich heimgebracht wurden . Man dachte , sie gemeinsam zu essen am Kirchweih tag und Gott dafür zu danken . Nun aber fehlte der Vater , und trotz des Hungers wollte es niemand recht schmecken . Dort polterte der biedere Vater und weinte die Mutter über die ungeratene Tochter , welche , wie man von Freunden , Feinden und Nachbarn hören mußte , ein bemittelter Taugenichts den ganzen Abend auf dem Tanzplatze festhielt . Auch Angelika hatte ein mattes Licht im Zimmer . Ihr Kind half ihr auf den Vater , den Andreas , warten , welcher schon früh etwas angetrunken war und mit einer Kellnerin tanzte . Und immer noch tönte es von der Fluh herüber , die Hörner brüllten , die Burschen lärmten immer wilder , und sicher hätte Dorothee sich beinahe zu fürchten angefangen , wenn sie jetzt mit ihren Gedanken allein gewesen wäre . Vor ihr her trug man den Liebling , den einzigen Sohn der armen Stickerin , die wohl jetzt noch ganz arglos daheim saß , ihre Wochenrechnung machte und nebenbei dem lieben Herrgott dankte , daß ihr Jos einen so guten Platz bekam und denselben auch zu behaupten imstande war . Ganz laut , gerade als ob sie das widerliche Echo von der Fluh sich aus dem Gehör bringen wolle , rief sie schmerzlich aus : » O du Welt , du böse , kalte , herzlose , selbstsüchtige Welt ! Du bist ein Wehhaus und ein Tränental , wie es im Kirchengebete heißt . « Wie der vom Sturme vertragene Funken oft in viertelstundenweiter Entfernung als mächtiges , weithin leuchtendes Feuer aufflammt , so spinnt sich dem Aufgeregten , besonders im Dunkel der Nacht , wo Aug ' und Ohr so bald an die wenigen äußeren Eindrücke gewöhnt sind , ein einziger Gedanke auf seinem Wege bis zum anscheinend entferntesten wunderbar und beinahe unbemerkt fort . Mit dem einzigen Worte aus einem wohlbekannten Kirchengebete , dem Salve Regina , kam sie vom Lärm des heutigen Tages hinweg in die Kirche , wo sie schon als frommes Kind dem lieben Gotte und der heiligen Mutter so manches Leiden klagte . Auch jetzt wieder versuchte sie zu beten . Aber es ging ihr wie immer - sie konnte viel besser danken als bitten . Wenn sie recht glücklich war , dann fühlte sie sich dem Allvater am nächsten und wurde demütig ; hatte sie aber Klagen über die Welt , dann fehlte es ihr nicht an Worten , aber die rechte Andacht wollte nicht kommen , und es war , als ob sie sich schäme , mit so etwas vor den lieben Gott zu treten . Auch heute ging es ihr so , und immer wieder fühlte sie sich in ihrer Andacht gestört , obwohl die Vorangehenden noch kaum ein Wort gewechselt hatten . Sie waren alle noch zu erschrocken , als daß ihnen selbst Dorotheens lauter Ausruf über die böse Welt besonders hätte auffallen können . Während Jos dem Heuer und den anderen gegenüberstand , waren sie alle auf dem Tanzsaal gewesen . Erst der auch dorthin dringende Bericht von dem Unglück ihres ehemaligen lustigen Gefährten hatte sie an seine Seite gerufen , und sie gingen um so lieber mit ihm heim , da nun doch die Lust zum Tanzen ihnen allen gänzlich vergangen war . » Weiß die Mutter schon von der traurigen Geschichte ? « fragte einer der Burschen , das bange Schweigen endlich unterbrechend . Diese Frage gab Dorotheen wieder Leben . Sie dachte an den Schrecken der armen Stickerin , wenn nun Jos auf einmal so in ihre Stube gebracht würde . Nein , das durfte nicht geschehen ! Vorher sollte das arme Weib so gut als möglich darauf vorbereitet werden . Dorothee eilte voran und sann , wie sie es nun anzugehen habe . Es waren peinliche Gedanken , mit denen sie sich jetzt beschäftigte , und doch war ihr wohler , als da sie noch müßig klagte und betete und einen Wink des Himmels erwarten zu wollen schien . Ja , seit es wieder etwas zu tun gab , fühlte das Mädchen sich mutig , wie es noch selten nach einem Gebete war , welches nur einem Notschrei glich . Vor dem Häuschen der Schnepfauerin aber wurde ihr wieder himmelangst . Zitternd trat sie in die dürftig erleuchtete Stube , wo die Schnepfauerin fast zu Tode erschrak , als sie den späten Besuch endlich denn doch trotz seiner ungewöhnlichen Blässe erkannte . Dorothee begann , sich wunderbar beherrschend , mit einer Abhandlung über den Willen Gottes , ohne den kein Haar von unserem Haupte fallen könnte . Die Schnepfauerin schnitt diese Einleitung kurz und gewaltsam ab . » Du kämst heut ' nicht zu mir , wenn du nicht etwas Wichtiges und etwas Schlimmes sagen müßtest . Nun , ich leide schon unter diesem Gedanken so viel , daß es nicht zu sagen ist . Drum schone mich nicht mehr und sage mir offen , warum du da bist . « » Es ist wohl nicht so arg , als du denkst « , antwortete Dorothee langsam . » Der Jos ist nur für einige Wochen arbeitsunfähig geworden bei einem gefährlichen Sprung . Ich möchte der Stigerin nicht gern gleich von der Sache erzählen , du aber wirst schon so gut sein und ihn einige Tage pflegen und warten . Ich stehe dafür , daß dir - von Hansen oder sonst - jedenfalls alles reichlich ersetzt wird , was du tust und anwendest . « » Ist gar nicht nötig « , sagte die Mutter , die viel Schlimmeres erwartet zu haben schien , beinahe fröhlich . » Wer sollte so Zeit und Lust haben , für den armen Jos zu sorgen , wie ich ? « Und noch bevor sie fragte , was denn ihrem Sohne begegnet sei , trug sie einen Laubsack auf die breiteste Bank , stellte einige Lehnstühle davor und machte in der Eile ein Bett , so gut es ihr nur möglich war . Als man aber die Tritte der Nachkommenden hörte , ließ die arme Mutter alles liegen , wie es eben lag , erfaßte krampfhaft das auf dem Tische stehende Licht und wankte zur Türe hinaus . Die langsam nachfolgende Dorothee sah , wie die Mutter beim Anblick ihres Sohnes beinahe ohnmächtig auf den Tritt vor der Haustür niedersank und ihr leichenblasses Gesicht in den zitternden Händen verbarg . Dann raffte sie sich mit einer furchtbaren Kraftanstrengung wieder auf und sagte tonlos und hart : » Er soll gewiß auch noch halb erfrieren hier in der kalten Nacht ? Seid ihr alle denn von Holz , daß ihr so gar nicht mit leidenden Menschen umzugehen wißt ? « Der Armen fiel es nicht ein , daß die Träger nur auf sie warteten . Die guten Burschen verziehen ihr aber gern diese Ungerechtigkeit . Schweigend folgten sie ihr ins kleine Häuschen , als sie das Licht wieder ergriff und rief : » Stoßt doch um Gottes willen nirgends an - oder « , fügte sie in ganz anderem Tone bei , » macht , so gut ihr könnt . Ihr meint ' s ja redlich und habt ihn bis vors Haus gebracht . Ach , es ist so traurig , aber ich hab ' auch schon etwas für fröhlich gehalten , und dann ist ' s nur zum Unglück gewesen . « Auf die Freunde des Jos würde die wohlgesetzteste Rede nicht einen halb so tiefen Eindruck gemacht haben wie diese wenigen scheinbar gar nicht zusammenhängenden Worte der armen Mutter . Feuchten Auges trugen sie ihren Freund in die Stube und sahen mit Freuden die Mutter wieder etwas gehobener und fester , als sie noch an manches erinnerte , was notwendig sogleich getan und hergerichtet werden mußte . Dann aber wollte sie auch wissen , was denn eigentlich dem armen Jos begegnet sei . Jos , der noch kein Wort gesprochen hatte und auch keines zu sprechen imstande war , zog die Bettdecke übers Gesicht , um unbemerkt weinen zu können . Dorothee begann so schonend als möglich zu erzählen , bis sie durch das Kommen des Arztes unterbrochen wurde . Dieser fand den Beinbruch sehr bedenklich . Aber obwohl er sogar vom Abnehmen des Fußes einige Worte fallen ließ , schien doch der Mutter noch immer das traurigste , daß das alles nur die Folge eines Wirtshausstreites war . Sie machte dem Hitzkopf , den sie doch schon so oft und oft warnte , die bittersten Vorwürfe . Als aber der Schmerzgequälte laut aufseufzte , da eilte sie ans Bett , zog die Decke herunter , daß sie sein Gesicht sehen konnte , und kam dann nicht mehr dazu , ihre Strafpredigt wieder aufzunehmen . Dafür gedachte sie nun der traurigen Zukunft . Die anderen suchten sie zu beruhigen , aber ihre Trostworte weckten nur Widerspruch . Man erinnerte sie daran , daß sie mit solchen Klagen dem Kranken weh tue , und das half . In der Sorge um den Liebling fand sie Kraft und Selbstbeherrschung , ja nach wenigen Stunden sogar eine gewisse Heiterkeit der Seele wieder , so daß Dorothee und die anderen sie und den Kranken selbst viel beruhigter verließen . Jos litt nicht nur an seinen Verletzungen . Zu den quälendsten Vorwürfen wegen seiner Übereilung kam bald auch noch die Sorge für seine und der Mutter Zukunft . Die Mutter fand immer noch eine Art Trost und Aufrichtung in der sorglichsten Pflege des kranken Lieblings ; diesem aber war wie ein schmerzlich bitterer Vorwurf , was ihn sonst als sprechender Beweis der Mutterliebe auch unter schlimmen Umständen überglücklich gemacht hätte . Wie aufs tiefste beschämt , wie vernichtet lag er da , sein verwünschter Trotz war gebrochen ; nicht niedergeschlagen von den Gegnern , die er im Traume sich wieder und wieder gegenüberstehen sah , sondern mehr geschmolzen von der Wärme der Mutterliebe , die ihn umgab und ganz neue , früher nie gekannte Gefühle in ihm keimen und wachsen ließ . Eine wunderbare Weichheit bemächtigte sich seines ganzen Wesens , so daß er ruhig zuhörte , als später seine Freunde ihm erzählten , wie spottschlecht schließlich auch sein Gegner , der Heuer , noch weggekommen sei . So arg als einen hatte Jos mit seinem trotzigen Benehmen Stighans erzürnt . Eine Demütigung gönnte ihm dieser recht wohl und wäre bereit gewesen , auch das Seine dazu beizutragen . Als er dann aber hörte , wie schlecht dem Jos sein kühner Sprung geraten , da war ihm nicht mehr recht wohl , wenn er sich davon auch nichts anmerken ließ . Er hätte eine schöne Kuh drum gegeben , wenn er damit alles ungeschehen zu machen imstande gewesen wäre . Trotzdem brachten Dorotheens Vorwürfe ihn nicht von seinem Platze , ja diese zwangen ihn , innerlich sich zu seiner Selbstverteidigung immer wieder an das lästige Benehmen seines Knechtes zu erinnern . Er wollte kein wetterwendisches Weib sein wie Dorothee , welche - das hatte er genugsam bemerkt - sich noch vor wenigen Minuten selbst recht von Herzen über den Jos geärgert hatte . So blieb er denn sitzen und sendete Dorotheen einen zornigen Blick nach , als diese zu dem Unglücklichen eilte . Der Heuer hatte sich mit der Miene eines Mannes , welcher sich für den Helden des Tages hält , neben die seit Dorotheens Entfernung ausgelassen lustige Zusel gesetzt und begann nun , Hansen als Kirchweihwitwer auf die derbste Weise zu necken . Die Lacher natürlich hatte er bald auf seiner Seite , obwohl seine Witze zuweilen so ungehobelt waren , daß Zusel sich seiner zu schämen begann . Endlich war Hansens Geduld zu Ende , der Faden riß . Auf sprang er , schlug die Faust hart neben der Stumpfnase des Heuers auf den Tisch , daß die Gläser klirrten , und donnerte das geputzte Bürschchen an : » Derlei Brocken wirst du noch bekommen , wenn du nicht schon genug hast . Willst du aber nichts mitnehmen , so mach ' dich nur im Fluge fort und laß dich nicht mehr sehen , du Händelstifter , solang ' du dein gestriegeltes Spitzköpflein und den breiten Hemdkragen in Ordnung erhalten willst . « » Ich soll sterben - « , stammelte der Heuer und sah sich ängstlich suchend im Zimmer um . Aber die Zusel , welche nun durchaus nicht mehr länger neben ihm gesehen sein wollte und bereits mit der guten Gelegenheit zu rechnen begann , warf ihm einen Blick zu , der ihn nicht mehr ausreden ließ . Jetzt war sie entschieden für den Frieden . Der Heuer sah sich allein und nur kalte , höhnende Blicke auf sich gerichtet . So kam er denn bald zu der schmerzlichen Überzeugung , daß Gehen das klügste sei , und langsam , so leise und unmerklich , als es in der Eile nur immer geschehen konnte , rückte er seinen Stuhl so weit vom Tisch aus der Reihe der übrigen Stühle weg , daß er Platz genug zum raschen Aufspringen gewann . Er hätte aber gewiß nicht so aus dem Zimmer rennen , nicht auf jeden Tritt drei Stufen der Stiege unter die Füße nehmen müssen , denn sicher dachte kein Mensch daran , ihm etwas in den Weg zu legen oder ihn gar zu verfolgen . Er eilte ins Haus des Krämers , packte seine Sachen zusammen und hinterließ bei der Magd den Auftrag , ihm nach Abzug seiner Zeche den Heuerlohn so schnell als möglich nachzusenden . Im Wirtshaus » Zum Rößle « ging es nun wieder so lustig zu , als ob gar nichts vorgefallen wäre . Man gedachte auch des Geschehenen fast nur dadurch , daß man sich erfreut aussprach , nun doch der lästigen Händelstifter glücklich losgeworden zu sein . Stighans hatte sich unter allgemeinem Beifall auf des Heuers Stuhl gesetzt , hart neben Zusel , die ihm des Knechtes wegen keine Vorwürfe mehr machte . Der Krämer war überglücklich . Aber wie wohl ihm bei den jungen Leuten auch war , so schickte er doch den Hans mit seiner Zusel großmütig von sich weg auf den Tanzsaal , den diese erst spät in der Nacht verließen . Hans begleitete die Zusel heim , trank noch den in der Eile gemachten Kaffee und eilte dann - dem Morgen noch zu entrinnen - auf den stillen Stighof , wo die schon wieder tätige Dorothee ihm einen guten Tag wünschte . Elftes Kapitel Wie man schiebt und geschoben wird Wieviel auch , seit man das » Volk « als Kunstobjekt zu behandeln begann , über Bauern und besonders über Bauernmädchen geschrieben wurde , es ist doch immer noch fraglich geblieben , ob die guten Kinder sich mit der Kirchweih mehr die Woche vorher oder nachher in Gedanken beschäftigen . Wahrscheinlich wird man , wenn noch dreißig Jahre Dorfgeschichten geschrieben und alle deutsche Erdenwinkel durchstöbert sind , sich für die Woche hernach entscheiden . Bei einzelnen kann das schon jetzt als ausgemacht gelten . Zusel hatte nicht viel , wenigstens gar nichts Besonderes gehofft . Nur einmal ein wenig Lärm wollte sie haben , und nun war aus dem Spaße ganz unvermutet Ernst geworden . Jetzt war der Ehrgeiz des Mädchens wach . Was sich so wie von selbst angezettelt hatte , das mußte nun fort und fertig gewoben werden , damit sie sich vor Hansjörg , wenn er wiederkam , nicht mehr so gleichsam in ihrer Blöße sehen zu lassen brauchte . Der Bursche war ihr jetzt wieder viel im Sinn , woran vielleicht auch die von Jos gemachten Anspielungen einige Schuld haben mochten . Sollte wirklich der Vater ihn in des Kaisers Rock gebracht haben ? Sie fragte , horchte , sah in den Rechnungsbüchern nach und ergab sich nicht mehr , bis es ihr klar geworden war , daß der Krämer wirklich nur Mathisles Abhängigkeit benützt habe . Aber diese Entdeckung wirkte jetzt nicht mehr so , wie sie noch vor wenigen Monaten gewirkt haben würde . Wohl konnte sie den armen Burschen bedauern , aber sein Briefhandel war dadurch nicht entschuldigt . Hansjörg war eben ein Mensch , der so wenig fest auf seinem Platze stehen konnte als der Heuer . Ob aus der nämlichen Ursache , war ihr jetzt ziemlich gleichgültig . Ihr Liebhaber mußte ein ganzer Mann sein ; woher es ihm kam , blieb ihr immer das nämliche , wenn es nur da war . Hansjörg und der Heuer , sie waren sich so ziemlich gleich , denn beide zogen schon vor dem ersten Hindernisse jämmerlich ab . Das waren keine Männer ; einen Mann aber wollte sie nun an ihrer Seite wissen , der sie schützen und jeden Angriff von ihr abwehren konnte . Als Jos sie mit seinem Spotte erröten machte und der Heuer rat- und tatlos neben ihr sitzen blieb , da hatte die Stolze es einmal ganz durch und durch empfunden , wie wehrlos ein Mädchen neben dem aus Armut und - Gemeinheit herausgewachsenen , vielleicht schuldbewußten Vater steht . Ja , er hatte recht , dieser Vater , sein stolzes Gebäude mußte stürzen , wenn sie ihm nicht das schützende und bindende Dach aufsetzte . Und sollte sie das nicht von Herzen gern , um in alle Zukunft froh und sicher wohnen zu können ? Wie sie doch einmal so an Hansjörg hatte kommen können ? Man hatte geredet , gelacht , nach und nach die gleichen Ansichten bekommen und sich aneinander gewöhnt , man wußte selbst nicht wie . Es war eben gefährlich neben so einem berechnenden Burschen , gerade wie jetzt für Hansen neben dessen Schwester . Freilich verriet Dorothee durch ihr Weglaufen von Hansen eine Neigung für den ehemaligen Schneider , aber Zusel erfuhr ja an sich selbst , wie wenig derlei launenhaften Spielereien zu trauen sei . Wohin konnte der leichtsinnige Hans nicht von dem Mädchen noch gebracht werden , wenn erst Hansjörg wiederkam und den Ratgeber machte ! So einfältig , als sie sonst wohl geglaubt , war Hans jedenfalls nicht , das hatte sie aus der mehrstündigen Unterhaltung mit ihm erfahren ; aber schwach war er , und besonders der Magd gegenüber recht schwach , sonst würde er sie , die ihm so schmählich davonlief , schon am Tage nach der Kirchweih aus dem Dienste geschickt haben . Freilich suchte sie sich zu bereden , daß das eben nur seine Gleichgültigkeit verrate , aber es wollte nicht recht gehen , und Zusel , die nun siegen mußte um jeden Preis , nachdem sie einmal angefangen hatte , ließ die beiden bald auch durch andere in und außer dem Hause auf Schritt und Tritt beobachten . Wer sucht , der findet . Das gilt auch von einem Menschenpaar , dem man einmal ein Liebesverhältnis zumutet , und gilt besonders , wenn die Beobachter und Beobachterinnen für jede Mitteilung reichlich belohnt werden . Zusel bekam bald jeden Abend Bericht und arbeitete sich so immer tiefer in die Sache hinein . Bald vermochte sie Hansen , den sie jedesmal sah , wenn er mit Sense oder Rechen vorüberging , bei weitem nicht mehr so unbefangen etwas Witziges nachzurufen als in den ersten Tagen nach der Kirchweih . Später hatte sie nur noch ein scheues » Guten Morgen « für ihn , und wenn er sie dann erstaunt , fragend ansah , so gab ihr das aufs neue zu denken , weil sie dadurch etwa eine der schon von jemand gemachten Beobachtungen bestätigt wähnte . Nachdem das letzte Heu beim Krämer glücklich untergebracht war , verkehrte das Mädchen fast nur noch mit Leuten , welche von Stighansen redeten . Dadurch gewannen die unbedeutendsten Reden und Handlungen des guten Burschen in den Augen der Zusel eine Wichtigkeit , daß man davon leicht auf eine starke geheime Neigung schließen konnte . Es war auch ganz natürlich , daß das von den zum Aufpassen Bestellten bald genug geschah . Sie vermochten aber das viel eher geheimzuhalten als das , was sie an Hansen und Dorotheen beobachteten oder dem Beobachteten unterlegten . Auf einmal kamen über Hansen und seine Magd die sonderbarsten Gerede ins Dorf . Kein Mensch wußte , woher , denn sie waren überall auf einmal , und Zusel fand , freilich durch ihre Veranlassung und Schuld , nun allgemein bestätigt , was sie geahnt und gefürchtet hatte . Es war schrecklich , daß das Mädchen nicht nur den unschuldigen , unerfahrenen Burschen an die Ketten der Sünde zu schmieden und daran festzuhalten wußte , sondern selbst die alte Stigerin blind und taub zu machen verstand . Durch solche Mittel und auf solchen Wegen sollte der stattliche Hof , auf dem redliche , sittenstrenge Väter in Gottesfurcht walteten und alles zusammenhielten , nun einer herabgekommenen Freundschaft zufallen ? So ging es jetzt hin und her , daß Zusel , der das immer einen Stich gab , beinahe zur Verzweiflung gebracht wurde . Auch der Krämer hörte solches Gerede gar nicht gern . » Die altbackene , fromme Dorothee « , meinte er , » wäre selbst nie so gefährlich als dieses Geschwätz , das Hans und vielleicht sogar auch die alte Stigerin nur für den Lärm der Neidestrommel halten . Wenn das geschieht , dann freilich kann aus der kindischen Liebelei etwas Großes werden . « » Da sieht man ' s « , klagte Zusel , » auch du glaubst an diese Liebelei ! « » Oh , die nur ist nicht gefährlich « , lachte der Krämer , » und besonders dir nicht . « Und das errötende Kind mit wohlgefälligem Lächeln betrachtend , fuhr er nach einer Pause schmeichelnd fort : » Gefährlich hätte dir nur eine werden können , und die bist du selbst mit deinem trotzigen , leidenschaftlichen Sinne . Seit ich diese eine nicht mehr fürchten muß , fürchte ich gar nichts mehr . Wenn du nur nichts verdirbst , dann muß es gehen , auf diese oder jene Art. Die alte , geldgierige Stigerin ist auch noch da , und Hans wird müssen , wenn er nicht will . « » Aber ich will nicht und muß nicht , wenn es so klingt « , sagte Zusel entschieden . » Alles wär ' mir wie Gift und Messer , was nur so gezwungen käme . Die Zusel ist zu stolz , um sich einen Liebhaber hur so gleich einem Gefangenen zuführen zu lassen . Selbst , freiwillig soll er kommen - oder gar nicht . « Der Krämer , dem der Erfolg immer die Hauptsache und das einzige