denn das finster verlegene Gesicht des Professors erschien ihm urkomisch . » Die gnädige Frau meinten , « nahm Rosa ihre Verteidigungsrede wieder auf , » es sei ja doch nur ein leichtes Schnupfenfieber bei Aennchen , sie könnte ganz gut einmal auf ein halbes Stündchen allein bleiben ; sie hat ihr allerhand Spielzeug aufs Bettchen gegeben - « » Und wo ist meine Kousine ? « unterbrach der Professor sie rauh . » Die gnädige Frau sind mit Madame Hellwig in den Missionsverein gegangen . « » So , « schnitt er ihren Bericht kurz ab - er sah grimmig aus . » Jetzt gehen Sie und machen Sie den Plunder fertig ! « befahl er , nach der Thür zeigend , aus der sie gekommen war , dann rief er nach Friederike , aber die alte Köchin steckte mit beiden Händen in einem eben angerührten Teige und schickte Felicitas . Das junge Mädchen kam die Treppe herauf . Noch lag die feine Röte innerer Bewegung auf ihren Wangen , doch ihr Auge streifte kühl und ernst das aufgeregte Gesicht des Professors . Sie blieb in ruhig fester Haltung stehen und erwartete schweigend seine Befehle . Es kostete ihm augenscheinlich große Ueberwindung sie anzureden . » Die kleine Anna ist ohne Aufsicht - wollen Sie bei ihr bleiben , bis ihre Mutter zurückkommt ? « fragte er endlich ; einem aufmerksamen Ohre konnte es nicht entgehen , daß er seine Stimme zu einem freundlichen Tone zwang . » Sehr gern , « antwortete sie unbefangen , » aber ich habe ein Bedenken - die Frau Regierungsrätin liebt es nicht , das Kind mit mir zusammen zu sehen . Wollen Sie die Verantwortlichkeit übernehmen , so bin ich bereit . « » Ja wohl , das will ich . « Sie schritt ohne weiteres in das Schlafzimmer und schloß die Thür . Der Rechtsanwalt sah ihr mit aufleuchtenden Augen nach . » Fee nennt sie Heinrich seltsamerweise , « sagte er zu dem Professor , während er neben ihm die Treppe nach dem zweiten Stocke hinaufstieg , » und so sonderbar auch der Name auf seiner derben Zunge klingt , auf die Erscheinung paßt er prächtig ... Ich muß aufrichtig gestehen , ich begreife nicht , wo ihr , du sowohl wie deine Mutter , den Mut hernehmt , dies merkwürdige Mädchen eurer alten Köchin und dem naseweisen Kammerkätzchen da unten gleichzustellen . « » Ah - wir hätten sie in Samt und Seide wickeln sollen , meinst du ? « rief der Professor so heftig gereizt , wie ihn sein Freund noch nie gesehen . » Und weil dem Hause Hellwig eine Tochter versagt ist , so hätte , deiner Ansicht nach , der leere Platz nicht vortrefflicher ausgefüllt werden können , als mit dieser Fee , oder besser Sphinx , wie ich sie nenne ... du bist von jeher ein Schwärmer gewesen ! ... Uebrigens steht es dir frei « - sein Ton vibrierte vor innerer Aufregung - » die Tochter des Taschenspielers zur Frau Frank zu machen - meinen Segen als Vormund hast du ! « Das feine Gesicht des Rechtsanwaltes errötete bis unter den lockigen Haarstreifen über der Stirne . Er sah einen Moment angelegentlich durch das Fenster hinunter auf den Marktplatz - sie hatten im Gespräch das Zimmer des Professors betreten - dann wandte er sich lächelnd um . » So , wie ich das innerste Wesen des Mädchens auffasse , wird sie sich schwerlich um deinen vormundlichen Segen kümmern ; ich würde mithin lediglich auf ihre Entscheidung angewiesen sein , « entgegnete er nicht ohne leisen Spott , » und wenn du meinst , mein Ohr mit der Bezeichnung Taschenspielerstochter zu erschrecken , so irrst du dich gewaltig , mein sehr verehrter Professor ... Du freilich , bei deinen Grundsätzen , würdest einen solchen Gedanken nicht ohne gewaltige Nervenerschütterung ausdenken - ein Spielerskind mit warmem , raschem Herzschlag und das kühle Blut ehrenfester Kauf- und Handelsherren , das fein gemessen durch deine Adern fließt - das ginge freilich nun und nimmer - die dort müßten sich ja samt und sonders im Grabe umdrehen ! « Er zeigte durch die offene Thür in die anstoßende große Erkerstube . Dort an der langen Wandseite hing eine Reihe vortrefflich gemalter männlicher Oelbilder , stattliche , behäbige Gestalten mit funkelnden Diamanten an den Fingern und auf dem zierlich gefältelten Busenstreifen . Das waren verschiedene Bürgermeister und Kommerzienräte , die einst den Namen Hellwig getragen hatten . Der Professor ging hinüber in das Zimmer - die Nadelstiche des Spottes schienen an ihm abzugleiten . Er kreuzte die Arme über der Brust und schritt einigemal unter den Bildern auf und ab . » Sie haben tadellos dagestanden im Leben , « sagte er plötzlich stehen bleibend . » Ob jeder ohne innere Anfechtung und Kämpfe diese makellose äußere Würde und Haltung behauptet hat - ich glaube es nicht . Die menschliche Natur hat viel Sprödes , sie widerstrebt da meist am hartnäckigsten , wo sie gehorchen muß ... Alle diese Opfer sind Steine zu einem soliden Bau gewesen , und dieser Bau heißt das Haus Hellwig . Sollen sie gefordert und gebracht worden sein , damit ein Enkel kommt und sie mit einem Fußtritte wie ein Kartenhaus umstößt ? ... Gott soll mich bewahren ! « Es sah fast aus , als habe er mit diesen Worten einen inneren Konflikt gelöst , denn die seltene Gereiztheit , die Frank mit Verwunderung an ihm beobachtet hatte , war verschwunden , als er in sein Zimmer zurückkehrte . - Felicitas mochte vielleicht eine halbe Stunde am Bette des Kindes gesessen haben , als die Regierungsrätin nach Hause kam . Ihr Gesicht verfinsterte sich sofort beim Erblicken des jungen Mädchens . » Wie kommen Sie hierher , Karoline ? « fragte sie scharf , indem sie ihren Sonnenschirm auf das Sofa warf und hastig ihre feinen dänischen Handschuhe abstreifte . » Ich habe Sie doch sicher nicht um diese Dienstleistung ersucht ! « » Aber ich ! « sagte der Professor mit harter Stimme , der plötzlich hinter ihr auf der Schwelle der offenen Thür erschien . » Dein Kind brauchte Aufsicht , es kam mir barfuß auf der Treppe entgegen . « » Nicht möglich ! ... Ja , Aennchen , wie konntest du denn so unfolgsam sein ? « » Bist du wirklich im Zweifel , Adele , wer hier den Vorwurf verdient , « fragte der Professor noch immer sich beherrschend , aber es grollte bereits in seiner Stimme . » Mein Gott , ich bin ja trostlos über dies pflichtvergessene Geschöpf , die Rosa ! ... Sie hat auf der Gotteswelt nichts zu thun , als das Kind zu beaufsichtigen , aber ich weiß schon , man darf nur den Rücken wenden , da gafft sie zum Fenster hinaus , steht vorm Spiegel - « » Zufällig steht sie in diesem Augenblicke am Bügelbrette und richtet im Schweiße ihres Angesichtes ein Kleid her , das du à tout prix morgen anziehen mußt , « unterbrach sie der Professor , in schneidendem Hohne jedes Wort markierend . Sie erschrak heftig . Die tödlichste Verlegenheit spiegelte sich momentan auf ihrem Gesichte , allein sie faßte sich rasch . » Gott , wie albern ! « rief sie unmutig die weiße Stirne runzelnd , » da hat sie mich wieder einmal völlig mißverstanden - ich habe häufig das Unglück ! « » Gut , « unterbrach er sie beharrlich , » wir wollen dies Mißverständnis gelten lassen , aber wie mochtest du ihr , deren Unzuverlässigkeit du eben hervorhobst , dein krankes Kind allein anvertrauen ? « » Johannes , mich rief eine heilige Pflicht ! « antwortete die junge Witwe nachdrücklich mit einem schwärmerischen Aufschlag ihrer schönen Augen . » Deine heiligste ist die Mutterpflicht ! « rief er - in diesem Augenblicke war er sehr zornig . » Ich habe dich nicht hierhergeschickt , um in Missionsangelegenheiten thätig zu sein , sondern einzig und allein des Kindes wegen ! « » Um Gottes willen , Johannes , wenn die Tante und mein Papa dich hörten ! ... Früher dachtest du anders ! « » Das gebe ich dir vollkommen zu . Eigenes Denken aber wird uns stets auf den unerschütterlich festen Satz der Moral zurückführen , daß wir zunächst unsere ganzen Kräfte dem Boden zuwenden sollen , auf den uns die Vorsehung gestellt hat - und wenn du dereinst hundert aus dem Heidentume gerettete Kinderseelen dem Ewigen aufzählen kannst , sie werden nicht um ein Jota den Vorwurf rechtfertigen , daß du dein eigenes darüber hast zu Grunde gehen lassen ! « Das Gesicht der Regierungsrätin glühte wie eine Päonie . Sie rang nach Fassung und der gewohnten Sanftmut , und es gelang ihr . » Sei nicht so streng gegen mich , Johannes ! « bat sie . » Bedenke , daß ich ein schwaches Weib bin , aber gewiß immer nur das Beste will ... Habe ich gefehlt , so ist es wohl auch hauptsächlich aus Liebe zu deiner guten Mutter geschehen , die meine Begleitung wünschte - es soll aber gewiß nicht wieder vorkommen . « Die Regierungsrätin hatte mit dem weichsten Tone ihrer flötenartigen Stimme gesprochen und bot dem Professor lieblich lächelnd die Hand . Sonderbar , der ernste Mann errötete wie ein junges Mädchen - es war ihm wohl selbst unbewußt , daß ein scheuer Seitenblick rasch nach der hinüberstreifte , die mit gesenkten Lidern am Bette des Kindes saß - er erfaßte zögernd die Hand mit zwei Fingern und ließ sie sofort wieder fallen ... Die zwei Taubenaugen , welche bittend und unverwandt auf seinem Gesichte geruht hatten , funkelten auf , und das Gesicht erblaßte , aber die Sanftmut wurde tapfer behauptet . Die junge Frau nahm den Kopf ihres Kindes zwischen ihre Hände und hauchte einen Kuß auf die kleine , fieberglühende Stirne . » Ich kann nun Aennchens Pflege wieder übernehmen und danke Ihnen herzlich , liebe Karoline , daß Sie mich einstweilen vertreten haben , « sagte sie freundlich zu Felicitas . Das junge Mädchen erhob sich rasch , aber die Kleine brach in ein bitterliches Weinen aus und umklammerte mit beiden Händchen fest ihren Arm . Der Professor prüfte den Puls des Kindes . » Sie hat starkes Fieber ; ich darf durchaus nicht zulassen , daß sie sich noch mehr aufregt , « sagte er mit kalter Freundlichkeit zu Felicitas . » Sie bringen wohl das Opfer , dazubleiben , bis sie eingeschlafen sein wird ? « Sie nahm schweigend ihren Platz wieder ein , und er ging hinaus . Zu gleicher Zeit eilte die Regierungsrätin in ihr Wohnzimmer und ließ die Thür hinter sich ziemlich unsanft ins Schloß fallen . Felicitas hörte , wie sie drin mit raschen Schritten auf und nieder lief . Plötzlich klang ein scharfes Geräusch , wie das Zerreißen irgend eines Gewebes , durch die Thür . Aennchen richtete sich horchend auf und fing an zu zittern ; das Geräusch wiederholte sich und folgte immer rascher aufeinander . » Mama , Aennchen will artig sein , will ' s nicht wieder thun ! Ach , Mama , Aennchen nicht patschen ! « rief das Kind plötzlich wie außer sich . In dem Augenblicke trat Rosa in das Zimmer . Das frische Gesicht des Mädchens sah blaß und erschreckt aus . » Sie zerreißt wieder einmal - ich hörte es auf dem Vorplatze , « murmelte sie mit einem unsäglich verächtlichen Ausdruck zu Felicitas hinüber . » Still , Herzchen , « flüsterte sie dem Kinde beschwichtigend zu , » Mama thut dir nichts ; sie kommt nicht heraus und wird bald wieder gut ! « Drüben wurde eine Thür zugeschlagen , die Regierungsrätin hatte sich entfernt . Rosa ging in das Wohnzimmer und kam gleich darauf mit einem Bündel weißer Fetzen in der Hand zurück - es waren die Ueberreste eines ehemaligen Batisttaschentuches . » Wenn sie in Wut kommt , so kennt sie sich selbst nicht mehr ! « grollte das Mädchen flüsternd . » Da zerreißt sie , was sie gerade unter den Händen hat , und schlägt auch ohne Gnade und Barmherzigkeit zu - das weiß der arme , kleine Tropf da recht gut . « Felicitas drückte das Kind an ihre Brust , als müsse sie es vor den Zornausbrüchen der leidenschaftlichen Mutter schützen ; ihre Besorgnis war jedoch ohne Grund . Die Stimme der Regierungsrätin klang plötzlich in ihrer Glockenreinheit vom Vorsaale her ; sie plauderte heiter mit dem die Treppe herabkommenden Rechtsanwalt , und als sie bald darauf das Schlafzimmer wieder betrat , war ihr Aussehen schöner und anmutiger denn je . Die Zornröte lag noch als zart hingehauchter Karmin auf den sanft gerundeten Wangen , und wer hätte bei dem ganzen lieblichen Gesichtsausdruck den auffallenden Glanz der Augen für etwas anderes , als die erhöhten Regungen einer schönen weiblichen Seele halten mögen ? 16 Als Felicitas auf das Ersuchen des Professors hin den Platz an Annas Bett wieder einnahm , hätte sie nicht gedacht , daß sie ein vieltägiges Wärteramt antrete - die Kleine wurde gefährlich krank und litt weder ihre Mutter noch Rosa in ihrer Nähe ; nur der Professor und Felicitas durften sie berühren und ihr die Medizin reichen . In ihren Fieberphantasien spielte das zerrissene Batisttuch eine große Rolle . Der Professor hörte mit Verwunderung die Angst- und Furchtäußerungen des Kindes und jagte mehr als einmal durch seine eindringlichen , forschenden Fragen die Röte des Schreckens und der Verlegenheit in das Gesicht der Regierungsrätin . Sie blieb aber , von Rosa unterstützt , stets bei dem Ausspruche , daß Aennchen einen schlimmen Traum gehabt haben müsse . Felicitas fand sich rasch in ihre Aufgabe als Pflegerin , obgleich ihr dieselbe anfänglich durch den stündlichen Verkehr mit dem Professor sehr erschwert wurde , aber die Sorge um das Leben des Kindes , die sie mit ihm teilte , half ihr schneller über das Peinliche ihrer Situation , als sie meinte . Es kam ihr selbst höchst wunderbar vor , wie gut sie ihn in seinem Wesen als Arzt verstand . Während er den anderen , selbst der Mutter des Kindes , undurchdringlich erschien , wußte sie stets sofort , ob er die Gefahr gesteigert fand oder Hoffnung schöpfte . Deshalb bedurfte es aber auch fast nie eines erklärenden Wortes seinerseits , um sie auf das eingehen zu machen , was der Augenblick erheischte . Er wechselte mit ihr im Nachtwachen ab , allein auch tagsüber war er sehr viel im Krankenzimmer . Stundenlang saß er geduldig neben dem Bettchen und legte seine Hände abwechselnd auf die Stirne des Kindes - dann ruhte es still und unbeweglich , es mußte eine eigentümlich beschwichtigende Kraft in diesen Händen liegen . Unwillig und tief erregt suchte das junge Mädchen die vergleichenden Gedanken abzuschütteln , die sie beschlichen , wenn sie , unfern von ihm sitzend , ihn schweigend beobachtete . Das waren noch dieselben unregelmäßigen , harten Linien des Gesichts , dieselbe wuchtig hervortretende Stirne , über welche das dicke Haar peinlich sorgfältig zurückgeschlagen lag - es waren dieselben Augen , dieselbe Stimme , alles in allem der Schrecken ihrer Kindheit , aber den finster asketischen Zug , der einst den Jünglingskopf so unjugendlich und abstoßend hatte erscheinen lassen , suchte sie vergebens ... Von jener nicht schön geformten , jedoch bedeutenden Stirne ging es aus wie ein mildes Licht , und wenn sie hörte , wie er dem aufgeregten Kinde mit unaussprechlich sanfter Stimme beschwichtigend zuredete , so konnte sie sich nicht verhehlen , daß er seinen Beruf in seiner ganzen Heiligkeit erfasse . Er stand nicht mit kalt-grausamem Achselzucken den unvermeidlichen Schmerzen anderer gegenüber , suchte nicht allein den Körper vor der Vernichtung zu retten - die bangende Seele fand an ihm eine Stütze ; sie las das Mitgefühl in seinen Augen und schöpfte Mut und Trost aus seiner Stimme . Er hatte die Sprache in seiner Gewalt , wie selten ein Mensch . Es standen ihm Klänge und Worte zu Gebote , die das Herz des jungen Mädchens wie elektrische Schläge berührten ... Wer dachte in solchen Augenblicken an seine unschönen , eckigen Bewegungen , an sein abstoßendes Wesen im geselligen Verkehr ? Da war er eine sittlich schöne Erscheinung , ein Mann im Bewußtsein großer moralischer Kraft , der rastlos denkende und kämpfende Vermittler zwischen den zwei erbitterten Gegnern » Leben und Tod « ... Aber mochten auch alle diese Gedanken versöhnend an ihr vorüberziehen , die Schlußbetrachtung war dieselbe : » Er fühlt und denkt menschlich , er hat Erbarmen mit dem hilflosen Zustande des geringsten Nächsten - das verfemte Spielerskind hat mithin doppelten Grund , ihn zu verabscheuen , denn ihm war er ein mitleidsloser Unterdrücker , ein vorurteilsvoller , ungerechter Richter « . Er hatte bei dem jetzigen täglichen Verkehr nicht ein einziges Mal jenen weichen Ton wieder angeschlagen , der ihr schrecklich war , und gegen welchen sie stets mit den Waffen des Trotzes und der Zurückweisung kämpfte . Er hielt die kalt höfliche Freundschaft fest , die er seit dem letzten Gespräch mit ihr angenommen , und auch diese lag mehr in seinem Gesichtsausdruck als in seinen Worten , denn die unerläßlichen Fragen ausgenommen , sprach er fast nie mit ihr . Einen schweren Stand hatte er der Regierungsrätin gegenüber . Sie gebärdete sich anfänglich wie unsinnig und wollte es durchaus nicht zulassen , daß Felicitas ihre und Rosas Stelle am Krankenbett einnehme ; es bedurfte seiner ganzen Entschiedenheit , um sie zur Ruhe zu bringen . Dagegen ließ sie es sich durchaus nicht nehmen , alle Augenblicke den von dem Kinde so sehr gefürchteten Lockenkopf lauschend zur Thür hereinzustecken , sonderbarerweise traf es sich dann stets , daß ihr Kousin und Felicitas zusammen im Krankenzimmer waren ... Sie weinte und rang die weißen Hände - es gibt kein menschlisches Gesicht , das in wahrhaft schmerzlicher und angstvoller Aufregung schön unter einem Thränenerguß bliebe , mögen die Dichter auch ihre Heldinnen hinreißend in ihren Thränen sein lassen - hier aber auf diesem rosigen Ovale vertiefte sich kein Zug , nicht ein krampfhaft verzogenes Fältchen erschien , die zarte Haut zeigte keinen einzigen entstellenden roten Flecken , leise rieselten die hellen Thränenperlen über die Wangen - es war ein so vollendet künstlerisches Weinen , wie es sich der Maler zu einer Mater dolorosa nicht schöner denken kann ... Welch ein Unterschied zwischen ihr und jenem bleichen , überwachten und angstvollen Mädchengesicht am Bett des Kindes ! ... Jeden Abend erschien sie pünktlich in elegantem Schlafrock ; ein wunderfeines Spitzenhäubchen umschloß das bezaubernde Gesicht , und die feinen Hände hielten ein Andachtsbuch - sie wollte wachen . Ein und dasselbe Wortgefecht erhob sich jedesmal zwischen ihr und dem Professor , sie wiederholte stets ein und dieselbe Phrase der Verwahrung gegen Eingriffe in ihre mütterlichen Rechte und ging dann sanft weinend und klagend , um am anderen Morgen frisch wie eine Mairose aufzustehen . Es war der neunte Abend seit Aennchens Erkrankung . Das Kind lag in dumpfer Betäubung ; nur dann und wann rang sich ein unartikuliertes Lallen von seinen Lippen . Der Professor hatte lange , die Stirne sorgenvoll in die verschlungenen Hände gedrückt , am Bettchen gesessen ; da stand er plötzlich auf und winkte Felicitas in das Nebenzimmer . » Sie haben die vergangene Nacht gewacht und sich auch gestern und heute nicht einen Moment der Ruhe gönnen dürfen , und doch verlange ich noch weitere Opfer von Ihnen , « sagte er . » Diese Nacht wird entscheidend sein . Ich könnte nun zwar meine Kousine oder Rosa in die Nähe des Kindes lassen , denn es ist bewußtlos ; aber ich brauche wahrgemeinte Hingebung und Besonnenheit neben mir - wollen Sie heute noch einmal wachen ? « » Ja ! « » Doch es werden voraussichtlich Stunden der Angst und Aufregung , die Sie durchmachen müssen - fühlen Sie sich noch stark genug ? « » O ja - ich habe das Kind lieb und schließlich - will ich . « » Haben Sie ein so festes Vertrauen auf die Kraft Ihres Willens ? « Seine Stimme nahm bereits wieder jene milde Färbung an . » Er ist mir bis jetzt noch nicht treulos geworden , « entgegnete sie ; ihr bis dahin völlig ruhiger Blick wurde sofort eisig und abweisend . Die Nacht brach herein - eine süße , lautlos schweigende Frühlingsnacht ! Das volle , funkelnde Mondlicht schwebte über der schlafenden Stadt ; im Erkerzimmer des alten Kaufmannshauses streifte es gleichsam mit silbernem Flügel die stillen Bilder an den Wänden und hauchte ein fremdartiges Leben über die festgezauberten Gestalten ; die Blumen im Fußteppich leuchteten auf unter dem bleichen Licht und aus dem Krystallkronleuchter an der Decke sprühten Millionen Silberfunken ... Drin aber , im dunklen Krankenzimmer , kreiste eine furchtbare Gewalt über dem schmalen Bett - die Kreise wurden enger und senkten sich tiefer und tiefer auf den qualvoll ringenden kleinen Körper , das Kind lag in den heftigsten Krämpfen ... Der Professor saß neben dem Bett ; sein Blick ruhte unverwandt auf den zuckenden Gliedern und dem unkenntlich gewordenen , verzerrten Gesichtchen . Er hatte alles gethan , was im Bereich ärztlicher Kunst und menschlichen Wissens lag , und nun mußte er macht- und thatlos verharren und die Naturkräfte ihren erbitterten Streit allein auskämpfen lassen . Draußen schlug es zwölf mit lang aushebenden Schlägen . Felicitas , die still am Fußende des Bettes saß , schauerte in sich hinein ; es war ihr , als müsse eine dieser mächtigen Schwingungen die Kinderseele mit hinwegnehmen ... und wirklich wurde der heftig arbeitende Körper plötzlich schlaffer , die kleinen , festgeballten Hände lösten sich und fielen matt auf die Decke , und nach wenig Augenblicken lag auch das Köpfchen bewegungslos in den Kissen ... Der Professor hatte sich über das Bett geneigt - bange zehn Minuten verstrichen , dann hob er den Kopf und flüsterte bewegt : » Ich halte sie für gerettet ! « Das junge Mädchen bog sich forschend über die Kranke ; sie hörte tiefe , ruhige Atemzüge und sah , wie sich die kleinen , todmüden Glieder behaglich in den Kissen streckten . Lautlos erhob sie sich und ging hinaus in das Nebenzimmer . Sie trat in eines der weit offenen Fenster . Die würzige Nachtluft , in die sich bereits ein Hauch von herber Morgenröte mischte , strich erquickend an ihr vorüber ; sie lehnte das müde Haupt an die steinerne Fenstereinfassung , während ihre gefalteten Hände schlaff niedersanken . Auf dem Simse stand ein Theerosenstrauch ; er hatte eine einzige prachtvolle Blüte - doppelt bleich im weißen Mondenglanz , hing sie schaukelnd über der blassen Stirn , dem flimmernden Haar des Mädchens ... Felicitas ' Pulse klopften fieberhaft - kein Wunder ; da drin in dem dumpfen , schwülen Raum war ja der Tod hart an einem Menschen vorübergeschritten ; die Spannung ihrer Nerven während der letzten Stunden war eine furchtbare gewesen - kein anderer Laut , als das vereinzelte schrille Aufkreischen des Kindes hatte ihr Ohr getroffen ; sie hatte nichts gesehen , als den zuckenden Körper der Kranken und das stumme bleiche Gesicht des Arztes , der nur durch Winke und Blicke ihre Hilfeleistungen forderte - vier enge Wände umschlossen ihn und sie allein ; sie wirkten zusammen in Ausübung der Nächstenpflicht und Barmherzigkeit , während die tiefe Kluft des Hasses und des Vorurteils zwischen ihnen lag . Die heißen , trockenen Augen des jungen Mädchens starrten durch das gegenüberliegende Eckfenster nach der mondbeleuchteten Front des Rathauses . Die Statuen zu beiden Seiten der Uhr , eine Muttergottes und der heilige Bonifacius , traten geisterhaft lebendig aus ihren Nischen hervor - was half es , daß sie schützend und segnend da droben standen ? Dicht unter ihnen war doch das Unglück geschehen . Die drei hohen Fenster dort , die jetzt silbern glitzerten , hatten an jenem unglückseligen Abend die rote Glut einer feenhaften Beleuchtung ausgestrahlt , und da , wo jetzt der Mondschein einsam und harmlos auf dem Boden spielte , war die wundervolle Frauengestalt unerschrocken vor die versammelte Menschenmenge und die dräuenden Feuerwaffen hingetreten ; aber unter dem Panzer hatte ein warmes , banges Mutterherz geklopft - einsam , im fremden Hause schlummerte derweil ihr Kind , für das sie erwerben mußte , für das sie immer wieder hinaustrat , bis die letzten sechs Schüsse krachten , unter denen sie sterbend zusammenbrach . Der Professor trat aus dem Krankenzimmer und schloß die Thür geräuschlos hinter sich . Er ging auf Felicitas zu , die unbeweglich im Fenster stehen blieb . » Aennchen schläft sanft , « sagte er . » Ich werde den Rest der Nacht bei ihr bleiben ; ruhen Sie nun auch . « Felicitas verließ sofort , ohne das Ende seiner Worte abzuwarten , die Fensternische und ging schweigend an ihm vorüber , um das Zimmer zu verlassen . » Ich meine , heute sollten wir doch nicht so fremd auseinandergehen ! « rief er ihr mit gedämpfter Stimme nach - fast klang es , als streife er wider Willen den Bann des ernsten Schweigens ab . » Wir haben in den letzten Tagen treulich , wie zwei gute Kameraden , zusammengehalten und gemeinschaftlich ein Menschenleben dem Tode abzuringen gesucht - bedenken Sie das ! « fügte er warm hinzu . » In wenigen Wochen gehen wir ja ohnehin auseinander und jedenfalls auf Nimmerwiedersehen ... Ich will Ihnen die Genugthuung nicht versagen , einzugestehen , daß Sie durch eigene Kraft vieles widerlegt haben , was ich an Vorurteil und übler Meinung Ihnen gegenüber neun Jahre hindurch festgehalten ; nur in einem dunklen Punkt , in Ihrem unseligen Haß und Starrsinn , sind Sie das ungebärdige Kind geblieben , das einst meine ganze Härte und Strenge herausgefordert hat ! « Felicitas war ihm wieder einige Schritte näher getreten . Der Mondschein überstrahlte voll ihre Gestalt . So wie sie dastand , den Kopf stolz über die Schulter nach ihm zurückbiegend , während das Gesicht mit den strenggeschlossenen Lippen noch tiefer erblaßte , lag etwas unerbittlich Feindseliges in der ganzen Erscheinung . » Bei den Krankheiten des menschlichen Körpers forschen Sie zuerst nach der Ursache , ehe Sie sich ein Urteil bilden - « entgegnete sie . » Aus was aber die sogenannte Ungebärdigkeit der Menschenseele hervorging , die Sie bessern wollten , das hielten Sie nicht der Mühe wert , zu untersuchen ... Sie urteilten blindlings auf Einflüsterungen hin und haben sich damit einer ebenso großen Sünde schuldig gemacht , als wenn Sie durch ärztliche Nachlässigkeit einen Leidenden zu Grunde gehen lassen ... Entreißen Sie einem Menschen sein Ideal , eine ganze erträumte , goldene Zukunft , er wird , und sei er der frömmste und tugendhafteste , im ersten Augenblick sicher nicht die Hände falten und ergeben in den Schoß legen ; wie viel weniger aber ein neunjähriges Kind , das sein Auge unablässig auf den Tag gerichtet hielt , an welchem es einst seine vergötterte Mutter wiedersehen sollte , durch dessen Seele kein Traum , keine Hoffnung ging , die nicht mit diesem Wiedersehen verknüpft gewesen wäre ! « Sie hielt inne , aber über die Lippen des Professors kam kein Wort ; nicht einmal sein Auge war ihr zugewendet . Er hatte anfänglich bei ihrer Beschuldigung einmal rasch und heftig den Arm ausgestreckt , als wolle er sie unterbrechen ; allein je weiter sie sprach , desto unbeweglicher und aufhorchender wurde seine Haltung ; er hob nicht einmal die Hand , um sie über den Bart gleiten zu lassen , eine Bewegung , die er beim Zuhören unablässig zu wiederholen pflegte . » Der Onkel hat mich in jener glückseligen Unwissenheit gelassen , « fuhr sie nach einer Pause fort , » aber er starb und mit ihm das Erbarmen in diesem Hause ... An jenem Morgen war ich zum erstenmal am Grabe meiner Mutter gewesen ; ich hatte abends zuvor ihr schreckliches Ende erfahren - man hatte mir zugleich gesagt , die Spielersfrau sei ein verlorenes Geschöpf , das selbst der allbarmherzige Gott nicht in seinem Himmel dulde - « » Warum sagten Sie mir das alles damals nicht ? « unterbrach sie der Professor dumpf . Felicitas hatte in Rücksicht auf die nebenan schlummernde Kranke mit unterdrückter Stimme gesprochen , dadurch wurde der Ausdruck düsteren Grolles noch verschärft . Sie sprach auch jetzt in dem angenommenen Ton weiter , während sie ihrem Widersacher das schöne , bitterlächelnde Gesicht zuwandte . » Warum ich das damals nicht sagte ? « wiederholte sie . » Weil Sie von vornherein erklärt hatten , die Menschenklasse , aus der ich stamme , sei Ihnen unsäglich zuwider , und der Leichtsinn müsse in meinem Blute stecken . « - Der Professor legte einen Moment die Hand über die Augen . - » So jung ich war und obwohl erst eine einzige große , bittere Erfahrung hinter mir lag , wußte ich doch in jenem Augenblick genau , daß ich kein Erbarmen , kein Mitgefühl finden würde - und haben Sie je Erbarmen , Mitgefühl für das Spielerskind gehabt ? « fragte sie , rasch einen Schritt näher tretend und mit unsäglicher Bitterkeit jedes Wort betonend . » Ist Ihnen je eingefallen , daß das Geschöpf , welches Sie lediglich in das Arbeitsjoch einspannen wollten , doch vielleicht auch Gedanken haben könne ? Haben Sie seine Seele nicht tausendfach gemartert , indem Sie jede nach außen dringende höhere Regung , jeden Ausdruck einer sittlichen Selbständigkeit , jeden Trieb zu eigener Veredelung wie wilde Schößlinge erstickten ? ... Glauben Sie ja nicht , daß ich mit Ihnen rechte , weil Sie mich zur Arbeit erzogen haben - Arbeit , und sei es die strengste und härteste , schändet nie - ich arbeite gern und freudig ; aber daß Sie mich zur willenlosen , dienenden Maschine machen und das geistige Element in mir völlig vernichten wollten , welches doch einzig und allein ein arbeitsvolles