die Gäste zu besorgen . Als sie zurückkam , hatte Bella bereits Mantille und Sonnenschirm abgelegt . Sie saß mit strahlendem Gesichte auf einer Schaukel , die der Vater zwischen zwei Bäumen aufgehangen hatte . Ernst schaukelte sie und schien nicht wenig stolz auf seine neue Spielgefährtin zu sein . » Wahrhaftig , « sagte Reinhard , indem er auf Bella zeigte , die eben jubelnd hoch durch die Lüfte flog , » wer die Kleine heute morgen gesehen hat , mit welch unkindlicher Haltung sie in Herrn von Waldes Zimmer trat , ihn um Verzeihung zu bitten wegen der gestrigen Ungezogenheit , und wie sie zornig und trotzig zu ihm aufsah , als er ihr erklärte , daß er sie nicht eher wiedersehen wolle , als bis sie Fräulein Ferber persönlich um Verzeihung gebeten habe « - hier wurde Elisabeth purpurrot und beschäftigte sich eilends und angelegentlichst mit zwei großen Honigbroten , die sie für Bella und Ernst strich - » der erkennt sie schwerlich wieder dort in dem kleinen Dinge , das die ganze harmlose Kinderfröhlichkeit im Gesichte trägt . « Es war eine genußreiche Stunde , die nun folgte . Miß Mertens zeigte sich als sehr unterrichtet und gebildet , und Reinhard erzählte in höchst anziehender Weise von seinen Reisen und Forschungen . » An die Heimkehr wäre wahrscheinlicherweise noch sehr lange nicht gedacht worden , « schloß er eine interessante Reihenfolge von Mitteilungen über Spanien , » allein verschiedene sehr ungünstige Nachrichten aus Thüringen , die nacheinander einliefen , bewogen Herrn von Walde , einen Riß durch einen kaum entworfenen neuen Reiseplan zu machen ... Dem Herrschsüchtigen passiert es eben manchmal , daß ihn die Begier blind macht ... der unvorsichtig ausgesprochene Wunsch aus zarter , weiblicher Feder : Herr von Walde möge doch den guten , aber nun altersschwachen Ortsgeistlichen in Lindhof pensionieren , weil er stumpf und nicht mehr fähig sei , die Gemüter zu erbauen , setzte jenen unliebsamen Nachrichten die Krone auf und war die Veranlassung , daß sofort die Rückreise angetreten wurde ... Als wir spät abends , in der Nähe von Lindhof Wagen und Chaussee verlassend , das letzte Stückchen Weg durch den Wald zu Fuße zurücklegten , stießen wir noch auf ein allerliebstes Abenteuer ... Merkwürdig , sehen Sie doch , Reinhard , für was halten Sie den Schimmer da droben auf dem alten Gnadeck ? fragte Herr von Walde . Für ein Licht , war meine Antwort . Das müssen wir näher untersuchen , meinte er und stieg aufwärts . Der Punkt wurde immer größer und ergab sich zuletzt zu unserm Erstaunen als zwei hohe , hellerleuchtete Fenster ... Da trippelt es hinter uns leicht den Berg herauf , es flattert weiß durch die Büsche , und plötzlich schwebt ein Etwas auf die mondbeglänzte Lichtung , das ich für ein höheres Wesen halte ... Ich bin der Beherztere , trete näher , immer fürchtend , die Lichtgestalt werde vor dem Hauche meines Mundes zerfließen - wehe , da öffnen sich die Lippen und erzählen von zwei gutgearteten Ziegen und einem allerliebsten Kanarienvogel . « Ein allgemeines Gelächter folgte dieser Schilderung . » Als wir den Berg wieder hinabstiegen , « fuhr Reinhard fort , » sprach mein Herr keine Silbe ; allein gewisse Anzeichen lassen mich fürchten , daß ich damals nicht von Ihnen allein ausgelacht worden bin ... Es wäre wahrlich nicht vom Uebel gewesen , wenn Sie uns als gute Fee begleitet hätten ; aber aller Mondesglanz , alle Lieblichkeit blieben droben auf dem Bergrücken , während wir hinunter in den dunklen Thalschoß wandern mußten , wo eine dumpfe Schwüle brütete , und wo uns niemand , nicht einmal ein erwachendes Lüftchen , ein Willkommen in der Heimat entgegentrug ... Im Schlosse Lindhof flogen zahllose Lichter eilig wie Irrwische an den Fenstern vorüber . Der Wagen mit dem Gepäck war vor uns eingetroffen und mußte mit seinem Rädergerolle ähnliche Wirkung hervorgebracht haben , wie man dem Donner beim jüngsten Gerichte dereinst zuschreibt , denn es herrschte eine solche Aufregung in dem Hause , als wir eintraten , daß ich am liebsten meine Schritte wieder hinweggelenkt und mein müdes Haupt unter den ersten , besten , stilldunklen Busch gebettet hätte ... Der einzige , der inmitten des aufgescheuchten Ameisenschwarmes einen bewunderungswürdigen Gleichmut zur Schau trug , war Herr Kandidat Möhring . Er hatte sich schleunigst in eine weiße Halsbinde geworfen und empfing den Herrn des Hauses mit einer salbungsvollen , wohlgesetzten Rede am Fuße der Treppe . « » Das Regiment dieses gestrengen Herrn ist wohl jetzt zu Ende ? « fragte der Oberförster . » Jawohl - Gott sei Dank ! « entgegnete Miß Mertens . » Er wird in der Kürze Lindhof ganz und gar verlassen - die Frau Baronin Lessen hat ihm durch ihren Einfluß eine gute Predigerstelle verschafft ... Er konnte es nicht ertragen , so plötzlich in das Nichts zurücksinken zu müssen , da , wo er geherrscht hatte . Ich glaube es ihm ; denn wie hat er geherrscht - mit der ganzen Verfolgungswut des Tyrannen , der alles unter seine Füße zu bringen sucht ... Nicht ein Gedanke sollte mehr in seinem Bereiche gedacht werden ohne seine Zustimmung , und während er seine Herrin kriechend anlächelte , hielt er ihr seine eiserne Faust auf den Nacken . Alle , ohne Ausnahme , im Hause mußten die Gedanken und Empfindungen niederschreiben , die sie tags über bei ihrer Berufserfüllung gehabt hatten ... Ich sehe noch die armen Hausmädchen , denen schon ein kleiner Brief an die Ihrigen ungleich saurer wurde , als ein angestrengter Bügeltag , wie sie an den Winterabenden in der kaltgewordenen Stube saßen und , die Feder zwischen ungelenken , todmüden Fingern haltend , in ihrem armen Kopfe einige Phrasen mühsam zusammensuchten . Ja , wenn der Herr Kandidat so gearbeitet hätte , wie ich heute den ganzen Tag , flüsterte dann wohl auch hier und da eine mit scheuer Stimme , aber im tiefsten Grolle , da würde ihm das Schreiben wohl vergehen . « » Ja , das will ich auch meinen ! « rief der Oberförster . » Nun sag ' mir einer , ob das nicht die abscheulichste Menschenschinderei ist , die man da unter dem Deckmantel eines gottgefälligen Strebens getrieben hat ! « » Das Schlimmste dabei ist , « sagte Ferber , » daß der Mensch , wenn er nicht sittlich hoch steht , oder einen ganz besonderen Fond von Gutmütigkeit besitzt , nicht allein seinen Quälern , sondern zuletzt auch der Sache grollt , um derentwillen er leiden muß . So entfernt er sich innerlich immer weiter vom Glauben , während er nach außen das Gegenteil zeigen muß ; denn sein Lebensunterhalt hängt von der Maske ab ... das nenne ich Totschlag der Religiosität im Volke . « » Na , es ist gut , daß wenigstens zu uns endlich einer kam , der Kraft und Manneswillen genug hatte , zu gebieten : Bis hierher und nicht weiter ! ... Tausend noch einmal , das kam dahergebraust wie eine Sündflut ! « sagte der Oberförster . » Herr von Walde besitzt aber auch eine Energie , eine moralische Kraft , wie selten ein Mensch , « erwiderte Miß Mertens lebhaft . » Er hat einen verschlossenen Mund , doch einen offenen Blick , und vor diesem Blick erschrickt die Angeberei , und Bosheit und Heuchelei verlieren Mut und Larve . « Mittlerweile hatte Reinhard das Gemäuer des alten verfallenen Schloßflügels aufmerksam betrachtet , der nach Süden hin den Garten begrenzte . Es war ein höchst unregelmäßiger Bau . Drei ungeheure Spitzbogenfenster von tadelloser Form erhoben sich ungefähr sechs Fuß über dem Boden und stiegen durch zwei Stockwerke in die Höhe . Dicht neben ihnen trat eine Art Erker weit in den Garten herein und bildete eine tiefe Ecke ; eine mächtige Steineiche erhob sich zwischen den zwei Mauern und streckte einzelne Aeste durch die zwei nächsten , scheibenlosen Fenster in den kühlen , luftigen Raum hinein , der einst die Schloßkapelle vorgestellt hatte , und den man auf eine bedeutende Zuhörerschaft berechnet haben mußte , denn er nahm die ganze Tiefe des Flügels in Anspruch . Den genannten Fenstern lagen drei ganz gleiche gegenüber ; sie waren Sturm und Wetter weniger preisgegeben und hatten oben in den feingemeißelten Steinrosetten einige bunte Glasstückchen bewahrt . Hinter ihnen erschien der düstere Hof mit seinen zusammensinkenden , gespenstigen Mauern wie ein in Grau gemaltes Bild . Die Gartenseite des Flügels sah buntscheckig genug aus . Die schrankenloseste Willkür hatte Fenster und Zierraten von allen Sorten zusammengewürfelt ; diesem Aeußeren nach mußte das große Gebäude ein wahres Labyrinth von Gemächern , Gängen und Treppen in sich schließen . Der Erker war es zumeist , der den Bau gefahrdrohend erscheinen ließ . Er neigte sich bedenklich seitwärts und schien auf den Moment zu lauern , wo er das blühende Leben der Eiche unter seinen Steinmassen begraben würde . Er hatte sich übrigens kokett einen lebensfrischen Mantel über seine gebrechlichen Glieder gebreitet , ein undurchdringliches Epheugespinst umwob ihn vom Boden bis zu dem zerklüfteten Dachstuhle und ließ weder Fenster noch Risse und Sprünge in dem Mauerwerke sehen . Einzelne Ranken waren hinter der Eiche vorüber geschlüpft , sie kletterten an den gelockerten Mauersteinen der Hauptfronte in die Höhe und umarmten keck die allerorten angebrachten Steinwappen , die grämlich genug unter dem aufgedrungenen Schmucke hervorsahen . » Ich habe , « sagte Ferber , » bald nach meiner Hierherkunft gerade diesen Flügel , soweit es möglich , zu durchforschen gesucht , denn er interessiert mich seiner eigentümlichen Bauart wegen ; allein ich kam nicht weiter , als in die Kapelle , und auch hier erschien mir das Verweilen gefährlich . Sie sehen , das ganze obere Stockwerk ist eingestürzt ; die Wucht der Trümmer hat den Plafond der kleinen Kirche tief niedergesenkt , so daß man meint , er müsse bei der leisesten Luftschwingung herniederstürzen . Der Erker ist erst in den letzten Wochen so hinfällig geworden , und zwar infolge mehrerer Gewitterstürme . Er muß entfernt werden , weil uns sonst ein Teil des Gartens unzugänglich bleibt . Hätte ich Arbeiter bekommen können , so wäre er schon abgetragen . « Nach dieser Schilderung verspürte Reinhard , wie er sich ausdrückte , weiter keinen Appetit , in den Ruinen umherzuwandeln . Desto mehr interessierte ihn der Zwischenbau , und auf diese Aeußerung hin erhob sich Ferber , um seinen Gästen die Wohnung zu zeigen . Zuerst aber wurde der hinter ihnen liegende Damm bestiegen . Ferber war sehr geschickt und thätig , er benutzte jede freie Stunde zur Verschönerung seines neuen Besitztums . Die Stufen , die auf die Höhe des Dammes führten , hatte er eigenhändig ausgebessert , sie hoben sich jetzt weiß und glatt von der geschorenen Rasendecke ab , welche duftig grün die Schrägseite des Erdaufwurfes bedeckte . Droben das ziemlich breite Plateau war mit frischem Kiese bestreut , und in der Mitte desselben , dicht an dem Gezweige der Linden , die sich unten über dem Bassin wölbten , stand eine Gruppe selbstgezimmerter weißer Gartenmöbel . Während die Gesellschaft an der Brüstung lehnte und den sehr beschränkten , aber lieblichen Blick über den hier ziemlich steil abfallenden Berg hinweg in das Thal genoß , erzählte Elisabeth die Geschichte von Sabines Urahne ; denn ohne Zweifel war der Damm der Schauplatz des Ereignisses gewesen . » Brr ! « sagte Reinhard , sich schüttelnd . » Ich danke für einen solchen Luftsprung . Die Mauer ist hoch , und wenn ich mir da , wo jetzt die grüne Moosdecke liegt , das trübe , schlammige Wasser eines Schloßgrabens voller Frösche und Kröten denke , da ist mir der Entschluß , hinabzuspringen , geradezu unfaßlich . « » Nun , « sagte Miß Mertens , » die Verzweiflung hat manchen auf noch gräßlichere Weise den Tod suchen lassen . « In dem Augenblicke war es Elisabeth , als hafte auf ihrem Gesichte abermals der Blick voll Glut und Leidenschaft , mit welchem Hollfeld gestern auf sie zugeeilt war ... sie gedachte des Abscheues , den sie bei seiner Berührung empfunden hatte , und meinte innerlich , es sei nicht so schwer , sich in den Zustand der Verfolgten zu denken . » Na , Kind , « weckte sie der Onkel aus ihrem Nachsinnen , » willst du da drunten das Gras wachsen hören , weil du so lautlos stehen bleibst ! « Vor seinen klaren Augen und der kräftigen , biederen Stimme verflog im Nu das Grauen . » Nein , Onkel , « entgegnete sie lachend , » den Versuch will ich doch lieber bleiben lassen , wenn ich mir auch einbilde , für das Leben und Weben in der Natur ganz besondere Augen und Ohren zu haben . « Er nahm sie bei der Hand und führte sie den anderen nach , die eben das Haus betraten . Oben an der Treppe kam Bella auf Miß Mertens zugelaufen ; sie hatte in der einen Hand verschiedene Bilderbücher , und mit der anderen zog sie ihre Gouvernante in Elisabeths Zimmer . » Denken Sie sich , Miß Mertens , hier oben sieht man doch unser Schloß ! « rief sie . Der Begriff vom Eigentumsrechte in dieser Richtung hin saß fest in ihrem Köpfchen ; kein Wunder , die Art und Weise , wie die Mama das Zepter bisher geführt hatte , ließen ja selbst die Erwachsenen nicht im Zweifel , daß sie sich als die unumschränkte Herrin in Lindhof ansehe . » Sehen Sie dort unten den Weg ? « fuhr Bella lebhaft fort , » da ist eben Onkel Rudolf vorübergeritten . Er hat mich erkannt und mir mit der Hand zugewinkt ; die Mama wird froh sein , daß er wieder gut mit mir ist . « Miß Mertens ermahnte sie , nun aber auch hübsch artig zu bleiben , jetzt aber Hut und Mantel zu holen , denn es sei Zeit aufzubrechen . Elisabeth und Ernst begleiteten sie bis an den Park . » Wir haben uns zu lange aufgehalten , « bemerkte Miß Mertens mit besorgtem Gesichte , als sie am Mauerpförtchen von Ferbers Abschied genommen hatte und herauf auf die Waldblöße trat . » Ich mache mich für heute noch auf Sturm und böses Wetter gefaßt . « » Sie meinen , die Baronin werde ungehalten sein über Ihr langes Ausbleiben ? « » Ohne Zweifel . « » Nun , lassen Sie sich dies trotz alledem nicht reuen ... Wir haben jedenfalls einen reizenden Nachmittag verlebt , « meinte Reinhard heiter . Die Kinder waren Hand in Hand vorausgegangen und verschwanden hier und da seitwärts im Gebüsche , um Blumen zu suchen . Hektor , der seinem Herrn untreu geworden war und sich der Gesellschaft angeschlossen hatte , sprang lustig mit ihnen hin und her , wobei er jedoch nicht unterließ , dann und wann zu Elisabeth - der Dame seines Herzens , wie der Onkel immer sagte - zurückzukehren , um sich den Kopf streicheln zu lassen . Plötzlich stutzte er und blieb mitten im Wege stehen . Man war bereits in der Nähe des Parkes ; durch das Gebüsch schimmerte das leuchtende Grün der Rasenflächen herauf , und das Plätschern der nächsten Fontäne wurde hörbar . Hektor hatte etwas entdeckt , und das war eine weibliche Gestalt , die mit hastigen Schritten den Hinabwandelnden entgegenkam . Elisabeth erkannte sie sogleich als die stumme Bertha , obgleich ihr die ganze Erscheinung merkwürdig verändert erschien . Das junge Mädchen mußte keine Ahnung von der Nähe anderer haben , denn sie gestikulierte im Weiterschreiten heftig mit den Armen ; eine dunkle Röte bedeckte ihre Wangen , die Augenbrauen waren wie im tiefsten Seelenschmerze zusammengezogen , und die Lippen bewegten sich im leisen Selbstgespräche . Das weiße , blumengeschmückte Hütchen war von den Flechten herabgesunken und hing mittels der Bänder am Halse ; infolge der heftigen Bewegungen jedoch lösten sich auch diese , und es fiel auf den Boden , ohne daß die Eigentümerin es bemerkte . Sie lief vorwärts , und erst in dem Augenblicke , als sie dicht vor Elisabeth stand , schlug sie die Augen auf . Entsetzt , als habe sie auf eine Natter getreten , fuhr sie zurück . In dem Momente aber auch verwandelte sich ihr schmerzlicher Gesichtsausdruck in den der tiefsten Erbitterung . Ihre Augen sprühten Haß , ihre Hände ballten sich krampfhaft , während ein zischender Laut über die Lippen glitt ; es sah aus , als wolle sie sich wütend auf das junge Mädchen stürzen ... ... Reinhard stand sofort neben Elisabeth und zog sie einen Schritt zurück . Als Bertha ihn erblickte , stieß sie einen leisen Schrei aus und rannte blindlings in das Gebüsch , durch welches sie sich gewaltsam Bahn brach , obgleich ihre Kleider an den Dornen hängen blieben und niederhängende Aeste gegen ihre Stirn schlugen ... in wenig Augenblicken war sie im Dickicht verschwunden . » Das war ja die Bertha aus dem Forsthause ! ? « rief Miß Mertens erstaunt . » Was muß ihr geschehen sein ? « » Ja , was mag vorgefallen sein ? « wiederholte Reinhard . » Die junge Person war in einer furchtbaren Aufregung , schien aber erst in die höchste Wut zu geraten bei Ihrem Anblicke , « wandte er sich an Elisabeth . » Sie ist Ihnen verwandt ? « » Eigentlich nicht , « entgegnete das junge Mädchen , » denn sie steht nicht einmal meinem Onkel in dieser Beziehung sehr nahe . Ebensowenig ist sie mir bekannt . Sie hat meine Nähe von Anfang an konsequent gemieden , obgleich ich einen freundschaftlichen Verkehr mit ihr eine Zeitlang sehr gewünscht habe ... Es ist klar , daß sie mich haßt , aber ich weiß nicht , weshalb ; das müßte mich eigentlich betrüben , allein ihr Charakter gefällt mir zu wenig , als daß ich einen besonderen Wert auf ihre Gesinnung gegen mich legen möchte . « » Zum Henker auch , Kindchen , da ist nicht allein mehr von Gesinnung die Rede ! ... Die kleine Furie hätte Sie am liebsten mit den Zähnen zerrissen . « » Ich fürchte mich nicht vor ihr , « erwiderte Elisabeth lächelnd . » Nun , ich möchte Ihnen doch zur Vorsicht raten , « meinte Miß Mertens . » Die kleine Person hat etwas Dämonisches in ihrer Erscheinung ... wo mochte sie nur herkommen ? « » Allem Anscheine nach aus dem Schlosse , « bemerkte Elisabeth , indem sie Berthas Hut aufhob und einige dürre Blätter und Moose von den Klatschrosen abstreifte . » Das glaube ich nicht , « entgegnete Miß Mertens . » Seit sie stumm ist , hat sie merkwürdigerweise auch ihre Besuche in Lindhof eingestellt ... Sie war früher täglich im Schlosse , wohnte den Bibelstunden bei und hatte bei der Baronin einen großen Stein im Brette ... Das alles hat plötzlich ein Ende genommen , ohne daß irgend jemand sagen kann , weshalb . Nur dann und wann habe ich sie auf meinen einsamen Spaziergängen durch den Park schlüpfen sehen , flink wie eine Schlange und für mich ebenso unheimlich , wie alle Reptilien . « Die Sprechenden hatten bereits den ersten mit Kies bestreuten Parkpfad betreten , es war Zeit zum Abschiede , der von Besuchern und Besuchten auf das herzlichste genommen wurde . » Höre , Else , « sagte Ernst , als die anderen drei hinter dem nächsten Boskett verschwunden waren , » wir wollen doch einmal sehen , wer von uns beiden zuerst dort an der Ecke sein wird . « Diese Ecke war die Mündung eines schmalen Waldweges , der sich an dem Fuße des Berges hinzog . » Gut , mein Junge ! « lachte Elisabeth und begann zu laufen . Anfangs hielt sie Schritt mit den Beinchen , die tapfer nebenher trippelten und sich mühten , ihr den Vorsprung abzugewinnen ; in der Nähe des Zieles jedoch flog sie , um den Kleinen zu necken , wie eine Feder vorwärts und stand mit einem Schritte mitten im Waldwege , zu ihrem Schrecken aber auch dicht vor einem Pferdekopfe , der sie heftig anschnaubte . Hektor , welcher nebenher gelaufen war , erhob ein lautes Gebell ... Das Pferd machte einen furchtbaren Satz nach rückwärts und stand in einem Nu fast kerzengerade auf den Hinterbeinen . » Zurück ! « rief eine gewaltige Stimme . Elisabeth umfaßte den Knaben , der inzwischen herangekommen war , und sprang seitwärts mit ihm ; fast in demselben Momente stürzte das Pferd aus dem Walde hervor und brauste , mit seinen Hufen kaum die Erde berührend , querfeldein ... Herr von Walde ritt das scheu gewordene Tier , das die gewaltigsten Anstrengungen machte , seinen Reiter abzuwerfen ; aber er saß fest wie eine Mauer , nur einmal bog er sich herab und hieb mit der Gerte nach Hektor , der in tollen Sprüngen auf und ab jagte und das Pferd durch sein Gebell immer wilder machte . Eine Weile zerstampfte der Renner den großen Rasenplatz , dann wendete er sich plötzlich seitwärts und verschwand jenseits im Walde . Elisabeth fühlte , wie ihr die Zähne zusammenschlugen in namenloser Angst , denn nun zweifelte sie keinen Augenblick mehr , daß ein Unglück geschehen müsse . Sie nahm Ernst bei der Hand und wollte nach dem Schlosse laufen , um Hilfe zu holen , allein schon nach wenigen Schritten sah sie den Reiter zurückkehren . Das Tier war ruhiger , der Schaum floß vom Gebisse , und Elisabeth sah , wie die Beine des Pferdes zitterten . Herr von Walde klopfte es liebkosend auf den Hals , sprang herab und band es an einen Baum , dann schritt er auf Elisabeth zu . » Verzeihen Sie ! « sagte das junge Mädchen mit bebender Stimme , als er vor ihr stand . » Was denn , mein Kind ? « entgegnete er mild . » Sie haben ja nichts verbrochen ... Kommen Sie , setzen Sie sich ein wenig hier auf die Bank ... Sie haben sich erschreckt und sind totenblaß geworden . « Er machte eine Bewegung , als wolle er ihre Hand ergreifen und sie führen , aber sein Arm sank sogleich wieder herab . Elisabeth folgt mechanisch seinem Geheiße , er setzte sich ohne weiteres neben sie . Der kleine Ernst lehnte sich an seine Schwester und sah Herrn von Walde mit seinen großen , schönen Augen unverwandt ins Gesicht . Der Kleine war nur einen Moment erschrocken gewesen , als das Pferd unvermutet aus dem Walde hervorkam ; das Umherjagen auf der Wiese aber hatte ihn amüsiert , denn er hatte keine Ahnung von der Gefahr . » Was hatten Sie vor , als Sie vorhin so stürmisch in den Wald einzudringen versuchten ? « fragte Herr von Walde Elisabeth nach einem kurzen Schweigen . Ein schelmisches Lächeln schwebte um die noch immer blassen Lippen des jungen Mädchens . » Ich wurde verfolgt , « antwortete sie . » Von wem ? « » Von diesem hier , « - sie zeigte auf Ernst - » wir sind um die Wette gelaufen . « » Ist der Kleine Ihr Bruder ? « » Ja . « Sie sah dem Knaben zärtlich ins Gesicht und strich mit der Hand über seinen dunklen Lockenkopf . » Und sie ist meine einzige Schwester , « bemerkte der Kleine mit großem Nachdrucke . » So - nun , wie es scheint , verträgst du dich sehr gut mit dieser einzigen Schwester ? « sagte Herr von Walde . » O ja , ich habe sie sehr lieb ... sie spielt mit mir gerade wie ein Junge . « » Wirklich ? « fragte Herr von Walde . » Wenn ich exerzieren will , dann setzt sie sich einen ebensolchen Papierhut auf , wie sie mir einen macht , und trommelt durch den Garten , solange ich will . Vorm Schlafengehen erzählt sie mir Geschichten und streicht mir auch die Butterbrote viel dicker als Mama . « Ein heiteres Lächeln glitt über Herrn von Waldes Gesicht . Elisabeth sah es zum erstenmal und fand , daß es seine Züge , deren tiefen Ernst sie für unverwischbar gehalten hatte , unbeschreiblich anziehend machte ... es kam ihr vor , wie der klare Sonnenglanz , der unerwartet über einen wolkendüsteren Himmel hinfliegt . » Du hast recht , mein Junge , « sagte er und zog den Kleinen zu sich hinüber , » das sind ohne Zweifel anerkennenswerte Eigenschaften ; aber wird sie nie böse ? « fragte er weiter , indem er auf Elisabeth zeigte , die wie ein Kind lachte , denn Ernsts Mitteilungen erschienen ihr urkomisch . » Nein , böse niemals , « antwortete der Knabe , » nur ernsthaft manchmal , und dann spielt sie immer Klavier . « » Aber Ernst ... « » O ja , Else , « fiel ihr der Kleine eifrig ins Wort , » weißt du noch , in B. , wo wir so arm waren ? « » Nun , da magst du freilich recht haben , « erwiderte das junge Mädchen unbefangen , » aber das war doch nur in der Zeit , wo Papa und Mama allein sich abmühen und für das tägliche Brot arbeiten mußten , später wurde es ja besser . « » Aber Sie spielen noch Klavier ? « » Ja , « entgegnete Elisabeth lachend , » jedoch nicht mehr in dem Sinne , wie Ernst es meint , die Meinen sind ja versorgt . « » Und Sie ? « forschte Herr von Walde weiter . » Nun , ich ? Ich habe den Mut , es mit dem Leben aufzunehmen und ihm das abzuringen , was zu meiner Selbständigkeit nötig ist . « » Wie wollen Sie das anfangen ? « » Ich werde im nächsten Jahre eine Stelle als Erzieherin annehmen . « » Schreckt Sie Miß Mertens ' Beispiel nicht zurück ? « » Ganz und gar nicht ... Ich bin nicht so schwach , ein müheloses Brot zu wünschen , wo ich Tausende in meinen Verhältnissen mutig die Last der Dienstbarkeit auf sich nehmen sehe . « » Hier handelt es sich aber nicht allein um die Arbeit , sondern auch um das Ertragen und Dulden ... Sie sind stolz ; nicht allein Ihr Gesicht in diesem Augenblicke , sondern auch Ihre gestern ausgesprochenen Ansichten beweisen es . « » Nun ja , es mag Stolz sein , daß ich die Menschenwürde höher stelle , als jene Aeußerlichkeiten , die der Egoismus erfunden hat und aufrecht erhält - aber ebendeshalb glaube ich auch , daß ein Mensch den andern nur insofern demütigen kann , als er , moralisch und geistig hochstehend , ihm unerreichbar erscheint - niemals aber durch erniedrigende Behandlung . « » Und Sie glauben sich durch diese Ansicht gestählt gegen alle jene großen und kleinen Leiden , die eine launenhafte , herzlose Herrin über Sie verhängen kann ? « » O nein , aber ich werde mit ihr den Kopf oben behalten . « Es entstand eine kleine Pause , während welcher Ernst sich dem Pferde näherte und dasselbe mit großer Aufmerksamkeit betrachtete . » Aus Ihren gestrigen Reden schloß ich , daß Sie Ihre jetzige Heimat lieben , « begann Herr von Walde wieder . » Ja , unbeschreiblich . « » Nun , ich begreife das ; denn wir haben hier das schönste Stück Thüringens ... Wie ist es Ihnen dann aber möglich , den Gedanken so leicht zu nehmen , daß Sie wieder gehen müssen ? « » Leicht wird es mir auch durchaus nicht , im Gegenteil , aber mein Vater hat mich gelehrt , daß man stets das Notwendige über die Annehmlichkeit stellen müsse , und das begreife ich vollkommen ... weniger klar dagegen ist es mir , wie man die Annehmlichkeit verlassen kann , ohne daß es die Notwendigkeit gebietet . « » Ah , das gilt mir ! ... Sie fassen es nicht , daß ein Mensch freiwillig in den dumpfen Pyramiden steckt , während er im kühlen sonnigen Thüringen atmen könnte . « Elisabeth fühlte , wie ihr eine brennende Röte in das Gesicht stieg . Herr von Walde berührte hier mit leichtem Humor jenes scherzhafte Gespräch zwischen ihr und dem Onkel , dessen unfreiwilliger Zuhörer er gewesen war . » Wenn ich Ihnen das auch begreiflich machen wollte , Sie würden mich doch nicht verstehen ; denn , wie mir scheint , vermissen Sie ja noch nichts im Kreise der Ihrigen ? « fragte er nach kurzem Schweigen . Er hatte sich vorwärts geneigt und strich mechanisch mit der Spitze der Reitgerte über den Kies zu seinen Füßen ... Er sprach in jenen tiefen Tönen , die stets etwas Ergreifendes für Elisabeth hatten . » Aber es kommt die Zeit , « fuhr er fort , » da flieht man hinaus in die Welt , um draußen zu vergessen , daß daheim das Glück fehlt ... Eine schmerzlich empfundene Lücke in seinem Dasein kann der Mann , wenn auch nicht ausfüllen , so doch am besten in den Hintergrund drängen , wenn er sich in die Wissenschaft versenkt . « Also hier stand sie vor der wunden Stelle in seinem Herzen ... Er fühlte tief , daß ihn daheim die Liebe nicht empfing , die er lebhaft wünschte , und die er auch mit vollstem Rechte beanspruchen konnte , da er seiner Schwester die reinste , aufopferndste Zärtlichkeit unausgesetzt bewies . Diesen Schmerz hatte ja Elisabeth schon begriffen , noch bevor sie Herrn von Walde kannte . In dem Augenblicke aber , als er ihn so unumwunden aussprach , wallte ihr das Herz auf in dem lebhaften Verlangen , ihn zu trösten . Die Worte des Mitgefühls drängten sich ihr fast auf die Lippen ; aber zugleich empfand sie eine unerklärliche Scheu , das auszusprechen ,