wenn er ihres Beistandes bedürfe oder sich sonst in ungewöhnlichen Lebenslagen befinde . Gewiß ! sagte der Caplan , davon bin ich überzeugt ! Es ist kein Wandel in dem Unwandelbaren , und was Gott einst in seinem Erbarmen für die Menschheit gethan hat , das kann und muß sich bei dem gleichen Anlasse immer wiederholen . Angelika sah ihn ernsthaft an . Sie glauben also an wunderbare Ereignisse , an wunderbare Zeichen ? forschte sie weiter . Unbedenklich ! versicherte er ihr . Aber was bewegt Sie zu diesen Fragen , meine gnädige Frau ? Sie antwortete ihm nicht darauf ; sie wollte jedoch wissen , ob er je etwas der Art erlebt , ob er irgend eine Erfahrung gemacht habe , welche seine Aussage bestätigen oder einen Beweis für die Lehren von dem geistigen Zusammenhange der Todten mit den Lebenden gewähren könne . Er zögerte eine Weile , indeß er sah die Spannung , mit welcher sie an seinem Mund hing , und mit feierlichem Ernste sagte er : Es begegnet , des bin ich sicher , nicht eben oftmals , daß die Gottheit es für nöthig findet , dem Menschen durch ein sichtbares Zeichen ihrer Vorsehung und Allgegenwärtigkeit zu Hülfe zu kommen ; wo es aber geschieht , da hat man es als die höchste Gnade anzusehen , und wem es begegnet , dem legt es die doppelte Pflicht der eigenen Heiligung und der Werkthätigkeit für Andere auf . Mir ist diese Gnade einst geworden , als ich auf dem Wege war , sie weniger denn jemals zu verdienen . Die Gehobenheit , mit welcher er sprach , umleuchtete sein edles Antlitz und seine ganze würdige Gestalt , daß Angelika der Raum des Zimmers durch sein bloßes Dasein wie geweiht schien . Es wurde ihr feierlich zu Muthe , als befinde sie sich in der Kirche , und es war nicht Neugierde , sondern ein heißes Verlangen nach Wahrheit , daß sie zu der Bitte antrieb , der Caplan möge ihr , wenn er das könne , mittheilen , was ihm einst widerfahren sei . Ja , versetzte er nach kurzem Schweigen , das will ich thun . Sie sollen vernehmen , was bisher Niemand von mir gehört hat , und wovon jetzt kein Lebender außer mir noch Zeugniß geben kann . Ich will es thun , so schwer es mir auch ankommt , von den Verirrungen meiner Jugend zu sprechen . Nur im büßenden Gebete hatte ich seit langen Jahren jener Zeiten noch gedacht , und ich hatte nicht gemeint , daß jemals wieder über meine Lippen kommen würde , was ich einst in bitterer Reue dem verschwiegenen Ohre meines Seelsorgers und Beichtvaters anvertraut , um durch ihn Vergebung für eine Sünde zu erlangen , welche für mich , für den geweihten Priester unseres Gottes schwerer als für einen Andern in die Wage des Gerichtes fiel . Aber es erscheint mir als eine Mahnung des Herrn , daß ich veranlaßt werde , noch einmal vor einem Andern mich meiner Schuld zu zeihen . Gott will , ich soll sie nicht begraben in meines Herzens stillem Schrein , ich soll mich zu meiner Schuld bekennen , vor denen , mit denen ich lebe , sie sollen mich kennen in meiner ganzen menschlichen Gebrechlichkeit , damit sie es immerdar empfinden , daß es der Herr ist und nicht ich , der in mir wirkt und schafft , wenn ich sie zu erheben trachte . Und - die Wege des Allweisen sind so unerforschlich ! Wer will es sagen , zu welchem Zwecke er jene schmerzlichen Erinnerungen wieder so lebhaft in den Vorgrund meiner Seele drängt ? Weshalb mir der Glaube so gebieterisch das Herz erfaßt , ich müsse eben zu Ihnen und eben zu dieser Stunde davon reden ? - Er hielt inne , als bedürfe er der Sammlung , und fing dann mit unverkennbarer Selbstüberwindung seine Erzählung also an : Ich hatte eben die priesterlichen Weihen erhalten , als ich in das freiherrliche Haus , in das Vaterhaus Ihres Herrn Gemahls eintrat . Aus der Abgeschiedenheit des Collegiums , aus der Stille und Zurückgezogenheit , an die ich gewohnt war , sah ich mich in einen viel bewegten , glänzenden Haushalt versetzt . Ich hatte bis dahin nur zu lernen und zu gehorchen gehabt ; jetzt sollte ich Lehrer , Führer und Leiter eines lebhaften Jünglings werden , der mir an Jahren nur wenig untergeordnet , an Lebenserfahrungen aller Art mir weit vorauf war . Wollte ich leisten , was man von mir erwartete , so bedurfte es des festen Willens von meiner Seite und des festen Glaubens , daß wir von der Vorsehung an keinen Platz gestellt werden , den auszufüllen über unsere Macht geht . Der Wille und der Glaube fehlten mir nicht ; ich arbeitete an mir selbst , ich erzog mich , um ein Erzieher zu werden , und die Familie , der ich diente , war mit mir zufrieden , zufrieden , wie ich selbst es mit mir war . Man bewies mir ein ehrenvolles Vertrauen , die Eltern meines Zöglings behandelten mich wie einen Anverwandten , seine Schwester war für mich selbst wie eine Schwester freundlich . - Er machte eine Pause , und die Baronin glaubte zu bemerken , daß eine Röthe das Antlitz des würdigen Mannes überflog , als er seine Erzählung wieder aufnahm . Sie haben das Bild von Fräulein Amanda in Ihrem Zimmer , gnädige Frau . So wie der Maler sie dort geschildert hat , so sah sie aus , als ich sie zuerst erblickte , so edel und so ernst , so sanft und so mild . Sie war achtzehn Jahre alt . Man hatte sie den sämmtlichen Unterricht ihres nur um ein Jahr jüngeren Bruders theilen lassen , und man vergönnte mir , auch ihr Lehrer zu werden , aber mehr als das , wir wurden - oder wir glaubten , Freunde zu werden . Um ihr Neues zu bieten , um ihren Antheil zu gewinnen , wurde ich eifriger als je in meinen Studien . Ein leidenschaftliches Verlangen und ein Durst nach Wissen und nach Erkenntniß der Wahrheit bemächtigten sich meiner , ich wollte dem genügen , was Fräulein Amanda von sich selber verlangte , was sie in mir voraussetzte . Es giebt nichts Großes , nichts Heiliges , das uns nicht bewegte , nichts Edles , nach dem wir nicht strebten . Wir fühlten uns frei einander gegenüber , und wir trennten uns wie Freunde und Geschwister sich trennen , als der junge Freiherr seine Reisen antrat , auf denen ich ihn begleiten sollte . Es war ausgemacht worden , daß ich dem Fräulein schreiben dürfe . Niemand hatte ein Arg daran , am wenigstens wir selber . Ich wußte , daß alle meine Briefe von der Mutter gelesen wurden , ich vermuthete , daß sie auch die Antworten ihrer Tochter an mich las , und doch blühten auf der offenen Heerstraße dieses Briefwechsels die Blumen auf , deren Duft uns den Sinn verwirrte , deren Ranken uns umstrickten . Der junge Baron und ich , wir blieben zwei Jahre im Auslande . Voll Freude und Zuversicht kehrten wir in die Heimath zurück , aber es war vorüber mit dem friedensvollen Glücke , das ich vor der Reise in dem freiherrlichen Hause genossen . Ich hatte nicht mehr das Herz , dem Fräulein wie sonst zu begegnen , ihr fehlte der Muth , mir zu nahen ; wir vermieden einander . Ich fragte mich nicht , was geschehen sei ; jeder Athemzug sagte es mir . Die Trennung von ihr hatte eine wilde Leidenschaft in mir angeregt , eine Leidenschaft , die in doppeltem Sinne für mich eine Sünde in sich schloß . In heißen Kämpfen , in brünstigen Gebeten rang ich nach Frieden . Er wollte mir nicht kommen . Ich mußte die Ursache meiner Leiden fliehen . Ich forderte meine Entlassung . Baron Franz bedurfte meiner Begleitung auch ferner in der That nicht mehr . In den Tagen fand sich ein Bewerber um des Fräuleins Hand . Amanda bewies sich demselben nicht geneigt . Ahnungslos , nur an das Zutrauen denkend , das die Tochter mir gewährte , wandten die Eltern , welche diese Verbindung wünschten , sich an mich . Ich sollte Amanda bestimmen , dem Verlangen ihrer Eltern nachzugeben , und ich beschloß , da ich selbst den Mann hoch schätzte , der das Fräulein zur Frau begehrte , die schwere Pflicht , die man mir auferlegte , als erste Buße über mich zu nehmen . Ich betete auf meinen Knieen um die Kraft der Selbstbeherrschung , und Gott schenkte sie mir . Ich bezwang mein Herz , ich konnte Amanda sagen , was man von ihr verlangte und was zu Gunsten ihres Bewerbers sprach . Ich rieth ihr , dem Wunsche ihrer Eltern nachzukommen ; ich rieth ihr , den Weg zu gehen , auf den die Vorsehung sie führen zu wollen schien . Sie hörte mich an , still aber entsetzt , als spräche ich eine Gotteslästerung aus . Ihre Augen füllten sich mit Thränen , und die Hände vor der Brust faltend , fragte sie mich mit strafendem Tone : Das verlangen Sie , grade Sie von mir ? Das wagen Sie mir als Tugend , als Pflichterfüllung vorzuzeichnen ? Und als ich verwirrt und sprachlos vor ihr stand , hob sie ihre gefalteten Hände gegen mich empor und fragte schluchzend : Giebt es denn keinen Ausweg aus dem unheilvollen Labyrinthe , keinen Ausweg als den Meineid , an dem der Mensch zeitlich und ewig zu Grunde gehen muß ? Und wieder schwieg der Caplan . Angelika reichte ihm die Hand ; er drückte sie ihr leise und fuhr dann fort : Der Stunde folgte eine Zeit voll schwerer Verblendung , voll großer Noth , voll tiefer Verwirrung . Als Selbstüberwinder , wenn auch herzzerrissen , gingen wir beide daraus hervor . Ich verließ das Haus , Amanda verlangte in ein Kloster einzutreten . Die Zärtlichkeit der Eltern , die Vorsicht des Arztes wollten davon nicht hören , denn ihr Körper war dem Seelenleiden nicht gewachsen ; sie verzehrte sich in ihrem Schmerze . - Niemand wußte , was ihr fehle ; wir hatten einander ewige Trennung und ewiges Schweigen gelobt . Ich hörte nichts von ihr , als in den seltenen Fällen , in denen Baron Franz mir schrieb und ihrer Erwähnung that . Aber er lebte damals nicht im Vaterhause und hatte auch nur brieflich Nachricht von der Schwester . Drei Jahre waren so hingegangen , fuhr der Caplan fort ; ich kehrte von einer Missionsreise aus dem Innern von Südamerika zurück , als ich von Amanda ' s Vater die Anfrage erhielt , ob ich mich entschließen könne , seine Frau und Tochter auf einer Reise zu begleiten . Ein furchtbarer Schrecken kam über mich . Ich wußte , wie es stand , da Amanda mich zu sich rief . Ich fuhr Tag und Nacht . Es war früher Morgen , als ich in dem Schlosse eintraf . Alles schlief . Ich befand mich wieder in ihrer Nähe ; ich wagte nicht , nach ihr zu fragen . Als man sich im Hause erhoben hatte , ließ die Baronin mich rufen . Ihre ersten Worte bestätigten mir , was ich bereits wußte . Sie werden mein armes Kind verändert finden , sehr verändert , sagte die Baronin , indeß Gott ist ja allmächtig und kann Wunder thun ! Die Aerzte vertrösten uns auf die Luft des Südens . Meine Tochter theilt unsere Hoffnungen für ihre Genesung nicht , aber sie wünschte Ihre belehrende Begleitung , und wir waren sicher , daß Sie uns nicht fehlen würden , da wir Ihrer nöthig hatten . Eine Stunde später führte man mich zu Amanda . Welch ein Wiedersehen war das ! - Die Reise wurde nach wenig Tagen angetreten . Noch vor dem Beginne des Herbstes erreichten wir Italien , ließen wir uns in Venedig nieder . Ich war immer bei ihr . Niemand wehrte es uns . Sie war freien Geistes , sie fing an , wieder Muth zu fassen , und es schien eine Weile , als kehre das schwindende Leben wirklich noch einmal in sie zurück , als könne das Leiden sich noch besiegen lassen . Aber diese Hoffnung , schwach wie sie war , stürzte meine Seele in den alten Kampf zurück . Die Angst , die Verzweiflung , welche mich bei dem Gedanken an ihren nahen Tod erfüllt hatten , die auftauchende Möglichkeit , sie gerettet zu sehen , die Frage , was dann aus uns werden solle , machten mich fast sinnlos . Meiner selbst nicht mächtig , brach ich das Gelöbniß des Schweigens , das ich ihr einst gegeben hatte , und bekannte ihr , daß es mir nicht möglich sei , in ihrer Nähe zu weilen , ohne zurückzufallen in die sündhafte Verwirrung , der ich mich einst kaum zu entziehen vermocht hatte . Er fuhr sich mit den Händen über die Augen . Dann seufzte er und sagte : Sie hielt eine weiße Rose in ihrer Hand in jener Stunde . Die Rose sank entblättert zur Erde nieder , als ich , vernichtet von Amanden ' s Thränen , um Vergebung flehend , ihre Hand ergriff . Amanda sah trauernd auf mich hin und schwieg , aber sie blieb ruhig und thränenlos . Sie hätten der Rose die paar armen Lebensstunden nicht zerstören sollen ! sagte sie dann endlich . Denken Sie an diese Rose , wenn ich nicht mehr sein werde - und das wird nicht lange auf sich warten lassen ! Sie hatte in den letzten Wochen nicht mehr von ihrem Tode gesprochen , ich beschwor sie , diese düstern Vorstellungen zu verbannen ; sie wollte nicht , daß ich dieselben düster nannte . Der Tod ist für uns kein Leid , er ist ein Engel des Friedens für uns , der uns Erlösung bringt ! sprach sie . Sie müssen mit mir den Himmel dafür danken , daß er mich bald abberufen wird . Wir haben schöne , schöne Tage hier miteinander gelebt , wir werden uns einst rein und geläutert wiedersehen , um unzertrennlich bei einander zu bleiben . Die Spanne Zeit , die noch dazwischen liegt , was ist sie neben der Ewigkeit , die uns erwartet ? Mein Sinn war verdüstert , meine Leidenschaft band mich an die Erde , ich konnte mich zu ihrer Entsagung nicht erheben . Ich konnte meinem Schmerze , meinen Thränen nicht gebieten , ich weinte bitterlich . Sie sah mich lange an . Weinen Sie nicht , sagte sie , ich werde Sie nicht verlassen , ich werde immer bei Ihnen sein , mein Freund ! Was hilft mir das , wenn ich Sie nicht sehe ! rief ich in der Wildheit meines Herzens . Oh ! versetzte sie , und ihr Ton klang mild wie keines andern Menschen Stimme , Sie sollen mich auch sehen , wenn Gott es zuläßt , daß wir den Lebenden erscheinen . Heiligen Sie Ihr Leben ! Leben Sie es im Dienste Gottes und vergessen Sie der weißen Rose nicht ! Sie soll Ihnen ewig eine Mahnung an die menschliche Schwachheit und ein Zeichen meiner Nähe sein . Sind Sie das zufrieden ? Ich hatte keine Antwort , als meinen stummen Schmerz . Sie ließ mich versprechen , daß ich ihr die Augen schließen und täglich für sie beten , daß ich ihre Mutter nicht verlassen , daß ich über ihren Bruder wachen und ihm ein Bruder bleiben wolle . Sie trug mir auf , ihre Asche nach Richten zu schaffen und weiße Rosen pflanzen zu lassen vor der Thüre der Familien-Gruft . Von der Stunde ab war ich Herr geworden über mich für alle Zeit , sagte der Erschütterte mit Ergebung . Im Frühjahr neigte sich ihr Leben zur Ruhe . Der Mai war zu Ende , als sie starb . Ihr Wille geschah . Wir brachten ihr Sterbliches nach der Heimath , ich habe die Rosenbüsche selbst gepflanzt , ich habe auch ihrer Mutter das Auge geschlossen und bin ein Hüter des Grabes geworden , das sie deckt . All mein Wünschen war am Ende , und der Ehrgeiz , das Verlangen nach weltlichem Ansehen und nach weltlicher Macht , die mich sonst zuweilen beseelt , waren damit für immer in mir erloschen . An dem Orte zu weilen , wo sie gelebt hatte , zu wirken , wo ihre Milde gewaltet , das war Alles , was ich begehrte ; und mit inbrünstigem Verlangen , mit täglichem Gebet erwartete ich es , ob sie mir kein Zeichen geben würde . - So kam der Jahrestag ihres Todes heran . Ich hatte an seinem Vorabende lange im Gebet gewacht ; am Morgen eingeschlummert , weckt mich ein Klopfen an der Thüre . Ich rufe herein , ein Knabe aus dem Dorfe kommt in mein Zimmer , und das Erste , was ich erblicke , ist ein Strauß von weißen Rosen , der mir in seiner Hand entgegenwinkt . Er schwieg , von seiner Empfindung überwältigt , und blieb lange in seinen Erinnerungen versunken . Dann richtete er sich empor und sagte mit sanfter Rührung : die weiße Rose hat mich seitdem durch mein ganzes Leben begleitet . Im Wachen und im Traume ist sie mir plötzlich entgegengebracht worden , wenn mein Sinn verdüstert war . Sie hat mich ermahnt und erhoben , und es wird sich ja wohl Jemand finden , sie auch mir einst auf den Sarg zu legen und sie auch auf mein Grab zu pflanzen . Er erhob sich und trat an den Kamin , die Lichter zurecht zu rücken . Mit feuchtem Auge , unfähig , den Empfindungen , die sie bewegten , Worte zu leihen , sah Angelika ihm nach . Sie hatte in den ernsten , stillen Zügen des Caplans diese Vergangenheit nie gelesen ; sie wußte jetzt , was ihn an der Arten ' schen Familie festgehalten , was ihn bewogen hatte , in Richten zu bleiben , ihn , dem eine größere Wirksamkeit nicht hätte fehlen können , wäre er gegangen , sie auf weiterem Felde zu suchen . Von einer Vorstellung zu der anderen , von einem Gedanken zu dem anderen schreitend , fragte sie nach langem Schweigen plötzlich : Und wer war der Knabe , woher brachte er Ihnen jene ersten weißen Rosen ? Er war der Sohn einer Witwe , den Fräulein Esther aus der Taufe gehoben hatte und den ich auf ihren Wunsch in einer gewissen Aufsicht hielt . So war es Fräulein Esther , welche ihnen jene Rosen sendete ? Durchaus nicht ! Die Mutter des Knaben , die ich in einer Krankheit hier und da besucht , schickte sie mir als Erstlinge des Jahres . Und wieder schwieg die Baronin eine Weile ; dann sagte sie : Sie erwähnten der Tante Esther , haben Sie dieselbe näher gekannt ? Ja , versetzte der Caplan . Sie hatte für ihre Nichte die größte Zärtlichkeit , und Amanda hing an ihr mehr noch als an der eigenen Mutter . Auch war sie die Einzige , welcher Amanda , ohne daß ich ' s ahnte , in früher Zeit ihr Geheimniß anvertraut hatte , und fest und treu hat sie es ihr bewahrt . So wußte Tante Esther also auch von der Verheißung der weißen Rose ? Sie hat nie davon gehört ! versicherte der Caplan ; ich selbst habe mich davon überzeugt . Angelika war betroffen . Sie hatte noch während der Erzählung des Caplans mehrmals nach dem Kästchen geblickt , das sie bei seinem Eintreten in der Hand gehabt . Jetzt nahm sie es hervor , schloß es auf , und dem Caplan den Rosenkranz hinreichend , den sie in der Vase in Esther ' s Zimmer gefunden hatte , fragte sie ihn , ob er denselben vielleicht jemals bei der Tante gesehen habe . Gott im Himmel , und grade heute ! Heute grade , da die Geschichte jener Tage zum ersten Mal über meine Lippen kommt ! Heute muß ich dieses Pfand in meinen Händen halten ! rief der Caplan und blickte mit Rührung auf die Perlen nieder . Die Baronin wiederholte die Frage . Sie wollte wissen , von wem die Gegenstände stammten , sie zeigte das Crucifix und das Gebetbuch vor ; der Caplan betrachtete beides lange und still . Daß die Sachen uns so überleben ! sagte er nach einer Weile . Amanda hatte das Gebetbuch mit Rosenkranz und Crucifix von einem der armenischen Mönche auf San Lazzaro bei Venedig zum Geschenk erhalten . Sie fand eine große Erhebung in dem Gedanken , daß schon seit Hunderten von Jahren gläubige Herzen ihr Gebet daran geknüpft , und sie starb mit diesem Rosenkranze in der Hand , mit diesem Crucifix auf ihrer Brust . Die Worte in dem Buche hat sie selbst geschrieben mit letzter Kraft und bebender Hand , als sie mir auftrug , Alles dies nach ihrem Tode ihrer Tante zu senden . Ich würde , hätte ich ' s nicht mit angesehen , ihre klare , feine Schrift sonst nicht in diesen schwankenden Zügen wieder zu erkennen vermögen . - Er hielt das Buch lange in seiner Hand . Dann legte er es nieder und sagte gedankenvoll : Und grade Sie , Frau Baronin , mußten diese Heiligthümer finden ! Grade heute mußte ich dieselben wiedersehen ! - O , wie können Sie zweifeln , daß Gott denen , die er seiner Gnade würdigt , wundervolle Zeichen schickt ? Er sprach nicht weiter , die Baronin fragte nicht weiter . Aber sie löste den kleinen Ring von dem Rosenkranze ab und steckte ihn an ihre Hand , die sie dem Caplan reichte . Denken Sie , mein Freund , sagte sie , wenn Sie dieses Zeichen an meiner Hand erblicken , daß zwei edle Herzen , daß Amanda und Esther mir es zugewendet , daß sie mich Ihrer Gunst damit empfohlen haben , und stehen Sie mir bei , wenn ich einmal - sie sprach die Worte mit tiefer Erschütterung - , wie jene geprüften und bewährten Seelen , einen Stab brauche , mich darauf zu stützen , und ein Licht , mir zu leuchten durch das Dunkel ! Ja , das will ich , versetzte der Caplan ; aber Sie bedürfen meiner nicht . Wer ihn suchet , den Erlöser , der findet ihn ; wer nach seinem Lichte ruft , dem erhellt er den Pfad . Er hat Sie bereits zu sich gerufen ; geben Sie sich ihm zu eigen , und sein Friede wird über Sie kommen hier und dort . Er legte seine Hände segnend auf ihr Haupt und ließ sie zurück in stillem , eifrigem Gebet . Neuntes Capitel Der Winter entschwand auf diese Weise , ohne daß der Baron an die Rückkehr auf das Land gedachte . Er fand Behagen an der Residenz , an der Folge immer neuer Zerstreuungen , und Alles , was er sich noch vor wenig Monaten von seiner Ehe , von seiner Häuslichkeit auf Schloß Richten versprochen hatte , ja , Schloß Richten selbst trat davor so sehr in den Hintergrund , daß es Angelika oftmals bedünken wollte , als mache es ihn unmuthig , wenn man ihn daran erinnere . Ein Mann , der , wie der Baron sein Leben hindurch auf äußere augenblickliche Erfolge gestellt gewesen , findet sich auf die Länge nicht leicht durch die Ruhe in seiner Ehe und in seinem Hause befriedigt , auch wenn er nicht Zerstreuung bedarf , um Vergessenheit dadurch zu erlangen . Endlich , als die Mehrzahl der adeligen Gesellschaft in der Residenz sich anschickte , aus ihrem städtischen Winteraufenthalte wieder auf die Landsitze zurückzukehren , wurden auch in dem freiherrlichen Hause die Anstalten zur Abreise getroffen . Indeß der Baron fand immer noch einen Grund , einen Tag und wieder einen Tag zu zögern , und die Ungeduld seiner Gattin , die sich in die Stille ihres Schlosses hinaussehnte , steigerte sich daran bis zu einem krankhaften Verlangen nach der freien Natur . Als dann aber die Stunde der Abreise herankam , bemerkte der Baron , daß seine Gattin sich mit Wehmuth von dem Hause trennte , in das sie mit Widerstreben eingetreten war . Sie fühlte nicht mehr die Zuversicht zum Leben , sie hatte nicht mehr die volle Hoffnung auf Glück , welche sie an ihrem Hochzeitstage beseelte ; und seit sie dahin gekommen war , an ihren Brautstand und an ihre Jugend wie an eine glücklichere Vergangenheit zurück zu denken , flößte das ererbte Haus , in welchem Alles von einer Vergangenheit sprach , ihr keine sie befremdende Empfindung mehr ein . Zudem war ihr Gutes und Heilsames in dem Hause widerfahren . Sie hatte tiefer in ihr eigenes Innere blicken und sich an einen Helfer wenden lernen , der stärker war , als sie . Sie hatte in dem Caplan einen väterlichen Freund und Berather gefunden und den Glauben gewonnen , daß die verstorbenen Lieben den Lebenden verbunden und nahe bleiben . Das waren so viele Quellen neuen Hoffens , daß sie Muth für ihre Zukunft daraus schöpfte . Und als sie dann endlich sah , mit wie ungeheuchelter Betrübniß Mamsell Marianne von ihr Abschied nahm , als sie dieser immer noch einmal versprechen mußte , sie holen zu lassen , wenn die Baronin ihrer Pflege bedürfe , so schied sie endlich selbst nur mit Thränen und mit dem festen Vorsatze häufiger Wiederkehr von Tante Esther ' s Haus und von den Bildern derselben , die so manchen stillen Seufzer von ihren Lippen gehört , so manche heimlich geweinte Thräne aus ihren Augen hatten fließen lassen . Indeß die Frühlingssonne will im Freien genossen sein , und der Baronin , die von Kindheit an sich in Garten , Feld und Wald bewegt , ging das Herz auf , als die Thore der Residenz endlich hinter ihr lagen und ihr Auge , nicht mehr von den Häuserreihen beschränkt , sich in weiter Ferne ergehen konnte . Je näher sie auf ihrer Reise der Heimath ihres Gatten kamen , um so leichter wurde ihr zu Sinn , ja , sie empfand es in ihrer fröhlichen Erregung kaum , daß die Zufriedenheit ihres Mannes nur eine getheilte war und daß er sich ihrer beginnenden Heiterkeit zwar erfreute , daß die frische , offene Zärtlichkeit , welche sie ihm lange nicht zu zeigen vermocht hatte , ihm zwar Vergnügen bereitete , aber daß er sie im Grunde seines Herzens nicht mit ihr theilte , wie sie es erwartete . Er war nicht mehr derselbe , der er als Bräutigam gewesen war . Gegen den Abend des sechsten Tages erreichten sie die Grenze der Herrschaft Richten . Der Baron machte Angelika darauf aufmerksam , und da sie ihn liebevoll und gerührt umarmte , bewegte es auch ihn . Die Schulzen der Dörfer , die Schullehrer mit der ganzen Kinderschaar hatten sich unter einem für den Empfang der Gutsherrschaft errichteten Ehrenbogen aufgestellt , und der greise Pfarrer selbst war herbeigekommen , der jungen Gutsherrin mit ernster und freundlicher Ansprache an das Herz zu legen , was man von ihr für die Güter und ihre Bewohner erwarte und hoffe . Der Baron , obschon seinen Insassen und Untergebenen ein läßlicher Herr , hatte von jeher solche Akte und Feierlichkeiten als herkömmliche Huldigungen mit einer eben so herkömmlichen Herablassung hingenommen , und was sich etwa bei derlei Anlässen in seinem Gemüthe menschlich geregt , damit hatte er bisher leicht fertig zu werden gewußt . Heute war das anders . Er bemerkte die tiefe Bewegung seiner Frau , er sah ihre Freude darüber , daß sie in Richten war , wo sie weit sicherer heimisch zu werden hoffte als in der Residenz ; es fiel ihm ein , daß diese Kinder um ihn her , die ihn und Angelika hier an der Grenze seiner Herrschaft willkommen hießen , einst den Sohn zum Herrn haben würden , den er von seiner Gemahlin erwartete , und heute hörte er mit anderem Ohr und anderem Herzen zu als sonst . Er war selbst gerührt , er hielt die Hand seines jungen Weibes fest und zärtlich gefaßt , er dachte seit langer Zeit zum ersten Male wieder daran , welch ein reines Herz , welch einen Schatz von Liebe und Güte er in Angelika besitze , ja , er begriff es kaum , weßhalb er alle diese Monate in einer Umgebung mit ihr zugebracht habe , die ihr nicht erwünscht gewesen und durch die sie ihm selbst entzogen worden war . Er fühlte Lust , ihr dies zu sagen , aber er stand davon ab , weil es geheißen hätte , ihr einen Irrthum einzugestehen . Indeß er versprach sich , diesen Irrthum gut zu machen ; er war glücklich , daß dies noch in seiner Macht stand , und in die Zärtlichkeit , mit welcher er Angelika an seine Brust drückte , mischte sich ein stolzes Gefühl , als man bald darauf , nachdem der Wagen das geschmückte Dorf passirt hatte , Schloß Richten auf seiner Höhe vor sich liegen sah . Die Tage waren schon wieder lang , die Sonne noch nicht untergegangen , und die blasse Sichel des Neumondes schimmerte , von ihr erhellt , silbern und leicht an dem blauen Himmel . Alles war klar und eintönig in der Natur , nichts stach besonders beleuchtet hervor . Das nackte Erdreich der Heide , die brach liegenden Felder , die kahlen Weiden am Bache und die lange Linie des großen , sich weithin erstreckenden Waldes hatten alle denselben röthlich-braunen Ton , über den der bläuliche Nebel sich zu verbreiten anfing , und doch zeichneten sich die Gegenstände in der leichten Luft noch so bestimmt und deutlich , daß das Auge seine Freude daran hatte , daß die sanfte Einförmigkeit der Landschaft den Sinn beruhigte und man es sich gern vorstellen mochte