mit den Augen zwinkern , Hände und Knie aneinanderreiben . Wenn aber Hans den Wortschwall gehörig verdaut hatte , wozu er öfters mehrere Tage , jedenfalls aber eine Stunde nötig hatte , ermangelte er nicht , seine Einwendungen und seine Verwahrungen gegen solche Sophismen gehörig vorzubringen , worauf er durch die talmudistische Spitzfindigkeit natürlich von neuem in eine gelinde Betäubung versetzt wurde . Das oft so närrische und triviale Treiben unserer deutschen Universitäten ist nur allzuoft mit Begeisterung beschrieben worden ; Hans und Moses wurden wenig davon berührt ; das , was die Mehrzahl sich unter einem » Studenten « vorstellt , war keiner von beiden . Hans ging ganz unangefochten seinen Weg , und Moses hätte es auch so haben können , wenn er nicht durch zwei Charakterzüge mehrfach in unangenehme Vorfälle verwickelt worden wäre . Wir müssen leider an dieser Stelle eingestehen , daß er nicht nur sehr naseweis , sondern auch im höchsten Grade neugierig war und daß er seiner Neugier oft sogar die gewohnte Klugheit und gepriesene Logik zum Opfer brachte . Die Folge davon war , daß er zum öftern in Lagen geriet , aus welchen ihn ein schlagfertiger Arm leichter und anständiger erlöst hätte als sein schlagfertiges Maul . Aber viele große Männer haben die Meinung der Welt , insofern sie ihnen keinen Schaden bringen konnte , verachtet , und so trug es auch Moses Freudenstein mit ziemlichem Gleichmut , wenn er dann und wann für einen Duckmäuser und » schofeln Kerl « erklärt wurde . - Nach dem ersten Semester bereits sah Hans Unwirrsch ein , daß er mehr für die praktische als für die theoretische Theologie bestimmt sei . Mit Eifer suchte er unter der Leitung des Professors Vogelsang die hohen Geheimnisse der Homiletik zu ergründen ; und wenn er einst als Kind in seiner Mutter Stube der Base Schlotterbeck erbauliche Predigten gehalten hatte , so erbaute er jetzt sich selber nächtlicherweise , erboste aber dadurch nicht wenig seinen Stubennachbar , einen Mediziner , der meistens sehr spät und sehr betrunken nach Haus kam . Es war für den Redner nicht gerade angenehm , statt durch das Schluchzen einer höchlichst gerührten Zuhörerschaft durch ein ärgerliches Klopfen des Stiefelknechtes an der dünnen Wand akkompagniert zu werden und dumpf dazwischen allerlei böse Wünsche für den » wahnsinnigen Bonzen « zu vernehmen . Am Tage war die Sache noch schlimmer ; dann hatte der Mediziner gewöhnlich den Katzenjammer und konnte das Predigen noch weniger vertragen . Die Versunkenheit des Menschen war so groß , daß er selbst in den Momenten kläglichster Auflösung noch imstande war , dem armen Hans sein Mißfallen zu erkennen zu geben . Am liebsten hielt Hans daher seine Predigten im Freien . Längst hatte er den Weg zu dem Berge , den er von seinem Fenster aus erblickte , gefunden . Dort unter den schattigen Bäumen , und vorzüglich unter einer hohen Eiche auf einer engen Waldwiese , richtete er seine Kanzel auf , predigte er den Vögeln ; und es war ein ganz ander Ding , wenn der Kuckuck , als wenn der Mediziner die Responsen sang . Unter der großen Eiche war der Prädikante vor noch einem andern Freudenstörer sicher , vor dem berühmten Professor Vogelsang nämlich . Dieser ehrwürdige Herr war nicht immer , ja sogar sehr selten mit der Art zufrieden , in welcher Hans die gegebenen Themata behandelte . Er - der Professor - fand in den Reden des Schülers viel zuviel » Poäsie « , viel zuviel Naturschwärmerei ; er witterte sogar stellenweise einen Duft von Pantheismus , der seiner orthodoxen Nase im höchsten Grade widerlich war ; aber er hatte gut reden , er war nicht der Abkömmling einer so langen Reihe nachdenklicher , grübelnder Schuster , und über seine Wiege hatte wahrlich nicht die wundersame schwebende Kugel , die auch über Jakob Böhmes Tisch hing , ihr Licht ergossen . Finke und Specht im Walde waren duldsamer als der Professor , das Eichhorn sah von seinem Zweig nicht so grimmig herab wie der Professor von seinem Katheder ; und wenn der Prediger in der Wildnis an den Rand des Holzes vortrat und die Aussicht über Tal , Stadt , Berg und Ebene bis zur blauesten Ferne sich vor ihm entfaltete , so lag in dem Sonnenschein , der das alles überstrahlte , selber etwas so Pantheistisches , daß es dem Professor nicht zu verargen war , wenn er niemals solch einen Berg bestieg und von der weiten Welt und ihren Wundern , die außerhalb seiner vier Wände lagen , nur mit Geächz , Geseufz und Gestöhn sprach . - In den Kollegien , die der Professor Gingler über praktische Pastoralklugheit hielt , träumte Hans viel Angenehmes und Idyllisches von einer künftigen Dorfpfarre unter Blumen , Kornfeldern und frommen Bauern . Der näselnde Vortrag in den Mittagsstunden war ganz geeignet , dabei allerlei Phantasien über Trösten der Kranken , Kindtaufen , Hochzeiten sich hinzugeben ; Hans mußte die Enttäuschungen , die er später erfuhr , als er in Grunzenow das Ideal mit der Wirklichkeit verglich , dann auch hinnehmen . In die dornigen Wüsteneien der Kasuistik führte ihn der Doktor und Professor Mundrecht , und in diesem Kolleg traf er stets mit einem eifrigen Hospitanten , dem Philosophen Moses Freudenstein , zusammen , welcher bereits so viel Fetzen seines bessern Selbstes an den Büschen hatte hängenlassen , daß ihm der Geistesglanz dieses hell leuchtenden Kirchenlichtes wenig mehr schaden konnte . Die Jahreszeiten wechselten nach altgewohnter Weise ; vorwärtsstrebten beide jungen Männer , jeder in seiner Art , mit nie erlöschendem Hunger nach dem Wissen . Beim Beginn jeder Ferien schnürte Hans seinen Ranzen mit hoher Freude zur Fahrt nach der Heimat und steuerte derselben manchmal auf einem kleinen Umwege , aber immer mit dem nämlichen Behagen entgegen . Und jedesmal trat er mit lichterm Haupt und mit erweitertem Herzen in den kleinen , engen Kreis der treuen , beschränkten Menschen , die er hinter sich zurückgelassen hatte , die er aber nicht verachtete , wie Moses sie verachtete . Letzterer kehrte während seiner Studienzeit nicht nach Neustadt zurück ; das Nest mit allen seinen Erinnerungen war ihm zu sehr zuwider . Fest verriegelte er sich in den Ferien in seinen Zimmern und kam beim Wiederbeginn der Vorlesungen jedesmal skeptischer und sarkastischer in betreff dessen , was Alma mater ihren Kindern zu bieten hatte oder bieten wollte , zum Vorschein . So kam endlich für Hans und Moses das letzte Halbjahr ihrer Universitätszeit heran . Um Michaelis sollte Hans in der Heimat das Examen als Kandidat der Gottesgelahrtheit machen , und da er das Seinige getan hatte , so sah er diesem kritischen Moment trotz des Professors Vogelsang und anderer schwer zu befriedigender Gemüter mit ziemlicher Gelassenheit entgegen . Zu Anfang desselben Semesters schrieb Moses eine famose Doktordissertation über die » Materie als Moment des Göttlichen « und verteidigte seine Meinungen darüber , indem er die These ganz allmählich umdrehte und das Göttliche zu einem Moment der Materie machte , vor einer zahlreichen Versammlung in klassischem Latein . Das Schriftstück sowie die Disputation erregten vielen Lärm , und viel Staub wurde durch dieselben aufgewirbelt ; der israelitische Schlaukopf aber grinste nicht wenig durch den Dunst , der von den Häuptern der Pneumatomachoi ( Geisttotschläger ) , wie der Schurke seine ehrwürdigen Lehrer nannte , aufstieg . Als Doctor philosophiae stieg aber auch Moses Freudenstein aus dem Dunst der Aula empor ; sein Ruf war groß in den letzten Tagen seiner studentischen Laufbahn , und soweit er nicht berühmt war , war er berüchtigt ; - von Hans Unwirrsch sprach niemand , und durch seinen Abgang fühlte sich niemand bedrückt und niemand erleichtert . Bis jetzt hatte Moses auf alle Fragen , was er inskünftige mit seinem Leben zu beginnen gedenke , nur durch ausweichende Redensarten geantwortet , oder er hatte auch wohl die fabelhaftesten Pläne mit treuherzigstem Ernst dem guten Hans zur Begutachtung vorgelegt . Nach seiner Promotion erklärte er eines Abends ganz beiläufig : » Ah , ehe ich ' s vergesse , Hans ; übermorgen gehe ich nach Paris : heute nachmittag hab ich den Paß von der französischen Gesandtschaft in * * erhalten . Fall nicht vom Stuhl , mein Junge ! Siehst du irgend etwas außergewöhnlich Interessantes an meiner Nase ? Was starrst du mich so an ? « Hans Unwirrsch machte wirklich ein verwunderungsvolles Gesicht ; wenn der Professor Vogelsang auf seinem Katheder plötzlich das Lied » Mein Lebenslauf ist Lieb und Lust « angestimmt hätte , würde ihn Hans auf ungefähr gleiche Weise angeblickt haben . Erst als Moses ihm den Paß unter die Nase hielt glaubte er , was er vernommen hatte . » O Moses , Moses , was willst du dort ? « rief er endlich , und Moses antwortete : » Das Schwimmen will ich dort lernen . Wir Deutsche sind seltsame Fische - eine Quabbenart mit ungeheuern Geistesflossen , mit denen sich ein ungeheuerliches Geplätscher machen läßt . Wenn nur nicht die Pfützen , in denen wir unser jämmerliches Dasein hinbringen , so seicht , so eng wären ! Was ist Deutschland anders als ein Strand , von welchem sich die Flut zurückgezogen hat ? Hier ein Sumpf , dort ein Sumpf voll elender Geschöpfe , glotzäugig , quabbelig , dumm und zufrieden mit ihrer jämmerlichen Pfuhlexistenz , trotzdem daß sie alle Augenblicke auf dem Trockenen schnappen . Ich danke dafür ; ich habe die Ahnung des großen Meeres noch nicht verloren und bin so gottverlassen und unpatriotisch , mich danach zu sehnen . Ich will einmal weiteres Wasser für meine Flossen suchen , Hänschen . Was meinst du , wenn du den Ausflug nach Sodom und Gomorra mitmachtest , frommer Hans ? « » Über Sodom und Gomorra steht das Tote Meer « , sagte Hans , der sich allmählich wieder beruhigt hatte und sehr nachdenklich dasaß . » Moses , wenn deine ersten Vergleiche richtig waren , so hast du das durch dein letztes Wort umgestoßen . « » Bravo ! « lachte Moses . » Sei nur ruhig , du sanftes theologisches Gemüt , ich will dich deinem behaglichen Sumpf nicht entreißen ; aber jetzt komme mit mir , wir wollen auf den Schreck eine Flasche Wein trinken - ich stehe sie . « Moses Freudenstein » stand « wirklich die Flasche Wein , und dies Faktum wäre vielleicht für mehr als einen von denen , welche die Ehre seiner Bekanntschaft genossen , das sicherste Zeichen davon gewesen , daß er ein außergewöhnliches Vorhaben in seinem Busen bewege . Am bezeichneten Tage stieg er wirklich in den Postwagen und fuhr ab gen Westen , und sehr bewegt blieb Hans auf den Stufen der Tür des Posthauses zurück . Er konnte es törichterweise noch immer nicht fassen , daß die beiden Wege , welche so lange nebeneinander hergelaufen waren , sich jetzt , vielleicht für alle Zeit , getrennt hatten . Es war ihm wie ein Traum , in welchem selbst das Natürliche , ganz Gewöhnliche in unbegreiflichen , seltsamen , verwirrenden Farben spielt . Eine große Lücke war in Hans Unwirrschs Leben entstanden , und schwer , schwer vermißte er trotz allen seinen unliebsenswürdigen Eigenschaften diesen » Freund « , welcher die Existenz des Jugendgenossen wahrscheinlich noch vor dem ersten Pferdewechsel vergessen hatte . Er zog sich noch mehr als sonst aus dem Leben zurück und verbrachte seine Tage in angestrengter Arbeit ; er verfiel in einen trüben , ungesunden Zustand , aus welchem er erst gegen Ende des Semesters durch einen Brief gerissen wurde , der ihm zeigte , daß in seinem Dasein noch größere Lücken entstehen könnten . Dieser Brief kam vom Oheim Grünebaum , und Hans fand ihn , an einem grauen Abend von einem langen Spaziergang heimkehrend , auf seinem Tisch . Wenn der Oheim Nikolaus Grünebaum schrieb , so schrieb er wenig anders , als er sprach . Der Brief lautete folgendermaßen : » Liebwertester Nevö ! Teuerster Bruder Studio ! Wenn Du , wie nicht zu erwägen steht , von wegen Deines seligen Vaters in Erfahrung gebracht haben wirst , daß der Mensch nicht ewig lebt allhier auf dieser Erde , sondern daß des Menschen Leben seine Zeit währet und er schon zufrieden sein muß , wenn er nicht schon vor der Zeit abfährt und nach dem Kirchhof abgefahren wird , und sintemalen und alldieweilen Du nun , mit Respekt zu sagen , ein angehender Pastore bist und in Gottes Wort erzogen bist und sonsten ein verträgliches Gemüt und patibeles Temperament hast , so verhoffen wir , als wie ich , Deine Mutter und die Base Schlotterbeck , daß Du dieses Schreiben Dir nicht zu sehr zu Herzen nehmen wirst . Denn mit Deiner Mutter steht es schlecht ! Wir haben länglich geschwiegen , weil es leise anging und wir vermeinten , es solle besser werden , ehe wir Dir Nachricht von das Malör gäben ; aber nun ist ' s aus und am Ende , schlechter kann ' s nicht werden , und wir vermelden es Dir hiermit , Du mußt den Bündel auf den Buckel laden und als ein geistlicher Mensche zeigen , daß Du den Trost nicht bloß für andere in der Tasche trägst und mits Schnupptuch herfürziehst . Habe Dir also nicht zu schrecklich und unvernünftig über das , was in diesem selbigen Brief Dir zukommt ! Deiner Mutter , der guten Seele , ist es denn doch wohl zu gönnen , daß sie einen sanften Tod hat und sich nicht allzu elend und langweilig hinquälen muß , ehe ihr der Odem stillesteht . Aber der Doktor sagt , es kann nicht sein , und sie wird noch viel Drangsal leiden , ehe und bevor der liebe Gott sie zu sich nimmt . Du mußt Dich also darin finden , mein Junge , laß es gehen , wie ' s geht , ich sage nichts weiter . Die Frau hat aber grausame Sehnsucht nach Dir , und wenn Du abkommen kannst von Deine Gelehrsamkeit und Deine Herren Lehrerprofessors Dich loslassen wollen , so wäre es uns sehr angenehmlich , wenn Du Dein Wanderbuch so schnell als möglich hierherfisieren lassen wolltest . Deine Mutter hat es wohl um Dich verdient , daß sie Trost an Dir hat in ihre letzten Tage und große Schmerzen ; denn sie hat die zurückgetretene Gicht , und das Wasser und Waschen hat ihr den Dampf angetan , was was Schreckliches ist . Mache Dich also somit auf die Wanderschaft und komm eilends hierher , wo wir in großer Not Deiner erwarten . Sonsten ist noch alles wie sonst , aber es ist nicht viel Pläsier mehr in der Welt und in den Zeitungen auch nicht mehr . Es waren ganz andere Zeiten , als ich und Deine Mutter noch solch jung Volk waren wie Du anjetzo und Dein Vater , auch ein jung Blut , um Deine Mutter freiete , welches mir ist wie heute , und kann noch nicht daran glauben , wenn ich bedenke , daß der Anton schon so lange tot ist , und wenn ich die Christine , will sagen , Deine Mutter ansehe , wie sie da liegt . Komm also schnell und behalte bis dahin in guten Gedanken Deinen geliebten Oheim und Paten Niklas Grünebaum , Schuhmachermeister . « Der Blitz , welcher du den Füllen Hans Unwirrschs einschlug , betäubte ihn nur auf kurze Zeit , er stand auf den Füßen und horchte auf den feierlich verrollenden Donner . Hans , der so leicht vor jeder rauben Berührung zurückwich , wich nicht , als sich die Hand des Unglücks nun wirklich grimmig gegen ihn ausstreckte . Er packte seine Zeugnisse und wenigen Habseligkeiten mit Überlegung zusammen und zog fort von der Universität nach dem alten Neustadt zum Sterbebett der Mutter . Elftes Kapitel Es war ein melancholischer Weg durch das herbstliche Wetter . Auf der ganzen Länge seines Pfades begleitete den armen Wanderer der Wind , der kalte , grämliche , greinende , stöhnende Oktoberwind . Den Wäldern riß er ein gut Teil des Schmuckes , mit welchem er im Frühling und Sommer so oft schmeichlerisch getändelt hatte , höhnisch ab . Auf der Landstraße jagte er dichte Staubwolken empor , und über die Stoppeln der Felder fuhr er mit einem heulenden Gezisch , welches keinem lebenden Wesen außer der Krähe behagen konnte . Nur das Geklapper der Dreschflegel in nahen und fernen Dörfern konnte als tröstliches Zeichen genommen werden , daß noch nicht alles für die Erde verloren sei und daß der Triumph , welchen der Wind auf den leeren Feldern feiere , nur ein trüglicher sei . Aber für den einsamen Wanderer in den Staubwolken der Landstraße ging dieser Trost verloren ; er konnte wenig darauf achten , und bedrückt und bedrängt aufs tiefste , zog er einen Fuß dem andern nach . Er hatte diesen Weg nun schon so oft gemacht , daß ihm weder zur Rechten noch zur Linken irgendein hervortretender Gegenstand unbekannt war . Bäume und Felsstücke , Häuser und Hütten , Wegweiser , Kirchtürme , alte Grenzsteine , die nichts mehr bedeuteten als die Vergänglichkeit auch des weitesten Besitzes - alles hatte schon früher in wechselnden Stimmungen einen wechselnden Eindruck auf ihn gemacht . Er erinnerte sich , wie er dort nachdenklich gesessen , dort unter jenem Gebüsch einen Nachmittag verschlafen habe . Er gedachte vorzüglich jener Tage , als er diesen Weg zum erstenmal mit dem großen Hunger nach dem Wissen in Begleitung des entschwundenen Jugendgenossen gezogen war . Nun kam er zum letztenmal zurück auf diesem Wege ; - viel hatte er gelernt , mancherlei geduldet und viele Freuden genossen . Wie stand es nun in seiner Seele ? Er war niedergeschlagen , er war traurig und wäre es auch ohne den bösen Brief des Oheims Grünebaum gewesen . Mit aller Kraft hatte er gestrebt , das zu lernen , was von der hohen Wissenschaft , der er sich ergeben hatte , sich lernen ließ , und er mußte sich sagen , daß dies im Grunde wenig genug war . Er fühlte tief das Unzulängliche dessen , was ihm die Herren von ihren Kathedern doziert hatten , aber er fühlte noch etwas anderes , und das war das , was der Professor Vogelsang und die meisten übrigen Mitglieder der hochpreislichen , ehrwürdigen Fakultät nicht gelten lassen wollten , weil sie es nicht lehren konnten . Er befand sich auf dem Wege , um das geliebteste Wesen sterben zu sehen ; der Dunkelheit schritt er entgegen , und Dunkelheit ließ er hinter sich zurück . Einst hatte er dem Walde und den Vögeln gepredigt , weil die Welt von seinen Gefühlen nichts wissen wollte , und er hatte sich nie darüber beklagt . Nun schien der Hunger nach dem Wissen tot , aber die Gefühle waren noch lebendig und drängten sich empor und um sein Herz zusammen ; sie wurden zu dem bittersten Schmerz , welchen der Mensch erdulden kann . In diesem Augenblick unterschied sich nichts in dem drängenden Gewühl : der Schmerz um die Mutter , Enttäuschung , Sorge und Furcht vermischten sich ; und wunderlicherweise klangen dazwischen scharf und schneidend längst vergessene Worte auf , welche Moses Freudenstein einst gesprochen hatte . Hans Jakob Unwirrsch befand sich auf diesem Wege in ähnlicher Stimmung wie ein anderer Hans Jakob , der vor langen Jahren von Annécy nach Vevey ging und von diesem Weg schrieb : » Combien de fois , m ' arrêtant pour pleurer à mon aise , assis sur une grosse pierre , je me suis amusé à voir tomber mes larmes dans l ' eau ! « Immer der Wind ! Er jagte den ganzen Tag dunkeles Gewölk über den grauen Himmel , doch fiel kein Regentropfen herab . Er wühlte in den Hecken um die verwilderten , unordentlichen Gärten , wo die vertrockneten Sonnenblumen und Stockrosen kläglich die Köpfe hingen . Er rüttelte an den Fenstern des Dorfwirtshauses , wo Hans sein Mittagsmahl einnahm , und umbrauste das Haus und wartete grimmig auf den Wanderer , der sich für einen kurzen Augenblick ihm entzogen hatte . Er hatte sein Wesen um den Reisewagen , der unter dem Schlagbaum anhielt , und schlug dem Kutscher den weiten Mantelkragen so um die Ohren , daß der kaum das Wegegeld hervorlangen konnte . Durch das Fenster warf Hans einen gleichgültigen Blick auf diesen Wagen ; aber im nächsten Augenblick sah er doch schärfer hin . Der Ledervorhang an der Seite des Wagens war zurückgezogen worden , ein junges Mädchen sah heraus und blickte die traurige Landstraße hinab . Der Wind hob den schwarzen Schleier von dem schwarzen Trauerhut und hatte nicht mehr Mitleid mit dem bleichen , traurigen Mädchenangesicht darunter als mit jedem andern Ding , welches ihm in den Weg kam . Aber auf Hans Unwirrsch machte dieses Gesichtchen einen desto größern Eindruck . Der Kummer begrüßte den Kummer , und der Schmerz , der zu Fuß die Landstraße beschritt , neigte sich vor dem Schmerz , welcher im Wagen durch die Staubwirbel rollte . Dieses kindliche , abgehärmte Gesicht paßte ganz zu der Stimmung , in welcher Hans sich befand ; er hätte gern mehr gewußt von diesem ihm jetzt noch unbekannten fremden Schicksal . Aber der Kopf des Mädchens zog sich zurück , und an seiner Stelle erschienen ein grauer Schnauzbart und eine alte Militärmütze . Ein Schnapsglas wurde voll in den Wagen hineingereicht und kam sehr rasch leer wieder zum Vorschein ; auch der Kutscher hatte es möglich gemacht , sich trotz des heftigen Kampfes mit seinem Mantelkragen ebenfalls durch einen Trunk , der nicht unmittelbar aus der Quelle kam , zu stärken . Hoho ! Vorwärts ! Die Pferde zogen an , mit seiner Staubwolke rasselte das alte Gefährt davon , der Wind war hinter ihm her wie der Schweißhund auf der Fährte , und es war mehr als merkwürdig , daß er , als Hans nun auch hervortrat aus dem Haus zum Goldenen Hirsch , ihn ebenfalls triumphierend-ärgerlich in Empfang nahm und ihn dem Wagen nachblies . Die Leute im Goldenen Hirsch hatten nicht sagen können wer der alte militärische Herr und die junge Dame in Trauerkleidung seien , sie kannten nur den Kutscher , die beiden hagern Gäule und das alte baufällige Fuhrwerk und sagten aus , daß diese vier Stücke öfters von Reisenden gedungen würden , weil sie hier oft das einzige Mittel zum Weiterkommen seien . Zu allen seinen übrigen Gedanken hatte Hans nun noch das Bild des lieben Gesichtchens auf seinem Wege durch den dunkeln Nachmittag . Es kam ihm immer von neuem vor die Seele , er konnte nichts dagegen tun . So zog er fort und hielt nicht eher wieder an , bis die Dämmerung dichter wurde und das Städtchen , in welchem er Nachtquartier nehmen mußte , erreicht war . Dämmerung war freilich den ganzen Tag über gewesen , und der Abend konnte an der Beleuchtung der Welt wenig ändern . Aber nun sank die Nacht herab und machte gemeinschaftliche Sache mit dem Winde , und wenn der Teufel als Dritter zum Bunde getreten wäre , so hätte er die Sache nicht viel schlimmer machen können . Es war nicht des Windes Schuld , wenn die alten , schiefen Häuser des Landstädtchens , in welches Hans jetzt einzog , am andern Morgen noch aufrecht standen . Die Lichter schienen in den Stuben hinter den Fenstern zu flackern , und die wenigen Menschen , die sich noch in den Gassen befanden , arbeiteten schräg vor - oder zurückgelehnt dem Sturme ihren Weg ab . Haustüren flogen mit donnerndem Krachen zu , Fensterladen mit Geprassel auf , und der einzige Glaser im Ort horchte mit ganz einzigem Vergnügen auf jedes helle Klingen und Klirren in der Ferne . Wenn aber der Wind das Städtchen im allgemeinen doch stehenlassen mußte , so konnte er noch viel weniger dem Wirt zum Posthorn was anhaben . Den Mann von seinen Füßen zu blasen und auf die Erde zu setzen wäre in der Tat ein Kunststück gewesen , welches Äolus als Preisaufgabe für seine Untergebenen hätte ausschreiben können . Auf kurzen , wohlgerundeten Beinen stand er fest und unbewegt vor seinem Torweg unter seinem knarrenden Schild und gab seine Befehle in Hinsicht auf eine Kutsche , die eben von zwei Knechten unter einen Schuppen gezogen wurde . An dem Fleischkoloß , dem Posthornwirt , strandete der hagere Theologe Hans Unwirrsch im wörtlichsten Sinne des Worts ; halb erstickt und halb erblindet wurde er in den Torweg hineingeblasen und fuhr mit voller Gewalt gegen den Bauch des Posthalters , doch auch dieser Anprall brachte den Block nicht aus dem Gleichgewichte . Der Posthornwirt war dabei glücklicherweise ein Mann , welcher die zwingende Gewalt der Umstände zu würdigen wußte : er nahm den Anfall nicht so grob auf , wie man hätte erwarten sollen . Er forderte den herangeschleuderten Gast nicht auf , sich zu allen Teufeln zu scheren ; er machte sogar eine halbe Schwenkung , um ihm Einlaß in sein Haus zu gewähren , und folgte ihm nur mit einigen leise geschnauften Bemerkungen : » Verfluchte Steuerdirektion ! - Immer langsam über die Brücke ! - Nicht zu scharf um die Ecke ! - Donner , grad auf den vollen Magen ! « Als er aber in der trüb erhellten Gaststube den Fremdling , welchen der böse Wind in sein Haus geweht hatte , erkannte , verschwand der letzte Schatten des Mißmutes aus seinem runden Gesicht , und ganz vergnügt reichte er seine breite Pfote zum Gruß hin . » Ah , Sie sind ' s , Herr Studente ! Wieder einmal eingesprungen in den Ferien ? Das freut mich ! ' s ist , wie man sagt : Das muß ein böser Wind sein , der einem nichts Gutes herbläst . « Hans entschuldigte nach besten Kräften die ungestüme Begrüßung in dem Haustor ; doch der Wirt sah ihn jetzt nur lächelnd und mitleidig an und blies über die Hand , als wolle er sagen : Eine Feder ! Eine Feder ! Nichts als eine Feder ! Er sagte aber : » Lassen Sie ' s gut sein , Herr Unwirrsch , ich stehe schon meinen Mann . Legen Sie Ihren Ranzen ab ; - haben ihn wohl wie gewöhnlich den ganzen Tag auf dem Rücken geschleppt ? Du liebster Gott ? ! « Da war die Frau Wirtin , ebenso wohlbeleibt wie der Herr des Hauses ! Da war der Frau Wirtin Töchterlein , aber diesmal gottlob noch nicht in einem schwarzen Schrein , sondern sehr lebendig und ebenfalls von wohltuender Fülle . Und sie begrüßten den armen , traurigen Hans , dessen gutes Herz und winzigen Geldbeutel sie von manchen frühern Ferien her kannten und mit der gehörigen Achtung behandelten . Sie fragten ihn aus , ehe er zu Atem gekommen , und wußten den betrübten Grund , der ihn jetzt nach der Heimat rief , ehe er den Ranzen und den Ziegenhainer abgelegt hatte . Und da sie ein gutes Mahl und einen guten Trunk für die beste Panazee gegen alle Übel hielten , so stieg er , der Wirt , in den Keller , während die Wirtin sich mit ihrem Töchterlein in die Küche begab , und jetzt konnte Hans Unwirrsch den ersten Blick auf die übrigen Gäste werfen . Es waren nur zwei vorhanden . Im Winkel am Ofen war ein Tisch gedeckt , und daran saßen sie : ein alter , schnauzbärtiger Herr in einem langen militärischen , bis an das Kinn zugeknöpften Rock und ein junges , blasses , kränklich aussehendes Mädchen in Trauerkleidung . Das Mädchen hielt die Augen niedergeschlagen ; aber der alte Herr fixierte den Theologen so fest und unbefangen , daß letzterm dabei ganz unbehaglich zumute wurde und er sehr froh war , als der dicke Wirt wieder in der Gaststube erschien und seine undurchsichtige Gestalt zwischen den scharfäugigen Schnauzbart und den Tisch schob , an welchem Hans Platz genommen hatte . Eine volltönende Stimme hatte der Herr Wirt und stellte seine Fragen nicht so leise , wie Hans gewünscht hätte ; etwas schwerhörig war der Herr Wirt und verlangte die Antworten so laut als möglich . Und als die Frau Wirtin mit Schüsseln und Tellern und der Wirtin Töchterlein mit Messer und Gabeln kamen , wollten auch sie das Ihrige wissen . Der Schnauzbart brauchte nicht den Horcher zu spielen , um alles Wissenswürdige über den Schwarzrock zu erfahren . Wenn nun der Mensch , der viel Schmerzliches zu ertragen hatte , dazu seit langer Zeit keine freundlichen , teilnehmenden Stimmen um sich her gehört hat , so wird er , wenn nun endlich solche Stimmen mit Fragen und Bedauerungen ihm zu Ohren und zu Herzen dringen , auch mitteilsamer , so verschlossen er sonst sein mag . Hans Unwirrsch aber war , wie wir wissen , nicht verschlossen ; er hielt mit seinen Leiden und Freuden nicht hinter dem Berge , und da er nichts zu verschweigen hatte , gab er den gutmütigen Wirtsleuten unverhohlenen Bericht , wie die Welt mit ihm gefahren sei und er mit der Welt . Der militärische alte Herr hatte alles bald weg , was an einem so hungrig aussehenden , jungen , schwarzröckigen Theologen Interessantes sein konnte . Er kannte seinen Namen , er wußte , daß er aus der berühmten Stadt Neustadt sei , er hatte in Erfahrung gebracht , daß ein gewisser Oheim Grünebaum immer noch bei guter Gesundheit sei und daß eine ebenso gewisse Base Schlotterbeck immer noch die Toten in den Gassen umherwandeln sehe . Daß der Theologe eine alte Mutter in der Stadt Neustadt habe und daß diese Mutter an böser , schmerzhafter Krankheit darniederliege und vielleicht sterben müsse , das alles vernahm der graue Schnauzbart , und das junge Mädchen vernahm es auch , und zwar mit Teilnahme , wie es schien , denn sie hatte das Gesicht erhoben und nach der Stelle gerichtet , wo der Theologe saß . Das Gesicht war gut , aber