zu beeilen . Sie haben noch fünfundzwanzig Minuten Zeit ; die Post ist drei Schritt von hier . Glaubten , der Herr würde noch die Nacht bleiben . Hätten sonst dies Zimmer an eine Dame geben können , die so eben angekommen ist und den Salon nebenan und zwei Zimmer bestellt hat . Mußten ihr die Zimmer links geben , die freilich für eine so schöne Dame nicht gut genug sind . Der Kellner sprach diese Worte in einem Flüstern , das auf eine gewisse Undichtigkeit der Thüren in dem » Curhause « schließen ließ . Wer ist die Dame ? fragte Oswald , indem er seinen Koffer zuschnallte . Eine Frau von Berkow ; alte Bekannte von uns . Erzählte dem Herrn schon heute Morgen davon . Werde sogleich den Hausknecht schicken , daß er den Koffer auf die Post trägt . Sonst nichts zu befehlen , mein Herr ? Der Kellner verließ mit einer kühnen Schwenkung seiner Serviette das Zimmer . Oswald richtete sich in die Höhe . Sein Gesicht war todtenbleich . Er mußte sich an dem Tisch halten ; seine Glieder flogen . Hatte er denn recht gehört ? Melitta hier ? in diesem Hause ? in dem nächsten Zimmer ? Wie kam sie hierher ? Was wollte sie hier ? wen suchte sie hier ? hier an diesem Orte , an den sich für sie so wichtige Erinnerungen knüpften ? War dies ein Zufall ? war es Absicht ? war es möglich , daß sie seinethalben hier war ? hatte sie das Ziel seiner Reise in Erfahrung gebracht ? suchte sie ihn ? hatte sie den Brief , den er ihr von Grenwitz aus , nach Bruno ' s Tode und eine Stunde vor dem Duell mit Felix nach Berkow schrieb , den Brief , in welchem er ihr mit einer apathischen Grausamkeit , die er für Heroismus hielt , sagte , daß sein Herz ihr nicht mehr ganz gehöre , daß er sie und sich selbst nicht täuschen wolle und könne , daß er für immer von ihr - und vielleicht von dem Leben - Abschied nehme , nicht erhalten ? oder hatte sie ihn erhalten und mit der Ungläubigkeit eines liebenden Herzens gelesen , das die Treulosigkeit nicht versteht , weil es selbst nur treue Liebe kennt ? War sie hier , ihm zu sagen , daß sie ihm verziehen habe ? daß sie noch immer seine Melitta sei ? Würde sie , wenn er jetzt zu ihr eilte und ihr zu Füßen sänke , den Reuigen vom Boden aufheben , ihm sagen , daß Alles vergessen und vergeben sei ? daß sie ihm nie gezürnt habe ? Er lauschte , ob sich nebenan etwas rege . Er hörte nichts , nichts als das Klopfen seines ungestüm pochenden Herzens . Sie war allein ! sie harrte vielleicht seines Kommens ! sollten sie wirklich wiederkehren die seligen Tage von Berkow ? sollte wirklich noch Alles , Alles gut werden ? Er lauschte ; er hörte nebenan die Thür gehen . Es wird ein Kellner sein , der einen Auftrag ausgerichtet hat ! Eine tiefe Männerstimme ! die weiche Stimme einer Frau ! Die weiche Stimme war Melitta ' s Stimme ; aber die andere ? Er lauschte . Die Stimmen wurden lauter , deutlicher . Ein convulsivisches Zucken flog über das Gesicht des Lauschers ; ein heiseres , unheimliches Lachen brach aus seiner Kehle . Der Mann , der mit Melitta so eifrig sprach , - war Baron Oldenburg ! Das Sopha , auf dem die Redenden saßen , stand dicht an der Thür , welche die beiden Zimmer verband . Oswald konnte nicht Alles verstehen , was sie sprachen ; aber wozu denn auch das ? Die Zusammenkunft der Beiden hier in diesem abgelegenen Städtchen , das schon einmal der Ort ihrer verstohlenen Rendezvous gewesen war , sprach beredt genug . So hatte er denn doch recht gehabt ! so hatten die Beiden ihn von Anfang an genasführt ! Er hatte an Melitta nicht gefrevelt , was sie nicht an ihm gesündigt hatte . Die Rechnung war quitt ! Es klopfte an die Thür . Der Hausknecht erschien , den Koffer des Herrn auf die Post zu bringen . Es ist die höchste Zeit , mein Herr . Der Postillon hat schon zweimal geblasen . Oswald folgte mechanisch dem Manne über den Corridor weg , zum Hause hinaus , über die dunkle Straße an den Postwagen . Eine Minute später rollte der Wagen über das holprige Pflaster davon . Der Postillon blies ein lustiges Liedel in die stille Nacht hinaus und Oswald summte zur Melodie den Text : Sich selbst verachten ; die Welt verachten ; verachten , daß man verachtet wird ! Elftes Capitel Es war in der ersten Frühstunde eines trüben Herbsttages . In den Bergen um Fichtenau braute der Nebel so dicht , daß , wer auf der Landstraße , die sich gleich hinter dem Städtchen , steil aufsteigend , in die Wälder verliert , dahinfuhr , kaum die ersten Tannen an dem Rande unterscheiden konnte . An dem Wegrande , an einer Stelle , wo sich zwei Straßen kreuzten , saßen Xenobi und die Czika . In dem Graben vor ihnen weidete ihr treuer Gefährte auf allen Irrzügen , der kleine Esel mit dem rothen Federbusch auf dem Kopf und der rothen Schabracke auf dem Rücken , das kurze , halbfaule Gras . Es schien ihm nicht sonderlich zu munden : er schüttelte oft unwillig den dicken Kopf , als wollte er sagen : ich bin genügsam , aber es hat Alles seine Grenzen . Auch der Zigeunerin und dem Kinde konnte das Wetter nicht eben behagen . Sie saßen da , jedes in ein grobes Tuch gehüllt , stumm und regungslos , wie zwei ägyptische Statuen . Diese Haltung , die an dem Weibe erklärlich sein mochte , hatte etwas Unheimliches bei einem so jungen Geschöpf wie Czika . Und auch Xenobi selbst war nicht mehr das stahlkräftige Weib , wie es Oswald an jenem Sommernachmittage im Walde von Berkow gesehen hatte . War es nur der Einfluß des Wetters , oder war es Krankheit und Kummer - aber in ihren Zügen war wenig mehr von der stolzen Energie , die sie früher so auszeichnete , zu erblicken . Ihre Stirn war von schmalen Falten durchfurcht ; ihre Augen waren tiefer in den Kopf gesunken und leuchteten nicht mehr in dem alten Glanz , wie sie jetzt , als ihr scharfes Ohr das Geräusch eines Wagens vernahm , der von Fichtenau heraufkam , den Blick nach jener Gegend richtete . Sie sind es nicht ; murmelte sie , den Kopf wieder sinken lassend . Nach einigen Minuten tauchte eine wohlverschlossene , von zwei Pferden gezogene Reiseschaise aus dem Nebel auf . Vorn auf dem Bock neben dem Kutscher saß ein alter Mann mit einem langen , eisgrauen Schnurrbart . Er wandte sich oft halb um , einen Blick in das Innere des Wagens zu werfen und die Insassen - eine Dame und einen Knaben - ehrerbietig freundlich anzulächeln . So hatte er auch die Zigeunerin nicht bemerkt , die , eine vornehme Dame im Wagen erblickend , eine Gabe zu heischen , herantrat . Wie erstaunt war er deshalb , als er sah , daß die Dame ihm plötzlich , mit allen Zeichen äußerster Bestürzung , zurief , halten zu lassen , und noch ehe der Wagen hielt , auf der Landstraße stand . Isabel , sind Sie es ! und die Czika ! Gott , welches Glück ! rief Melitta , die Zigeunerin bei den Händen ergreifend ; Nun lasse ich Euch nicht wieder fort ! Gott , welches Glück ! welches Glück ! und die junge Frau umarmte mit Thränen in den Augen das Zigeunerweib . Die aber machte sich fast gewaltsam los und trat einen Schritt zurück , die Arme über der Brust kreuzend und Melitta mit einem argwöhnischen , beinahe feindlichen Blick ansehend . Kennst Du mich nicht mehr , Isabel ? sagte Melitta ; ich bin es ja ! Denkst Du nicht mehr an die Tage in Berkow vor fünf Jahren ? das ist mein Julius ! Und wie groß und schön die Czika geworden ist ! Melitta eilte auf Czika zu , schloß das Kind in ihre Arme und herzte und küßte es . Julius war aus dem Wagen gesprungen , der alte Baumann vom Bock herabgeklettert . Sie sprachen zu Xenobi , die ihrer nicht achtete , sondern mit angstvollen Augen auf Melitta blickte , die jetzt , Czika an der Hand , wieder auf sie zutrat . Isabel ! sagte Melitta , Du mußt , Du mußt mir die Kleine geben . Ich darf , ich kann nicht ohne sie weiter reisen . Warum willst Du uns nicht lassen , wie wir sind ; sagte die Zigeunerin . Du bist eine Edeldame , Du taugst für das Haus ; die Zigeunerin gehört in den Wald . Du stirbst im Wald ; die Zigeunerin stirbt im Haus . Ich kann nicht mit Dir gehen . So gieb mir die Czika . Willst Du mir Deinen Knaben geben ? Melitta wußte nicht , was sie darauf erwidern sollte . Sie fühlte zu tief , daß die Zigeunerin nicht anders handeln könne , daß sie an der Stelle der Zigeunerin ebenso handeln würde . Und doch ! die Beiden wieder ziehen lassen in die weite Welt ? Oldenburg ' s Töchterchen , nach dem er sich so sehnte , das er noch immer suchte , wieder verschwinden zu sehen , nachdem ein Zufall , wie er vielleicht nie im Leben wieder eintrat , es ihr in den Weg geführt - sie konnte den Gedanken nicht ertragen und brach , wie ein Kind , das sich hülflos und rathlos sieht , in Thränen aus . Die Zigeunerin schien gerührt . Sie nahm und küßte Melitta ' s Hand . Du bist sehr gut ! sagte sie ; ich weiß es . Ich würde Dir die Czika lieber geben , als jedem Andern . Sie stand nachdenklich da ; plötzlich ergriff sie Melitta wieder bei der Hand und führte sie etwas an die Seite . Weißt Du , sprach sie , wer der Czika Vater ist ? Ja . Und thust Du , was Du thust , des Vaters halber , oder des Kindes ? Melitta ' s Wangen färbten sich . Um Beider willen , antwortete sie nach einigem Zögern . Wohin gehst Du jetzt ? Nach Hause , nach Berkow . Und bleibst dort ? Ja , diesen Winter wenigstens . So höre mich . Ich schwöre Dir bei dem großen Geist , ich will Dir die Czika bringen , sobald ich verspüre , daß ich versammelt werden soll zu meinen Vätern . Das ist vielleicht sehr bald . Mehr kann ich nicht , mehr darf ich nicht versprechen . Melitta fühlte , daß sie sich mit diesem Versprechen begnügen müsse . Sie kannte den Charakter der braunen Gräfin zu gut , um nicht zu wissen , daß , wenn sie einmal einen Entschluß gefaßt hatte , alle Bitten , alle Vorstellungen vergeblich seien . So stieg sie denn , nachdem sie Xenobi und das Kind noch einmal umarmt , traurig in den Wagen , der sich dann alsbald wieder in Bewegung setzte . Das Rollen der Räder und der Hufschlag der Pferde waren verhallt . Wieder saßen die Zigeuner am Rande des Weges . Da kam abermals ein Fuhrwerk von Fichtenau herauf . Man hörte schon von weitem das Hot ! und Hü ! des Fuhrmanns und das Klirren der Ketten , mit denen die Pferde angeschirrt waren . Wenige Minuten später tauchte der Wagen aus dem Nebel auf . Es war ein riesiger Kasten - ein ganzes Haus auf vier Rädern , bis unter das Dach und noch hoch oben über dem Dach mit Kasten und Kisten , Pauken und Trompeten , Coulissen , Stangen und Leitern , Küchen- und Seiltänzer-Geräthschaften aller Art vollgepfropft . Die vier Pferde , die diese Arche Noä zogen , hatten genug zu thun . Vor dem Wagen her gingen der Aegypter Cotterby , der Künstler mit dem Riesenfaß , Herr Stolzenberg , und der Komiker , Herr Pierrot . Sämmtliche Herren trugen bunte Shawls um den Hals gewunden , und kurze Pfeifen im Munde . Aus dem offenen Fenster der Arche ertönte Kindergeschrei und die keifende Stimme Mamsell Adele ' s. Hinter dem Wagen gingen in eifrigem Gespräch , wie es schien , Herr Director Schmenckel ( ebenfalls mit einem bunten Shawl um den Hals und einer kurzen Pfeife im Munde ) und ein Mann in blauer Blouse mit einem Knotenstock in der Hand und einem alten Filz auf dem Kopf , dessen Bekanntschaft Director Schmenckel vor einigen Abenden unter höchst eigenthümlichen Verhältnissen in der Trinkstube zur » Grünen Mütze « machte , der sich seitdem öfters in dem genannten Gasthause hatte sehen lassen und sich heute Morgen , als die Seiltänzer kaum aus dem Städtchen heraus waren , ganz unerwartet zu ihnen gesellte . Als der Wagen an den Kreuzweg gekommen war , hielt der Fuhrmann an , um seine dampfenden Pferde sich verschnaufen zu lassen . - Die Zigeunerin mit ihrem Kinde trat heran und wurde von den Seiltänzern freundlich begrüßt . Herr Director Schmenckel schüttelte ihr die Hand und patschte Czika väterlich auf die braune Wange . Ist gut , Xenobi , daß Ihr wieder hier seid ! sagte er ; es wollte , hol ' mich der Kuckuk , ohne Euch gar nicht mehr gehen . - Adies , Professor ! Danke für freundliche Begleitung ! Du mußt hier umkehren ; find ' st sonst den Weg nicht zurück nach Fichtenau . Ich gehe noch ein Streckchen mit ; erwiderte der Mann in der Blouse . Mir soll ' s recht sein , sagte Herr Schmenckel , je weiter , je lieber . So ein altes , braves Haus , wie Du , trifft man nicht alle Tage . Das Fuhrwerk setzte sich wieder in Bewegung . Nach einigen Augenblicken war Alles - Wagen , Pferde und Menschen in dem dichten , grauen Nebel verschwunden . Zwölftes Capitel Die Stadt Grünwald spielte in vergangenen Zeiten eine bedeutendere Rolle , als jetzt . Sie war ein angesehenes Glied der alten Hansa und rivalisirte mit Hamburg , Lübeck und Bremen an Macht und Reichthum . Ihre Schiffe fuhren auf allen nordischen Meeren , und auch in den Häfen von Genua und Venedig wehte nicht selten die Grünwalder Flagge . Die Bürger waren ein breitschultriges , hartköpfiges , in Liebe und Haß starkes und alle Wege tüchtiges Geschlecht , das nicht ohne Grund auf seine Freiheiten und Gerechtsame stolz war , und auf die zwischen sumpfigen Teichen und dem Meere geschützte Lage und auf die hohen Mauern und Wälle ihrer Stadt , noch mehr aber auf die breite Wehr an ihrer Seite und das muthige Herz in der Brust felsenfest vertraute . Noch im dreißigjährigen Krieg bewährte Grünwald im heißen Kampfe gegen die Kaiserlichen seinen alten Ruhm , und die Erinnerung an die glorreichen Thaten der Väter ist bis auf den heutigen Tag lebendig in den Herzen der jetzigen Bewohner . Freilich , es muß jetzt von dem alten Ruhme zehren , denn die neue Zeit hat nichts zur Vermehrung desselben gethan . Seitdem die Schifffahrt nicht mehr mit den wenig tief gehenden Fahrzeugen auskommt , wie sie in den langen , vielfach gewundenen Wasserstraßen des Sundes , an dem die Stadt liegt , einzig verwandt werden können ; seitdem der Handel sich andere Wege gesucht und andere Märkte geschaffen hat , ist Grünwald langsam aber stetig von seiner stolzen Höhe heruntergestiegen und zuletzt auf das Niveau einer simplen Provinzialstadt herabgesunken , die in der großen Welt der Politik und des Handels nicht weiter zählt . Indessen , trotzdem der Hafen versandet ist , die Wälle geschleift und von der ellendicken Stadtmauer nur noch Trümmer vorhanden sind , liegt auf der alten Hansestadt noch immer ein melancholischer Hauch ehemaliger Größe , der den sinnigen Wanderer anmuthet , wie den Gelehrten der Moderduft eines vergilbten Pergaments . So sehr sich auch die jetzigen Bewohner bemüht haben , ihrer Stadt ein möglichst triviales , nüchternes Aussehen zu geben - sie haben doch manche poetisch winklige Gasse nicht gerade machen können , manches alte Haus mit schmalem , hohem , reich verziertem Giebel stehen lassen müssen . Und über dem Gewirr der Straßen , Gassen und Gäßchen ragen die gewaltigen Thürme herrlicher Kathedralen , die für die jetzigen Verhältnisse Grünwalds viel zu prächtig sind , und des Abends , wenn man sich vom Meere her dem Hafen nähert , und der graue Wassernebel über das Ganze einen ahnungsvollen Schleier breitet , besonders aber in der Nacht , wenn sie ihren ehrwürdigen Schatten weit hin über die Stadt werfen , die im Mondenschein zu ihren Füßen schläft , die Illusion des Alterthümlichen vollkommen machen . Im Uebrigen ist Grünwald für die Provinz , in der es liegt , noch immer eine wichtige Stadt . Wenn seine Flagge auch nicht wie sonst auf allen Meeren weht , so wimmelt es doch zu allen Zeiten in seinem Hafen von kleineren Kauffahrteischiffen und Booten , und auf den Werften liegen stets mehrere Fahrzeuge auf dem Stapel . Wenn seine Mauer auch von den Kaiserlichen in Trümmer geschossen ist , und seine Wälle von den Franzosen geschleift sind , so ist es doch noch immer eine Festung , deren Commandant nicht ruhig schlafen würde , bevor nicht von allen Thorwachen der Rapport eingelaufen ist , daß » nichts Besonderes vorgefallen . « Wenn die Stadt auch ihre alten Privilegien verloren und die stolze Freiheit und Selbstständigkeit eingebüßt hat , so ist sie doch wiederum als intregrirender Theil eines großen Ganzen um manche Vortheile reicher geworden . Grünwald ist nicht nur die Garnisonsstadt für ein Bataillon Infanterie und ein halbes Regiment Artillerie , sondern auch der Sitz der Regierung des Bezirks , sowie eines höchsten Gerichtshofes , und vor Allem ist Grünwald , wie jeder weiß , eine Universität , wenn auch das Licht , das von diesem Musensitz ausstrahlt , nicht gerade weit in die Lande dringt . Ueberdies ist Grünwald die Residenz des in dieser Provinz und besonders in diesem Theile der Provinz so mächtigen , reich begüterten Adels . Wenn die Kornernten auf ihren weiten Feldern eingeheimst sind , wenn die Blätter von den Bäumen ihres Parkes wehen und die Krähen aus den entlaubten Wäldern in die Städte ziehen , dann kommen alle die Grafen und Barone und kleinen Herren drüben von der Insel und aus der Umgegend in ihren schwerfälligen , vierspännigen Staatscarossen zur Stadt gefahren und richten sich mit Kindern , Dienerschaft und Hauslehrern und Gouvernanten für den Winter ein in den stattlichen Häusern , die sie überall in der Stadt besitzen und die sich den Sommer über durch öde Schweigsamkeit , heruntergelassene Fenstervorhänge und das Gras , das zwischen den Steinen der Rampen in idyllischer Ruhe wuchs , vor den gewöhnlichen Häusern auszeichneten , die von ordinären , Steuer zahlenden , unprivilegirten , Sommer und Winter arbeitenden Menschen bewohnt sind . Dreizehntes Capitel Es ist Herbst . Die Thürme von Grünwald ragen aus dem Nebel , der aus dem Meere steigt , wie graue Riesen der Vorzeit , und um die grauen Riesenthürme flattern und schreien die Krähen und Dohlen , die aus den unwirthlichen Wäldern in die warme Stadt gezogen . Die Sonne ist bereits seit einer Stunde im Meere untergesunken . Der letzte blutrothe Streifen der schweren , tief ziehenden Wolken ist verblichen . In den Straßen der Stadt ist es still geworden , und der Laternenmann entzündet eine nach der andern die Oellampen , deren spärliches Licht nur dazu dient , den Nebel noch dichter und die Dunkelheit noch dunkler zu machen . Eben hat er vor dem Portale eines großen , massiven Hauses in einer der vornehmsten Straßen zwei besonders stattliche und helle Laternen angezündet , - zum ersten Male in diesem Jahre - ein Beweis , daß die hochadlige Familie , welcher dies Haus erb-und eigenthümlich gehört und die den Sommer stets und manchmal auch den Winter auf ihren Gütern zu verleben pflegt , erst seit heute ihre Residenz in der Stadt bezogen hat . Doch sind die nach der Straße blickenden Fenster des Hotels dunkel . Sie erhellen sich überhaupt selten , nur bei feierlichen Gelegenheiten , wenn die Familie eine der steifen Abendgesellschaften giebt , zu der selbstredend nur der Adel und von den Bürgerlichen höchstens die obersten Spitzen der Behörden geladen werden . Für gewöhnlich aber bleiben diese Prunkgemächer verschlossen , wie die hohen Säle und Zimmer auf dem Stammschlosse , und die Familie begnügt sich mit den weniger pomphaften Räumen , die nach dem Hof hinaus liegen und dem überaus bescheidenen , anspruchslosen Sinn der Herrin bei weitem mehr zusagen , besonders auch deshalb , weil diese Räume weniger schwer zu heizen und die Forsten des Grenwitzer Majorats nur für die lächerlich geringe Summe von jährlich zehntausend Thalern verpachtet sind . In einem dieser ( übrigens noch immer stattlichen ) Zimmer sitzt die Baronin Grenwitz auf dem Sopha an einem runden , teppichbedeckten Tische , auf dem zwei Wachskerzen brennen . Sie scheint seit den letzten acht Wochen um eben so viel Jahre gealtert . Ihre Stirn ist eckiger und schmaler geworden ; ihre Augen sind noch größer und noch um vieles starrer und unheimlicher als sonst . Ihr gegenüber in einem großen , weichgepolsterten Lehnstuhl lungert in einer halb liegenden Stellung ihr Neffe Felix . Der junge Mann trägt den rechten Arm in einer Binde und die krankhafte Blässe seines verwüsteten Gesichts contrastirt seltsam mit den , wie immer , sauber gescheitelten und gelockten Haaren und der , wie immer , überaus sorgfältigen Toilette . Zwischen den Beiden auf dem Tische sind Briefe und Papiere ausgestreut , die alle von derselben hübschen Hand geschrieben sind . Die Baronin und Felix scheinen so eben die Lectüre dieser Schriftstücke beendet und die Gedanken , welche durch dieselbe in ihnen erregt sind , noch nicht so weit gesammelt zu haben , um sie aussprechen zu können . Sie brüten schweigend über dem empfangenen Eindrucke , während der Pendel in der Rococouhr auf dem Kamine sein monotones Tictac durch die Stille des Zimmers ertönen läßt . Endlich unterbrach der junge Mann das Schweigen . Die Sache sieht ernsthafter aus , als wir Beide gedacht haben , sagte er , sich in seinem Lehnsessel in die Höhe richtend und das zuletzt gelesene Papier wiederum zur Hand nehmend . Ich glaube noch immer von all Dem kein Wort , erwiderte die Baronin . Das ist stark , liebe Tante ! trotzdem Sie die ganze miserable Geschichte schwarz auf weiß gelesen . In Timms Hand ! von Timms Hand ! was kann der Bube nicht Alles erfunden und zusammengeschrieben haben ! Sicher nichts , als was in den Originalen steht . Und weshalb schickt er uns nicht die Originale selbst ? Aber , verzeihen Sie , liebe Tante , diese Frage ist beinahe naiv . Uns die Originale ausliefern , das heißt : die Waffen , die er gegen uns in Händen hat , wäre ein Edelmuth oder ein Leichtsinn , den Sie einem so schlauen Fuchs , wie meinem guten Freunde Timm , doch unmöglich im Ernst zumuthen können . Daß er nicht entlarvt , sondern nur von uns überlistet oder überrumpelt zu werden fürchtet , beweist sein Anerbieten , die Originale jederzeit in Gegenwart eines unparteiischen Dritten unserer genauesten Prüfung zu unterwerfen . Nein , nein , liebe Tante , geben Sie sich keinen leeren Hoffnungen hin . Diese Briefe und Papiere existiren wirklich , darauf können Sie Gift nehmen . Was ? Ich meine , darauf können Sie sich verlassen . Ich meinerseits bin von der Verwandtschaft des Monsieur Stein mit der Familie der Grenwitz überzeugt , wie von meinem eigenen Dasein und hasse demzufolge den Menschen , wie man einen unbequemen Verwandten zu hassen pflegt , besonders wenn derselbe ein so naseweiser , eitler , aufgeblasener , impertinenter , verdammter Schuft ist , wie dieser Halunke von einem nichtsnutzigen Federfuchser . Diese Fluth von keineswegs salonfähigen Wörtern würde unter andern Umständen unzweifelhaft dem Ex-Lieutenant eine Zurechtweisung seiner hochmoralischen Tante zugezogen haben . In diesem Augenblick war die Dame mit wichtigeren Dingen beschäftigt . Aber bewiesen ist ja doch noch gar nichts , sagte sie mit halsstarriger Heftigkeit ; so lange die Identität dieses Menschen mit dem Kinde dieser Marie Montbert nicht durch unumstößliche Documente festgestellt ist . Die Möglichkeit , ja die Wahrscheinlichkeit der Sache zugegeben , so werden wir doch nicht für Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten Hunderte von Thalern wegwerfen sollen . Hunderte ? erwiderte Felix mit einer Art von verächtlichem Lächeln . Sagen Sie dreist Tausende ! So billig läßt uns Timm nicht aus seinen saubern Krallen . Das kann Ihr Ernst nicht sein , sagte die Baronin , ihre Augenbrauen in die Höhe ziehend . So weit kann und wird der Mensch seine Unverschämtheit nicht treiben . Nous verrons ; antwortete der Dandy lakonisch und ließ sich in seinen Lehnstuhl zurücksinken . Eine Pause in dem Gespräch der Mitschuldigen trat ein , die von Felix dazu benutzt wurde , die Nägel seiner Finger einer eingehenden Musterung zu unterwerfen , und von der Baronin , die auf dem Tisch zerstreuten Papiere nach den Nummern ( denn sie waren alle sorgfältig numerirt ) zusammenzulegen und zu ordnen . Der Herr bleibt lange , sagte die Baronin . Er spielt den Gleichgiltigen , erwiderte Felix . Ich kenne das von früher her . Wenn er vorgab , müde zu werden und nach Hause gehen zu wollen , konnte man sicher sein , daß er entschlossen war , die Bank zu sprengen . In diesem Augenblicke meldete ein Diener : Herr Geometer Timm wünscht seine Aufwartung zu machen . Lassen Sie ihn eintreten , sagte die Baronin , sich mit gewohnter Würde emporrichtend ; aber ihre Stimme war weniger fest als sonst . Bewahren Sie um Himmelswillen Ihre Ruhe , Tante ! sagte Felix in fliegender Eile , während der Diener Timm zu rufen ging . Sobald der Schuft merkt , daß unser Puls schneller geht , zieht er die Daumschrauben um eine Windung fester an . Ich bin vollkommen ruhig , erwiderte die Baronin , während die ungewöhnliche Röthe auf ihren Wangen und der schnelle Athem gerade das Gegentheil verkündeten . Eine halbe Minute gespannter Erwartung von Seiten der im Zimmer Befindlichen , und die Thür ging auf , und Herr Albert Timm trat mit leichten Schritten in das Zimmer . Seine Erscheinung war , abgesehen von seiner Toilette , die ein wenig städtischer und sorgfältiger schien , genau dieselbe , wie Anna-Marie sie noch vom Sommer her in der Erinnerung hatte : dieselbe weiße klare Stirn , dieselben hintenüberkämmten blonden Haare , dieselben frischen , rothen Backen , dasselbe übermüthige Lächeln auf dem hübschen glatten Gesicht . Wenn die Baronin ihren Liebling , trotzdem er sich so gar nicht verändert hatte , jetzt mit sehr anderen Augen ansah , so lag die Schuld offenbar auf ihrer Seite , und Herr Timm konnte dem kalten Empfang ohne Zweifel keinen Einfluß auf die Wärme seiner Begrüßung verstatten . Guten Abend , gnädige Frau ! guten Abend , Baron ! sagte Herr Timm mit seiner klaren , frischen Stimme , indem er Anna-Marie die ihm nur mit Widerstreben dargebotene Rechte küßte und Felix freundschaftlich die Linke ( die andere Hand lag in der Binde ) schüttelte . Freue mich ausnehmend , Sie so wohl und munter aussehend zu finden , Frau Baronin ; und was Sie angeht , Baron - na ! so kann man wenigstens sagen : den Umständen angemessen . Sie erlauben , daß ich Ihrem Beispiele folge - Und Herr Timm rückte einen von den schweren Lehnstühlen , die um den Tisch standen , heran , setzte sich hinein und schaute die Beiden mit Augen an , die , soweit man es durch die Brillengläser sehen konnte , vor Uebermuth oder Schadenfreude glitzerten . Höchst comfortable , fuhr er fort , die Füße von sich streckend und mit den flachen Händen auf die Lehnen klopfend . Und der Herr Baron ist noch auf Grenwitz geblieben ? muß jetzt verteufelt unheimlich sein in dem großen , alten , feuchten Kasten . Der Baron hatte noch einige nothwendige Geschäfte abzuwickeln , sagte die Baronin , um doch etwas zu sagen . Geschäfte ! rief Herr Timm . Wie kann sich nur Jemand , wie der Baron , dessen Geschäft doch offenbar darin besteht , keine Geschäfte zu haben , um Geschäfte bekümmern . Unbegreiflich ! Sie müssen das doch ganz gut begreifen können , Timm , sagte Felix ; ich wüßte sonst nicht , weshalb Sie sich in eine bewußte Angelegenheit gemischt hätten . Eine Angelegenheit ist kein Geschäft , replicirte Timm . Aber man macht manchmal eins daraus , sagte Felix . Zum Beispiel , wenn man von Juden Geld borgt und sie hernach , wenn ' s an das Bezahlen geht , auf Wucher verklagt , erwiderte Timm . Diese Reminiscenz aus Felix ' Cadettenleben war so wenig nach dem Geschmack des Ex-Lieutenants , daß er sich ungeduldig in seinem Stuhl herumwarf und mit hörbar gereiztem Ton sagte : Ich dächte , wir kämen endlich einmal zur Sache . Mit Vergnügen , sagte Herr Timm , seinen Stuhl um einige Zoll näher an den Tisch rückend , mit einer Miene , die seine Worte durchaus nicht Lügen strafte . Sie haben die Güte gehabt , begann Felix , während die Baronin mit gefurchter Stirn und gesenkten Augenlidern düster in ihren Schooß starrte , uns auf unseren Wunsch Copien von den bewußten Briefen und so weiter zu senden , die Sie unter den zurückgelassenen Acten Ihres verstorbenen Herrn Vaters gefunden haben wollen - Sie meinen : gefunden haben , Baron . Meinetwegen : gefunden haben . Wir können das zugeben ,